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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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II.

Das Haus des Bürgermeisters Perlet Probst zu Mühlhausen war eines jener alterthümlichen Gebäude, wie wir sie zuweilen, besonders in den ehemaligen Reichsstädten, noch sehen. Die hohen Giebeldächer, die vorbringenden, thurmähnlichen Erker, die bunten Malereien und Schnitzereien um die Fenster, die zierlich ausgehauenen Wappen über dem Thorweg – dies Alles deutet auf die versunkene Herrlichkeit jener bürgerlichen Aristokratie, die so stolz und stolzer als der Ritter auf seinem Felsenschlosse, doch von diesem verachtet wurde, weil, wenn er sein Schwert in die eine Wagschale legte, sie oft in die andere nichts werfen konnte, als ihr Geld. Der freie Ritter ertrug es nicht, sich unter Gesetze zu schmiegen; wo die Städte ihre Zwiste mit der Feder und Pergamenten zu schlichten pflegten, da schlug er mit dem Schwerte drein, und darum spottete er der Krämer und Federhelden, wenn auch die Beispiele nicht selten waren, daß der Bürger statt des Wammses ein Stahlgewand anzog und den Uebermuth eines gewaltthätigen adeligen Herrn recht nachdrücklich bestrafte. Der Geist des Mittelalters umweht uns, wenn wir jene alten Bürgerwohnungen betreten, die dunkeln gewundenen Gänge, die knarrenden Treppen, die hohen getäfelten Gemächer-; –in jedem Winkel lauscht eine Erinnerung. Dort das weitläufige Prunkgemach, wo der Hausherr wie ein Patriarch unter den Seinen saß, dort die Waffenhalle, ausgeschmückt mit mittelalterlichen Waffenstücken, hier das lauschige Closet des Bürgerfräuleins, die Sonne freundlich schimmernd durch die hohen Scheibenfenster.

Das Gemach, in welchem wir den würdigen Bürgermeister der freien Reichsstadt Mühlhausen finden, trägt all' jene zugleich der Bequemlichkeit dienende Pracht zur Schau, mit der sich der reiche Bürger so gern zu umgeben pflegte. Die Wände waren mit kostbar gewirkten Tapeten behangen, der Fußboden mit einem bunten Teppich belegt, die Decke mit Stukkaturarbeiten verziert. Ein weiches Lotterbett nahm fast die ganze eine Seite des Zimmers ein, in der Mitte stand ein umfangreicher Tisch, bedeckt von Büchern, Actenbänden und Pergamenten. Im weichgepolsterten Lehnstuhl saß der hochmögende Herr, schon ein Greis, im pelzverbrämten Hausgewande; tiefe Bekümmerniß war auf seinem Gesicht ausgeprägt und das Spiel seiner magern Hände schien mehr eine Gewohnheit, als ein Mittel der Zerstreuung zu sein. In der Fensternische lehnte ein junger Mann, der das große kluge Auge oftmals auf die Strafe hinab schweifen ließ. An der Thüre stand ein Rathsdiener, der ehrfurchtsvoll die Befehle des Bürgermeisters hinzunehmen bereit war, wie er ehrerbietig seinen Bericht gegeben hatte.

»Die Zünfte hängen also dem Manne noch immer an?« fragte der Bürgermeister.

»Leider, leider, Ew. Gestrengen!« antwortete der Rathsdiener. »Alle Ordnung hat aufgehört, alle Zucht und Sitte ist zum Kukuk gegangen. Keiner will sich dem Regiment mehr fügen; die Schaarwachen werden gemißhandelt, keiner getraut sich mehr, seinen Dienst zu thun; ja, was das Schlimmste ist, Viele sind selbst von dem bösen Geiste angesteckt und sprechen dem Pöbel das Wort. Am ärgsten sind die Kürschner, die Gerber, die Bräuer und Branntweinbrenner! Ihr wißt es ja, es sind die alten Feinde, die Schuld sind, daß der Münzer als Prediger in die Stadt kam. Meister Roder, der Kürschner, führt öffentlich das Wort, man müsse dem hochweisen Rathe nicht mehr folgen – es ist himmelschreiend! – er suche das Evangelium zu unterdrücken, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen! Sie halten Zusammenkünfte, und mit eigenen Ohren hab' ich gehört, wie Einer sagte, die Welt werde bald ein andres Ansehen bekommen, wenn erst der gemeine Mann am Regiment sitze. Die Haare standen mir zu Berge!«

»Auf wie viel Bürger glaubst du, daß wir zählen dürfen?« fragte Herr Probst sorgenvoll.

»Ach du mein himmlischer Vater,« seufzte der Rathsdiener, »ich wag's auf keinen, was nicht die Familien sind! Und viele davon, wißt Ihr ja, haben die Stadt verlassen. Was soll daraus werden, wenn uns keine Hülfe vom Himmel kommt!«

»Nur den Muth nicht verlieren, lieber Wendel!« ermahnte der Bürgermeister. »Wir haben gute Zeiten empfangen und müssen auch die schlechten annehmen. Es wird vorübergehen, wie ein Gewitter. Geh' zu den Räthen und künd' ihnen Versammlung an.«

Wendel entfernte sich. Der Bürgermeister holte einen Seufzer aus tiefster Brust. »O Wahnwitz, der die thörigten Menschen beherrscht!« rief er. »Was wollen sie, was verlangen sie? Blutvergießen statt segenreichen Friedens!«

Ein wilder Lärm, von Gelächter untermischt, schallte von der Straße herauf; dazwischen ward Wendel's Stimme laut, aber immer wieder vom allgemeinen Geschrei verschlungen. »Sie verhöhnen den Rathsdiener,« sagte der junge Mann, indem er einen Blick auf die Straße warf.

»Die Rasenden!« antwortete Herr Probst und erhob sich mit zornsprühenden Augen. »Was ihnen sonst heilig war, treten sie mit Füßen! Ich will mich ihnen zeigen, mit Donnerstimme will ich zu ihnen sprechen, wie der zürnende Vater zu ungeberdigen Kindern.«

»Um Gotteswillen, was wollt Ihr thun?« rief der junge Mann, ihn zurückhaltend. »Ihr habt keinen Einfluß mehr auf sie; sie werden nicht auf Euch hören, werden Euch vielleicht gar verhöhnen!«

»Ich will sehen, ob sie mein graues Haar nicht achten?!« antwortete der Bürgermeister. »Ich habe so manche Nacht in Sorgen für sie durchwacht, ich habe rastlos gearbeitet für das Wohl dieser Stadt und das wäre mein Dank?«

»Woldemar,« fuhr er fort, »und dies sind die Menschen, denen du noch das Wort redest!«

»Ich rede nicht dem Pöbel das Wort,« entgegnete der Jüngling, »der Alles entweiht, was Recht und Sitte geheiligt! Zersprengt ein lang eingedämmter Strom seine Bande, so überfluthet er Alles, was in seinem Wege liegt, und seine Hand vermag ihn wieder zu fesseln, bis seine wilden Fluthen sich verlaufen haben. Dann rollt er ruhig fort in seinem Bett. So ist es mit der Volksfreiheit. Lange war sie in schmähliche Fesseln geschlagen, der Nothstand des armen Mannes stieg bis zum höchsten Gipfel; da rüttelte eine kecke Hand an den Banden, bis sie brachen, und der Strom ergießt sich wild über Berg und Thal. Der handelt klug, der sich ihm nicht trotzig gegenüberstellt, sondern sich beugt vor der einher brausenden Fluth. Die Elemente werden eine Zeit lang mit einander ringen, darin wird das Unklare, Unlautere verschwinden, die Ruhe wird wiederkehren, und die Sonne auf freie Menschen scheinen.«

»Mit Trauern seh' ich dich einem Wahne huldigen, der nimmer in Erfüllung gehen kann!« seufzte der Greis. »Nicht alle Menschen können frei sein und gleich, das hat der allgerechte Gott schon in die menschliche Natur gelegt. Sieh', diese Rotten an; nur die rohe Kraft des Armes macht sie schrecklich. Ihr Beruf ist zu arbeiten und eine weise Abhängigkeit macht, daß sie ihre Kraft nicht falschen Zwecken leihen. Wir dienen mit unserm Geiste dem allgemeinen Wohl, wir sind die Seele dieses Körpers, der ohne uns in sich selbst zerfallen würde. Sollen sie darum uns gleich sein? Nein, wie die Seele über den sterblichen Leib steht, und wie dieser jener gehorcht, so hoch stehen wir über der gedankenlosen Masse.«

»Versagt aber dem Körper sein Recht und fragt dann, was die Seele sei!« antwortete Woldemar. »Es giebt nur einen Unterschied zwischen Mensch und Mensch, das ist der des Geistes. Vor dem Gesetz seien Alle gleich, der Geist erhebt sich selbst über das Gemeine. Aber dieser Geist ist nicht Privilegium einer Classe; er regt sich in der Hütte, wie im Palaste.«

»Du kehrst das Schwert gegen die eigne Brust!« versetzte der Greis. »Rein und edel pflanzte sich unser Geschlecht von Jahrhundert zu Jahrhundert fort, und sein letzter Sprosse will die von den Ahnen wohlerworbenen Rechte von sich werfen?«

»Ich begehre kein Recht, das mich über Andre erhebt!« rief Woldemar begeistert. »Nicht dem Zufall der Geburt, sondern mir selbst will ich verdanken, was ich bin; und wahrhaftig, die Reihen unserer Ahnen würden schöner glänzen, hätten sie jenes Recht der Geburt nicht besessen! Ihr werdet es noch erleben, Vater, daß das alte morsche Gebäude zusammenstürzt, und ein neuer heiterer Tempel der Freiheit sich erhebt!«

»Du weissagst damit zugleich meinen Tod!« erwiederte der Vater traurig. »Ich stritt mein Leben lang für die Rechte der Geschlechter und sollte nun die Frucht langjähriger Kämpfe vom tollen Pöbelhaufen zertreten sehen? Sie werden zugleich mein Herz zertreten!«

»Ihr werdet ihn nicht aufhalten, den Strom!« sagte Woldemar. »O Vater, schaut nicht zurück! Was hinter Euch liegt, ist todt und abgethan! Das Rad der Zeit rauscht vorwärts! Haltet es nicht auf, damit es Euch nicht zermalme! O hättet Ihr der Zeit ihr Opfer gebracht! Hättet Ihr die Männer in den Rath genommen, die das Volk liebt, denen es vertraut!«

»Wie?« zürnte der Bürgermeister. »Wie, den Götzen der Zwietracht in unsrer ehrwürdigen Versammlung aufstellen? Weißt du, junger Mensch, die Folgen all', hätten wir dem übermüthigen Verlangen des Pöbels nachgegeben? Die Geschlechter waren seit Jahrhunderten allein die Glieder des Raths! Wir hätten uns selbst für besiegt erkannt, hätten wir dem Mordpropheten einen Stuhl in unsrer Mitte eingeräumt!«

»Und ist der Rath denn Sieger?« fragte der Jüngling. »Schritt vor Schritt hat er weichen müssen der unverhohlenen Gewalt des Volkes. Ihr wolltet Münzer nicht aufnehmen, und siehe! er erschien selbst, und das Volk jauchzte ihm entgegen. Ihr verbotet ihm zu predigen, aber Ihr mußtet ihn in Frieden sein Werk treiben lassen, denn das Volk umgab ihn, wie eine eherne Mauer!«

»Nicht lange wird der Unfug dauern, so uns Gott gnädig sei!« antwortete der Bürgermeister.

»Ihr hofft die Flamme zu ersticken und wißt nicht, daß es ein Brand ist, der alle Länder durchglüht und nicht eher erlöschen wird, bis die alten Gebrechen unserer Verhältnisse in Asche gesunken sind. Bis zu dem fernsten Süden fordert das Volk dieselbe Schuld ein.«

»Es ist die Praktik des falschen Phropheten!« sagte der Greis.

»Nein!« rief der Sohn. »Wie könnte Eines Menschen Zunge Millionen Herzen bewegen? Und spräche er mit Engelzungen, so vermöchte er doch das Weiße nicht schwarz, das Schwarze nicht weiß zu machen! Der Geist, in dessen Namen er sprach, ist nicht von ihm. Sein Wort war vielleicht der Funke, der den Brand entzündete, aber entzünden mußt' er sich, und ein Anderer wäre gekommen, wenn nicht Münzer. Ihr verachtet ihn! O wolltet Ihr ihn nur einmal hören mit vorurtheilsfreiem Herzen, wolltet Ihr nur einmal Euch in seine Seele tauchen, und Ihr würdet ihn nicht verachten! Ein gewaltiger Geist spricht aus diesen Flammenaugen, der Geist eines Propheten! Was wär' es denn sonst, das ihm die Herzen all' gewönne? Hört Ihr den Jubel des Volks? Dort unten schreitet er über die Straße, und Jung und Alt drängt sich um ihn, hascht nach dem Saum seines Kleides und buhlt danach, seine Hand zu küssen. Nun spricht er, und Todtenstille herrscht plötzlich; man hört die Herzen klopfen, sie hängen an seinen Lippen!«

»Nicht jeder mächtige Geist ist ein guter Geist!« erwiederte der Bürgermeister. Ich beklage diese Verblendung und kann den Lügenpropheten nur hassen. Weh' aber, wenn er an meinem Sohne einen Schüler gefunden! Wehe, wenn ich einen Feind am eigenen Busen genährt hätte! Woldemar, willst du die Geschlechter verrathen, denen du angehörst, die Stadt, der wir unsere Lebenskraft weihten, um eines Wahnes willen, der Verbrechen ist?«

»Ich werde thun, was ich für recht und gut erkenne!« antwortete Woldemar fest.

»Wehe, wenn ich den einzigen Sohn den Henkerstod sterben sehen müßte! Denn glaube mir, die Gerechtigkeit wird die Frevler fassen, sei es früh oder spät! Woldemar, halte nicht zu ihnen, die unser Geschlecht hassen, stehe zu denen, an die die Bande der Natur dich knüpfen!«

Der Lärm auf der Straße wuchs. Ein tobender Haufe hatte sich vor dem Hause des alten Bürgermeisters gesammelt und drohende Stimmen riefen hinauf: »Heraus, alter Probst! Verantworte dich! Wir führen Klage gegen dich! Nieder mit allen Feinden der Freiheit!«

»Da hörst du's,« sagte der Greis schmerzlich, »wie sie mein graues Haupt verspotten! Und diesen Frevlern willst du dich anschließen, willst den Vater vergessen, um dieser Buben willen?«

»Heraus! Gieb' Rechenschaft!« rief es von unten wieder. »Leg' Rechnung ab von deinem Haushalten! Du hast uns bestohlen und betrogen, hast unser Gut verpraßt! Es soll dir gehen, wie dem Kellner zu Erfurt!«

»Beim ewigen Gott, das hab' ich nicht gethan!« rief der Bürgermeister. »Woldemar, sie entehren deinen Vater!«

Woldemar öffnete das Fenster und beugte sich hinaus. Das Getümmel steigerte sich. Flüche und Schimpfwörter flogen herauf; dazwischen hörte man einzelne Stimmen, die riefen: »Junker Woldemar ist ein Bürgerfreund! Laßt ihn sprechen!« In dem Augenblick fuhr ein Stein klirrend durch's Fenster; Woldemar trat zurück mit gerötheten Wangen.

»Diese wilden Thiere wollen uns gleich sein!« sagte der Greis bitter, mit einem Vorwurf gegen den Sohn. »Sie wissen nicht, was sie thun!« entgegnete dieser.

Da öffnete sich die Thüre des Gemachs, und eine weibliche Gestalt schwebte herein; sie schlug den schwarzen Schleier vom Antlitz und ihre Augen starrten geisterhaft. Diese Züge waren gewiß ehemals schön gewesen, nun aber hatten sie Alter und Kummer zerstört. Ein tiefer Seelenschmerz lagerte noch um die bleichen Lippen, auf den eingefallenen Wangen mochte man die Spuren von Thränen zu bemerken glauben. Greises Haar flatterte um die Schläfe. Der Bürgermeister schien erschüttert, von der unerwarteten Erscheinung; er hielt sich an der Lehne eines Stuhles fest und seine Wangen erbleichten.

»Bürgermeister von Mühlhausen!« sprach sie mit dumpfer Stimme. »Das Weltgericht naht! Ich sehe Ströme Blutes stießen! Es fluthet über deine Schwelle, es reißt deine Ahnenbilder von den Wänden! Gewalt und Ansehen fallen von dir ab, wie im Herbst die Blätter von den Bäumen! Wo ist die stolze Reichsstadt? Ich seh' einen Mann, der hat Augen wie Feuer, vor seiner Stimme wanken die Mauern, und Tausend und aber Tausend folgen seinem Wink. Er baut seinen Thron aus Euren Leibern! Und wieder seh' ich Blut und inmitten schwimmt das Haupt des gewaltigen Mannes, aber seine Augen glänzen noch, er ist nicht todt!«

»Geh' in dein Closet, Schwester!« sagte der Bürgermeister sich ermannend.

»Warum?« antwortete sie. »Kannst du mir denn mein Leben wiedergeben? Kannst du Todte aus den Gräbern rufen, so will ich in Geduld harren! Ha, wie du schweigst! Du kannst es nicht! Hartherziger Bruder, gieb mir meinen Gatten, gieb mir mein Kind wieder!«

Mit einem geltenden Schrei sank sie zusammen. Der Greis fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wolle er einen Dämon verscheuchen, den der Wahnsinn der Schwester heraufbeschworen. Was war es, das den eisenfesten Mann bewegte? Woldemar war der Greisin beigesprungen und richtete sie auf. Ihre Augen waren glanzlos, das Leben ihrer Seele schien erstorben; langsam schwankte sie am Arme des Neffen aus dem Gemach.

»Arme Wahnsinnige!« seufzte der Bürgermeister. »Aber er mußte so sein! Sie frevelte an unserm Geschlecht! Wir brechen das Reis vom Baume, das ihm Schaden bringt, wir reifen das Aug' aus, das uns ärgert!« Er rief nach seinem Bürgermantel und hing eine goldene Gnadenkette um seinen Hals. –

Die Kirche zu Unserer lieben Frau entsprach heute nicht ihrem heiligen, gottgeweihten Beruf. Nicht andächtige Beter waren es, die alle Räume besetzt hatten, so dicht, daß im buchstäblichen Sinne kein Apfel zur Erde fallen konnte, andere, weltliche Interessen, obwohl von nicht geringer Bedeutung, waren es, die verhandelt wurden. So viel aber auch Menschen versammelt sein mochten, Keiner von den Geschlechtern fand sich darunter; es war der niedere Bürgerstand, die Zünfte und die handarbeitende Classe, welche die allgemeinen Interessen vertraten.

Johann Roder, seines Gewerbes ein Kürschner, ein riesenhafter Mann, war es, der den Redner machte. Er hatte sich auf einen Beichtstuhl gestellt und focht nun mit den Händen in der Luft, während er sprach. »So hat sich uns der Rath,« fuhr er eben fort, »stets feindlich gezeigt, wenn wir etwas von ihm begehrten, das wir für das gemeine Beste ersprießlich hielten. Er wollte dem Gottesmann Münzer verwehren, uns das Evangelium zu predigen, und legte es uns gar arg aus, als wir's dahin brachten, daß er uns mit dem Manna seines Worts speisen durfte. Aber er brütete im Stillen Verrath gegen uns. Er wollte es nicht mit uns halten, sondern sich lieber zu den Feinden des Evangeliums schlagen. Unsere Thore ließ er besetzen, damit die Brüder vom Lande, die nach der Wahrheit durstig waren, nicht an ihrem Born sich laben sollten. Als wir nun mit gutem Fug unsere Stimme dagegen erhoben, da wurde den Geschlechtern gar bange, und sie mußten zusehen, wie wir unsern Meister Thomas zum Oberpfarrer erwählten. Wir hatten guten Fug, denn die Gemeinde soll sich ihren Hirten wählen, und wer anders als wir sind die Gemeinde?«

»Freilich, freilich!« erklang es im Volk. »Wir sind die Gemeinde! Wir dürfen wählen! Auch einen Rath dürfen wir machen aus unserer Mitte!«

»So dürfen wir!« fuhr Meister Roder fort. »Darum verlangten wir auch, daß Münzer, der Gottesmann, und Pfeifer in den Rath gesetzt würden! Sie schlugen's ab. Warum? Weil sie wußten, daß diese Männer wacker für unsere Rechte kämpfen würden gegen den alten Sauerteig. Sie fürchten, wir möchten ihnen auf die Finger sehen, und nicht Alles glauben, was sie uns als Sand in die Augen streuen! Sie haben an den kaiserlichen Statthalter geschickt um Hülfe gegen uns, aber Herr Perlet Probst ist zurückgekommen und hat den Statthalter in deutschen Landen nicht gefunden. Sollen wir das ruhig hingehen lassen? Hatte der Erzherzog ihnen Hülfe gegeben, so würden sie über uns fallen mit Spießen und Stangen; nun aber geben sie klein bei, da sie keine Macht haben, ihre Ungerechtigkeit zu vertuschen. Seht mal zu, wie's die Herren bisher getrieben haben! Laßt Euch Rechnung ablegen von dem Schweiß des armen Handwerksmannes, den sie verschlungen! Die Erfurter haben ihren Bürgermeister an den Galgen gebracht, weil er die Gemeinde betrogen; wir wollen auch nicht lang fackeln. Wer Klage hat, bringe sie vor, und dann wollen wir dem hochweisen Rath sein Sündenregister vorhalten, daß ihm die Augen übergehen sollen!«

Hundert Stimmen erhoben sich aus einmal. »Wir sind ungebührlich beschwert!« rief es. »Fort mit den Beeten! Fort mit den Steuern! Wir wollen freie Leute sein! Die Gewerbe sollen nicht bedrückt sein durch fremde Einfuhr! Die Getränke sollen frei sein! Schreibt es nieder! Wenn der Rath nicht hören will, soll er fühlen!«

In dem mittleren Theil der Kirche erhob sich ein Gedränge. »Stille,« rief es von daher, »Meister Storch spricht! Der Geist ist über ihn gekommen! Er hat eine Offenbarung!«

Alles lauschte. Dort aber warf sich ein Mann zur Erde, küßte dreimal mit der Stirne den Boden, stand auf, stand wie verzückt und heftete die schwärmerisch blitzenden Augen an die Decke. »Der Geist spricht aus meinem Munde!« rief er. »Warum wollt Ihr das alte Fleisch nicht tödten? Was wollt Ihr ein altes Kleid mit einem neuen Lappen flicken? Es bleibt ewig alt und unscheinlich! Werfet es fort und ziehet ein neu Gewand an!« Und wieder warf er sich auf den Boden, und der Geist schien mächtig in seiner Brust zu arbeiten.

»Nieder mit dem alten Rath!« brüllte das Volk. »Wir wollen ein ganz neu Regiment ausrichten, ein christlich Regiment! – Erwürget die Dickwänste, die uns bisher geschunden und geplagt haben!« riefen einzelne Stimmen.

Und wie ein Meer wälzte sich die Masse aus der Kirche, schreiend und brüllend dem Rathhause zu. Dort drängte schon eine müßige Schaar um den Eingang. Die Rathsdiener, die ihn besetzt hielten, wurden zurückgeschoben, verhöhnt, gescholten. »Schämt Euch!« hieß es. »Wollt Ihr Bürger dieser Stadt sein und dient dem gemeinen Wesen so schlecht, daß Ihr dem Erzfeinde der Bürgerschaft Vorschub leistet? Nehmt Eures Vortheils wohl wahr, denn bald kommt die Zeit, wo wir die gebietenden Herren sind.«

»Platz, Platz Seiner Gestrengen, dem Bürgermeister!« erscholl Wendel's kräftige Stimme. Unter Spott und Gelächter wurde der Ruf von dem Pöbel wiederholt. Wendel unterstützte aber seinen Befehl durch so derbe Stoße und Püffe, daß er wirklich eine Bahn brach für den ihm auf dem Fuße folgenden Bürgermeister Perlet Probst. Dieser trug sein Haupt hoch aufgerichtet, sein Auge schweifte stolz und ruhig, fast verächtlich über die Menge; die Gnadenkette schimmerte auf seiner Brust. Woldemar ging an seiner Seite, dem Greise zum Schutz gegen etwaige Beleidigungen.

»Ei, ei, Herr Perlet!« sagte ein zerlumpter Kerl, dem Bürgermeister frech in's Angesicht schauend. »Was tragt Ihr da für ein schmuckes, glitzerndes Ding! Damit seid Ihr wohl an kaiserliche Majestät gekettet?«

»Zurück, Unverschämter« herrschte Woldemar und stieß den Bettler so kräftig zurück, daß er gegen die hinter ihm Stehenden taumelte, was wieder Schreien und Toben zur Folge hatte.

»Oho, nicht so trotzig, Junker Woldemar!« heulte der Bettler. »Wir werden auch mit Euch noch fertig!« Er wollte ihm nach, aber die Menschenfluth hatte sich schon wieder hinter dem Bürgermeister und seiner Begleitung geschlossen. »Wollt Ihr's leiden,« rief der Bettler wüthend, »daß Einer von den Geschlechtern einen Bürger mißhandelt? Haut zu! Nieder mit allen Herren!«

»Schweig, Rabe!« war die Antwort. »Junker Woldemar ist ein Bürgerfreund! Er hält's nicht mit den Geschlechtern! Es ist dir recht geschehen!«

Wendel hatte den Weg bis zum Rathhaus frei gemacht, und der Bürgermeister athmete hoch auf, als er sich nicht mehr von dem wilden Haufen umringt sah, denn die Stadtknechte hatten bisher keinen Ungeweihten noch über die Schwelle gelassen. Die Thore wurden nun geschlossen, aber dies vermehrte nur die Wuth des Volke-. Mit Fäusten und Hämmern schlugen sie dawider. »Was?« hieß es. »Die Thore vor uns schließen? Wem gehört das Rathhaus, als einer ehrsamen Bürgerschaft? Wir sollten von Gott und Rechtswegen drinnen sitzen, und nun schlägt man's uns vor der Nase zu. Nun brüten sie drin über unser Wohl und Wehe! Wir wollen zuhören, wir wollen drein schauen! Klettert hinauf! Wir wollen die Fenster einschlagen! Wir machen uns einen Weg! Feuerleitern her! He, Ihr Herren, wollt Ihr nicht unser Anbringen hören? Freilich giebt's keine Sporteln heut! Wir wollen Rechenschaft haben über unser Geld! Wo sind unsre Steuern? Habt ihr sie verfressen und versoffen?«

Das Gewitter, das draußen tobte, schien wie ein Alp auf der Rathsversammlung zu lasten. Man sah nur trübe, sorgenvolle Gesichter und dem Antrag Herrn Probst's, dem Pöbel nicht nachzugeben, folgte eine tiefe Stille. Das Geschrei ward indessen draußen immer lauter und drohender, Anschläge dröhnten an die Thür. Man solle öffnen, hieß es, man habe Beschwerden vorzubringen gegen den Rath. Fragend sah Einer den Andern an, Keiner wagte, einen Antrag zu stellen, denn die Gefahr war vielleicht noch größer, wollte man dem wüthenden Haufen Eintritt gestatten. Das Thor war mit Eisen beschlagen und hing fest in seinen Angeln. Da stand Perlet Probst auf und schritt nach dem Altan. Lautlos sahen die Rathe seinem Beginnen zu. Er trat hinaus. Das Geschrei verdoppelte sich; man hatte schon eine Leiter angelegt, und jener zerlumpte Bettler war im Begriff, den Altan zu ersteigen. Probst gab ein Zeichen mit der Hand, daß er sprechen wolle, aber es dauerte lange, ehe er sich so viel Ruhe verschaffte, um von den unten Stehenden verstanden zu werden. »Treue, liebe Mitbürger!« rief er. »Was thut Ihr, wozu lasset Ihr Euch hinreißen durch einige unsaubere Geister? Habt Ihr Beschwerden, so setzet sie auf und sendet sie an einen hochweisen Rath, wie sich's geziemt, in Zucht und Ehren! Und wenn Ihr Recht habt, so soll Eurer Beschwerniß abgeholfen werden. Jetzt aber geht nach Hause, als fromme, friedliche Bürger und lasset von dem frevelhaften Beginnen!«

»Das Thor auf!« war die Antwort. »Wir wollen unsre Beschwerden selbst vorbringen, nicht auf dem Papier, sondern wollen sprechen, wie uns der Schnabel gewachsen ist.«

»Der Rath wird öffnen, wenn er sich zu Euch Liebes und Gutes versehen kann!« versetzte der Bürgermeister. »Wählt einen Sprecher unter Euch und sendet ihn herauf!«

»Wir wollen selbst sprechen!« erscholl es dagegen. »Wir wollen Alle hinauf! Wir wollen sehen, wie die hochweisen Herren regieren! Der Rath soll uns Rechnung legen! Soll unserem Prediger Sitz und Stimme geben! Soll uns die Auslagen abnehmen!«

»Harret nur eine kleine Weile, und es soll Euch Antwort werden!« sprach Herr Probst, mühsam seinen Zorn bezwingend, und trat zurück. »Weise Räthe und Schöffen!« sprach er dann mit erhobener Stimme gegen die Rathsversammlung. »Der Rath ist gekränkt, beleidigt, verhöhnt von dem tollen Pöbel, und wir mögen uns des Schlimmsten versehen! Mit bestem Gewissen kann ich nicht mehr berathen über das Wohl dieser unglücklichen Stadt, die sich dem Teufel des Aufruhrs ergeben! So leg' ich denn diesen Mantel nieder und alle Insignien meiner Würde und will es vor kaiserlicher Majestät verantworten, wenn ich hinfüro nicht mehr Bürgermeister einer freien Reichsstadt Mühlhausen sein will!« Er that, wie er gesagt, und die Aufregung seines Gemüths schien sich zu legen, als er ohne die Abzeichen der gefährlichen Würde dastand. Auch die Uebrigen erklärten sich bereit, abzudanken, und Herr Probst übernahm es als letzte Pflicht, den Willen der Rathsversammlung dem Volke zu verkündigen.

»Bürger!« rief er vom Altan herab, »der Rath der ehrsamen Stadt glaubt es nicht länger mit seiner Pflicht und seinem Gewissen verträglich, ein Regiment zu führen, das frevelnde Hände widerrechtlich antasten. Bürgermeister, Räthe und Schöffen legen daher die Würde nieder, die sie unter dem Schutz und Willen kaiserlicher Majestät empfangen, und überlassen es gemeiner Bürgerschaft, sich einen neuen Rath zu wählen, dem sie auch Rechnung ablegen wollen, mit Wissen und Willen kaiserlicher Majestät über Einnahmen und Ausgaben dieser Stadt!«

Ein tausendstimmiger Jubel erhob sich nach diesen Worten. Nachdem die Papiere und Insignien sorgfältig verschlossen, verließen die Räthe das Rathhaus; ungehindert ließ man sie ziehen. Herr Perlet Probst schritt stolz durch die Menge, diesmal nicht von einem Rathsdiener begleitet, aber von seinem Sohne Woldemar geführt, dem einzelne Stimmen laut zujauchzten. Der Jüngling antwortete nicht auf diese Beweise der Volksgunst, er schien sich in Gegenwart des Vaters, den eben dies Volk gehöhnt, derselben fast zu schämen.

»Nun wollen wir ein neues Regiment aufrichten!« jubelte Meister Roder. »Das soll anders klingen, als bisher das alte Lied! Freut euch, Bürger, das Reich der christlichen Freiheit ist gekommen! Einen neuen Rath wollen wir wählen, nicht aus den Geschlechtern, sondern aus dem Volke! Der soll zu uns halten in allen Nöthen! Der wird uns nicht schinden und drücken! Hin zu Thomas Münzer, dem Gottesmann!«

Thomas Münzers Name wurde jauchzend von tausend Lippen wiederholt, von einem Freudengeschrei begleitet, dann fluthete der Menschenstrom nach der Wohnung des neuen Propheten, während von Andern das Rathhaus besetzt wurde. Die Schaarwächter und Rathsknechte waren fest geschmeidig und verwehrten dem siegenden Volke nicht mehr den Eintritt.

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