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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 21
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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VIII.

Hatten die Bauern ihre heilige Sache nur zu oft mit Greueln befleckt, so schrumpften diese wie ein Nichts zusammen vor dem, was den Fürsten und Herren der unersättliche Rachedurst dictirte. Wir blicken in einen Abgrund unmenschlicher Grausamkeiten aller Art, wenn wir den Todeskampf der verblutenden Freiheit betrachten, und ein Gefühl von Wehmuth, Abscheu und Verachtung dringt sich uns auf, wenn wir die Ursachen beleuchten, an denen das große, männlich begonnene Werk scheiterte. Hier war es die Feigheit, welche die Thatkraft niederdrückte, dort war es der Eigennutz, die Selbstsucht, welche die vorhandene Kraft zersplitterte, und als dritter Feind gesellte sich ihnen die Treulosigkeit, die Arglist der Fürsten und Herren zu, um das Volk verbluten zu lassen.

Während die sächsischen Fürsten ihre Länder mit dem Richtschwert in der Hand durchzogen, wüthete der Mordkampf im südlichen Deutschland, in Schwaben, Würtemberg und den Rhein- und Maingauen noch entsetzlicher. Wie ein blutiger Komet zog der oberste Feldhauptmann des schwäbischen Bundes, Georg Truchseß von Waldburg, mit »seinem besonders lieben Freunde,« dem Henker Aichlin, durch das Land, und rauchende Brandstätten und verstümmelte Leichen bezeichneten seinen Weg. Das schöne Weinsberg sank in Asche, als Sühnopfer für die von Jäcklein Rohrbach hingemordeten Edlen. Alles Gut darin mußte verbrennen, und das Gebrüll des verbrennenden Viehes tönte herzzerschneidend durch das Prasseln und Heulen der Flammen. Jäcklein Rohrbach mußte, an eine Kette gebunden, in einem Feuerkreise tanzen, bis er langsam gebraten, zu einem unförmlichen Klumpen zusammengeschrumpft, zu Boden sank. Dazu lachten die Edlen, weideten sich an seiner Todesqual, und Trommeln und Pfeifen spielten den Reigen.

Des Truchseß Macht war anfangs unbedeutend, und ein geschickter und glücklicher Angriff der Bauern hätte sie zersprengen können, aber es fehlte der gewaltige Geist, der die rohen Massen seinem Willen beugte, es fehlte der Ziska diesen Taboriten. Die lichten Gedanken der helleren Köpfe, wie Wendel Hipler's, gingen verloren, Florian Geyer, der kühnste Held des Kampfes, erregte Eifersucht und wurde auf diplomatische Sendungen entfernt. Man zerstieß sich die Stirne an dem festen Frauenberg und unterdeß schlug der Truchseß einen Haufen nach dem andern, brachen die Fürsten und Edelleute ihre mit den Bauern geschlossenen Vertrage, öffneten die Städte zaghaft ihre Thore. Was galten Eide, was Verträge?

Die Bauern waren ja für rechtlos erklärt, Niemand brauchte ihnen Treu' und Glauben zu halten. Pfalzgraf Ludwig allein hatte Gewissenszweifel gefühlt, aber der sanfte Melanchthon, an den er schrieb, beruhigte ihn. »Was die Obrigkeit thut, daran thut sie Recht;« sagte Melanchthon. »Wenn die Obrigkeit daher Gemeindegüter und Waldungen einzieht, so hat sich Niemand dawider zu setzen; wenn sie den Zehnten der Kirchen nimmt und andern giebt, so müssen sich die Deutschen eben so gut darein fügen, wie die Juden sich von den Römern die Tempelgüter nehmen lassen mußten. Eine Obrigkeit mag Strafe setzen nach der Länder Noth, denn Gott hat sie geordnet, das Uebel zu wehren und zu strafen, und es haben die Bauern nicht recht, daß sie einer Herrschaft ein Gesetz machen wollen. Daß sie nicht mehr leibeigen sein und die bisherigen Zinsen nicht geben wollen, ist ein großer Frevel. Es ist ein solch' ungezogen, muthwillig, blutgierig Volk, die Deutschen, daß man es billig viel härter halten sollte. Auch nennt Gott das weltliche Regiment ein Schwert, ein Schwert aber das soll schneiden.«

Das Muster feiger Treulosigkeit lieferte die Stadt Meiningen. Nachdem sie beim Anzug des Kurfürsten Johann ihre christlichen Brüder, die Oberfranken, um Hülfe gebeten und diese auch brüderlich herbeigeeilt waren, ergab sich die Stadt ohne Schwertschlag dem Schutz des Kurfürsten und überlieferte ihm den obersten Hauptmann der Bauern in Ketten, um sich dem Kurfürsten zu empfehlen! –

Der Truchseß war nach Franken hereingebrochen, um das hartbedrängte Würzburg zu entsetzen. Durch die mörderische Schlacht bei Königshofen glaubte er sich die Bahn gebrochen zu haben, aber bald sah er in dem weiten Feld bei Sulzdorf den Kern der Franken vor sich, Florian Geyer mit seiner tapfern schwarzen Schaar. Es herrschte so wenig ein besonnener Plan unter den verschiedenen Haufen, daß nach Würzburg nur sagenhafte Gerüchte von der Königshofener Schlacht gekommen waren. Florian Geyer wußte nicht, daß sie verloren war, und glaubte daher seine Brüder noch zwischen sich und dem Truchseß. Wohlgemuth zogen die Fähnlein aus dem Schlosse Ingolstadt nach dem großen Flecken Sulzdorf. Doch wie erschracken sie, als der Truchseß plötzlich mit seiner ganzen Macht daherbrauste. Rasch wurden die Fähnlein geordnet, eine Wagenburg geschlossen und ein Feuer aus sechsunddreißig Geschützen gegen die Reisigen eröffnet. Aber nun wetterte auch der Pfalzgraf heran, die Wagenburg brach, die Bauern begannen zu fliehen und ihre Leiber bedeckten, erstochen, erschlagen, zertreten, das weite Feld. Nur Florian Geyer mit seinen Schwarzen stand fest im Strom, in geschlossener Ordnung zog er sich auf Dorf und Schloß Ingolstadt zurück und die Reisigen prallten zurück an den eisernen Reihen.

Hinter der Dornhecke des Dorfes setzte sich die Schaar; da führte Pfalzgraf Ludwig selbst seine zwölfhundert Ritter und Reisige gegen sie heran. Zwölfhundert der Bauern warfen sich nun in den Kirchhof, drei bis vierhundert in das Schloß. Jene wurden von der Uebermacht in die Kirche gedrängt. Schuß auf Schuß prasselte nun vom Thurm, vom Dach der Kirche, Mauerstücke und Ziegel regneten auf die Köpfe der Reisigen, die endlich Feuerbrände hineinwarfen, daß die Lohe Kirche und Thurm und all' die Tapfern darin verschlang; aber noch aus den Flammen heraus wetterte Tod und Verderben aus die Bündischen.

Indessen vertheidigte Florian Geyer die Ruinen des niedergebrannten Schlosses mit Glück und Tapferkeit. Das Schloß hatte noch hohe und gute Mauern mit einem großen starken Thurm und tiefen Graben. Die Schwarzen verrammelten sich so schnell, daß Niemand zu ihnen kommen mochte, »und schossen so feindlich heraus, als stünde keine Sorge ihnen da an ihrem Verlust, sie begehrten auch weder Gnad' noch Fried'.« Nur drei liefen heraus, Gnade zu erlangen, sanken aber alsbald unter den Spießen der Reisigen. Alles Geschütz, groß und klein, wurde auf die Mauer gerichtet, und von dem Feuer aus so viel Höllenschlünden, öffnete sich die Mauer auf vierundzwanzig Schuh Breite. Alsbald begann der Sturm, Grafen, Herren, Ritter und Reisige stiegen von den Rossen und wateten zugleich mit den Fußknechten durch einen Graben voll lehmigten Kothes. Nun fielen sie mit ganzem Haufen und ganzer Kraft auf den Feind. Aber die Bresche war ausgefüllt durch Männerherzen, die unbezwinglicher waren, als das todte Gestein. Und unter ihnen stand Florian's edle Heldengestalt und seine Stimme rief zum Muth, zur Todesverachtung. Ein Hagel von Kugeln und großen Steinen trieb die Stürmenden zurück in den Graben, über Hundert derselben büßten es mit dem Leben.

Und abermals donnerte das bündische Geschütz, und abermals stürzte ein Theil der Mauer, während die Schwarzen unermüdet Steine trugen und sich fester verrammelten. Diesmal schien der Sturm zu gelingen; die Belagerten hatten ihr Pulver fast verschossen, kein Schuf von Innen heraus fiel mehr, und mit Jubel drangen die Herren vor. Vor ihnen zwischen der zerschossenen Mauer und dem Hof des Schlosses befand sich noch eine Mauer, durch welche nur ein Fenster und enge Thüren gingen. Und abermals zerschellte die Kraft der Stürmenden, und die Herren sahen sich zum zweiten Male zurückgetrieben von den Kugeln, Steinen und Spießen der Schwarzen.

Da richtet man die Geschütze durch die zerschossene Mauer an die innere und schießt diese so weit nieder, daß Platz war, um hineinzufallen. Der dritte Sturm beginnt mit rasender Anstrengung, obgleich die Nacht schon hereinbricht. »Drauf und dran, Kinder!« ruft Florian. »Drauf und dran, Gott wird uns nicht verlassen!« Und ein entsetzlicher Kampf beginnt gegen die hereinbrechende Fluth der Knechte. Man beschießt sich mit Mauersteinen, Schwerter, Lanzen und Hellebarten kreuzen sich im wilden Getümmel, und im Todeskampf umklammern die Gefallenen noch die Feinde und reißen sie nieder. Die Schwarzen sind in die Ruinen zurückgedrängt; sterbend sinken sie im verzweifelten Kampf; an Funfzig ziehen sich in den tiefen Schlosskeller zurück und wehren sich verzweifelt. Da werfen die Feinde brennende Strohbündel und Pulverfäßchen durch die Oeffnungen hinein und die Unglücklichen sinken zerschmettert, erstickt, verbrannt.

Jubelnd dringen nun die Feinde in's Schloß, aber Florian hat eine Handvoll seiner kühnsten Männer zusammengerafft und, durch die Nacht begünstigt, sich durchgeschlagen.

Der Pfalzgraf läßt alle Trompeten schmettern, die Heerpauken schlagen und unterdeß umstellt er das Wäldchen, in welches Florian mit seinen zweihundert Tapfern sich geworfen, damit bis zum nächsten Morgen keiner entlaufe. Aber Florian rastet nicht; bald hier, bald dort bricht er wie ein Wetter hervor. Nur Wenige halten sich thatlos, sie wollen lieber widerstandslos sich erstechen lassen, als dem kühnen Führer zum zweifelhaften Kampfe folgen. Jetzt hat er den Ring durchbrochen und das Freie gewonnen.

Der Morgen beleuchtet ein blutiges Leichenfeld; zweihundert und sechs Leichen der schwarzen Schaar liegen todt in dem engen Raum der Ruine, aber auch nicht weniger Herren und Reisige. Die Bündischen fallen nun in's Gehölz und erwürgen Alles, was sich noch darin befindet, und dazu leuchtet der Himmel blutroth von den brennenden Dörfern Bütthardt, Sulzdorf, Ingolstadt und Giebelstadt. Der Truchseß hat sich den Weg gen Würzburg gebahnt.

Florian Geyer, der edle, auch durch das Unglück nicht gebeugte Held, schlug mit den Wenigen, die ihm von seinen Tapfern übrig geblieben waren, den Weg zu dem Gaildorfischen Haufen ein, der sich ihm besonders verbrüdert hatte. Aber die furchtbaren Erzählungen von den Kämpfen bei Königshofen und Ingolstadt, die Drohbriefe des Truchseß und die Verrätherei des Ritters mit der eisernen Hand zerstreuten diesen Haufen, der noch keine Verluste erlitten. Florian Geyer fand Alles zerstreut, aufgelöst, entmuthigt, neu gehuldigt. Da übermannte ihn der Schmerz. Er hatte Alles bisher erduldet, Zurücksetzung und Gabalen, um der Freiheit willen, der er sein reines und reiches Leben gewidmet, nun aber furchte sich seine Stirne in bittrer Entrüstung über die Zaghaften und Verräther. Und doch war er noch nicht entmuthigt, er wollte aushalten, bis die bezwungene Freiheit den letzten Athem aushauchte, und mit ihr sterben.

Er wagte den Versuch, die, welche noch nicht wieder gehuldigt hatten und noch nicht entwaffnet waren, die Versprengten aus Würtemberg, aus dein Kocher- und Jaxtthal um sich zu versammeln, und den Wald, das Ries, den Birngrund und die Rotenburger Landschaft auf's Neue im Rücken der Fürsten zu bewegen. Aber mitten in diesen Anstrengungen riß ihn der Tod dahin. Von seinem Anhang umgeben, sah er sich plötzlich auf dem Speltich, einer Waldhöhe zwischen den Schlössern Volberg und Limburg, unweit Hall, von einem reisigen Geschwader überfallen. Es war sein eigener Schwager, Wilhelm von Grumbach, der es führte.

Kühn sah Florian dem Tod in's Auge und begann den hoffnungslosen Kampf. Ein riesiger Mann sprengte auf ihn ein; Florian sah ihm in's Auge, und in dem Augenblick hatten sich die Männer erkannt. Es war Wolfenzahn der hier dem ehemaligen Waffenbruder begegnete. Zornesgluth flammte in Florian's Antlitz empor, mit einem mächtigen Hieb trennte er den zum Streich erhobenen Arm des Ritters vom Rumpf; doch in demselben Augenblick rannte der Knappe desselben seinen Spieß mit einem Ruf des Entsetzens in die Brust des tapferer Florian, daß er sterbend neben dem blutenden Feinde niedersank. Der Kappe aber warf sich wehklagend über seinen verwundeten Herrn, küßte seine bleichen Lippen und suchte das rinnende Blut mit der Schärpe zu stillen, die er um den Armstumpf wand.

Florian Geyer hatte sein edles Leben hingehaucht; das Herz war kalt und still, das für die Freiheit, für die Armen, für die Unterdrückten geschlagen, das Schwert war der Hand entfallen, die ein Schrecken der Feinde gewesen; treu seiner Ueberzeugung, starb er, wie er gelebt, als ein Held, und selbst die Verleumdung wagte nicht, seinen Charakter zu beflecken. Hätte er für die Fürsten gefochten, die Geschichte würde ihm den Lorbeerkranz gewunden haben, aber er starb für sein Volk und die Parteisucht verschwieg seinen Ruhm, ohne ihm doch das Zeugniß versagen zu können, daß er der edelste, der tapferste Herd des großen blutigen Dramas gewesen. Mit ihm sanken all' die Seinen und starben einen ehrlichen Reitertod! –

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