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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid49bdcce2
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Geschichte Sindbads des Seefahrers.

»Herr, unter der Regierung eben dieses Kalifen Harun Arreschid, von welchem ich soeben sprach, lebte in Bagdad ein armer Lastträger namens Hindbad. An einem ganz vorzüglich heißen Tage trug er eine sehr schwere Bürde von einem Ende der Stadt zum andern. Er war von dem bereits zurückgelegten Wege sehr ermüdet und hatte noch eine tüchtige Strecke zu gehen, als er in eine Straße kam, auf welcher ein sanfter Zephyr wehte, und deren Pflaster mit Rosenwasser besprengt war. Da er keinen günstigeren Wind erwarten konnte, um sich auszuruhen und neue Kräfte zu sammeln, so legte er in der Nähe eines großen Hauses seine Bürde auf die Erde und setzte sich darauf.

Plötzlich wurden seine Geruchsnerven von einem ausgesuchten Wohlgeruch gereizt, der, von Aloe und Räucherwerk herstammend, aus den Fenstern eines Hauses kam und, vermischt mit dem des Rosenwassers, die Luft durchbalsamte. Überdem hörte er im Innern ein Konzert von verschiedenen Instrumenten, begleitet von dem harmonischen Gesang der Nachtigallen und anderer Vögel. Dieser anmutige Gesang und der riechbare Dampf mehrerer Fleischspeisen ließen ihn dort irgend ein Fest vermuten, bei welchem man sich ergötzte. Er wollte wissen, wer in diesem Hause wohnte, das ihm nicht recht bekannt war, weil er keine Veranlassung gehabt hatte, oft auf diese Straße zu kommen. Um seine Neugier zu befriedigen, näherte er sich einigen prächtig gekleideten Dienern, die er an der Türe sah, und fragte einen unter ihnen, wie der Hausherr hieße. »Wie,« erwiderte der Diener, »Ihr wohnt in Bagdad und wißt nicht, daß dies die Wohnung des Herrn Sindbad, des Seefahrers, ist, dieses berühmten Reisenden, der alle Meere durchschifft hat, welche die Sonne beleuchtet?« Der Träger, welcher von Sindbads Reichtümern wohl hatte reden hören, konnte sich nicht enthalten, einen Mann zu beneiden, dessen Zustand ihm ebenso glücklich vorkam, als er den seinigen beklagenswert fand. Da sein Geist durch diese Betrachtungen erbittert ward, erhob er seine Augen gen Himmel und sagte laut genug, um gehört zu werden: »Mächtiger Schöpfer aller Dinge, erwäge den Unterschied zwischen mir und Sindbad; ich erleide täglich tausend Beschwerden und habe große Mühe, mich und meine Familie von schlechtem Gerstenbrot zu ernähren, während der glückliche Sindbad mit Verschwendung unermeßliche Reichtümer vergeudet und ein Leben voll Lust und Freude führt! Was hat er getan, um von dir ein so angenehmes Los zu erhalten? Was hab' ich getan, um ein so hartes zu verdienen?« Bei diesen Worten stampfte er mit dem Fuß auf die Erde wie ein Mensch, der sich seinem Schmerz und seiner Verzweiflung gänzlich überläßt.

Er war noch mit diesen traurigen Gedanken beschäftigt, als er aus dem Hause einen Diener auf sich zukommen sah, der ihn heftig beim Arm ergriff und zu ihm sagte: »Kommt, folgt mir, Herr Sindbad, mein Gebieter, will Euch sprechen.«

Der in diesem Augenblick anbrechende Tag verhinderte Scheherasaden, diese Erzählung fortzusetzen, die sie jedoch in der nächsten Nacht auf folgende Weise wieder aufnahm:

 

Vierundsiebenzigste Nacht.

»Herr, Euer Majestät kann sich leicht vorstellen, daß Sindbad nicht wenig über die Worte des Dieners erstaunte. Nach dem, was dieser gesprochen hatte, durfte er fürchten, daß Sindbad ihn holen ließ, um ihm irgend eine üble Behandlung widerfahren zu lassen, und er wollte sich damit entschuldigen, daß er seine Bürde nicht mitten auf der Straße liegen lassen könnte; aber der Diener Sindbads gab ihm die Versicherung, daß man darauf acht haben würde, und drang so in ihn ein, daß der Lastträger sich genötigt sah, seinen Bitten nachzugeben.

Der Diener führte ihn in einen großen Saal, in welchem eine große Anzahl von Personen um eine mit allen Arten von Speisen besetzte Tafel saß. Auf dem Ehrenplatz erblickte er eine ansehnliche, wohlgestaltete und durch einen langen, weißen Bart ehrwürdige Person, hinter welcher eine Menge Hausbediente aller Art standen, die sehr eifrig waren, sie zu bedienen. Die Person war Sindbad. Der Lastträger, dessen Bestürzung sich bei dem Anblick so vieler Leute und eines so prächtigen Festes vermehrte, grüßte zitternd die Gesellschaft. Sindbad sagte ihm, er möge näherkommen, und nachdem er ihn zu seiner Rechten hatte niedersitzen lassen, legte er ihm selbst Speise vor und ließ ihm einen trefflichen Wein reichen, mit welchem der Schenktisch im Überfluß besetzt war.

Als Sindbad gegen Ende der Mahlzeit bemerkte, daß seine Gäste nicht mehr aßen, nahm er das Wort, wendete sich zu Hindbad und sagte: »Wie ist dein Name, mein Bruder?« – »Herr,« erwiderte jener, »ich nenne mich Hindbad, den Lastträger.« – »Ich bin sehr erfreut, dich zu sehen,« versetzte Sindbad, »und ich stehe dir dafür, daß auch die Gesellschaft dich mit Vergnügen sieht; aber ich wünschte von dir selbst zu hören, was du vorhin auf der Straße gesagt hast.« Sindbad hatte nämlich, eh er sich zu Tische setzte, durchs Fenster die ganze Rede des Lastträgers gehört und war dadurch veranlaßt worden, ihn rufen zu lassen.

Bei diesem Begehren senkte Hindbad voll Verwirrung sein Haupt und entgegnete: »Herr, ich gestehe Euch, daß meine Müdigkeit mich übellaunig gemacht hatte, und da sind mir denn einige unbedachte Worte entwischt, die ich Euch mir zu verzeihen bitte.« – »O glaube nicht,« versetzte Sindbad, »daß ich ungerecht genug sei, um deshalb Unwillen zu hegen. Ich versetze mich in deine Lage, und statt dir dein Murren vorzuwerfen, beklag' ich dich; aber ich muß dir einen Irrtum benehmen, in welchem du dich in Betreff meiner zu befinden scheinst. Du bildest dir ohne Zweifel ein, daß ich ohne Mühe und Arbeit alle die Bequemlichkeiten und die Ruhe erlangt habe, deren du mich genießen siehst; enttäusche dich; ich bin zu einem so glücklichen Zustand erst gekommen, nachdem ich jahrelang alle Mühseligkeiten des Leibes und der Seele erlitten habe, welche sich die Einbildungskraft nur vorstellen kann.

Ja, ihr Herren,« fügte er hinzu, indem er sich an die Gesellschaft wandte, »ich kann euch versichern, diese Mühseligkeiten sind so außerordentlich, daß sie fähig wären, den habsüchtigsten Menschen die Lust zu nehmen, die Meere zu durchschiffen, um Reichtümer zu erwerben. Ihr habt vielleicht nur verworren von meinen seltsamen Abenteuern und von den Gefahren, die ich auf meinen sieben Reisen erlitten habe, reden hören; ich will euch darüber einen treuen Bericht abstatten, und ich glaube, daß es euch nicht unlieb sein wird, ihn zu vernehmen.«

Da Sindbad seine Geschichte hauptsächlich des Lastträgers wegen erzählen wollte, so befahl er, eh er anfing, man solle die Bürde, die jener auf der Straße hatte liegen lassen, an den Ort tragen, wohin Hindbad es verlangte, hierauf begann er folgendermaßen:

 

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