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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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V.

»Das ist nun das herrliche Leben, das du wir versprochen hast, das ist das Land, wo uns die gebratenen Tauben in's Maul fliegen sollten!« eiferte Meister Krump's Hausfrau und stand wie eine Löwin auf dem Sprunge, die ausschweifende Phantasie an dem Gemahl zu bestrafen. »Verließen wir darum unser Allstett, um hier wieder Trübsal nach Noten zu blasen?«

»Aber was fehlt uns denn?« warf Krump bescheiden ein.

»Was uns fehlt? Nun seh' mir Einer! O ich unglückliche Frau! In's Unglück hast du mich gebracht, und nun fragt der Pinsel, was wie fehlt!«

»Wir kriegen Brot und Kleidung. Alles war wir bedürfen;« versetzte Krump.

»Wie Bettler, ja!« keifte die Frau. »Wo sind die hohen Aemter, die dir versprochen waren? Nicht einmal in den Rath bist du gekommen, und Münzer ist doch dein guter Freund.«

»Rom ist auch nicht in einem Tag gebaut worden!« tröstete Krump. »Das neue christliche Reich ist kaum angegangen; das ist nur, so zu sagen, ein Vorspiel davon. Sei nur ruhig, Frau! Du wirst mich noch als was Rechtes sehen.«

»Als einen rechten Tagedieb seh' ich dich alle Tag'!« antwortete sie. »Dummkopf! Wo's was zu fischen giebt, da steht er von ferne, wie Petrus.«

»Was hätt' es mir nun geholfen?« versetzte der Meister. »Ich hätte doch Alles wieder hergeben müssen.«

»Hergeben müssen? Mit meinem Wissen und Willen nicht!« rief die Frau. »Weil Ihr Schwachköpfe seid, Memmen, die sich einschüchtern lassen durch ein hartes Wort!«

»Da hilft kein Leugnen,« sagte Krump. »Münzer sieht dir in's Herz!«

»Dummer Schnack!« murrte sie. »Haben wir doch in Allstett nichts davon gehört.«

»Ich könnte dir hundert Geschichten erzählen!« beharrte Krump. »Gott unterhält sich oft stundenlang mit ihm und giebt ihm ein, was er predigen soll. Daher kommt der Zulauf, und daß er die Leute all' am Schnürchen hat. Er darf nur winken, und Zehntausend sind gleich mit Spieß und Stangen aus, die Schlösser und Klöster abzuthun. Ja, sie lechzen ordentlich danach. Dann giebt's Beute, Frau, wenn wir den Pfaffen über die Fleischtopfe gerathen! Aber wenn auch das Alles nicht wäre, so weiß ich doch noch etwas, das uns zu reichen und vornehmen Leuten macht!« fügte er geheimnisvoll hinzu.

»Und was denn, wenn man fragen darf?« spöttelte die Frau.

»Fragen darfst du, aber antworten darf ich nicht!« entgegnete Krump.

»Mir nicht antworten?« eiferte sie. »Heimlichkeiten hinter meinem Rücken? Das wär' das Letzte! Ich muß Alles wissen, was im Hause vorgeht; merk dir das! Und nun heraus mit der Farbe!«

»Geht nicht, Schatz!« versetzte Krump mit ungewöhnlicher Festigkeit. »Weiber sind schwatzhaft; ein Geheimnis drückt sie stets so lang auf dem Herzen, bis sie's los sind. Du machst keine Ausnahme von der Regel.«

»Bin ich eine Plaudertasche, he?« rief die erzürnte Frau. »Halte nur hinter'm Berg! Es mag was Schönes sein, das du mir nicht anvertrauen willst! Aber ich muß es wissen! Hörst du? Heraus mit der Sprache!«

Der gequälte Ehemann kratzte sich verlegen hinter den Ohren, als ein Besuch seiner Prüfung ein Ende machte. Es war Rabe, der seine Lumpen gegen einen sauberen Anzug vertauscht hatte. Krump heuchelte Heiterkeit; die Frau aber war mürrisch, und das Gewitter des ehelichen Himmels zog sich auf ihrer Stirn noch in trüben Wolken zusammen. Rabe bemerkte dies und lächelte verschmitzt. »Es thut mir leid, daß ich Euch unterbrochen habe;« sprach er leise zu ihm. »Ich kam nur, zu fragen, ob's dabei bleibt – heute Abend?«

»Stellt Euch nur pünctlich ein!« antwortete Krump ebenfalls leise.

Dies Zwiegespräch erboste die gute Frau so, daß sie wie eine Hyäne zwischen die beiden Männer fuhr und mit keifender Stimme rief: »Ich leid' ein für allemal die Heimlichkeiten nicht! Was giebt's? Was habt Ihr zu munkeln? Heraus damit! Ich will's wissen!«

»Ich theilte meinem Freund die einfache Bemerkung mit, daß Ihr heute sehr angegriffen ausseht!« antwortete Rabe gleichmüthig.

»Angegriffen? Ich? Was geht's Euch an, wenn's wahr ist! Der Teufel ist Euer Freund! Schlechte Gesellschaft verdirbt gute Sitten!«

»Gott stärk' Euch!« lachte Rabe dem geplagten Ehemann zu und verließ das Paar. Krump bot aber heute allen Angriffen Trotz; er bewahrte standhaft sein Geheimniß, in der guten Hoffnung, daß er bald den Schleier davon ziehen und die ungeduldige Frau mit ungeahntem Glanze werde blenden können.

Es war gegen Mitternacht, als sich Krump von der Seite seines zweiten Ich's leise erhob und vorsichtig aus dem Gemach schlüpfte, in den Hausflur hinunter. Er schob den Riegel von der Hausthür zurück und eine Gestalt schlüpfte herein. »Tretet leise auf,« flüsterte Krump, »damit meine Frau nicht wach wird; sie ist sonst ein herzensgutes Geschöpf, aber neugierig wie alle Weiber.«

Sie stiegen die Treppe wieder hinan und Krump führte seinen nächtlichen Gast durch einen schmalen Gang, an dessen Ende er eine Thür öffnete, die in eine dunkle räucherige Kammer führte. Dann zündete er eine Lampe an, die ein spärliches Licht um sich verbreitete. Es schien eine Rumpelkammer zu sein, so viel altes Geräth von verschiedenster Art lag über und durch einander. Krump baute einen kleinen Heerd von Backsteinen zurecht, legte ein Blech darauf und schürte ein Kohlenfeuer an. »Ich hoffe, wir kommen heut zu Rand,« sprach er, während er mehrere alte Retorten zuwege suchte, verschiedene Gegenstande hineinwarf und sie über die Gluth setzte. Eine kleine Phiole, mit einer rothen Flüssigkeit gefüllt, hielt er in der Hand. »Heute muß sich der Lichtblick zeigen; ist das geschehen, dann ist das Uebrige Kinderspiel, und morgen haben wir den Purpurstaub, der uns zu Königen der Welt macht.«

»'S ist auch Zeit!« brummte Rabe. »Ihr habt ja den ganzen Kram eingebrockt!«

»Ein Samenkorn, das tausendfältige Frucht trägt!« erwiederte Krump. »Rührt nur schweigend mit diesem eisernen Zinken den Metallbrei; wenn er Blasen wirft, so schüttet Ihr die Goldtinctur hinein, ich lese dabei die Beschwörung.«

Rabe rührte in der Retorte; Krump brachte ein großes altes Buch zuwege, schlug es auf, rückte die Lampe sich zurecht und las, als ihm Rabe ein Zeichen gegeben, daß die Masse in flüssigen Zustand zu gerathen anfange, die Beschwörungsformel. Sie lautete schauerlich genug in dem Halbdunkel des abenteuerlichen Gemachs. Eben hatte Krump den Schlußsatz vollendet, als Rabe die rothe Flüssigkeit in die geschmolzene Masse goß. Diese zischte laut auf, ein dicker Qualen wirbelte aus der Retorte empor und hüllte bald das ganze Gemach in einen undurchdringlichen Nebel. Mit Gewalt wurde jetzt die Thür geöffnet, eine dritte Person trat geräuschvoll herein und schien um sich zu schlagen, blindlings, wohin sie traf. Es polterte unter den Retorten, die Kohlen sprangen umher und die Alchymisten selbst fühlten sich getroffen von unsichtbarer Faust. Krump war auf die Kniee gesunken und betete in seiner Herzensangst Stoßseufzer zu allen Heiligen. Selbst der beherzte Rabe zitterte und zagte, und wagte nicht aufzublicken, denn gewiß war es der mächtige Fürst der Sonne, der gewaltige Och, den Krump beschworen.

Der Luftzug, den die geöffnete Thür veranlaßte, hatte den Nebel zwar zerstreut, aber auch die Lampe verlöscht, so daß die vollkommenste Dunkelheit herrschte, durch welche die aus einander geworfenen Kohlen nur wie rothe Sterne schimmerten. Krump glaubte schon das Ende seiner Tage gekommen, als ihn die wohlbekannte Stimme seiner theuern Ehehälfte der Täuschung entriß. »Was treibt Ihr hier?« keiferte die Frau, als sie des thätlichen Wüthens müde war. »Was geht hier vor? Antwort, ich will es wissen!«

Rabe erhob sich schimpfend und grollend. »Dacht' ich's doch!« brummte er. »Wenn der Teufel nicht selbst kommen kann, schickt er ein altes Weib!«

Krump rieb sich seinen zerschlagenen Kopf und erhob sich, in der aufrichtigen Absicht, einen ernsten Strafsermon zu halten, indem er zugleich die Lampe an einer der noch nicht erloschenen Kohlen anzuzünden sich bemühte. Als ihm dies gelungen war, übersah er mit Entsetzen das Werk der Zerstörung; die Retorten waren zerschlagen, das kostbare Metall war mitten im Gährungsproceß auf die Dielen geflossen und dort erkaltet. »Gottloses Weib!« rief Krump, sich die Haare raufend. »Die Frucht langer Studien und Mühen hast du zunichte gemacht durch deine unselige Neugier. Verloren ist Alles, Geld und Hoffnung, denn der Sonnengeist darf nur einmal beschworen sein! Hättest du deine Neugier bezwungen, so wären wir morgen reicher denn der Kaiser. Ja, wärest du nur wenige Minuten später gekommen, so wär' der Lichtblick geschehen, und wir hatten den kostbaren Purpurstaub gewonnen!«

Die Frau schaute verblüfft einen der Männer um den andern an. »Was habt Ihr denn machen wollen?« fragte sie endlich kleinlaut.

»Gold!« antwortete Krump mit der Resignation der Verzweiflung.

»Ja, Frau,« sagte Rabe, »Eures Gleichen scheint zu nichts gemacht, als Schaden und Unheil anzurichten! Nun ist Alles in Rauch aufgegangen, Geld und Mühe; und ich habe den größten Schaden noch. Laßt mich hinaus, Krump. Bringt mich auf die Straße, denn es wird mir hier schwindlich vor Aerger.«

Seufzend führte ihn Krump die Stiege hinab. »Hört,« sagte Rabe geheimnisvoll, als sie in dem dunklen Flur standen. »Wir müssen was Anderes anfassen. Die Goldmacherei ist Firlefanz. Ich glaub', wir sind Narren gewesen. In der christlichen Republik werden wir's nie zu was bringen. Wo ist Gleichheit? frag' ich Euch. Wie aus Barmherzigkeit giebt man uns Brot und Kleider, und das Beste behalten die Herren für sich. Ich hab' einen bessern Plan, als Eurer war. Da giebt's echtes, leibhaftiges Gold; wir brauchen's nicht erst zu machen, sondern nur zu holen. Ich weiß die Gelegenheit, wo der Schatz aus den Klöstern liegt. Morgen Nacht ist gute Zeit! Wir arbeiten mit einander und theilen mit einander. Wir haben ja Freiheit und Gleichheit!«

»Aber –« warf Krump ein.

»'S giebt kein Aber dabei!« entgegnete Rabe. »Schafft sonst das Meine wieder, das in Rauch bei Euch aufgegangen ist. Gelt, das könnt Ihr nicht. Also greift zu; haltet aber reinen Mund vor Eurer Sibylle; das Weib ist des Teufels. Ich sag' Euch, wir sind gemachte Leute, wenn wir klug sind. Wir gehen außer Lands und lachen die Narren mit ihrer Gleichheit aus. Stellt Euch morgen Nachts Schlag zwölf ein, hinterm Barfüßerkloster an dem kleinen Pförtchen. Aber noch einmal, haltet reinen Mund! Gut' Nacht!« –

Krump fand seine Ehehälfte ungewöhnlich schweigsam, nachdenklich und sanft. Der Gedanke, daß sie die Ursache an dem Fehlschlagen des großen Plans ihres Mannes sei, beunruhigte sie; sie glaubte die härtesten Vorwürfe verdient zu haben und fast eine gewisse Rührung bemächtigte sich ihrer, als der sanfte Gemahl seinen Zorn auf keine Weise gegen sie bethätigte. Dieser aber war mit andern Gedanken beschäftigt, die seine Seele in die äußerste Unruhe versetzten. Rabe's Vorschlag war zu lockend für seine Habsucht, als daß er nicht genaue Erwägung verdient hatte. Krump war gänzlich verarmt und seine Hoffnungen, mit denen er nach Mühlhausen gekommen war, schienen sich nicht verwirklichen zu wollen. Durch Münzer's Vorsorge erhielt er zwar, wie alle Armen, das tägliche Brot, aber die Eitelkeit seiner Frau war damit nicht zufrieden. Sie wollte ein Haus machen, wie in bessern Tagen, und überhäufte ihn täglich mit Vorwürfen, als ob er allein die Schuld an ihrer Verarmung trage.

Schlaflos wälzte sich der Arme auf seinem Lager. Er betrachtete Rabe's kecken Plan nach allen Seiten; gelang die Ausführung, so war aller Noth ein Ende; daß er ein Unrecht durch den Raub begehe, daran dachte er nicht, hatte das gemeine Wesen sich den Schatz, der zu plündern war, doch selbst durch Gewalt angeeignet. Um so schwerer fiel ihm der Gedanke an Münzer auf's Herz; er glaubte an eine höhere Macht, mit welcher der Prophet im Bunde stehe; und als er einmal sich diesem Gedanken hingegeben, glaubte er immer seine dunklen Flammenaugen vor sich zu sehen, die ihm tief in die Seele bohrten, sah sein zürnendes Antlitz, vor dem er zu vergehen meinte. Diese Bilder vermochte er nicht mehr von sich abzuschütteln; in tiefer Seelenqual wachte er den Morgen heran. Er war überzeugt, Münzer müsse das Verbrechen, das er begehen wollte, auf seiner Stirne lesen, ja noch mehr, vielleicht kannt' er jetzt schon seine Schuld in ihrem ganzen Umfange. So übte Münzer eine Macht, deren er sich wohl selbst kaum bewußt war.

Als der Morgen tagte, duldete es ihn nicht mehr im Hause; er irrte durch alle Straßen, um sich zu zerstreuen und einen bestimmten Entschluß zu fassen. Er stand endlich vor dem alten Johanniterhof, ohne daß ihn eine bestimmte Absicht geleitet hätte. Dieser Zufall entschied seinen Entschluß. Er ließ Münzer um eine Unterredung bitten.

Ernst trat Münzer dem ehemaligen Verbündeten gegenüber, und dieser Ernst war es, der dem Schuldbewußten den Glauben vorspiegelte, der Gottesmann wisse schon um sein Geheimnis. Er stürzte auf die Kniee und flehte um Gnade und Vergebung.

»Was hast du gethan?« fragte Münzer streng. Krump beichtete, zu welchem Vorhaben er sich fast hatte verleiten lassen.

»Deine Schwachheit kühne dich in die Netze der Gottlosen!« entgegnete Münzer mit ernster Ermahnung. »Das bessere Selbst in dir floh vor den Einflüsterungen eines bösen Geistes. Aus selbstsüchtigen Zwecken schlossest du dich einer heiligen Sache an und bedachtest nicht, daß du sie dadurch entweihtest. So sah ich mich längst schmerzlich bewogen, dir mein Vertrauen zu entziehen. Ich sah dich in schlimmer Gesellschaft, aber ich warnte dich nicht; denn ruhte noch ein edler Funke in dir, so mußtest du dich selbst losreißen. Prüfe dich, was dich zu dieser Beichte trieb; ob es dein edleres Bewußtsein war, das dich vor böser That warnte, oder die Furcht. Hast du Reue und gelobst Besserung, so mag dir noch geholfen werden. Laß jenen Verbrecher in sein Verderben gehen, dem er nicht entrinnen wird. Halte dich still in deinem Hause und sühne den Gedanken an diese Frevelthat durch uneigennützigen Eifer, den du künftig der heiligen Sache weihst. Der Herr sei mit dir!« –

Rabe fand sich zur bestimmten Stunde am Barfüßerkloster ein, wen er aber vergebens erwartete, das war Krump. Er kannte bereits die Zaghaftigkeit seines Verbündeten und schloß ganz richtig, daß diese die Ursache seines Nichtkommens sei. Er wünschte die Memme zu allen Teufeln und faßte den Entschluß, allein an's Werk zu gehen. Er hatte die Gelegenheit genau erforscht, und wer konnte wissen, welche Gefahr ihm drohte, wenn er die Ausführung seines Unternehmens hinausschöbe? War das Geheimniß erst im Besitze von Krump's Frau, so war seine Sicherheit gefährdet; gelang es heute, so war er am folgenden Morgen schon weit aus dem Gebiete der Stadt.

Er schlich sich demnach an den Häusern fort, bis zum Rathhaus; er hatte sich das mit schweren Eisenstäben vergitterte Fenster, hinter welchem der Schatz ruhte, gemerkt; die Seite, auf welcher es lag, führte in ein Gäßchen und dort war keine Störung zu vermuthen. Die Schaarwache war in der Stadt zerstreut, und wer sollte wohl einem Menschen die Keckheit zutrauen, auf das Rathhaus selbst einen Angriff zu machen? Der Himmel hing nächtlich dunkel über den hohen Häusergiebeln, in dem Gäßchen herrschte vollkommene Finsterniß. Rabe zog eine Strickleiter unter dem Wamms hervor und warf das eine mit eisernen Haken beschwerte Ende nach dem bezeichneten Fenster. Die Haken hatten gefaßt, Rabe überzeugte sich von ihrer Festigkeit und schlüpfte dann mit der Gewandtheit eines erfahrenen Diebes hinauf und begann an den Stäben zu feilen.

In seinem Eifer bemerkte er nicht, daß dunkle Gestalten in das Gäßchen huschten und unter ihm sich versammelten. Erst als eine kräftige Hand an der schwankenden Leiter schüttelte, ließ er vor Schreck die Feile fallen, verloren seine Füße den Stützpunct und er schwebte in der freien Luft, indem er sich mit der linken Hand in der Todesangst an den Eisenstäben festklammerte. Er sollte nicht lange über seinen Zustand in Ungewißheit bleiben. Zwei Fäuste rissen mit solcher Kraft an seinen Beinen, daß er wohl schon, um nicht zerrissen zu werden, das Gitter fahren gelassen haben würde, hätte ihm auch nicht eine Hellebarte die Finger zerschnitten. Er heulte laut aus Schmerz und Wuth und fiel mitten unter ein Dutzend bewaffneter Stadtsöldner, welche die für den Galgen reife Frucht lachend auffingen. Alles dies war das Werk weniger Minuten, und eh' es vom Thurme die erste Stunde des neuen Tages schlug, lag Rabe in einem dunkeln, engen Käfig unter dem Rathhause.

Das Gerücht, ein Dieb sei über dem Einbruch in den öffentlichen Schatz ertappt worden, erregte allgemeine Entrüstung und steigerte den Glauben an die höhere Macht Münzer's, denn von ihm aus gingen die Maßregeln, die zur Habhaftwerdung des Diebes getroffen wurden. Woher hatte er die Kunde von dem nächtlichen Vorhaben? Da zitterte gar Mancher, der Prophet möge eine schwarze That aus seiner Seele lesen, und Mancher schlug scheu die Augen nieder, wenn zufällig ein Blick des Gottesmannes über ihn streifte.

Die Richter saßen mit ernster Miene um die schwarzbehängte Tafel, an deren Spitze Thomas Münzer seinen Platz hatte. Er hatte seine rechte Hand auf die Bibel gelegt, sein Auge haftete mit ruhiger Würde auf dem Verbrecher, der, mit Ketten belastet, vor den Schranken des Gerichts stand. Der Dieb war auf handhafter That ergriffen worden und sein Leugnen hätte vor so viel Zeugen nichts gefruchten. Trotzig gestand er sein Vornehmen ein, berief sich jedoch darauf, daß es geraubtes Gut sei, davon er habe nehmen wollen, um seiner Armuth abzuhelfen. Ein Murmeln wurde in der Versammlung laut, Münzer aber sprach im festen Ton der Ueberzeugung: »Deine Armuth kann dich weder freisprechen, noch entschuldigen, denn so du Kleidung und Brot hast, was fehlt dir noch zur irdischen Nothdurft? Daß aber den Bedürftigen dieses werde, dafür hat das christliche Regiment dieser Stadt väterlich gesorgt. Du klagst uns an des Raubes an fremdem Gut. Wisse, die Gemeinde hat Niemanden geschädigt, als ihre offenbaren Feinde, du aber hast gegen die Gemeinde gesündigt und bist des Todes schuldig.«

»Ich habe nicht gesündigt!« rief der Dieb frech. »Hast du doch selbst gepredigt, daß es keine Sünde gebe, und Jeder sich das Leben werth machen müsse, so vieler könne, da er kein besseres zu erwarten habe.«

Ein Schatten flog über Münzer's Antlitz. »Unverständiger!« sprach er. »Hättest du meiner Lehre mit reinem Gemüth gelauscht und hättest nicht Gift saugen wollen aus der Blume, so würdest du nicht so thörigt sprechen. Wer wider die Vernunft, als den Geist Gottes handelt, der ist der Sünde verfallen. Frage doch dein Gewissen, ob es dich freispricht von der Schuld, und in seinen Martern würdest du die ewige Strafe finden, wenn die irdische Gerechtigkeit dich nicht dieser Vergeltung enthöbe. Der Mensch soll leben, wie es ihm seine Vernunft gebietet, und er wird dadurch Gott ähnlich werden, indem der Geist in ihm lebendig wird; er soll nicht auf dem faulen Kissen des Glaubens an ein Jenseit ruhen, weil solcher Glaube den lebendigen Geist in ihm erstickt und ihn abzieht von seinem hohen Beruf. Das ist der Inbegriff meiner Lehre, die dein verstockter Sinn freventlich dreht und wendet.«

Die Kugeln rollten durch die Finger der Richter – sie stimmten für den Tod. Da erhob sich Münzer, brach nach herkömmlicher Sitte einen weißen Stab über dem Haupte des Verbrechers, warf ihm die Stücke zu Füßen und sprach ernst und feierlich: »Das Urtheil ist gesprochen, der Stab ist gebrochen, Mensch, du mußt sterben!« –

Der Verurtheilte schüttelte seine Ketten, daß sie klirrten. »Fluch dir,« rief er mit wutherstickter Stimme, »Fluch diesem Regiment, Fluch dieser Stadt! Möge es dir ergehen, wie mir, Lügenprophet, Zauberer und Teufelsbanner!«

Die Büttel unterbrachen den Ausbruch seiner Totsverzweiflung, indem sie ihn packten und abführten. Münzer aber war sehr ernst. Zum ersten Mal kam ein Zweifel in seine Seele, ob seine Lehre, die sich nur auf das Licht der Vernunft gründete und den Glauben verwarf, so tief sie auch in seiner Ueberzeugung wurzelte, für das Volk, das die Fähigkeit des Denkens nicht in gleichem Grad besaß, heilsam sei. –

Die Hinrichtung war beendet; die zahllose Volksmenge, die ihr beigewohnt, verlief sich in scheuer Ehrfurcht vor Münzer, der einen so lauten Beweis gegeben hatte, wie hart er einen Frevel gegen das öffentliche Gut, gegen die Gemeinde ahnde. Die Gemeinde war ihm Alles, sie sollte nicht nur eine physische, sondern auch eine moralische Macht sein, wie in monarchischen Staaten der Fürst, den Herkommen und Sitte unantastbar macht. Die ganze stoische Strenge einer republicanischen Verfassung mußte er, das fühlte er wohl, in's Leben rufen, sollte sein Werk, aus sittlichen Ernst begründet, bestehen.

Er hatte aber auch zugleich das Plündern der Klöster und Herrenhäuser so wie überhaupt die Schädigungen aller Feinde der neuen Ordnung gerechtfertigt, und die müßige Menge, die immer am Zerstören Wohlgefallen findet, sehnte sich nach neuer Arbeit, da es in der Stadt nichts mehr zu plündern und zu zerstören gab.

Heinrich vernahm mehrere dahin zielende Aeußerungen, als er von der Richtstätte zurückging. Er fühlte sich von dem furchtbaren Act der Gerechtigkeit, dem er beigewohnt, wunderbar bewegt. Hatte der Verbrecher auch den Tod verdient, wer gab jenen Männern die Macht sein Urtheil auszusprechen? Sie hatten diese Macht sich selbst gegeben, indem sie sich durch ihren Anhang zu der Würde erhoben, in der sie saßen. Die Idee von der Erhebung des Volkes war noch nicht mit seinem Fleisch und Blut verwachsen. Er war noch in Vorurtheilen befangen, die eine äußere Herrschaft über dasselbe anerkennen; er bedachte nicht, daß nur eine moralische vernunftgemäß ist, und daß das Volk selbst das unbestreitbare Recht hat, Vertreter jener unsichtbaren moralischen Herrschaft aus seiner Mitte zu erwählen. Er bedachte auch nicht, daß Keiner, wer es auch sei, das Recht habe, über Leben und Tod eines Menschen zu handeln, und nur die sittliche Weltordnung durch das Gesetz solch' ein Opfer verlange.

Heinrich wurde aber von diesen Gedanken abgezogen, durch ein Spiel des Zufalls vielleicht. Er hatte sich noch wenig in der Stadt umgesehen, jetzt aber kehrte das Gefühl, das er bei seinem ersten Eintritt dunkel empfunden, deutlicher zurück. Alles erschien ihm bekannt, tauchte dämmernd aus seiner Erinnerung und trat nun plötzlich in hellem Lichte hervor, als sein Blick auf ein hohes Haus fiel, über dessen Eingang ein gewappneter Ritter stand. Hier hatte er ja gerastet, als seine kindischen Traume ihn aus der Heimath verwiesen. Er dachte auch an das freundliche Mädchen, das den Unerfahrenen damals durch ihren Scherz geneckt und – war es die Scham über seine damalige Thorheit, was das Blut in seine Wangen trieb? Dort, ja dort schaute ein holdseliges Frauenantlitz aus einem Fenster des großen Hauses, ein so liebliches Bild, daß sich der Jüngling wie bezaubert fühlte und, höflich grüßend, langsam vorüberschritt. Die Jungfrau schaute ihm lächelnd nach, der angeborne weibliche Stolz ließ ihr nur eine Deutung seines wunderlichen Benehmens zu. Was hatte der schöne junge Mann doch wohl sonst an dem alten Gebäude zu schauen? –

Marie hatte mit Schrecken vernommen, daß ihr Gatte das Todesurtheil über einen Menschen ausgesprochen. Er, der als Priester berufen war, den Frieden zu predigen, befleckte seine Hand mit Blut. Ihre kindliche Seele schauderte vor der unseligen Würde, die sein Stolz war, und die ihn ihrem Herzen entfremdete. Als er nun ernst, wie sie ihn seit lange nicht gesehen, von der Richtstätte zurückkam, da war es ihr, als dränge sich ein finsteres Gespenst zwischen sie und ihn. Sie seufzte tief auf.

»Was bewegt dich?« fragte Münzer.

»Thomas, du hast Menschenblut vergossen!« entgegnete sie.

»Nicht ich, sondern das Gesetz!« antworten er. »Meine Hand ist rein!«

»O Thomas,« fuhr sie fort, »du bist nicht berufen, über Leben und Tod zu richten!«

»Das Volk hat mich berufen,« versetzte er fest. »In seinem Namen thu' ich, wie es der Geist mir eingiebt. Die Gemeinde stößt den Uebelthäter aus ihrer Mitte, ich handle als ihr Vertreter in ihrem Auftrag, mit ihrem Wissen, zu ihrem Wohl.«

»Und doch möcht' ich, du wärst nicht Schuld an eines Menschen Tod!« flüsterte sie seufzend. Er hatte sie nicht vernommen, sondern errieth nur, was in ihrer Seele vorging und legte die Hand wie segnend auf ihre Stirne, indem er mild und zärtlich auf sie herabsah. Sie sank an seine Brust und weinte leise.

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