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Teufeleien und andere Erzählungen

Ricarda Huch: Teufeleien und andere Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleTeufeleien und andere Erzählungen
publisherH. Haessel Verlag
year1924
correctorreuters@abc.de
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II

Nunmehr, da man mich, einen tugendübenden Stadtmaler Liborius, bezweckter Freveltat anschuldigt, als hätte ich vermittels Brandstiftung eine Anzahl Seelen unvorbereitet ins jenseitige Gericht wandern lassen, zaudere ich nicht länger mit Bekanntmachung eines heimlichen Greuels, wovon auf diesen Vorgang wie auf manches andre ein helles Licht fallen wird. Freilich ein höllisches Licht! Aber ich unternehme es zur Beförderung der Wahrheit und Rettung der Unschuld.

Indem ich diese Stadt seit vielen Jahren mit allen Bildern, deren sie benötigte, zu wohlgefallender Zufriedenheit versorgte, befremdete es jedermann nicht wenig, daß sich plötzlich ein Mann hier niederließ namens Peter, welcher ein Maler sein wollte. Denn wie sollte es ihm glücken, dafern er sich unschuldiger und natürlicher Mittel bediente, seine Sächlein an hiesige Bürgerschaft abzusetzen, der es an keiner Art der Kunstmalung mangelte? Freilich aus der unvernünftigen Kreatur und Tierwelt ein Konterfei zu machen, war mir niemals beigefallen, noch auch wohl jemals sonst einem ordentlichen Maler in der Christenheit. Da gab es denn ein Drängen und Gaffen müßiger, wilder Jugend und unberatenen Pöbels an des Peters Gartenzaune; er hatte nämlich seine Pinseleien mitten auf seiner grünen Wiese preislich aufgestellt. Herr des Himmels, wer hätte sich solches in seiner Phantasie eingebildet! Da war auf einer gewaltigen Tafel nichts zu sehen als ein dünnes Wölklein, ein grüner Zweig und ein Schwarm Maikäfer, auf einer andern eine Pfütze voll Frösche und Kaulquappen, im weiteren Molche und Fledermäuse, kurz zumeist das Gezücht, das nicht unser Herrgott, sondern man weiß wohl wer erschaffen hat. Ob man dies nun von der einen Seite mehr als eine Sünde, von andrer mehr als eine Tollheit ansehen mochte, ich sah gleich ein, daß es beides war, und als ein Kenner des Malwesens konnte ich hinzusetzen, daß die Bestien ungründlich und unsäuberlich gemalt waren, vorzüglich aber ohne das Identische, was sich freilich bei diesem Gegenstande von selbst versteht. Obwohl das auch dem Unkundigen hätte in die Augen fallen sollen, ereignete es sich doch, daß die Stadt bald an nichts andres dachte als an diese Kleckserei; sogar diejenigen, welche das Lästerliche solcher Kunstübung erkannten, wußten sich immer wieder an dem wüsten Garten vorbeizustehlen, um des raren Anblicks aufs neue teilhaft zu werden. Es war nicht anders, als wenn eine Verblendung auf die Leute gefallen wäre, und ich will nun auch nicht länger verhalten, aus welchem Pfuhle das ganze Unwesen stammte.

Der Maipeter, wie die Gassenbuben ihn wegen seines Käferbildes nannten, war von Haus aus ein vagabundischer, lockerer Junge, der nichts wußte und nichts konnte und schließlich, da er mit allen seinen tollen Streichen kein Fortkommen fand, ein Bündnis mit dem Teufel abschloß, so daß dieser ihm schwur, er werde ihn zu einem berühmten Malermeister machen, wogegen der Peter sich vermaß, nach Ablauf seines Lebens unverweilt in die Hölle hinein zu jubilieren. Dieses war ganz insgeheim geschehen, und wie sich denn die Bösewichte gemeinhin trefflich verstellen können, hatte der Maipeter in seiner Schalkheit auch ein ganz unverderbliches Gesicht und Wesen, bis aus ein gewisses goldgelbes Glitzern in seinen Augen, das mich von Anfang an bedenklich und unnatürlich dünkte, ebenso das Rot und Weiß seiner Lippen und Zähne, was durch freches Leuchten und Glänzen ohne Zweifel eine Sinnenreizung ausüben sollte. Daß die teuflische Heimlichkeit aber doch ans Licht kam, ist des Maipeters Diener zu verdanken, den er immer mit sich führte, von dem ich es habe, nachdem er mich in seiner Angst vor der Höllenrache mit heiligen Eiden gebunden hatte, nichts von dem, was ich hören würde, zu verraten. Mit dem Malen ging es aber so zu: Hatte der Maipeter ein Stücklein dahergestümpert, wischte der Gottseibeiuns nachts mit seinem feurigen Pinsel ein paar Striche hinein, wonach das Bild ein ganz eignes und verruchtes Ansehn bekam, das es den Leuten antat. Der Diener meinte auch, ein Wesen, das der Teufel abkonterfeit habe, sei ihm verfallen, und das sei der Grund, warum sein Herr nur Tiere male, die ja ohnehin sonder christliche Fakultät und des Teufels seien. (Ja, wenn dem so gewesen wäre! Da hätte man freilich den Maipeter auf seinen Molchen ruhig zur Hölle fahren lassen können!) Da ich dem Diener diese schauderhaften Eröffnungen nicht ohne weiteres glauben wollte, ließ er mich in einer Nacht durch einen Fensterladen in des Maipeters Arbeitszimmer hineinlugen. Da sah ich denn freilich mit großem Schrecken, daß es alles seine Richtigkeit hatte, denn vor der Staffelei erblickte ich den Bösen leibhaftig, greulich mit den blitzblanken Zähnen bleckend, einen ungefügen schwarzen Pinsel in der Hand, aus dem mit Knistern die Funken absprühten, wenn er malte, was man um so deutlicher sehen konnte, als es stichdunkel in dem Zimmer war. Ich fiel nach diesem trostlosen Schauspiel halb ohnmächtig in die Arme des Dieners, der die Leiter hielt, auf der ich stand, und zerquälte mich Tag und Nacht mit Grübeln, wie ich unsre löbliche Stadt und Bürgerschaft vor dieser Gefahr bewahren könnte.

Da, an einem der folgenden Tage, mußte ich vernehmen, daß die Jungfrau Ludovika, des Pfarrers Tochter, die ich als Hausfrau heimzuführen gedachte, mir mitteilte, der Maipeter solle ihre Katze malen. Bis dahin hatte sich die Ludovika sowohl durch Tugend wie durch Schönheit so ausgezeichnet, daß ich sie als Muster für meine weiblichen Gestalten zu benützen pflegte, besonders aber malte ich sie auf alle Sargdeckel, indem sie mit ihren hängenden Locken und gesenkten Mundwinkeln so außerordentlich ernsthaft und feierlich aussah wie ein Trauerengel. Da sie mir nun ihr Vorhaben, den Maipeter angehend, eröffnete, kehrte ich einen großen männlichen Ernst hervor und sagte, es sei für eine Pfarrerstochter unziemlich, von einem verlaufenen Farbenreiber Katzen malen zu lassen, und mehr dergleichen, aber da sie trotzig und verstockt bei ihrem Willen blieb, wohl schon von einiger Besessenheit ergriffen, ließ ich etwas nach und bot ihr an, sie zu begleiten, damit sie doch nicht ganz ohne Hüter in die Teufelsgrube fahre. Obwohl der Maipeter sich anstellte wie ein anderer Christ, entging es mir doch nicht, daß er die Ludovika mit sonderbaren, umgarnenden Blicken ansah, während er sogleich witterte, daß ich seinen Verführungskünsten unzugänglich sein würde, und mich deshalb unbeachtet stehen ließ. Doch suchte er mich dadurch zu täuschen, daß er keine Unterhaltung mit der Jungfrau anspann, sie nur bat, ihm die Katze für ein paar Tage anzuvertrauen, er wolle sie ein wenig bei sich spielen lassen, damit er sie hernach besser malen könne. Als es nun ans Malen ging, erklärte der Maipeter, er wolle die Katze im Freien auf der Wiese malen, und ein schöner Feuersalamander, den er gerade im Walde gefangen habe, müsse mit auf das Bild, damit es lustiger und mannigfaltiger sei. Dann stellte er die Ludovika an, die Katze zu halten, damit sie still halte, und ich sollte in gleicher Weise den nassen Molch in die Hand nehmen und am Weglaufen verhindern. Also mußte ich, wenn ich die Seele der Jungfrau nicht dem Verderben anheimfallen lassen wollte, ihr gegenüber im Grase hocken und das widerliche Schlammvieh halten, ihm wohl auch den breiten Kopf bald hierhin, bald dorthin wenden unter dem unverschämten Jauchzen der Gassenbuben, die einer neben dem andern auf dem Zaune saßen und zusahen. Ich hatte indessen die Genugtuung, daß der Maipeter nichts Arges mit der Ludovika reden konnte, ausgenommen, daß er einmal zu ihr sagte: »Jungfrau, warum seht Ihr immer so traurig aus, da es doch so lieblich und lustig ist zu leben?«, worauf sie erwiderte, sie wisse weder, daß sie traurig sei, noch daß es lustig sei zu leben. Wenn wir von Zeit zu Zeit das Konterfei in Augenschein nahmen, so sah man nichts weiter als zwei gemeine Bestien, eine Katze und einen Molch, was man eben in Natur auch sah, die Katze die Pfote ein wenig hebend, um den Salamander damit zu betasten. Die Ludovika konnte sich an der schlechten Sudelei nicht satt sehen, aber die Verstrickung geriet vollends auf den Höhepunkt, als eines Nachts die verhängnisvollen letzten Pinselstriche an dem Bilde vorgenommen waren. Wenn man jetzt das Bild betrachtete, wurde es einem schier fleckig vor den Augen, so flimmerte das Gelb an dem schwarzen Salamanderleibe und glühten in dem fetten Grase die feuerroten Tulpen und die blauroten Veilchen. Auch das Katzenfell schimmerte gar seltsam, und im Katzenantlitz war soviel Schelmerei, List und betrügliche Sanftmut, daß er mehr sich selber als das einfältige Tier vor Augen gehabt zu haben schien. Die Ludovika aber stand ganz verzückt und kindisch vor dem Blendwerk und rief einmal übers andre: »Ach, die Tulpen! und das Gras! und die Katze! Ist es auch gewiß meine Katze? und ist es nicht die schönste der Welt?«, daß des Maipeters Augen vor Triumph ganz feuergelb wurden. Danach, als sie den Molch zum Abschied streichelte und ihre Augen voll Betrübnis über die Wiese gehen ließ, sagte er mit sanftmütiger Stimme: »Kommt in meinen Garten, Jungfrau Ludovika, so oft Ihr mögt, dann könnt ihr in den Blumen liegen und mit dem Salamander und mit schönen Eidechsen spielen, wenn es Euch freut.« Ich sagte strenge: »Darüber würde sich der Herr Pfarrer nicht wenig verwundern,« und rettete somit die unselige Jungfrau noch einmal, indem sie wieder zu sich kam und mir sogleich mit gesenktem Kopfe aus dem Garten hinweg folgte.

Aber daß sie ganz und gar besessen und verstrickt war, mußte ich schon nach wenigen Tagen bemerken, als ich wie gewöhnlich ins Pfarrhaus kam, um dem Pfarrer meine Aufwartung zu machen. Sowie wir allein waren, sah sie mir dreist ins Gesicht und sagte, sie werde sich nun selbst vom Maipeter malen lassen, um das Bild ihrem Herrn Vater zum Geburtstage zu verehren. Aber er male ja keine Menschen, sagte ich. Wenn er sie nur so schön male wie ihre Katze, sagte sie, schöner wolle sie garnicht werden. »So wird er Euch wohl auch zuvor ein paar Tage behalten und bei sich spielen lassen, damit er Euch hernach desto besser malen kann?« Aber was halfen schneidender Hohn und liebreiche Bitte? Es war dahin gekommen, daß sie mich gröblich und unziemlich beschied, wenn es sich nicht schickte, daß der Maipeter sie male, schicke es sich auch nicht, daß ich sie auf Schritt und Tritt begleite, sie werde ihre alte Wärterin mitnehmen, die im Hause des Pfarrers das Gnadenbrot aß. Ich sah die beiden Weiber auch von nun an häufig beim Maipeter einkehren, denn wie es meine menschliche und christliche Pflicht war, ich hoffte immer noch, sie den Klauen des bösen Feindes zu entziehen, und umstrich den Ort, wo ihr die Schlinge gelegt war, ohne aber etwas zu gewahren oder zu vernehmen.

Ach, was ging in meinem Gemüte vor sich, als ich am Geburtstage des Pfarrers sein ehrenwertes Wohngemach betrat und das Konterfei der Ludovika mich angleißte! Ich allein wußte, was für ein Pinsel die Mundwinkel so üppig nach oben gezogen und das begehrlich züngelnde Flämmchen ins Auge gesetzt hatte, daß nichts mehr von der tugendvollen Jungfer zu sehen war, die mich so oft zur Kunstübung beseelt hatte! Auf die Hand hatte er ihr einen häßlichen Maikäfer gesetzt, der eben die Flügel spannte, und mehrere dieses Geschlechts flogen um den blauen und weißen Flieder, mit dem ihr Kopf so überladen war, daß es ihn fast in den Nacken hinabzog. Dieses aber stimmte mich vorzüglich zur Wehmut, daß der Pfarrer, bis dahin ein bescheidener und fürsichtiger Mann, die Gaukelei ganz wonnig und zufrieden betrachtete und sich nicht schämte zu sagen: »Was hat der Maipeter angestellt, Ludovika, daß du ihn dermaßen angelacht hast? Solltest deinem Vater auch so tun, daß es ihm warm ums Herz würde!« So verblendete und zerrüttete die Teufelei jeden, der sie ansah! Ich hielt aber an mich und sagte ruhig und würdig nichts weiter als: »Wenn die Jungfrau Ludovika fortfahren sollte, so auszusehen, würde ich sie künftighin auf keinen Sargdeckel mehr malen können.« Über diese Worte fing das Mädchen an, ganz unbescheiden zu lachen, betrug sich überhaupt von nun an so, als sei das gemalte Bild die wirkliche Ludovika und sie das Spiegelbild, und war schon am Abend desselben Tages der Teufelskunst ähnlicher als sich selber. Es waren nämlich an diesem Abend Freunde des Pfarrers um ihn versammelt, friedsame und fromme Bürger der Stadt, welche das Fest in anständiger Weise mit ihm zu feiern pflegten. Wen aber erblickten meine Augen mitten unter diesen Gotteskindern? Den Maipeter, den der Pfarrer eingeladen hatte, daß er sich mit ihm freue, nachdem er ihm eine so große Freude bereitet habe. Die ganze Gesellschaft war wie in einem Wahn und Rausch befangen, denn es nahm niemand Anstoß an dem Betragen der Ludovika, die, Blumen im Haar und flatternden Gewandes, mit jedermann scherzte und hofierte wie eine fahrende Zigeunerin. Da sie nun ohnehin verloren und eine gewisse Beute war, bekümmerte sich der Maipeter ferner nicht um sie und sah zu, wie er den Pfarrer fangen möchte, und eh' ich mich's versah, saß er auch schon mit einem beträchtlichen Stück Leinwand vor ihm, um ihn abzumalen und gleichsam dem Teufel in den Pinsel zu führen. Als ich das sah, stellte ich mich vor den bedrohten Mann hin und sagte nachdrücklich: »Herr Pfarrer, gefällt Euch das gute Bild nicht mehr, das ich von Euch entworfen habe in Talar und Krause, nach dem Vorbilde Eurer ehrlichen, in Gott verstorbenen Vorfahren?« »Freilich gefällt es mir,« entgegnete der Pfarrer unverlegen, »doch plagt mich die Neugier, ob mich dieser Fremdling auch zu einem so schönen Bildnis machen kann wie die Katze und meine Tochter Ludovika.« Nun war ich auf eines begierig, nämlich wie der Maipeter es anstellen würde, seinen Pakt zu erfüllen und den Teufel seinen ausbedungenen Pinselstrich ausführen zu lassen; denn nach kurzer Frist konnte man den Pfarrer gut genug im Bilde erkennen, so daß er es füglich als fertig hätte dalassen können. Damit wäre ihm aber mit nichten gedient gewesen, und er wußte sich auch zu helfen und sagte, er werde das Einzelne zu Hause ausführen, wolle auch dem Pfarrer noch etwas in die Hand geben, etwa ein Glas voll Wein oder was er sonst wolle. Soweit war aber der Pfarrer noch nicht eingegarnt, wehrte ab und meinte, das sei für ihn nicht ziemlich, sich so als Schlemmer und Prasser vor jedermann sehen zu lassen. Darauf wurde unter tollen und törichten Witzen vieles geraten und verworfen, bis sie sich auf eine Weintraube einigten, denn er ziehe selber welche an seinem Hause, sagte der Pfarrer, und das sei ein ehrsames, christliches Geschäft, dessen sich auch Noah nicht geschämt habe. Die andern Männer, welche um die Leinwand herumstanden, wurden inzwischen auch von dem Höllenzauber angegriffen, meinten, es sei eine rechte Lustbarkeit, sich in solcher Art gemalt zu sehen, und es sei noch viel Platz auf dem Bilde, der Maipeter möge sie auch noch unterbringen, wenn er sie auch nur im Hintergrunde andeute, es sei ja auf den Heiligen- und Madonnenbildern oft ein ganzes Gewölk von Engeln und Engelsköpfen hinter der Hauptfigur. Diese Lästerung rief Beifall hervor anstatt Abscheu, und der Maipeter war eins, zwei, drei bereit und lachte übers ganze Gesicht, daß seine Zähne weiß und unnatürlich blitzten wie Katzenaugen bei Nacht. Wiewohl ich ein erprobtes und bestandenes Gewissen hatte, überlief mich doch ein Grausen, und um meine Seele zu retten, trat ich vor und sagte, er möge mich nicht mit auf das Bild bringen, denn ich habe nicht nötig, mich von andern malen zu lassen, vor allen Dingen aber möchte ich mich einem gewissen feurigen Pinsel nicht anvertrauen. Diese letzten Worte sprach ich mit einer starken Betonung, auch verstand der Maipeter sie wohl, denn er warf einen langen, erstaunten Blick auf mich und besann sich, wie ich seinem Laster und Greuel wohl auf die Spur gekommen sein könne. Dann lachte er mit erkünstelter Unschuld hell auf und sagte, er wolle mir ein Plätzchen offen lassen, damit ich jederzeit durch meinen eigenen Pinsel mich unter die Gesellschaft mischen könne, wenn mich gelüste.

Als man nach einigen Tagen das Unheilsgemälde wiedersah, da war es wie gewöhnlich: die Personen waren zwar unverkennbar dieselben geblieben, aber dabei mit höllischer Niedertracht verdreht und verteufelt, daß es doch zugleich andre waren, und wo einen vorher die Tugend angelächelt hatte, da brüstete sich jetzt das Laster, daß sich einem das Herz im Leibe umdrehte. Da prangte in der Mitte der Pfarrer wie ein Bacchus, weithinstrahlend, eine dickbeerige Traube in der Hand, und über seine Schulter sah der Medikus Spätzle und schwenkte ein volles Glas, über alle hinaus aber ragte der Kaufmann Seimlieb; dem hatte der Erzmaipeter eine Kette listig blinzelnder Goldstücke um den Hals gehängt, und in seinem Antlitz glich er völlig dem alten Heiden Crassus, der der reichste Mann der Welt und ein grausamer Sklavenhalter war. Anstatt daß nun die solchergestalt verschimpfierten Männer sich entrüsteten, wußten sie der Freude und des Vergnügens kein Ende und wiesen sich der eine dem andern, als ob es etwas Ruhm- und Ehrenvolles sei, diesen zechenden Larven zu gleichen. »Ihr macht ein Spitzbubengesicht,« sagte der Schulrektor Dampfmann zum Medikus Spätzle, »als sprächet Ihr zu Euren Kranken: trinket und schlemmet, das ist die beste Arznei,« worauf der erwiderte: »und Ihr mit Eurem gutmütigen Lachen scheint Euren Schulkindern zuzurufen: ihr wißt nichts, und ich weiß nichts, aber es schadet nichts, hier im Städtchen wird es so leicht keiner merken.«

»Aber das Beste ist die leere Stelle,« sagte der Apotheker Laulich, worauf sie alle nach der Stelle sahen, die der Maipeter für mich leer gelassen hatte, und ein gewaltiges lärmendes Gelächter anhuben. Denn der Satan hatte es listig so anzustellen gewußt, daß die leere Stelle einen schweren Tadelblick um sich warf, obschon sie durchaus nichts andres als eine leere Stelle war.

Von diesem Tage an warfen alle, die auf diesem Bilde abgeschildert waren, das Kleid der Sitte und Tugend von sich, das sie bisher in gottgefälliger Weise getragen hatten, und lebten, als wollten sie geradeswegs wie Kegelkugeln in die Hölle hineinschnurren, was sie auch taten. Der Pfarrer, den ich bisher als einen Mann Gottes kindlich verehrt hatte, schlug alle Warnungen in den Wind, stieg auf die Kanzel, als wenn sie ein Schwungbrett wäre, von dem man ins Schwimmbecken turnte, und ließ seine Predigten immer kürzer werden, damit man desto mehr schöne Lieder singen könnte, wie er sagte. Ein andermal meinte er nach Verlesung des Textes, die Gemeinde wisse nun wohl schon, was das bedeute, er wolle ihnen lieber die eine oder die andre Geschichte aus seinem Leben erzählen, und fing an tolle Schwänke und Streiche zum besten zu geben, als habe er sie selbst erlebt – es waren aber Historien aus dem albernen Volksbuche von Till Eulenspiegel – daß jedermann schütterte vor Lachen; aber hernach schlugen die Besseren die Hände über dem Kopfe zusammen und weissagten dem Pfarrer ein jämmerliches Ende. Um vieles ärger aber war, was man vom Schulrektor Dampfmann hören mußte, welcher den herkömmlichen Unterricht völlig einstellte, um die Schulkinder zu olympischen Spielen vorzubereiten, die denn auch bald öffentlich aufgeführt wurden unter Anführung des Schulrektors. Wie nun die Tollheit und der Schwindel in der Ausübung wuchsen, erklärte er, es müsse alles ausgeführt werden, was die Kinder aus Poesie und Geschichte gelernt hätten, dann werde es recht in Fleisch und Blut übergehen, aber weil sie selbst noch klein und dumm wären, müßten sie die Unterstützung und Aufmunterung der Großen haben, aus welchem Grunde er und seine Kumpane mitwirken wollten. Da mußten eines Tages die Schulkinder in der Umgegend Blindschleichen, Molche und Eidechsen suchen, so viel sie irgend auftreiben konnten, weil der Rektor den König Ragnar in der Schlangengrube spielen wollte. Dieses Ärgernis habe ich zwar nicht angesehen, doch ich hörte von andern, wie die Kinder eine Grube gruben und all das Gewürm hineinsetzten, und wie der Schulrektor in die Grube stieg, gänzlich unbekleidet bis auf eine Harfe, womit er die vorgeblichen Schlangen von sich abwehren sollte. Als der Trojanische Krieg aufgeführt wurde, wobei das Rathaus die Burg von Ilion vorzustellen hatte, machten sie noch einmal einen Versuch, mich auch ins Garn zu locken, und richteten das Ansinnen an mich, ich möge die Rolle der Kassandra übernehmen, sollte keinerlei Aufgabe haben, als auf dem Dache des Rathauses zu stehn und Wehe zu schreien, so laut und so kläglich ich vermöchte. Aber ich hütete mich weislich, so daß der Apotheker Laulich die Rolle übernehmen mußte. In diesem Spiele machte der Maipeter den Paris, häufiger aber und lieber spielte er den verlornen Sohn; denn das gottvergessene Gesindel tragierte auch die heiligen Geschichten, als gäbe es keine strafende Gerechtigkeit mehr weder in dieser noch in jener Welt. Den verlornen Sohn spielten sie in zwei Abteilungen; in der ersten machten die Kinder die Schweineherde und sprangen um den Maipeter herum, welcher sich als ein Tagedieb und Nichtsnutz im Grase wälzte, die Hauptsache war aber die zweite, wo der Kaufmann Seimlieb als der Vater ein Kalb schlachtete und ein großes Gelage anrichtete, an dem jedermann teilnehmen konnte, wobei aber der Maipeter als der verlorne Sohn jedesmal die saftigsten Bissen und die vollsten Gläser bekam. Daß der Maipeter längst der Ludovika Bräutigam geworden war, hatte ich wohl vorausgesehen, denn der Pfarrer war ganz in den Schlingen und Stricken des Bösen und sprang ebenso leichtfertig mit der Seele seines Kindes um wie mit seiner eigenen.

Wenn einer bis dahin noch gezweifelt hatte, daß hinter allen diesen Unternehmungen kein anderer als Beelzebub steckte, so konnte er darüber belehrt werden, als es an die Vorbereitungen zur Hochzeit ging. Ein letztes Mal mahnte und warnte ich den Pfarrer, da er das Fest auf den Allerseelentag ansetzte, wo ein jeder so recht ernsthaft und traurig einhergeht, aber er wies mich trotzig und verwegen zurück, so daß ich dachte, ich wolle seine Seele nun fahren lassen, wohin sie wolle und müsse. Schon einige Tage vorher wurde, was es an Astern und Dahlien landauf landab gab, zusammengeschleppt und zu langen dicken Kränzen gebunden, mit denen der Altar und die Pfeiler der Kirche eingehüllt wurden. Die Ludovika war dabei selbst die Haupträdelsführerin und trällerte unchristliche Lieder dazu, als: »Seit ich ein Friedel hab', Ist mir so wohl« oder »Wart' auf mich im grünen Wald, Wenn es dunkelt, komm' ich«. Ein schönes frommes Orgelspiel sollte bei dieser teuflischen Hochzeit nicht erschallen, sondern der Pfarrer bestellte die Stadtmusik, Trompeten, Trommeln und Pauken, eine liederliche und trunkliebende Bande, die nichts als Tänze und arge Possenlieder daherdudeln konnte.

An dem festgesetzten Tage blies der Sturm aus vollen Backen, daß die Luft ganz schwarz von abgerissenen dürren Blättern war, aber die Satanssöhne ließen sich das nicht anfechten. Ich hielt mich um die Mittagszeit bei einem Freunde auf, einem biedern Manne, dessen Haus der Kirche gegenüber lag; von da aus sahen wir den gottlosen Schwarm in die heilige Halle hineinsteuern. Voran trotzte die Musikbande, alle grün angetan mit Zweigen an den Hüten, und spielte einen Marsch, ein neu erfundenes Stücklein, wozu die wilde Soldateska im Lager zu singen pflegt: »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage«. Dicht hinter ihnen drein stolzierte der Pfarrer, einen Kranz von Weinlaub auf seinem gelichteten Schädel; die Blätter waren der Jahreszeit gemäß blutrot, und nicht viel blasser war sein schwellendes Gesicht, das er kecklich bald rechts, bald links drehte, um jedermann anzulachen. Dem heillosen Vater folgte das Brautpaar, die hatten beide den Kopf voll Rosen, hüpften daher, als sollten sie zum Tanz antreten, alles in allem sahen sie aus, als möchten sie lieber Juchhe schreien, als beten. Zuletzt kamen Arm in Arm die übrigen Gesellen: der Medikus Spätzle, der Schulrektor Dampfmann und alle die andern, die sich an dem Unwesen von Anfang an beteiligt hatten, gleicherweise bekränzt, der eine mit Dahlien, der andere mit bunten Beeren und buntem Laub, was man im Spätherbst findet. Als der Zug in der Kirche verschwunden war, hätte man meinen mögen, der Venusberg habe sich hinter einer Schar von Sündern und Weltlüstlingen geschlossen, um sie bis zum jüngsten Gerichtstag mit eitler Wollust abzuspeisen. Aber nach Verlauf einer halben Stunde kamen sie in derselben Art wieder aus der Kirche herausgelärmt und begaben sich unter dem Johlen und Pfeifen des Windes in das Tanzhaus, um dort ein gewaltiges Essen und Trinken vorzunehmen. Wie die Leute sagen, konnte man das Becherklingen und Jauchzen weithin vernehmen, indessen ist mir davon nichts zu Ohren gekommen, indem ich mit meinen Freunden im stillen Stübchen verweilte, wo wir mit sorglichen Gesprächen den Tag zubrachten. Die Nacht war kaum hereingebrochen, als wir durch ein Laufen und Lärmen in den Gassen aufgeschreckt wurden, und indem wir aus dem Fenster sahen, erblickten wir auch schon das Tanzhaus von oben bis unten in Flammen. Die Männer, welche herbeigeeilt waren und zusahen, waren unter sich uneinig, ob man dem Brande steuern dürfe oder nicht, da er wohl von Gott selber als ein warnendes und strafendes Zeichen angezündet sei. Hingegen riet ich, daß man löschen möge, was noch zu löschen sei, denn ich wußte wohl, daß da nicht unser Herrgott, sondern ein ganz anderer mit Prasseln und Knistern niedergefahren war, um seine reife Ernte einzuheimsen. Inzwischen zerbrannte das hölzerne Haus mit allem, was darin war, zu Asche, und von den Hochzeitleuten war keine Spur übriggeblieben; sonst hätte man sie wohl mit gedrehten Hälsen und verzerrten Mienen oder ganz zerfetzt und zerpflückt wiedersehen mögen. Mein Rat ist, daß man beförderlichst auch die höllischen Pinseleien, seien sie nun bestialischen oder menschlichen Gegenstandes, wo noch solche in unserer Stadt eingenistet sind, auf einen Haufen trage und gleichfalls verbrenne, damit keine Bezauberung oder Seelenverderbung ferner davon ausgehe.

 

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