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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 19
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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VI.

Die Sonne ging auf und verscheuchte von viel tausend Augen den friedlichen Schlummer der Nacht. »Wie wird dieser Tag enden?« fragte sich Mancher mit einem tiefen Seufzer. Wird nicht die Zerstörung einziehen in unsre Hütten? Werden wir noch ein Kissen haben, unser Haupt zur Ruhe zu legen? Wird noch ein sicheres Dach uns beschützen? Ja, werden wir selber noch athmen oder in dem Purpur unsres Blutes gehüllt, den langen Todesschlaf schlummern?

Auf den Straßen ward es lebendig. Man lief nach den Wällen; sie waren verlassen, bis auf wenige Vertheidiger, die den Schlaf, der sie übermannt, eben von sich schüttelten. Wo ist Pfeifer?« ruft Einer dem Andern zu. »Wo ist Pfeifer und sein Anhang?« Keiner weiß es; man ruft seinen Namen, man dringt in seine Wohnung; nirgends ist er zu finden! Die tapfersten Kämpfer sind verschwunden. Da nimmt die bitterste Verzweiflung Raum. Ueberall hört man die Schreckenskunde: »Wißt Ihr, daß Pfeifer mit seinem ganzen Anhang entflohen ist? Er hat uns im Stich gelassen, und nun können wir die Suppe allein ausfressen!«

»Wir hätten ihm längst nicht trauen sollen!« sagte ein Andrer. »Wir hätten ihn überliefern sollen mit allen Aufrührern, so hätten wir unsere Stadt gerettet! Nun ist's zu spät! Nun verwandelt sich der Fürsten Gnade in Ungnade! Wir haben die Zeit versäumt! Womit sollen wir Leib und Gut erkaufen, da wir's mit den Unruhstiftern nicht mehr können?«

»Wehe, wehe, wir sind verloren!« ruft und wehklagt es durch einander. »Nun ergreift den Bettelstab und wandert in's Elend! Wehe, wehe, daß wir uns vom Teufel verblenden ließen! Wenn die Fürsten nicht barmherzig sind, so sind wir des Todes!«

Magdalene klopfte angstvoll an Herrn Perlet Probst's Hausthüre, die die Mägde öffneten. Rasch sprang sie die Treppen hinauf, nach dem Gemach, in welchem sie die Männer verlassen. Der Greis war entschlummert, Heinrich saß aber noch am Bette des Todten in brütenden Gedanken versunken. Da stürzte Magdalene herein. »Rettet Euch,« rief sie, »um Gotteswillen, rettet Euch! Die Bürger wollen die Stadt übergeben!«

»Ha,« rief der Jüngling, »so hat dennoch die Feigheit gesiegt! Dann ist. mein Platz bei meinen Freunden! Mit denen ich gekämpft, mit denen will ich auch sterben!«

»Eure Freunde sind fort!« entgegnete die Jungfrau. »Pfeifer ist in dieser Nacht entflohen, nebst seinem ganzen Anhang! Ihr dürft Euer Leben nicht unnütz der Gefahr aussetzen!«

»Entflohen?!« rief Heinrich entsetzt. »O Ihr wißt nicht, wie sehr mich diese Nachricht schmerzt! Dann aber bedarf die Schwester meines Schutzes, meine arme, unglückliche Schwester!«

»Sorgt nicht um sie!« antwortete Magdalene. »Es wird Ihr kein Leides geschehen. Ihr aber wäret verloren! Sie würden Euch den Fürsten ausliefern, und Ihr müßtet sterben. Sie sollen Euch nicht finden und sie werden Euch nicht suchen, weil sie meinen, Ihr seid mit Pfeifer entflohen. Thut es mir zu Liebe!«

Ihre Bitte klang so innig, daß Heinrich nicht widerstehen konnte. Er ließ geschehen, daß Magdalene ihn in den abgelegensten Theil des Hauses führte und ihn dort in eine dunkle Kammer versteckte zwischen altes Hausgeräth, das auch den beutegierigsten Plünderer nicht anzulocken vermocht haben würde. Sie verschloß die Thüre, um ihn den Weg zu einer unzeitigen Flucht abzuschneiden.

Ein Menschenstrom nahte sich jetzt Herrn Perlet's Hause. Sein Name wurde gerufen, und Abgeordnete der Bürgerschaft traten in das Todtengemach. Der Greis sah sie mit starren glanzlosen Augen an. »Hilf uns, rette uns!« sagten die Männer. »Die Stadt ist in Noth! Wir müssen sterben, wenn sich die Fürsten nicht erbarmen!«

»Was wollt Ihr von mir?« sagte der Greis eintönig. »Ich hab' mein Alles, meinen Sohn für Eure Stadt gegeben! Was wollt Ihr mehr? O seht hier, wie süß er schlummert!«

»Deinen Rath wollen wir!« riefen die Bürger. »Du sollst uns helfen, uns retten! Vergiß, was mir dir jemals zu Leide gethan! Wir waren wahnsinnig! Die Aufrührer hatten uns behext, die nun entflohen sind!«

Der Greis erhob sich. »Der Stadt meinen letzten Blutstropfen!« sprach er. Dann beugte er sich über die Leiche und küßte den kalten Mund des Sohnes. Die Männer führten ihn mit sich fort.

Nach einer Stunde ungefähr bewegte sich ein langer Trauerzug durch das Thor nach dem Lager der Fürsten. Es waren die Frauen und Jungfrauen der Stadt, erstere mit zerrissenen Kleidern, nackten Füßen und fliegenden Haaren, letztere mit Wehrmuthkränzen auf dem Haupt; dazu läuteten die Glocken, nicht in den freudigen begeisternden Tönen des Himmelfahrtfestes, sondern in dumpfen, klagenden Klängen.

Die Fürsten und Herren verwunderten sich sehr, als sie des Zuges ansichtig wurden, freuten sich aber nicht minder, da sie den Zweck der seltsamen Gesandtschaft erriethen. Die Frauen warfen sich vor den Fürsten auf die Kniee, flehten um Gnade für ihre Stadt und überreichten ihnen ihren eignen Brief, in dem sie allen Unschuldigen Schonung zugesagt. Die Fürsten speisten sie mit Brot und Käse, erneuerten ihre Zusage und erklärten, daß die Bürger selbst kommen müßten. –

Und abermals bewegte sich ein Trauerzug aus der Stadt; es waren die Bürger, barhaupt und barfuß, mit weißen Stäben in der Hand, Perlet Probst an ihrer Spitze. Sie beugten dreimal vor den Fürsten die Kniee und überlieferten die Schlüssel der Stadt, nach empfangener Zusage, nur die Aufrührer zu strafen.

Um Pfeifer einzuholen, entsendeten die Fürsten den Ritter Wolf am Ende mit dem halben Theil der Reiterei, indem sie richtig schlossen, daß er sich über den Thüringer Wald nach dem Lager der fränkischen Bauern schlagen wolle.

Marien war es in der vergangenen Nacht gewesen, als hauche ein Engel sie an; sie war erwacht und hatte den Schlaf nicht wiederfinden können. Ihr Knabe schlummerte fort, und um die träge hinschleichende Zeit zu töthen, griff sie nach den Blättern, die sie von Heinrich empfangen, und versenkte sich bald tief in das fromme, gottergebene Gemüth, das aus der schlichten, treuherzigen Erzählung sprach. So dämmerte unvermerkt der Morgen heran. Aber je weiter sie las, um so mehr Spannung drückten ihre Züge aus. Ein helles Roth überflog ihre Wangen, wie ein Freudestrahl, ihre Brust klopfe und mit nassem Auge blickte sie endlich dankend gen Himmel.

Sie war aufgestanden und hatte sich in ihre Kleider gehüllt, als Pater Thomasius mit schreckensbleicher Miene eintrat; aber er hatte keine Zeit, seine trübe Botschaft zu verkünden, Marie flog ihm entgegen und hielt ihm die vergilbten Blätter vor die Augen, indem sie mit dem Finger auf eine Stelle deutete. Thomasius las und je weiter er las, um so mehr verklärte sich sein Antlitz. Endlich ließ er die Blätter fallen, faltete die Hände und sprach: »Mein Gott ich danke dir! Du hast wunderbar das Böse verhütet, das menschliche Schwachheit begehen wollte. Eine schwere Last ist von meiner Brust genommen!« –

Mit klingendem Spiel zogen die Fürsten ein in die unglückliche Stadt, und als sie sich erst in deren Besitz sahen, legten sie die gnädige Miene ab und walteten mit herrischer Strenge. Alle Bürger wurden alsbald entwaffnet, der ewige Rath abgesetzt, der alte wiederhergestellt; alle Waffen, Pferde und Schätze aus der Schatzkammer wurden genommen, die Außenwerke der Stadt der Erde gleich gemacht, die alte Reichsstadt zu einer Municipalstadt erniedrigt, ihr dreihundert Goldgulden als jährlicher Tribut an jeden Fürsten, die Entschädigung aller Edelleute im Eichsfelde und im Schwarzburgischen und zur Ablösung der völligen Plünderung und Zerstörung vierzigtausend Gulden Brandschatzung aufgelegt. Die Rädelsführer, die man noch in der Stadt fand, wurden am Leben gestraft, unter ihnen der Bürgermeister Sebastian Kühnemund.

Münzer's unglückliche Gattin wurde in's Lager gebracht. Sie schwankte bleich wie ein Marmorbild neben ihren Führern; aber ihr Kind ruhte an ihrer Brust. Wie ein Madonnenbild war sie anzuschauen, aber ihre Züge trugen den Schmerz der Mater dolorosa.

Der junge Graf Ernst befand sich ebenfalls im Lager. Als er die Gespielin seiner Jugend wiedersah, erwachte all' jene leidenschaftliche Gluth in ihm, mit welcher er einst die rosige Jungfrau zu umfangen gesucht. Waren auch die Rosen verblichen, so hatte der Schmerz jenen ätherischen Glanz der Schönheit über ihr Antlitz gehaucht, der noch von größerm Zauber ist, als die frischblühende Jugend.

Ernst trat in das Zelt, das ihr angewiesen war. »Kennst du mich noch, Marie?« fragte er, und seine Augen ruhten dabei flammend und verlangend auf ihr.

»Wie sollt' ich nicht?« antwortete sie. »Freilich liegt eine lange dunkle Zeit zwischen Sonst und Jetzt!«

»Aber meine Liebe ist dieselbe geblieben!« fuhr der Graf feurig fort. »Was sag' ich dieselbe? Sie ist heißer, glühender geworden! Ja, Marie, ich liebe dich noch!«

»O Herr!« antwortete Marie, »wenn Ihr so sprecht, darf ich Euch nicht hören!«

»Du sollst mich hören, Maria« fuhr der Graf dringend fort. »Münzer ist todt, todt für dich und die Welt, du aber bist jung und schön, du bist für das Leben geschaffen!«

»Ihr thut wohl, daß Ihr mich an meinen Gatten erinnert,« sagte die junge Frau würdevoll. »Aber Unrecht begeht Ihr, daß Ihr das Andenken des Unglücklichen verhöhnt. Ich werd' ihn beweinen, so lange ich lebe.«

»Ich lasse dich nicht!« rief Ernst, indem er sich vor ihr auf die Kniee warf. »So jung und schön, und ein ganzes Leben vertrauern? Die Liebe wird dich tausendfach entschädigen für das, was du verloren! Konntest du denn den schrecklichen Mann lieben, dessen Hände von Blut rauchen? Konnte er dich lieben, wie du's verdienst? Du kennst die Liebe noch nicht! Marie, du mußt mein sein, mein, mein!«

Er versuchte ihre Hüften zu umschlingen, sie niederzuziehen in seine Umarmung, aber mit der Hoheit der Unschuld trat sie zurück, und ihre Stimme war ehrfurchtgebietend. »Achtet meinen Schmerz, Herr Graf!« rief sie. »Achtet diese Waise, deren Vater Ihr beschimpfen wollt. Ich habe meinen Gatten geliebt und lieb' ihn noch, und hätt' ich ihn nicht geliebt, so würd' ich ihm doch die schuldige Treue bewahren!«

Der Graf trat in unfreiwilliger Ehrfurcht zurück. »Marie,« sprach er wieder, »und wenn nun dein Bruder in meine Hände fiele, und du könntest ihn retten –«

»Wenn Ihr den, der Euch selbst mit Gefahr seines Lebens gerettet, tödten lassen könnt, so thut es!« antwortete Marie. »Heinrich wird sein Leben nie um diesen Preis erkaufen wollen. Aber ich hoffe zu Gott, daß er gerettet ist! Geht, Herr Graf! Laßt mich mit meinem Schmerz allein!«

Der Graf ging, zögernd und widerstrebend und doch der gebietenden Macht weiblicher Würde gehorchend.

Jubel erscholl durch's Lager. Pfeifer wurde mit zwei und neunzig der Seinen gebunden eingebracht. Die Reiter hatten ihn im Amt Eisenach eingeholt und ein furchtbarer Kampf hatte sich entsponnen. Ein Theil der Vierhundert war tapfer fechtend gefallen, ein Theil war glücklich im Wald entkommen, Pfeifer selbst traf das herbere Loos. Er wurde sogleich mit seinen Mitgefangenen zum Schwert verurtheilt. Mit finsterem Schweigen empfing er sein Urtheil, er hatte mit seinem Leben abgeschlossen und hegte weder Hoffnung noch Furcht. Nur als er den jungen Grafen im Ring sah, verzog sich sein Antlitz in bitterem Schmerz; er bezwang eine Thräne, die sich in sein Auge schleichen wollte. Er sah den unter den Feinden, dem er, wie er nach des Mönchs Bekenntnissen glauben mußte, das Leben gegeben hatte.

Den Verurtheilten wurde noch die letzte Beichte gestattet. Pater Thomasius war unter den dazu bestimmten Priestern. Er näherte sich Pfeifer, aber dieser winkte ihm finster abwehrend mit der Hand. Thomasius ließ sich nicht abschrecken. »Ich bringe dir Kunde über deinen Sohn,« flüsterte er.

»Meinen Sohn?« versetzte Pfeifer bitter. »Weißt du denn besser, als ich, daß ich die Brut des Wolfes an meinem Busen genähert?«

»Das hast du nicht!« entgegnete Thomasius »Gott hat jenen unheilvollen Tausch verhütet. Die Wehemutter unterließ ihn, weil die selige Miene deines schlummernden Weibes sie rührte. Aber sie hat es erst spät der Gräfin bekannt, die, wie ich, eine Last von Kummer von ihrer Brust fallen fühlte. Heinrich ist dein wahrer Sohn!«

In Pfeifer's Antlitz malte sich schmerzliche Freude. »Und darum lange Jahre voll Zweifel und Höllenqual!« seufzte er. »Aber willst du mich auch nicht täuschen? Wer hat dir dies neue Geheimnis offenbart?«

»Das Bekenntnis der Gräfin, das in meinen Händen ist!« sagte der Pater. »Ich schwöre dir's bei dem Blute des Herrn!«

»Aber wo ist er?« fragte Pfeifer. »Ist er in die Hände des Feindes gefallen?«

»Er ist spurlos verschwunden,« antwortete der Mönch. »Doch hoff' ich zu Gott, er wird gerettet sein!«

»Bring' ihm meinen Gruß, wenn du ihn jemals findest!« sagte Pfeifer. »Er möge mir vergeben, daß ich oft rauh und hart gegen ihn war. Auch Marien gieb meinen Segen; sie soll vergessen und aller Welt verschweigen, daß ich ihr Vater war!«

»Und willst du die Last deiner Sünden nicht abwälzen und Absolution empfangen?«

Pfeifer schüttelte den Kopf. Der Mönch trat zurück. Fest und ruhig knieete er nieder und erwartete muthig den Todesstreich. Sein Haupt rollte in den Sand und nach ihm die Häupter seiner Unglücksgenossen. Als die Nachricht von seinem Tode zu Mariens Ohren drang, sank die unglückliche Frau mit einem Schreckenslaut bewußtlos zu Boden. –

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