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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 20
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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VII.

Aber noch hatte man ein Edelwild aufgespart, das auch verbluten sollte, ehe man den blutigen Rachezug fortsetzte. Thomas Münzer wurde aus dem Thurm zu Heldrungen in's Lager von Mühlhausen geschleppt, um sein Urtheil zu empfangen. Ritter und Reisige gafften den kühnen Mann an und verhöhnten ihn. Er aber sah stolz in seinen Fesseln auf sie nieder, und keine Miene verkündete, daß er auf ihren Spott achte. Er wurde in den Ring geführt und das Urtheil verlesen. Den Guten zum Frommen und den Bösen zur Warnung sollte er mit dem Schwerte vom Leben zum Tod gebracht, sein Rumpf gespießt, sein Kopf aber als Greuel und Scheuel auf einen Pfahl gesteckt werden. Der weiße Stab wurde über ihn gebrochen und die Worte, die er selbst ausgesprochen, mahnten ihn an die Zeit seiner Wirksamkeit: »Das Urtheil ist gesprochen, der Stab ist gebrochen, Mensch, du mußt sterben!«

Münzer hatte nichts Anderes erwartet, als den Tod. Er war gefaßt und ruhig; nur der Gedanke an sein Weib und sein Kind beschwerte ihm die Seele. Und jetzt wurde sie in den Ring geführt, bleich und schwankend, ein lebendes Bild des Jammers. Sie warf sich an seine Brust und zwei Thränenperlen thauten auf ihre Stirne. Er konnte sie nicht umfangen, denn seine Hände waren auf dem Rücken geschmiedet, aber sie fühlte das Klopfen seines Herzens, das nun bald auf ewig verstummen sollte.

»Sei glücklich und gedenke meiner in Liebe!« flüsterte er endlich.

Sie konnte nicht antworten und stammelte nur schluchzend: »O Thomas, Thomas!«

»Zürne mir nicht, daß ich dir nur Schmerz bereitete!« fuhr er fort. »Ich hätte ja gern mit Rosen der Freude deinen Pfad geschmückt, aber ich hab' es nicht gekonnt. Ich konnte nichts Anderes thun, als was ich gethan habe, und das ich mit meinem Leben bezahle. Sei getrost und weine nicht! Mein Geist wird dich umschweben und liebend trösten. Wenn unser Knabe den Vaternamen stammelt, so erzähle ihm von mir, aber nicht, wie die thörigte Welt von mir spricht, sondern wie du selbst mich erkannt hast!«

»O Thomas, werden wir uns einst wiedersehen?« flüsterte Marie bebend.

»Unsre Seelen werden vereinigt werden und fort walten und schaffen!« antwortete er. Die Frist war verronnen; sie wurde von der Brust des Gatten getrennt; noch einmal umklammern sie diesen mit aller Innigkeit der Liebe. »Leb' wohl, leb' wohl!« schluchzte sie und folgte schwankenden Schrittes ihren Führern, die sie vom Schauplatz des Schreckens brachten. Und als sie dahin schwankte, der verkörperte Schmerz, da fühlte manche Brust von Erz sich bewegt und manche Lippe flüsterte: »Arme Mutter, armes Kind!«

Und nun traten die Fürsten vor ihm hin, diese feierliche Stimmung zu benutzen und ihn zu bekehren. »Laß dir leid sein, Thomas,« sagte Herzog Georg, »daß du deinen Orden verlassen hast und die Kappen ausgezogen und ein Weib genommen.«

»Münzer, laß dir das nicht leid sein,« fiel der junge Landgraf ein, »sondern laß dir das leid sein, daß du die aufrührerischen Leute gemacht hast, und traue dennoch Gott, er ist gnädig und barmherzig, er hat seinen Sohn für dich in den Tod gegeben.«

Und Münzer erhob sich, zu sprechen; seine Stimme klang voll und heil und aus seinen Augen leuchtete die ungeschwächte Kraft dieses kühnen Geistes. »Wohl hab' ich mich zu hoch vermessen,« sprach er, »ein Joch zerbrechen zu wollen, das stark geworden durch die Zeit, Menschen frei zu machen, die durch Jahrhunderte lange Leiden zu tief gebeugt, um sich frei zu erheben. Ich habe allzu Großes gewagt, was über meine Kräfte ging, hab' ich unternommen. O Ihr fürstlichen Herren, laßt's Euch gesagt sein von einem Sterbenden, mit der Vermahnung, Bitte und Verwarnung leg' ich 's Euch an's Gewissen und an's Herz: seid den armen Leuten, Euren Unterthanen, nicht mehr gar so harte Herren, damit Ihr solcher Gefahr nicht mehr gewärtig sein mögt. Leset fleißig in den heiligen Schriften, zumal in den Büchern Samuelis und der Könige, und belehret Euch dort durch Beispiele, was Tyrannen für ein Ende nehmen und spiegelt Euch daran. Denn ich sage Euch, wenn Ihr fortfahret, die armen Leute zu bedrücken, so werdet Ihr meinen Leib umsonst getödtet haben, und es werden andre Kämpfer aufstehen und das Schwert der Vergeltung besser führen, denn ich!«

Er schwieg und erwartete den Todesstreich. Da es aber Sitte war, daß ein armer Sünder zuvor noch den apostolischen Glauben herbetete, so trat Herzog Heinrich von Braunschweig, der glaubte, Münzer könne aus Todesfurcht die Worte nicht finden, herzu und betete ihm das Credo vor. Das Schwert zischte durch die Luft, das jugendliche Haupt fiel und mit ihm fiel es wie ein Alp von der Brust der Fürsten und Herren, die mit ihm den Geist der Bewegung im deutschen Volke gebrochen wähnten!

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