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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid49bdcce2
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Erste Reise Sindbads des Seefahrers nach Sumatra.

»Ich hatte von meiner Familie ein beträchtliches Vermögen ererbt, dessen größten Teil ich in den Ausschweifungen meiner Jugend verschwendete; aber in mich selbst zurückkehrend, kam ich von meiner Verblendung zurück und erkannte, daß die Reichtümer vergänglich wären und ihr Ende bald abzusehen sei, wenn man sie so schlecht als ich zu Rate hielte. Ich bedachte überdem, daß ich in einem regellosen Leben unglücklicherweise die Zeit verschwendete, die doch das köstlichste Ding auf der Welt ist. Auch erwog ich noch, daß Armut im Alter das bedauernswerteste Elend sei. Ich erinnerte mich jener Worte des großen Salomo, die ich einst von meinem Vater hatte anführen hören: »Es ist minder traurig, begraben, als arm zu sein.«

Durch alle diese Betrachtungen veranlaßt, raffte ich die Trümmer meines Erbes zusammen. Ich versteigerte auf offenem Markt, was ich an beweglichem Eigentum besaß. Sodann verband ich mich mit einigen Kaufleuten, die über Meer handelten. Ich beriet mich mit denen, die mir geeignet schienen, mir guten Rat zu erteilen. Endlich beschloß ich, das wenige mir übriggebliebene Geld zu benutzen, und sobald ich diesen Entschluß gefaßt hatte, zögerte ich nicht, ihn auszuführen. Ich begab mich nach Balsora, woselbst ich mich mit mehreren Kaufleuten auf einem Fahrzeug einschiffte, welches wir auf gemeinschaftliche Kosten ausgerüstet hatten.

Wir gingen unter Segel und nahmen unsern Weg nach Ostindien durch den Persischen Meerbusen, welcher rechts durch die arabischen und links durch die persischen Küsten gebildet wird, und dessen größte Breite nach der gewöhnlichen Meinung siebenzig Meilen beträgt. Außerhalb dieses Meerbusens ist das Ostmeer, welches auch das indische heißt, sehr ausgedehnt; es ist von der einen Seite durch die Küsten Abessiniens begrenzt und bis zu den Inseln Vakvak 4500 Meilen lang. Ich wurde anfangs von der sogenannten Seekrankheit befallen: aber meine Gesundheit stellte sich bald wieder her, und seit der Zeit bin ich immer von dieser Krankheit verschont geblieben.

Im Verlauf unsrer Seereise landeten wir an mehreren Inseln, woselbst wir unsere Waren verkauften oder vertauschten. Als wir eines Tages unter Segel waren, überfiel uns eine Windstille ganz in der Nähe einer kleinen, mit dem Wasser fast horizontalen Insel, die wegen ihrer Grüne einer Wiese glich. Der Schiffshauptmann ließ die Segel einziehen und erlaubte denjenigen Personen der Mannschaft, welche Lust dazu hatten, an das Land zu steigen. Ich gehörte zu diesen. Aber während wir uns mit Essen und Trinken vergnügten und uns von den Beschwerlichkeiten des Meeres ausruhten, erzitterte plötzlich die Insel und gab uns einen heftigen Stoß.«

Bei diesen Worten hielt Scheherasade inne, weil der Tag anbrach; doch nahm sie in der folgenden Nacht ihre Erzählung wieder auf.

 

Fünfundsiebenzigste Nacht.

»Herr,« sagte sie, »Sindbad fuhr folgendermaßen in seiner Erzählung fort: »Man bemerkte die Erschütterung der Insel auf dem Schiff, von welchem man uns zurief, daß wir uns schnell wieder einschiffen möchten, daß wir sonst alle umkommen würden, weil das, was wir für eine Insel gehalten hatten, der Rücken eines Walfisches sei. Die Gewandtesten retteten sich in das Boot, andere warfen sich ins Meer, um zu schwimmen. Was mich betraf, so war ich noch auf der Insel oder vielmehr auf dem Walfisch, als dieser sich in das Meer tauchte, und mir blieb nur so viel Zeit, als ich bedurfte, um mich an ein Stück Holz zu halten, welches, um Feuer zu machen, aus dem Schiff mitgenommen worden war. Dazwischen wollte der Schiffshauptmann, nachdem er die Leute im Boot an Bord genommen und einige der Schwimmenden aufgefischt hatte, einen frischen Wind benutzen, der sich eben erhob, ließ die Segel aufziehen und benahm mir dadurch die Hoffnung, das Schiff zu erreichen.

Ich blieb also den Wellen preisgegeben, und hin- und hergeworfen kämpft' ich mit ihnen den ganzen übrigen Tag und die folgende Nacht. Am andern Morgen hatte ich keine Kräfte mehr, und ich verzweifelte daran, dem Tode zu entgehen, als eine Woge mich glücklicherweise an eine Insel warf. Das Ufer war hoch und steil, und ich würde viele Mühe gehabt haben, es zu erklimmen, hätten mir nicht einige Baumwurzeln geholfen, welche das Schicksal zu meinem Heil dort aufbewahrt hatte. Ich streckte mich auf die Erde, wo ich halbtot liegen blieb, bis es heller Tag wurde und die Sonne aufging.

Obgleich ich nun durch die Meeresarbeit sehr geschwächt war, weil ich seit dem vorigen Tage keine Nahrung zu mir genommen hatte, so schleppte ich mich doch fort, um einige eßbare Kräuter zu suchen. Ich fand welche und war so glücklich, auch eine Quelle trefflichen Wassers zu finden, die zu meiner Erfrischung nicht wenig beitrug. Als ich nun wieder zu Kräften gekommen war, ging ich weiter landeinwärts, ohne jedoch einen bestimmten Weg zu verfolgen.

Ich kam auf eine schöne Ebene, auf welcher ich ein weidendes Pferd erblickte. Zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, wendete ich meine Schritte nach dieser Seite; denn ich wußte nicht, ob ich nicht viel eher meinem Verderben als einer Gelegenheit, mein Leben zu sichern, entgegenging. Als ich näherkam, sah ich, daß das Pferd eine an einen Pfahl gebundene Stute war. Ihre Schönheit zog meine Aufmerksamkeit auf sich; aber während ich sie betrachtete, hörte ich die Stimme eines unter der Erde sprechenden Mannes. Einen Augenblick nachher kam dieser Mann zum Vorschein und auf mich zu und fragte mich, wer ich wäre. Ich erzählte ihm mein Abenteuer, worauf er mich bei der Hand nahm und mich in eine Höhle führte, in welcher sich mehrere Personen befanden, die nicht weniger erstaunt waren, mich zu sehen, als ich es war, sie dort zu finden.

Ich aß von einigen Speisen, die sie mir vorsetzten, und als ich sie hierauf gefragt hatte, was sie an einem Orte machten, der mir so wüst vorkam, erwiderten sie, daß sie Stalleute des Königs Maharadjah, des Beherrschers dieser Insel, wären, daß sie jedes Jahr zu jener Jahreszeit des Königs Stuten dorthin zu führen pflegten, um sie von einem aus dem Meere kommenden Seepferde bespringen zu lassen; daß das Seepferd, nachdem es die Stuten besprungen hätte, sich anschickte, sie zu verschlingen, daß sie es aber durch ihr Geschrei verhinderten und ins Meer zurückzukehren nötigten; daß, wenn die Stuten trächtig wären, sie dieselben zurückführten; daß die dann von ihnen geworfenen Pferde für den König bestimmt wären und Seepferde genannt würden. Sie fügten hinzu, daß der folgende Tag zu ihrer Abreise bestimmt wäre, und daß ich, einen Tag später angekommen, unfehlbar hätte umkommen müssen, weil ich zu den sehr entfernten Wohnungen ohne Führer nicht hätte gelangen können.

Während sie mich so unterhielten, stieg das Seepferd aus dem Meere, wie sie es mir erzählt hatten, warf sich auf die Stute, belegte sie und wollte sie nachher verschlingen; aber bei dem großen Lärm, den die Stalleute machten, ließ es seine Beute fahren und tauchte sich wieder ins Meer.

Am andern Tage machten sie sich mit den Stuten auf den Weg zur Hauptstadt, und ich begleitete sie. Bei unsrer Ankunft fragte mich der König Maharadjah, dem ich vorgestellt wurde, wer ich wäre, und welches Abenteuer mich in seine Staaten gebracht hätte. Als ich seine Neugier vollständig befriedigt hatte, versicherte er mich, daß er sehr viel Teil an meinem Unglück nähme; zugleich befahl er, daß man Sorge für mich tragen und mich mit allem Nötigen versehen sollte. Seine Befehle wurden auf solche Weise befolgt, daß ich alle Ursache hatte, mit seiner Großmut und der Pünktlichkeit seiner Beamten zufrieden zu sein.

Da ich Kaufmann war, so besuchte ich meine Standesgenossen. Vorzüglich suchte ich die Fremden auf, um von ihnen Nachrichten aus Bagdad zu erhalten und einen zu finden, mit dem ich dorthin zurückreisen könnte. Die Hauptstadt des Königs Maharadjah liegt am Meeresufer und hat einen schönen Hafen, in welchem täglich Schiffe aus verschiedenen Weltgegenden landen. Ich suchte auch die Gesellschaft der indischen Weisen und erfreute mich daran, sie reden zu hören; doch verhinderte mich das nicht, dem Könige regelmäßig meine Aufwartung zu machen, noch mich mit den Befehlshabern und den kleinen ihm tributpflichtigen Königen zu unterhalten, die um seine Person waren. Sie legten mir tausend Fragen über mein Vaterland vor, und da ich mich meinerseits von den Sitten und Gesetzen ihrer Staaten unterrichten wollte, so befragte ich sie um alles, was mir meiner Neugier wert schien.

Es befindet sich unter der Herrschaft des Königs Maharadjah eine Insel namens Kassel. Man hatte mich versichert, daß man daselbst allnächtlich einen Paukenton höre, was bei den Matrosen die Meinung veranlaßt hat, Degal habe dort seinen Aufenthalt. Ich bekam Lust, Zeuge dieses Wunders zu sein, und auf meiner Reise sah ich Fische von 100 bis 200 Ellen Länge, die mehr Furcht einjagen, als Gefahr bringen. Sie sind so schüchtern, daß sie die Flucht ergreifen, wenn man auf Stücke Holz schlägt. Ich sah auch noch andere, nur eine Elle lange Fische, deren Kopf dem der Nachteulen glich.

Als ich nach meiner Rückkehr eines Tages im Hafen war, landete eben ein Schiff. Sobald es geankert hatte, fing man an, die Waren auszuladen, und die Kaufleute, denen sie gehörten, ließen sie in die Vorratshäuser bringen. Indem ich meine Augen auf einige Ballen und die darauf befindliche, den Namen des Eigentümers bezeichnende Schrift warf, sah ich den meinigen darauf. Nachdem ich sie aufmerksam betrachtet hatte, zweifelte ich nicht mehr, daß es dieselben wären, die ich auf das Schiff hatte laden lassen, auf welchem ich von Balsora abgefahren war. Ich erkannte auch den Schiffshauptmann; da ich aber überzeugt war, daß er mich für tot hielt, so fragt' ich ihn, wem die Ballen gehörten, die ich sähe.

»Ich hatte auf meinem Schiff,« erwiderte er mir, »einen Kaufmann aus Bagdad, der sich Sindbad nannte. Eines Tages, als wir, wie es uns vorkam, in der Nähe einer Insel waren, landete er mit mehreren Reisenden auf dieser vermeintlichen Insel, die nichts anderes als ein auf der Oberfläche des Wassers schlafender Walfisch von ungeheurer Größe war. Kaum fühlte dieser sich von dem auf seinem Rücken angezündeten Feuer erwärmt, als er anfing, sich zu bewegen und sich ins Meer zu tauchen. Der größte Teil der auf ihm befindlichen Personen ertrank, und der unglückliche Sindbad war unter dieser Zahl. Diese Ballen gehörten ihm, und ich habe beschlossen, sie zu verhandeln und, sobald ich jemanden von seiner Familie treffe, diesem den aus dem Kapital gezogenen Gewinn einzuhändigen.«

»Hauptmann,« sagte ich hierauf zu ihm, »ich bin dieser Sindbad, den Ihr für tot haltet, und der es nicht ist. Diese Ballen sind mein Gut und meine Ware.«

Scheherasade erzählte in dieser Nacht nicht weiter; aber sie fuhr in der nächsten wie folgt fort:

 

Sechsundsiebenzigste Nacht.

»Sindbad sagte, seine Geschichte fortsetzend, zu seiner Gesellschaft:

»Als mich der Schiffshauptmann so reden hörte, rief er aus: »Wem soll man heutzutage noch trauen? Treu' und Glauben sind nicht mehr unter den Menschen zu finden. Ich habe mit meinen eignen Augen Sindbad umkommen sehen, die Reisenden, die ich an Bord hatte, sahen es gleich mir, und doch wagt Ihr zu sagen, daß Ihr dieser Sindbad seid! Welche Kühnheit! Eurem Aussehen nach sollte man Euch für einen rechtschaffenen Mann halten, und doch sagt Ihr eine abscheuliche Unwahrheit, um Euch eines Gutes zu bemächtigen, welches Euch nicht gehört.« – »Geduldet Euch,« entgegnete ich dem Hauptmann, »und habt die Güte, anzuhören, was ich Euch zu sagen habe.« – »Nun wohlan,« versetzte er, »was habt Ihr zu sagen? Redet; ich höre.« Hierauf erzählte ich ihm, auf welche Art ich mich gerettet und durch welches Abenteuer ich die Stalleute des Königs Maharadjah getroffen hätte und von ihnen an dessen Hof geführt worden wäre.

Er fühlte sich durch mein Worte erschüttert und war bald überzeugt, daß ich kein Betrüger wäre; denn es kamen Leute, die mich kannten, mich lebhaft begrüßten und mir ihre Freude, mich wiederzusehen, bezeigten. Endlich erkannte auch er mich und sagte zu mir, indem er sich an meinen Hals warf: »Gott sei dafür gelobt, daß Ihr einer so großen Gefahr glücklich entgangen seid; ich kann Euch die Freude, die ich darüber empfinde, nicht genugsam ausdrücken. Hier ist Euer Gut, nehmt es, es gehört Euch; macht damit, was Euch beliebt.« Ich dankte ihm, lobte seine Rechtlichkeit, und um sie zu belohnen, bat ich ihn, einige Waren anzunehmen, die ich ihm anbot; aber er schlug sie aus.

Ich wählte das Kostbarste aus meinen Ballen und machte dem König Maharadjah ein Geschenk damit. Da dieser Fürst von meinem Unfall unterrichtet war, so fragte er mich, wo ich solch seltne Dinge her hätte. Ich erzählte ihm, durch welchen Zufall ich wieder zu ihrem Besitz gekommen wäre; er hatte die Güte, mir darüber seine Freude zu bezeigen; er nahm mein Geschenk an und machte mir weit beträchtlichere, hierauf nahm ich Abschied von ihm und schiffte mich auf demselben Fahrzeug wieder ein; aber vor meiner Einschiffung vertauschte ich die mir übriggebliebenen Waren gegen andere Landeserzeugnisse. Ich nahm Aloe- und Sandelholz mit mir, Kampfer, Muskatnüsse, Gewürznägelein, Pfeffer und Ingwer. Wir schifften bei mehrern Inseln vorbei und landeten endlich in Balsora, von wo ich in diese Stadt mit dem Wert von ungefähr tausend Zechinen heimkehrte und meine Familie mit allen Entzückungen einer wahren und aufrichtigen Freundschaft wiedersah. Ich kaufte Sklaven von beiden Geschlechtern, schöne Landgüter und machte ein ansehnliches Haus. Auf solche Weise richtete ich mich ein, entschlossen, die erlittenen Übel zu vergessen und die Freuden des Lebens zu genießen.«

Nachdem Sindbad hier innegehalten hatte, befahl er den Tonkünstlern, ihr durch seine Erzählung unterbrochenes Konzert wieder anzufangen. Man fuhr mit Essen und Trinken bis zum Abend fort, und als es Zeit war, auseinanderzugehen, ließ sich Sindbad eine Börse von hundert Zechinen bringen und sagte, indem er sie dem Lastträger gab, zu diesem: »Nimm, Hindbad, geh nach Hause und komme morgen wieder, um die Folge meiner Abenteuer zu hören.« Der Lastträger entfernte sich, sehr bestürzt über die Ehre und das Geschenk, die ihm zuteil geworden waren. Der Bericht, den er davon zu Hause abstattete, war seiner Frau und seinen Kindern sehr angenehm, und sie unterließen nicht, Gott für das Gute zu danken, was seine Fürsorge ihnen durch Sindbad hatte zukommen lassen.

Hindbad kleidete sich am folgenden Tag netter als am vorhergegangenen und kehrte zu dem freigebigen Reisenden zurück, der ihn mit freundlichem Gesicht und tausend Liebkosungen aufnahm. Sobald alle Gäste beisammen waren, wurde aufgetragen und lange Zeit getäfelt. Nach beendigtem Mahle nahm Sindbad das Wort und sagte, indem er sich an die Gesellschaft wandte: »Ihr Herren, ich bitte euch, mir Gehör zu gönnen und die Abenteuer meiner zweiten Reise anzuhören; sie sind eurer Aufmerksamkeit werter als die der ersten.« Alle schwiegen, und Sindbad ließ sich folgendermaßen vernehmen:

 

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