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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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VI.

Heinrich's Ankunft in Mühlhausen hatte alle die halbschlummernden Rachegeister in Pfeifer's Brust erweckt. Sein persönlicher Haß erhielt wieder die Oberhand über den allgemeinen gegen die Feinde der Freiheit, und dieser Haß ließ ihn nicht länger rasten, sondern trieb ihn, den Kampf zu beginnen, den Münzer bisher immer hinausgeschoben.

»Noch ist die Zeit nicht gekommen,« antwortete Münzer, als Pfeifer sein Anliegen vorbrachte.

»Und warum nicht?« entgegnete Pfeifer heftig. »Alle Gemeinden stehen auf, in den Städten ist das Volk bereit, uns die Thore zu öffnen; sollen wir zaghaft hinterm Berg halten, wo ein kühner Schritt und zu Herren des Landes machen würde?«

»Die Ernte ist reif, aber die Schnitter sind noch nicht bereit;« versetzte Münzer. »Wir haben eine große Sache vorgenommen und wollen sie nicht thörigt auf's Spiel setzen. Die einzelnen Gemeinden mögen sich üben im Kampf durch das Brechen der Herrenhäuser, sie bedürfen es, die bisher nur den Pflug geführt. Ihr Beispiel wird Nachahmung erwecken. Unterdessen fällt Würzburg, sammeln sich die fränkischen Haufen und brechen über Thüringen herein; dann sind wir stark genug, den Feind in offner Feldschlacht zu besiegen.«

»Wir müßten uns fürwahr schämen, hielten wir uns versteckt, wie die Mäuse;« beharrte Pfeifer. »Wir, die die Flamme angeblasen, sollen nun ruhig zusehen, wie es allenthalben brennt, und sollen Andern das Schüren überlassen. Hei, werden die sagen, warum fährt er nicht daher mit flammenden Rossen, wie er verheißen? Er hat sich ein Lotterbettlein zurecht gemacht, und es ruht sich besser auf weichem Pfühl, in eines Weibes Arm, als unter Schwerterklang.«

»Ich kenne die Furcht nicht!« sagte Münzer stolz. »Hätte mein Herz zu sprechen, so zög' ich zur Stunde aus mit Roß und Mann; ein Feldherr aber muß mehr dem Verstande folgen, als dem Herzen. Ich würde für meine Thüringer zittern, müßt' ich sie jetzt dem Feinde entgegenstellen; sie haben den Kampf noch nicht gesehen. Unsere Geschühe sind noch nicht vollendet und das Pulver ist noch nicht aus Nürnberg gekommen. An einer Stunde kann die Entscheidung hängen, ein Sieg macht uns zu Herren, eine Niederlage zu Knechten; wir dürfen nicht leichtsinnig die Würfel werfen.«

»Du schlägst den Muth des Volkes nieder, wenn du immer sagst, die Zeit ist noch nicht da!« antwortete Pfeifer. »Die Flamme der Begeisterung wird erlöschen, wenn du sie zu zügeln suchst. Sie hören davon, was andre Haufen vollbracht, und murren, daß sie selbst noch nichts gethan. Gieb ein Beispiel, und das ganze Land strömt dir zu; die einzelnen Gemeinden können geschlagen werden, vereint wird uns Niemand bezwingen.«

»Die Berggesellen sind noch nicht auf!« versetzte Münzer. »Es sind tüchtige Kämpen, deren wir nicht verlustig gehen sollen.«

»Gieb das Beispiel, und sie werden aufstehen!« drängte Pfeifer. »Das Volk murrt über dein Zaudern. In den Herrenhäusern giebt es reiche Beute, sie wird den Schatz vergrößerte, der von Tag zu Tage schmilzt. Schon ist der Müßiggang Herr geworden und die Unzufriedenheit rege; zögerst du länger, so wird das Volk dir nicht mehr gehorchen!«

»Wie?« rief Münzer. »Nicht mehr gehorchen, weil ich eine große Sache nicht leichtsinnig auf's Spiel setzen will? Ich will es zwingen zum Guten, so es nicht anders sein kann!«

»Es wird dein Verderben sein!« warnte Pfeifer. »Ich bitte dich, zaudre nicht länger! Zieh' aus mit Heeresmacht; laß deine Zaghaftigkeit nicht Herr sein über deinen Muth!«

»Ich will mein Volk nicht umsonst zur Schlachtbank führen!« beharrte Münzer. »Ist Würzburg gefallen, dann mag der Kampf beginnen!«

»Wohlan, so eröffne ich den Kampf und handle gegen dich selbst, willst du mich hindern!« rief Pfeifer.

»Und du meinst, daß eine einzige Hund für dich gegen mich sich erhebe?« fragte Münzer stolz.

»Nicht Eine, aber Tausende!« erwiederte Pfeifer. »Laß es nicht dahin kommen! Noch glaubt das Volk an deine Sendung, eine kleine Weile, und es wird dir nicht mehr glauben!«

»Sie sollten gegen mich handeln, der ich Blut und Leben für sie opfern würde?« rief Münzer. »Der ich meine Sehnsucht nach dem Kampfe bändige aus Liebe zu ihnen? Nein, nein! Sie werden keine andre Stimme hören, als die meine!«

»Vertraue nicht darauf!« warnte Pfeifer. »Ich will dir beweisen, daß Tausende zu mir stehen, wenn ich zum Kampfe rufe, und dann setze dein Ansehen nicht auf das Spiel, um sie zurückzuhalten. Sie werden dir nicht mehr gehorchen!«

»Wohlan, ist's wie du sagst, dann ziehe hin!« antwortete Münzer. Er baute auf den mächtigen Einfluß, den er auf die Gemüther übte, und da seine Meinung, daß es noch nicht Zeit zum offnen Kampfe sei, bekannt war, so würde Pfeifer's Bemühung vergeblich sein, dieser Meinung entgegenzuhandeln. Münzer sollte ein unsichtbarer Zeuge von Pfeifer's Anrede an's Volk und von ihrem Erfolge sein. Pfeffer ging im Triumph gewisser Siegeshoffnung und Münzer folgte ihm, mit eben so fester Ueberzeugung, daß er, wenn auch unsichtbar; siegen werde. Das leise Murren, das sich bereits im Volke über sein Zaudern regte, hatte er nicht vernommen; er wußte nicht, daß die Begeisterung für ihn schon nicht mehr in ihrem ursprünglichen vollen Glanze strahlte.

Eine große Volksmenge hatte sich um Pfeifer gesammelt, der auf einem Ecksteine stand und in der Verzückung eines Gottbegeisterten sprach. »Wie lange wollt Ihr träumen und still liegen,« rief er, »da es doch heller Tag ist? Seid Ihr gar so zaghaft, daß Ihr an Weib und Kindern hängt und das Evangelium vergeblich warten laßt? Andre ernten, wo Ihr erst gesäet habt! Ihr werdet die Zeit der Ernte verpassen, und siehe, wenn Ihr kommt, werden die Aehren ausgeschüttelt sein! Es ist die beste Zeit! Die Junker haben sich in ihren Schlössern verkrochen, wir müssen sie aufjagen, daß sie nicht meinen, es sei nur eitel Spaß! Ich hatte ein Traumgesicht, und der Herr sprach zu mir: Das ist mein Gebot! In einem glänzenden Harnisch sah ich mich, in einer Scheune und um mich her war ein gewaltiger Haufen Mäuse. Da zog ich mein Schwert und schlug unter sie, und sie liefen alle davon. Und der Geist sagte zu mir, du sollst die Mäuse vertreiben, das sind die Junker, aus der Scheune, das ist das Thüringer Land und das Eichsfeld, und sollst das Korn nehmen aus ihren Nestern und sollst es theilen unter dein Volk! Auf, auf! Holet Spieße und Stangen! Schlagt zu auf die Mäuse, die den Armen das Korn fressen! Schlagt zu, sag' ich! Ich will vor Euch herziehen in Flammen, spricht der Herr! Zögert nicht länger, denn die Zeit ist da! Wer mit mir ist, der hebe die Hand auf!«

Und alle Hände streckten sich empor, und jubelnd eilte das Volk nach seinen Häusern, um sich zu waffnen für den Kriegszug. Triumphirenden Blicks trat nun Pfeifer wieder vor Münzer. »Erlaubst du mir nun auszuziehen? fragte er.

»Ich wehre dir's nicht mehr!« antwortete Münzer traurig. Ein tiefer Schmerz zuckte durch seine Seele, und zum ersten Mal überkam ihm ein Zweifel an dem Gelingen seines großen Unternehmens. Er fühlte sich nicht mehr sicher auf dem Boden, wo er stand, seitdem er gesehen hatte, daß die wandelbare Volksgunst gegen ihn wankte. Mit weiser Vorsicht hatte er bisher gehandelt; nun zerriß der Ungestüm seines bisherigen Verbündeten, der dem Meister die Kunst, aus das Volk zu wirken, trefflich abgesehen, all' seine reiflich bedachten Pläne. Seine Kühnheit, sein hohes Selbstvertrauen, das ihn bisher so gewaltig gemacht, wankten, indem er sah, wie das Volk sich von jedem Eindrucke leiten ließ gegen das Bessere. Er war der Prophet nicht mehr, der einherschritt im Hochgefühl seiner Kraft, seine Aussprüche wurzelten nicht mehr aus dem Boden fester Ueberzeugung sie wurden schwankend, geschraubt; man sah ihnen die fiebernde Aufregung an, die nach stärkeren Reizmitteln greift, weil sie der gesunden Kraft nicht mehr vertraut. Der heitere Ernst, der ihn bisher bei allen Handlungen beseelt, wich einer düstern Schwermuth; der Blick seiner Augen ward unstät, weil er überall Auflehnung gegen seinen Willen besorgte, weil er den Glauben an seine Sendung im Volk erschüttert wähnte. Er ahnte dunkel, daß der Wendepunkt seines Schicksals gekommen. Aber darum kam ihm der Gedanke nicht, die Sache, die er angefangen, zu verlassen; er war ein zu starker Charakter, um sich von der Zaghaftigkeit hinreißen zu lassen. Als der erste üble Eindruck verwischt war, als er sah, daß ihm das Volk noch mit Begeisterung anhing, da nahm er alle Kraft zusammen, um das veränderte Spiel doch noch zu gewinnen. Es mußte nun in allen Dingen rasch gehandelt werden, um den üblen Folgen vorzubeugen, welche der Eingriff in seinen Plan nach sich ziehen konnte. Er ließ energische Aufforderungen an die noch unentschiedenen Bauernschaften ausgehen, drängte die fränkischen Haufen, die Eroberung von Würzburg zu beschleunigen und sich nach Thüringen Bahn zu brechen. Die Waffenübungen wurden fleißiger betrieben; die Stückgießer im Barfüßerkloster mußten früh und spät an ihrem Tagewerke sein. All' diese Beschäftigungen, denen er sich mit rastloser Energie hingab, schienen ihn wieder zu der vorigen Kraft seines Selbstvertrauens, seiner Zuversicht zu erheben.

Die streitlustigen Bürger Mühlhausens hatten sich auf dem Markte versammelt, zu Roß und zu Fuß, bewaffnet mit Büchsen und Hellebarten, wie jeder vermochte. Es galt einen lustigen Streifzug durch die gesegneten Gauen des Thüringer Landes, die von Herrenschlössern und reichen Klöstern übersäet waren. Und da man auf unermeßliche Beute zählen konnte, so nahm man Wagen mit, um sie aufzuladen und mitzuführen. Man dachte nicht an Gefahr, und deswegen war der Abschied der Männer von den Ihrigen nur kurz; es schien mehr, als ziehe man zu einem lustigen Fest, als zu Kampf und Zerstörung, so groß war der Jubel, mit dem man sich zu dem Zuge rüstete.

Pfeifer saß hoch zu Roß, in glänzendem Harnisch, mit fliegendem Heimbusch, an der Hüfte ein mächtiges Schwert. Sein Auge blickte stolz auf die Menge, die er zum Werke der Rache führte. Auf und ab ritt er durch die Reihen und feuerte sie an durch Zuruf und Verheißungen, die ihm der Geist geoffenbart Und nun erschien Münzer im wallenden Prophetenmantel, ernst und bleich, gefolgt von einem Fähnlein seiner Leibwache. Das Volk jauchzte ihm zu, aber das freundliche Lächeln, das diese Begrüßungen sonst aus sein Antlitz riefen, wollte sich heute nicht zeigen. Er winkte mit der Hand, die Häupter entblößten sich, Alles schwieg. Nun sprach er den Segen über die kampffertige Schaar, ermahnte sie zum Muth, zur Ausdauer; sie sollten sich nicht täuschen lassen durch eitle Versprechungen; wer nicht mit ihnen sein wolle, den sollten sie betrachten, als sei er gegen sie, und kein Erbarmen haben mit ihm; gegen den Wehrlosen sollten sie menschlich verfahren. und nicht unnütz Blut vergießen, wo es die Pflicht der Selbsterhaltung nicht fordere. Ein gefangener Feind sei oft mehr werth, als ein todter. »Und nun ziehet hin,« schloß er, »schont Euer Blut nicht für das wahre Evangelium und breitet das Reich der christlichen Freiheit aus, so weit Ihr könnet. Der Herr sei mit Euch und segne Euch!«

Unter Jubel und Musik verließ der Zug die Stadt, und bald bezeichneten brennende Burgen und Klöster seinen Weg, während er von dem Zuströmen der Bauernschaften größer und größer wurde, wie die Lawine, die sich verderbenschwanger in die Thäler wälzt. Münzer aber verschloß sich in sein Gemach und überließ sich seinen brütenden Gedanken.

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