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Rudolf Presber: Theater - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorRudolf Presber
titleTheater
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
year1909
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120410
modified20170127
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Die Faust

(Eine mystische Mythe)

»Der Dichter Maeterlinck, der durch die zartesten Dichtungen der Mystik berühmt geworden ist, hat einen Aufsatz »Zum Preise der Faust« geschrieben, in dem er das Lob der Boxkunst singt.«

Personen:

Der blinde Großvater.

Der Onkel.

Die barmherzige Schwester.

Eine irrsinnige Blinde.

Der Fremde.

Die Menge.

Der kleine Tintageles.

Ein uralter Forst, dem man anmerkt, daß soeben weißgekleidete Mädchen singend durch seine Stämme gewandelt sind. Ihr Lied hängt noch an den Zweigen. Zwei Meilen davon eine kleine Stadt. Die Dächer mit roten Ziegeln gedeckt. Am Pfarrhause sind alle Läden geschlossen. Diese Läden sind grün. Im Garten des Küsters blüht roter Mohn. Dazwischen liegen die andersfarbigen Windelhöschen des Neugeborenen. Dieses alles sieht man nicht. Denn der uralte Forst ist zwei Meilen von der kleinen Stadt entfernt. Und ein Berg liegt dazwischen. Von diesem Berg aus sieht man das Meer bei ganz klarem Wetter. Es ist aber nie ganz klares Wetter.

In einen schwarz-schwarzen Mantel gehüllt, sitzt in Mannshöhe der blinde Großvater auf einem Baumast. Er sitzt so unbeweglich, daß die Ameisen ihn für einen Teil des Baumes halten und über seine nackten Waden Chausseen bauen. Die irrsinnige Blinde sitzt unter dem Baum im Moose. Sie ißt Heidelbeeren. Es sind aber Mistkäfer. Diese hält sie für Heidelbeeren. Denn sie ist irrsinnig. Unter einem andern Baume spielt der kleine Tintageles, ein Knabe männlichen Geschlechts mit goldblonden Locken. Er spielt mit den Rätseln des Lebens. Das seine besteht erst seit fünf Jahren. Was den Onkel angeht, so ist es sehr wahrscheinlich, daß er erst aus der kleinen Stadt eintrifft, wenn das Drama schon beendigt ist. Er spielt dort mit dem Amtsrichter und dem Oberförster, die auch nicht vorkommen, Skat.

Die irrsinnige Blinde. Bäh.

Der blinde Großvater. Was hat doch die Frau unter meinen Füßen gesprochen?

Tintageles. Sie hat »Bäh« gesagt. So tut sie immer, wenn sie Heidelbeeren ißt.

Der blinde Großvater. Die Heidelbeeren müssen diesmal sehr schlecht sein. Dieses »Bäh« ist mir noch nie so traurig vorgekommen. Ich wollte, sie könnte auch etwas anderes sagen. Aber so ist das Leben. Es gibt viele Menschen in den Städten, deren Häuser rote Ziegel haben; und diese Menschen glauben von vielen Dingen zu reden, von Tugenden und von Blumen und von Sternen und von dem Leben nach dem Tode. Und sie sagen doch bloß »bäh«. Dieses aber sehr oft.

Tintageles. Jetzt ist sie still. O, wie glücklich sie ist! Ihre Rolle ist klein. Sie besteht nur aus einem Wort. Gibt es viele Leute, blinder Großvater, deren Rolle nur aus einem Wort besteht?

Der blinde Großvater. Es gibt Leute, die sagen immer nur ein Wörtchen. Das heißt: »nein«. Und es gibt andere, die sagen nur ein anderes Wörtchen. Und das heißt: »ja«. Diese Leute sind die angenehmeren.

Tintageles. Hat es eine Zeit gegeben, blinder Großvater, wo du auch nur »ja« sagtest?

Der blinde Großvater. Als die liebe Großmutter noch lebte, habe ich nichts anderes gesagt.

Tintageles. Seufzest du eben, blinder Großvater, weil die Großmutter tot ist?

Der blinde Großvater. Nein, ich seufze, weil es so schwer ist für einen blinden Großvater, auf einen Baum zu steigen. Und ich denke daran, daß es nicht leicht ist, herunterzusteigen. Denn man ist blind. Und unten liegen oft Glasscherben. Und es gibt Fälle, wo man heruntersteigen muß, ob man nun blind ist oder nicht. Aber jetzt ist mir's, als ob mir jemand die Hand berühre.

Tintageles. Nein, blinder Großvater, das war nur ein Vöglein, das über dir auf dem Ast sitzt. Es hat etwas fallen lassen.

Der blinde Großvater. Wenn man ein blinder Großvater ist und auf einem Ast sitzt, muß man sich's gefallen lassen, daß ein Vöglein so tut, wie dieser Vogel tat. Er kann nichts dafür. Es ist seine Natur. Ich werde es wegwischen, wenn das Stück aus ist. Aber jetzt fängt es erst an. Und meine Rolle besteht darin, daß ich mich nicht bewege. Denn bewegte ich mich, so wäre ich leicht wie andere Menschen, die nicht blind sind.

Tintageles. Spielen solche Menschen auch Theater?

Der blinde Großvater Ja. Aber sie haben keinen Erfolg.

Der Fremde (tritt auf. Er ist nackt und zeigt eine wundervolle Muskulatur. Besonders der Biceps ist wohl ausgebildet. Aber auch die Waden sind gut. Er hat einen Schritt am Leibe, wie der Turnvater Jahn in seinen jüngeren Jahren. Aber was er tut, ist kräftig. Jetzt pfeift er so.)

Der blinde Großvater Ich höre etwas pfeifen. Ist das derselbe Vogel, der vorhin meine Blindheit mißachtete?

Tintageles Nein, blinder Großvater; von diesem wäre es noch weniger angenehm für dich gewesen.

Der blinde Großvater So ist es wohl ein sehr großer Vogel?

Tintageles Es ist ein Mensch, der seine Kleider vergessen hat.

Der blinde Großvater Ist es ein Mann oder eine Frau?

Tintageles Das verstehe ich noch nicht.

Der blinde Großvater Du hast recht. Frage ihn, warum er keine Kleider anhat.

Tintageles Fremder, der blinde Großvater will wissen, warum du keine Kleider anhast?

Der Fremde Warum fragt er mich nicht selbst?

Tintageles Weil er auf einem Aste sitzt. Wenn er zu laut fragt, bricht der Ast.

Der Fremde Das ist aber ein merkwürdiger Ast.

Tintageles O ja. Der blinde Großvater sitzt immer auf merkwürdigen Ästen. Und alle haben sie Namen.

Der Fremde Wie heißt denn dieser Ast?

Tintageles Er heißt: »Die Gunst des Publikums.«

Der Fremde Ich fürchte, daß der Ast nächstens brechen wird.

Tintageles Warum hast du keine Kleider an, wenn du dich fürchtest?

Der Fremde Ich habe meinen letzten Mantel, den ich hatte, der Monna Vanna geliehen. Aber es wäre besser, sie hätte ihn nicht gehabt.

Der blinde Großvater Wenn Monna Vanna gar nichts angehabt hätte, so hätte sie auch in Paris Kasse gemacht. So aber hat man sie wieder nach Deutschland geschickt, wo alles sein Mäntelchen haben muß.

Tintageles Dann darfst du aber nie nach Deutschland gehen. Denn mir scheint, du hast kein Mäntelchen.

Der Fremde Ich brauche keins. Denn ich bin die Kraft. Die imponiert den Deutschen gar sehr.

Der blinde Großvater Wird dich aber die Zensur passieren lassen? Zuweilen ist sie ja ein blinder Großvater, wie ich. Aber zu anderen Malen ist sie ein schüchternes Mädchen und sagt –

Die irrsinnige Blinde Bäh.

Der blinde Großvater Auch das. Aber sie ähnelt meiner Tochter unter meinen Füßen auch in anderen Stücken. Sie frißt Heidelbeerchen, die eigentlich Mistkäfer sind.

Der Fremde Im Freien?

Der blinde Großvater Nein, im Kabarett.

Tintageles Was wirst du aber mit ihr machen, wenn sie dich nicht in die Stadt läßt?

Der Fremde Ich bin gewaffnet.

Der blinde Großvater Ich sehe keine Waffen.

Der Fremde Weil du blind bist.

Tintageles Ich sehe aber auch keine Waffen.

Der Fremde Weil du ein Kind bist. Hier sieh her! (Er ballt seine Faust. Handschuhnummer 12½. Der Biceps schwillt an.)

Tintageles Was willst du mit dem Fleischklumpen tun, den du jetzt vorn am Arm hast?

Der Fremde Das will ich dir sagen. Man hat zu lange auf blinde Großväter gehört in der Stadt dort unten. Auf blinde Großväter, die nur Gehirn haben und ihre erloschenen Augen tiefsinnig in ihren eigenen Nabel bohren. Und man hat zu viel auf kleine Kinder gehört, die Worte stammeln, die keinen Sinn geben. Es müssen wieder Männer kommen, die mit diesem Fleischklumpen vorn am Arm alle die blinden Großväter von den Ästen boxen, welche »öffentliche Meinung« heißen, und alle die stammelnden Kinder niederschlagen, die Worte ohne Sinn sprechen.

Die irrsinnige Blinde Bäh.

Der Fremde – und allen irrsinnigen Blinden den breigefüllten Schädel einhauen, die nur »Bäh« sagen.

Der blinde Großvater So bist du die neue Zeit?

Der Fremde Nenne mich immerhin so.

(Er tut einen Sprung und boxt ihn vom Ast. Der blinde Greis fällt röchelnd in die Heidelbeeren.)

Die irrsinnige Blinde Bäh.

Der Fremde Du hast das schon einmal gesagt!

(Er erschlägt sie.)

Tintageles Ich denke, du wirst mir nichts tun.

Der Fremde Da irrst du dich. Es ist ein sadistischer Zug in mir. (Er ergreift den Ast, auf dem der blinde Großvater gesessen hat, reißt ihn vom Stamm und erschlägt den Tintageles.) Es tut mir leid um dich. Aber aus Kerlchen deinesgleichen können doch nur wieder blinde Großväter werden, die auf solchen Ästen sitzen und orakeln. Das soll nicht sein. Denn das Hirn ist um der Faust willen da. Nicht die Faust des Hirnes wegen!

(Er geht nach der Stadt.)

Die barmherzige Schwester (kommt von der Seite) O, mein Gott, hier liegen drei schwerverwundete Menschen! Mir scheint, sie sterben. Wenn ich wüßte, daß sie Verwandte in guten Verhältnissen haben, würde ich sie liebevoll pflegen. Aber man kann das nie mit Bestimmtheit wissen. Und dann: es wäre kein dramatischer Abschluß, wenn ich sie wieder gesund pflegte. Sie müssen schon sterben. Das liegt nun einmal in der Natur des Dramas. (Sie geht ab.)

(Der Vorhang fällt.)

Nachbemerkung: Wir wußten es, der Onkel würde nicht kommen.

 

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