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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierte Reise Sindbads des Seefahrers nach den Sundischen Inseln.

»Die Reize,« sagte er, »der Vergnügungen und Ergötzlichkeiten, denen ich mich nach meiner dritten Reise ergab, waren nicht mächtig genug, um mich von ferneren Reisen zurückzuhalten. Ich ließ mich aufs neue von der Leidenschaft, Handel zu treiben und neue Dinge zu sehen, hinreißen, brachte meine Geschäfte in Ordnung, und nachdem ich einen Vorrat von Waren beisammen hatte, der sich zum Absatz für die Orte eignete, welche ich zu besuchen beabsichtigte, reiste ich ab. Ich nahm den Weg nach Persien, durchstreifte mehrere Provinzen dieses Landes und gelangte in einen Seehafen, wo ich mich einschiffte. Wir gingen unter Segel und hatten bereits mehrere Häfen des festen Landes und östlicher Inseln berührt, als wir eines Tages bei einer bedeutenden Überfahrt von einem Windstoß überrascht wurden, welcher den Schiffshauptmann zwang, die Segel zu streichen und alle nötigen Befehle zur Vermeidung der uns drohenden Gefahr zu geben. Aber alle unsere Vorsichtsmaßregeln waren unnütz, die Schiffswendung mißlang, die Segel zerrissen in tausend Fetzen, und das Schiff, welches nicht mehr zu regieren war, geriet auf eine Reihe verborgener Felsen und scheiterte dermaßen, daß eine große Anzahl von Kaufleuten und Matrosen ertrank und die Ladung unterging ...

 

Dreiundachtzigste Nacht.

Ich war gleich mehreren andern Kaufleuten und Matrosen so glücklich, ein Brett zu ergreifen. Wir alle wurden durch einen Meerstrom auf eine vor uns liegende Insel getrieben. Dort fanden wir Früchte und Quellwasser, wodurch unsere Kräfte wieder hergestellt wurden. Wir hielten selbst unsere Nachtruhe an der Stelle, an welche uns das Meer geworfen hatte, ohne über das, was wir ferner tun sollten, einen Entschluß zu fassen. Daran verhinderte uns die Niedergeschlagenheit, in welche unser Unglück uns versetzt hatte.

Sobald am folgenden Tage die Sonne aufgegangen war, entfernten wir uns vom Ufer und erblickten, landeinwärts gehend, Wohnungen, zu welchen wir uns hinbegaben. Bei unserer Ankunft kam eine große Menge Schwarzer auf uns zu; sie umgaben uns, bemächtigten sich unsrer Personen, teilten sich gewissermaßen in uns und führten uns sodann in ihre Häuser.

Ich wurde nebst fünf meiner Gefährten an denselben Ort gebracht. Man nötigte uns alsbald zum Sitzen, setzte uns ein gewisses Kraut vor und forderte uns durch Zeichen auf, davon zu essen. Meine Gefährten bedachten nicht, daß diejenigen, welche uns das Kraut vorsetzten, nicht davon aßen; sie zogen nur ihren heftigen Hunger zu Rate und warfen sich mit Begierde über diese Speise her. Ich, der ich eine Hinterlist ahnte, wollte nicht einmal davon kosten und befand mich wohl dabei; denn bald nachher wurde ich gewahr, daß meine Gefährten den Verstand verloren und nicht wußten, was sie sprachen.

Man trug mir hierauf mit Kokosöl zubereiteten Reis auf, und meine Gefährten, die nun völlig verrückt waren, aßen davon übermenschlich. Auch ich aß davon, aber sehr wenig. Die Schwarzen hatten uns das Kraut vorgesetzt, um uns den Verstand zu verwirren und uns dadurch den Kummer zu benehmen, den uns das traurige Bewußtsein unsrer Lage verursachen mußte, und sie gaben uns den Reis, um uns zu mästen. Da sie Menschenfresser waren, so war es ihre Absicht, uns, wenn wir fett sein würden, zu verzehren. Das widerfuhr meinen Gefährten, die ihr Schicksal nicht ahnten, weil sie ihren gesunden Verstand verloren hatten. Da ich des meinigen noch mächtig war, so könnt ihr euch wohl denken, ihr Herren, daß ich, statt gleich den andern fett zu werden, noch magerer wurde, als ich schon war. Die Todesfurcht, die mich nicht verließ, verwandelte alle Nahrungsmittel, die ich zu mir nahm, in Gift. Ich verfiel in eine Entkräftung, die mir sehr heilsam war; denn nachdem die Schwarzen meine Gefährten getötet und verzehrt hatten, so ließen sie es dabei bewenden, und da sie sahen, wie vertrocknet, abgemagert und krank ich war, so verschoben sie meinen Tod auf eine andere Zeit.

Ich hatte jedoch viel Freiheit, und man gab auf mein Tun und Lassen fast gar nicht mehr acht. Das gab mir Gelegenheit, mich eines Tages von den Wohnungen der Schwarzen zu entfernen und mich zu retten. Ein Greis, der mich sah, und der mein Vorhaben merkte, rief mir aus Leibeskräften zu, ich möchte zurückkommen; aber statt ihm zu gehorchen, verdoppelte ich meine Schritte und war ihm bald aus dem Gesicht. Es war niemand in den Wohnungen als dieser Greis, alle andern Schwarzen waren abwesend und sollten gegen Abend wieder heimkehren, was ziemlich oft der Fall war; da ich also nun sicher war, daß sie nicht mehr Zeit haben würden, mir nachzulaufen, wenn sie meine Flucht erführen, so ging ich, bis es Nacht wurde. Erst dann hielt ich mit Gehen inne, um einige mitgenommene Lebensmittel zu genießen. Aber ich machte mich bald wieder auf den Weg und ging, die bewohnten Orte vermeidend, sieben Tage in einem fort. Ich lebte von Kokosnüssen, die mir zugleich Speise und Trank gewährten.

Am achten Tage gelangte ich in die Nähe des Meeres und sah nun auf einmal Menschen, weiß wie ich, die damit beschäftigt waren, Pfeffer einzusammeln, den es dort in großer Menge gab. Ihre Beschäftigung war mir von guter Vorbedeutung, und ich stand nicht an, mich ihnen zu nähern.

 

Vierundachtzigste Nacht.

Die Leute, welche den Pfeffer einsammelten, kamen mir entgegen. Sobald sie mich sahen, fragten sie mich auf arabisch, wer ich wäre, und woher ich käme. Höchlich erfreut, sie meine Sprache reden zu hören, befriedigte ich ihre Neugier, indem ich ihnen erzählte, auf welche Art ich Schiffbruch gelitten hätte, auf die Insel gekommen und in die Hände der Schwarzen gefallen wäre.

»Aber diese Schwarzen,« sagten sie zu mir, »sind Menschenfresser; durch welches Wunder seid Ihr ihrer Grausamkeit entgangen?« Ich erzählte ihnen, was ich euch soeben erzählt habe, und sie waren nicht wenig darüber verwundert.

Ich blieb bei ihnen, bis sie die gewünschte Menge Pfeffer zusammengebracht hatten, worauf ich mich mit ihnen auf ihrem Fahrzeuge einschiffte und wir nach der Insel segelten, von woher sie gekommen waren. Sie stellten mich ihrem Könige vor, der ein guter Fürst war. Er hatte die Geduld, die Erzählung meines Abenteuers anzuhören, und sie überraschte ihn. Er ließ mir hierauf Kleider geben und befahl, man sollte für mich sorgen.

Die Insel, auf welcher ich mich befand, war sehr bevölkert, hatte Überfluß an allen Arten von Dingen, und in der Stadt, welche der König bewohnte, wurde großer Handel getrieben. Dieser angenehme Zufluchtsort fing an, mich über mein Unglück zu trösten, und die Güte des großmütigen Fürsten für mich machte meine Zufriedenheit vollkommen. Es stand in der Tat niemand besser bei ihm, und es gab folglich niemanden am Hofe und in der Stadt, der nicht Gelegenheit gesucht hätte, mir Vergnügen zu machen. So wurde ich also bald mehr wie ein Eingeborner der Insel als wie ein Fremder angesehen.

Ich bemerkte etwas mir sehr Auffallendes: alle Leute, der König selbst, ritten ohne Zaum und ohne Steigbügel. Ich nahm mir die Freiheit, ihn eines Tages zu befragen, warum Seine Majestät sich dieser Dinge nicht bediene. Er antwortete mir, daß ich von Dingen spräche, die man in seinen Staaten nicht kenne.

Ich ging sogleich zu einem Handwerker, ließ bei ihm das hölzerne Gestell eines Sattels nach einem von mir gemachten Modell verfertigen, überzog es dann selbst mit Leder, stopfte es mit Haaren aus und zierte es mit einer goldnen Stickerei. Sodann wandte ich mich an einen Schlosser, der mir nach einer vorgezeichneten Form ein Gebiß und auch Steigbügel verfertigte.

Als diese Sachen in gehörigem Zustande waren, brachte ich sie zum Könige und versuchte sie auf einem seiner Pferde. Der Fürst bestieg das Tier und war so zufrieden mit dieser Erfindung, daß er mir seine Freude durch große Geschenke bezeigte. Ich konnte mich nicht erwehren, mehrere Sättel für seine Minister und seine vornehmsten Hausbeamten zu machen, die mich alle so beschenkten, daß ich in kurzer Zeit reich wurde. Ich verfertigte dergleichen auch für die angesehensten Personen der Stadt, was mich in großen Ruf brachte und mir allgemeine Achtung erwarb.

Der König, dem ich sehr pünktlich meinen Hof machte, sagte eines Tages zu mir: »Sindbad, ich liebe dich und weiß, daß alle meine Untertanen, die dich kennen, dich nach meinem Beispiel lieben. Ich habe eine Bitte an dich, die du mir gewähren mußt.« – »Herr,« erwiderte ich, »es gibt nichts, was ich nicht bereit wäre zu tun, um Euer Majestät meinen Gehorsam zu bezeigen; Ihr habt ganz und gar über mich zu gebieten.« – »Ich will dich verheiraten,« sagte der König, »damit diese Heirat dich in meinen Staaten festhalte und du nicht mehr an dein Vaterland denkst.« Da ich dem Willen des Fürsten nicht zu widerstreben wagte, so gab er mir zur Frau eine edle, schöne, kluge und reiche Dame seines Hofes. Nach den Hochzeitsfeierlichkeiten zog ich zu der Dame, mit welcher ich eine Zeitlang in einer vollkommenen Einigkeit lebte. Desungeachtet war ich mit meinem Zustande unzufrieden, und es war meine Absicht, mich bei der ersten Gelegenheit davonzumachen und nach Bagdad heimzukehren, dessen Andenken meine Lage, so vorteilhaft sie auch war, nicht in mir vertilgen konnte.

Solche Gesinnungen hegte ich, als die Frau eines meiner Nachbarn, mit welchem ich einen sehr engen Freundschaftsbund geschlossen hatte, erkrankte und starb. Ich ging zu ihm, um ihn zu trösten, und fand ihn in die tiefste Betrübnis versunken. »Gott erhalte Euch,« so redete ich ihn an, »und schenke Euch ein langes Leben.« – »Ach!« entgegnete er, »wie wollt Ihr denn, daß mir die Gnade, die Ihr mir wünscht, zuteil wird? Ich habe nur noch eine Stunde zu leben.« – »O,« erwiderte ich, »setzt Euch doch keinen so traurigen Gedanken in den Kopf, ich hoffe, das wird nicht stattfinden, und ich werde noch lange Zeit das Vergnügen haben, Euch zu besitzen.« – »Ich wünsche, daß Euer Leben von langer Dauer sei,« versetzte er, »was mich betrifft, so ist's aus mit mir, und ich benachrichtige Euch, daß man mich heute mit meiner Frau begräbt. So will es der von unseren Voreltern auf dieser Insel eingeführte und unverletzlich beibehaltene Gebrauch; der lebende Mann wird mit der toten Frau, die lebende Frau mit dem toten Mann begraben. Nichts kann mich retten; alle Verheirateten sind diesem Gesetz unterworfen.«

In diesem Augenblick, in welchem er mich von dieser seltsamen Barbarei unterrichtete, deren Bericht mich grausam erschreckte, kamen Verwandte, Freunde und Nachbarn insgesamt, um dem Leichenbegängnis beizuwohnen. Man bekleidete die Frau mit ihren reichsten Kleidern wie an ihrem Hochzeitstage und schmückte sie mit allem ihren Geschmeide.

Hierauf hob man sie auf eine offene Bahre, und der Leichenzug begann. Der Mann folgte an der Spitze der Leidtragenden der Leiche seiner Frau. Man nahm den Weg auf einen hohen Berg, und als man daselbst angelangt war, erhob man einen großen Stein, der die Öffnung eines tiefen Brunnens bedeckte, und man ließ die Leiche herab, ohne ihr etwas von ihren Kleidungsstücken oder von ihrem Geschmeide zu nehmen. Hierauf umarmte der Mann seine Verwandten und Freunde und ließ sich ohne Widerstand auf eine Bahre setzen, worauf man einen Krug mit Wasser neben ihn stellte, sieben kleine Brote dazulegte und ihn sodann auf die nämliche Art wie seine Frau herabließ. Der sich weit ausdehnende Berg grenzte ans Meer, und der Brunnen war sehr tief. Nach beendigter Feierlichkeit hob man den Stein wieder auf die Öffnung.

Es ist wohl unnötig, euch zu sagen, daß ich ein sehr trauriger Zeuge dieser Leichenfeier war. Alle andern dabei gegenwärtigen Personen schienen dagegen kaum davon gerührt zu werden, weil sie gewohnt waren, dergleichen oft zu sehen. Ich konnte mich nicht enthalten, dem König meine Gedanken darüber zu sagen. »Herr,« sagte ich zu ihm, »ich kann mich nicht genugsam über den seltsamen in Euren Staaten herrschenden Gebrauch verwundern, die Lebendigen mit den Toten zu begraben! Ich bin weit umhergereist, ich habe Menschen aus einer Unzahl von Völkern kennen gelernt und niemals von einem solchen Gesetz reden hören.« – »Was willst du, Sindbad,« antwortete mir der König, »es ist ein gemeinsames Gesetz, dem ich selbst unterworfen bin, und wenn die Königin, meine Gemahlin, früher stirbt als ich: so werd' ich lebendig mit ihr begraben.« – »Aber, Herr,« entgegnete ich, »dürft' ich Euer Majestät fragen, ob auch die Fremden verpflichtet sind, diesen Gebrauch zu beobachten?« – »Ohne Zweifel,« versetzte der König, indem er über den Beweggrund meiner Frage lachte; »sie sind nicht ausgenommen, sobald sie auf dieser Insel verheiratet sind.«

Ich ging mit dieser Antwort betrübt nach Hause. Die Furcht, daß meine Frau eher als ich sterben und man mich mit ihr lebendig begraben möchte, ließ mich sehr niederschlagende Betrachtungen anstellen. Wie aber diesem Übel abzuhelfen? Ich mußte mich in Geduld fassen und in den Willen Gottes ergeben. Desungeachtet zitterte ich bei der geringsten Unpäßlichkeit meiner Frau; aber ach! ich hatte bald den ganzen Schrecken! Sie wurde wirklich krank und starb in wenigen Tagen ...

 

Fünfundachtzigste Nacht.

Stellt euch meinen Schmerz vor! Lebendig begraben zu werden schien mir kein minder beklagenswertes Los, als den Menschenfressern zur Speise zu dienen, und doch mußt' ich dran. Der König wollte mit seinem ganzen Hofe den Leichenzug mit seiner Gegenwart beehren, und auch die angesehensten Personen der Stadt erzeigten mir die Ehre, meinem Begräbnis beizuwohnen.

Als alles zu der Feierlichkeit bereit war, legte man den Leichnam meiner Frau auf eine Bahre, angetan mit allem ihren Geschmeide und ihren prächtigsten Kleidern. Der Zug begann. Als zweiter Schauspieler dieses kläglichen Trauerspiels folgte ich unmittelbar hinter der Bahre meiner Frau, die Augen in Tränen gebadet und mein unglückliches Geschick beklagend. Eh wir an den Berg kamen, wollte ich einen Versuch auf den Geist der Zuschauer machen. Ich wandte mich zuerst an den König, hierauf an die, welche in meiner Nähe waren, und mich vor ihnen bis auf die Erde bückend, um den Saum ihres Kleides zu küssen, bat ich sie, Mitleid mit mir zu haben. »Bedenkt,« sagte ich, »daß ich ein Fremder bin, der keinem so strengen Gesetz unterworfen sein sollte, und daß ich eine andre Frau und Kinder in meinem Vaterlande habe.« Doch auf wie rührende Weise ich auch diese Worte sagte, niemand wurde dadurch bewegt; man beeilte sich im Gegenteil, die Leiche meiner Frau in den Brunnen herabzulassen, und man ließ mich gleich nachher in einer andern offnen Bahre mit einem mit Wasser angefüllten Gefäß und sieben Broten herab. Als nun endlich diese für mich so traurige Feierlichkeit vorbei war, legte man ohne Rücksicht auf das Übermaß meines Schmerzes und auf mein klägliches Geschrei den Stein wieder auf die Öffnung des Brunnens.

Mich dem Grunde nähernd, erkannte ich mit Hilfe eines von oben einfallenden geringen Lichtes die Anlage und Beschaffenheit dieses Orts. Es war eine sehr weite Höhle, die wohl fünfzig Ellen tief sein mochte. Ein unausstehlicher Gestank verbreitete sich von einer zahllosen Menge von Leichen, die ich rechts und links erblickte; es kam mir sogar vor, als hörte ich von einigen der zuletzt lebendig herabgelassenen die letzten Seufzer. Desungeachtet stieg ich, sobald ich unten war, sogleich von der Bahre und entfernte mich von den Leichen, indem ich mir die Nase zuhielt. Ich warf mich auf die Erde und blieb lange, in Tränen ertränkt, liegen, hierauf, mein trauriges Schicksal bedenkend, sagte ich zu mir: »Es ist wahr, daß Gott über uns nach den Ratschlüssen seiner Vorsehung schaltet; aber, armer Sindbad, ist es nicht deine Schuld, daß du dich dahin gebracht siehst, eines so seltsamen Todes zu sterben? Wollte Gott, du wärst in einem der Schiffbrüche umgekommen, denen du entgangen bist, du brauchtest dann nicht eines so langsamen und schrecklichen Todes zu sterben; aber du hast ihn durch deinen verdammten Geiz verdient! Unglücklicher! Solltest du nicht lieber daheimbleiben und die Früchte deiner Anstrengungen in Ruhe genießen?«

Dies waren die unnützen Klagen, von welchen ich die Höhle widerhallen ließ, indem ich mich aus Wut und Verzweiflung vor den Kopf und die Brust schlug und mich ganz und gar den traurigen Gedanken überließ. Desungeachtet – muß ich's euch gestehen? – statt mir den Tod zu Hilfe zu rufen, regte sich doch, so elend ich auch war, die Liebe zum Leben in mir und trieb mich an, meine Tage zu verlängern. Tappend und mir die Nase zuhaltend, holte ich das Brot und Wasser aus meiner Bahre und aß und trank davon.

Obgleich die in der Grotte herrschende Dunkelheit so groß war, daß man Tag und Nacht nicht unterscheiden konnte, so fand ich doch meine Bahre wieder, und es schien mir, als ob die Höhle geräumiger und mit Leichen angefüllter wäre, als ich anfangs geglaubt hatte. Ich lebte einige Tage von meinem Brot und Wasser; da ich aber endlich nichts mehr hatte, so bereitete ich mich zum Tode.

 

Sechsundachtzigste Nacht.

Ich erwartete nur den Tod, als ich den Stein aufheben hörte. Man ließ eine Leiche und eine lebendige Person herab. Der Tote war ein Mann. Es ist natürlich, in äußersten Fällen äußerste Entschlüsse zu fassen. Während man die Frau herabließ, nahte ich mich dem Ort, an welchen ihre Bahre zu stehen kommen sollte, und als ich sah, daß man die Öffnung des Brunnens wieder bedeckte, gab ich der Unglücklichen mit einem großen Knochen, dessen ich mich bemächtigt hatte, zwei oder drei starke Schläge auf den Kopf. Sie wurde davon betäubt; aber ich schlug sie viel mehr, und da ich diese unmenschliche Handlung nur beging, um das auf der Bahre befindliche Brot und Wasser zu benutzen, so hatte ich Vorrat auf einige Tage. Nach Verlauf dieser Zeit ließ man wieder eine tote Frau und einen lebenden Mann herab, den ich auf ebendieselbe Weise tötete, und so fehlte es mir durch die wiederholte Anwendung desselben Mittels niemals an Lebensmitteln.

Eines Tages, als ich eben wieder eine Frau in jene Welt geschickt hatte, hörte ich schnaufen und gehen. Ich ging auf die Seite zu, von welcher es herkam, hörte bei meiner Annäherung stärker schnaufen, und es schien mir, als sähe ich etwas, was die Flucht ergriff. Ich folgte dieser Art von Schatten, die auf Augenblicke stillstand und im Fliehen immer umso stärker schnaufte, je näher ich ihr kam. Ich verfolgte sie so lange und so weit, daß ich endlich ein Licht, gleich einem Stern, erblickte. Ich fuhr fort, auf das Licht zuzugehen, verlor es zuweilen durch Hindernisse, die es verbargen, fand es aber immer wieder und entdeckte endlich, daß es durch eine Öffnung des Felsens kam, die groß genug war, um durchzukommen.

Nach dieser Entdeckung blieb ich eine Weile stehen, um mich von meinem heftigen Gange zu erholen, und als ich hierauf bis zu der Öffnung gekommen war, ging ich durch und befand mich nun am Meeresufer. Stellt euch das Übermaß meiner Freude vor; es war so groß, daß ich Mühe hatte, mich zu überzeugen, was ich sähe, sei kein Traum. Als ich mich von der Wirklichkeit der Sache überzeugt hatte und meine Sinne wieder in ihrem natürlichen Zustand waren, begriff ich wohl, daß das Ding, welches ich hatte schnaufen hören, und welchem ich gefolgt war, ein aus dem Meer gekommenes Tier wäre, welches in die Höhle zu kommen pflegte, um sich daselbst von den Leichen zu nähren.

Ich untersuchte den Berg und fand, daß er zwischen der Stadt und dem Meere lag, doch ohne Verbindung durch einen Weg, weil er so steil war, daß ihn die Natur unbesteiglich gemacht hatte. Ich warf mich am Ufer nieder, um Gott für die mir eben erwiesene Gnade zu danken, hierauf kehrte ich in die Höhle zurück, um mir Brot zu holen, welches ich bei größerem Appetit aß, als ich's je seit meiner Einsperrung in diesen finsteren Ort gegessen hatte.

Ich ging nochmals in die Höhle und sammelte tappend alle Diamanten, Rubinen, Perlen, goldenen Armbänder, kurz alle reichen Stoffe, die ich unter meinen Händen fand, zusammen und trug das alles ans Meeresufer. Ich machte mehrere Ballen daraus, die ich säuberlich mit Stricken umband, welche zum herablassen der Bahren gedient hatten und sich in großer Menge vorfanden. Ich ließ die Ballen in Erwartung einer guten Gelegenheit am Ufer, ohne zu befürchten, daß der Regen sie verderben könnte; denn es war eben nicht Regenzeit.

Nach Verlauf von zwei oder drei Tagen erblickte ich ein Schiff, welches eben aus dem Hafen kam und bei dem Ort, an dem ich mich befand, vorbeisegelte. Ich winkte mit der Leinwand meines Turbans und schrie aus Leibeskräften, um mich hörbar zu machen. Man hörte mich und schickte das Boot ab, um mich zu holen. Auf die Frage der Matrosen, durch welchen Unfall ich mich an diesem Orte befände, erwiderte ich, daß ich mich vor zwei Tagen mit den Waren, welche sie sähen, aus einem Schiffbruch gerettet hätte. Zum Glück für mich begnügten sich diese Leute, ohne den Ort, wo ich mich befand, zu untersuchen, mit meiner Antwort und nahmen mich nebst meinen Ballen mit sich.

Als wir an Bord gekommen waren, hatte der Schiffshauptmann, der über die mir verursachte Freude vergnügt und mit dem Befehl des Schiffes beschäftigt war, ebenfalls die Güte, sich mit meinem vorgegebenen Schiffbruch abspeisen zu lassen. Ich bot ihm einige meiner Edelsteine an; er wollte sie aber nicht annehmen.

Wir schifften bei mehreren Inseln vorbei, unter andern bei der Insel Nacous (Schelleninsel), welche bei regelmäßigem Winde zehn Tagereisen von der Insel Serendib und sechs von der Insel Kela entfernt ist, an welcher letzteren wir landeten. Man findet daselbst Bleigruben, indianische Rohre und trefflichen Kampfer.

Der König der Insel Kela ist sehr reich, sehr mächtig, und seine Gewalt erstreckt sich über die ganze Schelleninsel, welche zwei Tagereisen im Umfang hat, und deren Einwohner noch so barbarisch sind, daß sie Menschenfleisch fressen. Nachdem wir auf dieser Insel große Handelsgeschäfte gemacht hatten, gingen wir wieder unter Segel und landeten an mehreren andern Häfen. Endlich langte ich mit unermeßlichen Reichtümern, deren nähere Schilderung unnütz wäre, glücklich in Bagdad an. Um Gott für die mir erwiesenen Gnaden zu danken, verteilte ich große Almosen sowohl zum Unterhalt mehrerer Moscheen als auch vieler Armen und widmete mich ganz und gar meinen Verwandten und Freunden, indem ich mit ihnen gut tafelte und mich ergötzte.«

Sindbad beendigte hier die Erzählung seiner vierten Reise, welche bei seinen Zuhörern noch mehr Bewunderung erregte als die drei vorhergegangenen. Er machte dem Hindbad ein neues Geschenk von hundert Zechinen und lud ihn gleich den andern ein, am folgenden Tage zu derselben Stunde wieder zum Mittagsmahl zu ihm zu kommen, um den Bericht von seiner fünften Reise zu hören. Hindbad und die andern Gäste beurlaubten sich und gingen nach Hause.

Als sie am andern Tage alle beisammen waren, setzten sie sich zu Tische, und am Ende des Mahles, welches nicht länger als die früheren dauerte, fing Sindbad auf folgende Weise die Erzählung seiner fünften Reise an:

 

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