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Rudolf Presber: Theater - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenarrative
authorRudolf Presber
titleTheater
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
year1909
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120410
modified20170127
projectideb25d66a
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Das Treff- und Merkbuch

Im Foyer eines ganz modernen Theaters liegt ein Treff- und Merkbuch auf, in das jeder Besucher, der glaubt, während seines Aufenthalts im Theater wichtige Nachricht zu bekommen oder abberufen zu werden, seinen Namen und die Nummer seines Platzes einschreiben kann. Diese allen Kunstgenuß ungemein fördernde Neuerung wird bald Schule machen.

 

Man spielt »Romeo und Julia«. Ist schon bei der fünften Szene.

Bloß ein Kind in der ersten Reihe rechts ist herausgerufen worden. Vom Dienstmädchen, das die Mutter schickt. Sie hat zu Hause das Stück eben gelesen; es ist doch nichts für das Mädel; so schickt sie die Anna, die das Kind im »Treff-Buch« findet – erste Reihe, Nummer 17 – und nach Hause holt. – – –

5. Szene.

Vorn seufzt Romeo:
Entweihet meine Hand verwegen dich,
O Heil'genbild, so will ich's lieblich büßen.
Zwei Pilger neigen meine Lippen sich,
Den herben Druck im Kusse zu versüßen.

Der Logendiener (schlürft das Parkett entlang). »Reihe 13, Nummer 245 – Herr Doktor Nadelmeyer . . .« Ach, pardon, liebe Frau, wecken Sie doch mal den Herrn links von ihnen – danke – Herr Doktor, draußen ist ein Herr, der sagt, er ist mit Ihnen in Naumburg auf's Gymnasium gegangen.

Der Herr auf Nummer 245 Das ist ein Irrtum. In Naumburg war ein Vetter von mir.

Der etwas schwerhörige Logenschließer Nee, fett is er nich. So een janz schmaler.

Die Dame auf Nummer 246 Der Herr sagt: in Naumburg, das war er nicht, das war ein Vetter.

Ein Herr in der fünfzehnten Reihe Sscht! Sschscht – sch – scht!

Eine alte Dame in der siebzehnten Reihe Lauter da vorn!
    (Sie meint die Bühne auf der eben Julia haucht:)
Du weißt, ein Heil'ger pflegt sich nicht zu regen,
Auch wenn er eine Bitte zugesteht . . .
    (Aber man hört's nicht.)

Der etwas schwerhörige Logenschließer Also – soll ich dem Herrn sagen: Kempinski is nicht?

Der Herr auf Nummer 245 Ja doch, nu geh'n Sie schon! Ich kenne den Mann bestimmt nicht.

Die Amme (auf der Bühne). Mama will Euch ein Wörtchen sagen, Fräulein.

Romeo
Wer ist des Fräuleins Mutter?

Ein anderer Logenschließer links Sitzt eine Frau Rosalie Feilchenbaum auf Nummer 185, neunte Reihe?

Die Dame auf Nummer 185 (stößt einen wilden Schrei aus) O Gottogott – gott – is doch den Moritzchen nichts passiert? Hat's der Siegmund wieder mit'm schmutzigen Stock ins Auge geschlagen?

Der Logenschließer Beruhigen Sie sich nur, nix is passiert. Die Köchin läßt bitten um den Schlüssel zum Fliegenschrank. Sie kann nicht ans Eingemachte. Und der Siegmund, sagt sie, heult immerzu, weil er nichts Eingemachtes kriegt zum Abendbrot.

Die Dame auf Nummer 185 Gott, was e Kind! Er weint, weil ich fort bin. Hier is der Schlüssel – Sie, Herr Logenschließer, die Minna soll aber achtgeben, daß kein Schimmel drauf is. Und er darf sich nicht selbst nehmen, der Siegmund.

Julia (vorn)
So ein'ge Lieb' aus großem Haß entbrannt.
Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.
O, Wunderwerk! ich fühle mich getrieben. –

Ein Logenschließer rechts die Reihen absuchend Herr Ökonomierat Brömmel aus Bomst . . . elfte Reihe . . . Eine Dame . . . nee, den Namen sagt sie nicht. Aber ich kenne se. Se wohnt in der Puttkamerstraße . . . so ne Dicke, wissen Se, mit gefärbtes Haar und so knallig rote Backen . . . Se sagt, gestern abend im »National« hat se det Vergnügen jehabt . . .

Ein Herr in der elften Reihe Das ist wohl ein Irrtum . . . Die Dame meint mich. Bitte, lassen sie mich durch . . . bitte, ich will hinaus . . . Das Leben ruft . . . bitte.

Die ganze elfte Reihe steht auf!

Der Schluß der Szene geht verloren, weil sich der Ökonomierat aus Bomst und der andere Herr aus der elften Reihe laut auseinandersetzen. Auch die Pause hindurch dauert die Besprechung an. Schließlich verschwinden beide, da der Vorhang wieder hochgeht, im Foyer. Die ersten Worte der Gartenszene bleiben leider unverständlich, da sich die elfte Reihe nur langsam beruhigt. Endlich hört man wieder was.

Julia
Weh mir!

Romeo
                Horch.
Sie spricht. O sprich noch einmal, holder Engel!
Denn über meinem Haupt erscheinest du
Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote . . .

Der Logenschließer rechts Herr Studiosus Bummelhuber . . . Herr Studiosus Bummelhuber – achtzehnte Reihe – Sitz 519!

Ein Herr in der neunzehnten Reihe Hier, bitte, es wird der junge Herr vor mir sein, der so furchtbar nach Jodoform riecht.

Der Logenschließer Sind Sie der Herr Studiosus Bummelhuber – Sie da, neben der karierten Dame?

Ein junger Herr in der achtzehnten Reihe Ja, aber was geht Sie das an? Sie sind nicht satisfaktionsfähig.

Der Logenschließer Nee, nee. Das ist bei uns bloß der Direktor. Und der tut's auch nicht. Aber ein Herr will Sie sprechen . . . Vorhin in der Pause im Foyer . . . Er heißt Müller, sagt er.

Julia (vorn)
Was ist ein Name? Was uns Rose heißt,
Wie es auch hieße, würde lieblich duften. . . .

Der junge Herr in der achtzehnten Reihe Ich kenne den Mann, es ist ein Schuster. Sagen Sie ihm, eine Tante von mir liegt im Sterben. Das wird ihn freuen.

Der Logenschließer Das glaub' ich nicht, daß das den Mann freut. Er ist auch gewiß kein Schuster. Hat das Gesicht voller Schmisse. Se haben ihn vorhin im Foyer fixiert, und er bittet um Ihre Karte.

Julia (vorn)
Mein Ohr trank keine hundert Worte noch
Von diesen Lippen, doch es kennt den Ton.
Bist du nicht Romeo, ein Montague?

Eine hübsche junge Dame in der siebzehnten Reihe Ach, lieber Herr, nun geben Sie doch schon Ihre Karte, daß wir wieder was von da vorn hören.

Romeo (vorn)
Ach, deine Augen droh'n mir mehr Gefahr,
Als zwanzig ihrer Schwerter; blick' du freundlich.
So bin ich gegen ihren Haß gestählt.

Der Logenschließer (nimmt die Karte.) Er sagt, er wird was von sich hören lassen. Er hat selbst hinein gewollt. Aber mir scheint, der Herr ist angetrunken . . . (ab ins Foyer).

Julia (vorn)
Obwohl ich dein mich freue,
Freu' ich mich nicht des Bundes dieser Nacht.
Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich;
Gleicht allzusehr dem Blitz.

Ein Logenschließer in großer Erregung von rechts ruft Frau Plaschke . . . schnell, rasch – Frau Plaschke – neunte Reihe, Sitz Nummer 607 . . .

Eine dicke Frau in der neunten Reihe Nanu, pressiert's denn so?

Der Logenschließer Ach, ja, es pressiert. Frau Postassistent Meyer in der Belle-Alliancestraße läßt sagen: es ist so weit. Sie hat sich schon gelegt . . . Der Mann ist draußen; er sagt, er glaubt, es sind Zwillinge . . . Die Frau glaubt's auch. Sie sagt –

Julia (vorn)
So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe
So tief ja wie das Meer. Je mehr ich gebe,
Je mehr auch hab' ich.

Die dicke Frau in der neunten Reihe Das wollen wir nicht hoffen! Ich komme schon. Ich komme schon.

 

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