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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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III.

Mit freudestrahlendem Antlitz kam Münzer aus der Volksversammlung wohin ihn die Menge wie im Triumph begleitet. Marie, die unterdes in stiller Sorge gesessen hatte, ihren rosigen Knaben auf dem Schooß, trat ihm entgegen und fühlte sich selbst erheitert durch die Heiterkeit ihres Eheherrn. Münzer achtete nicht des Knaben, der ihm lallend die kleinen Händchen entgegenstreckte.

»Marie, freue dich,« rief er, »die Sache der Freiheit siegt! Der alte Rath hat das Regiment niedergelegt, und ein neuer ist erwählt, der der ewige heißt. Die besten Volksmänner sind seine Glieder; auch dein Vater und mich hat das Vertrauen des Volkes an die Spitze gestellt!«

»Ich wünsche dir Glück!« antwortete die Frau mit einem Seufzer.

»Dieser Glückwunsch kommt nicht aus deinem Herzen, Marie!« sagte Münzer. »Verhehl' es mir nicht; wenn auch deine Lippen sich zu lächeln zwingen, so ist es doch nicht jenes Lächeln der Freude, das dem Sonnenschein gleicht, der auf eine Flur von Blumen fällt. Gewiß bedrängen dich wieder die alten Sorgen, und ich bin doch so froh, so glücklich, nicht um der hohen Ehre willen, die mir geworden, sondern weil ich nun freier und segensreich wirken kann für mein Volk. Die Saat, die ich ausgestreut, oft unter Sorgen und Kummer, sproßt lustig und trägt herrliche Frucht; und die Zukunft blüht auf vor mir und wird zur grünen Laube, in deren Schatten die befreite Menschheit, von der blutigen Arbeit müde, sicher ruhen kann!«

»Du hast Recht, Thomas, ich kann mich deiner Ehren nicht von Herzens Grund erfreuen!« entgegnete die Frau. »Viel lieber zög' ich weit mit dir fort, wohnte mit dir in einer niedern Hütte. Wir wären uns selbst genug mit unserm Söhnlein. O du kennst dies stille Glück noch nicht. Als du im fremden Lande warst, da hab' ich einen Theil genossen. Wenn ich für dich gebetet, dann schaut' ich in dieses Kindes Auge, und mein Herz fühlte sich froh. Seit wir aber in dieser Stadt sind, verfolgen mich bange Träume und erst heute – «

Münzer's Stirn umdüsterte sich. »Erst heute hast du Gefahren für mich geträumt?« fiel er ein, als sie unschlüssig stockte.

»Ja, Thomas,« fuhr sie fort, »es war ein fürchterlicher Traum! Ich sah dich an der Spitze von Tausenden! So stolz und kühn blickte dein Auge – wie jetzt, wie damals, als ich dich zum ersten Male sah. Du flogst davon, ein mächtiger Vogel saß auf deinem Haupte und breitete seine gewaltigen Flügel aus. Da war es plötzlich wie Nacht und Nebel vor mir. Aber der Nebel zertheilte sich, und als ich schärfer hin sah, da sah ich wieder dein Haupt, aber blutend – die Augen starr auf mich und den Knaben gerichtet. Ich schrie laut auf und erwachte und freute mich, daß Alles nur ein Traum gewesen. O Thomas, laß es nicht dahin kommen, daß er in Erfüllung geht!«

Hatte der böse Traum ihn angesteckt, daß sein Auge gedankenvoll aus dem Boden haftete? Bald aber erhob er es wieder und Begeisterung flammte daraus. »Ich bin voll Siegesmuth« sprach er. »Der Geist ruft mir zu: Schreite getrost vorwärts, und du wirst die Palme erringen! – Könntest du doch fassen, wie es in mir glüht und ringt! Deine Weit ist klein, der Raum, der dich und mich und unser Kind umfaßt; die meinige ist groß! Marie, liebst du mich so treu und heiß, daß du für mich sterben könntest? Oder liebst du dein Kind so innig, daß du in den Tod gehen könntest, um es zu retten?«

»Ich könnt' es!« antwortete sie.

»So lieb' ich mein Volk, daß ich sterben könnte für sein Heil!« versetzte er. »Und es ist eines größern Opfers werth! Es ist treu und gut, dieses Volk! Es war getreten und verachtet, aber sein Kern ist edel geblieben, wie die Monstranz, von der die Legende erzählt, daß sie böse Buben in den Koth warfen. Aber sie ward nicht befleckt, sondern lag von Glanz umflossen. Und so nun dies Volk mich anruft: Rette mich aus den Schlingen der Feinde! – da sollt' ich zaudern und zögern, und mein theuerstes Herzblut nicht freudig vergießen?«

Marie senkte das Haupt. »Ich weiß, daß du edel bist und groß,« sprach sie, »größer, als ich dich fassen kann. Du ragst über meine Liebe hinaus: das ist's, was mir zuweilen so bange macht. Als ich dir meinen Knaben entgegentrug, da freutest du dich nicht einmal.«

»Zürne mir nicht!« bat Münzer. »Ich bin so ganz der Natur entfremdet, daß mich nichts mehr bewegt, was Anderen Seligkeit ist. Ich habe nur einen Gedanken; ist dieser lebendig geworden, dann will ich wieder ein Mensch werden mit den Menschen.«

In diesem Augenblick stürmte ein Mönch in's Gemach, im Ordenskleid der Cistercienser. »Freue dich, Münzer,« rief er, »nun blüht unser Weizen! Wir sind Herren geworden aus Knechten! Ich hab' eine ganze Schaar guter Bürger vor dein Haus gebracht. Hörst du sie schreien, deinen Namen rufen? Sie wollen dich sehen, denn du bist ihr Abgott!«

Münzer öffnete das Fenster und beugte sich hinaus; ein Jubelgeschrei erscholl. Münzer streckte die Hände über sie aus. »Gehet hin im Namen Gottes!« sprach er. Und ehrfürchtig schwieg die Menge, und selbst die wildesten Männer beugten das Haupt; ein so wunderbarer Zauber lag in den wenigen Worten des Propheten.

»Nun wollen wir bald einherziehen mit Spießen und Stangen,« fuhr der Mönch fort, »und den Herren die Kronen von den Köpfen langen, wohl gar mit den Köpfen selbst. Die böse Welt muß mit Blut gereinigt werden!«

»Vater, Ihr seid schrecklich!« seufzte Marie.

»Ei, du zartes Täublein,« antwortete der Cistercienser, der Niemand anders als Pfeifer war, »wir sind nicht gekommen, um aus einem Faulbett schnöder Ruhe zu pflegen. Dies Kleid des Friedens ist nicht mein eigen Gewand, wie du wohl weißt. Es diente mit als Geleitsbrief durch die Länder, wo das Evangelium noch keine Macht hatte, und ich behielt es, weil ich sah, daß die Menge dem Mönche mehr glaubte, der die Schande der Klöster und Prälaten an den Tag zog. Geh', in dein Closet, Marie!« Weiber taugen nicht in den Rath der Männer!«

Schweigend wollte sich die Frau entfernen; da trat Pfeifer zu ihr und sprach in milderem Ton: »Nimm's nicht zu hoch auf, wenn ich hart und rauh gegen dich war, Bist ja doch mein liebes Kind, das mir die Menschen noch werth macht.« – Marie ging.

»Und weißt du,« fuhr der Cistercienser fort, »wer dem Leuten das Licht aufgesteckt hat von wegen des ewigen Raths? Niemand anders als der verrückte Tuchmacher aus Zwickau, Niklas Storch. Wer bitte gedacht, daß uns der Mann so nützlich wäre! Der Haufe glaubt seinen Offenbarungen, wie dem Evangelium!«

»Der Geist hat es ihm eingegeben!« antwortete Münzer.

»Du glaubst daran?« fragte Pfeifer verwundert.

»Ich glaube, daß er ein Mittel ist zum großen Zweck;« versetzte Münzer. »Viele der Menschen sind noch nicht reif, die Stimme Gottes zu verstehen in ihrer einfachen Klarheit; für diese Schwachen bedarf es der äußern Mittel. Gewiß sind es Offenbarungen, die Meister Storch und seine Genossen reden, aber sie brechen sich gewaltsam Bahn und gleichen dunklen Waldströmen, die sich durch Felsen stürzen, während sie aus dem Mund der Auserwählten fluthen, wie klare Quellen.«

»Ich werde dies Mittel mir in's Gedächtniß prägen;« sagte Pfeifer.

»Ich aber werde es nie benutzen!« antwortete Münzer entschieden. »Die höhere Offenbarung spricht aus mir, die Offenbarung der Wahrheit, und ganze Völker lauschen ihr. Jene bereiten mir den Weg, auf dem ich fortschreite; jene sind der Hammer, der an die Herzen klopft, mein Wort ist die Posaune, die sie aus dem Schlaf zum Kampf erweckt.«

»Und wirst du bald diesen Kampf beginnen?« fragte Pfeifer.

»Noch ist die Zeit nicht gekommen!« entgegnete Münzer. »Ich will ihn nicht beginnen ohne die Hoffnung auf den Sieg. Die Feinde sind mächtig, wir müssen ihnen gleiche Kraft entgegenstellen. Jeder waffenfähige Mann muß sich erheben für die Sache der Freiheit. Noch schwanken Viele in Unentschlossenheit; sie müssen gewonnen werden. Große Bauernzüge schwärmen durch die deutschen Gauen; ich will sie unter einer Fahne vereinen und mit Einem Schlag die Feinde vernichten. Die Freiheit kann nicht ohne Blut gewonnen werden, aber der Kampf soll ein kurzer sein, damit der Frieden bald seinen Segen wieder ausstreue über das freie Vaterland.« –

Münzer begann sein Regiment mit größter Energie. Der neue »ewige« Rath, meist aus Freunden seiner Lehre bestehend, ließ sich den Eid der Treue leisten, nicht nur von jedem Bürger, sondern auch von dem Gesinde. Viele Patricierfamilien waren aus der Stadt gezogen, ihre zurückgelassenen Güter wurden dem gemeinen Wesen zugeschlagen. Das schreckte die übrigen ab. Herr Perlet Probst blieb, aber er weigerte sich anfangs zu huldigen; sein Stolz bezwang den Schmerz, als er vor der grünen Tafel stand und seinen Stuhl von einem Andern eingenommen sah.

»In wessen Namen und durch wessen Wahl hast du hier gesessen?« fragte Münzer.

»Im Namen und durch Wahl der Gemeinde;« antwortete Herr Probst.

»Thörigter Mann,« sagte jener darauf. »Und nun leugnest du, daß dieselbe Gemeinde Recht habe, den Diener, den sie angenommen, wieder von sich zu thun und einen andern zu wählen, dem sie mehr vertraut! Ist denn das Regiment dieser Stadt ein Erbgut, übergehend vom Vater auf den Sohn, an wenig Auserwählte gebunden? Streitest du der Gemeinde das Recht ab, nach ihrem Gefallen zu küren, so hast du selbst widerrechtlich auf diesem Stuhle gesessen.«

Herr Perlet schwieg; Münzers Augen ruhten so dunkel glühend auf ihm, daß er sich beängstigt fühlte diesem Manne gegenüber und nach kurzem Zögern leistete er den Eid der Treue.

Münzer ging nun täglich in den Rath und sprach Recht darin, nicht nach geschriebenem Gesetz, sondern ganz allein auf die heilige Schrift hin und die Vernunftreligion, die er predigte. Seine Aussprüche galten dem Volke als heilig, als von Gott selbst eingegeben, und auch der Ungehorsamste beugte sich ihnen.

Dabei sprach er noch öffentlich zu dem Volke und entwickelte seine Lehre von dem Urchristenthum, zu dem er die Menschheit zurückführen wollte. Tausende des Landvolkes zogen täglich in die Stadt, um den Apostel der Freiheit zu hören, der ihnen das Ende ihrer Leiden, ihrer Dienstbarkeit, ein neues Gottesreich verhieß. Ein weiter Prophetenmantel umrauschte seine Schultern, ein dunkler Bart fiel ihm nieder auf die Brust, tiefer, männlicher Ernst war auf seinen Zügen ausgeprägt; das Imponirende dieser Gestalt, verbunden mit der Gluth und Wahrheit seiner Worte, machten, daß die stolzen Bürger der freien Reichsstadt vor dem Fremdling, ehrwürdige Greise vor dem Jüngling sich beugten. Der Geist feierte seinen schönsten Sieg, indem er Vorurtheil und Herkommen überwand.

Aber Münzer beschränkte sich nicht darauf, seine Lehren zu predigen, sondern er wollte sie in das Leben einführen. Er machte mit der Lehre von der Gleichheit den Anfang und drang auf die Gemeinschaft der Güter im urchristlichen Sinne, ohne jedoch dieselbe weiter auszudehnen, als sie wohl im Zeitalter der Apostel unter den ersten Christen gebräuchlich war.

Es war nicht anders möglich, daß bei einem so vollständigen Umsturz der Dinge manche Ausschweifung mit unterlief, der selbst ein Mann wie Münzer nicht zu steuern vermochte. Kaum war das Gesetz einer Gütergemeinschaft laut geworden, als sich eine stets zum Unfug bereite Volksmasse auf alle geistlichen Häuser in der Stadt warf. Die Johanniter mußten weichen, und Münzer bestimmte ihren Hof zu seiner künftigen Wohnung. Die Pfaffen flohen und waren zufrieden, ihren Leib vor den Mißhandlungen und Verhöhnungen des aufgeregten Volkes gerettet zu haben; ihre Kostbarkeiten ließen sie gerne hinter sich. Die Marien- und Heiligenbilder wurden nun aus den Kirchen und Klöstern gerissen und zerschlagen, die Truhen gesprengt und die Meßgewänder und Caselen, die Kirchengefäße und Reliquienschreine herausgenommen. Selbst Weiber und Mädchen waren fleißig daran, die kostbaren Gewänder zu zerschneiden und sich Kleidungsstücke daraus zu machen.

»Gottesmutter, welche Pracht!« rief eine wohlbeleibte Frau, die Hände zusammenschlagend, als der zerlumpte Bettler Rabe mit der Axt eben eine Truhe aufgeschlagen. »Wie das glitzert und funkelt! Krump, Krump, wo bist du denn? Schau' nur den prächtigen rothen Stoff da! Ei, das giebt eine kostbare Schaube für mich!« Ihre Hände wühlten gierig in den reichen Stoffen, aber auch Rabe hatte die Axt hingeworfen und half die Truhe leeren. »Die Glatzköpfe haben trefflich für uns gespart!« lachte er. »Fort mit dem Plunder! Das überlass ' ich Euch Weibern! Euer Herz hängt an Flittern. Reißt Euch immer drum. Ich hab' ein besser Verständniß!«

Die reiche Beute hatte noch Mehrere herbeigelockt. Die Weiber rissen und schalten sich um die seidnen und sammtnen Gewänder, die Männer griffen nach den goldnen und silbernen Gefäßen, Kleinodien von gediegnerem Werthe. »Krump, so hilf mir doch!« kreischte die wackere Bürgerin aus Allstett, ein purpurnes Meßgewand an einem Zipfel haltend, während die Habsucht anderer Weiber es ihr zu entreißen drohte. »Was stehst du da, wie ein Klotz? Ich muß den prächtigen Stoff haben zu einer Schaube!«

»Wer ist die Frau?« rief es unter den andern Weibern. »Wer kennt sie? Ist sie ein Stadtkind? Was eine Fremde? Das fehlte noch! Fort! Wir sind freie Reichsstädter!«

Die Ehehälfte des ehrsamen Meisters Krump war aber die Frau nicht, die sich so leicht durch Drohungen abschrecken ließ. Sie hielt ihre Beute fest, und ohne Zweifel würde noch eine blutige Balgerei ans dem Gezänk der Weiber entstanden sein, wäre das mißhandelte Meßgewand nicht aus seinen Nahten gerissen, so daß jede der Prätendentinnen ein Stück davon in der Hand behielt. Dies war aber mit einem solchen Aufwand von widerstrebender Kraft geschehen, daß die Weiber zurücktaumelten und zum Theil rücklings auf den Boden stürzten. Dieses Loos traf auch die wackere Frau aus Allstett. Unmäßiges Gelächter von der einen und Schimpfen und Schelten auf der andern Seite begleitete dies komische Ereigniß. Frau Krump hielt jedoch ihren verkümmerten Antheil an der Beute fest und barg ihn im Busen. Ihrem Manne gab sie einen tüchtigen Puff, theils weil er sie ohne Vertheidigung gelassen in dem kritischen Augenblick, theils weil er müßig zusah, wie die Männer unter dem edlen Geräthe wühlten. Sie wollte jetzt selbst nachholen, was ihr saumseliger Mann versäumt, fand aber all' ihre Anstrengungen umsonst; die Truhe war bereits geleert, und Jeder hatte so viel zu sich genommen, als er bei der allgemeinen Plünderung erraffen konnte. Rabe schmunzelte, indem er die Hand aus den goldenen Reliquienschrein legte, den er unter seinen zerlumpten Rock geschoben hatte. Außerdem hatte er noch einen goldnen Ring in den Mund prakticirt.

»Meister Thomas, Meister Thomas!« rief es plötzlich, und alle Häupter entblößten sich vor dem Propheten, der durch die Menge schritt. Er winkte mit der Hand, und eine tiefe Stille folgte auf das lärmende Gewühl, das wenig Augenblicke zuvor noch diese Hallen erfüllte. »Die Feinde des Lichts und der Freiheit,« sprach er, »haben ihren christlichen Brüdern einen reichen Schatz aufgespart. Gott hat diesen Schatz in unsre Hände gegeben; es ist keine Sünde, daß wir ihn wieder dahin verwenden, woher er gekommen. Aus dem Schweiße des Volkes ist er gewonnen worden, dem Volke soll er wieder zufallen; so will es die ewige Gerechtigkeit Durch sündliche Mittel ist er erworben, wir aber wollen Segen daraus bereiten. Alles was an Gold, Silber und Kleinodien gefunden wird, fällt dem gemeinen Wesen zu und wir wollen daraus das neue Reich der Freiheit erbauen. Stoffe und Gewänder mögen die Finder unter sich theilen, edle Metalle und Gesteine aber mögen sie redlich abliefern in den gemeinen Schatz des christlichen Regiments, und wer dawider handelt, soll als Feind der Stadt, und des christlichen Volkes von Mühlhausen angesehen werden. So verkündigt der ewige Rath durch mich, Thomas Münzer, den Knecht Gottes wider die Gottlosen!«

Die klare befehlende Stimme war auch diesmal von dem gewohnten Erfolg. Kein Wort des Widerspruchs ward laut. Die Männer legten still und fast beschämt die an sich genommenen Kostbarkeiten in die Truhe, und selbst Rabe griff zögernd unter den Rock und nahm den blitzenden Reliquienschrein darunter hervor, als ein Blick Münzer's ihn traf, der ihm bis in die Seele drang. Aber im nächsten Augenblick schämte er sich schon seiner Schwäche. »Schöne Freiheit! ein herrliches Regiment!« murmelte er unzufrieden in den Bart und schlich sich davon, als es keine Beute mehr zu machen gab. Wie von einem Gespenst berührt, schreckte er zusammen, als ein Finger ihn auf die Schulter tippte und eine Stimme ihm zuflüsterte: »Halbpart, Kamerad!«

»Was wollt Ihr denn?« fragte Rabe sich nach dem Mann umkehrend, mit unsicherem Trotz.

»Auf der Welt weiter nichts, als die Hälfte von dem glitzernden Ringlein, das Ihr da im Munde habt!« entgegnete Meister Krump, der den habgierigen Bettler nicht aus dem Auge gelassen.

»Ihr träumt wohl!« sagte der Andere mürrisch.

»Nicht doch!« erwiederte Krump. »Ich hab' mit wachenden Augen gesehen, wie Ihr das goldne Ding in Euren Rachen prakticirtet und habt Ihr's vielleicht im Schlafe gethan, so erlaubt, daß ich Euer Gebiß durch einen gelinden Druck von einander reiße, und Ihr werdet sehen, daß Ihr einen Schatz dahinter tragt, der mehr werth ist, als Eure ganze respectable Person.«

»Ihr müßt ein Hexenmeister sein!« brummte der entlarvte Sünder.

»Ein Stück davon bin ich auch, im Vertrauen gesagt!« kicherte Meister Krump. »Ich bin einem Geheimnis auf der Spur, das mehr werth ist als hunderttausend Säcke voll dergleichen artigen Ringlein.«

»Was trachtet Ihr denn nach meinem sauer Erworbenen?" versetzte Rabe.

»Wißt Ihr nicht, daß man die Wurst nach der Speckseite wirft?« lachte Krump. »Um das unschätzbare Geheimnis zu erlangen, muß ich einen kleinen Theil des Mammons haben, der mir dann in Ueberfluß zufließen wird. Ich muß Gold aussähen, damit ich Gold ernte.«

Der Bettler sah ihn mißtrauisch und ungläubig an. »Warum grifft Ihr denn nicht zu?« sagte er. »Oder hat's Euch der Münzer auch angethan?«

»Warum? Das will ich Euch bei Gelegenheit vertrauen! Vorerst seid so gut und theilt mit mir! Oder noch besser! Wandeln wir das Ringlein in geprägtes Silber um. Es ist der Bequemlichkeit wegen!«

»Und wenn ich nun Nein sage, Ihr überlästiger Gesell?«

»Dann würd' es mir leid um Euretwillen thun! Ihr wißt: Jeder, der dem öffentlichen Schatze was entwendet, wird als Feind des Volkes angesehen und bestraft.«

»Das ist eine Ausgeburt dieses Münzer's!« murrte Rabe. »Schöne Freiheit und Gleichheit!« Der neue Rath wird's machen, wie der alte, wird das Beste an sich ziehen. Hätten deswegen das Regiment nicht umzukehren brauchen, wenn's nicht anders werden soll!«

»Nichts über den Münzer!« befahl Krump. »Ihr müßt wissen, ich gehöre zu seinen Freunden. Münzer meint's gut, wenn auch seine Ideen manchmal confus sind. Und wenn alle Andern sich bereichern, er wird's nicht thun. Bedenkt Ihr denn nicht, daß er in Euren Gedanken lesen kann?«

»Was sagt Ihr da?« rief der Bettler erschreckend.

»Er hat einen Geist, der flüstert ihm Alles zu, was er zu wissen begehrt!« versetzte der Meister. »Glaubt Ihr, das einem gewöhnlichen Menschen Alle so gehorsam wären, wie Ihr's selbst gewesen seid, als Ihr das hübsche Beinhäuslein von Euch thatet? Hütet Euch, daß er Euch jemals tief in die Augen sieht! Kommt aber, kommt! Wißt Ihr keinen Juden, dem das Gewissen nicht schlägt, wenn er ein Kleinod aus der Truhe eines Hochwürdigen zu Gelde macht? Wer weiß, wenn Ihr treu und verschwiegen seid, was ich Euch noch anvertraue. Wir könnten das ganze Ringlein verwenden. Durch mein Geheimnis würden wir Beide genug haben für's ganze Leben.«

Sie waren in ein enges, finstres Gäßchen gekommen, und Rabe klopfte an eine niedere Thür, nachdem er vergebens darauf gesonnen, sich seines Begleiters zu erledigen, was die Vorsicht des ehrenwerthen Meisters jedoch vereitelte. Rabe klopfte lange vergebens. In welche Spelunke führt Ihr mich denn da?« fragte der Allstetter.

»Ich wollt', diese Spelunke wär' mein mit Allem was drin ist!« brummte Rabe. »Da wohnt Isaak Löb, der reichste Jude in Mühlhausen. Dem Ding sieht's kein Mensch an.«

»So wenig, als Euch, daß Ihr Gold in der Tasche oder vielmehr im Munde habt!« antwortete Krump lachend. »Aber warum öffnet die Judenseele nicht?«

»Wer ist da?« fragte eine hohle, schwindsüchtige Stimme in dem Hausflur.

»Bürger der Stadt!« herrschte der Bettler.

Vorsichtig ward ein kleines Fensterchen neben der Thüre zurückgeschoben, und ein Gesicht zeigte sich durch die Oeffnung, das nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien, daraus aber ein Paar funkelnde, listige Augen blitzten. Als der Jude sah, daß es nur zwei Personen waren, deren Aeußeres noch dazu von ihrem Stand und Gewerbe ein ungünstiges Zeugnis ablegten, fragte er unwirsch: »Was wollt Ihr? Ich bin selbst ein armer Mann, hab' nichts an Bettler zu verschenken!«

»Oho, nicht so patzig!« rief Rabe. »Bist du nicht der reiche Isaak Löb? Alle Welt kennt dich dafür!«

»Verleumdung, nichts als Verleumdung!« protestirte der Jude. »Ich denk, alle Armuth hat aufgehört in der Stadt seit dem neuen Regiment! Was kommt Ihr denn zu mir, daß ich mein Bischen mit Euch theilen soll?«

»Schweig', Hund von einem Juden!« fluchte Rabe. »Wir hätten wohl alle Drei genug, wenn wir mit dir theilen wollten! Aber kommt Zeit, kommt Rath! Diesmal wollen wir nur einen Schacher mit dir machen.«

Der Jude schüttelte ungläubig den Kopf. »Ihr?« fragte er geringschätzig.

»In's Teufelsnamen, ja!« schalt Rabe. »Siehst du dies Ringlein? Das wollen wir dir verschachern. Sticht dich's in die Augen, so öffne!«

Des Juden Gesicht ward freundlicher, als er das Kleinod sah. Er öffnete die Thüre und verschloß sie wieder hinter ihnen. Dann führte er sie in ein düsteres unsauberes Gemach, in dem abgetragene Kleidungsstücke aller Art aufgehäuft lagen. »Weist doch her!« sagte er und griff gierig nach dem goldnen Reif und drehte ihn zwischen den knöchernen Fingern. »Da steht ein Zeichen d'rauf!« sprach er bedenklich, »ein gar gefährlich Zeichen. Ich wag' nicht, das Reiflein zu schachern, könnt's mir doch das Leben kosten!«

»Woran keinesfalls viel gelegen wäre!« entgegnete Krump. »Gieb deinem zarten Gewissen einen Stoß und zahl aus für das Kleinod!«

»Und was soll ich Euch geben dafür?« fragte der Jude.

Krump nannte eine Summe. »Gottes Wunder!« rief Isaak entsetzt. »Das ist schrecklich viel Geld, dreimal so viel, als mein Reichthum beträgt und als das Ringlein werth ist. Ich will geben den dritten Theil, die Hälfte dran an Kleidungstücken. Bedenkt nur die Gefahr, die ich mir lade auf den Hals.«

»Wir brauchen das Geld und nicht deine alten Fetzen!« sagte Krump, »Du weißt wohl, daß wir kaum die Hälfte fordern, als das Ringlein werth ist.«

»Es wurde lange hin und hergefeilscht, bis man endlich über einen Kaufpreis einig wurde. Der Jude schob einen Bündel alter Kleidungsstücke bei Seite; eine Truhe kam zum Vorschein, woraus er ein kleines Päckchen nahm. Nachdem er die schmutzigen Lumpen, in die er eingehüllt war, abgerissen, fiel ein Haufen blanker Silberstücke auf den Tisch, von denen er die bedungene Summe abzählte. »Welch' ein edler Kern in der schlechten Schale!« lachte Krump.

»Vorsicht, nichts als Vorsicht!« seufzte der Jude. »'S ist mein ganzer Reichthum! Der Schein verführt zur Sünde; wäre der Apfel am verbotenen Baum nicht also anmuthig gewesen, so hätten unsere Stammeltern nicht gesündigt, so wären die Kinder Abraham's nicht in Gefangenschaft nach Aegypten geführt worden, so wäre Moses nicht gekommen und hätte sie erlöst aus der Knechtschaft, so wäre Jerusalem nicht zerstört worden. –«

»So hatten wir nicht die Ehre deiner Bekanntschaft genossen;« fiel Krump ein.

»Ganz Recht!« versetzte Isaak ruhig, »so wäre die Sünde nicht in die Welt kommen und wir lebten noch im Stande der Unschuld. Ich aber will nicht Schuld sein an eines Menschen Verderben!«

»Liebevolle Seele!« spottete Krump. »Bau' aber nicht zu sehr auf deine Heimlichkeit. Hast du nichts von Springwurzeln und Wünschelruthen gehört –«

»Ihr heiligen Erzväter, Abraham, Isaak und Jakob!« kreischte der Jude, verbarg die Truhe wieder unter dem alten Krame, schob die beiden Männer aus der Kammer, verschloß sie sorgfältig und stand in höchster Unentschlossenheit, als vernehmlich an die Thür gepocht wurde, und ein Lärmen an sein Ohr drang, wie von einem aufrührerischen Volkshaufen. Jetzt blieb es nicht länger zweifelhaft, was die ungeladenen Gaste begehrten. »Mach' auf, Sohn eines Hundes!« erscholl es draußen »Schließ' deine Kasten auf, Isaak! Gieb heraus das erschundene Gut!«

Der Jude raufte sich Haar und Bart, schlug die Brust und rief wimmernd und wehklagend. »O über mich armen Mann! Was hab' ich verbrochen, o du, der unnennbar ist, daß du mich also züchtigst? Ich habe nichts, als diese Lumpen, ich bin ein armer, geschlagener Mann!«

Rabe weidete sich an der Verzweiflung des Juden; ein lichtvoller Gedanke schien ihm durch den Kopf zu fliegen. »Wie sind im Neste!« flüsterte er seinem Gefährten zu. »Laß uns die besten Vögel ausnehmen!«

»Soll ich zum Diebe werden?« rief Krump entrüstet.

»Narr!« sagte Rabe. »Ein Dieb willst du nicht werden, theilst aber gern gestohlenes Gut. – Jude,« fuhr er gegen diesen gewendet gebieterisch fort, »gieb heraus, was du an Geld und Juwelen hast. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Die da draußen mögen die Nachlese haben!«

»Hab' ich doch nicht Gold und Juwelen!« ächzte der Jude. »Ihr habt Euch eingeschlichen durch List in mein Haus, um mich zu berauben!«

»Mach' fort!« herrschte Rabe. »Es wird nicht lang dauern, und sie werden hereinbrechen.« Er versuchte ihm die Schlüssel zu dem Gewölbe zu entreißen, aber der Jude vertheidigte sie mit verzweifelter Hartnäckigkeit. »Die sieben Höllenstrafen kommen über Euch,« rief er, »seid verflucht bis zur Gehinna, es müsse Gras wachsen vor Eurer Thür, so Ihr Gewalt anthut mir altem schwachen Manne!«

Da krachte die aus den Angeln gerissene Thür, und ein wilder Volkshaufe drängte sich in den dunklen Hausflur. Der Jude zerriß sein Kleid, flehte umsonst, ihn zu verschonen, da sein armes Haus keine Schätze berge.

»Glaubt ihm nicht!« rief Rabe dagegen. »Es ist ein heimtückischer, falscher Hund! Da drinnen liegen seine Schätze, ganze Truhen voll Gold! Das ganze Haus ist gespickt mit Diamanten!«

»Will ich ewig verdammt sein, wenn das wahr ist!« eiferte Isaak. »Meine Seele soll nicht schauen die Herrlichkeit des Unaussprechlichen! Ich bin ein armer Mann, ein alter schwacher Mann!«

»Erbrecht nur die Thüren und durchsucht das Haus!« versetzte Rabe. Im Nu waren dem Juden die Schlüssel entrissen und, da sie nicht sogleich paßten, die Thüren erbrochen. Vergebens war, daß Isaak mit der Kraft der Verzweiflung sich dagegen sträubte; die rohen Gesellen verhöhnten und mißhandelten den alten Mann. Rabe ertheilte lachend den Auftrag an Krump, dieser solle den Juden halten, während die Andern sich in seinen Kisten umschauten. Isaak fiel auf die Kniee und murmelte Flüche gegen seine Peiniger. »O sende Feuer herab vom Himmel und verbrenne sie, wie Sodom und Gomorrha! Verschlinge sie, Erde, wie du die frevelhafte Rotte Korah verschlungen! Möge giftiger Thau auf ihre Felder fallen, die Pest auf ihre Häupter und der Tod auf ihre Erstgeburt! Erbarme dich, du Gott Abraham's, Isaak 's und Jakobs's!«

Die obern Raume des Hauses waren bisher noch vor den Eindringlingen verschont geblieben. Jetzt stürzte schreiend ein Mädchen die baufällige Treppe herab und warf sich an die Brust der wimmernden Greises. Die Tageshelle, die durch die erbrochene Thüre und die eingestoßenen Fensterläden drang, warf ihr volles Licht auf die schlanke jugendliche Gestalt, auf die bräunlichen orientalischen Züge ihres Antlitzes, das rabenschwarze Locken umflatterten »Was willst du hier auf dem Schauplatz des Jammers, Sara?« heulte der Jude. »Verschließe dich in dein Kämmerlein und bete zum Herrn des Himmels, daß er die Feinde verderbe! Geh' in dein Kämmerlein, meine Rose von Zion! Laß mich sterben, nur falle du nicht in die Hände der Frevler!«

»Müssen wir sterben, so geschehe der Wille des Herrn, ohne den kein Sperling vom Dache fällt!« antwortete die Tochter. »Aber ich will sterben mit dir, sie sollen uns tödten mit einander!«

Die habsüchtige Gier der Plünderer machte, daß das Mädchen unbeachtet blieb. Die Schaar der Räuber vermehrte sich mehr und mehr, und die im Gewölbe nicht mehr Raum fanden, polterten die Treppe hinauf. Isaak sah endlich mit stumpfem Gleichmuth der Verwüstung seiner Habe zu. Sara hielt den Greis umfaßt, wie um ihn zu schützen, das Gesicht wandte sie nach der Thür, ob Flucht und Rettung nicht möglich sei.

Da trat, wie ein Engel vom Himmel gekommen, Münzer's majestätische, gebietende Gestalt über die Schwelle. Sara ließ den Vater los und stürzte dem Propheten zu Füßen, seine Kniee umfassend. »Hülse, Hülfe!« rief sie klagend. »Rette den Vater, wenn du kannst!«

Isaak unterstützte das Flehen der Tochter. »O großmächtigster Herr!« rief er. »Ich habe geschworen zum neuen Regiment! Und nun haben sie mich überfallen und schädigen mich an Hab' und Gut! Gnade, Gnade mir armem hülflosen Mann!«

Münzer hob das knieende Mädchen freundlich auf. Krump schlüpfte von der Seite des Juden hinweg, aber Münzer's Adlerblick hatte ihn schon erkannt. Das Gerücht, Meister Thomas sei da, hatte sich schnell verbreitet, und jede Hand hielt unwillkürlich mit dem Plündern ein. »Bürger!« rief fest seine männlich volltönende Stimme, »was hat dieser Mann gethan, daß Ihr ihn schädigt?«

Eine Weile blieb Alles still. »Er ist ein Ungläubiger!« rief endlich Rabe.

»Thörigter Mensch!« sagte Münzer. »Nur der ist ein Ungläubiger, der gegen die Gebote Gottes handelt und seinem Reich auf Erden zuwider ist! Dieser Mann aber hat sich dem christlichen Rath zu Treu' und Gehorsam verpflichtet!«

»Er ist ein Jude! Ein Feind des Christenthums!« beharrte Rabe. »Wie kann ein solcher nach Gottes Geboten thun?«

»Wie wenig hast du meine Lehre verstanden!« versetzte Münzer fast traurig. »Haben wir doch Alle nur einen Gott, und den nicht außer uns, sondern in unsrer Brust!«

»Er hat sich mit dem Gut der Christen bereichert!« schrie jener um so eifriger, und mehrere Stimmen traten ihm bei. »Er hat uns geschunden und betrogen. Wir nehmen nur wieder, was unser ist!«

»Glaub' ihm nicht, großmächtigster Herr!« klagte der Jude. »Ich hab' keinen Menschen übervortheilt, nahm nur redlichen Gewinn! Vom Gewinn lebt der Mensch, und was bleibt dem armen Juden Anderes!«

»Hat er sich vergangen durch Wucher, so klaget ihn an!« sagte Münzer wieder. »Ist er schuldig, so wird er der Strafe nicht entgehen! Kehrt Euren Zorn gegen die Feinde der Stadt und des christlichen Regiments, nicht gegen friedliche Männer, die ihr Treue geschworen haben! Gebt diesem Manne sein Gut wieder und verlasset sein Haus! Ich befehl' es Euch im Namen Gottes, dessen Diener ich bin!«

Sein Befehl wurde vollzogen. Scheu und in Ehrfurcht vor dem allverehrten Meister verließen die Plünderer das Haus. Auch die aus den obern Gemächern mit Beute beladen zurückkamen, legten diese auf sein Geheiß zu Münzer's Füßen nieder. Bald war das ganze Haus von seinen zudringlichen Gästen geleert. Sara küßte die Hand ihres Wohlthäters, der alte Jude stürzte vor ihm nieder aus die Kniee. »Was bist du doch für ein großer Mann!« rief er bewundernd aus. »Was Thränen und Flehen nicht vermocht, das thatest du durch ein Wort! Wenn ich zu dir aufsehe, ist mir, als sehe ich einen unserer großen Propheten! Du bist der Beste unter den Gojim! Du hast mich und mein Gut beschützt, möge dich dafür der Herr segnen und dich erretten, wenn du solltest fallen in die Schlingen deiner Feinde!«

War es Absicht oder ein wirkliches Gefühl, das den Juden zu dem Vergleiche bewog, dieser Vergleich schmeichelte Münzer, der sich gern einen Propheten nannte. »Du hast gehört,« sprach er, »wie ich Bruderliebe predigte, Bruderliebe zwischen allen Menschen, übe auch du sie und verschließe dein Herz nicht karg gegen die Noth deiner christlichen Brüder.«

»Mein Hab' und Gut ist dein!" antwortete der Jude.

Isaak vermißte nur wenig an seinem Eigenthume. Von größerem Schaden war ihm die Zerstörung, die er in den obern Gemächern angerichtet fand. Die kostbaren Teppiche waren zerrissen, die prächtigen Spiegel und Geschirre zertrümmert; denn trug das Aeußere des Hauses und der untere Theil desselben das Gepräge der Armuth, so war dort in den Räumen, die kein ungeweihter Fuß betrat, verschwenderische Pracht entfaltet. Isaak dankte aufrichtig dem Herrn, der ihn aus der Gefahr gerettet, Sara jedoch gedachte nur des menschlichen Retters und ihre Seele betete für ihn. –

Aus den vorgefundenen Schätzen der Geistlichen und aus milden Beisteuern der reichem Bürger nahm Münzer die Mittel, die Idee seines Gottesreichs in's Leben zu rufen. Er kleidete und speiste aus seinem Schatze die Armen, denn Mangel und Elend sollten hinfort in der christlichen Republik nicht mehr zu finden sein. Die Reichen gaben freiwillig von ihrem Ueberfluß, weil Christus befohlen, man solle mit dem Dürftigen theilen. So sehr hatte seine Lehre schon in den Besseren Wurzel gegriffen.

Münzer selbst blieb ganz der uneigennützige Freiheitsmann, der nur seiner Idee lebte. Streng wie seine Lehre war sein Leben, er aß und trank wenig und blieb fern von allen Ausschweifungen. Seine Kleidung war ein einfacher, pelzverbrämter Rock oder ein weiter Prophetenmantel.

Die großen Erfolge, die er bewirkte, erschlafften seine Thätigkeit nicht. Rastlos strebte er nach dem hohen Ziele hin, das er seit seiner frühen Jugend verfolgte. Durch Wort und Schrift suchte er seine Lehre immer weiter zu verbreiten, schrieb mahnende und ermunternde Briefe an seine Jünger und Freunde nach allen Enden Deutschlands, und ließ Strafpredigten und Hirtenbriefe in Druck ausgehen an die Feinde des Evangeliums und an die Zaghaften, Schwankenden. Der Zulauf zu seinen Predigten ward von Tag zu Tage größer, und nach jeder Predigt ließ Pfeifer durch Chöre von Jünglingen und Mädchen Jehovah's Verheißung an die Söhne Juda's absingen: »Morgen werdet ihr ausziehen, und der Herr wird mit euch sein!«

Indessen versäumte er aber auch die kriegerischen Zurüstungen nicht. Er ließ Geschütze gießen und sandte einen vertrauten Schweizer nach Nürnberg mit neunhundert Gulden, um Pulver zu holen. Seine Person umgab er mit einer Leibwache, aus den eifrigsten seiner Anhänger gebildet; sie sollte dereinst der Kern seiner Krieger sein, die er auf die große Wahlstatt der Freiheit führte. Die Jungfrauen der Stadt wirkten eine Fahne von weißer Seide, darin ein Regenbogen stand. Fremde, aus allen Gauen Deutschlands zogen herzu, und Mühlhausen hatte noch kein so richtiges Leben gesehen, als unter dem christlichen Regiment Thomas Münzer's. –

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