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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 17
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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IV.

Münzer konnte nicht in schlimmere Hände fallen, als in die des Grafen Ernst von Mannsfeld. »War er zuvor übel gemartert worden,« sagt ein Zeitgenosse, »so wurde nun vollends gräulich mit ihm umgegangen.« In den unterirdischen Marterkammern des Thurmes von Heldrungen wurden alle jene Werkzeuge teuflischer Grausamkeit angewandt, die zur Schande der Menschheit den Henkern dienten, um den armen Gefangenen Geständnisse zu erpressen, wie man sie brauchte. Münzer aber hatte den Schmerz überwunden; kein Klageton mehr kam über seine Lippen, so sehr man auch seine Glieder streckte und reckte, so unendliche Qualen er auch erduldete. Herzog Georg mit einigen Grafen weideten sich an den Martern des Unglücklichen, der die ihm vorgelegten Fragen nur karg beantwortete.

»Thomas,« fragte Herzog Georg, »bekennst du, daß du schwer Unrecht gethan gegen göttlich und menschlich Gesetz?«

»Nein!« antwortete Münzer standhaft. »Ihr könnet mich strafen nach dem Gesetz, aber das Recht spricht mich frei; denn das Gesetz ist aus Eurer Schule hervorgegangen zur Unterdrückung des armen Mannes, das Recht aber ist ewig und erkennet jeder Creatur zu, nach der Freiheit zu trachten.«

»Du hast gegen das heilige Sacrament gesündigt und gelehrt, daß man es nicht anbeten soll.«

»Nun im Geist soll man es anbeten, hab ich gelehrt,« antwortete Münzer, »denn äußerlicher Gottesdienst ist unnütz, so der Geist nicht die rechte Weihe giebt.«

Als ihm vorgehalten wurde, was er in Hegau und Basel getrieben, antwortete er, er habe das reine Evangelium gepredigt und Artikel niedergeschrieben, wie man herrschen solle; er habe dort den Aufstand nicht gemacht, sondern der gemeine Mann sei bereits der Knechtschaft überdrüssig gewesen. Die Ursache, warum er den Landesfürsten und den Grafen von Mannsfeld beschädigt und gescholten, sei, daß sich die Unterthanen beklagt, daß ihnen das Wort Gottes nicht gepredigt werde; er habe die Empörung darum gemacht, daß die Christenheit gleich werden solle und daß die Fürsten und Herren, die dem Evangelium nicht beistehen und ihr Bündniß nicht annehmen wollten, erschlagen werden sollten; alle Güter sollten Gemeingut sein, Jedem nach Nothdurft ausgetheilt werden, und welcher Fürst, Graf oder Herr das auf gütliche Erinnerung nicht thun würde, der sei des Todes schuldig. Wär' es ihm gelungen, das Schloß Heldrungen zu erobern, so wäre Graf Ernst diesem Schicksal verfallen. Er gestand auch ein, daß er in seiner Jugend zu Aschersleben und Halle einen Bund gegen den Bischof gemacht. Seine übrigen Bekenntnisse waren unbedeutend; sie enthielten keinen Aufschluß über seine großartigen Verbindungen, nur einzelne Namen, deren Träger meist nicht mehr unter den Lebenden waren.

Die Folterqual hatte ihn so angegriffen, daß er danach zwölf Kannen Wassers trank, um die innere Gluth zu kühlen. »Trink nur, Thomas!« rief Herzog Georg spottend, »du wirst doch das höllische Feuer nicht löschen!«

Münzer antwortete nicht und erschöpft sank er nieder, als er in seinen Kerker zurückgeführt wurde. Unmuthig sah er auf, als sein Kerker sich wieder öffnete und ein Lichtstrahl in die Finsternis drang, der ihn die Gestalt eines Mönchs erkennen ließ. Es war Pater Thomasius, der die Erlaubniß leicht erlangt hatte, durch geistlichen Zuspruch die Seele des Gefangenen zu retten.

»Müssen wir uns so wiederfinden, Thomas!« sprach der Mönch, als er sich allein mit ihm in der Zelle befand.

»Die Gewalt der Gottlosen hat mich bezwungen!« antwortete Münzer. »Sie haben meinen schwachen Leib gebrochen, daß er unmächtig am Boden liegt, aber der Geist schwingt sich frei und stolz empor und läßt den hinfälligen Körper weit hinter sich zurück.«

»So hast du deinen Irrthum denn noch nicht erkannt?« seufzte Thomasius.

»Ich habe nur einmal geirrt, als ich auf das Volk zählte,« entgegnete Münzer »Ich hätte ein fein Spiel anfangen wollen, wären die armen Leute nicht im rechten Augenblick verzagt, zur Zeit des Glücks aber voll Eigennutz gewesen. Wir hatten herrliche Kräfte und nach menschlicher Berechnung war unsere Sache gewonnen. Aber der Fürsten Arglist und des Volkes Zwietracht verdarb das große Spiel. Die Freunde verließen mich in der Noth!«

»Wie konntest du auf Gelingen hoffen, da du das Werk ohne Gott begonnen?« sagte Thomasius. »Alle göttliche Ordnung stießest du mit Füßen, du raubtest dem Volke den Glauben an ein Jenseits und führtest es doch zum Tod. Darum mußtest du erleben, daß sie dich verließen; du hattest ihnen den festen Kern des Glaubens genommen, darum schwankten und fielen sie in der entscheidenden Stunde. Du standest in der Schlacht, und Tausende vergnügten sich indessen beim Wein, die dich hätten retten können. Sie rathschlagten und zechten und ließen dich verderben. Und nun stäuben sie aus einander wie Spreu im Winde!«

»Nein!« rief Münzer schmerzlich. »Für diese Menschen ist die Blume Freiheit nicht gewachsen!«

»Unglücklicher!« sagte der Mönch. »Dreimal unglücklich bist du, da du dies dir selbst gestehen, da du erkennen mußt, daß du für ein Wahnbild gefochten, daß du die Tausende hingeschlachtet für ein Nichts! Und wär' es dir nun gelungen, in welchen öden Abgrund schautest du? Mit seinem Glauben hättest du dem Volke auch seine Ruhe, seinen Frieden genommen! Denn sie hätten dir für das Phantom nicht gedankt, das sie durch ihr Blut erworben!«

»Aber ein neues edleres Geschlecht wäre auf der Schädelstätte des jetzigen erblüht!« antwortete Münzer begeistert. »Waren die Menschen des Kampfes nicht werth, so war es doch die Freiheit, und für sie geb' ich freudig mein Leben dahin. Ich hab' eine trübe Zeit durchlebt. Wo das Glück mir zu lächeln schien, da war es düster in meinem Herzen. Ich hatte mit dem Glauben an die Treue der Brüder auch den innern Halt, die feste Zuversicht der Ueberzeugung verloren. Schwanken und Zweifel ergriff mich, ich glich einem Schiffbrüchigen, der mit den Weilen ringt. Ich kämpfte sie gewaltsam nieder und ging in die Schlacht. Mit Schmerzen sah ich den Wettkampf von Verrath und Feigheit. Siegten sie, so war mein mühsam wiedererrungener Glaube auf ewig dahin. Die Begeisterung der Verzweiflung ergriff mich, ich wußte, daß ich nur die Wuth weckte, nicht den Muth! Aber die Flamme loderte auf, um bald, ach! um nur zu bald zu erlöschen. Als ich die Tausende fallen sah, da ward es düster vor meinem Blick. Die Schwachheit übermannte mich, die alten Zweifel kamen wieder, ich hielt die Sache für verloren und verbarg mich, im Gedanken an Weib und sind. Der Zweifel eben war diese Schwachheit. Als ich ergriffen ward, da fühlte ich zuerst mich wieder, da schwanden die Zweifel wie Nebelbilder, und es ward Licht vor meinem Geist. Das Unglück macht stark, nicht zaghaft. Im einsamen Kerker hatte ich Muße genug, mein Werk in seinem Anfang und in seinen Folgen mit klarem Blick, ohne Vorurtheil und Befangenheit zu betrachten, und was ich gewann, das ist die Ueberzeugung, daß all' dies Blut nicht umsonst geflossen ist, wenn auch die Früchte nicht so schnell reifen, als ich wollte. Eine kommende bessere Zeit wird die Völker frei machen. Die Völker werden aus dem Unglück lernen, daß sie es selbst durch Mangel an uneigennützigem Gemeinsinn, durch kleinlichen Hader verschuldet, und die Fürsten werden lernen, daß ein hartes Joch am leichtesten zerbrochen wird, daß das duldende Geschlecht nicht ewig ein duldendes ist. Dieser Kampf ist verloren, aber die Saat zum Besseren ist ausgestreut.«

»O wär' es an dem genug, was geschehen! seufzte Thomasius. »Aber Tausende werden noch als Opfer der Rache fallen. Das Edle gedeiht nur im Schatten des Friedens. Nicht der Sturm, sondern der Sonnenschein treibt den Baum zur Blüthe, reift die Frucht.«

»Unter Schmerzen wird das Kind geboren,« entgegnete Münzer, »und die Freiheit ist ein starkes Kind. Gewalt hat die Throne gebaut, Gewalt wird sie nur erschüttern. Kein Sieg ist ohne Kampf, und brausten nicht die Donner des Himmels und öffneten die Wolken nicht ihren Schopf, so würde die Blüthe im ewigen Sonnenschein welken und nimmer zur Frucht gedeihen.«

Der Mönch schüttelte zweifelnd den Kopf. »Was erwartest du von deinen Richtern?« fragte er.

»Den Tod!« entgegnete jener ruhig. »Ihre Gesetze verdammen mich, das Recht der Menschheit spricht mich frei!«

»Auch die Menschheit wird dich verdammen!« versetzte der Greis.

»Sie werden sich Mühe geben, mich als Greuel und Scheuel darzustellen;« erwiederte Münzer. »Sie bewarfen mich ja schon mit dem Koth der Verleumdung! Aber der Schleier wird endlich fallen, und eine kommende Zeit wird mir Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Der Sieger steht im Sonnenglanz! Wäre mein Werk gelungen, so priesen mich Millionen Lippen. Cäsar hieß der Göttliche und Rienzi Cola ward ein Rebell genannt.«

»Gedenkst du nicht auch deines Weibes?« fragte jetzt Thomasius.

»Ich gedenke ihrer mit Schmerz und Liebe!« antwortete Münzer. »Sie ist eine Perle, ein Kleinod, das ein König nicht aufwiegen mag mit all' seinen Schätzen. Ich war zu arm an irdischer Liebe, um ihr reiches Herz würdig zu belohnen. Ich wollte, ich hätte sie glücklicher machen, ich hatte ihren Pfad mit Blumen schmücken können! Ich durfte ihr nur Dornen streuen, ich mußte sie durch Stürme führen, in denen ihre weiche Seele erlag. Ich bitte dich, übernimm das Vermächtniß eines Sterbenden. Bring' ihr die tausend Grüße, die ich im Herzen trage, gieb ihr in meinem Namen den Scheidekuß und herze meinen Knaben. Er hat keinen Vater mehr, und sie werden sich Mühe geben, ihn mein Andenken verfluchen zu lehren. Marie soll mir verzeihen, daß ich ihre Jugend gebrochen; der Geist riß mich fort, ich konnte nicht widerstehen. An irdischem Gut vermag ich ihr nur wenig zu hinterlassen.«

»Thomas,« sagte der Mönch weich. »Sie sendete mich zu dir! Sie trägt unendliche Sorge um dein Seelenheil und beschwört dich mit tausend Thränen, dein Herz zu Gott zu wenden. Münzer, darf ich ihr diesen Trost nicht bringen? «

»Meine Seele lebt und webt in Gott!« antwortete Münzer. »Ich hab' ihn erkannt, tiefer als Ihr Alle. Ihr glaubt an einen Gott, den Euch Menschen gemacht haben, ich aber hab' ihn in seinem Walten und Wesen gefunden. Der Zorngott Jehovah, was ist er Anderes, als Menschenwerk? Und Euer christlicher Gott, der, wie Eure Sagen lehren, nur durch Blut versöhnt werden konnte, was ist er Anderes? Der Meinige beseelt das Weltall, er lenkt nicht eine todte Maschine an seinen Fäden, wie Eure Bücher sagen, sondern was lebt und ist, ist er selbst. Er ist die allwaltende Vernunft, die das Weltall durchdringt. Ich bin nicht ein willenloses Wesen, das seine vorgeschriebene Bahn geht, sondern ich wähle diese Bahn nach eigenem freien Willen. Wie viel besser wäre die Menschheit, wenn Jeder diesen Gott in sich erkennte und sich nicht träger Ruhe übergäbe, im Gedanken, daß sein vorgeschriebenes Schicksal all' sein Ringen überflüssig mache. Ich weiß, daß mein Geist, meine Vernunft nicht vergehen wird mit dem irdischen Leib, sondern fortwirkt im großen lebendigen Ganzen, und dieser Gedanke erfüllt mich mit höherer Ruhe, als erwartete ich eine träge, thatlose Unsterblichkeit in dem Himmel, den Eure Phantasie geboren. Wahrlich, es heißt die Geister tödten und den Zweck der Menschheit verkennen, sie hienieden zum Dulden verdammen, daß sie dort eine ewige Ruhe erlangen, Ruhe im Anbeten und Lobsingen. Eine starke Seele verlangt mehr, als einen ewigen Frieden. Könnt' ich denn ruhig sterben, stände die Wahrheit meines Glaubens nicht lebendig vor mir? Darum laß ab, mich zu versuchen; es wird dir nicht gelingen. Auch der Landgraf hat es versucht, mit lutherischem Gesetz mein verstockt Gewissen zu rühren. Ich mußte lächeln in meinem Herzen. Und nun brüstet er sich gewiß, er habe mich bezwungen!«

Der Schlüssel des Kerkermeisters klirrte; die Zeit war verronnen, die dem Mönch zum Belehrungswerk gestattet. Münzer ergriff seine Hand. »Ehrwürdiger Vater,« sprach er, »sagt meinem Weibe, ich habe mich mit meinem Gott versöhnt und werde ruhig sterben. Sie solle mir alles Leid vergeben, das ich ihr unverschuldet angethan. Sie solle sich mit Muth dem Unvermeidlichen unterwerfen und in Liebe meiner gedenken. Für ihre irdische Wohlfahrt will ich Sorge tragen, so weit ich es vermag. Lebt wohl!«

»Der Friede Gottes sei mit dir!« sagte segnend der Mönch, und der Kerker schloß sich hinter ihm. Münzer war wieder mit der Nacht und seinen Gedanken allein.

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