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Rudolf Presber: Theater - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorRudolf Presber
titleTheater
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
year1909
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120410
modified20170127
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Ibsen

Einige Sommermonate war Henrik Ibsen in früheren Jähren stets unter den Sommerfrischlern im Hotel Gröbner in Gossensaß am Brenner zu sehen. Gossensaß hat keinen Zoologischen Garten, kein Aquarium, keine Sammlung von Mumien, zerschlagenen Töpfen aus der Steinzeit oder ausgeblasenen Vogeleiern; es war also sehr froh, daß es den Dichter Ibsen hatte.

Der saß an einem Tischchen ganz für sich – weil ja seine Dichtung auch so für sich sitzt – und ließ sich von den Gästen anstaunen. Und hinter jedem der Neuangekommenen schickte der aufmerksame Hotelier einen Pikkolo her, der ihm zeigen mußte: »Hier, mein Herr, ist die Treppe zu Ihrer Etage – hier ist das Bureau mit der Karte von Westeuropa – hier ist die Toilette mit Wasserspülung – hier ist der Speisesaal – und hier ist der berühmte Dichter Ibsen, der den Peer Gynt geschrieben hat«.

Da waren alle Fremden sehr froh, daß sie wußten, wo das Bureau war und wo die Toilette, und wie der Dichter aussah, der den Peer Gynt geschrieben hatte. Und viele stierten ihn bloß an.

Einer aber, ein Herr aus Siedlingen, der einen Schuhbazar hatte und abends Reklame-Hefte las, sprach den Dichter an und unterhielt sich lange Zeit mit ihm; wenn man eine Unterredung so nennen darf, bei welcher der Herr aus Siedlingen redete wie ein Wasserfall, und der norwegische Wundergreis Gesichter schnitt.

Am nächsten Tag führte der Pikkolo wieder einen Neuangekommenen Fremden diensteifrig im Hotel umher. Und nachdem er ihm das Bureau mit der Karte von Westeuropa und die Toilette mit der Wasserspülung gezeigt hatte, führte er ihn in den Speisesaal und zeigte ihm einen alten Herrn, in dessen von weißem Bart umrahmten Antlitz oben zwei Brillengläser funkelten und etwas tiefer ein Zahnstocher zu sehen war; und der Pikkolo erläuterte stolz, als ob er daran schuld sei:

»Das ist der Dichter, der den Peer Gynt geschrieben hat«.

Da aber geschah etwas Wunderbares. Der große Dichter erhob sich plötzlich und sagte in dem vorzüglichen Deutsch, in dem er sonst nur zu schweigen pflegte:

»Das ist noch garnichts. Sehen Sie dort hin« – und er wies mit der gepflegten Greisenhand nach dem Ende der Tafel, wo der Herr aus Siedlingen saß, der einen Schuhbazar hatte und abends Reklame-Hefte las – »dort hin! Der Mann hat den Peer Gynt sogar verstanden!«

* * *

Mein Freund Beierbach, der in der preußischen Lotterie zweimal mit dem Einsatz herauskam, einen Erbonkel persönlich aus dem Luftballon fallen sah und überhaupt viel Glück hatte, interessiert sich sehr für Literatur. Er hat auch eine Autographensammlung von vielen Nummern, darunter die gefälschtesten Schiller-Briefe und Luther-Bibeln, die überhaupt zu finden sind.

Beierbach traf ich gestern im Café, wo er mit einem russischen Fürsten, der seinen Titel und seinen Rock abgelegt hatte, Sechsundsechzig spielte und in einem fort verlor.

Ich setzte mich dazu.

»Sagten Sie mir nicht, Beierbach, daß sie Ibsen gekannt haben?«

»Und ob ich ihn gekannt habe!« nickte Beierbach enthusiastisch, während der russische Fürst, was mich wundernahm, mit einem Buben und einer Dame die »Vierzig« ansagte. »Und ob! Wir waren in Baden-Baden zusammen. Ein charmanter Herr, sage ich Ihnen, Kavalier durch und durch . . .«

»Ich dächte, er war eher etwas kleinbürgerlich –«

»Wenn ich's Ihnen sage, er war ein flotter Kavalier. Für Pferde hatte er das größte Interesse und wettete . . .«

»Was, gewettet hat er auch? Ich dächte, er wäre eher sparsam gewesen . . .«

»Wenn ich's Ihnen sage. Ein bißchen gejeut hat er sogar – jawohl, hat er! Und die Witze flossen ihm nur so aus dem Munde. Und er hatte so eine selbstverständliche Art, französischen Sekt einzuschenken . . .«

»Erlauben Sie – Witze, französischer Sekt, das stimmt doch nicht ganz . . .«

»Wieso soll das nicht stimmen? So ein ehemaliger Offizier – –«

»Pardon, er war doch Apotheker ursprünglich – nicht Offizier . . .«

»Sie können mir's glauben, er war Offizier. Wie oft hat er mir aus seiner wilden Leutnantszeit Schnurren erzählt, na, ich sage ihnen – Schnurren . . .!«

»Sonderbar. Daß davon in allen seinen Werken so rein gar nichts zu finden ist.«

»Na, Lieber, das können Sie nun nicht sagen. In dem einen zum Beispiel – wie heißt das Ding nur – wo der Offizier aus dem Fenster des Gartenhäuschens springt . . .«

»Ein Offizier springt aus einem Fenster – ich wüßte nicht, daß . . .«

»Natürlich springt er! Hab's ja selbst gesehen. Warten Sie mal – richtig; ›Krieg im Frieden‹ heißt das Stück.«

»Ja aber, Verehrtester, das ist doch nicht von Ibsen; das ist doch ein Schwank von Gustav von Moser!«

»Von – Moser. So? Na ja, – es kann auch Moser gewesen sein damals in Baden-Baden. Gott, wenn man so viele bedeutende Menschen kennen gelernt hat in seinem Leben . . .«

Mittlerweile hatte der Fürst auch dieses Spiel gewonnen.

* * *

Es war in Christiania und alles sehr feierlich. Die zugereisten Engländer hatten alle Kodaks mitgebracht, und die Hotels nahmen zum Zeichen der Trauer doppelte Preise.

Der große Dichter Henrik Ibsen sollte begraben werden. Auch der neue König war in einem neuen Zylinder unter den Leidtragenden. Denn es war eine seiner königlichen Hauptfunktionen, daß er mit allen berühmten Norwegern zur Leiche ging. Zu sagen hatte er am Grabe auch nichts.

Der Sarg wurde hinausgetragen aus der Kapelle auf dem Friedhof.

Alle großen Kollegen des Entschlafenen nahmen die hohen Hüte ab und waren sehr ergriffen; denn sie wurden photographiert.

Der Allerberühmteste aber wollte gerade vortreten und mit Hilfe des im Zylinder steckenden Manuskriptes, das er wie zum Gebet vor die Brust hielt, ein paar erschütternde Worte improvisieren, da hörte man ein seltsames Geräusch.

Alles erschrak. Denn es war deutlich, dies Klopfen kam aus dem Sarge.

Die berühmten Leute steckten die Köpfe zusammen. Alle waren der Ansicht, daß man den Sarg noch einmal öffnen müsse; denn wenn die Toten erwachen, sei das Anstandspflicht.

Nur einer, der schon ein Manuskript in der Tasche hatte »Ibsen und ich«, worin er allerlei Erlebnisse gegenseitiger geistiger Befruchtung zum besten gab, war durchaus dagegen. Aber er wurde in das Erbbegräbnis der Familie Hansen gedrängt und überstimmt.

Eilig zogen die Beamten die Schrauben aus dem Sarg, hoben den Deckel – und da saß er aufrecht im Sarg, der große Dichter, ernst, finster, weißbärtig, mit der Brille, wie er im Café Maximilian in München gesessen hatte und später im Hôtel d'Angleterre in Christiania.

Und jetzt das größere Wunder, er sprach – was er schon im Leben äußerst selten getan hatte – sprach laut und vernehmlich, während rings mit schlotternden Knien die berühmten Kollegen, denen das Erwachen eines zum Begräbnis reifen Vorgängers allemal sehr unangenehm ist, herumstanden und lauschten. Dies aber war das Wort, das der große Tote in seinem Sarge sprach:

»Ist Siegmund Lautenburg aus Berlin da?«

Eine kurze Stille. Dann ein helles, freudiges »Ja!« aus der Menge.

Und alle Lippen wiederholten leise, dankbar: »Er ist da!«

Und wiederum erhob der Tote seine gewaltige Stimme:

»Hat er auch alle seine Orden an?«

Eine kurze Stille. Dann ein helles freudiges »Ja!« aus der Menge.

Und aller Lippen wiederholten leise, dankbar: »Er hat sie an.«

»Es ist gut, so können wir anfangen!« sagte Henrik Ibsen und legte sich auf das weiße Atlaskissen zurück.

 

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