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Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Dritter Band: Die Christliche Republik - Das Blutgericht
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth.
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171117
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IX.

Das herrliche Thüringer Land lag im vollen Brautschmucke des Frühlings. Die Wiesen grünten, die Saatfelder sproßten, die Bäume schwellten in Blüthenfülle und um den alten Thurm des Kyffhäusers schlang sich junges Grün, und selbst über seine Zinnen bog sich grünes Gebüsch und schaute neugierig in die dunkle Tiefe, ob der Kaiser Rothbarth noch schlafe. Aber die Raben flatterten um den Berg und mischten ihr Krächzen in das Schmettern der jubilirenden Lerchen.

Durch die blühende Flur eilte geflügelten Schrittes eine junge Frauengestalt, in den Armen ein weinendes Kind. Doch es war nicht die Sehnsucht, die vielleicht das liebende Weib an den häuslichen Heerd, in die Arme des Gatten trieb: ihr dunkles Haar flog aufgelöst im Winde, die Brust athmete rasch und schwer, der Blick der schönen Augen war der der Verzweiflung. »Weinst du, schreist du nach dem Vater« sprach sie in einem seltsamen Gemisch von Lustigkeit und Schmerz vor sich hin. »Sei still, mein Knäblein, stille, stille! Wir wollen ihn suchen, wir wollen ihn rufen! Er muß kommen, und wär' er unter der Erde!«

Sie stand am Fuße des Schloßberges, der bis zum Gipfel mit frischem Grün umkleidet war. Sie hemmte einen Augenblick ihren Schritt, athmete hoch auf, warf einen wilden Blick nach der stolzen Grafenburg die ihre Zinnen in den blauen Himmel streckte und flog dann den schmalen Fußsteig hinan. Als sie vor dem äußersten Thor ankam, schaute sie der Pförtner verwundert an und fragte nach ihrem Begehr. »Laßt mich ein!« rief sie leidenschaftlich; »um Gottes Barmherzigkeit willen laßt mich ein! Ich muß mit meinem Herrn reden; wichtige Dinge hab' ich ihm zu entdecken!«

»Ich will dich zuvor anmelden,« sprach der vorsichtige Pförtner. »Wie heißt du?«

»Ich bin Margareth, des Forstwarts Hubert Tochter, der im Wald erschlagen ward,« antwortete das Mädchen. »Anmelden sollst du mich aber nicht, sondern alsbald einlassen; wenn nicht, so stürz' ich mich da hinab!" Entschlossen trat sie auf den Rand des tiefen Burggrabens, und der Pförtner fand es nicht für gut, sie in Versuchung zu führen. Die Zugbrücke rasselte nieder, und Margareth flog pfeilschnell darüber. Sie war in glücklichern Tagen im Auftrag ihres Vaters oft im Schlosse gewesen, daher kannte sie die Gelegenheit und eilte über Treppen und Gänge nach den Zimmern des Grafen, ohne daß Einer der ihr verwundert nachblickenden Diener sie aufzuhalten gewagt hätte. Nur Einer machte den Versuch, aber das entschlossene Mädchen stieß den alten Knecht zurück, der aus tiefer Brust einen Stoßseufzer stöhnte und sich eilig nach einem andern Flügel des Schlosses begab. Nach kurzer Zeit sprengten zwei Reiter den Berg hinab; es war Graf Ernst und Gottschalk, welche dem ersten Ausbruche des Sturmes ausweichen wollten.

Unterdessen war Margareth an den ihr wohlbekannten Gemächern des alten Grafen angekommen; ermüdet und halbbewußtlos sank sie in die Kniee, ehe sie noch die Schwelle überschritten. Ihr Kind weinte, sein Jammergeschrei hallte wieder in den hohen weitläufigen Hallen, und dieser ungewohnte Ton zog den Grafen aus seinem Gemach. Ueberrascht blieb er vor dem knieenden Mädchen stehen, das flehend den weinenden Knaben zu ihm emporhob. »Was begehrst du?« fragte der Graf rauh.

»Mein Knäblein greint nach dem Vater!« rief Margareth. »Ich such' ihn bei dir, gieb ihn heraus!«

»Wahnsinnige Dirne!« fuhr der Graf unmuthig auf. »Wer bist du, wie kommst du hieher?«

»Kennst du mich denn nicht?« entgegnete das Mädchen. »Du scherzest wohl, daß du fragst, wer ich bin! Ich bin ja deines Forstwarts Hubert Margareth, den der Hexenmeister erschlagen hat. Ich bis mit dir verwandt und will unter deinem Dache wohnen; Sieh' dies Knäblein, bat ist dein Blut!«

»Was sagst du da?!« zürnte der Graf, und eine finstere Ahnung stieg in ihm auf.

»Ja, es ist ganz gewiß dein Blut!« fuhr Margareth fort, und ihre Stimme ward immer weicher und inniger, so daß der Graf sich wunderbar bewegt fühlte. »Sieh' ihm nur recht in die Augen! Das sind seine Augen, die ich so oft geküßt! Du darfst ihn aber nicht so grimmig ansehen, mein Knabe fürchtet sich sonst vor dir! Ach, gieb ihn heraus, den Vater, bitte, bitte! Ich kann sonst meinen Knaben nicht stillen. Ach, ich liebte ihn so sehr, und er verließ mich! Der häßliche Ruprecht sollte mich freien, und ich kann doch keinen Andern lieben, als ihn!«

»Wer ist deines Kindes Vater?« fragte der Graf.

»Als ob du's nicht wüßtest!« lachte Margareth. »Dein Sohn ist's ja, dein Ernst – mein Ernst!«

»Gottes Donner!« fluchte der Graf und stampfte den Boden, daß Margareth erschreckt zurückfuhr und das Kind heftiger weinte. »Mein Sohn, mein Sohn!« fuhr er klagend fort. »Warum hast du mir das gethan?« Er rief nach einem Diener, der den Sohn vor ihn bescheiden sollte. Der Diener berichtete, der junge Graf sei so eben ausgeritten »Gangolph,« fuhr der Graf fort, »nimm die Dirne mit dir, führe sie in's Dorf hinab, laß sie pflegen auf meine Kosten, sorge aber, daß ihr Aufenthalt verschwiegen werde gegen Jedermann, vorzüglich aber gegen meinen Sohn. Die Arme ist wahnsinnig.«

»Das muß sie sein!« entgegnete der Knecht. »Euer Forstwart Ruprecht ist ihr auf dem Fuße gefolgt. Er sagt, es sei seine verlobte Braut und sie sei ihm entflohen!«

»Schütze mich vor ihm!« rief Margareth furchtsam. »Ich bin nicht seine Braut; ich hass' ihn, ich ermord' ihn, legt er die Hand an mich! Verstoße mich nicht, wirf deine Tochter nicht aus deinem Hause!«

Auf einen Wink des Grafen führte Gangolph die Dirne trotz ihrer Sträubens hinweg, und der Graf verschloß sich in sein Gemach, in bitterem Zorn gegen den Sohn, der das gräfliche Blut entweiht; noch heftiger war er aber auf Gottschalk erzürnt, der sein Vertrauen so schlecht belohnt hatte.

Der Jäger Ruprecht näherte sich mit freundlicher Miene dem Mädchen, als Gangolph es die Stiegen hinabgeführt. Er wollte sich ihres Armes bemächtigen, mit wunderbarer Kraft jedoch stieß sie ihn zurück. »Rühre mich nicht an!« rief sie. »Ich bin eines Grafen Braut, und du bist nur ein elender, niedrer Knecht! – Thue, was der Graf dir geboten!« wandte sie sich zu Gangolph. Dieser winkte dem Forstwart zurückzubleiben; die Zugbrücke rollte nieder und Margareth eilte an Gangolph's Seite hinüber. Kaum aber waren sie drüben angelangt, als Margareth den Knecht zurückstieß und wie ein gehetztes Reh mit ihrem Kind den Berg hinabflog. Gangolph wollte sie überholen, aber der schwerfällige Mann vermochte ihr nicht zu folgen und verwickelte sich noch dazu mit den Sporen in ein Gesträuch, daß er niederstürzte. So hatte Margareth einen großen Vorsprung gewonnen und flog schon über die Wiesen und Felder, als Gangolph erst am Fuße des Berges ankam. Doch gab er seinen Vorsatz nicht auf; er rechnete auf die Erschöpfung, die sich endlich des Mädchens bemächtigen werde. Jetzt war sie durch ein dichtes Erlengebüsch seinem Blick entzogen, und Gangolph hatte dies kaum erreicht, als mehrere Bauern auf ihn einsprangen und ihn gepackt hatten, ehe er nur an Gegenwehr denken kannte. Sie banden ihm die Hände mit Stricken zusammen und befahlen ihm barsch, ihnen zu folgen.

Die Bauern kamen mit ihrem Gefangenen zu einem größeren Trupp, in dessen Mitte Gangolph das Mädchen erkannte, das ermattet niedergesunken war. Ein junger Bauer kniete neben ihr und hielt den schönen Kopf der Verlassenen auf seinem Schooß. »Das ist er, der die Dirne verfolgte!« sagte Einer der Ankommenden, den gefesselten Knecht vor sich hin stoßend.

»Warum that'st du das?« herrschte der junge Bauer ihn an.

»Weil es mein Herr befahl!« entgegnete Gangolph trotzig.

»Mußtest du gehorchen?« fuhr jener fort.

»Ich mußt' es thun als ein treuer Knecht!« erwiederte Gangolph.

»Treu? Ja, wie ein Hund, der das gehetzte Wild verfolgt, um es seinem Herrn zur Beute zu bringen! Schnürt ihn fester, Brüder, und bindet ihn dort an den Weidenstamm, daß er uns nicht entrinnt.«

Der Befehl wurde vollzogen. Da schlug Margareth die Augen auf und schaute in das mitleidige Antlitz des jungen Bauern. »Wo bin ich?« flüsterte sie.

»In Freundeshand!« entgegnete er. »kennst du mich nicht mehr! Kennst du Jörg Fromme nicht mehr! Bist freilich eine hoffährtige Dirne geworden, aber ich hab' dich doch noch lieb. Hätt'st von dem Grafen bleiben sollen! Siehst du, die haben nicht Treu noch Glauben. Aber sei nur zufrieden, Margrethel, ich mach' dir keinen Vorwurf und muß dich halt doch noch lieben!«

»Ach, Jörg!« seufzte Margareth. »Sprich nicht so! Ich bin eine Grafenbraut, aber der Alte dort droben will's nicht glauben! Er hat mich aus seinem Haus gestoßen! Hat sein Blut verleugnet! Und Ernst hat mich dem Forstwart verfreien wollen!« Sie wimmerte leise. Dann drückte sie ihr Kind an die Brust und fuhr fort: »Armes Knäblein, suchst den Vater und kannst ihn nicht finden!«

»Sei still, Margrethel!« sagte Jörg. »Wir wollen dir eine feine Hochzeit ausrichten und ein Fackellicht anzünden, das die in den Himmel leuchten soll. Kannst uns wohl Weg und Steg zeigen in's Schloß! Bist ja den Weg gegangen, als dein Vater noch lebte, hab' ihn Gott selig! Laß nur die Nacht 'reinbrechen! Der Pfeifer geht auch mit, der versteht das Fachelanzünden und hat sich's ausbedungen, daß er Brautführer sein will!« Die Bauern lachten über die Allegorie. –

Pfeifer hatte die Stätte der Heimath wieder betreten, doch nicht mit jenen Gefühlen süßer Erinnerung, die uns an den Schauplatz unsrer Jugendspiele knüpfen; die Erinnerung war für ihn eine herbe; all' die Schmach, die er erduldet, ging in grellen Bildern an seiner Seele vorüber und schürte die Flamme seines Hasses, seiner Rache nur noch mehr. Die Bauern des Dorfes waren ihm alsbald zugefallen, ohne ihn wiederzuerkennen Das reiche Kloster sollte zuerst als Opfer fallen, während er die Grafenburg mit einer Postenkette umstellen ließ. Dies war wenige Minuten vor Margareth's Flucht geschehen.

Das Kloster leistete keinen Widerstand. Die Mönche hatten es klüglich verlassen bei der Nachricht von dem Anrückens der Mühlhäuser Rebellen. Wie ein Bienenschwarm ergoß sich Pfeifer's Schaar durch alle Räume des ehrwürdigen Gebäudes. Sie drangen in die Keller hinab und rollten jubelnd die schweren, weingefüllten Fässer herauf. Ein Haufe warf sich in die Kirche und zertrümmern mit grausamer Zerstörungslust Alles, was zu werthlos schien, um es fortzuführen. Die Mönche hatten die kostbaren Kirchengesäße gerettet, was die Wuth der Plünderer vermehrte. Sie zerschlugen die Heiligenbilder, zerrissen die werthvollen Gemälde, zertrümmerten die kunstreichen Schnitzereien, die Orgel, Kanzel, Altäre und Betstühle.

Eben waren mehrere der Beutegierigen in eine Seitencapelle gedrungen, als sie in höchster Ueberraschung stehen blieben. Vor dem Altare kniete ein greiser Mönch, die Hände über die Brust gefaltet, das Antlitz zur Erde gebeugt, unbeweglich, wie ein Steinbild. Ein Schauder überrieselte die Frevler; Keiner wagte einen Schritt vorwärts zu thun; ihre Füße waren gebannt. War es ein Geist oder ein Todter, den sie vor sich sahen? Beides war gleich entsetzlich.

Aber jetzt erhob sich der Mönch, schlug das Kreuz vor sich und wandte sich nach ihnen um. Sein Antlitz war wie verklärt, sein Auge ruhte fast mitleidig auf den wilden Männern; der lange, wallende, weiße Bart gab der ganzen Erscheinung etwas ungemein Ehrwürdiges, das selbst auf die rohsten Gemüther einen Zauber ausübte.

»Seid Ihr gekommen, mich zu tödten,« sprach der Mönch, »so vollendet! Ich habe meine Seele meinem Heiland befohlen und sterbe gern an der Stelle, wo ich Trost in Gott gefunden.«

»Wir wollen dich nicht tödten!« rief einer der Plünderer. »Wir sind keine Mörder! Wir sind Streiter des Evangelii, die Altäre der falschen Götzen umzuwerfen!«

»Arme Verblendete!« entgegnete der Mönch seufzend. »Möge das Licht der Wahrheit doch euer Herz erleuchten!«

»Fort mit dem Mönche!« riefen Andere, neu Hinzugekommene. »Bringt ihn vor den Hauptmann, der wird wissen, was mit ihm zu thun!«

»Wie Gott will!« sagte der Mönch und folgte seinem Führer, der ihn nach dem Klosterhof brachte.

Dort lagerte eine tolle Schaar um ein angezapftes Faß, aus dem das klare Gold edlen Rheinweins in profane und heilige Gefäße strömte, die als Becher benutzt wurden. Andere Vorräthe an Speisen lagen hoch aufgeschichtet daneben.

Das Erscheinen des Mönchs brachte hier Staunen und Verwunderung hervor. »Was? sind die Eulen noch nicht ausgeflogen und halten sich in den Ritzen versteckt?« rief es. »Zündet das Nest an und laßt sie braten! Aber nicht eher, die wir uns satt gegessen und satt getrunken! Alter Sünder, wurmt dich's nicht, daß wir verzehren, womit Ihr Euer Bäuchlein gemästet? Ihr habt freilich nicht schlecht gelebt!«

Der Mönch antwortete nichts schmerzlich blickte er gen Himmel, der blau und mild aus den Schauplatz wilder Zügellosigkeit herniederlächelte. »Ruft den Hauptmann! Der Hauptmann soll das Urtheil sprechen! Das Pfäfflein soll tanzen, wie wir aufspielen! Eine Bauernpredigt soll er uns halten!«

So schrie es durch einander, bis Pfeifer durch den Lärm herbeigezogen wurde. Er musterte den Mönch mit scharfen Blicken. »Rede, Mönch!« rief er. »Sind deine Gesellen noch im Kloster versteckt?«

»Ich bin allein zurückgeblieben!« antwortete jener.

»Wie?« sagte Pfeifer erstaunt. »Du kanntest die Gefahr und bist nicht entflohen?«

»Will mich der Herr finden, so ist alle Flucht unnütze!« entgegnete der Pater. »Ich befahl mich dem Schutz des Allmächtigen, der die Haare auf meinem Haupte gezählt, und ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt. Mehr als ein halb Jahrhundert lebte ich in diesen Mauern; sollte ich sie verlassen, noch einen Schritt vom Grabe? Laß mich tödten, wenn dir's gefällt, denn es ist besser, ich sterbe, als daß ich die Einweihung der heiligen Stätte sehe!«

»Wie heißest du?« fragte Pfeifer.

»Thomasius ist mein Klostername!« entgegnete der Mönch.

»Ha, so hab' ich mich nicht getäuscht!« rief Pfeifer aus, ergriff seine Hand und zog ihn mit sich fort aus der Nähe des wilden Schwarmes »kennst du mich?« fragte er dann, ihm fest in's Gesicht schauend.

»Mein Auge wird blöde und mein Gedächtnis schwach;« versetzte Thomasius »Aber ich kenne diese Züge; sie gehörten einem unglücklichen Manne, der den Tod fand unter den Trümmern seines Hauses.«

»Du irrst!« sagte Pfeifer. »Dieser Mann lebt und schwingt das Schwert der Rache! Ich selbst schleuderte den Brand in meine Hütte und entfloh dem Tyrannen, der mich mit Füßen trat. Wisse, Mönch, die nächste Morgensonne bestrahlt die Zinne jenes stolzen Schlosses nicht mehr. Nun gieb mir Rechenschaft von dem, was dir mein sterbenden Weib vertraut, damit ich's dem Manne dort droben auf die Rechnung schreibe.«

»Rasender, willst du einen Mord begehen?« rief der Mönch entsetzt und sichtlich mit seinem Gewissen kämpfend. »Deine Drohungen vermögen nicht meine Zunge zu lösen, aber glaube mir, der Graf ist des Verbrechens nicht schuldig, dessen du ihn züchtigst! Mein Kind war rein, rein, wie eine Heilige!«

Pfeifer drang nicht weiter in ihn. »Du bist frei! « sprach er. »Ziehe, wohin du willst!«

»Ich will sterben an diesem Ort!« entgegnete der Pater.

»Thor, morgen ist dein Kloster ein Steinhaufen!« erwiederte jener.

»Entsetzlicher, häufe nicht mehr des Frevels auf dein Haupt!« rief Thomasius. »Sprich, wo hast du deine Kinder – meine Enkel?«

»Meine Kinder?« entgegnete Pfeifer »Du weißt es ja, der Bube entfloh, und Marie ist Thomas Münzer's Weib!«

»Wehe, wehe, die Sünde meiner Jugend wird tausendfach vergolten!« klagte der Greis. »Die Gattin des Schrecklichen, der nach Menschenblut dürstet und das Heilige schändet. O du sanftes blauäugiges Kind, wie wirst du leiden unter dieser Qual! Ich will hin zu dir und dich aufrichtet in deinem Schmerz.«

»Marie ist glücklich mit dem Manne, den du schmähst in deinem Unverstande,« sagte Pfeifer; »doch will ich dich nicht hindern, die Enkelin zu sehen. Zieh' hin, ich will dir frei Geleit geben. Eile, damit du von dannen kommst; mein Volk ist trunken von eurem Wein, und das Kleid, das du trägst, ist ihm ein Greuel!«

Der Greis kniete nieder und faltete die Hände. »So lebe wohl, du stille Herberge gebrochner Herzens!« sprach er; und sein Auge schwamm in Thränen. »Lebe wohl, du einsame Zelle, in der ich meinen Schmerz begrub im Gebet zum allerbarmenden Vater, von wo sich mein zaghaft zweifelnd Herz emporgeschwungen über die Wolken zum Thron der Wahrheit! Du solltest den müden Leib aufnehmen in deinen Schooß, wenn der unsterbliche Geist ihn verlassen, und fromme Väter sollten über mein Grab wandeln noch nach Jahrhunderten. Gott hat es anders gewollt, sein Name sei gepriesen!« –

Es war schon spät am Abend, als der Thorwart auf dem Grafenschlosse noch vor seiner Zeile saß in Unterredung mit einem Knappen. »Ich wollte nun doch, der junge Herr käme!« sagte der Alte. »Es übermannt mich fast die Angst.«

»Schäm dich, Wolfhardt!« entgegnete der Andere. »Ist er ja doch kein Kind! Wer weiß, welchem Abenteuer er im Nacken sitzt! Hat vielleicht wieder ein schmuckes Dirnlein!«

»Gott sei's geklagt!« seufzte Wolfhardt. »Die arme Margreth dauert mich. Und Gangolph ist auch noch nicht zurück!«

»Wird sich erlustiren mit dem Dirnlein!« antwortete jener leichtfertig. »Die Margreth ist hübsch, und der Ruprecht ein schäbiger Kerl. Wär' ein Narr, der Gangolph!«

»Mir schwant nichts Gutes, Konrad!« sagte Wolfhardt bedenklich. »Der junge Herr sollt' sich jetzt nicht so kühn aus den vier Pfählen wagen! Ich trau' auch unsern Bauern nicht, wenn sie sich gleich die jetzt ruhig verhalten haben. Weißt du,« fuhr er geheimnisvoll fort, »ich habe dir schon von dem Bilde des seligen Herrn erzählt, das von der Wand fiel, ehe die gnädige Frau starb. Es ist heute wieder gefallen, und das bedeutet einen Todesfall in der Familie.«

»Du träumst wieder dummes Zeug!« lachte Konrad.

»Lache nur, du bist ein Weltkind!« entgegnete Wolfhardt. »Der Graf hat nicht gelacht, als es ihm berichtet wurde; er machte vielmehr ein recht bedenklich Gesicht!«

Da ertönte es schaurig wie Eulenruf vom Thurm herab: »Feuer, Feuer!« – »Was ist das?« rief Konrad und eilte davon. Wolfhardt seufzte: »Die heilige Mutter Gottes stehe uns bei!« betete er. Draußen klopfte es heftig an das Thor. »Wer ist da?« fragte der alte Thorwart.

»Oeffnet! Misericordia!« rief eine klägliche Stimme draußen. »Ich bin der Prior des Klosters drüben, das in Flammen aufgeht! Oeffnet, öffnet, die Bauern sind mir auf den Fersen!«

»O meine Ahnung!« rief Wolfhardt. »Verzieht nur einen Augenblick, Hochwürden!« Das Thor knarrte, die Ketten rasselten und die Zugbrücke senkte sich langsam nieder. Dunkle Gluth überzog den Himmel über dem Walde. Wolfhardt schlug ein Kreuz vor sich hin und empfahl seine Seele Gott. Unterdeß hatte eine verhüllte Gestalt die Brücke überschritten, packte den alten Knecht und warf ihn zur Erde nieder. »Du bist des Todes, wenn du einen Laut von dir giebst!« sprach der Fremde.

»Hülfe, Hülfe!« rief der treue Thorwart, aber im nächsten Augenblick hatte ihn auch der Fremde schon gepackt und schleuderte ihn hinab in den tiefen Burggraben. Ein Haufe dunkler Gestalten drängte sich nun über die Brücke, und das Horn vorn Wachthurme krächzte schauerlich seinen Weheruf. –

Zu derselben Zeit, als Wolfhardt mit dem Knappen Konrad im Gespräch war, pflegten Pater Benedikt und sein Kumpan Lehnhardt nach weit angenehmerer Unterhaltung. Sie hatten volle Weinkrüge vor sich stehen, und des ehrwürdigen Vaters rothglühendes Antlitz bezeugte, daß er die edle Gottesgabe reichlich genossen. »Wer weiß, wie lange wir noch so zusammensitzen!« sagte Lehnhardt. »Den verdammten Bauern ist keine Mauer zu fest, sag' ich Euch! Wer hätte das jemals gedacht! O Paterlein, wenn Ihr noch ein Ketzerprediger werden müßtet!«

»Davor mich der Herr bewahren wird!« seufzte Benedikt fromm. »Gott wird ihnen Zügel und Gebiß anlegen und wird über sie fahren mit der Ruthe seines Zornes! Amen, so sei es!« Er neigte das Haupt, sei es aus Andacht, oder aus einem andern nicht fern liegenden Grund.

»Feuer, Feuer!« klang es wie Geisterruf durch die Luft. Der Mönch fuhr erschrocken empor.

»Was wird's sein!« sagte Lehnhardt gleichmüthig. »'S wird wieder eine Spelunke brennen im Dorf. Ihr wißt ja, als des Kolbachs Häuslein abbrannte, lärmte der Narr von Thurmwart auch, als stände die Welt in Flammen! Ihr habt ja den Hexenmeister auch gekannt!«

»Seine Seele wird im ewigen Feuer brennen!« lallte der Pater.

»Das ist auch mein herzlicher Wunsch!« setzte Lenhardt hinzu. »Der Kerl hatte eine Eisenfaust! – Ei, so lärme du und der Teufel!« fluchte er, als der Feuerruf nicht enden zu wollen schien. Er hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, als die Thür unter einem kräftigen Faustdruck aufsprang, und der Mann, der Wolfhardt niedergeworfen, vor den erschrockenen Zechern stand.

»Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« betete der Mönch in seiner Angst und fiel auf die Kniee. Lehnhardt trat dem Fremden keck entgegen. »Zurück!« donnerte dieser und schleuderte ihn in eine Ecke des Gemachs. »Bindet die Schlemmer!« rief er den eindringenden Bauern zu und stürmte wieder aus dem Gemache. Mehrere Bauern warfen sich lachend über die unglücklichen Zecher. Der Pater stöhnte, als sie ihm die Arme über den feisten Rücken schnürten und seine Kugelgestalt von Hand zu Hand warfen, ein Spiel, das dem armen Mönch martervoll genug war.

Lehnhardt sträubte sich mit Händen und Füßen. »Ihr seid im Irrthum!« schrie er. »Ich bin nichts mehr als ein armer Gefangener, ich habe nichts mit diesem Grafen zu schaffen. Möget Ihr ihn hängen und spießen, ich lache dabei!« – »Wird sich finden;« war die Antwort, und gebunden blieb er an der Seite seines Genossen liegen. Die Bauern tranken, was noch an Wein übrig geblieben war, und verließen, da sie nichts Werthvolles fanden, das Gemach.

»Sind sie fort?« keuchte Benedict endlich.

»Leider!« brummte Lehnhardt. »Wenn sie nur nicht den rothen Hahn auf's Dach stecken und uns in unsern Sünden verbrennen lassen! Ihr habt eine schwere Last auf dem Gewissen!«

»Der Herr sei meiner armen Seele gnädig!« heulte der Pater.

»Es wird Euch schlimm gehen, so wie so!« sagte Lehnhardt. »Ich schwöre dem Grafen ab! Wes Brot ich esse, deß Lied ich singe! Macht's auch so, Pater! Verflucht die Pfaffen und Fürsten, haltet eine Bauernpredigt, und sie schaden Euch nicht am Leben!«

»O wie schwer prüfst du deine Gläubigen!« stöhnte Benedict. –

Der Graf stand am Fenster und schaute trüben Blicks hinaus in die rabendunkle Nacht. Er war keinesweges über den Aberglauben seiner Zeit erhaben, und der geheimnißvolle Fall des Bildes regte finstere Ahnungen in ihm auf. Dazu kam der Fehltritt seines Sohnes, der seinem alten Geschlechte einen Makel anhing. Nicht das Unglück des Mädchens war es, das er bemitleidete, sondern daß sie so tief unter dem Erben seines Namens stand, das kränkte ihn. Auch die mancherlei Nachrichten, die ihm von dem Unfug der Bauern zu Ohren gekommen, verstimmten sein Gemüth, und dachte er auch nicht an die Möglichkeit, daß seine Unterthanen gleichen Frevel begehen könnten, so war es schon genug, seinen Stolz zu kränken, daß der Adel im Allgemeinen so tief gedemüthigt ward. Aus diesem Allen wob er sich ein düsteres Bild, das grade jetzt recht lebhaft vor seiner Seele stand. Da schreckte auch ihn der verhängnißvolle Ruf des Thurmwarts auf. Er hatte aber noch kaum einen Gedanken fassen binnen, als die Thür seines Gemachs sich öffnete, und ein Knappe mit der Schreckensnachricht hereintrat: »Die Bauern sind da!«

»So empfangt sie, wie sich's gebührt!« rief der Graf wild. »Pech und Schwefel auf ihre Köpfe, das Schwert in ihre Rippen!«

»O Herr, sie sind schon in der Burg!« erwiederte der Knappe. »Hört Ihr sie schreien? Sie rufen nach Euch! Rettet, rettet Euch!«

»Verflucht, verflucht!« knirschte der Graf. »Diesem Gesindel weichen! Aber lebendig in ihre Hände fallen? Eher dem Tod!« Er hatte unterdeß sein Schwert umgegürtet. »Ist mein Sohn in der Burg?« fragte er.

»Nein!« antwortete der Diener verlegen. »Er kam noch nicht zurück. Wir fürchten« –

»Daß er erschlagen ist, oder gefangen?« ergänzte der Graf. »Dann muß ich mich retten, um ihn zu rächen oder zu befreien! Nimm die Kerze und folge mir!«

Der Knappe that, wie ihm geheißen; der Graf schritt durch mehrere Gemächer, wohin der Lärm der eindringenden Bauern nur in dumpfen Lauten drang; endlich schob er an einer Wand ein großes Bild zurück, und eine verborgene Thür kam zum Vorscheine, die durch den Druck auf eine Feder aufsprang und in eine dunkle Tiefe schauen ließ. Eine enge und steile Wendeltreppe führte hinab; die Kerze flackerte in der dumpfen Grabesluft, die hier seit langen Jahren eingeschlossen. Der Graf hatte die Thür hinter sich wieder geschlossen, zaghaft leuchtete der Knappe seinem Herrn voran. Sie kamen endlich in ein dunkles Gewölbe, dessen Felsenwände, vom feuchten Moder bedeckt, im Lichtglanz schimmerten. Der Schritt der Männer klang hohl und schaurig in dem Felsengemache, wohin noch kein Sonnenstrahl gedrungen war. Der Graf tastete an den Wänden; endlich hatte er die rechte Stelle gefunden. Mit Hülfe des Dieners schob er eine schwere Steinplatte zurück, und sie traten in einen dunklen Gang, durch welchen sie sich nur mit gebeugtem Haupte zwängen konnten. Er lief in mehreren Windungen fort, bis endlich ein von außen dringender Luftzug die Kerze verlöschte. Sie standen im Dunkeln, aber vor sich sahen sie einen dunkelblauen Streif, der sich von Oben nach Unten zog; die frische Nachtluft strömte erquickend herein. »Wir sind gerettet!« sagte der Graf. »Kein Auge entdeckt den Pfad, der von dort hinabführt zwischen Felsen und wildem Gesträuch.«

»O Herr,« sagte der Diener. »Ich fürchte, die Gegend wimmelt von Bauern. Sie haben das Kloster angezündet« –

»Gott verfluche sie!« knirschte der Graf. »So bleiben wir hier die morgen. Hinter uns werden sie den Weg nicht finden, und fänden sie ihn, so möchte ihn die Leiche des Ersten den Uebrigen versperren.« Mehrere Stunden blieben sie in dieser peinlichen Stellung, als plötzlich der blaue Streif vor ihnen roth und röther wurde. Der Graf schritt finsterer Ahnung voll darauf zu und als er den Felsenspalt erreicht hatte, da sah er den ganzen Himmel, wie er sich wie ein Purpurmantel über die Erde spannte, und Berg und Thal in seinem Wiederscheine glühten. Der Graf verhüllte schmerzlich erschüttert sein Antlitz. »O Wolfenzahn,« rief er, »wer hatte das gedacht, daß ich dein Schicksal theilen sollte!« –

Pfeifer war unterdeß mit seinen Gesellen durch alle Räume des Schlosses gedrungen. Sein Auge suchte den Grafen, er achtete der Kostbarkeiten nicht, die die Seinigen als gute Beute an sich rafften, doch fand er ihn nirgends. Kein Winkel blieb undurchsucht, aber keine Spur, die auf sein Dasein deuten. »So fahr' er zur Hölle, und diese Mauern seien sein Leichenstein!« rief er endlich wild.

Die Bauern waren nach ihrer gewohnten Weise verfahren. Was sie nicht mit sich nehmen konnten, zertrümmerten sie. Die kostbaren Teppiche wurden zerrissen, die Spiegel und bunt bemalten Fenster zerschlagen, nach den Ahnenbildern stachen sie mit ihren Hellebarten, die Capelle wurde ihrer werthvollen Schmuckes beraubt, Altar und Bilder zerstört; in die Keller drangen sie hinab, und die Fässer, die sie nicht hinaufwinden konnten, zerschlugen sie, daß der edle Rebensaft in Strömen dahinfloß.

Die wenigen Knechte, welche die Besatzung bildeten, wagten keinen Widerstand. Sie wurden zusammengetrieben und scharf nach dem Grafen befragt. Alle sagten, er sei auf dem Schlosse, aber Keiner kannte einen verborgenen Versteck, durch welchen er entkommen sein konnte. Auch Pater Benedict und Lehnhardt wurden aus ihrem Gemach geschleppt. Benedict war trotz seiner Angst eingeschlafen; die derben Fäuste der Bauern weckten ihn indeß gar bald.

Lehnhardt schrie aus Leibeskräften, daß er eigentlich nur Gefangener des Grafen gewesen sei. »Ich bin nie ein Freund der adligen Herren gewesen!« rief es. »Sie sind eine Landplage für Bürger und Bauer! Alle müssen sie sterben, wenn's gut werden soll! Der gemeine Mann ist eigentlich Herr der Erde, die Leuteschinder haben sich's nur angemaßt! Nieder mit allen Schlössern! Es lebe die Bauernschaft!«

Jauchzend stimmten die Bauern in den Ruf. »Ei,« " rief da Jörg Fromme, »das ist ja der gartend Landsknecht, der mich dazumal betrog! Wart' du, Hund!«

»Du irrst. dich, guter Freund!« antwortete Lehnhardt. »Ich hab' nie einen Menschen betrogen, höchstens einen Grafen und Herrn, und die sind nicht zu den Menschen zu rechnen! Schneidet mir nur die verfluchten Stricke los, Kameraden, und ich will euch durch's ganze Nest führen, daß Euch kein Ritzchen verborgen bleiben soll. Ha, wie dürst' ich nach Rache! Schaut nur mein buntscheckig Kleid an; so sehr hat sich der Graf an einem Geschöpfe Gottes versündigt, daß er mich zu seinem Narren erniedrigt hat. O der gemeine Mann ist ihm zu keinem Dienst zu gut!«

Eine mitleidige Hand schnitt die Stricke, die seine Arme fesselten, entzwei, und die häßliche, barocke Gestalt des Narren that Freudensprünge und fluchte gewaltig, kein Stein dürfe auf dem andern bleiben. wenn das Nest ausgenommen. »Seht da,« fuhr er launig fort, »da ist der gute Pater Benedict, der Caplan des Grafen. Der arme Schelm hat sich Mühe genug gegeben, den Grafen zum Evangelium zu bekehren, aber es war Hopfen und Malz verloren. Ist's nicht so, guter Pater? Ihr seid ein Bauernfreund und wollt den Herren da eine rechte Bauernpredigt halten! Hört doch, Kameraden!«

Benedict verzog das Gesicht. »Ja, ich bin ein Bauernfreund!« stöhnte er. »Ich lehre das Evangelium nach Doctor Luther, dem Erzketzer! Ihr wandelt auf rechtem Wege, daß Euch der Teufel hole! Schlösser und Kloster müssen abgethan werden, Ihr verfluchten Heiden und Antichristen! Der Herr wird die Gottlosen zerschlagen, Satanas wird seine Hölle mit Euch heizen! – Heilige Maria und Joseph!« unterbrach er sich, den Angstschweiß von der Stirne trocknend; »was schwatz' ich da! Ich bin zerknirscht in tiefster Seele! Vergebt mir altem schwachen Manne!«

Zum Glück für ihn waren die Bauern bei guter Laune und lachten nur über die Verwirrung des gequälten Mönchs, der Lästerungen und Segnungen so bunt durch einander mischte. Sie hatten aber jetzt Wichtigeres zu thun, als sich solchem Possenspiel hinzugeben, und von Lehnhardt geführt durchstürmten sie die Gemächer. Lehnhardt war der Wüthigste unter den Zerstörern.

Des Plünderns müde, sammelten sich die Bauern endlich im Hof, nachdem sie Fackeln und Brände in Zimmer und Gebälk geworfen. Bald leckte und knisterte die Flamme aus allen Fensterhöhlen, roth und blau, wie durch eine kunstvolle Beleuchtung hervorgebracht.

»Wo ist Margareth?« rief Jörg Fromme. Keiner wußte, wo sie zuletzt geblieben; Jeder war zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, um die unglückliche Dirne zu beachten, die, ihr Kind im Arm, durch alle Gänge und Hallen lief und den Namen Ernst in die Lüfte rief. Jörg war ihr stets gefolgt; erst in dem Augenblick mußte sie entschwunden sein, als Aller Augen von dem hehren Schauspiel gefesselt waren. »Margareth, Margareth!« rief der junge Bauer heulend und wollte zurück in die verderbenschwangeren Gebäude; aber die Gefährten hielten ihn.

Das heiße Element griff indeß mit furchtbarer Schnelligkeit um sich. Immer dicker quollen die Flammen, in dunklen Rauch gehüllt, aus den Fensteröffnungen hervor, züngelten an den Wänden hinauf und umschlangen sich in brünstiger Gluth. Die Bauern mußten weichen, die Luft brannte wie glühender Schwefel. Der Himmel röthete sich, die Nacht ward zum Tage. Da erschien hoch oben auf der Zinne eines Thurmes eine weibliche Gestalt und das Wimmern eines Kindes tönte herzzerreißend durch das Prasseln der Flammen. Alle Blicke wendeten sich dahin. Jörg hatte sie kaum gesehen, als er mit dem Ruf: »Margareth, Margareth!« zurückstürzte in die brennende Burg. Die Bauern athmeten kaum, sie falteten die Hände wie zum Gebet.

Und nun schlugen tausend Feuerzungen über die Zinnen empor, rothe Funken sprühten durch den dicken Qualm, wie ein weiter Mantel rauschte der Brand um die Feuerbraut, das Gebälke trachte dumpf donnernd, und in sich selbst zusammen sank die stolze Grafenburg. Nur schwarze Trümmer starrten nun empor aus rothglühendem Schutt, der hie und da noch in heller Flamme emporloderte. Begraben war Margareth, der kleine Grafensohn und der treue Georg. –

Das Kloster brannte noch; das Hauptgebäude zwar lag schon in Trümmern, aber das Feuer hatte die Nebengebäude unberührt gelassen, und nun hatten diese die Bauern sich als Fackel angezündet, um sich bei ihrem Schein von den Anstrengungen der Nacht zu erholen.

Die Fässer sprudelten noch lustig, Jubel und Gesang tönte weit hinaus in das Land. Der Brand warf sein rothes Licht auf die grotesken Gestalten der wein- und siegestrunkenen Bauern. Benedict lag mit an einem vollen Faß und seine Zunge lallte noch unverständliche Worte. Bisher hatte man sich an ihm belustigt, nun aber schob man den Trunkenen bei Seite, und Andere fielen in demselben Zustand neben und über ihn nieder.

Pfeifer sah mürrisch auf die Erde nieder. Der leicht errungene Sieg konnte ihn nicht erfreuen, wußte er doch nicht, ob sein Todfeind sein Grab in den Flammen gefunden hatte, und hatte er es gefunden, so konnte ihm dieser Tod nicht Befriedigung gewähren. Er hätte sich weiden mögen an seinen Qualen und dazu ihm in die Ohren donnern: »Das ist meine Rache! O die Rache ist süß!«

Lauter Jubel erhob sich plötzlich unter den Bauern, so das Pfeifer's Aufmerksamkeit rege ward. Er erhob sich, und ein Anblick bot sich ihm, der ein triumphirendes Lächeln auf sein Antlitz rief. Heinrich erschien mit mehreren Bauern und in ihrer Mitte führten sie zwei Männer, von denen der Eine ritterliche Tracht trug. »Heinrich, wen bringst du mir da?« fragte Pfeifer.

»Den Grafen Ernst!« entgegnete der Jüngling, aus dessen Schulter ein Blutstrom quoll.

»Ha, willkommen, willkommen!« jauchzte Pfeifer. »Ist der Alte uns entgangen, so soll die junge Brut büßen. Weißt du, Gräflein, was du versäumt hast? O es wäre ein prächtiger Anblick für dich gewesen! Margareth und dein Bube in den Flammen!«

Der junge Graf, der bisher finster zur Erde geschaut, erhob jetzt entsetzt den Blick. »Habt Ihr sie ermordet?« rief er.

»Pfui doch, Gräflein!« entgegnete Pfeifer. »Du warst es, der sie in den Tod trieb. Wir morden nicht, wir bestrafen nur die Gottlosen! Und du sollst fürwahr dieser Strafe nicht entgehen! Heinrich, hab' Acht auf ihn! Denk' an deine Rache, an den Schimpf, den er dir angethan!«

»Ich werde Bertha nicht vergessen!« murmelte der Jüngling.

»Wo hatte sich denn das Häslein verkrochen?« fragte Pfeifer.

»Er hatte sich nicht verkrochen;« berichtete Heinrich. »Wie rasend kam er mit seinem Knecht daher gesprengt, als schon die Burg in Flammen stand. Wir vertraten ihm den Weg, er hieb auf uns ein, sein Schwert brach, so fiel er in unsre Hand.«

»Du blutest, mein Junge!« sagte Pfeifer, Heinrich's Wunde bemerkend. »Komm her, wir wollen's mit kühlem Wein waschen und verbinden. Er soll dir jeden Tropfen Bluts bezahlen. Wahrlich, von heut an nenn' ich dich meinen Sohn!«

Mit zärtlicher Sorge streifte er ihm das Wamms ab, wusch die Wunde mit Wein und verband sie sorgfältig mit der Schärpe, die er über dem Harnisch trug.

Graf Ernst sprach kein Wort; er schien sich in sein Schicksal zu ergeben und folgte gehorsam der Weisung, sich auf den Boden niederzustrecken. Mehrere Bauern nahmen um ihn Platz und verhöhnten den unglücklichen Gefangenen. Gottschalk, sein Knecht, war in tiefe Trauer versunken; er hörte den Spott nicht, der auch ihn traf, denn das eigne Schicksal schien ihm gar wenig am Herzen zu liegen. Er begriff, daß alle Hoffnung für seinen jungen Herrn verloren war, denn er hatte Heinrich wieder erkannt und wußte, welch' schwere Kränkung ihm von dem Grafen widerfahren.

Im Osten erglühte der Morgen als ein purpurner Streif. Der letzte Ueberrest sank in Asche; dunkle Rauchwolken wälzten sich in den dämmernden Himmel empor. Das Grafenschloß glühte noch wir ein großer, prächtiger Stern.

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