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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 18
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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V.

Das Heer der vereinigten Fürsten lagerte vor Mühlhausen und hielt die starkbefestigte Stadt eingeschlossen. Von Frankenhausen aus waren die Fürsten über Seebach, wo sie den vertriebenen Hans von Berlepsch wieder einsetzten und ihm 20 Bauern, als Schadenersatz, zum Geschenk gaben, nach Schlotheim gezogen. Hier hatte noch einmal ein kühner Bauernhauptmann das Volk in Bewegung zu bringen versucht und den Anschlag gemacht, das Geschütz des Landgrafen in der Nacht zu überfallen und wegzunehmen, aber es war ihm nicht gelungen, so viel aufzubringen, als das Unternehmen erforderte. Viele Tausende hatten durch ganz Thüringen in Lagern gestanden, eine furchtbare Macht, hätten sie der großen Sache mit Aufopferung und ohne Selbstsucht gedient; aber nur ihr Privatinteresse im Auge, ließen sie sich hinhalten durch ihrer Herren gnädige oder drohende Schreiben, und als die Kunde von der Frankenhäuser Schlacht, wo sie vergebens erwartet worden waren, zu ihnen gelangte, flohen sie, feig wie die Hunde, nach ihren Dörfern, der Rache in die offnen Arme. – Von Schlotheim waren die Fürsten auf Mühlhausen gezogen, das nun auf drei Seiten belagert wurde. Aber es war kein verächtlicher Feind, den es hier zu bezwingen galt. Pfeifer war ein entschlossener Befehlshaber; zwölfhundert Bürger standen unter den Waffen, und die Stadt war mit Vorräthen auf lange Zeit versehen. Pfeifer unterhielt ein wirksames Feuer von den Mauern und Wällen und die Sache war für die Fürsten mehr als bedenklich, kam Hülfe von Außen, wie Pfeifer, wiewohl bis jetzt vergeblich, erwartete. Die Fürsten kannten aber den eigentlichen Feind wohl, der die Volkssache geschlagen, und sie riefen auch jetzt diesen Feind zu Hülfe. Sie sandten eine Aufforderung unbedingter Unterwerfung in die Stadt, in welcher sie Schonung aller Unschuldigen versprachen, jedoch die Auslieferung der Rädelsführer verlangten. –

Die Weinschenke »zur Genügsamkeit« war wieder zahlreich mit Gästen besetzt; man suchte sich auf, um das sorgenschwere Herz zu erleichtern. Die gemeinsame Noth gab reichen Stoff zur Unterhaltung, wenn diese auch nicht von der angenehmsten Natur war. Wurden die Bürger von ihren Posten auf den Mauern und Wällen abgelöst, so eilten sie nach dem Sorgenbrecher, um sich von den ungewohnten Anstrengungen zu erholen. Deshalb bot auch die Schenke »zur Genügsamkeit« ein überaus kriegerisches Bild. Die Blechhauben und Koller von Büffelleder gaben den friedlichen Bürgern ein martialisches Aussehen.

»Gott sei's geklagt!« seufzte ein Ankommender, indem er sich den Schweiß von der Stirne wischte und sein Handrohr in eine Ecke stellte, »sie schießen unsre gute Stadt noch in Grund und Boden und stecken uns den rothen Hahn über die Köpfe!«

»Hab' ich's doch lang gesagt, es ist unser Aller Verderb!« seufzte der Schneider Wölfing. »Wir hätten den Neuerern nicht folgen sollen. Ein Sperling in der Hand ist besser als ein Dutzend auf dem Dache! Was vermögen wir gegen so kriegsgewohnte Fürsten? Nichts, mit Respect zu vermelden! Unsre Leiber vertragen die Anstrengung nicht, wir sind anderer Lebensart gewohnt.«

»Schämt Euch, Meister Schneider!« rief ein andrer, trotzig aussehender Mann. »Jeder redliche Bürger theilt gerne die Beschwerden, die zur Rettung der Stadt und unsrer Ehre nöthig sind; selbst die Glieder des Raths schließen sich nicht aus.«

»Ihr habt gut reden, Herr Bürgermeister Kühnemund!« klagte der Schneider. »Ihr seid von robuster Gemüthsart, auch habt Ihr nichts weiter zu versäumen, wenn Ihr auf den alten Mauern steht, aber ich bin Familienvater von sechs lebendigen Kindern, und mein Geschäft leidet, denn auf die Gütergemeinschaft verlass' ich mich nicht!«

»So packt Euch wenigstens zum Teufel,« antwortete Kühnemund, »und säet nicht Unkraut durch Euer feiges Geschwätz!«

»Warum unterhandeln wir denn nicht mit den Fürsten?« ließ sich die feine Stimme des Bandwebers hören. »Sie bieten ja dem friedlichen Bürger Schonung an und verlangen bloß die Unruhstifter!«

»Verdammt sei, wer von Unterwerfung spricht!« fuhr Kühnemund wild auf. »Schonung? Ihr werdet diese herrliche Schonung sehen!«

»Lieber sich in Gnaden strafen lassen, als mit Ungnaden Leib und Gut sammt der Stadt verlieren!« brummte der Schneider.

»Eure Freunde wolltet Ihr dem Henker überliefern,« mischte sich Heinrich in's Gespräch, »Eure Freunde, die's so redlich mit Euch meinen und mit Euch aushalten wollen, bis zum Tod?«

»Hole der Teufel ihre Redlichkeit und ihr Aushalten!« versetzte der Schneider. »Wer hat sie gerufen, uns den schlimmen Handel auf den Hals zu ziehen? Sie sind Schuld an allem Unglück! Sie haben freilich nichts mehr zu verlieren, und möchten den ordnungsliebenden Bürger auch mit in's Verderben ziehen!«

»Schade um jeden Tropfen Bluts, der für Eures Gleichen fließt!« sagte Heinrich.

»Was willst du damit sagen, milchbärtiger Geselle?« fuhr Meister Wölfing auf. »Das soll sich ein Bürger gefallen lassen? Das ist auch so ein hergelaufener Thunichtgut, der sich zu andrer Leute Schaden sattfressen will! Das ganze Gesindel soll man den Fürsten überantworten. Mögen sie's braten oder spießen!«

»Hoho! Was will die schuftige Schneiderseele?« rief es wild durch einander. Heinrich erhob seine gewichtige Faust gegen den Schneider, ließ sie aber wieder sinken, als jener feig zurückwich Es bildeten sich Parteien Für und Gegen, und wenig fehlte, so was es zu blutigen Händeln gekommen. Da erhob Kühnemund seine Donnerstimme dazwischen. »Seid Ihr rasend!« rief er. »Wollt Ihr's den Fürsten so gar leicht machen? Merkt Ihr denn ihre Absicht nicht? Sie halten Euch Speck vor, daß Ihr anbeißen sollt, und seid Ihr erst gefangen, dann gnad' Euch Gott! Weil sie fürchten, sich an unsern Mauern die Zähne zu zerbeißen, wollen sie Unfrieden zwischen uns stiften, daß wir selbst aufthun. Rennt doch nicht blindlings in Euer Verderben!«

»Aber Münzer räth uns selbst zur Unterwerfung!« sagte der Schneider wieder. »Der Brief ist ja verlesen worden; ich hab' mir die Hauptsache aufgeschrieben. Da, da ,« fuhr er fort, indem er geschäftig in den Taschen suchte und ein zerknittertes Papier herausbrachte, »wir sollen der Fürsten Gnade für unsre Stadt nachsuchen; das Unglück, das unsere Sache getroffen habe, sei Folge der Eigennützigkeit, die Viele darin bewiesen haben.«

»Da hat er Recht, vollkommen Recht!« fiel Kühnemund ein.

»Nachdem es nun Gott also gefallen,« fuhr der Schneider fort, »daß er von hinnen scheiden müsse, gleichsam als Opfer für die Thorheiten und Sünden Anderer, sei er es herzlich zufrieden, daß es Gott also gefügt habe; Gottes Werke müssen nicht nach dem äußerlichen Ansehen, sondern in Wahrheit geurtheilt werden; darum sollen wir auch uns seines Todes nicht ärgern, da derselbe zur Besserung der Unverständigen diene. Er habe Mißbräuche zum Besten des Volkes abschaffen wollen, aber Unverstand und Eigennutz, die zum Untergang göttlicher Wahrheit führen, haben sein Werk verdorben.

Er bitte nur noch, seinem Weib beizustehen, sie nichts entgelten zu lassen, und ihr das kleine Gut, das sie habe, zu überantworten. Das wolle er jetzt in seinem Abschied, womit er die Bürde und Last von der Seele winde, uns gesagt haben, keiner Empörung weiter Statt zu geben, damit das unschuldige Blut nicht weiter vergossen werde.«

»Man muß ihm nicht gehorchen!« rief Kühnemund. »Der Kerker hat ihn niedergeworfen an Leib und Seele! Die Henker haben's ihm dictirt.«

»Ei, was hast du uns doch neulich vom Kaiser Rothbart erzählt!« wandte sich der Bandweber an den Wirth. Nun schau' mal, wie die Sach' eingetroffen ist. Der Kaiser wird sich viel um uns kümmern! Den Fürsten hat er's Glück prophezeit!«

»Nichts da!« entgegnete der Wirth. »Das Volk meint er. Er will seinen Schild an einen dürren Baum hängen, und der soll grün werden. Das Volk aber ist seither ein dürrer Baum gewesen!«

»Ich meine,« fiel eine Stimme mit großem Ernst ein, »wir schickten Meister Wölfing nach dem Kyffhäuser für des Kaisers Schild!«

Ein schallendes Gelächter erhob sich auf Kosten des magern Schneiderleins, das sich darüber gar sehr erboste. »Das ist auch so ein Hallunk!« rief er »Es wird nicht Ruh' in der Stadt werden, bis sie wieder vom Unkraut gefegt ist.«

Der Sturm drohte dem Schneider von Neuem, aber er ging unter in der allgemeinen Heiterkeit, die jene Anspielung hervorgerufen. Heinrich wollte sich erheben, aber sein Nebenmann, eben jener, der den Schneider durch seinen Witz beleidigt, hielt ihn zurück. »Was willst du dem Gesindel weichen?« sagte er. »Die krümmen uns kein Haar, dienen höchstens zur Belustigung. Als wir die Schlösser schleiften, wo waren sie da? Wie furchtsame Hasen hinter'm Ofen. Weißt du noch den Tag, als du den jungen Grafen fingst? Wir leerten das stolze Schloß rein aus. Denk' mal, was mir da passirt. Ich seh' ein klein Kästchen liegen, nett und blank von Außen, denk', es muß was Rechtes drin sein; 's war verschlossen, und ich konnt's nicht sehen. Ich steckt's aber ein nebst anderm Zeug. Endlich schlag' ich das Kästchen auf, und was find' ich drin? Ein Paar Wische Papier, über und über vollgeschrieben. Ich wollt' anfangs das Zeug in's Feuer werfen; ich weiß aber nicht, wie's kam. Lesen konnt' ich's nicht und ich steck's ein. Da schau' mal!« Er zog hiermit ein Päckchen vergilbter Papiere aus der Tasche und breitete sie vor Heinrich aus. Dieser durchblätterte sie und las an einigen Stellen darin; es schienen Bekenntnisse eines tiefen, leidenden Gemüths.

»'S ist eine Lebensgeschichte!" sagte Heinrich nach einer Weile. »In dem Schloß hast du's gefunden? Der Graf dort war mein Gutsherr. Willst du mir die Blätter lassen, so dank' ich dir schön. Dir sind sie nichts nütze, mir aber machen sie Freude, weil ich die Personen kenne, die dadrinnen benannt sind.«

»Behalt' immerhin das Geschreibsel!« sagte der Andere, und Heinrich schob die Blätter in sein Wamms.

»Verlaßt Euch nicht auf die Franken!« rief es vom andern Ende der Tafel. »Die trinken behaglich den Pfaffen den Wein aus und thun sich zu Schweinfurt zusammen, um zu tagen!«

»Daß sie Gott verdamme!« fluchte Kühnemund. »Doch glaub' ich's noch nicht, daß sie also ehrvergessen sein können!«

Der Donner der Geschütze, der furchtbarer zu toben anfing, unterbrach das Gespräch. Heinrich ließ sich nicht mehr aufhalten, sondern ging. Er eilte nach dem Johanniterhof, um Mariens traurige Einsamkeit durch einen, wenn auch nur flüchtigen Besuch zu erhellen. Er fand sie traurig, wie gewöhnlich; ihrer Gemüthsverstimmung schrieb er es auch zu, daß sie ein fremdartiges, fast scheues Wesen gegen ihn beobachtete, ihn nicht wie sonst mit schwesterlicher Herzlichkeit empfing. Auch der Vater war seit einiger Zeit wieder rauh und unfreundlich gegen ihn, und aus seinen Worten leuchtete nicht selten bittrer Hohn. Er schrieb dies seiner Theilnahme an Ernst's Flucht zu, obwohl Pfeifer noch keinen Argwohn gegen ihn geäußert hatte.

Heinrich verabschiedete sich bald von der Schwester, und um ihr eine Unterhaltung zu verschaffen, gab er ihr die Blätter mit der Erklärung, woher sie seien und wie er sie empfangen. Marie empfing sie und legte sie dankend bei Seite. Heinrich ging, trüb gestimmt, und begab sich auf den Wall, wo er an Woldemar's Seite, der sein Freund geworden war, Wunden und Tod den Feinden entgegensendete.

»Es muß uns fürwahr nun bald Hülfe kommen,« sagte Heinrich, »wenn wir nicht etwa erliegen sollen. Die Bürger sind geneigt, die Stadt zu übergeben.

»Eh' ich das erlebe, möcht' ich lieber zuvor den Tod erleiden!« antwortete Woldemar. »Die Hülfe kann nicht lange zögern. Es ist wieder an die Franken ein Bote entsendet worden. Wenn wir niederliegen, ist ihnen geschrieben worden, so wird dasselbe Euch wiederfahren. Helft uns, seid getrost und männlich, und Gott wird mit uns sein!« Sie müßten ehrlose Memmen sein, wollten sie nicht kommen! Noth thut es wahrlich, denn die Mauer hat einen Riß! – Allmächtiger Gott!« rief er entsetzt, als ein fürchterliches Krachen und Poltern den Sturz eines Stücks der Mauer verkündete!

Und durch die Stadt lief die Trauerkunde: »Eine Bresche ist geschossen! Die Fürsten bereiten sich zum Sturm.« Und Einer rief dem Andern zu: »Laßt's nicht auf's Aeußerste kommen! Denkt an Eure Kinder, denen Ihr die Stadt erhalten müßt!«

»Wir müssen unser Recht brauchen,« sagte der ehrsame Schneider Wölfing mit großem Pathos mitten in einem solchen Haufen Mißvergnügter. »Wir sind Bürger der Stadt, wir haben's zu verantworten, wenn unsre Kinder im Elend wandern. Wir wollen die Stadt übergeben, und müßten wir die Widerspenstigen mit Gewalt von den Mauern reißen!«

»Es wird Blut kosten,« wandte ein Andrer ein, seines Zeichens ein Buchbinder, mit breitem höflichen Gesicht. »Der Pfeifer und sein Anhang lassen's nicht gutwillig geschehen. Aber ich bin der Meinung, daß wir's doch durchsehen müssen. Mit Gewalt ist nichts auszurichten, so versuchen wir's mit List. Haben nur erst die Fürsten einen Fuß über der Schwelle, so ist Pfeifer geliefert.«

»So muß es gehen,« stimmte der Bandweber bei. »Warten wir noch lang, so ist die Stadt verloren. Die Geschlechter stehen auf unsrer Seite; sie sind dem neuen Regiment ohnedies nicht grün. Herr Perlet Probst soll im Namen der Bürgerschaft an den Kurfürsten schreiben.«

»Alle Wetter, da bringen sie den Junker!« sagte der Buchbinder. »Da wird der Alte greinen! Nun, wohl bekomm's dem hochnäsigen Patron!«

Wirklich wurde Woldemar von Heinrich und noch einem Bewaffneten daher getragen, leblos, wie es schien. Die Wangen waren bleich, die Arme hingen schlaff nieder, aus der Brust quoll Blut.

»So könnt' es uns Allen ergehen,« meinte der Schneider, »wenn wir halsstarrig wären. Wer's redlich mit der Bürgerschaft meint, der sag's seinen Bekannten, daß wir vor'm Rathhaus zusammenkommen und besprechen, was nöthig ist!«

Herr Perlet Probst stürzte wehklagend über den Sohn, als seine Träger ihn sanft auf ein Ruhebett im Hause des Patriciers niederließen. Heinrich flüsterte seinem Begleiter einige Worte zu, und dieser entfernte sich schleunig. Wehmüthig blickte der Jüngling auf die Trauerscene. Hundertmal küßte der Greis die kalten Lippen des einzigen Sohnes, raufte sein Haar und stieß schmerzliche Klagetöne aus. »Woldemar, mein Sohn, willst du nicht erwachen?« rief er. »Hörst du mich nicht mehr, mein Woldemar? Bist du todt, mein Kind, mein Augapfel? O das thu' mir nicht zu Leide! Du brichst mein Herz, dies morsche Herz, das in wenig Tagen so viel gelitten! Erwache, mein Sohn, erwache!« Er bedeckte ihn mit Küssen und jauchzte vor Freude laut auf, als der Verwundete die Augen langsam aufschlug.

»Welcher Schmerz!« stöhnte er leise.

»Fühlst du Schmerz, mein Liebling?« schmeichelte der Greis. »Trag' ihn nur eine Weile geduldig; er wird vergehen.«

»Ja, mit dem Tode!« seufzte Woldemar.

»Nein, nein, du darfst nicht sterben!« rief der Greis. »Ich ringe dich dem finstern Sensenmann ab; er soll sich morsche Stämme suchen statt des jungen Sprosses!«

Woldemar lächelte wehmüthig. »Heinrich,« wandte er sich zu diesem, »'thu' mir die letzte Liebe und rufe – meine Braut!«

»Es geschieht schon!« sagte Heinrich. »Sieh', da ist sie!«

Magdalene trat so eben herein mit allen Zeichen des Entsetzens und warf sich schluchzend neben dem Verwundeten auf die Kniee. »Magdalene,« sagte er weich, »der Tod ruft mich ab; du bist frei!«

»O sprich nicht also!« weinte die Jungfrau. »Du wirst genesen, du wirst nicht sterben!«

»Nicht wahr?« sagte der Greis mit gebrochener Stimme. »Er darf nicht sterben! Hülfe, Hülfe! Mein Hab und Gut für das Leben meines einzigen Sohnes!«

»Es ist vorbei!« flüsterte Woldemar. »Vater – gedenkt meiner – in Liebe und nehmt Euch meines Freundes an. – Heinrich, braver Junge, lebe wohl! Man soll – die Stadt – nicht übergeben! Magdalene –« er streckte die Hand nach ihr aus, aber sie sank zurück, der letzte Athemzug war der Brust des Verwundeten entflohen. Der Greis umfing die Leiche mit seinen Armen und seine Thränen flossen auf das marmorkalte Antlitz des Jünglings. Magdalene weinte still vor sich hin. In diesem Augenblick trat der Arzt ein, nach dem Heinrich gesendet. »Ihr kommt zu spät mit Eurer Kunst,« sagte dieser. »Gott hat ihn von allem irdischen Schmerz befreit!« –

Pfeifer war unermüdet thätig, die geschossene Bresche auszufüllen und zur Abwehr des drohenden Sturmes Alles vorzubereiten. So Mancher im fürstlichen Lager fiel unter den Schüssen der Vertheidiger, aber zu seinem Schreck bemerkte er immer mehr Unlust unter den Bürgern, an der Vertheidigung Theil zu nehmen. Ja, ein Haufe, der sich auf dem Markt gesammelt hatte, rief ihm laut zu, sie wollten seinen Anschlägen nicht mehr folgen, sondern wollten den Fürsten die Thore öffnen!

»Gott verhüte das!« antwortete Pfeifer. Welche Noth treibt Euch hiezu? Wir leiden weder Mangel, noch sind uns die Fürsten so sehr auf dem Nacken, daß wir keine Rettung vor uns sähen. Fürchtet Euch nicht vor ihrem Sturm! Wir werden ihn abschlagen und derzeit werden die Franken zu uns stoßen!«

»Glaubt ihm nicht!« rief es durch einander. »Die Franken lassen uns in der Brühe! Ha, nun helft uns die Suppe ausessen, die Ihr eingebrockt! Wir wollen die Stadt übergeben! Mit Sr. kurfürstlichen Gnaden gütlicher Handlung pflegen!«

»Nur drei Tage geduldet Euch noch!« versetzte Pfeifer. »Komm bis dahin keine Hülfe, so mögt Ihr Euren Willen haben!«

»Nicht drei Stunden haben wir zu verlieren!« erscholl es dagegen. »In drei Tagen kann es geschehen, daß wir keine Hülfe mehr brauchen! Heut wollen wir noch unterhandeln! Steckt einen Hut auf! Bittet den Kurfürsten um Gehör! Haltet mit Schießen ein, wir wollen der Fürsten Gnad suchen!«

»Lieber des Teufels Gnad!« knirschte Pfeifer. »Bürger, bis morgen kommt uns Hülfe von den Franken! Geht die Sonne wieder unter, und sie ist nicht erschienen, so mögt Ihr thun, was Ihr wollt!«

Er ging festen Schritts nach dem Wall. »Erbärmliches Gesindel!« murrte er vor sich hin. »Sie sind nicht werth, daß ein redlicher Kerl das Leben für sie opfert!« – Noch einmal ließ er sein Geschütz gegen die Fürstlichen spielen; unterdessen brach die Nacht herein und machte dem Schiefen ein Ende.

Das Gerücht, die Stadt solle übergeben werden, hatte sich blitzschnell verbreitet. Es drang auch in das Trauerhaus Herrn Perlet Probst's. Die Dienerschaft flüsterte sich's zu, und durch sie erfuhr es Magdalene. Heinrich saß noch an der Seite des verblichenen Freundes, dem Greis gegenüber, der den Todten in stummem Tiefsinn betrachtete. Magdalene rief den Jüngling bei Seite. »O lieber Herr,« sprach sie, »Ihr waret dem Todten ein wackrer Freund und Beistand, so seid's auch dem überlebenden unglücklichen Vater. Entzieht ihm Eure Gesellschaft nicht, bleibt diese Nacht bei ihm. Mir ist nicht mehr bange für ihn, wenn ich Euch bei ihm weiß! Gott wird's Euch lohnen, was Ihr an dem armen Verlassenen thut, und ich werd' Euch herzlich danken!«

»O wie gerne verdient' ich diesen Dank!« entgegnete Heinrich; »allein die Pflicht –«

»Ihr versäumt keine Pflicht,« versetzte Magdalene. »Die Nacht bricht herein, hört Ihr, das Schießen hat ein Ende! Man wird Euch nicht vermissen! O thut mir's zu Liebe!«

»Wer könnte für Euch nicht das Leben wagen, liebwerthe Jungfrau!« rief der Jüngling

Magdalene schlug erröthend die Augen nieder. »Ich dank' Euch,« sagte sie. »Tragt gute Sorge für den armen Greis. Mit dem Morgenrothe komm' ich wieder. Gute Nacht!« Sie küßte den Todten auf die bleichen Lippen, den Greis auf die Stirne und reichte Heinrich die Hand. Dann ging sie, gab aber im Hause noch Anweisungen, die man pünctlich zu befolgen versprach. Das Haus wurde verschlossen. –

Es war eine dunkle, sternenlose Mitternacht, als sich im Johanniterhofe bewaffnete Männer versammelten. Geräuschlos schlüpften sie durch die Straßen von allen Seiten her, von den Wällen und Mauern. Zu derselben Zeit trat Pfeifer leise in Mariens Gemach. Eine Lampe verbreitete ein düstres Dämmerlicht Die junge unglückliche Frau schlief; das blonde Haar schmiegte sich um das bleiche, friedliche Antlitz; die keusch verhüllte Brust hob und senkte sich in leisen Athemzügen. In ihren Armen lag der gleichfalls schlummernde Knabe, die Aermchen um den weißen Hals der Mutter geschlungen; es war ein unendlich liebliches Bild, das selbst in Pfeifer's sturmbewegter Brust weiche Gefühle weckte. Er betrachtete die Schlummernde mit zärtlichem Blick; es erschien ihm als Sünde, ihren friedlichen Schlaf zu stören, darum hauchte er nur einen Ruf auf die lilienreine Stirne und ging dann so leise, wie er gekommen.

Nach einer Weile schritten die Männer, die Pfeffer um sich versammelt, durch enge, abgelegene Gassen nach jenem Pförtchen, durch welches wir Heinrich den jungen Grafen führen sahen. Einer um den Andern schlüpften hinaus, rutschten in den Wallgraben hinab und klommen an der andern Seite wieder empor. Dies Alles geschah so stille, daß kein Laut durch die milde Nachtluft drang, und die Finsternis war so dicht, daß die Männer als wesenlose Schatten erschienen, die bald völlig verschwanden. In dem Lager der Fürsten, wie in der belagerten Stadt herrschte die tiefste Ruhe. –

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