Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Köhler >

Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 14
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
Schließen

Navigation:

Sechstes Buch.
Das Blutgericht.

 

Es erben sich Gesetz' und Rechte
Wie eine ew'ge Krankheit fort;
Vom Rechte, das mit uns geboren,
Ist leider nie die Rede.

Goethe.

 

I.

Wie sie um ihn flattern und ihn anhauchen mit heißem Athem, die wilden Träume! Man sieht ihr geheimnißvolles Walten in dem zuckenden Mienenspiel, an der ringenden Brust des Schläfers, an der krampfhaft geballten Faust, die er erhebt, als wolle er drohend die Nebelgestalten verscheuchen, und nun wieder schwer auf die Decke sinken läßt! Ein Schlachtfeld thut sich vor ihm auf; der Dampf der Geschütze umhängt es mit dunklen Schleiern, sie zerreißen und er sieht das blutige Ringen der Lebenden, das Zucken der Sterbenden, ihre rauchenden Glieder, ihre brechenden Augen, hört ihr Stöhnen, einen halberstorbenen Laut, der ein Fluch für ihn ist. Und die Gestalten verschwinden und ein bleiches Weib kniet am Boden, in den Armen ein Kind, ein weinendes Kind, er hört ihr Seufzen, ihr banges Wehklagen, seinen Namen, und entsetzt fährt er empor und starrt in die Morgenröthe, die fluthend durch die Fenster seines Gemaches bricht. Einer seiner Getreuen steht neben ihm am Lager und berichtet: »Die Fürsten kommen.«

Münzer erhob sich rasch vom Lager. »kommen sie?" rief er mit funkelndem Blick. »Nun, sie sollen uns bereit finden. Fort, laß die Hörner schmettern, das Volk soll sich sammeln zum Kampf!«

Jener ging und Münzer kleidete sich in sein Wamms von Büffelleder, um welches der Prophetenmantel wallte, um die Hüften gürtete er sich das Schwert. Und bald wirbelte und schmetterte es durch die Straßen, und die Kämpfer griffen nach ihren Waffen und eilten nach dem Sammelplatz. –

Auf einer Anhöhe vor Frankenhausen hatte er sein Volk aufgestellt und eine Wagenburg und einen tiefen Graben um sich gezogen. Seine Treuen umringten ihn, auf ihre Waffen gelehnt, in den wilden Augen Muth und Begeisterung. Die Bauern standen unter ihren Fähnlein, und auf mancher blassen Wange las man die Furcht vor dem nahenden unerbittlichen Geschick. Da war so Mancher, dessen Gedanken in die Ferne schweiften, nach der friedlichen Hütte, die er verlassen, wo ein treues Weib, eine sorgende Mutter, geliebte Kinder um ihn weinten, und er sehnte sich zurück nach dem niedern Dache, nach den Tagen voll Schweiß und Mühe, nach dem harten Brot, das die Liebe der Seinen würzte; nahm der hartherzige Gebieter auch Alles, so konnte ihm Alles doch die Liebe ersetzen. Und nun? – Die Edelleute, die zum Haufen gezwungen waren, sahen trotzig zur Erde; über Münzer's Antlitz flog ein dunkler Schatten, als sein Auge über sie hin streifte. – Da stand auch Benedict, der sonst so rothwangige Pater, heute jedoch bleich und an allen Gliedern schlotternd. Die wilden Gesellen hatten ihn mitgeschleppt, um ihren Scherz mit ihm zu treiben, und nun sah auch er das grausame Schicksal über ihn hereinbrechen; nicht weit von ihm stand Lehnhardt, in kriegerischer Kleidung wieder, auf dem struppigen Kopfe eine Blechhaube, in der Faust eine Hellebarte. Er weidete sich an der Angst des ehemaligen Zechgenossen und flüsterte ihm allerlei Spöttereien zu, für welche jedoch der arme Mönch weder Ohr noch Sinn hatte – Die ganze Schaar bestand aus etwa achttausend Mann.

Jetzt wirbelten Staubwolken in der Ferne auf, der Wind zertheilt sie, und Heime und Harnische funkeln und blitzen im Strahl der Sonne. Es sind die Fürsten und sie rücken näher und näher. Wie klopft da Münzer's Herz! Die entscheidende Stunde ist gekommen. Der Held des freien, kühnen Gedankens soll sich heute auch als ein Held der Schlacht bewähren. Der Altar ist bereitet, auf dem der Freiheit ein Opfer gen Himmel dampfen soll. Er fühlt, daß dieser Tag entscheidend für den ganzen Kampf; das Ziel und Streben seines ganzen vergangenen Lebens ruht auf des Schwertes Spitze. Wird der Tag gewonnen, so ist die Macht der Gegner gebrochen und die innere Kraft seines Volkes befestigt; wird er verloren, so sinkt mit der Begeisterung auch der Muth, und der Bau der Freiheit stürzt im Beginn zusammen.

»Sie kommen heran!« ruft er mit erhobener Stimme. »Gedenkt an all' das Leid, das sie Euch angethan, gedenkt der Brüder, die sie gemordet, den Blutes, das sie vergossen! Wie tolle Hunde will man Euch zertreten, ihre Gnade ist Mord, darum laßt nicht ab zu streiten, so lang ein Athem in Euch ist! Gott will es! Drauf und dran!«

Sein Wort verhallte, er sah in bleiche, sorgenvolle Gesichter. Und unterdessen zogen die eisernen Schlachtreihen immer näher und dehnten sich unabsehbar aus, an Kraft und Zahl den Bauern so weit überlegen. Es waren die Truppen des Landgrafen, des Herzogs von Braunschweig und des Herzogs Georg von Sachsen, zusammen 2600 Reisige und 6000 Mann zu Fuß mit zahlreichem trefflichen Geschütz. Der ungestüme Landgraf wollte alsbald angreifen, Schüsse wurden gewechselt, doch ohne besondern Schaden; aber seine Leute waren zu sehr erschöpft, und er führte sie in ein Lager zurück. Dies nahm Münzer für Flucht und ließ ein Falkonet unter die zurückziehenden Reiter abschießen; die Kugel tödtete einen jungen Edelmann, eines alten Mannes einzigen Sohn, woraus die geschäftige Verleumdung einen Gesandtenmord schmiedete.

Es dauerte nicht lange, als neue Staubwolken in der Ferne aufwirbelten. Münzer erblaßte; er ahnte wohl die Ursache, es war der neue Kurfürst Johann, der mit achthundert Reitern und zweitausend vierhundert Knechten zu Fuß heranzog. Nur ein Wunder konnte hier zum Siege führen, nur die rücksichtsloseste Begeisterung konnte den Mangel an Zahl, Massen und Kriegskunst ersetzen. Aber ach! aus diesen bleichen Gesichtern sprach allein die Furcht; nur seine Treuen schaarten sich enger um ihn, bereit, mit ihm zu siegen oder zu sterben.

Da erschien ein Friedensbote aus dem Lager der Fürsten. Alsbald drängten sich die bleichen Männer um ihn her; sie schienen von seinem Antlitz lesen zu wollen, wessen man sich zu versehen habe. Der Bote, ein Dienstmann des Landgrafen, wandte sich nicht an die Hauptleute, sondern an den gemeinen Haufen. Mit eindringlicher Stimme sprach er, wie die Fürsten Mitleid hätten mit den armen Betrogenen, und daß sie Gnade für Recht ergehen lassen wollten, wenn sie demüthig abließen von ihrem Aufruhr und zum Zeichen ihres Gehorsams ihre Hauptleute auslieferten. »Hört auf die Worte des Friedens,« rief er, »denn Ihr seid gar verloren, wenn wir über Euch kommen mit Roß und Mann! Sehet hin! Unabsehbar dehnen sich unsere Fähnlein aus und unsere Büchsensteine werden Euch zerschmettern. Darum glaubet nicht den falschen Propheten, die unter Euch sind, scheidet Euch von ihnen und greifet nach der Hand der Fürsten!«

Münzer betrachtete mit ängstlicher Spannung die Wirkung dieser Worte. Sie brachten ein furchtbares Getümmel hervor; Viele griffen danach, wie nach einem rettenden Tau und begehrten laut Unterhandlung und Frieden; die im Haufen befindlichen Edelleute waren besonders die Sprecher und Vertreter dieser Partei; Andere jedoch wollten nichts von Unterhandlung wissen, sie begehrten gegen die Fürsten geführt zu werden, sie wollten mit dem Schwerte Antwort sagen. Dazwischen war noch eine dritte Partei, deren Meinung, man solle zwar Unterhandlung pflegen, aber von Auslieferung eines Mannes dürfe nicht die Rede sein, endlich siegte. Der Kürschner Roder wurde gewählt, den Willen der Bauern an die Fürsten niederzuschreiben. »Wir bekennen Jesum Christum;« lautete das Schreiben. »Wir sind nicht hie, jemand was zu thun, Joh. 2., sondern die göttliche Gerechtigkeit zu erhalten, wir sind auch nicht hie, Blut zu vergießen. Wollt ihr das auch thun, so wollen wir euch nichts thun. Danach habe sich ein Jeder zu halten.«

Unterdessen breiteten sich die Schlachtreihen der Fürsten immer weiter um die Wagenburg der Bauern aus, immer enger ward der Ring, der sie endlich erdrücken sollte, und immer näher rückte das Geschütz und gähnte verderbenschwanger gegen die zagenden Bauern. Alles drängte sich um den Boten, der jetzt die Antwort der Fürsten zurückbrachte. Mit offenem Munde, mit Blicken der Hoffnung und des Zweifels hingen sie an den Lippen des Mannes, der mit lauter Stimme also las:

»Dieweil Ihr Euch aus angenommener Untugend und verführerischer Lehre Eures Fälschers des Evangelii, vielfältig wider unsern Erlöser Jesum Christum mit Mord, Brand und mancherlei Mißbrauch Gottes, sonderlich dem heiligen hochwürdigen Sacrament, und andre Lästerung erzeiget, darum sind wir als diejenigen, denen von Gott das Schwert befohlen, hie versammelt, Euch darum als die Lästerer Gottes zu strafen. Aber nichts desto weniger aus christlicher Liebe und sonderlich, indem wir dafür halten, daß manch' armer Mann böslich dazu verführt, so haben wir bei uns beschlossen: Wo ihr uns den falschen Propheten Thomas Münzer sammt seinem Anhang lebendig überantwortet, und wo Ihr Euch in unsre Gnad und Ungnade ergebt, so wollen wir euch dermaßen annehmen, daß ihr dennoch nach Gelegenheit der Sachen unsere Gnade befinden sollet; begehren darauf eure eilende Antwort.«

»Frieden! Frieden! Ergebung auf Gnad' und Ungnade!« »Nichts da! Schieße mit Büchsensteinen unter sie! Hie Bundschuh!« so rief es wild durch einander. Münzer sah mit Schmerz, wie Mancher feindliche Blicke nach ihm warf, wie sich in manchem Herzen die Lust regte, den Mann, der der Freiheit sein Leben opfern wollte, der Sicherheit des eignen Leibes zum Opfer zu bringen. Mit Trauer erkannte er seine Täuschung, die große Sache auf Menschen gebaut zu haben, die sich noch so wenig zur Idee der Freiheit emporgerungen.

»Brüder!« rief er, indem er unter sie trat, »Ihr sollet Gnade erlangen, haben Euch dir Fürsten versprochen, wenn Ihr mich dem Nimrod überantwortet! Ich schone mein Leben nicht, so ich überzeugt bin, daß Euch mein Tod zum Heil diene. Ich würde gern mein Blut lassen, so ich wüßte, daß ich Euch das himmlische Gut der Freiheit erkaufte! Sind wir hie zu schlagen, oder um Gnade zu bitten? Ist dadurch der Sache etwas gewonnen, wenn sie selbst Gnade üben und Euch wieder sänftiglich in ihr Joch spannen? Habt Ihr Freiheit dadurch erworben, indem Ihr die Freunde opfert, die mit Euch zu sterben bereit sind? Trauet aber auch nicht auf ihre Gnade! Gedenket, wie sie Euren Brüdern gethan haben! Sie werden Euch niemals vergessen, daß Ihr Euch aufgelehnt gegen ihre unrechte Gewalt, sie werden Euch einzeln zertreten, wenn Ihr kleinmüthig die Waffen aus der Hand gegeben! Trauet ihnen nicht, sie sind voll Arglist!«

Ein Murmeln erhob sich, das Münzer zu seinen Gunsten deuten zu können glaubte. Da trat Einer der Edelleute auf und rief mit starker Stimme: »Willst du diese armen Leute ins Verderben stürzen, Thomas? Sieh' unsre Kräfte an und die der vereinigten Fürsten. Sie werden uns erdrücken mir ihrer Gewalt. Dauert dich der Armen nicht, die du zu Waisen machen willst? Du hast diesen Handel begonnen, so ist's auch billig, daß du ihn ausbadest! Trägst du wirklich Liebe zu deinem Volke, so darfst du dein Leben nicht achten und must hinübergehen zu den Fürsten, um die armen Leute zu retten. Thust du's aber nicht und schätzest deinen Kopf höher, als das Blut dieser Tausende so soll man dich binden und hinüberschicken, damit Blutvergießen gehindert werde!«

»Sprecht doch, ehrwürdiger Pater! « flüsterte Lehnhardt dem schreckensbleichen Benedict zu; »bedenkt, das Leben ist kostbar! Jetzt gilt's schmiedet's Eisen, dieweil es warm ist!«

Da erhob sich Benedict und sprach mit anfangs zitternder Stimme, die jedoch mehr und mehr an Festigkeit gewann. Er entwickelte, daß ein gezwungener Eid nichts gelte, daß man einem Ketzer, den die heilige Kirche verdamme, nicht Treue zu halten brauche, daß Gott den Reuigen und Bußfertigen vergebe, und die Fürsten würden es auch thun aus christlicher Barmherzigkeit!

Münzer sah den feigen Mönch mit unaussprechlicher Verachtung an. »Wohlan,« rief er, »wollet Ihr handeln als Verräther: hier bin ich! Bindet mich und sendet mich den blutdürstigen Räubern, daß sie ihr Müthlein an mir kühlen!«

»Nein, nein!« riefen viele Stimmen. »Wir wollen mit dir leben oder sterben!«

»Wollt Ihr das,« rief Münzer, »so wird Gott uns beistehen, denn wir haben gerechte Sache! Die Elenden aber, die Verrath stiften wollten unter uns, die sollen Strafe empfangen, wie sich's Verräthern gebührt. Greifet sie, im Namen Gottes!«

Im Nu sahen sich die beiden lehren Sprecher ergriffen und im Kreise von Münzer's Getreuen. Ein Gericht wurde niedergesetzt. das wegen Verraths und Zwietrachtstiftung den Tod über sie erkannte. Sie wurden im Ring enthauptet. Benedict brach ohnmächtig in die Kniee, als er das Urtheil hörte; flehend erhob er die Hände, Münzer aber achtete nicht darauf. Durch diesen strengen Act der Gerechtigkeit glaubte er das Uebel mit der Wurzel ausgerottet zu haben. Und wirklich schien es eine Weile so. Einer sah den Andern in starrem Entsetzen an, Keiner wagte mehr ein Wort zu sprechen. Aber die Friedenspartei erhob sich wiederum. Drei Edelleute, die Grafen Wolfgang von Stollberg, Caspar von Rüxleben und Hans von Wertern wurden in das Lager der Fürsten geschickt, um für Alle, auch für Münzer um Gnade nachzusuchen.

Endlich kam Wettern in's Lager zurück und entbot den Bauern im Namen der Fürsten, sie wollen weiter mit ihnen des Münzer's halben nicht disputiren, sondern wenn sie ihn nicht ausliefern und ihre Wehr ablegen wollten, würden sie jetzt gegen ihn vornehmen, kraft ihres obrigkeitlichen Amtes, was sich gegen sie gebühre. Sie möchten die noch übrige Bedenkzeit wohl benutzen.

Da scheint Münzer's Sache wiederum verloren. Die Angst siegt über das Entsetzen, das er durch sein strenges Gericht hervorgerufen. Die Uneinigkeit, das Schwanken wird immer größer. Nicht nur sein Leben, sondern die ganze Sache der Freiheit steht auf dem Puncte verloren zu werden; da ruft er noch einmal die Kraft seiner Beredtsamkeit zu Hülfe. Kann er auch nicht mehr die ächte reine Begeisterung erwecken, so gelingt es ihm vielleicht doch durch sein Prophetenfeuer die Zaghaften hinzureißen, in fanatische Wuth zu versetzen. Aus seinen eigenen Augen sprüht wilde Begeisterung, seine Wange glüht, wie ein Strom rauscht die Rede von seinen Lippen.

»Lieben Brüder!« ruft er, »Ihr seht, daß die Tyrannen unsre Feinde, so da sind und sich unterstehen wollen, uns zu erwürgen, doch so furchtsam sind, da sie nicht wagen, uns anzugreifen, sondern fordern, Ihr sollet abziehen, sollet die Anfänger dieser Sache überantworten! Nun, lieben Brüder, Ihr wißt, daß ich solche Sache auf Gottes Befehl hab' angefangen und nicht aus eignem Vornehmen oder Kühnheit, da ich ein Krieger mein Tage nicht gewesen bin; dieweil aber mir Gott geboten hat, auszuziehen, bin ich schuldig und Ihr Alle, da zu bleiben und des Endes zu warten. Es gebot Gott Abraham, seinen Sohn zu opfern. Nun wußte Abraham nicht, wie es gehen sollte; dennoch folgte er Gott und fuhr fort, wollte das fromme Kind opfern und tödten. Da errettete Gott Isaak und erhielt ihn beim Leben. Also auch wir! Dieweil wir Befehl von Gott haben, sollen wir des Endes warten und Gott für uns sorgen lassen. Darüber aber hab' ich nicht Zweifel, es werde wohl gerathen, und wir heute Gottes Hülfe sehen und unsere Feinde vertilgen. Denn Gott spricht oft in der Schrift, er wolle den Armen, den Frommen helfen und die Gottlosen ausrotten. Nun sind wir die Armen und die Gottes Wort begehren zu erhalten, darum sollen wir nicht zweifeln! Das Glück wird auf unsrer Seite sein!«

Er blickt um sich, Alle hängen an seinen Lippen, und kühner und begeisterter fährt er fort: »Was sind aber die Fürsten? Sie sind nichts denn Tyrannen, schinden die Leute, unsern Schweiß und Blut verhöhnen sie mit Hofiren, mit unnützer Pracht, mit Huren und Buben. Es hat Gott geboten: es soll der König nicht viel Pferde bei sich haben und eine große Pracht führen, auch soll ein König das Gesetzbuch täglich in Händen haben. Was thun aber unsere Fürsten? Sie nehmen sich des Regiments nicht an, hören die armen Leute nicht, sprechen nicht Recht, schaffen nicht, daß die Jugend recht erzogen wird zum Guten, fördern nicht Gottes Dienst, so doch um solcher Ursach willen Gott Obrigkeit eingesetzt hat, sondern verderben allein die Armen je mehr und mehr mit neuen Beschwerden, brauchen ihre Macht nicht zu Erhaltung des Friedens, sondern zu eignem Trutz, daß je Einer seinem Nachbar stark genug sei, verderben Land und Leute mit unnöthigen Kriegen, Rauben, Brennen, Morden! Das sind die fürstlichen Tugenden, damit sie jetzt umgehen. Ihr sollt nicht denken, daß Gott solches länger leiden wolle; denn wie er die Kananiter vertilgt hat, so wird er auch diese Fürsten vertilgen. Und obschon solches zu leiden wäre, so kann doch Gott das nicht leiden, daß sie den falschen Gottesdienst der Pfaffen und Mönche vertheidigen wollen. Wer weiß nicht, welch' gräuliche Abgötterei geschieht mit dem Kaufen und Verkaufen in der Messe. Wie Christus die Krämer aus dem Tempel stieß, so wird er diese Pfaffen und was ihnen anhängt verderben. Und wie Gott Phenees gelobt hat, daß er die Hurerei mit Cosbi strafte, so wird uns Gott Glück geben, der Pfaffen Hurerei zu strafen. Darum seid getrost und thut Gott den Dienst und vertilget diese untüchtige Obrigkeit. Denn was hilft's, ob wir schon Frieden machten mit ihnen, sie würden doch fortfahren, uns nicht freilassen und zur Abgötterei treiben. Nun sind wir schuldig, lieber zu sterben, denn in ihre Abgötterei zu willigen. Es wäre besser, daß wir Märtyrer würden, denn daß wir leiden, daß uns das Evangelium entzogen werde, und wir zu der Pfaffen Mißbrauch gedrungen werden. Ich weiß gewißlich, daß Gott uns helfen wird, denn er hat mir solches zugesagt und mir befohlen, daß ich alle Stände soll reformiren. Es ist nicht Wunder, daß Gott wenigen und ungerüsteten Leuten sich gebe, da Gideon mit wenig Leuten, Jonathan mit seinem einzigen Knaben viel Tausend erschlagen haben, David ungerüstet den großen Goliath getödtet hat. Also hab' ich nicht Zweifel, es werde jetzt dergleichen geschehen, daß wir, wiewohl ungerüstet, obsiegen werden. Es müßten ehe Himmel und Erde sich ändern, denn daß wir sollten verlassen werden, wie sich des Meeres Natur ändere, auf daß den Israeliten geholfen werde, da ihnen Pharao nacheilte. Laßt Euch nicht abschrecken das schwache Fleisch, und greift die Feinde kühnlich an! Ihr dürft ihr Geschütz nicht fürchten, denn Ihr sollt sehen, daß ich alle Büchsensteine in meinem Ermel auffangen will, die sie gegen uns schießen!«

Der wilde Prophetengeist hat ihn selbst hingerissen, er athmet hoch auf und erkennt mit Freude die Wirkung seiner Rede. Und die Natur selbst scheint sich mit ihm zu verbinden. Um die Sonne schlingt sich ein herrlicher Regenbogen über das reine Blau des Himmels. Mit triumphirendem Blick zeigt er hinauf nach dem Gnadenzeichen Gottes. »Da sehet,« ruft er, »daß Gott auf unsrer Seite ist, denn er giebt uns jetzt ein Zeichen! Sehet Ihr nicht den Regenbogen am Himmel? Der bedeutet, daß Gott uns, die wir den Regenbogen im Banner führen, helfen will, und droht den mörderischen Fürsten Gericht und Strafe. Darum seid unerschrocken und tröstet Euch göttlicher Hülfe und stellt Euch zur Wehre. Es will Gott nicht, daß ihr Frieden mit den gottlosen Fürsten macht!«

Gott hat sichtbar gesprochen, wer dürfte nun noch verzagt sein? In milder Begeisterung jauchzen Münzer's Getreue auf. Er hat gesiegt, keine Stimme erhebt sich mehr zum Frieden. »Was wollt Ihr nun thun?« fragt er. »Habt Ihr Euch bedacht, mich den Fürsten zu überantworten oder nicht?«

»Nein, nein!« antworten die Tausende. »Todt oder lebendig wollen wir hie bei einander bleiben!« Und die Münzerischen drängen sich um ihren Meister und riefen laut: »Frisch dran, und nur drein geschlagen und gestochen und der Bluthunde nicht geschont!«

Und Alle stürzen auf die Kniee, das Auge vertrauensvoll nach dem Gnadenzeichen des Himmels gerichtet, und die Melodie: Komm' heiliger Geist, Herre Gott! rauscht feierlich durch die weiche Luft. Alle Herzen fühlen sich begeistert, von hehrer Weihe durchdrungen. Aber noch ist der Gesang nicht geendet, kaum die Hälfte der ihnen bewilligten Bedenkzeit verstrichen, da bebt die Erde vom Donner der feindlichen Geschütze. Die mörderischen Kugeln durchbrechen die Reihen, und die zerrissenen Glieder der Armen fliegen umher; die ganze Schlachtordnung der Feinde rückt gegen die Wagenburg. Die Bestürzten, zum Tode Erschrockenen stehen wehrlos, blicken gen Himmel, ob Gott nicht seine Engel niedersende, und fallen unter den Kugeln und Schwertern der Feinde, die, ohne Widerstand zu finden, die Wagenburg durchbrochen haben. Tausende werden erschossen« erstochen, jämmerlich ermordet, wie der Wolf unter der wehrlosen Heerde, so wüthen die Feinde unter den Bauern, die in ihrer Bestürzung nicht wissen, ob sie fechten oder laufen sollen.

Schreckensbleich steht Münzer und blickt auf das furchtbare Gemetzel! Er ruft zum Muth, zum Kampf, aber seine Stimme verhallt im Donner der Geschütze. Und nun löst sich der ganze Haufe auf in wilder Flucht. Sie stürzen den Berg hinab und eilen nach den nahen Waldhöhen, um sich zu verbergen. Es wirbelt vor Münzer's Augen, unendliche Sehnsucht nach Weib und Kind erwacht in seiner Brust. Die Flucht erst ihn mit sich fort; er folgt dem Strom, der sich gegen Frankenhausen dahinwalzt. Der verlorene Haufen, den der Landgraf vorausgesandt, ist ihnen auf den Fersen; im Fliehen dauert der Kampf fort, und die Reisigen stürzen sich mit den Bauern zugleich in die Stadt. Hier tobt das Gemetzel noch fürchterlicher durch die Straßen. Die Reisigen kennen kein Erbarmen, ihr Schwert würgt Alles nieder, was ihnen in den Weg kommt. Sie dringen in die Kirchen und Kloster, wohin die Verfolgten fliehen, an den Altären morden sie. In Haufen liegen die Erschlagenen, und der durch die Stadt fließende Bach färbt sich purpurn von ihrem Blut. Fünf Tausend von den Bauern liegen im Feld und in der Stadt erschlagen. Auch Bartel Krump hat auf der Flucht den Tod gefunden.

Ein kleiner Haufe hatte sich in einer Steinkluft auf einem Hügel im Thal zur Wehre gesetzt und Tod und Wunden unter die gegen sie ansprengenden Reiter ausgetheilt. Es waren die Besten von Münzer's Getreuen. An ihrer Spitze focht Woldemar mit jugendlicher Tapferkeit. Aber Einer nach dem Andern sank unter den Streichen der Reisigen. Bewußtlos stürzte Woldemar nieder und hörte nicht mehr das Siegsgeschrei der davonsprengenden Reiter.

Die Fürsten waren des Blutes noch nicht satt. Dreihundert Gefangene befanden sich in ihrer Gewalt. Zusammengekoppelt wurden sie unter dar Rathhaus geführt und mehrere Scharfrichter standen schon bereit, das Bluturtheil zu vollziehen. Die Fürsten und Edlen standen im Ring. Ein alter Priester mit seinem Caplan befand sich unter den Gefangenen. Ohne Untersuchung ward das Urtheil gefällt: sie sollten all' enthauptet werden. Da stürzten weinende Frauen herzu, warfen sich vor den Fürsten auf die Kniee und flehten um das Leben ihrer Männer. Lachend wurde ihnen Gnade versprochen, wenn sie jene beiden Pfaffen niederschlügen. Da stürzten sich die Frauen auf die Unglücklichen und schlugen so lange mit Knitteln auf sie, die ihr Gehirn an den Boden spritzte. Darauf erhielten sie ihre Männer, und die Scharfrichter begannen ihr blutiges Werk.

Unter denen, die zum Tode geführt wurden, befand sich auch Lehnhardt. Trotzig schaute er um sich und als er im Kreise der Edlen seinen ehemaligen Herrn erblickte, fragte er höhnisch, ob er nicht etwas an seinen Junker in die Unterwelt zu bestellen habe. Der Graf trat entsetzt vor. »Was sagst du da?« rief er. »Was weißt du von meinem Sohn?«

»Nichts weiter,« lachte jener, »als daß er mir bald nachfolgen wird, wenn er nicht bereits Quartier bestellt hat!«

»Spanne mein Vaterherz nicht auf die Folter!« rief der Graf. »Gedenke, was ich dir Gutes that! Ich will vergessen, daß du als undankbarer Knecht dich zu meinen Feinden geschlagen, ich will –«

»Hoho!« lachte Lehnhardt. »Hätt' ich die Schlupfwinkel in Eurem verdammten Neste gewußt, wie Ihr, so möcht' ich auch wohl heiler Haut sein. Ich hätt' wohl meine Haut zu Markt tragen sollen, während Ihr die Eure in Sicherheit brachtet? Jeder Mensch hat seinen Kopf lieb und säß' auch eine Schellenmütze darauf. Ist man unter den Wölfen, so muß man mit ihnen heulen. Hätt' ich damals, als Euer Schloß in Rauch aufging, den Bauern nicht nachgegeben, so hätt' Meister Hemmerling heut einen Kopf weniger abzuschlagen und die fürstlichen Gnaden einen Kopf minder.«

»Nur schnell, schnell! Sprich, wo mein Sohn ist!« drängte der Graf.

»Entweder in Mühlhausen oder im Grab;« antwortete Lehnhardt. »Lebt er noch, so ist sein Kopf nicht sichrer, als meiner; denn Pfeifer wird Gelegenheit suchen, sich zu entschädigen.«

Der Graf wandte sich von ihm ab, bat die Fürsten um Urlaub, und eilte davon. Der Henker hatte sich während der Unterredung ermüdet auf sein Schwert gestützt, jetzt warf er einen flüchtigen Blick auf die Fürsten, und da ihm keiner ein Zeichen der Begnadigung für den armen Sünder gab, wandte er sich wieder zu diesem. »Kniee nur nieder, Gesell!« sagte er launig. »Bet' ein Vaterunser, wenn du beten gelernt hast. Der Kopf muß halt 'runter. Fürcht' dich nur nicht! Es thut nicht weh!«

»Hol' dich der Teufel!« brummte Lehnhardt, indem er niederkniete. »Der Alte hätt' mir auch für die Nachricht können das Leben erbitten! Bei großen Herren ist einmal kein Dank zu verdienen! Na, heute mir, morgen dir! Schlag zu, Hemmerling!«

Der rothstruppige Kopf fuhr auf einen Streich vom Rumpfe und ein anderes Schlachtopfer betrat den von Blut schlüpfrigen Platz.

Unterdessen stürmten plündernde Rotten durch die Häuser und verfuhren mit unerbittlicher Grausamkeit. Unter all' den Todten und Gefangenen, vermißte man aber Einen, der den Fürsten mehr galt als diese Tausende: Thomas Münzer. Gelang es ihm zu entkommen, so wuchsen der Hyder neue Köpfe an der Stelle der abgeschlagenen, und der Kampf war noch lange nicht beendet. Die Fürsten setzten deshalb einen Preis auf seinen Kopf.

Münzer hatte mit dem fliehenden Haufen Frankenhausen erreicht und sich in eines der nächsten Häuser am Nordhäuser Thore geworfen. Ein Mädchen trat ihm entgegen, das entsetzt die Hände zusammenschlug, als sie trotz seines verstörten Ansehns den Flüchtling erkannte. »O Gott Abraham's!« rief sie. »Ihr seid's? O kommt geschwind, edler Herr, daß ich Euch vergelten kann, was Ihr einst an Isaak Löb und seiner Tochter gethan!« Sie faßte seine Hand und führte ihn die Stiegen hinan. »Ich hab' oft an Euch gedacht,« plauderte sie dazwischen, »und Euch den Sieg gewünscht über Eure Feinde! O weh über das irdische Glück! Damals waret Ihr ein so gewaltiger Herr, und heute seid Ihr verlassen von aller Welt, nur nicht von der armen Sara!«

»Gutes Mädchen!« sagte Münzer gerührt. »Wie willst du mich aber verbergen, ohne daß dir's selbst Schaden bringt?«

»Tretet nur in diese Kammer und legt Euch zu Bette!« sagte Sara, als sie auf dem obersten Bodenraum angekommen waren, wo ein Bett stand. »Fragt Jemand nach Euch, so seid Ihr ein dienender Mann, der seit Wochen krank danieder liegt.«

Sie verließ ihn. Münzer entkleidete sich und legte sich mit verbundenen Kopfe zu Bette. Sein Herz klopfte heftig und laut, fieberisch rollte sein Blut durch die Adern; Alles, was er gesehen und erlebt, ging noch einmal an seinem Geiste vorüber. Aber all' diese Bilder des Schreckens rang der Schmerz nieder, daß er sich getäuscht in seinem Volke, daß alle Mühe seines Lebens umsonst gewesen, daß so viel vergossenes Blut nur die Ketten der Knechtschaft fester geschmiedet. Er dachte an sein Weib, an all' ihre treuen Warnungen, an seinen Knaben. –

Die Plünderer waren an ihm vorübergegangen; nun aber quartierte sich ein lüneburger Edelmann, Otto von Ebbe, mit seinem Knecht in das Haus ein. »He, Jude,« fragte der Letztere scherzend, »hast keinen Rebellenhund im Hause?«

»Was soll ich Gemeinschaft haben mit den Meuterern?« betheuerte der Jude. »Warum soll ich mich kümmern um die Händel der Gojim? Israel ist ein Fremdling in diesem Lande. Wir müssen leben von den Reichen, von den Fürsten und Herren, können's nicht halten mit den Bauern!«

»Schon gut!« lachte der Knecht. »Will aber sehen, ob die Reisigen nichts übrig gelassen haben!«

»Haben Alles mit fortgenommen, was nicht nagelfest ist!« klagte der Jude. »Ich bin ein armer Mann worden durch die Händel der Christen!«

Der Knecht stürmte die Treppe hinauf; Sara sah ihm sorgenvoll nach und betete für den armen Flüchtling. Als Münzer die klirrenden Schritte hörte, hüllte er sich tiefer in die Decken. Der Lebenstrieb war mächtig in ihm erwacht; zudem sah er in seinem Opfertode ja keine Rettung für die Sache, der er gelebt hatte. Jetzt trat der fremde Knecht in den engen Raum und fragte barsch, wer er sei.

»Ich bin ein armer, kranker Mann,« antwortete Münzer mit schwacher Stimme, »und liege seit lange am Fieber danieder.«

Der Knecht kannte ihn nicht und war geneigt, ihm Glauben zu schenken. Da fiel ihm, als er nach Beute umherspähte, Münzer 's Tasche in die Hände. Er öffnete sie und fand Briefe darin vom Grafen Albrecht von Mannsfeld, an Thomas Münzer lautend. »Heda,« rief der Knecht, »woher kommen Euch diese Briefe?«

»Ein Reisiger, der nach Beute suchte, war hier und hat die Tasche liegen gelassen!« sagte Münzer.

»Faule Fische!« rief der Knecht. »Daß mich der Satan beiße, du bist selbst Thomas Münzer!«

»Wohlan, ich bin es!« sagte Münzer entschlossen und gab sich dem Knecht gefangen. Dieser führte ihn jubelnd zu seinem Herrn. Sara erbleichte, als sie den unglücklichen Flüchtling in der Gewalt seiner Feinde sah, floh in ihr Kämmerlein und weinte.

Münzer hatte sein ganzes, stolzes Selbstbewußtsein wiedererlangt. War er bisher ein mit dem Schicksal Ringender gewesen, so trat er nun diesem Schicksal muthig trotzend entgegen. Er hatte nie einen Augenblick geschwankt, daß die Idee, der er diente, die edelste war; nur die Täuschungen, die er erfahren, hatten seine Zuversicht erschüttert. Nun aber galt es, diese Idee muthig zu bekennen und sie mit dem Tode zu besiegeln.

Otto von Ebbe führte seinen Gefangenen vor die Fürsten. Die Kunde von seiner Gefangennehmung war schon vorausgegangen. Sie empfingen ihn mit der Frage: »warum er das arme Volk verführt und in ein solches Blutbad gestürzt habe?«

»Ich habe recht gethan,« antwortete Münzer fest, »daß ich die Fürsten zu strafen ein solches angefangen habe, weil sie dem Evangelium so heftig zuwider sind und wider die christliche Freiheit so unbarmherzig wüthen. Man muß den Fürsten Zaum und Gebiß anlegen, damit sie sich nicht erheben über den armen Bruder. Sind darüber die Bauern geschlagen, dafür kann ich nichts. Ich stünde nicht also vor Euch da, hätten sie sich nicht durch gute Worte betrügen lassen. Sie haben's nicht andere haben wollen, daß es so gekommenen ist.«

»Thomas,« sagte der junge Landgraf, »steht nicht in der heiligen Schrift: Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat? Item: Alle Obrigkeit ist von Gott eingesetzt? Und wiederum: Seid unterthan nicht nur den guten Herren, sondern auch den schlimmen? Du aber hast wider die Gebote Gottes gehandelt, als du das arme Volk verführtest zu Ungehorsam gegen die rechtmäßige Obrigkeit.«

Münzer sah mit stolzem Schweigen auf den Jüngling, der sich das unterfangen wollte, was selbst einem Luther mißlungen war. Er antwortete nicht mehr. Der Landgraf aber war stolz auf seine siegende Beredtsamkeit.

Die Fürsten ließen ihn darauf auf die Folter spannen. Als die Daumenschrauben ihm das Blut aus den Fingern spritzten, übermannte ihn der Schmerz, so daß er laut ausschrie. »Ja, Thomas,« sagte der Herzog Georg spottend, »thut dir dieses wehe, so bedenk' auch, daß es den armen Leuten nicht wohlgethan hat, die heute deinetwegen niedergemacht worden sind.« Seine Züge verzerrten sich zu einem krampfhaften Lachen unter den entsetzlichen Qualen der Folter. »Ho«, stieß er heraus, »sie haben es nicht anders haben wollen!« Ein Bekenntniß aber erlangten sie nicht von ihm. Als man ihm die Hinrichtung des Edelmannes vorwarf, antwortete er: es sei geschehen nach Kriegsrecht und Urtheil der ganzen Gemeinde; er sei ein Verräther gewesen, der zuvor manchen armen Mann des Evangeliums wegen verfolgt habe.

Die Fürsten ließen ihn auf einen Wagen schmieden und schickten ihn dem grausamen Grafen Ernst von Mannsfeld, seinem bittersten Feinde, als Beutepfennig nach Heldrungen. Und so erfüllte das Schicksal mit grausamem Spott die Worte, die Münzer kurz zuvor an den Grafen geschrieben: »Ich fahre daher!«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.