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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 22
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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IX.

Auch durch ganz Franken war nun das Volk zu Boden gerungen, und die besten Häupter unter dem Schwerte gefallen. Bauernblut floß in Strömen; der wilde Markgraf Casimir machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, Augen auszustechen und Finger abhacken zu lassen, Bischof Conrad von Würzburg konnte des Mordens nicht satt werden, und der alte Henneberger hatte die christliche Brüderschaft, seinen Schwur auf Treue und Glauben vergessen, als er sah, daß er nicht Herzog von Franken werden konnte, und ließ Köpfe abschlagen und brandschatzte, wie irgend Einer. Treu hatten die Bauern ihre Verträge zum Nachtheil ihrer Sache gehalten; als die Fürsten aber das Heft des Schwertes wieder in den Händen hatten, zerschnitten sie die beschworenen Dokumente.

In den Alpenlanden allein, im Allgau und am Bodensee war die Volkskraft noch ungebeugt. Schlösser und Kloster brannten noch lustig fort, und Städte und Dörfer, die sich von der Bauernsache abgewandt, fühlten das Schwert der Rache. Zu unglücklicher Stunde hatten sie, durch die guten Worte des Truchseß bewogen, mit diesem und dem schwäbischen Bunde einen Vertrag abgeschlossen, ohne welchen und wenn sie ihren Vortheil benutzt hätten, sie den Truchseß vernichtet und dem ganzen Krieg eine andre Wendung gegeben haben würden. Der Truchseß freute sich, die drei starken Haufen vom Bodensee, Allgau und Ried mit guter Manier sich vom Halse gebracht zu haben, um die Hegauer und Schwarzwälder heimzusuchen und seinen Zug nach Franken zu beginnen.

Der Bund aber hatte es nicht verstanden, die Bauern in gutem Vernehmen zu erhalten. Mit Mord und Brand erzwang er sich die Huldigung und reizte die zu spät klug Gewordenen zu verzweifelten Widerstand. Die Allgauer hatten den Vertrag von Weingarten, den ihre Abgeordneten »auf Hintersichbringen« abgeschlossen; nicht angenommen, sondern fortwährend Schlösser und Klöster abgethan. Der Erzherzog Ferdinand hatte mit ihnen unterhandelt, um die Landschaft für das Haus Österreich zu gewinnen, aber sie trauten ihm nicht mehr, und die Unterhandlungen wurden abgebrochen, als der Truchseß, mit seinem Henker, über Nördlingen daherkam. Er verfuhr nach seiner gewöhnlichen Weise. Während sein »besonders lieber Berthold« henkte, Augen ausstach und brandmarkte, sengte und plünderte der Truchseß. Der Erzherzog schrieb ihm zwar, er solle Halt machen, da er mit dem obern und untern Allgau im Stillstand sei, aber der Bund befahl ihm, vorwärts zu gehen.

Bei Schratterbach stieß er mit seinem Vortrab unversehens auf einen Haufen von sechstausend Allgäuern, die in Schlachtordnung gegen ihn zogen. Rasch rief er sein Hauptheer zu Hülfe. Dies durften die Bauern nicht erwarten, sie zogen sich nach kurzem Gefecht über die Luibas zurück, ohne daß der Truchseß sie zu verfolgen wagte, und nahmen auf der steil ansteigenden Höhe eine feste Stellung ein. Links waren sie durch die Iller, vorn durch die Verhaue, die weiße Luibas und deren steilen Ufer, rechts durch hohe waldige Berge und den Weiher bei Wageck gedeckt. Hier zogen sie ihre Streitkräfte aus dem obern und untern Allgau an sich. Der Truchseß sah ein, daß ein Sieg über diese Männer nicht so leicht zu erfechten sei, als über die entmuthigten fränkischen Haufen. Es waren die waffengeübtesten Männer im ganzen deutschen Lande, Viele von ihnen hatten in Frankreich und Italien gedient, unter dem Truchseß selbst und unter Georg von Frondsberg, und außerdem hatten sich große Schaaren der aus Niederschwaben und Franken Geflüchteten in's Allgau geworfen; sie hatten viel und gutes Geschütz und sittliche Kraft. Deshalb wagte Herr Georg den Angriff nicht, er wollte Frondsberg erwarten, lagerte diesseits der Luibas und ließ sein Geschütz auf die Bauern spielen, das diese mit Glück erwiederten.

Die Bauern hatten sich nach und nach bis auf dreiundzwanzigtausend Mann verstärkt. Sie ordneten ihr Heer in drei Haufen und wollten den Truchseß von seinem Lager weglocken und sein Geschütz nehmen.

Früh am Morgen ging ein Haufen der Allgäuer unterhalb des bündischen Lagers über die Luibas. Der Truchseß ließ Lärm blasen, befahl das Heer in Schlachtordnung zu stellen, besichtigte den anziehenden Haufen und ließ auf sie feuern. Die Bauern thaten, als ob sie fliehen wollten, einige Hauptleute begehrten sie zu verfolgen; aber der Truchseß litt es nicht. »Nein,« sagte er, »ich weiß, sie wollen uns locken, ob wir zu weit vom Lager kämen, um dann vorn und in der Seite mit ihren beiden andern Haufen uns in's Lager zu brechen.« Und so war es auch. Ein zweiter Haufen war oberhalb des Lagers über die Luibas gesetzt und der dritte schritt eben heran, um über das Wasser zu gehen. Als die Bauern ihre List vereitelt sahen, gingen sie wieder zurück.

An diesem Tage kam Georg von Frondsberg mit seinen dreitausend Knechten, den Siegern von Pavia. Dennoch wagten sie es nicht, die Entscheidung einer Schlacht anzuvertrauen. »Wir wollen sie nicht angreifen,« sagte Frondsberg, »es würde zu beiden Seiten viel Blut kosten, und wir würden wenig Ehr' erlangen. Ich kenne die Hauptleute, die dem Kaiser in Italien gedient haben, ich will einen andern Weg versuchen, daß die Sache zu gutem Ende komme.«

Frondsberg knüpfte nun insgeheim mit Walter Bach und einigen Hauptleuten der Bauern Unterhandlungen an, und diese verstanden sich dazu, gegen große Geldsummen die Bauern aus ihren Vortheil und zum Abzug zu bringen. Walter Bach versprach ein Zeichen zu geben, wenn der Verrath gelungen sei.

Im Bauernrathe sprachen nun Walter Bach und seine Genossen, da der Frondsberg mit seinen Kriegsleuten da sei, könnten sie in dieser Stellung die Bündischen nicht angreifen; sie wollten den Feind umgehen und einen andern Vortheil suchen. Mit verrätherischer Gewandtheit gewann er die Mehrheit für sich.

Die Nacht lag sternendunkel über den grünen Alpenhöhen, nur die Wachtfeuer leuchteten, wie Sterne durch die Finsternis sie leuchteten dem Verrathe, der in dieser Nacht vollzogen wurde. Der Truchseß und Frondsberg schickten einige Knechte an's Lager der Bauern, sie zu belauschen, sie selbst folgten mit etlichen Hauptleuten in einiger Entfernung. Die Wachtposten gewahrten die Reisigen und riefen dem Büchsenmeister zu, auf sie zu feuern. Darauf sprach Einer: »Was soll ich schießen, da wir doch kein Pulver mehr haben?« Erfreut wandten der Truchseß und Fondsberg sich um, denn diese Worte waren das verabredete Zeichen gewesen, das der Verrath gelungen sei. Walter Bach hatte unter dem Schein, als sei es durch feindliche Kugeln geschehen, den ganzen Pulvervorrath der Bauern in Brand stecken lassen.

Um Mitternacht hörten die Bündischen den Abzug von zwei der drei Haufen; geführt von Walter Bach und Caspar Schneider; die Büchsenmeister waren bestochen und ließen die Geschütze stehen, während die Bauern dahinzogen. Auf dem Zug übergaben die Hauptleute, als ob sie auf Kundschaft ausgehen wollten, die Fahnen Andern und entwichen.

Die armen Verrathenen sahen sich bald schrecklich enttäuscht, die bündische Reiterei sprengte hinter ihnen her, und im Nu waren die beiden Haufen zersprengt, aufgelöst. Das ganze Geschütz fiel in die Hände der Bündischen.

Noch aber stand der dritte Haufe unter dem wackern Knopf von Luibas in festgeschlossenen Reihen. Als Schmid mit Tagesanbruch die Verrätherei entdeckte, zog er sich in guter Ordnung gegen Sulzberg oberhalb Kempten zurück. Die bündische Reiterei brachte ihm zwar manchen Verlust bei, aber er erreichte glücklich den Kollerberg, setzte sich hier, zog die Versprengten an sich heran und erwartete muthig den Angriff der Bündischen. Der Truchseß besetzte alle Wege mit starken Posten, so daß Hunger und Mangel unter den so von aller Zufuhr Abgeschnittenen einriß. Und um ihr Unglück zu erhöhen, flammte der Himmel blutroth auf, und sie sahen in ein weites großes Feuermeer, von mehr als zweihundert brennenden Dörfern und Höfen gebildet.

Ein Ruf des Entsetzens erscholl aus Aller Munde; da standen die Armen und starrten in die Flammen, die ihre Habe, vielleicht Weib und Kind verzehrten. Der Knopf von Luibas stand regungslos auf sein Schwert gelehnt; er ballte die Faust und sein verzweiflungsvoller Blick flehte vom Himmel Rache über die Verräther. Rache über den Mordbrenner, der die schönen heimischen Gauen mit grausamer Faust verödete.

Da trat ein junger Bauer zu ihm heran. »Ach, Knopf,« sprach er, »mir zerfrißt's das Herz vor Gram, daß wir da müssig liegen, während das Heimathl verbrennt. O mein arm Mütterlein, du lieb Hedwigl, wie wird's Euch ergehen!«

»Glaub's, Willi, ich möcht' Blut weinen!« antwortete der Knopf. »Die verrätherischen Hunde, sie haben uns all' ermordet und dies Elend über uns bracht!«

»Was sollen wir aber nun thun?« fragte Willi weiter. »Der Hunger brennt uns in's Eingeweid und die Flammen in 's Herz! Führ' uns hinab, wir wollen lieber todt sein, als länger das Elend ertragen!«

Es wurden Abgeordnete der Bündischen gemeldet, die eine Aufforderung zur Unterweisung brachten. Schmid empfing sie finster. Er war nicht geneigt, Vertrag anzunehmen; die Bauern aber, vom Hunger bezwungen und vom Brand der Heimath gebeugt, verlangten danach und so wurde die Unterwerfung beschlossen. Der Vertrag lautete: neue Huldigung, sechs Gulden Brandsteuer für jede Hofstatt, Schiedsgericht des schwäbischen Bundes über Schadenersatz an ihre Herrschaften und über ihre Beschwerden gegen dieselben; Bestrafung der Ursächer in Gnade und Ungnade.

Dem Knopf und vielen andern Hauptleuten gelang es, zu entkommen. Der Erstere aber wurde zu Bregenz gefangen und nach langem Gefängniß an einen Baum gehängt. Die Uebrigen legten die Waffen nieder und weiße Stabe in den Händen tragend, mußten sie durch die Reihen der sie verspottenden Feinde gehen. An dreißig Mann ließ der Truchseß enthaupten, unter ihnen war auch der fromme, rechtliche Jörg Täuber von Häusern. Matthias Waibel, der fromme Prediger zu St. Lorenz, wurde später meuchlings ergriffen, von Aichlin in einen Wald geschleppt und an eine Buche gehängt. Er starb betend für seine Feinde; das Volk verehrte ihn als einen Heiligen und wallfahrte zu seinem Grabe.

Willi eilte nach dem väterlichen Dorfe; überall fand er Brandstätten, wehklagende Greise, Weiber und Kinder, plündernde und mordende Landsknechte. Jetzt stand er an dem Platz, wo er den heimatlichen Kirchthurm sehen konnte. Wie hatt' er ihm oft zugejauchzt und war den Hohlweg dahingeeilt, der nach dem Ort führte, wo Alles athmete, was ihm auf der Welt am theuersten war! Ach, nicht mehr streckte sich der Thurm keck und schlank in den blauen Himmel; wo friedliche Hütten standen, da wirbelten dunkle Rauchsäulen empor, und selbst die Natur hatte ihr frühlingsfrisches Antlitz mit einem Trauerflor überzogen. Willi stand wie am Boden gewurzelt; er schlug die Hände vor's Gesicht und weinte. Dann eilte er im schnellsten Laufe den Trümmern des Dorfes zu. Das Wehklagen der Vertriebenen, das Brüllen des umherirrenden Viehs ward immer vernehmlicher, schrecklicher; die Bäume zunächst des Dorfes waren abgebrannt oder versengt; die große Linde streckte ihre halbverkohlten Aeste traurig aus. Der große Platz unter derselben war von den Habseligkeiten bedeckt, die die Landsknechte und Reisigen übriggelassen, und welche die armen Beraubten mit Lebensgefahr dem wüthenden Element entrissen. Willi eilte vorüber; er wußte nicht, wohin er zuerst sich wenden sollte; da sprang plötzlich ein Weib mit einem lauten Schrei auf ihn zu und umklammerte seinen Hals. Es war seine Mutter. Die alte Frau vergoß Freudenthränen an seiner Brust; sie bedeckte ihn mit tausend Küssen und nannte ihn mit allen Schmeichelnamen, welche die mütterliche Zärtlichkeit ihr eingab. Willi gab sich ihren Liebkosungen hin, doch sein Herz schlug in ungeduldiger Hast, sein Auge schweifte über die Heimathlosen hin, ohne den Gegenstand in finden, den er suchte.

»Wo ist das Hedwigl?« fragte er endlich.

»Ach, wie viel lieb ist mir's, daß ich dich doch nun noch habe!« sagte die alte Frau, als habe sie seine Frage nicht verstanden. »Unsre Hütt' ist verbrannt, unsern Sparpfennig haben die Landsknecht' genommen aber ich bin doch reich und froh!«

»Wo ist Hedwig?« wiederholte Willi dringender.

»Weiß nicht – weiß nicht, Willi!« antwortete sie und fuhr ablenkend fort: »Aber Herzblattel, wie kommt's halt, daß du nicht im Feld bist, bei dem Fähnlein?«

»Ich will Alles, Alles erzählen!« rief Willi, trüber Ahnung voll, sich losmachend. »Laß mich nur jetzt, Mutterle! Ich muß sehen, was aus der Hedwig worden ist!«

»Geh' nicht hin, geh' nicht hin!« bat die alte Frau und suchte ihn angstvoll zurückzuhalten. Dies steigerte jedoch seine unruhige Hast noch mehr, und er lief nach der Stelle, wo Riedinger's Haus gestanden hatte. Die alte Frau folgte ihm bekümmert.

In starrem Entsetzen stand Willi vor der Schwelle des einst so wohnlichen Hauses, unter dessen Dach die Geliebte geweilt und gewaltet. Das Haus lag in Trümmern; aus dem Schutt erhob sich noch dicker schwarzer Rauch und unfern des Einganges lagen zwei entseelte Körper, deren Anblick dem Jüngling das Haar emporsträuben machte. Ein Greis mit gespaltenem Haupte lag da, das ehrwürdige, von Blut überströmte Antlitz gen Himmel gewendet; die gebrochenen Augen standen weit auf, die weißen Haare klebten zusammen von geronnenem Blute. Ueber ihn her, den Kopf an seine Brust geschmiegt, lag eine weibliche Gestalt; das Antlitz war nur halb sichtbar, aber es trug die Spuren eines furchtbaren Todeskampfes. Willi raufte sich, entsetzlich aufschreiend, das Haar und warf sich über den Leichnam des Mädchens. Es war Hedwig, seine so heiß geliebte Hedwig!

Die alte Frau sah mit Schmerz die Verzweiflung des Sohnes; Thränen träufelten über ihre Wangen, sie ergriff mit zitternder Hand Willi's Arm und sprach: »Willi, mein Augapfel, nimm dir's nicht also zu Herzen! Denk', der liebe Herrgott hat's gethan!«

»Gott? Hahaha!« lachte Willi auf. »Nein, der Teufel hat's gethan, der Truchseß hat's gethan, der noch ärger ist, als der Teufel! Da lug' her,« fuhr er mit weicherer Stimme fort, »ist das mein Hedwigl noch? Wie waren ihre Bäcklein so roth, ihre Lippen wie Kirschen, ihre Stirn wie die Apfelblüth! Ach, nun lug' her, wie's ausschaut! Und da rinnt dein rothes Blut aus deinem Herzen, mein Hedwigl! Schlägt's denn gar nicht mehr, bist ganz todt, mein Meidli?«

Es lag so ein herzzerschneidender Jammer in diesen Worten, daß die alte Frau sich laut schluchzend neben dem Sohne niederwarf. »Wer hat's gethan?« fragte er plötzlich mit einem Dolchblick aus dem verzweiflungsglühenden Augen.

»Ach, Willi,« klagte die Frau, »die bösen Landsknecht' haben den ganzen Jammer angericht. Einer hat dem Hedwigl Gewalt angethan, da ist der Vater dazukommen und hat dem Schänder mit seinem einen gesunden Arm niedergeschlagen. Die Andern aber haben ihn 'rausgeschleppt und Einer hat ihn mit dem Schwert über'n Kopf geschlagen. Nun ist das Meidli in Angst und Schreck kommen, und wie's den Vater hat bluten gesehen, hat sich's in's Messer gestoßen. Hat auch wohl nicht mehr leben wollen in Schande! Aber stell' die Sach' Gott heim, Willi, der richtet und straft die Missethäter gewiss!

Mit entsetzlichem Lachen sprang Willi plötzlich in die Höhe; es klang so grausig, daß es der alten Frau wie ein Messer durch 's Herz schnitt. »Heilige Marie und Joseph!« rief sie angstvoll aus. »Willi, Willi, Herzblattel –«

Er war wahnsinnig; wüthend rannte er unter den Brandstätten umher, nach den Landsknechten zu suchen, denen er den Tod schwor. Er schien selbst seine Mutter nicht zu kennen, die jeden seiner Schritte mit mütterlicher Sorgfalt bewachte.

Später ward sein Wahnsinn stiller und verwandelte sich endlich in einen stillen Trübsinn. All' seine Zärtlichkeit trug er auf die Mutter über, die glücklich und überselig war, wenn er zuweilen lächelte. Er irrte oft Tage lang im Gebirge umher, kletterte auf die höchsten Almen und sang ein melancholisches Lied in die Thäler. Die Mutter gestattete ihm diese Freiheit, da er regelmäßig von diesen Ausflügen zurückkehrte. Einst jedoch kam er nicht zurück; er war spurlos verschwunden, und die Mutter starb bald darauf vor Gram und Kummer. –

 

So war denn endlich der Frieden im deutschen Land wiederhergestellt, aber es war der Frieden einer Brandstätte, wo an allen Enden noch einzelne Flammen emporzucken; es war ein entsetzlicher Frieden, durch Blut und tausendfältigen Verrath erkauft. Auf den Straßen, in den Wäldern, bei den abgebrannten Dörfern fand man Weiber und Kinder, die Hungers starben. Auf allen Straßen sah man Unglückliche mit ausgestochenen Augen, verstümmelten Gliedern, beredte Kläger gegen die grausamen Herren. All' der unmenschliche Greuel, der allüberall im deutschen Lande von den Siegern an den armen Bezwungenen verübt wurde, schrie um Rache, und der schwäbische Bund hatte wohl Recht, wenn er sein Kriegsvolk mit großen Kosten noch mehrere Jahre lang unter den Waffen hielt, der Vorsicht halber. Leute und Schriften gingen im Land herum, man solle sich von den vorigen Verluste nicht abschrecken lassen, sondern sich wieder sammeln und fechten wider Gottes Feinde und den Landschaden: seien auch die Gottlosen jetzt obgelegen, der Sieg werde ihnen nicht lange gedeihen, denn ihre Bosheit sei groß gewachsen, durch Vergießen unschuldigen Blutes und durch Erneuerung des Reiches des Antichrists. In den Alpen drohten die Bauern, sobald die Stauden grün würden, wollten sie sich Recht holen, und alle Herren vertilgen; und sie waren kaum grün, so stand das Salzburgische Gebiet, das unter der Geißel des Erzbischofs und unter der Brandfackel des Erzherzogs seufzte, wieder unter den Waffen. Weissagungen der Wiedertäufer auf 1530 liefen um, die auf Pfingsten jenes Jahres den Untergang des Hauses Oesterreich durch die Türken und die Aufrichtung eines hohenpriesterlichen Königreichs durch die heilige Gemeinde der Täufer verkündeten. Das war nicht die Ruhe nach einem Gewitter, wo der Himmel in reiner Bläue strahlt, die Büsche und Bäume frischer schwellen, und die Luft rein und beseelend über die erquickten Fluren weht; das war die Ruhe des Vulcans, der die glühende Lava aus seinem Schooß geschüttet, und nun braust es noch in seinem Innern fort, und aufwirbelnder Dampf zeugt von dem verborgenen Ringen des Elements.

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