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Rudolf Presber: Theater - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorRudolf Presber
titleTheater
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
year1909
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120410
modified20170127
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Der Gefesselte

Sezessionsdrama in einem einzigen schwer geträumten Rätselakt

Turmgemach im Erdgeschoß einer hochgelegenen Thalburg

(Am heiteren Himmel rasen dichte Wetterwolken. Man sieht zunächst nichts, dann allmählich etwas weniger. Daraus schält sich wie aus einem wallenden Nebelmantel:)

Die Sage (eine besonders alte Frau mit modriger Stimme und leuchtend glanzlosen Augen. Sie spricht das Wonnevolle).
Ich hört ein Raunen in den heil'gen Räumen,
Die Eulen fliegen und das Käuzchen schreit;
Der Abend geistert in den Pappelbäumen,
Im Sand verknistert leis der Schritt der Zeit –?
Ich weiß ein Wort; sprichst Du in dunkler Stunde
Solch nie gehörtes Wort am Kreuzweg aus,
Dann heulen ängstlich fern im Dorf die Hunde,
Der gute Greis wankt mit dem Stock nach Haus . . .
Am Himmel türmt das Wetter immer schwerer
Die Wolkenstufen um den Sternenthron,
Am Stein bei Prenzlau sitzt ein Oberlehrer
Und brütet düster über'm Lexikon.
Vom Wüstengrabe hebt sich still ein Todter
In seines Burnus feuchtem Silbergrau,
Sein Blick durchbohrt in Frankfurt an der Oder
Am Michelsmarkt die alte Eierfrau.
Er reißt den Kranz vom Haupt verklärtem Sehnen,
Gießt Engelszähren auf der Liebe Fest,
Greift Berberlöwen in die gelben Mähnen
Und fährt von Wien im D-Zug nach Triest . . .
Weh! wem der Wahn zu solchem Irrsal narrte,
Der sitzt am Pol und streckt die Arme weit –
Sein Wunsch frißt den Äquator von der Karte,
Und von den Zinnen seiner Zeitlichkeit
Rankt sich dem Epheu gleich mit grünen Banden
Sein Herz in Nichts, das ewig unverstanden.

(Die Sage verschwindet.)

(Die Bühne wird bei diesen Worten, wie zu erwarten, noch dunkler, wenn sie ganz dunkel ist, steht man hinter einem in der Mitte symbolisch genähten Schleier die »Herrin« die Laute spielen, wozu die »Magd« die wehmutvollen Worte singt:

Selig Los, solch edler Frau zu dienen!
Wenn sie gleich des Gatten gern vergißt.
Ruht ein edler Stolz in ihren Mienen,
Weil sie gar so musikalisch ist.

Der Gefesselte (steht plötzlich in grellem Mondschein vor den Frauen; er hat die meerblauen Augen geschlossen und den blassen Mund immer offen; und sieht überhaupt aus wie eine intelligente Wasserleiche. Er spricht ohne sich zu regen, zu den vergeistert lauschenden Frauen.)
Es fragt Dein Blick mich, wo ich hergekommen;
O Herrin, ich verstehe Deinen Wink!
Durch trübe Flut der Ahnungen geschwommen
Bin ich zu Dir vom Lande Maeterlinck . . .
Ein Blick der Augen, die sich nie erschlossen,
Bricht Deine Tugend, wie der Blitz den Stein,
Eh' diese Nacht ins öde Licht zerschlossen –

Die Herrin (erschauert, läßt die Laute sinken und spricht tonlos zur Magd)
Du hörst den Fremdling, Magd, laß uns allein.

Die Magd (bricht eine Lilie auf dem Altan, seufzt und verläßt in wallender Gemütsbewegung das Gemach.)

Die Herrin
Was ist's, o Held das meinen Trotz bezähmte,
Was mich mit Ketten Deines Diensts beschwert?

Der Gefesselte
Ich bin, o Weib, das Zeitlos-Unverschämte,
Das ewig war und ewig wiederkehrt.
Und stürzt die Jugend heut' mich von der Brüstung
Des alten Burggemäuers wild hinab,
Schon morgen komm ich in der alten Rüstung
Und gebe höhnisch meine Karte ab.
Laß ab, o Weib, von Deines Herzens Harme,
Nicht ungesegnet fährt dein Leib dahin,
Denn mordend segn' ich noch, was ich umarme,
Weil ich der Priester Eurer Torheit bin!
Drum fluch nicht ihm, der sich Dir lächelnd nahte:
Ahnung macht groß und die Gewißheit dumm –

Die Herrin (stößt leuchtenden Auges die Renaissancetür zur Linken auf und weist den Gefesselten den Weg.)
Hier geht der Weg!

Der Gefesselte
                                Wohin?

Die Herrin (mit singender Zuversicht, Harfenklänge in der Stimme.)
                                              Zur Kemenate.

(Sie schreitet traumhaft erhobenen Hauptes voran.)

Der Gefesselte (ihr folgend.)
Wie bei Modernen: »links vom Publikum«!

(Die Bühne bleibt groß und leer. Nachdem das Publikum den erschütternden Eindruck dieser großen Leere gemischt mit dem Verständnis leerer Größe in sich aufgenommen, taumelt der Gatte herein, gefolgt von dem Liebhaber und sieben Pagen mit sieben Pfauenfedern am scharlachroten Hut.)

Der Gatte (zum Liebhaber.)
Du, Teurer, hilfst seit lange meine Pflichten
Vom frommen Wunsch zur Wirklichkeit verdichten;
Dir dank' ich's Freund, daß auch in düstrer Zeit
Der Herrin Scheitel warme Lust besonnte;
Du wirktest still, wo ich nicht wirken konnte.
Dir gilt mein Becher! Freund, tu' mir Bescheid.

Der Liebhaber (in finsterer Fröhlichkeit.)
Wie tät' ich's gern, doch drückt mich eine Sage –
Sie muß heraus! Und Ritter, wenn ichs wage,
Dem alten Märchen neuen Sinn zu dichten –
Du weißt, die Dunkelheit hat ihre Pflichten.
Es gibt – so heißt's im Land – verwegne Knaben,
Die zu den Schlafgemächern schöner Frau'n
Vom bösen Geist geschenkte Schlüssel haben!
Und auch der Seele Schlüssel: das Vertrau'n.
Solch Märchen geht zu gleichen Teilen an
Den Liebsten, mich, und Dich, den Ehemann.

(Bringen die Leiche der Herrin auf die Bühne. Sie ist todt, richtet sich demgemäß auf und spricht im Flüsterhauche des Septemberwindes, der durch den Dornbusch unterm Hochgericht raschelt.)

Die tote Herrin
Ich weiß ein mönchisch Wort voll düstren Fragen,
Ein Wort, wie Donner, der durchs Weltmeer schleicht,
Ein Wort, wie Schnee, der junge Firne bleicht;
Das Wort hat Sinn – den sollt Ihr nie erfragen!

Der Gefesselte (dessen Ketten etwas verschoben sind, tritt jetzt aus der Kemenate links hervor. Er trägt jetzt eine Kutte und seine Augen sind ausnahmsweise offen. In den Händen hält er einen riesigen goldenen Schlüssel.)
Hier ist der Schlüssel, mög' er Euch erschließen
Verbotnes Tor zu steilen Paradiesen,
Den Wert des Lebens schätz ich als die Summe
Von Leidenschaft, Physik und Aberwitz;
Nur im Verzichten blüht Euch der Besitz,
Und keusche Weisheit predigt nur der Stumme.
Das Weib ist rauh, wie eine Pfirsichschale,
Und in der Flöte schläft ein heller Ton;
Wer zwei Mal liebt, der schwärmt zum andern Male,
Und wer genug hat, flattert gern davon . . .
Die Liebe dürstet um des Lebens Schlüssel,
Ihr warmer Duft umweht das Menschenlos –
Ich aber trage einen Kammerschlüssel
Zum unterird'schen Tempel Salomo's.
Er schließt Euch auf, was nimmermehr veralte.
Wie Mosis Stab aus Felsen Wasser schlägt.
Wo tief im Nabel ewiger Basalte
Urnebeldunst den Mikroskosmos trägt.

Dem Gatten und dem Liebhaber (ist es von all dem Gerede ganz anders geworden; sie lassen die gezückten Schwerter sinken und starren mit verzückten Augen auf das Symbol eines Schellfischs in der gegenüberliegenden Wand.)

Fünfundzwanzig Nonnen erscheinen fünfundzwanzig weiße Kerzen tragend:

Die tote Herrin
Der Schmerz schreit nächtlich seine Wispertöne
Ins Ohr des Elchs, der durch den Urwald stumm
Die Herde führt. Unmeßbar ist das Schöne;
Nur eine Frage tötet es: »warum«.

(Sie sinkt zurück. – der Mönch ist verschwunden. – Die Nonnen löschen die fünfundzwanzig Lichter und gehen, um sich in fünfundzwanzig Betten zu legen. Diese Betten aber sieht man nicht. Nur die Nonnen und der Liebhaber wissen, wo sie stehen.)

 

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