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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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VII.

In einem freundlichen Erkerstübchen des Patricierhauses Herrn Perlet Probst's saßen zwei Frauen auf dem weichen Lotterbette in vertraulichem Gespräche. Beide aber waren so sehr an Jahren verschieden, daß man den blühenden Lenz neben dem blätterlosen Winter zu sehen vermeinen mochte. Die eine dieser Frauen war Mutter Mechtild, die Schwester des Patriciers. Ihr Wahnsinn, in welchem Zustande wir sie bereits kennen gelernt haben, war einem stillen Trübsinn gewichen, der nur in besonders aufgeregter Gemüthsstimmung ausartete. Sie trug auch heute ein dunkles Trauergewand, aber die ergrauten Haare flatterten nicht wild um ihre Schläfe, ihre Augen waren fast glanzlos und nur zuweilen durchleuchtete sie ein flüchtiger Strahl; auf ihren Zügen lagerte der schmerzliche Ernst der Resignation eines zu Grabe gegangenen Lebensglücks. Mutter Mechtild war lange in einem Kloster gewesen. Schon seit Jahren gemüthskrank, war sie in einem Ausbruch des Wahnsinns entflohen und hatte sich nach dem väterlichen Hause gewendet. Herr Probst hatte der Schwester ein Kämmerlein eingeräumt, wo sie von da an ein stilles, beschauliches Leben führte. Sie war meist einsam und nur die Gesellschaft des jungen Mädchens, das wir auch heute bei ihr finden, that ihr wohl. Wie Sonnenblicke leuchteten die Stunden in ihr ödes Leben, in denen sie die Erinnerungen ihrer eigenen Jugend heraufbeschwören und dem jugendlich heitern, doch für sie fremden Schmerz empfänglichen Gemüthe Magdalenens mittheilen konnte.

Magdalene trug die Rosen der Jugend auf den Wangen, das süße Geheimniß der Jungfräulichkeit in den blauen Augen und die Unschuld und Heiterkeit eines vom Hauch der Welt noch kaum berührten Gemüthes in dem züchtig verhüllten Busen. Auch sie ist uns im Laufe unsrer Erzählung schon begegnet, wenn auch nur flüchtig, wie ein bunter Falter, den wir im Drange wichtiger Ereignisse nicht zu haschen vermögen.

»O diese schöne Zeit der Jugend,« sagte Mutter Mechtild, »möge sie dir nie vorübergehen, liebe Magdalene! Ich meine nicht die Jugend dieses sterblichen Körpers, denn Rosen und Lilien welken bald; aber die Jugend der Seele, die nicht mit dem Körper vergeht, wenn die Menschen sie nicht zerstören. Du ahnest noch nicht, du liebes Kind, was ich meine, denn deine junge Seele hat noch keinen Schmerz empfunden.«

»Doch, doch! Ich denke mir's!« antwortete Magdalene.

»Als ich so jung war, wie du,« fuhr die Greisin fort, »da war ich auch noch wie die Lerche, die in den lichten Tag hineinjubelt und von Sorgen und Kümmerniß nichts weiß. Ich war ein munteres, rosiges Ding, so ein rechtes Weltkind; ich war des Vaters Liebling und die Mutter hätschelte mich und wiederholte mir oft, wie reich ich sei, und daß ich nur wählen dürfe unter den reichen Patriciersöhnen, und Jeder würde mich mit Freuden zum Altar führen. Ich aber lachte dessen, scherzte mit den Junkern, aber dachte nicht daran, mein Herz Einem zu eigen zu geben; denn trugen sie auch prächtiges Gewand und hatten feine Sitten, so klopfte mein Herz doch nicht lauter, wenn ich mit ihnen sprach. Wein Vater war ein stolzer Mann; er hatte wohl unter den Reichsten schon einen Eidam im Stillen gewählt und pries mir oft seine Tugenden, aber er liebte mich zu sehr, um mich zu einem Ehebunde zu zwingen, zu dem ich keine Neigung hatte. Ich gestand ihm offen, daß ich noch gar nicht freien wolle, und er schien damit zufrieden. Da schlug endlich die Stunde, die mir so viel Lust und so viel Jammer bereiten sollte!«

Sie seufzte tief auf und sah still zu Boden. Magdalene drückte theilnehmend ihre Hand; sie wußte, daß Mittheilung das Herz der Gemüthskranken erleichterte und bat sie, fortzufahren in der dem Mädchen schon so wohlbekannten Erzählung.

»Als ich einst,« begann die Mutter Mechtild wieder, »mit dem Gebetbüchlein zur Kirche ging und dort mich vor dem Bilde der gebenedeiten Gottesmutter auf die Kniee warf und für meine kleinen Sünden brünstig um Gnade flehte, da war es mir, als wende eine unsichtbare Hand mein Antlitz, und ich sah einen Jüngling unfern vor mit knieen, der so schön war, wie der heilige Johannes in meinem Gebetbüchlein. Ach, nun war meine Andacht hin; die gnadenreiche Jungfrau schien zürnend auf mich niederzuschauen, und doch konnt' ich das Antlitz nicht wegwenden von dem Jüngling. In meiner Seele war's, als sei plötzlich ein Schleier zerrissen und ein weiter Garten voll herrlicher Blumen und blühender Bäume breite sich vor mir aus, Nachtigallen sängen im Laube und der blaue Himmel umfange mich wie mit Engelsflügeln.«

Die Erinnerung an jene Stunde durchleuchtete ihr Auge mit einer jugendlichen Gluth, ein flüchtiges Roth zog über ihre bleichen Wangen und ihr Blick wandte sich nach dem Himmel träumend, in Verklärung. »Erzählt weiter, Mutter Mechtild!« bat die Jungfrau. »Jener Jüngling war –«

»Wer er war, erfuhr ich nicht;« antwortete die Greisin. »Was kümmerte dies auch mich? Als ich nun so anschaute, da traf mich sein Blick, und er erröthete bis unter die braunen Locken. Ich that, als betete ich recht eifrig, aber so sehr ich mir auch vornahm, nicht mehr sündige Gedanken zu hegen, ach! Ich konnte es nicht hindern, daß ihn mein Auge immer wieder suchte und fand. Und eben so mußt' es ihm ergehen, denn immer begegneten sich unsre Blicke, und er erröthete eben so oft, als ich das Blut mir in die Wangen dringen fühlte.

Ich erhob mich endlich und ging langsam aus der Kirche; ich wagte mich nicht mehr umzusehen, denn es wäre gewiß eine Versündigung gewesen. Als ich aber nun die Finger in das Weihwasser tauchte und das Zeichen des Kreuzes vor mich machte, da sah ich ihn wieder, wie er sich auch erhob und gehen wollte. Nun eilte ich hinaus, war eher kaum ein Paar Schritte gegangen, als er an meiner Seite war und mit mein Schweißtüchlein reichte, das ich verloren hatte. »Ich dank Euch, Junkherr!« sprach ich, und er ging. Er ging, aber ich konnt' ihn nicht vergessen!«

»War er denn in recht glänzender Junkertracht?« fragte Magdalene.

»Er trug das Gewand eines Studenten,« versetzte Mutter Mechtild, »und ein solcher war er auch, wie ich später erfuhr. Wo war denn meine Fröhlichkeit hin? Ich konnte nicht mehr lachen und scherzen bei dem Geplauder unsrer Junker, das mir immer mehr zuwider wurde. Ich verglich sie im Stillen alle mit dem unbekannten Jüngling, und sie waren ihm so wenig ähnlich wie die Distel der Rose. Es waren schöne Männer darunter, aber jener war doch ganz anders. Der Vater bemerkte mein stilles Wesen wohl und lächelte; ich glaube, er dachte, ich habe endlich unter den Patriciersöhnen gewählt. Wenn ich aber so in meinem stillen Closet saß, da kam mir das Bild jenes Jünglings nicht aus der Seele und ich seufzte oft und wünschte ihn wiederzusehen. Einstmals hörte ich Gesang einer sanften Männerstimme, und als ich den Blick erhob und lauschte, da sah ich ihn, meinem Fenster gegenüber – siehst du, dort drüben an jenem Fenster stand er, wo der Vogelkäfig hängt. Sollt' ich bleiben oder fliehen? Ich wußt' es nicht, und mein schwaches Herz beredete mich, zu bleiben. Er sang so himmlisch süß, und mir war es, als müsse sein Lied an mich gerichtet sein. Nun sah ich ihn täglich, fast stündlich, und mein Vater schalt mich, daß ich wie eine Nonne mich in meiner Zelle vergrabe. Er wußte ja nicht, das in diesem Grabe mir die schönsten Lebensblumen erblühten. – Bald darauf begegnete mir ein altes Mütterlein; sie redete mich an und ich wollte ihr eine Gabe reichen, weil ich sie für eine Bettlerin hielt. »Ich will nichts von Euch, aber Ihr sollt etwas haben von mir,« sagte sie und schob mir ein Brieflein zwischen die Finger. Ich ward roth, denn eine Ahnung sagte mir, welchen Schatz ich in der Hand hielt. Das Mütterchen war fort. Nun eilt' ich klopfenden Herzens auf mein Closet, öffnete das Brieflein und las es. »Schönstes Jungfräulein,« lautete er, »ich kann Euch nimmermehr vergessen, wie ich's auch anstelle. Wollet mir nicht zürnen, daß ich Euch liebe, Euch liebe, wie man keinen Menschen lieben soll. Habt Erbarmen mit meiner Sehnsucht und schenkt mir nur ein Wort. Könnt' ich Euch Aug' in's Auge sprechen, o wie viel hätt' ich Euch dann zu sagen! Weigert sich Euer Herz dessen nicht, o so sagt mir, wo ich Euch finde! In der ersten Abendstunde wird die Frau, die Euch dies Briefchen gab unter Eurem Fenster sein.« Und darunter stand der Name »Gottwald« geschrieben. O wie vielmal küßt' ich diesen Namen! Wie glücklich war ich! Rasch schrieb ich ein Brieflein, wie es mir die Liebe eingab. Ich wollte ihn in der Vesperstunde in der Kirche sehen, wo wir uns zuerst getroffen. Das Mütterlein stand richtig unter meinem Fenster, und ich warf das Brieflein hinab. Am andern Tage sah ich ihn, sprach ihn – was wir gesprochen, kann ich dir nicht mehr erzählen. Du liebst ja selbst und weißt, was die Liebe spricht!«

Magdalene erröthete und senkte das Köpfchen. Mutter Mechtild fuhr also fort: »Wir sprachen uns nun täglich, auch an andern verschwiegenen Orten. Wir lebten harmlos, als vermöge nichts unser Glück zu stören. Ich fragte nicht nach seinem Stand; was kümmerte dies die Liebe, und wär' er auch ein Bettler gewesen, so hätt' ich ihn doch lieben müssen. Ich ward nun wieder heiter, scherzte und lachte, daß mein Vater oft den Kopf schüttelte. Aber ach, meine Frömmigkeit war dahin! Hatte ich vorher oft um nichts gebeichtet, so ging ich nun gar nicht mehr zur Beichte, weil ich meine Liebe ja nicht verrathen durfte. Der Mann aber, den mir der Vater auserwählt, war der Freund meines Bruders, und dieser drängte mich oft mit ungestümen Worten, ich sollte der Werbung seines Freundes nachgeben. Ich weigerte mich, anfangs scherzend, dann ernst. Da bemerkt' ich wohl, wie Perlet einen Groll gegen mich trug und mich beobachtete auf allen Schritten; aber ich verfuhr immer so vorsichtig, daß sein Argwohn getäuscht wurde. Da suchte mich zum ersten Mai der Schmerz der Liebe heim. Ich fühlte die Frucht unsrer stillen Liebe unter meinem Herzen. O weiche qualvolle Stunden! Dahin war der Friede meiner Seele, dahin war die Ruhe meiner Nächte. Gottwald war zum Tod erschrocken, als ich das Geheimnis ihm offenbarte. Ich beschwor ihn, bei dem Vater um mich zu werben; er seufzte tief auf und ich fühlte seine Thränen auf meinen Wangen. Ach, ich hatte ihn zum letzten Mai gesehen! Der Vater rief mich vor sein Angesicht, ich zitterte, denn ich erwartete mein Urtheil. Wie finster war seine Stirn, das ich zu vergehen meinte! Ich sank nieder auf die Kniee und erhob stehend die Hände zu ihm. »Warum hast du mir das gethan?« rief er in bitterm Schmerz, und ich sah Thränen auf den Wangen des alten Mannes. Da kam der Bruder herzu und stieß mich mit Füßen, und an den Haaren schleifte er mich in eine finstre Zeile und fluchte mir, weil ich des Vaters Herz gebrochen. Ich war allein, ich warf mich aus mein Lager und weinte bitterlich. So blieb ich lange, lange Wochen und gebar endlich ein Mägdlein. Aber ich hab' es nur einmal von Angesicht gesehen; es ward mir geraubt, indem ich schlief, und all' mein Flehen rührte nicht des Bruders starkes Herz. Ich durchweinte die Tage, die Nächte, ich fluchte meinem Dasein, ich klagte Gott und den Himmel an und ward endlich still, ganz still. Der Born meiner Thränen war erschöpft, meine Brust war öde, selbst der Schmerz suchte mich nicht mehr heim. Schweigend duldete ich es, daß man mich in ein Kloster führte; mein Haar fiel unter der Scheere herzloser Nonnen, die enge Zelle nahm mich auf, ich war lebendig begraben!«

Thränen kräuselten aus ihren Augen; sie faltete die Hände und ihre Lippen bewegten sich wie im leisen Gebet. Magdalene war ergriffen, obgleich sie die Erzählung schon oft gehört; der tiefe Seelenschmerz der Unglücklichen offenbarte sich mehr in der eintönigen und doch so tief ergreifenden Weise des Vortrags, als in den Worten.

»O preise dich glücklich,« sagte Mutter Mechtild nach einer Weile, »daß deine Liebe wie ein frühlingsheitrer Garten vor dir liegt! Woldemar's Liebe braucht sich nicht in das Geheimniß der Nacht zu hüllen, kein strenger Vater, kein harter Bruder scheidet dich von ihm.«

Magdalene erröthete und sah gedankenvoll vor sich nieder. Warum seufzte sie, die doch im lichten Lenz der Jugend und der Liebe stand?

»Niemand wird Euch scheiden, als der Tod!« fuhr die Greisin fort. Magdalene schrak auf, als sei es eine Weissagung gewesen, Mechtild aber schien sich wenigstens dieser nicht bewußt zu sein. »Ich weiß nicht,« sprach sie weiter, »wie viel Jahre mir vergingen in Einsamkeit; mein Leben war erloschen, ich wandelte ohne Lächeln, ohne Empfindung unter den Schwestern. Ich hatte mein Unglück fast vergessen und antwortete auf keine Frage der Neugier oder der Theilnahme. Da hielten sie mich für wahnsinnig und flohen mich. Sie nannten mich wahnsinnig, grade da, als ich wieder zu denken begann, als die Erinnerung an meine Liebe, an mein Unglück wieder lebendig in mir ward. Ich sah Gottwald in seiner jugendlich herrlichen Gestalt, er winkte mir, er reichte mir den Brautkranz. Ich komme! rief ich, und das Grab that sich auf vor mir, ich wandelte, und als ich erwachte, befand ich mich im Vaterhaus. Und nun harr' ich des Bräutigams und bin bereit, ihm zu folgen. Er wird kommen, ja er wird kommen!«

Magdalene fühlte sich beängstigt, denn aus den letzten Worten der Greisin sprach wieder der Wahnsinn, der sich auch auf ihren eisig starrenden Zügen ausprägte. »Er wird kommen,« fuhr sie fort, »er wird die Braut heimholen nach so viel schmerzvollen Kummernächten. Er wandelt durch Blut, Blut dringt über diese Schwelle, aber sein Fuß bleibt rein und er führt mich davon, von dem Schauplatz des Entsetzens! komme bald, komme bald!« Sie sank zurück; ihre Augen hatten sich geschlossen, nur leise bebte der Athem über ihre Lippen, ihre Hände waren noch gefaltet. Magdalene wagte nicht, sie zu verlassen, so unheimlich das Gefühl auch war, das sie bedrängte. Sie bettete neben ihr nieder und lauschte ihren Athemzügen. –

Unterdeß hatte auch Herr Perlet Probst einen Leidenskelch zu kosten. Sein Auge haftete voll Bekümmerniß auf dem Sohne. »Du hast gesehen,« sprach er, »wie der tolle Pöbel das graue Haupt deines Vaters verhöhnte, und dennoch redest du ihm das Wort. Mit stolzem Bewußtsein schritt ich durch die lebende Masse, es schützte mich gegen ihren Spott. Aber eher hätt' ich auch erliegen mögen, als daß ich hören mußte, wie sie dir zujubelten. Erröthest du nicht in deiner Seele vor der Gunst, die sie gegen dich an den Tag legten, während sie deinen alten Vater verspotteten? Wenn ich mich da geschämt, so geschah es um deinetwillen, der sein Geschlecht verrathen, um die zweideutige Gunst eines wahnsinnigen Pöbels.«

»Das hab' ich nicht gethan!« antwortete Woldemar. »Ich verdiente jene Gunst, indem ich nicht hochmüthig herabsah auf die ärmeren Bürger, indem ich ihnen ein offenes Herz entgegentrug und innig Theil nahm an ihren Leiden und Beschwerden, an der Noth, die sie bedrückte.«

»Du sündigtest gegen die Obrigkeit,« versetzte der Vater streng, »als du Beschwerden gegen sie ein williges Ohr liehst! Fühlten sie sich bedrückt, warum legten sie ihre Kümmernis nicht dem Rath mit bescheidener Bitte vor? Statt dessen schmiedeten sie eine Waffe daraus, um ihr meuchlerisches Unternehmen zu vollbringen.«

»Ihr wißt es selbst nur zu wohl,« entgegnete jener bitter, »daß alle Beschwerden und Bitten ungehört verhallen. Ihr hieltet Euch sicher und unantastbar auf Eurer Höhe, und siehe! als das Volk dieser Höhe nicht mehr achtete, da war es zu spät für Verheißungen. Der Rath mußte fallen vor dem erwachten Selbstbewußtsein des Volkes.«

»Er stieg vom Stuhle, dessen Würde der rebellische Haufe befleckt!« sagte Herr Probst stolz.

»Weil ihm kein andres Mittel übrig blieb!« antwortete Woldemar fest. »Das Recht der Geburt nahm an diesem Tage sein Ende.«

»Thor!« versetzte der Vater. »Meinst du, der gäbe sein Recht auf, der der Gewalt weicht? Laß sehen, wie lange die Ewigkeit dieses Regimentes dauert, und ob die Verblendeten uns nicht demüthig bitten, was sie uns im Wahnwitz entrissen, wieder zu ergreifen. Diese Pöbelherrschaft, die von gestern ist, wird nicht mehr von morgen sein. Das Recht der Jahrhunderte wäre ja mit Füßen getreten, siegte das, was in dem Gehirne dieses tollen Propheten entsprungen.«

»Ihr schaut nur stets zurück und habt für die Gegenwart nicht Auge noch Ohr;« sagte der Jüngling. »Eine neue Zeit ist hereingebrochen, das Ansehen des Alten ist erschüttert. Was war ehrwürdiger durch das Recht der Jahrhunderte, als das Papstthum, und doch hat's ein geringer Mönch aus seinen Fugen gerissen. Aber nicht jener Mönch that's, sondern der Geist des Jahrhunderts, der die alten Ketten abschüttelt. Warum sollte die Zeit nicht auch das Joch der leiblichen Knechtschaft abschütteln können? Der Geist der Erhebung des Volkes war vorhanden, Münzer hat ihn eben so wenig geboren, als Luther die siegende Gewalt des Evangeliums. Und müßt Ihr Euch nicht dem Volke, das Ihr verachtet, beugen, indem Ihr freiwillig oder gezwungen Rechnung ablegt von Eurer Verwaltung?«

»Nimmermehr!« rief Herr Perlet »Ist unsre Rechnung vollendet, so wird dieses Regiment nicht mehr sein!«

»Wie?« entgegnete Woldemar und eine hohe Röthe flammte über sein Antlitz. »So sinnt Ihr Verrath gegen das Regiment, dem Ihr Treue geschworen?«

»Nicht diesen Eindringlingen, sondern der Stadt hab' ich Treue geschworen!« erwiederte der Greis. »Auch ist es nicht Verrath, wenn ich mein Gut dem Schiff nicht anvertrauen will, das schon der Sturm umbrandet.«

»O Gewissen, das sich ein bequemes Lotterbett sucht!« versetzte Woldemar bitter.

»Knabe, meistre nicht mit deinem jungen Verstand die Besonnenheit des erfahrenen Mannes!« rief Herr Probst streng. »Zu spät wird die Binde von deinen Augen fallen, wenn die Verachtung der Edlen auf dir ruht!«

»Und mögen sie mich verachten tausendmal,« rief der Jüngling begeistert, »so will ich doch meiner Ueberzeugung folgen, und diese führt mich zu dem Manne, dessen Größe Ihr in Eurem Herzen doch nicht leugnen könnt! Ja, verhehlt es nicht: weil Ihr ihn als gewaltig anerkennen müßt, darum haßt Ihr ihn! Sein Blick, die Wahrheit seines klaren, ernsten Wortes bezwang Euch, daß Ihr den Eid leistetet, den Ihr verweigern wolltet.«

»Es giebt zweierlei Gewalt,« antwortete der Vater nicht ohne Verlegenheit, »die Gewalt des Guten und die des Bösen, und diese ist oft mächtiger, als jene.«

»Seht doch sein Wirken an, ob's nicht beseelt ist vom ächten Geist des Christenthums!« fuhr Woldemar fort. »Er reißt die alten Säulen feudalistischer Gewalt und priesterlicher Macht nieder, aber er gründet auf den Trümmern einen neuen, schönern Tempel!«

»Verblendeter! Was er thut, stößt die Gesetze der ewigen Weltordnung um!«

»Wo sind die Gesetze geschrieben?« fragte der Sohn. »Auf bestaubten Pergamenten, aber nicht in der warmen Menschenbrust. Ich halte zu ihm und werde ausziehen unter seinem Panier!«

»Wahnsinniger, daß mein Fluch dich treffe!« rief der Greis entsetzt.

»Ihr könnt mir nicht fluchen!« entgegnete Woldemar. »Habt Ihr mir doch selbst das Recht des freien Willens gegeben. Dann wär' ich unwürdig unsres Geschlechts, wenn ich wie ein Knabe meine Ueberzeugung opferte.«

»Soll ich dich beweinen, wie einen Todten?« versetzte der Vater. »Das Brautbett winkt dir, und du willst dich in einen Kampf stürzen, der Verbrechen ist?«

Woldemar schüttelte mit trübem Ernst den Kopf. In diesem Augenblick hörte man lautes Jubelgeschrei, das näher und immer näher brauste. Pferdegetrapp, Wagenrasseln und Waffenklirren vereinten sich mit dem »Hurrah!« aus tausend Kehlen zu einem undurchdringlichen Getöse. Woldemar trat an's Fenster, um nach der Ursache zu forschen. »Ha!« rief er. »Pfeifer kehrt heim! Sie haben die Feudalhäuser leer gemacht und den faulen Mönchen das Nest ausgeleert.«

»Ist ihr Raubzug gelungen?« entgegnete der Vater mit geringschätzigem Lächeln. »Wahrlich, sie werden fein gegen die Mauern und Fledermäuse gefochten haben. Und du, mein Sohn, wolltest mit ihnen, wie ein Dieb auf den Raub ausziehen?«

Woldemar erröthete. »Helfe mir Gott!« rief er. »Ich werde ausziehen, wenn's einen Feind zu schlagen gilt!« Mit festem Schritt verließ er das Gemach, und Herr Perlet Probst seufzte aus bekümmerter Brust.

Der Jubel war unermeßlich, den der glückliche Erfolg von Pfeifer's erster Waffenthat hervorbrachte. Die dem Zuge beigewohnt, wurden als Sieger empfangen und geberdeten sich nicht wenig stolz im Gefühl ihres Werthes. Die Begeisterung war allgemein, und es hätte nur eines Winks bedurft, um die ganze Bevölkerung in die Waffen gegen die mit Schätzen gefüllten Edelhäuser und Klöster der Umgegend zu bringen. Noch lange zogen einzelne Gruppen singend und lachend durch die Straßen voll trunkenen Uebermuths.

Magdalene wollte von Mutter Mechtild in's väterliche Haus zurückkehren. Wohl hatte sie den Lärm vernommen, aber die Straßen schienen wieder still geworden zu sein, und sie meinte daher nichts mehr zu befürchten zu haben. Kaum aber war sie einige Schritte gegangen, als sie hinter sich wüstes Lachen hörte und sich alsbald von mehreren rohen Gesellen umringt sah, die ihr frech in's Gesicht blickten. »Das ist ja das hochmüthige Fräulein aus dem Ritter,« sagte der Eine. »Hast deinen Gesponsen besucht? Beim Daus, der Junker ist zu beneiden! Aber wenn er auch dabei wär', ein Küßchen müßt' ich doch haben!«

Die Jungfrau schrie laut auf, als der zudringliche Mensch sie umfassen wollte. Dieser aber hatte sein Vorhaben noch nicht ausgeführt, als er sich von einem kräftigen Arm zurückgeschoben fühlte. »Halt da!« rief es. »Die Jungfrau ist in meinem Schutz!«

»Holla, du übermüthiger Gesell, wessen erfrechst du dich?« rief jener wüthend, aber die Andern hielten ihn zurück. »Vergreif dich nicht an dem!« flüsterten sie ihm zu. »'S ist des Meister Thomas Schwager.«

Heinrich hatte höflich der Jungfrau seinen Arm geboten, den sie schüchtern annahm. »Wie soll ich Euch danken!« flüsterte sie.

»Ei, Jungfräulein,« entgegnete der Jüngling, »ich bin heut ein Ritter geworden, nachdem Ihr mich vor Jahren als zukünftigen Knappen gesehen. Erinnert Ihr Euch nicht mehr des armen Bauernjungen, mit dem Ihr einen freundlichen Scherz triebt, als er Euch in seiner kindischen Thorheit nach einem recht stattlichen Ritter fragte? Ihr habt mein wohl vergessen, ich hab' Euch aber alsbald wieder erkannt, als ich Euch am Fenster Eures Closets sah.«

Magdalene sah ihren Begleiter überrascht an und erröthete. »Ihr zürnt mir doch nicht?« fragte sie.

»Ihr habt mir ja Gutes gethan!« versetzte er. »Ach, wüßtet Ihr, mit wie schwerem Herzen ich damals ging! Ich wäre so gern um Euch geblieben, hätte Euch in Treue gedient! Wie freudig war ich erstaunt, als ich Euch wiedererkannte, denn ich wußte gar nicht, daß ich in der Stadt mich befand, wo ich Euer liebes Bild gesehen.«

Die Jungfrau senkte das Köpfchen. »Ihr werdet hier verweilen?« fragte sie leise.

»Ich habe mein Schwesterlein hier,« antwortete er, »und –« er unterbrach sich und fuhr fort: »Meister Thomas Münzer ist mein Schwager und ich habe zur christlichen Brüderschaft geschworen. Aber wie vielmal lieber ist mir nun der Aufenthalt hier geworden, so Ihr mir gestattet, daß ich Euch zuweilen, wenn auch nur aus der Ferne sehen darf.«

»Ich bin verlobte Braut!« flüsterte sie und setzte, da sie am Hause angekommen, hinzu: »Nehmt meinen herzlichen Dank und lebet wohl!«

Da stand nun der Arme und starrte das hohe Gebäude an, in dem sie verschwunden, und es war ihm, als zucke ein schmerzliches Wehe durch seine Brust. Traurig und seufzend ging er. –

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