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Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170824
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VIII.

Der Herbst nahte heran, die Bäume begannen sich zu falben, die Wiesen waren abgemäht und die Zeitlosen schossen üppig aus dem grünen Teppich empor, die Halmen der Getreidefelder neigten ihre schweren Häupter und harrten den Schnittern entgegen, die hie und da den goldfarbigen Gottessegen schon in Garben banden; nur die Eichen und Fichtenwälder bewahrten noch ihr dunkles Grün, während das gelbe Laub der Buchen und des Ahorns eine dem Auge nicht mißfällige Schattirung hineinbrachte. Der Himmel nahm jenen metallischen Glanz an, der ihm zur Zeit der Herbstes eigenthümlich ist.

Kolbach bestellte seine wenigen Felder; der Acker hatte hundertfältige Frucht getragen, aber nicht die geringste Freude darüber ward auf seinem Antlitz sichtbar. Wie viel blieb ihm denn von der reichen Ernte übrig, wenn er die vom vorigen Jahre noch schuldigen Abgaben, die ihm der Graf aus besonderer Gnade gestundet, weil ein Hagelwetter die reifende Frucht zerschmettert, davon bestritt? Kaum genug, um bis zum nächsten Frühjahr seiner Familie Brot zu geben.

Heinz hatte dem Vater in der Arbeit beigestanden, jetzt aber ging er an der Seite des jungen Grafen, dem es beliebte, trotz des strengen Verbotes des Vaters, mit dem Bauernsohne Kurzweil zu treiben. Wir wissen bereits, das auch Kolbach diesen Umgang nicht mit freundlichen Augen ansah, und doch verbot ihm die Klugheit, sein Mißfallen darüber zu erkennen zu geben. Wenn er sich zuweilen aufrichtete, warf er einen finstern Blick auf die beiden Knaben. Er war es aber nicht allein, der mit Ungeduld dem Ende der kindischen Unterhaltung entgegensah, sondern auch der Knecht Gottschalk, Ernst's beständiger Begleiter, der die Rosse hielt, sehnte dieses Ende herbei. Nur die dringenden Bitten seines Schutzbefohlenen hatten ihn bewegen können, den strengen Befehlen des Grafen zuwiderzuhandeln.

»Du hast mir schon so oft versprochen,« sprach Heinz, »mich auf dein Schloß mitzunehmen; so thu' es doch endlich! Ich kann mir gar nicht denken, wie so prächtig es dort ist, aber es muß prächtig sein. Die großen schönen Hallen, von denen du mir erzählt, die blanken Harnische und Schwerter, der Wartthurm, von dem aus man so weit, weit in's Land sieht – das Alles möcht« ich einmal sehen!«

»Es kann nicht sein, Heinz!« entgegnete der junge Graf.

»Warum kann es nicht sein?« fragte jener dagegen.

»Weil – weil – schau', weil mir der Vater verboten hat, mit dir zu sprechen.«

»Warum denn?«

»Warum? Er sagt, du sei'st ein Bauernknabe und ich ein Grafensohn; das passe sich nicht zusammen.«

»Und du thust es doch?«

»Freilich! Er weiß es ja nicht!«

Heinz sah den Gespielen erstaunt an. »Aber du – du gehorchst dem Vater nicht« sprach er.

»Weil ich auch meinen Willen haben will!« entgegnete Ernst lachend. »Es macht mir Vergnügen, mit dir zu plaudern, und das lass' ich mir nicht wehren! Du bist wohl ein recht gehorsamer Sohn.«

»Der Vater will es auch nicht leiden, daß ich mit dir umgehe;« antwortete Heini offenherzig. »Aber das ist was Anderes, wir müssen gehorchen, wenn du oder dein Vater befiehlt.«

»Nicht leiden will er's?!« rief Ernst. »Ha, warum nicht?«

»Er sagt, ich sei ein Bauernsohn und du ein Grafenkind; das passe sich nicht zu einander!«

»Aber er weiß doch, daß wir zu befehlen haben!« fuhr der junge Graf fort. »Wie gut ist es, daß er's weiß! Ich will nun so, und dein Vater muß gehorchen! Du weißt nicht, wie schön es ist, nicht gehorchen zu müssen!« Heinz seufzte. »Ich darf also dein Grafenschloß nicht sehen?« fragte er nach einer Pause wieder.

»Nein!« entgegnete der Andere. »Es thut mir herzlich leid, aber es darf nicht sein! Ich hätte dir gerne gezeigt, wie schön es ist. Frag' nur den Gottschalk dort, der wird dir's sagen; er weiß alle Mährchen von der weisen Frau und dem Heinzelmann.«

»Wohnen die auch in deinem Schlosse?« fragte Heinz lebhaft. »Er weiß doch nicht so viel, als ich. Der ganze Wald dort ist voll von Nixen und Kobolden, und ich habe oft ihre feurigen Augen gesehen, wenn ich mit dem Vater zur Nachtzeit hindurch ging. Und ich weiß auch Alles ganz genau, wie sie verzaubert wurden; das hat mir der Hirt aus dem Dorfe erzählt.«

»Ei, so erzähle doch was!« drängte Ernst, indem er sich auf den Rasen warf. »Komm, setz' dich neben mich und erzähle mir so recht grauliche Geschichten.«

Heinz that nach dem Willen seines Gespielen und begann: »Sieh', da ist einmal ein böser Bube gewesen, so ein recht wilder Range, der Vater und Mutter nicht gehorchte. Er lag beständig im Walde, kletterte auf die Bäume, suchte die Vogelnester, nahm die Jungen heraus und riß ihnen die Köpfchen ab. Wenn nun die Alten ängstlich um den Baum flatterten und recht herzbrechend winselten und zwitscherten, da lachte er und warf mit Steinen nach ihnen. Der Vater grämte sich über den bösen Sohn und prophezeite ihm, Gott würde ihn dafür strafen. Aber der Junge kehrte sich nichts daran. Als er nun einstmals wieder einen Baum hinaufkletterte, wo ein Finke sein Nest gebaut hatte, da brach ein Ast, und der böse Bube stürzte herunter und blieb todt liegen. Seit jener Zeit nun sieht man's des Nachts an den Bäumen klettern mit ganz feurigen Augen, und es zwitschert ganz erbärmlich, daß es einen Stein erbarmen könnte. Das ist der böse Bube, der keine Ruhe im Grabe hat bis zum jüngsten Tag.«

»Glaubst du denn das?« fragte Ernst.

»Es ist gewiß wahr!« antwortete Heinz. »Es war auch einmal wieder ein frommer Knabe, der hatte seine Eltern lieb und Gott vor Augen. Aber er war arm und mußte betteln gehen. Nun traf sich's, daß er oftmals ganz allein durch den Wald gehen mußte; einst war er recht müde und hungrig, denn die Leute hatten ihm kein Brot gegeben, weil ein schlechtes Jahr gewesen war. Wie er nun in den Wald kam, fand er einen Strauch, der trug viel schöne rothe Beeren; er setzte sich daran nieder, aß einige und pflückte die andern, um sie seinen kleinen Geschwistern mitzubringen. Aus Müdigkeit war er aber eingeschlafen. Nicht lange dauerte et, da kam eine wunderschöne Frau und weckte ihn. Sie hatte Augen wie Kornblumen und Backen so schön roth, wie Aepfel. Die faßte ihn an der Hand und hieß ihn mit sich gehen. Der Knabe faßte ein Herz und ging mit der Frau. Sie kamen an einen großen, großen Dornbusch; die Frau berührte ihn aber kaum mit dem Finger, als er sich aus einander that, und sie gingen nun durch eine schöne grüne Halle, bis sie in einen Saal traten, der von Gold und edlen Gesteinen glänzte. Das war aber das Geringste. Das Schönste war ein kleines Mädchen, zu dem die Frau den Knaben führte. Er war gleich ganz vertraut mit ihm und sie spielten zusammen mit goldenem Spielzeuge, und der Knabe hatte lieber gar nicht mehr fort gemocht, wenn er nicht an Vater und Mutter gedacht hätte, die sich seinetwegen grämten. Die Frau sah's ihm an, faßte ihn an der Hand und führte ihn fort, indem sie ihn einlud, bald wiederzukommen und sie an der Hecke mit den schönen rothen Beeren zu erwarten. Wie der Knabe nun zu sich selbst kam, lag er noch an der Hecke und war eben aufgewacht. Seine Beeren trug er nach Hause und vertheilte sie an seine Geschwister; als diese sie essen wollten, waren es lauter blanke Geldstücke, worüber sich seine Eltern sehr verwunderten. Er erzählte Alles wie es ihm ergangen, und der Vater sagte: »Das hat der liebe Gott gethan!«

»Und ging er denn wieder in den Wald?« fragte Ernst.

»Freilich!« antwortete Heinz. »Er hatte lange gewartet und war endlich vor Ungeduld eingeschlafen; da kam die schöne Frau wieder und machte es wie das vorige Mal. Er spielte wieder mit dem kleinen Mädchen und als er wegging, schenkte sie ihm ein goldnes Kreuzlein. Die Beeren, die er sich gepflückt, trug er nach Hause und diesmal wurden es lauter Goldstücke. Das dritte Mal ging es ihm eben so. Er konnte sich von dem kleinen Mädchen fast gar nicht trennen, so schön war es, und auch die Spielsachen waren schöner als je. Wenn du doch nur das goldne Herzlein hättest! dachte er bei sich, und ehe er sich's versah, hatte es ihm der böse Feind angethan, und er steckte das Herzlein heimlich in die Tasche. Nun wollte er fort. Die Frau war heute nicht so freundlich, wie sonst, bat ihn auch nicht wiederzukommen. Er hätte gerne das Herzchen hergegeben, wenn er sich nicht geschämt hätte, denn er hatte den Diebstahl schon bereut. Als er nach Hause kam, wurden die Beeren nicht zu Goldstücken, sondern zu dürrem Laub, und als er das Herzchen sich besehen wollte, war's ein Stein. Er getraute sich nicht, zu gestehen, was er gethan hatte. Den andern Tag wartete er vergeblich im Walde; es kam keine schöne Frau, auch sah er nicht eine einzige Beere an dem Strauche. Traurig ging er nach Hause. Aber er sehnte sich gar sehr nach dem Mädchen und ging immer wieder in den Wald. Es half ihm Alles nichts; und als er eines Tages nicht nach Hause kam, suchte ihn der Vater und fand ihn todt. Er war vor Traurigkeit gestorben. Wenn man Nachts an jener Hecke vorbeigehe, sieht man den armen Knaben stehen und weinen.«

Auch der junge Graf war in die bunte Mährchenwelt versunken und hing an des Gespielen Munde, der denn auch unermüdet fortfuhr: »Kennst du die Erle, die an dem kleinen Teiche dort steht? Das ist kein Baum, wie andere Bäume, denn wenn man in die Rinde schneidet, so läuft Blut heraus. Das ist Niemand anders als eine verzauberte Gräfin, die über alle Maßen schön und stolz war, so daß sie gar keinen Mann nehmen wollte, und viel junge Grafen und Herren sich ihretwegen ein Leides anthaten. Aber die Strafe blieb der Stolzen nicht aus. Sie stand öfters an jenem Teich und besah ihre Schönheit, die sich in dem Wasser abspiegelte.

Dann war sie immer noch einmal so stolz, wenn sie gesehen hatte, wie schön sie eigentlich war; und als sie einstens so stand und sich wünschte, daß jede Wand ein Spiegel sein möchte, damit sie sich nur immer sähe, siehe, da wuchsen plötzlich Zweige aus ihren Schultern, und die schöne schlanke Gräfin wurde eine Erle und muß so lange verzaubert bleiben, bis der letzte Tropfen Wasser im Teiche vertrocknet.«

»Ei, Heinz wie wär' es, wenn wir die schöne Gräfin erlösten?« rief Ernst lebhaft. »Wir lassen den Teich ausschöpfen, daß auch kein Tröpfchen darin bleibt, und wenn dann der Baum sich in die Prinzessin verwandelt, so heirath' ich sie, wie ich's oft in Büchern gelesen habe.«

»Es ist aber gar nicht möglich, den Teich auszuschöpfen;« antwortete Heinz. »Das Wasser kommt hinein, man weiß nicht wie! Weißt du auch die Geschichte von dem bösen Johann?«

»Nein! Erzähle nur.«

»Das war ein Edelmann, sagt der Vater, der seine Bauern schindete und plagte; er ritt durch ihre Kornfelder, als wenn's zum Spaß wäre, und nahm ihnen den letzten Lappen, wenn sie nicht bezahlen konnten. Als er nun gestorben war, da wurde er von Gott verdammt, nächtlich eine Stunde auf feurigem Pferde zu reiten, so schnell als der Wind saust.«

»Aber Heinz, das ist nicht wahr!« entgegnete Ernst übermüthig. »Was gilt's, ich mach' es dem Johann nach und reite stracks durch das Kornfeld und fürchte nicht, daß ich nach meinem Tod noch reiten muß!«

»Du wirst doch nicht?« erwiederte Heinz.

»Gewiß wert' ich!« beharrte jener, durch den Widerspruch erhitzt. Im Nu war er bei Gottschalk, schwang sich auf sein Pferd und sprengte lachend in die wogende Aehrenfluth! Kolbach sah grimmig auf und wetterte einen Fluch hinter dem Reiter drein, Heinz weinte und bereute, daß er dem Gespielen die Mähr vom bösen Johann erzählt. Gottschalk war erst ungewiß, ob er folgen sollte, oder nicht, da er aber sah, daß es nur auf ein Spiel abgesehen sei, sah er lachend dem tollen Treiben seines jungen Herrn zu.

Endlich lenkte er sein schnaubendes Roß zurück, sprang herab und übergab es Gottschalk, der vergeblich an den Aufbruch mahnte. »Schau', Heinz, rief er lachend seinem Gespielen zu, nun hab' ich's gemacht, wie der böse Johann, und glaubst du denn, daß et mir ergehen werde, wie ihm? Pfui, was weinst du?«

»Junger Herr« sprach der Bauer, der sich genähert, mit verhaltenem Groll, bittet Gott, daß Ihr nicht einst umsonst nach der Speise hungert, die Ihr heute im Uebermuth zertreten, daß· Ihr nicht einst reiten müßt, da's Euch nicht lieb ist, und Ihr Eurem Pferde Flügel wünscht!«

»Bist du bös, Alter?« entgegnete Ernst. »Ich wollte deinem Buben nur beweisen, daß ich nicht Furcht habe; warum hat er mit widersprochen? Was ich dir zu Schanden geritten, will ich dir bezahlen, wenn ich wiederkomme, verlaß dich drauf!«

Kolbach ging grollend wieder an seine Arbeit, Heinz trocknete sich die Thränen und Ernst scherzte noch über den Vorfall, als die kleine Marie des Wegs kam und dem Vater einen Imbiß brachte. Der junge Graf sprang sogleich auf das Mädchen zu und wollte in kindischer Vertraulichkeit seinen Arm um ihren Nacken schlingen. Kaum aber hatte Heinz sein Vorhaben gesehen, als sein ganzes Wesen sich umzuwandeln schien. Er sprang hinzu und schleuderte den Arm des Gespielen nicht eben sanft zurück, indem er so die Schwester befreite.

Da wallte das Blut des Vaters in dem jungen Grafen auf; seine Stirn verfinsterte sich, zornig ballte er die Faust und mit dem Ruf: »Häßlicher Bauernjunge!« stürzte er sich auf Heinz los. Dieser wußte dem ersten Schlage geschickt auszuweichen, und ehe es zu einem neuen Angriff kam, hatten sich Kolbach und Gottschalk dazwischen geworfen.

»Ihr thätet besser,« sagte der Ersten, »dem Befehle Eures Herrn zu gehorchen. Ich weiß es, wie dieser Befehl lautet, und ruf ihn in Euer Gedächtniß zurück. Mein Sohn ist ein schlechter Gespiele für einen jungen Grafen. Ihr habt ja gesehen, daß er leicht den Respect vergißt. Er weiß es noch nicht, daß der Bauer den Rücken beugen muß, wenn's dem Herrn beliebt, ihn zu schlagen. Vielleicht wird er's noch lernen.«

»Diese Worte waren in einem höhnischen Tone gesprochen, und Gottschalk fand es für gut, seine ganze Ueberredungskunst aufzubieten, um den jungen Grafen zur Heimkehr zu bewegen. Dies gelang denn auch endlich, und beide Reiter sprengten davon. Kolbach sandte ihnen einen unheimlichen Blick nach; er war zum ersten Male stolz auf seinen Sohn und zog ihn liebkosend an seine Brust. Heinz stand wie träumend; er wußte nicht, wie ihm geschehen war. Hätte Ernst ihn geschlagen, er würde es geduldet haben, ohne die Hand zu erheben, aber die Schwester war sein besseres Selbst, und es war eine Art kindischer Eifersucht, die ihn alle Verhältnisse vergessen gemacht hatte. Heinz war sehr erstaunt über die Liebkosung des Vaters; er hatte eher Strafe gefürchtet und war ihrer schon in Demuth gewärtig gewesen. – Die kleine Marie hatte den ganzen Vorfall mit angesehen, ohne daß sie eines Wortes mächtig gewesen. Sie begriff den Ungestüm des Bruders nicht und zürnte ihm fast; im tiefsten Herzen aber war sie erbangt, als der junge Graf auf Heinz losstürzte; die Liebe zum Bruder erwachte mächtig in der kleinen Brust. –

Nicht lange Zeit verging, als abermals Hufschlag an das Ohr des Bauern tönte; er richtete sich auf und sah diesmal den Grafen selbst, der mit einem Knappen auf ihn zuritt. Kolbach entblößte ehrerbietig das Haupt und beugte sich vor dem gestrengen Lehnsherrn, dessen Antlitz eine Zornwolke verdunkelte.

»Du hast meinem Gebot zuwidergehandelt!« rief er mit harter Stimme. »War nicht mein Sohn so eben auf deinem Gehöfte?«

»Er war;« entgegnete der Bauer.

»Gebot ich dir nicht, nicht zu dulden, daß mein Sohn mit deinem Buben Umgang pflege?« fragte der Graf weiter.

»So ist es; doch zeigtet Ihr mir nicht den Weg, dem Willen des jungen Herrn Grafen entgegenzuhandeln;« antwortete Kolbach. »Er befahl, und ich bin zu sehr an Gehorsam gewöhnt, um einen Befehl nicht zu vollziehen. Ich murrte ja selbst nicht, als es Eurem Sohne beliebte, durch sein Roß die Ernte zerstampfen zu lassen, die zur Hälfte Euch gehört. Euren Theil hat zum Glück der Huf des klugen Thieres verschont, der meine liegt zertreten am Boden. Durch Hunger werden wir die Ehre theuer büßen müssen, deren uns Graf Ernst gewürdigt.«

»Er ist gerechte Strafe für deinen Ungehorsam!« grollte der Graf. »Du hättest deinen Buben fortschicken sollen, als du meinen Sohn von ferne sahst. Ich hätte gute Lust, dich und deinen Rangen zu züchtigen.«

»Ihr habt die Macht dazu, den Ungehorsam Eures Sohnes an uns zu strafen!« entgegnete der Bauer. »Thut es, es soll ja verdienstlich sein, für Andere zu leiden, wie viel mehr für den einzigen Sohn eines gnädigen Gebieters.«

Der Graf sah den Bauer mit finsterem Blick an; er erkannte den Sinn, der sich hinter diesen demüthig klingenden Worten verbarg. »Deine Rede athmet Trotz!« rief er. »Hüte dich meinen Zorn zu reizen! Ich bin meinem Sohne ein strenger Vater; er wird seiner Strafe nicht entgehen, aber ich will, daß auch du meine Befehle erfüllst.

»Fürchtet nichts!« sagte der Bauer darauf. »Ich will dem jungen Herrn in's Gedächtnis rufen, wie weit die Kluft zwischen dem Grafensohn und dem Bauernkinde, daß er sein edles Blut schändet, wenn er anders zu dem Gespielen seiner Kindheit spricht, als durch die Peitsche und wenn dies Alles nicht fruchtet, so will ich ihn demüthig bitten, daß er meine niedere Hütte verlasse. – Wie aber, Herr, wenn er sagt, ich habe kein Recht, ihn zu vertreiben, wo er der Gebieter sei?«

»Droh' ihm mit meinem Zorne, thue was du willst, ' nur hüte dich, daß mir ein gleicher Ungehorsam wieder zu Ohren komme!«

»Wenn Ich will ihm sagen, daß ich ihn an Euch verrathe; und will es nicht achten, daß er einst meines Sohnes Gebieter wird, wenn wie Beide nicht mehr sind, und daß er sich dann rächen kann für meinen Verrath! Und wenn er noch zögert, so will ich meine unwürdige Hand an ihn legen, und will ihn vor meine Hütte führen; und dann will ich Euch zu Füßen sinken und bekennen, daß ich gefrevelt an Eurem Blut, und Ihr mögt den frechen Knecht strafen, der Euer Gebot zu erfüllen strebt!«

»Tue so!«· entschied der Graf. »Tue so, wenn du nicht willst, daß ich dem Gelüste meines Sohnes steure, indem ich den deinen entferne!«

Kolbach beugte demüthig das Haupt. »Um eine Gnade bitt ich Euch,« sprach er; »sagt dies Alles dem jungen Herrn Grafen, ruft noch einmal den Stolz seines Blutes in ihm wach!« Vielleicht ist mir dann erspart, was ich nur als bittere Pflicht erfüllen würde. Ich will selbst die Entschädigung entbehren, die er mir für die Verwüstung dieses Feldes versprochen!«

Der Graf warf dem Bauer eine Münze zu, mit dem Bedeuten, er möge sie als Entschädigung betrachten. Kolbach dankte in den ehrerbietigsten Ausdrücken und versprach nochmals den unbedingtesten Gehorsam. Der Graf nickte und eilte mit seinem Begleiter davon. Als er aus seinem Gesichtskreis entschwunden war, richtete sich der Bauer hoch auf und lachte bitter und höhnisch.

»Ich habe deine Vollmacht, gestrenger Herr!« rief er· »Ich werde dir zeigen, daß mein Sohn zu gut ist, das Spielzeug eines gräflichen Knaben zu sein! In aller Demuth werd' ich ihn über meine Schwelle werfen, wenn es ihn nieder gelüstet, mir seine hohe Gegenwart zu schenken. Hahaha! Hüte dich selbst, du stolzer Graf, daß der verachtete Bauer nicht einst deiner spottet, wenn dir ein Gleiches geschieht! Meinen Sohn mir nehmen! Ha, wag' es doch! reize den Tiger, und er schlägt die Zähne in deine Glieder und dein edles Blut lecken die Hunde!«

Heinz erschrak vor diesem Ausbruche der Wuth. Der Vater riß ihn heftig an sich und drückte ihn an die Brust: »Dich mir nehmen?! Nimmermehr! Eher möge des Himmels Blitz uns Beide zerschmettern! Er soll es wagen! Lieber fließe sein Blut, oder das meine! Laß sie, mein Sohn! meide die junge Schlange, die schon trefflich die giftige Zunge zeigt, die sie vom Vater ererbt. Die bist von anderem Blute, als der übermüthige Grafensohn, und wer weiß es, in wessen Adern das edlere fließt! Wir wollen nichts gemein mit denen haben, die vom Schweiß unseres Angesichtes prassen. Nennt dich der Knabe auch seinen liebsten Freund, so wird sich der Mann seiner jugendlichen Thorheit schämen, und wird seinen Fuß nur härter auf deinen Nacken setzen. So lange du seinen Launen fröhnst, spielt er harmlos mit dir! Du hast gesehen, wie er dich schlagen wollte, als du dieser Laune widerstrebtest. Du sollst nicht mehr Umgang mit ihm pflegen, ich will es nicht!«

Heinz schlich furchtsam zu seiner Arbeit; Marie verstand von dem Allen wenig und mit unbefangenem Auge schaute sie darum dem Vater in das finstere Antlitz, bis vor dieser Kinderunschuld die Wolken von seiner Stirn flohen. Nur sie vermochte den wilden Sinn des Vaters unbewußt zu zähmen, und so war sie oft der Engel der Vermittelung in dem Hause, daraus der Frieden entwichen war.

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