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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebenundfünfzigste Nacht.

Geschichte des dritten Kalenders.

»Ich möchte wohl,« sagte Schachriar gegen Ende der Nacht, »die Geschichte des dritten Kalenders hören.« – »Herr,« erwiderte Scheherasade, »ich gehorche Eurem Befehl. Der dritte Kalender,« fügte sie hinzu, »als er nun sah, daß die Reihe zu reden an ihn käme, wandte sich gleich den andern an Sobeïden und begann seine Erzählung auf folgende Weise:

»Hochgeschätzte Frau, was ich Euch zu erzählen habe, ist sehr verschieden von dem, was Ihr eben gehört habt. Die beiden Prinzen, welche vor mir sprachen, haben jeder ein Auge durch eine Wirkung ihres Geschicks verloren, ich aber verlor das meinige nur durch meine Schuld, nur, indem ich mich in mein eigenes Unglück stürzte, wie Ihr es aus der Folge meiner Rede erfahren werdet.

Ich heiße Agib und bin der Sohn eines Königs, der sich Kassib nannte. Nach seinem Tode nahm ich meine Staaten in Besitz und wählte dieselbe Stadt, in welcher er gewohnt hatte, auch zu meinem Wohnort. Diese Stadt liegt am Ufer des Meeres; sie hat einen der schönsten und sichersten Häfen mit einem Arsenal, welches groß genug ist, um das Nötige zur Bewaffnung von hundert Kriegsschiffen zu enthalten, die immer bereit sind, wenn's not tut, Dienste zu leisten, und um fünfzig Kauffahrteischiffe auszurüsten und ebensoviele kleine, leichte, zu Spazierfahrten und Vergnügungen auf dem Wasser bestimmte Fahrzeuge. Mein Königreich bestand aus mehreren schönen Provinzen des festen Landes und einer großen Anzahl beträchtlicher Inseln, die fast alle im Angesicht meiner Hauptstadt lagen.

Ich besuchte zuerst die Provinzen, ließ hierauf meine ganze Flotte bewaffnen und ausrüsten und landete auf meinen Inseln, um mir durch meine Gegenwart die Herzen meiner Untertanen zu gewinnen und sie in ihrer Pflicht zu bestärken. Einige Zeit, nachdem ich wieder heimgekommen war, wiederholte ich jene Reisen, die mir einige Kenntnis von der Schiffahrt verschafften und mir einen solchen Geschmack daran einflößten, daß ich beschloß, jenseits meiner Inseln Entdeckungen zu machen. Zu diesem Zweck ließ ich nun zehn Schiffe ausrüsten. Ich schiffte mich ein, und wir gingen unter Segel. Vierzig Tage hindurch war unsere Schiffahrt glücklich, aber in der einundvierzigsten Nacht wurde der Wind ungünstig und selbst zu einem so heftigen Sturme, daß wir nahe daran waren, zugrunde zu gehen. Doch nichtsdestoweniger legte sich bei Tagesanbruch der Wind, die Wolken zerstreuten sich, und da die Sonne wieder schönes Wetter herbeigeführt hatte, so landeten wir an einer Insel, auf welcher wir zwei Tage verweilten, um Erfrischungen einzunehmen. Als dies geschehen war, gingen wir wieder in See. Nach zehntägiger Fahrt hofften wir Land zu sehen, denn durch den Sturm, den wir erlitten hatten, war ich von meinem Vorsatz abgekommen und hatte den Weg nach meinen Staaten nehmen lassen, als ich bemerkte, daß mein Steuermann nicht wußte, wo wir waren. Wirklich berichtete am zehnten Tage ein Matrose, der den Befehl hatte, sich auf der Höhe des großen Mastes umzuschauen, daß er rechts und links nur Meer und Himmel gesehen, die den Horizont begrenzten, aber daß er vor sich auf der Seite unsers Vorderteils eine große Schwärze bemerkt hätte.

Der Steuermann veränderte bei diesem Bericht seine Farbe, warf mit der einen Hand den Turban auf das Verdeck und rief, indem er sich mit der andern ins Gesicht schlug, aus: »Ach, mein König, wir sind verloren! Keiner von uns vermag der Gefahr zu entrinnen, in welcher wir uns befinden, und mit aller meiner Erfahrung steht es nicht in meiner Macht, uns davor zu bewahren.« Indem er diese Worte sagte, fing er an zu weinen wie ein Mensch, der seinen Untergang für unvermeidlich hält, und seine Verzweiflung verbreitete Schrecken durch das ganze Schiff. Ich fragte ihn, welchen Grund er habe, so zu verzweifeln. »Ach Herr,« erwiderte er mir, »der Sturm, den wir erlitten haben, hat uns so von unserem Wege abgebracht, daß wir uns morgen mittag bei jener Schwärze befinden werden, die nichts anders ist als der schwarze Berg; und das ist der Magnetberg, welcher von jetzt an Eure ganze Flotte an sich zieht wegen der Nägel und alles zum Bau der Schiffe gehörigen Eisenwerks. Wenn wir uns morgen in einer gewissen Entfernung befinden werden, wird die Kraft des Magnets so groß sein, daß sich alle Nägel losmachen und sich an den Berg heften und Eure Schiffe auseinanderfallen und untergehen werden. Da der Magnet die Kraft besitzt, das Eisen an sich zu ziehen und sich durch diese Anziehung zu stärken, so ist dieser Berg auf der Seeseite mit einer Unzahl von Nägeln durch ihn untergegangener Schiffe bedeckt, was diese Kraft zu gleicher Zeit erhält und mehrt. Dieser Berg,« sagte der Steuermann, »ist sehr steil, und auf dem Gipfel steht ein Dom vom feinem Erz, von ebensolchen Säulen gestützt; oben auf dem Dom sieht man ein Roß, auch von Erz, welches einen Reiter trägt, dessen Brust von einer bleiernen Platte bedeckt ist, auf welcher talismanische Zeichen eingegraben sind. Es geht die Sage, daß dieses Standbild die Hauptursache von dem Verderben so vieler Schiffe und so vieler Menschen ist, die an diesem Ort zugrunde gegangen sind. und daß es nicht aufhören wird, unheilbringend für alle diejenigen zu sein, die das Unglück haben, sich ihm zu nahen, bis es umgestürzt werden wird.«

Als der Steuermann so gesprochen hatte, fing er wieder an zu weinen, und seine Tränen erregten die der ganzen Mannschaft. Ich selbst zweifelte nicht, daß ich dem Ende meiner Tage ganz nahe wäre. Keiner unterließ jedoch, an seine Erhaltung zu denken und deshalb alle möglichen Maßregeln zu ergreifen, und bei der Ungewißheit des Unfalls machten sich alle gegenseitig zu Erben durch Testamente zugunsten derer, die sich retten würden.

Um andern Morgen sahen wir den schwarzen Berg offen vor uns liegen, und das, was wir davon gehört hatten, ließ ihn uns viel schrecklicher finden, als er wirklich war. Gegen Mittag kamen wir ihm so nahe, daß uns widerfuhr, was der Steuermann uns prophezeit hatte. Wir sahen die Nägel und alles Eisenwerk der Flotte dem Berge zufliegen, an welchen sie sich durch die Heftigkeit der Anziehungskraft mit fürchterlichem Lärm festhefteten. Die Schiffe zerfielen und sanken ins Meer, welches an diesem Orte so tief war, daß wir seine Tiefe mit dem Senkblei nicht würden haben ermessen können. Alle meine Leute ertranken; aber Gott hatte Mitleid mit mir und vergönnte mir, mich zu retten, indem ich mich eines Brettes bemächtigte, welches vom Winde gerade an den Fuß des Berges getrieben wurde. Ich tat mir nicht den geringsten Schaden, da mein Glücksstern mich an einer Stelle landen ließ, wo ich Stufen fand, um auf den Gipfel zu steigen.«

Scheherasade wollte in dieser Erzählung fortfahren, aber der anbrechende Tag legte ihr Stillschweigen auf. Der Sultan schloß wohl aus diesem Anfang, daß die Sultanin ihn nicht betrogen hätte. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß er sie diesen Tag noch nicht sterben ließ.

 

Achtundfünfzigste Nacht.

»Um Gottes willen, meine Schwester,« rief am folgenden Morgen Dinarsade, »fahre, ich beschwöre dich, in der Erzählung des dritten Kalenders fort.« – »Der Prinz, meine liebe Schwester,« versetzte Scheherasade, »erzählte folgendermaßen weiter:

»Beim Anblick dieser Stufen (denn es war weder rechts noch links ein Raum, wohin man die Füße setzen und folglich sich retten konnte) dankte ich Gott und rief, indem ich zu steigen anfing, seinen heiligen Namen an. Die Treppe war sehr schmal, so steil und so schwer zu ersteigen, daß ein nur einigermaßen heftiger Wind mich umgeworfen und mich ins Meer gestürzt hätte. Doch ich gelangte endlich ohne Unfall ans Ziel, ich trat in den Dom, warf mich auf die Erde und dankte Gott für die mir erwiesene Gnade.

Ich brachte die Nacht unter dem Dome zu. Im Schlaf erschien mir ein ehrwürdiger Greis und sagte zu mir: »Höre, Agib, wenn du erwacht sein wirst, so grabe die Erde unter deinen Füßen auf. Du wirst dann einen Bogen von Erz und drei bleierne Pfeile finden, die unter gewissen Gestirnständen verfertigt sind, um das menschliche Geschlecht von so vielen ihm drohenden Übeln zu befreien. Schieße die drei Pfeile auf das Standbild ab; der Reiter wird in das Meer fallen und das Roß auf deine Seite, und du mußt es dann an derselben Stelle begraben, wo du den Bogen und die Pfeile gefunden hast. Wenn das geschehen ist, wird das Meer bis zum Fuß des Domes und bis zur Höhe des Berges anschwellen. Ist es nun so hoch gestiegen, so wirst du einen Kahn landen sehen, in welchem sich nur ein einziger Mann mit einem Ruder in jeder Hand befinden wird. Dieser Mann wird von Erz, aber von dem, welchen du heruntergeschossen hast, verschieden sein. Besteige sein Schiff, ohne den Namen Gottes auszusprechen, und überlaß dich seiner Führung. Er wird dich in zehn Tagen in ein anderes Meer bringen, wo du das Mittel finden wirst, frisch und gesund heimzukehren, wenn du nur, wie ich dir schon gesagt habe, während der ganzen Reise den Namen Gottes nicht aussprichst.«

So lauteten die Worte des Greises. Sobald ich erwacht war, stand ich, durch diese Erscheinung sehr getröstet, auf und unterließ nicht zu tun, was dieser Greis mir befohlen hatte. Ich grub Bogen und Pfeile aus und schoß nach dem Reiter. Durch den dritten Pfeil stürzte ich ihn ins Meer, und das Pferd fiel auf meine Seite. Ich vergrub es an der Stelle des Bogens und der Pfeile, und das Meer schwoll inzwischen an und erhob sich nach und nach. Als es bis auf die Höhe des Berges und an den Fuß des Domes gestiegen war, erblickte ich von fern einen Kahn, der auf mich zukam. Ich dankte Gott, da ich sah, daß sich alles meinem Traume gemäß begab.

Endlich landete der Kahn, und ich sah auf ihm den Mann von Erz, ganz wie er mir war geschildert worden. Ich schiffte mich ein und hütete mich wohl, den Namen Gottes auszusprechen; ich sprach sogar kein andres Wort. Ich setzte mich nieder, und der Mann von Erz fing wieder an zu rudern, indem er sich von dem Berge entfernte. Er ruderte ohne aufzuhören bis zum neunten Tage, an welchem ich Inseln sah, die mich hoffen ließen, daß ich bald aus der Gefahr, welche ich zu fürchten hatte, entkommen würde. Das Übermaß meiner Freude ließ mich das gegebene verbot vergessen. »Gott sei gebenedeit,« rief ich aus; »Gott sei gelobt!«

Ich hatte diese Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als der Kahn mit dem Manne von Erz ins Meer versank. Ich erhielt mich auf dem Wasser und schwamm den übrigen Teil des Tages hindurch auf das Land zu, das mir das nächste schien. Es folgte eine sehr dunkle Nacht, und da ich nicht mehr wußte, wo ich war, so schwamm ich aufs Geratewohl. Endlich erschöpften sich aber meine Kräfte, ich begann an meiner Rettung zu verzweifeln, als der Wind heftiger wurde und eine berghohe Woge mich an eine Küste warf, an welcher sie mich ließ. Ich eilte ans Land zu kommen, aus Furcht, daß mich eine andere Woge zurückwerfen möchte, und das erste, was ich tat, war, daß ich mich auskleidete, das Wasser aus meinen Kleidern wand und sie dann, um sie zu trocknen, auf dem Sande ausbreitete, der noch von der Hitze des Tages erwärmt war.

Am folgenden Tage hatte die Sonne meine Kleider bald getrocknet. Ich zog mich wieder an und ging vorwärts, um zu sehen, wo ich war. Ich war nicht lange gegangen, als ich erkannte, daß ich mich auf einer wüsten, aber sehr angenehmen kleinen Insel befand, auf welcher es mehrere Arten von fruchttragenden und wilden Bäumen gab. Aber ich bemerkte, daß sie bedeutend entfernt vom festen Lande war, was meine Freude über meine Rettung aus dem Meere sehr verminderte. Nichtsdestoweniger überließ ich Gott die Sorge, über mein Schicksal nach seinem Willen zu schalten, als ich ein Fahrzeug erblickte, welches mit vollen Segeln vom festen Lande kam und sein Vorderteil auf die Insel gerichtet hatte, auf welcher ich mich befand.

Da ich nicht zweifelte, daß es dort vor Anker gehen würde, und ich nicht wußte, ob die darauf befindlichen Leute Freunde oder Feinde wären, so glaubte ich mich nicht sogleich zeigen zu müssen. Ich stieg auf einen sehr belaubten Baum, von welchem ich ohne Gefahr ihr Benehmen sehen konnte. Das Schiff fuhr in eine kleine Bucht, woselbst zehn Sklaven ans Land stiegen, die eine Schaufel und andere zum Aufgraben der Erde geschickte Werkzeuge trugen. Sie gingen nach der Mitte der Insel, ich sah sie dort verweilen und eine Zeitlang graben, und dem Anscheine nach erhoben sie eine Falltüre. Sie kehrten hierauf zu ihrem Fahrzeug zurück, schifften mehrere Arten von Mundvorrat und Hausgeräte aus, jeder belud sich und trug seine Last an die Stelle, wo sie die Erde aufgegraben hatten; dort stiegen sie hinab, was mich vermuten ließ, daß daselbst ein unterirdischer Raum wäre. Ich sah sie nochmals zum Schiff gehen und kurze Zeit nachher mit einem Greise zurückkehren, der einen sehr wohlgebildeten jungen Menschen von vierzehn oder fünfzehn Jahren mit sich führte. Sie stiegen alle hinab, wo die Falltüre aufgehoben worden war; und als sie wieder heraufgekommen waren, die Falltüre niedergelassen, sie wieder mit Erde bedeckt hatten und sich wieder auf den Weg nach der Bucht begaben, wo das Schiff sich befand, bemerkte ich, daß der junge Mensch nicht bei ihnen war, woraus ich schloß, daß er in dem unterirdischen Raum geblieben wäre, ein Umstand, der mich in Erstaunen setzte.

Der Greis und die Sklaven schifften sich ein, und das unter Segel gegangene Schiff nahm den Weg wieder nach dem festen Lande. Als es so fern war, daß die Mannschaft mich nicht gewahr werden konnte, stieg ich vom Baume herab und begab mich eilig an die Stelle, wo ich hatte graben sehen. Ich grub nun auch, bis ich einen Stein fand, der zwei oder drei Fuß im Gevierte hatte; ich hob ihn auf und sah, daß er den Eingang zu einer Treppe bedeckte, die auch von Stein war. Ich stieg herab und fand unten ein großes Zimmer, in welchem ich einen Fußteppich sah und ein Sofa, mit einem andern Teppich und mit Kissen von einem reichen Stoffe versehen, auf welchem der junge Mensch mit einem Fächer in der Hand saß. Ich unterschied alle diese Sachen bei dem Licht zweier Kerzen, ebenso auch Früchte und Blumentöpfe, die bei ihm standen. Der junge Mensch war erschrocken, mich zu sehen, um ihn jedoch zu beruhigen, sagte ich zu ihm beim Eintreten: »Wer Ihr auch seid, Herr, fürchtet nichts, ein Königssohn und König wie ich ist nicht fähig, Euch die geringste Beleidigung zuzufügen. Es ist im Gegenteil allem Anscheine nach Euer gutes Geschick, welches mich hierher gebracht hat, um Euch aus diesem Grabe zu bringen, in welches man Euch, wie es scheint, aus mir unbekannten Ursachen lebendig begraben hat. Was mich jedoch befremdet, und was ich nicht begreifen kann (denn ich muß Euch nur sagen, daß ich alles mit angesehen habe, was Euch seit Eurer Ankunft auf dieser Insel begegnet ist), ist, daß es mir so vorkam, als hättet Ihr Euch ohne Widerstand hier begraben lassen.«

Scheherasade schwieg an dieser Stelle, und der Sultan erhob sich von seinem Lager, sehr ungeduldig, zu erfahren, warum dieser junge Mensch auf einer wüsten Insel so verlassen worden wäre, was er in der folgenden Nacht zu hören hoffte.

 

Neunundfünfzigste Nacht.

Dinarsade rief, als es Zeit war, die Sultanin, und Scheherasade fuhr, ohne sich bitten zu lassen, in der Erzählung des dritten Kalenders wie folgt fort:

»Der junge Mensch,« sagte der dritte Kalender, »beruhigte sich bei diesen Worten und bat mich mit lächelnder Miene, mich zu ihm zu setzen. Als ich mich gesetzt hatte, sagte er zu mir: »Prinz, ich will Euch etwas erzählen, was Euch durch seine Seltsamkeit überraschen wird. Mein Vater ist ein Juwelenhändler, der durch seine Tätigkeit und Geschicklichkeit in seinem Gewerbe sich große Reichtümer erworben hat. Er hat eine große Menge von Sklaven und von Geschäftsführern, die auf ihnen gehörigen Schiffen Seereisen machen, um die Verbindung zu unterhalten, die er mit vielen Höfen hat, welche er mit den gewünschten Edelsteinen versorgt. Er war lange verheiratet, ohne Kinder zu haben, als ihm träumte, daß er einen Sohn bekommen, dessen Leben aber nicht von langer Dauer sein würde, worüber er sich bei seinem Erwachen sehr grämte. Einige Tage nachher verkündigte ihm meine Mutter, daß sie schwanger sei, und die Zeit, zu welcher sie empfangen zu haben glaubte, stimmte sehr mit derjenigen überein, zu welcher mein Vater seinen Traum gehabt hatte. Sie kam mit mir nach neun Monden nieder, und das verursachte in der Familie eine große Freude. Mein Vater, der den Augenblick meiner Geburt beobachtet hatte, befragte die Sterndeuter, die ihm sagten: »Euer Sohn wird ohne Unfall fünfzehn Jahre leben. Aber alsdann wird er Gefahr laufen, das Leben zu verlieren, und es wird schwer sein, daß er dieser Gefahr entgeht. Wenn jedoch sein günstiges Geschick es will, daß er nicht umkommt, so wird sein Leben von langer Dauer sein. Zu dieser Zeit,« fügten sie hinzu, »wird die erzene Bildsäule, welche auf der Höhe des Magnetberges steht, von dem Prinzen Agib, Sohn des Königs Kassib, ins Meer gestürzt werden, und die Gestirne sagen, daß fünfzig Tage nachher Euer Sohn von diesem Prinzen getötet werden soll.«

Da diese Prophezeiung mit dem Traume meines Vaters übereinstimmte, so wurde er lebhaft darüber bestürzt und betrübt. Er unterließ jedoch nicht, viel Sorge für meine Erziehung zu tragen, bis zu diesem Jahre, welches das fünfzehnte meines Lebens ist. Gestern erfuhr er, daß vor zehn Tagen der Reiter von Erz von dem Prinzen, den ich Euch vorhin genannt habe, ins Meer gestürzt worden sei. Diese Nachricht hat ihm so viel Tränen gekostet und so viel Unruhe gemacht, daß er in seinem gegenwärtigen Zustand gar nicht zu erkennen ist. Die Vorhersagung der Sterndeuter berücksichtigend, hat er Mittel gesucht, mein Horoskop Lügen zu strafen und mir das Leben zu erhalten. Seit langer Zeit hat er die Vorsicht gebraucht, mir diese Wohnung bauen zu lassen, in welcher ich verborgen bleiben soll, bis nach dem Umsturz der Bildsäule fünfzig Tage verflossen sind. Darum ist er nun, als er erfahren hatte, daß dieser Umsturz vor zehn Tagen erfolgt wäre, hierher geeilt und hat mir versprochen, mich in vierzig Tagen wieder abzuholen. Was mich betrifft,« fügte er hinzu, »so hab' ich gute Hoffnung, und ich glaube nicht, daß der Prinz Agib mich in der Mitte einer wüsten Insel unter der Erde aufsuchen wird. Dies, Herr, ist, was ich Euch zu sagen habe.«

Während der Sohn des Juwelenhändlers mir seine Geschichte erzählte, spottete ich über die Sterndeuter, die prophezeit hatten, ich würde ihm das Leben nehmen; denn ich fühlte mich doch so weit von der Erfüllung dieser Prophezeiung entfernt, daß ich, als er kaum aufgehört hatte zu reden, mit Entzücken zu ihm sagte: »Mein lieber Herr, habt Vertrauen auf Gottes Güte und fürchtet nichts: denkt, daß Ihr eine Schuld zu bezahlen hattet, und daß Ihr jetzt davon frei seid. Ich bin sehr erfreut, daß ich mich, nachdem ich Schiffbruch gelitten habe, glücklicherweise hier befinde, um Euch gegen diejenigen zu verteidigen, die Euch ans Leben wollen. Ich werde während der vierzig Tage, welche die eitlen Berechnungen der Sterndeuter Euch fürchten lassen, nicht von Euch weichen. Ich werde Euch während dieser Zeit alle Dienste leisten, die ich zu leisten vermag. Nachmals werd` ich die Gelegenheit benutzen, aufs feste Land zu kommen, indem ich mich mit Eurer und Eures Vaters Erlaubnis auf Eurem Fahrzeuge einschiffe; und bin ich dann in mein Königreich zurückgekehrt, so werd' ich niemals die Verpflichtung vergessen, die ich gegen Euch habe, und ich werde mich bemühen, Euch auf schuldige Weise meine Erkenntlichkeit zu bezeigen.«

Ich beruhigte durch diese Rede den Sohn des Juwelenhändlers und erwarb mir sein Vertrauen. Ich hütete mich wohl, aus Besorgnis, ihn zu erschrecken, ihm zu sagen, daß ich dieser Agib wäre, den er fürchtete, und ich nahm mich sehr in acht, die geringste Vermutung in ihm zu veranlassen. Wir unterhielten uns bis in die Nacht von verschiedenen Gegenständen, und ich bemerkte, daß der junge Mensch viel Verstand hatte. Wir aßen zusammen von seinen Mundvorräten. Er hatte deren eine so große Menge, daß er am Ende der vierzig Tage noch Überrest davon gehabt haben würde, wenn er auch noch andere Gäste als mich gehabt hätte. Nach dem Abendbrot fuhren wir noch einige Zeit in unserer Unterhaltung fort und legten uns dann nieder.

Den folgenden Morgen reichte ich ihm, nachdem er aufgestanden war, einen Becher mit Wasser. Er wusch sich; ich bereitete das Mittagessen und trug es auf, als es Zeit war. Nach der Mahlzeit erfand ich ein Spiel, um nicht bloß an diesem Tage, sondern auch an den folgenden die Langeweile zu vertreiben. Ich bereitete das Abendbrot ebenso, wie ich das Mittagsbrot bereitet hatte. Wir aßen zu Abend und legten uns nieder wie am vergangenen Tage. Wir hatten Zeit genug, um ein Freundschaftsbündnis zu schließen. Ich bemerkte, daß er Zuneigung zu mir fühlte, und ich meinerseits fühlte zu ihm eine so starke, daß ich oft zu mir selbst sagte, daß die Sterndeuter, welche dem Vater gesagt hatten, daß sein Sohn von meinen Händen getötet werden würde, Betrüger wären, und daß es nicht möglich sei, daß ich eine so abscheuliche Handlung begehen könne. Kurz, verehrte Frau, wir brachten neununddreißig Tage auf das angenehmste von der Welt an diesem unterirdischen Orte zu.

Der vierzigste kam. Als der junge Mensch des Morgens erwachte, sagte er mit einem Entzücken, das er nicht bemeistern konnte, zu mir: »Prinz, da ist nun der vierzigste Tag gekommen, und ich bin, dem Himmel und Eurer guten Gesellschaft sei's gedankt, noch nicht gestorben. Mein Vater wird nicht unterlassen, Euch alsbald seine Erkenntlichkeit zu bezeigen und Euch alle nötigen Mittel und Bequemlichkeiten zur Heimkehr in Euer Königreich zu verschaffen. Doch bitt' ich Euch, daß Ihr inzwischen die Güte habt, Wasser zu wärmen, damit ich mir in dem tragbaren Bade den ganzen Leib waschen kann, ich will mich reinigen und die Kleider wechseln, um meinen Vater besser zu empfangen.« Ich setzte Wasser ans Feuer, und als es lau war, füllte ich damit das Bad. Der junge Mensch setzte sich hinein, und ich selbst wusch und rieb ihn. Er stieg heraus, legte sich in sein von mir bereitetes Bett, und ich deckte ihn mit seiner Decke zu. Nachdem er sich ausgeruht und einige Zeit geschlafen hatte, sagte er zu mir: »Mein Prinz, seid so gut und bringt mir eine Melone und Zucker, damit ich davon esse, um mich zu erfrischen.«

Von mehreren Melonen, die wir noch hatten, wählte ich die beste und legte sie auf einen Teller, und da ich kein Messer fand, um sie zu zerschneiden, fragte ich den jungen Menschen, ob er nicht wüßte, wo eines läge. »Es liegt eins,« erwiderte er mir, »auf dem Gesims hier über meinem Kopf.« In der Tat erblickte ich es dort; aber ich beeilte mich zu sehr, es zu ergreifen, und während ich es in der Hand hatte, verwickelte sich mein Fuß dermaßen in die Decke, daß ich ausglitt und so unglücklich auf den jungen Mann fiel, daß ich ihm das Messer ins Herz stieß. Er starb augenblicklich.

Bei diesem Schauspiel stieß ich ein schreckliches Geschrei aus. Ich zerschlug mir Kopf, Gesicht und Brust. Ich zerriß mein Kleid und warf mich auf die Erde mit unaussprechlicher Betrübnis und Reue. »Ach,« rief ich aus, »es fehlten ihm nur einige Stunden, um aus der Gefahr befreit zu sein, gegen welche er einen Zufluchtsort gesucht hatte; und während ich selbst darauf rechne, daß die Gefahr vorbei ist, werde ich sein Mörder und mache die Prophezeiung zur Wahrheit. Aber, Herr,« fügte ich hinzu, indem ich Haupt und Hände zum Himmel erhob, »vergib mir; und bin ich strafbar wegen seines Todes, so laß mich nicht länger leben.«

Da Scheherasade bei dieser Stelle den Tag anbrechen sah, so war sie genötigt, diese traurige Erzählung zu unterbrechen. Der Sultan von Indien war davon bewegt, und da er einige Unruhe darüber fühlte, was wohl aus dem Kalender werden würde, so hütete er sich wohl, Scheherasaden, die ihm allein aus der Not der Neugier helfen konnte, an diesem Tage töten zu lassen.

 

Sechzigste Nacht.

Die Sultanin, von ihrer Schwester aufgefordert, zu berichten, was sich nach dem Tode des jungen Menschen begab, nahm das Wort und erzählte folgendermaßen weiter:

»Edle Frau,« fuhr der dritte Kalender fort, indem er sich an Sobeïden wandte, »nach dem Unglück, welches mir eben widerfahren war, hätte ich mich ohne Schrecken dem Tode hingegeben, wenn er sich mir dargeboten hätte. Aber das Böse wie das Gute begegnen uns nicht immer, wenn wir es wünschen. Da ich nun bedachte, daß meine Tränen und mein Schmerz den jungen Menschen nicht wieder ins Leben zurückzubringen vermöchten, und daß ich, da die vierzig Tage zu Ende gingen, von seinem Vater überrascht werden könnte, so verließ ich diesen unterirdischen Aufenthalt und stieg die Treppe hinauf. Ich ließ den großen Stein auf den Eingang nieder und bedeckte ihn mit Erde.

Ich war kaum fertig, als ich, nach der Seite des festen Landes auf das Meer blickend, das Fahrzeug gewahrte, welches den jungen Menschen abzuholen kam. Indem ich mich nun mit mir beriet, was ich zu tun hätte, sagte ich zu mir selbst: »Wenn ich mich sehen lasse, läßt mich der Greis sicher durch seine Sklaven festnehmen und vielleicht niedermetzeln, wenn er seinen Sohn in dem Zustande sieht, in welchen ich ihn versetzt habe. Alles, was ich anführen könnte, um mich zu rechtfertigen, wird ihn nicht von meiner Unschuld überzeugen. Es ist besser, da mir dazu das Mittel zu Gebote steht, mich seiner Rache zu entziehen, als mich ihr auszusetzen.« Es stand nahe bei dem unterirdischen Ort ein großer Baum, dessen dichtes Laub mir ganz geeignet schien, mich zu verbergen. Ich stieg hinauf, und ich hatte mich kaum so gesetzt, daß ich nicht gesehen werden konnte, als ich das Fahrzeug an derselben Stelle anhalten sah, wo es das erstemal angehalten hatte.

Der Greis und die Sklaven stiegen alsbald ans Land und näherten sich der unterirdischen Wohnung mit Mienen, welche zu erkennen gaben, daß sie einige Hoffnung hatten; als sie aber die frisch geschaufelte Erde sahen, veränderten sich ihre Gesichter, besonders das des Greises. Sie hoben den Stein auf und stiegen hinab. Sie rufen den jungen Menschen bei seinem Namen, er antwortet nicht, ihre Furcht verdoppelt sich; sie suchen ihn und finden ihn endlich auf sein Bette hingestreckt, das Messer mitten in seinem Herzen: denn ich hatte nicht den Mut gehabt, es herauszuziehen. Bei diesem Anblick schrieen sie vor Schmerz laut auf, welches den meinigen vermehrte; der Greis sank ohnmächtig nieder, seine Sklaven, um ihm Luft zu verschaffen, trugen ihn auf ihren Armen die Treppe hinauf und legten ihn an den Fuß des Baumes, auf welchem ich saß, aber ihrer Bemühungen ungeachtet blieb dieser unglückliche Vater lange in diesem Zustand und ließ sie mehr als einmal an seinem Leben verzweifeln.

Er kam jedoch aus dieser langen Ohnmacht wieder zu sich. Hierauf brachten die Sklaven den Leichnam seines Sohnes herbei, mit seinen schönsten Kleidern angetan, und als das für ihn gemachte Grab fertig war, ließ man ihn hinab. Der Greis, von zwei Sklaven unterstützt und mit einem in Tränen gebadeten Gesicht, warf zuerst ein wenig Erde auf ihn, worauf die Sklaven das Grab zufüllten.

Als dies geschehen war, wurde alles Gerät aus der unterirdischen Wohnung geholt und mit dem übriggebliebenen Mundvorrat eingeschifft. Hierauf wurde der Greis, der sich, von Schmerzen niedergedrückt, nicht aufrecht erhalten konnte, aus eine Art von Tragbahre gelegt und in das Schiff gebracht, welches wieder unter Segel ging. Es entfernte sich in kurzer Zeit von der Insel, und ich verlor es aus dem Gesicht.«

Der Tag, welcher schon das Zimmer des Sultans von Indien zu erhellen begann, nötigte Scheherasaden, hier innezuhalten. Schachriar stand wie gewöhnlich auf und verlängerte aus derselben Ursache wie am vorigen Morgen das Leben der Sultanin, welche er bei Dinarsaden ließ.

 

Einundsechzigste Nacht.

Als am folgenden Morgen Scheherasade die Erzählung der Abenteuer des dritten Kalenders fortsetzte, sagte sie: »Wisse, meine Schwester, daß der Prinz Sobeïden und ihrer Gesellschaft folgendermaßen weiter erzählte:

»Nach der Abreise des Greises, seiner Sklaven und des Schiffes blieb ich allein auf der Insel, brachte die Nacht in der unterirdischen Wohnung zu, die nicht wieder verschlossen worden war, und am Tage ging ich auf der Insel umher und verweilte, wenn ich der Ruhe bedurfte, an den Orten, die sich zum Ausruhen am meisten eigneten.

Ich führte dieses langweilige Leben einen ganzen Monat lang. Nach Verfluß dieser Zeit bemerkte ich, daß die See beträchtlich abnahm, und daß die Insel größer wurde: das feste Land schien sich zu nähern. In der Tat wurde das Wasser so niedrig, daß nur ein kleiner Meeresarm zwischen mir und dem festen Lande war. Ich ging durch, und das Wasser reichte mir nur bis an die Hälfte der Beine. Ich ging so lange längs des flachen Meeresufers und auf dem Sande, daß ich davon sehr müde wurde. Endlich erreichte ich einen festeren Boden, und ich war schon ziemlich fern vom Meere, als ich sehr weit von mir etwas wie ein großes Feuer erblickte, was mir einige Freude machte. »Ich werde irgend jemand finden,« sagte ich zu mir, »und es ist nicht möglich, daß sich dies Feuer von selbst entzündet hat.« Aber als ich näherkam, schwand mein Irrtum, und ich erkannte bald, wie das, was ich für Feuer gehalten hatte, ein Schloß von rotem Kupfer war, welches die Sonnenstrahlen von fern wie entflammt erscheinen ließen.

Ich verweilte bei diesem Schloß und setzte mich, sowohl um seinen bewundernswürdigen Bau zu betrachten, als um mich von meiner Müdigkeit ein wenig auszuruhen. Ich hatte diesem prächtigen Gebäude noch nicht alle Aufmerksamkeit geschenkt, die es verdiente, als ich zehn sehr wohlgebildete junge Männer erblickte, die von einem Spaziergang zu kommen schienen. Was mich aber sehr überraschte, war, daß sie alle auf dem rechten Auge blind waren. Sie begleiteten einen Greis von hohem Wuchs und ehrwürdigem Ansehen.

Ich war nicht wenig erstaunt, so viele Einäugige auf einmal und alle desselben Auges beraubt zu sehen. Während ich hin- und hersann, durch welches Abenteuer sie sich wohl könnten zusammengefunden haben, redeten sie mich an und bezeigten mir ihre Freude, mich zu sehen. Nach den ersten Begrüßungen fragten sie mich, was mich hergeführt habe. Ich antwortete ihnen, daß meine Geschichte ein wenig lang sei, und daß ich ihnen nach ihrem Wunsch vollständige Auskunft geben würde, wenn sie die Güte haben wollten, sich zu setzen. Sie setzten sich, und ich erzählte ihnen, was mir seit der Abreise aus meinem Königreich bis zu jener Zeit begegnet war, worüber sie sehr erstaunten.

Nachdem ich meine Erzählung beendet hatte, baten mich diese jungen Herren, mit ihnen in das Schloß zu treten. Ich nahm ihr Anerbieten an; wir gingen durch eine Reihe von sehr schön eingerichteten Sälen, Vorzimmern, Zimmern und Kabinetten und kamen in einen großen Saal, in welchem sich rundum zehn kleine und voneinander getrennte Sofas befanden, sowohl um sich bei Tage darauf auszuruhen, als um bei Nacht darauf zu schlafen. In der Mitte dieses Runds stand ein elftes, weniger hohes Sofa von derselben Farbe, worauf sich der erwähnte Greis setzte, und die zehn jungen Herren setzten sich auf die zehn anderen.

Da jedes Sofa nur für eine Person eingerichtet war, so sagte einer der jungen Leute zu mir: »Freund, setzt Euch auf den Teppich in der Mitte des Raumes und fragt nach nichts, was uns betrifft, noch weniger nach der Ursache unserer Blindheit auf dem rechten Auge; begnügt Euch mit dem Sehen und treibt Eure Neugier nicht weiter.«

Der Greis blieb nicht lange sitzen, er stand auf und ging hinaus; aber er kam nach einigen Augenblicken zurück und brachte das Abendbrot der zehn Herren, von denen er jedem seinen Anteil besonders vorlegte. Er brachte auch mir den meinigen, den ich gleich den übrigen allein verzehrte, und zu Ende der Mahlzeit reichte ebenderselbe Greis jedem von uns eine Schale mit Wein.

Meine Geschichte war ihnen so außerordentlich vorgekommen, daß ich sie ihnen zu Ende der Mahlzeit wiederholen mußte, und sie gab Veranlassung zu einer Unterredung, welche einen großen Teil der Nacht hindurch währte.

Einer der Herren, welcher die Bemerkung gemacht hatte, daß es schon spät sei, sagte zu dem Greise: »Ihr seht, daß es Schlafenszeit ist, und bringt uns nichts, um unsre Pflicht zu erfüllen.« Nach diesen Worten stand der Greis auf und ging in ein Kabinett, aus welchem er nach und nach zehn Becken brachte, wovon jedes mit einem blauen Stoff bedeckt war. Er stellte vor jeden Herrn eines nebst einem großen Licht.

Sie hoben die Decke von ihren Becken, in welchen Asche, Kohlenstaub und Schwarz zum Schwarzmachen lag. Sie mischten alle diese Dinge durcheinander und begannen sich damit das Gesicht zu bereiben und zu besudeln, so daß sie abscheulich anzusehen waren. Nachdem sie sich auf diese Weise schwarz gemacht hatten, fingen sie an zu weinen und zu klagen und sich vor den Kopf und die Brust zu schlagen, indem sie unaufhörlich schrieen: »Das ist die Frucht unseres Müßigganges und unserer Ausschweifungen!«

Sie brachten die ganze Nacht mit dieser seltsamen Beschäftigung zu. Endlich hörten sie damit auf, worauf ihnen der Greis Wasser brachte, womit sie sich Gesicht und Hände wuschen; sie zogen auch ihre schmutzig gewordenen Kleider aus und andere an, so daß es nun schien, als hätten sie gar nichts von den erstaunlichen Dingen getan, deren Zuschauer ich war.

Urteilt, verehrte Frau, von dem Zwang, in welchem ich mich diese ganze Zeit über befand. Ich war tausendmal in Versuchung, das Stillschweigen zu brechen, welches diese Herren mir auferlegt hatten, und ihnen Fragen vorzulegen, und es war mir unmöglich, den übrigen Teil der Nacht zu schlafen.

Bald nachdem wir am folgenden Morgen aufgestanden waren, gingen wir aus, um frische Lust zu schöpfen. Da sagte ich zu ihnen: »Meine Herren, ich erkläre, daß ich dem Gesetz entsage, welches ihr mir gestern Abend auferlegt habt, ich kann es nicht beobachten. Ihr seid kluge Leute und habt alle ungemein viel Verstand, das habt ihr mir hinlänglich bewiesen, dessenungeachtet hab' ich euch Handlungen begehen sehen, deren nur Unsinnige fähig sind. Was für ein Unglück mir auch widerfahren möge, ich kann es nicht unterlassen, euch zu fragen, weshalb ihr euch das Gesicht mit Asche, Kohle und schwarzer Farbe beschmutzt habt, endlich, weshalb ihr alle einäugig seid? Davon muß etwas sehr Sonderbares die Ursache sein, und deshalb beschwöre ich euch, meine Neugier zu befriedigen.« Auf so dringende Anmutungen erwiderten sie nichts, als daß der Gegenstand meiner Fragen mich nichts anginge, daß ich nicht den geringsten Anteil daran hätte, und daß ich mich dabei beruhigen sollte.

Wir brachten den Tag damit zu, uns von gleichgültigen Dingen zu unterhalten, und als es Nacht geworden war, brachte, nachdem jeder abgesondert zu Abend gegessen hatte, der Greis wieder die blauen Becken; die jungen Herren beschmutzten sich, weinten, schlugen sich und schrieen: »Das ist die Frucht unseres Müßiggangs und unserer Ausschweifungen.« Am folgenden Tage und in den folgenden Nächten taten sie dasselbe.

Auf die Dauer konnt' ich meiner Neugier nicht widerstehen, und ich bat sie sehr ernsthaft, sie zu befriedigen oder mir den Weg anzuzeigen, auf welchem ich in mein Königreich zurückkehren könnte; denn ich sagte ihnen, daß es mir nicht möglich wäre, länger bei ihnen zu verweilen und alle Nächte ein so außerordentliches Schauspiel zu sehen, ohne daß ich dessen Ursachen erfahren dürfte.

Einer der Herren antwortete mir statt der andern: »Verwundert Euch nicht über unser Benehmen in Betreff Eurer; wenn wir bisher Euren Bitten noch nicht nachgegeben haben, so ist das aus reiner Freundschaft für Euch geschehen, und um Euch den Kummer zu sparen, in denselben Zustand versetzt zu werden, in welchem Ihr uns seht. Wenn Ihr unser unglückliches Geschick erleiden wollt, so braucht Ihr es nur zu sagen, und wir werden Euch die gewünschte Auskunft geben.« Ich sagte ihnen, daß ich auf alles gefaßt sei. »Noch einmal,« sagte derselbe Herr, »raten wir Euch, Eure Neugier zu mäßigen; es handelt sich um den Verlust Eures rechten Auges.« »Das tut nichts,« erwiderte ich, »ich erkläre euch, daß ich euch von aller Schuld freispreche, wenn mir dieses Unglück begegnet, und daß ich es nur mir selber zuschreiben werde.« Er stellte mir noch vor, daß, wenn ich ein Auge verloren hätte, ich nicht darauf rechnen dürfte, bei ihnen zu bleiben, wenn ich etwa diesen Gedanken hegte, da ihre Anzahl vollzählig wäre und nicht vermehrt werden könnte. Ich sagte ihnen, daß ich mir ein Vergnügen daraus machen würde, mich niemals von so wackeren, lieben Leuten wie sie zu trennen, daß, wenn jedoch diese Trennung notwendig wäre, ich mich bereit erklärte, mich auch ihr zu unterwerfen, weil ich wünschte, daß sie mir, zu was für einem Preise es auch sei, mein Verlangen gewährten.

Die zehn Herren, welche sahen, daß ich unerschütterlich in meinem Entschluß war, nahmen einen Hammel, den sie erwürgten; und nachdem sie ihm die Haut abgezogen hatten, überreichten sie mir das Messer, dessen sie sich bedient hatten, und sagten zu mir: »Nehmt dieses Messer, es wird Euch bei der Gelegenheit, wovon wir Euch bald mehr sagen werden, Dienste leisten. Wir werden Euch in diese Haut einnähen, mit welcher Ihr Euch umhüllen müßt; nachher werden wir Euch auf dem Platz lassen und fortgehen. Alsdann wird ein Vogel von einer ungeheuren Größe, den man Roch nennt, in der Luft erscheinen, Euch für einen Hammel ansehen, auf Euch herabschießen und Euch bis in die Wolken entführen. Laßt Euch aber dadurch nicht schrecken! Er wird seinen Flug zur Erde richten und Euch auf dem Gipfel eines Berges niedersetzen. Sobald Ihr Euch auf der Erde fühlen werdet, zerschlitzt die Haut mit dem Messer und enthüllt Euch. Wenn Euch der Roch gesehen haben wird, wird er aus Furcht davonfliegen und Euch freilassen. Haltet Euch nicht auf; geht weiter, bis Ihr zu einem Schloß von bewundernswerter Größe gelangt, welches ganz mit Goldplatten, Smaragden und anderen kostbaren Edelsteinen bedeckt ist. Zeigt Euch an der Türe, die immer offen ist, und geht hinein. Wir alle, so viel wir hier sind, sind in diesem Schloß gewesen. Wir sagen Euch nichts von dem, was wir dort gesehen haben, noch was uns dort begegnet ist; Ihr werdet es selbst erfahren. Was wir Euch sagen können, ist, daß es jedem von uns das rechte Auge gekostet hat; und die Buße, von welcher Ihr Zeuge gewesen seid, ist uns auferlegt, weil wir dort gewesen sind. Die besondere Geschichte eines jeden von uns ist voll außerordentlicher Abenteuer, und man würde ein dickes Buch davon machen können; aber wir können Euch nicht mehr hierüber sagen.«

Hier unterbrach Scheherasade ihre Erzählung und sagte zum Sultan von Indien. »Herr, da meine Schwester mich heute ein wenig früher als gewöhnlich geweckt hat, so fürchtete ich Euer Majestät zu langweilen; aber der Tag bricht zur gelegenen Zeit an und gebietet mir Stillschweigen.« Die Neugier Schachriars siegte nochmals über den grausamen Schwur, den er getan hatte.

 

Zweiundsechzigste Nacht.

Dinarsade erwachte in dieser Nacht nicht so früh als in der vorhergehenden; sie unterließ jedoch nicht, die Sultanin vor Tage zu rufen und sie zu bitten, daß sie mit der Geschichte des dritten Kalenders fortfahren möge. Scheherasade begann demnach zu erzählen, indem sie den Kalender weiter zu Sobeïden sprechen ließ:

»Verehrte Frau, da nun einer der zehn einäugigen Herren so, wie ich Euch berichtete, zu mir gesprochen hatte, hüllte ich mich, mit dem erhaltenen Messer versehen, in die Haut des Hammels, und nachdem sich die jungen Herren die Mühe gegeben hatten, mich einzunähen, so ließen sie mich auf dem Platz und gingen in den Saal. Der Roch, von welchem sie mir gesagt hatten, zögerte nicht, sich sehen zu lassen; er schoß auf mich herab, packte mich mit seinen Klauen wie einen Hammel und trug mich auf die Höhe eines Berges.

Als ich mich auf der Erde fühlte, unterließ ich nicht, mich des Messers zu bedienen; ich zerschlitzte die Haut, enthüllte mich und erschien vor dem Roch, der davonflog, sobald er mich erblickte. Dieser Roch ist ein weißer Vogel von einer ungeheuren Größe und Dicke. Was seine Stärke betrifft, so ist diese so groß, daß er Elefanten aus den Ebenen wegholt und sie zum Futter für sich auf die Gipfel der Berge trägt.

Bei meiner Ungeduld, in das Schloß zu gelangen, verlor ich keine Zeit und schritt so rüstig vorwärts, daß ich in weniger als in einem halben Tage dort anlangte, und ich kann sagen, daß ich es noch schöner fand, als es mir geschildert worden war. Die Türe war offen. Ich trat in einen viereckigen und so großen Hof, daß ich um mich her neunundneunzig Türen von Sandel- und Aloeholz und eine goldene erblickte, ohne die zu mehreren prächtigen Treppen zu rechnen, welche in die obern Gemächer führten, und noch andere, die ich nicht sah. Die erwähnten hundert Türen führten in Gärten oder in mit Reichtümern angefüllte Speicher oder endlich an Orte, welche erstaunliche Dinge enthielten.

Ich sah grade vor mir eine offene Türe, durch welche ich in einen großen Saal trat, worin vierzig junge Mädchen von so vollkommener Schönheit saßen, daß selbst die Einbildungskraft sich nichts Schöneres vorzustellen vermag. Sie waren prächtig gekleidet und standen alle zusammen auf, als sie mich erblickten, und ohne meine Begrüßung abzuwarten, riefen sie mir mit großen Freudenbezeigungen zu: »Edler Herr, seid willkommen!«, und eine unter ihnen, welche das Wort für die andern nahm, sagte: »Seit langer Zeit erwarteten wir einen Ritter wie Euch. Euer Aussehen zeigt uns hinlänglich, daß Ihr alle guten Eigenschaften besitzt, die wir irgend wünschen können, und wir hoffen, daß Ihr unsre Gesellschaft nicht unangenehm und Eurer unwürdig finden werdet.«

Nach vielem Widerstand von meiner Seite wurde ich von ihnen gezwungen, mich an einen Platz zu setzen, der über die übrigen etwas erhaben war, und da ich zu erkennen gab, daß mir das unangenehm wäre, sagten sie zu mir: »Das ist Euer Platz; Ihr seid von diesem Augenblick an unser Herr und unser Richter, und wir sind Eure Sklavinnen, bereit, Eure Befehle zu empfangen.«

Nichts auf der Welt, edle Frau, setzte mich so in Erstaunen als die Geschäftigkeit, womit diese schönen Mädchen sich beeiferten, mir alle erdenklichen Dienste zu leisten. Die eine trug heißes Wasser herzu und wusch mir die Füße; eine andere goß mir ein wohlriechendes Wasser auf die Hände; jene brachten mir alles zu meiner Umkleidung Nötige; diese trugen mir einen prächtigen Imbiß auf; andere endlich kamen mit dem Glase in der Hand, um mir einen köstlichen Wein einzuschenken, und das alles geschah ohne Verwirrung, mit einer bewundernswerten Ordnung und Einigkeit und auf eine Art, die mich bezauberte. Ich aß und trank, worauf alle Mädchen, die sich rund um mich her gesetzt hatten, eine Erzählung meiner Reise von mir verlangten. Ich stattete ihnen einen Bericht von meinen Abenteuern ab, der bis zum Anbruch der Nacht währte.«

Da Scheherasade hier innehielt, fragte sie ihre Schwester um die Ursache. »Siehst du nicht, daß es Tag ist?« erwiderte die Sultanin, »warum hast du mich nicht eher geweckt?« Der Sultan, dem die Ankunft des Kalenders im Palast der vierzig schönen Mädchen angenehme Dinge versprach, wollte sich nicht des Vergnügens berauben, diese zu hören, und schob den Tod der Sultanin noch auf.

 

Dreiundsechzigste Nacht.

Dinarsade war in dieser Nacht nicht früher wach als in der vorhergegangenen, und es war beinahe Tag, als sie die Sultanin aufforderte, ihr zu erzählen, was sich ferner in dem schönen Schloß begeben hätte. »Das will ich dir sagen,« entgegnete Scheherasade, und sich an den Sultan wendend, fuhr sie fort: »Herr, der Kalender erzählte folgendermaßen weiter:

»Als ich mit meiner Geschichte zu Ende war, blieben einige von den Schönen, die mir am nächsten saßen, bei mir, um mich zu unterhalten, während andere, da sie sahen, daß es Nacht geworden war, aufstanden, um Kerzen zu holen. Sie brachten deren eine erstaunliche Menge, welche die Helle des Tages wundersam ersetzten; aber sie stellten sie so symmetrisch, daß es schien, als könnte man nicht weniger wünschen.

Andere Mädchen besetzten einen Tisch mit trocknen Früchten, Konfekt und andern zum Trinken reizenden Speisen und einen Schenktisch mit mehreren Sorten Wein und gebrannten Wassern, und endlich erschienen andere mit musikalischen Instrumenten. Als alles bereit war, luden sie mich ein, mich zu Tische zu setzen. Die Mädchen setzten sich zu mir, und wir tafelten ziemlich lange. Diejenigen, welche die Instrumente spielen und mit ihren Stimmen begleiten sollten, standen auf und ließen mich ein treffliches Konzert hören. Die andern begannen eine Art von Ball und tanzten nacheinander je zwei und zwei mit der lieblichsten Anmut von der Welt.

Es war schon nach Mitternacht, als diese Ergötzlichkeiten aufhörten. Hierauf nahm eine der Schönen das Wort und sagte zu mir: »Ihr seid von dem Wege ermüdet, den Ihr heute gemacht habt, es ist Zeit, daß Ihr Euch ausruhet. Euer Gemach ist bereitet, aber ehe Ihr Euch dorthin begebt, wählt aus uns allen die, welche Euch am besten gefällt, und nehmt sie mit Euch zu Bette.« Ich antwortete, daß ich mich wohl hüten würde, die vorgeschlagene Wahl zu treffen, da sie alle gleich schön, gleich geistreich und meiner Verehrung und meiner Dienste gleich würdig wären, und daß ich nicht die Unhöflichkeit begehen würde, eine der andern vorzuziehen.

Dieselbe, welche zu mir gesprochen hatte, sagte: »Wir sind vollkommen von Eurer Höflichkeit überzeugt, und wir merken wohl, daß die Befürchtung, Eifersucht unter uns zu erregen, Euch zurückhält; aber diese Rücksicht hindere Euch nicht; wir versichern Euch, daß das Glück der von Euch Erwählten keine Eifersüchtige machen wird, denn wir sind übereingekommen, daß wir nächtlich eine nach der andern dieselbe Ehre genießen werden, und daß nach Verfluß von vierzig Tagen die Reihe wieder von vorn anfangen soll. Wählt also frei und verliert nicht die Zeit, die Ihr der Euch so nötigen Ruhe widmen sollt.«

Ich wählte daher eine mit hübschem Gesicht, die Augen wie Kohlen, schwarze Haare, Zähne wie Eis und dichte Augenbrauen wie der Zweig von Basilikum. Sie ergötzte das Auge und entzückte das Herz, wie jener Dichter sagt:

»Sie ist schmiegsam wie die Zweige des Ban, den der Westwind bewegt; wie reizend und anziehend ist sie, wenn sie geht!

Bei ihrem Lächeln glänzen ihre Zähne, so daß wir sie für einen Blitzstrahl halten können, der neben Sternen leuchtet.

Von ihren kohlschwarzen Haaren hängen Locken herunter, die den hellen Mittag in die Wolken der Nacht hüllen; zeigt sie aber ihr Angesicht in der Finsternis, so beleuchtet sie alles von Osten bis Westen.

Aus Irrtum vergleicht man ihren Wuchs mit dem schönsten Zweige und mit Unrecht ihre Augen mit denen einer Gazelle.

Wo sollte eine Gazelle ihren schönen Ausdruck hernehmen; ihre liebenswürdige Natur ist einzig.

Ihre weiten Augen, die in der Liebe so gefährlich sind, fesseln plötzlich den von ihr Verwundeten.

Ich fühlte eine heidnische Liebe zu ihr. Kann man aber über einen kranken Liebenden sich wundern, der seinen Glauben vergißt?«

Drauf ließ man uns allein, und die übrigen begaben sich in ihre Zimmer.«

Doch es ist Tag, mein Fürst,« sagte Scheherasade zum Sultan, »und Euer Majestät wird mir wohl erlauben, den Prinzen Kalender bei seiner Schönen zu lassen.«

Schachriar antwortete nichts; aber er sagte im Aufstehen zu sich selbst: »Man muß gestehen, daß die Erzählung vollkommen schön ist; ich würde das größte Unrecht von der Welt begehen, wenn ich mir nicht die Frist gönnte, sie bis zu Ende zu hören.«

 

Vierundsechzigste Nacht.

Am andern Morgen sagte die Sultanin bei ihrem Erwachen zu Dinarsaden: »Höre nun, auf welche Weise der dritte Kalender den Faden seiner wunderbaren Geschichte wieder aufnahm:

»Ich hatte,« sagte er, »mich am folgenden Morgen kaum angekleidet, als die neununddreißig andern Schönen in mein Gemach kamen, alle anders geschmückt als am vorhergegangenen Tage. Sie wünschten mir einen guten Morgen und erkundigten sich nach meinem Befinden. Hierauf führten sie mich ins Bad, wo sie mich selbst wuschen, mir wider meinen Willen alle dort nötigen Dienste leisteten und mich nach dem Heraussteigen ein noch prächtigeres Kleid als das erste anziehen ließen.

Wir brachten fast den ganzen Tag bei der Tafel zu, und als die Schlafstunde gekommen war, baten sie mich, wieder eine von ihnen zur Bettgesellschaft zu wählen.

Ich wählte hierauf ein sanftes Wesen mit zarten Hüften, wie ein Dichter sagt:

»Ich erblickte an ihrem Busen zwei festgeschlossene Knospen, die der Liebende nicht anfassen darf; sie bewacht sie mit den Pfeilen ihrer Blicke, die sie dem entgegenschleudert, der Gewalt braucht.«

Kurz, verehrte Frau, um Euch nicht durch Wiederholung derselben Sache zu langweilen, will ich Euch nur sagen, daß ich ein ganzes Jahr mit den vierzig Schönen zubrachte, und daß während dieser ganzen Zeit dies wollüstige Leben nicht durch den geringsten Verdruß unterbrochen wurde.

Am Ende des Jahres indes (nichts konnte mich mehr in Erstaunen setzen) kamen die vierzig Mädchen eines Morgens, statt sich mir mit ihrer gewöhnlichen Heiterkeit zu zeigen und mich zu fragen, wie ich mich befände, in Tränen gebadet in mein Gemach. Sie umarmten mich zärtlich eine nach der andern und sagten zu mir: »Lebet wohl, lieber Prinz – lebet wohl, wir müssen Euch verlassen.« Ihre Tränen rührten mich. Ich bat sie, mir die Ursache ihrer Betrübnis und dieser Trennung, von welcher sie sprächen, zu sagen. »Im Namen Gottes, meine Schönen,« fügte ich hinzu, »belehrt mich, ob es in meiner Macht steht, euch zu trösten, oder ob meine Hilfe nichts vermag.« Statt mir bestimmt zu antworten, sagten sie: »Wollte Gott, daß wir Euch nie gesehen und gekannt hätten! Mehrere Ritter haben uns vor Euch die Ehre erzeigt, uns zu besuchen; aber kein einziger hatte diese Liebenswürdigkeit, diese Sanftmut, diese Fröhlichkeit und diese Verdienste, die Ihr besitzt. Wir wissen nicht, wie wir ohne Euch leben sollen.« Als sie ausgeredet hatten, fingen sie wieder bitterlich zu weinen an. »Meine Liebenswürdigen,« erwiderte ich, »ich bitte euch, laßt mich nicht länger schmachten: sagt mir die Ursache eures Schmerzes.« – »Ach,« entgegneten sie, »was wäre sonst wohl fähig, uns zu betrüben, als die Notwendigkeit, uns von Euch zu trennen? Vielleicht werden wir uns niemals wiedersehen! Wenn Ihr es jedoch wolltet und dazu Gewalt über Euch hättet, so wäre es nicht unmöglich, daß wir uns wieder vereinigten.« – »Meine Schönen,« versetzte ich, »ich begreife nichts von dem, was ihr sagt, und ich bitte euch, deutlicher mit mir zu sprechen.« – »Nun,« sagte die eine von ihnen, »um Euch Genüge zu leisten, sagen wir Euch, daß wir alle Prinzessinnen und Königstöchter sind. Wir leben hier zusammen so angenehm, wie Ihr es gesehen habt, aber am Ende jedes Jahres sind wir verbunden, uns zur Erfüllung unerläßlicher Pflichten, die wir nicht offenbaren dürfen, auf vierzig Tage zu entfernen, worauf wir wieder in dieses Schloß zurückkehren. Gestern endete das Jahr, und wir müssen Euch heute verlassen, das ist die Ursache unserer Betrübnis. Ehe wir abreisen, werden wir Euch alle Schlüssel übergeben, und besonders die zu den hundert Türen, hinter welchen Ihr manches finden werdet, um Eure Neugier zu befriedigen und Eure Einsamkeit während unserer Abwesenheit zu versüßen. Aber zu Eurem Wohl und unserem besonderen Vorteil empfehlen wir Euch, daß Ihr Euch hütet, die goldne Tür zu öffnen. Öffnet Ihr sie, so werden wir uns niemals wiedersehen, und diese Befürchtung vermehrt unsern Schmerz. Wir hoffen, daß Ihr den Rat, den wir Euch geben, benutzen werdet. Es handelt sich um die Ruhe und das Glück Eures Lebens, bedenkt das wohl. Wenn Ihr Eurer unbedachtsamen Neugier nachgäbet, würdet Ihr Euch großen Schaden zufügen. Wir beschwören Euch demnach, diesen Fehltritt nicht zu begehen und uns den Trost zu gewähren, daß wir Euch in vierzig Tagen hier wiederfinden. Wir könnten wohl den Schlüssel zu der goldenen Türe mit uns nehmen; aber es hieße einen Prinzen, wie Ihr seid, beleidigen, wenn man an seiner Behutsamkeit und Zurückhaltung zweifeln wollte.«

Scheherasade wollte fortfahren; aber sie sah den Tag anbrechen. Der Sultan, neugierig, zu wissen, was der Kalender nach der Abreise der vierzig Schönen allein im Schlosse machen würde, verschob es bis auf den andern Tag, sich darüber aufzuklären.

 

Fünfundsechzigste Nacht.

Da die willfährige Dinarsade lange vor Tagesanbruch erwacht war, so rief sie die Sultanin und sagte zu ihr: »Bedenke, meine Schwester, daß es Zeit ist, dem Sultan, unserm Herrn, die Folge dieser Geschichte zu erzählen, die du begonnen hast.« Scheherasade wandte sich nun an Schachriar mit den Worten: »Herr, Eure Majestät wisse, daß der Kalender seine Erzählung auf folgende Weise fortsetzte:

»Edle Frau,« sagte er, »die Reden dieser schönen Prinzessinnen verursachten mir einen wahrhaften Schmerz. Ich unterließ nicht, ihnen zu erkennen zu geben, daß ihre Abwesenheit mir vielen Kummer verursachen würde, und ich dankte ihnen für ihre guten Ratschläge. Ich gab ihnen die Versicherung, daß ich sie benutzen und noch schwierigere Dinge tun würde, um mir das Glück zu verschaffen, den Überrest meiner Tage mit Schönen von so seltenen Vorzügen zubringen zu können. Unser Abschied war der zärtlichste von der Welt, ich umarmte sie alle, eine nach der andern.

Als sich diejenige nahte, die ich am meisten liebte, um Abschied zu nehmen, kämpfte ihr Herz den mächtigsten Kampf der Liebe.

»Ihren Augen entquollen Perlen, zu denen sich meine Tränen, gleich weißem Karneol, gesellten.

Auf ihren Busen rollten sie dahin, dort gleichsam ein Halsband bildend.«

Die Mädchen gingen fort, und ich blieb allein im Schlosse. Die Annehmlichkeit der Gesellschaft, die gute Kost, die Konzerte, die Vergnügungen hatten mich das Jahr hindurch so beschäftigt, daß ich nicht die geringste Zeit noch Lust hatte, die Wunder zu sehen, die sich in diesem Zauberpalast befinden konnten. Ich hatte selbst auf tausend sehr merkwürdige Gegenstände nicht geachtet, die mir täglich vor den Augen waren, so sehr war ich von der Schönheit der Mädchen und von der Freude, sie bloß mit der Sorge, mir zu gefallen, beschäftigt zu sehen, bezaubert gewesen. Ich war über ihre Abreise innig betrübt, und obgleich ihre Abwesenheit nur vierzig Tage dauern sollte, so schien es mir doch, als sollt' ich ohne sie ein Jahrhundert zubringen.

Ich versprach mir wohl, daß ich ihren wichtigen Rat, die goldene Tür nicht zu öffnen, nicht vergessen wollte; aber da es mir, dies ausgenommen, erlaubt war, meine Neugier zu befriedigen, so nahm ich den ersten der nach der Ordnung aufgereihten Schlüssel zu den andern Türen.

Ich öffnete die erste Türe und trat in einen Fruchtgarten, dem, wie ich glaube, keiner in der ganzen Welt zu vergleichen ist. Ich bin der Meinung, daß selbst der, welchen unsre Religion uns nach dem Tode verspricht, ihn nicht übertreffen kann. Die Symmetrie, die Reinlichkeit, die bewundernswerte Anordnung der Bäume, der Überfluß und die Verschiedenheit von tausend Früchten unbekannter Art, ihre Frische, ihre Schönheit, alles entzückte meine Augen. Ich darf nicht vergessen, Euch, verehrte Frau, zu bemerken, daß dieser köstliche Garten auf sehr seltsame Weise gewässert wurde; mit Kunst und Gleichmaß gegrabene Rinnen leiteten Wasser im Überfluß zu den Wurzeln der Bäume, die dessen bedurften, um ihre ersten Blätter und Blüten zu treiben, andre führten denen, deren Früchte schon angesetzt hatten, ein geringeres Maß zu, andere noch weniger denen, deren Früchte schon größer wurden, andere leiteten nur das notwendige zu denen, deren Früchte schon die gehörige Größe erlangt hatten und nur die Reife erwarteten; aber diese Größe übertraf bei weitem die der gewöhnlichen Früchte unserer Gärten. Die andern Rinnen endlich, welche an die Bäume reichten, deren Frucht schon reif war, enthielten nur so viel Feuchtigkeit, als nötig war, sie, ohne daß sie verdarben, in demselben Zustande zu erhalten. Ich konnte nicht müde werden, einen so schönen Ort zu betrachten und zu bewundern, und ich hätte ihn niemals verlassen, wenn ich nicht von da an eine größere Meinung von den andern noch nicht gesehenen Dingen gefaßt hätte. Ich ging aus dem Garten, ganz voll von seinen Wundern, verschloß die Türe und öffnete die folgende.

Statt des Fruchtgartens fand ich einen in seiner Art nicht minder seltsamen Blumengarten. Er enthielt ein geräumiges Stück Land, nicht mit derselben Verschwendung bewässert als der vorige, sondern mit größerer Ersparnis, um jeder Blume nicht mehr Wasser zu spenden, als sie bedurfte. Die Rose, der Jasmin, das Veilchen, die Narzisse, die Hyazinthe, die Anemone, die Tulpe, die Ranunkel, die Nelke, die Lilie und eine Menge anderer Blumen, welche anderwärts nur zu verschiedenen Zeiten blühen, standen dort zugleich in der Blüte, und nichts war süßer als die Luft, welche man in diesem Garten einatmete.

Ich eröffnete die dritte Türe und fand ein sehr weitläufiges Vogelhaus. Es war mit dem feinsten, seltensten Marmor von mehreren Farben gepflastert. Der Käfig war von Sandel- und Aloeholz und umschloß eine große Menge von Nachtigallen, Distelfinken, Zeisigen, Lerchen und anderen noch gesangreicheren Vögeln, von denen ich in meinem Leben nichts gehört hatte. Die Gefäße, in welchen sich ihr Futter und ihr Wasser befand, waren vom kostbarsten Jaspis und Achat. Übrigens herrschte in diesem Vogelhaus die größte Reinlichkeit; seinem Umfange nach glaubte ich, daß nicht weniger als hundert Personen nötig wären, um es so reinlich zu erhalten, als es war, und doch sah ich hier ebensowenig irgend jemanden als in den Gärten, in denen ich gewesen war, und in welchen nicht ein einziges Unkraut, noch irgend etwas überflüssiges meine Augen beleidigt hatte. Die Sonne war schon untergegangen, und ich ging fort, entzückt von dem Gesange dieser Menge Vögel, die sich den bequemsten Fleck zur Nachtruhe aussuchten. Ich begab mich in mein Gemach, entschlossen, an den folgenden Tagen die anderen Türen, die hundertste ausgenommen, zu öffnen.

Am folgenden Tage unterließ ich nicht, die vierte Türe zu öffnen. Wenn das, was ich am vorigen Tage gesehen hatte, fähig gewesen war, mich in Erstaunen zu setzen, so riß mich das, was ich nun sah, zum Entzücken hin. Ich trat in einen großen Hof, der mit einem Gebäude von wundersamer Bauart umgeben war, dessen nähere Beschreibung ich unterlasse, um nicht zu weitläufig zu werden. Dieses Gebäude hatte vierzig offene Türen, jede führte zu einem Schatz, und mehrere dieser Schätze waren mehr wert als die größten Königreiche. Der erste enthielt ganze Haufen von Perlen und – was allen Glauben übersteigt – die kostbarsten, groß wie Taubeneier, überstiegen an Zahl die mittelmäßigen. Im zweiten Schatz befanden sich Diamanten, Karfunkel und Rubinen, im dritten Smaragden, im vierten Gold in Stangen, im fünften gemünztes Gold, im sechsten Silber in Stangen, in den beiden folgenden gemünztes Silber. Die andern enthielten Amethyste, Chrysolithe, Topase, Opale, Türkise, Hyazinthe und andere Edelsteine, die wir kennen, ohne vom Achat, Jaspis und Karneol zu reden. Derselbe Schatz enthielt einen Vorrat nicht bloß von Korallenzweigen, sondern von Korallenbäumen.

Erfüllt von Erstaunen und Bewunderung, rief ich nach der Betrachtung aller dieser Reichtümer aus: »Nein, wenn die Schätze aller Könige des Weltalls an einem einzigen Ort zusammengehäuft wären, so würden sie diesen nicht gleich kommen, wie groß ist mein Glück, alle diese Güter mit so vielen liebenswürdigen Prinzessinnen zu besitzen!«

Ich werde mich nicht dabei aufhalten, verehrte Frau, Euch eine ausführliche Beschreibung aller der seltenen und kostbaren Dinge zu machen, die ich an den folgenden Tagen sah. Ich begnüge mich, Euch zu sagen, daß ich nicht weniger als neununddreißig Tage brauchte, um die neunundneunzig Türen zu öffnen und alles, was sich meinem Anblick darbot, zu bewundern. Es blieb nur noch die hundertste Tür übrig, deren Eröffnung mir verboten war ...«

Der Tag, welcher das Zimmer des Sultans von Indien erhellte, legte hier Scheherasaden Stillschweigen auf. Aber diese Erzählung ergötzte Schachriar zu sehr, als daß er nicht hätte wünschen sollen, in der folgenden Nacht den Erfolg zu hören. Mit diesem Entschluß stand er auf.

 

Sechsundsechzigste Nacht.

Dinarsade, die nicht weniger lebhaft als Schachriar zu erfahren wünschte, welche Wunder der Schlüssel zur hundertsten Türe verschließen könnte, weckte die Sultanin sehr früh und bat sie, die erstaunliche Geschichte des dritten Kalenders zu beenden. »Er setzte sie,« sagte Scheherasade, »auf folgende Weise fort:

»Der vierzigste Tag seit der Abreise der reizenden Prinzessinnen war nun da. wenn ich an diesem Tage die Selbstbeherrschung hatte, die ich haben sollte, so wäre ich heute der glücklichste aller Menschen, statt daß ich nun der unglücklichste bin. Die Damen sollten am folgenden Tage ankommen, und die Freude, sie wiederzusehen, sollte meiner Neugier Zügel anlegen; aber aus einer Schwäche, die ich mir niemals werde verzeihen können, unterlag ich der Versuchung des Bösen, der mir keine Ruhe ließ, bis ich mich selbst dem Kummer überliefert hatte, den ich erlitt.

Ich öffnete die verhängnisvolle Türe, die ich versprochen hatte nicht zu öffnen. Kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle gesetzt, als ein sehr angenehmer, aber meiner Natur widerwärtiger Geruch mich ohnmächtig hinsinken ließ. Ich kam jedoch wieder zu mir, und statt diese Warnung zu benutzen, die Türe zu verschließen und auf immer die Lust zur Befriedigung meiner Neugier zu verlieren, trat ich ein. Nachdem ich einige Zeit lang gewartet hatte, bis dieser Geruch durch die frische Lust gemäßigt wurde, machte er mir keine Beschwerde mehr.

Ich fand einen weiten, wohlgewölbten Raum, dessen Pflaster mit Safran bestreut war. Mehrere Leuchter von massivem Golde mit angezündeten Kerzen, die den Geruch von Aloe und grauem Ambra verbreiteten, dienten zur Beleuchtung, welche durch goldene und silberne Lampen noch vermehrt wurde, die mit einem aus verschiedenen Arten von Wohlgerüchen bereiteten Öl angefüllt waren. Unter einer großen Menge von Gegenständen, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, erblickte ich ein schwarzes Pferd, das schönste und herrlichst gestaltete von der Welt. Ich näherte mich ihm, um es genau zu betrachten; ich sah, daß es einen Sattel und einen Zaum von massivem Golde und trefflicher Arbeit hatte, daß seine Krippe auf der einen Seite mit geschältem Grase und mit Sesam und auf der andern mit Rosenwasser angefüllt war. Ich nahm es beim Zügel und führte es heraus, um es beim Tageslicht zu betrachten. Ich setzte mich darauf und wollte vorwärtsreiten; aber da es sich nicht vom Fleck rührte, schlug ich es mit einer Gerte, die ich in seinem prächtigen Stall gefunden hatte. Kaum fühlte es den Schlag, als es mit schrecklichem Getöse zu wiehern begann, hierauf seine Flügel ausbreitete, die ich vorher nicht bemerkt hatte, und sich zu unabsehbarer Höhe in die Luft erhob. Ich dachte nur daran, festzusitzen, und ungeachtet des Schreckens, der mich befiel, saß ich nicht übel. Es nahm hierauf seinen Flug wieder gegen die Erde, flog auf das Terrassendach eines Schlosses, woselbst es mich, ohne daß es mir die Zeit gönnte, den Fuß auf die Erde zu setzen, so heftig schüttelte, daß ich hinten herabfiel, und mir sodann mit der Spitze seines Schweifes das rechte Auge ausschlug.

So wurd' ich einäugig. Nun erinnerte ich mich wohl an das, was mir die zehn jungen Herren prophezeit hatten. Das Pferd flog davon. Ich stand auf, sehr betrübt über das Unglück, welches ich mir selbst zugezogen hatte. Ich stieg von der Terrasse, die Hand auf meinem Auge, welches mich sehr schmerzte, herab und gelangte in einen Saal, der mich durch zehn in einen Kreis gestellte Sofas und ein anderes höheres in der Mitte erkennen ließ, daß dieses Schloß dasselbe war, aus welchem mich der Roch davongetragen hatte.

Die zehn einäugigen jungen Herren waren nicht im Saal. Ich erwartete sie dort, und sie kamen kurze Zeit nachher mit dem Greise. Sie schienen weder über meine Wiederkehr noch über den Verlust meines Auges erstaunt. »Es tut uns sehr leid,« sagten sie zu mir, »Euch nicht auf solche Weise über Eure Rückkehr Glück wünschen zu können, wie es uns lieb wäre; aber wir sind nicht an Eurem Unglück schuld.« – »Ich würde unrecht haben, euch deshalb anzuklagen,« erwiderte ich ihnen; »ich habe mir es selbst zugezogen, und nur ich habe gefehlt.« – »Wenn es der Trost der Unglücklichen ist,« versetzten sie, »ihresgleichen zu haben, so kann ihn unser Beispiel Euch gewähren. Alles, was Euch begegnet ist, ist auch uns begegnet. Wir haben ein ganzes Jahr lang alle Arten von Vergnügungen genossen und würden sie noch genießen, wenn wir nicht während der Abwesenheit der Prinzessinnen die goldene Tür geöffnet hätten. Ihr seid nicht klüger gewesen als wir und habt dieselbe Strafe erlitten. Wir möchten Euch gern unter uns aufnehmen, damit Ihr an unserer Buße, deren Dauer wir nicht wissen, teilnehmen könntet; aber wir haben Euch schon die Ursachen mitgeteilt, die uns daran verhindern. Deshalb verlaßt uns, geht an den Hof von Bagdad, dort werdet Ihr denjenigen finden, der über Euer Schicksal entscheiden wird.«

Sie belehrten mich über den Weg, den ich zu nehmen hätte, und ich trennte mich von ihnen. Ich ließ mir unterwegs den Bart und die Augenbrauen scheren und kleidete mich als Kalender. Seit langer Zeit bin ich auf dem Wege. Endlich bin ich nun heute beim Eintritt der Nacht in diese Stadt gekommen. Ich habe am Tore diese Kalender, meine Mitbrüder, gefunden, die hier ebenso fremd sind als ich. Wir sind alle drei sehr erstaunt gewesen, uns auf demselben Auge blind zu sehen. Wir hatten jedoch keine Zeit, uns über dieses gemeinsame Unglück zu unterhalten. Uns blieb nur so viel, Euch, verehrte Frau, um den Beistand anzuflehen, den Ihr uns so großmütig gewährt habt.«

Als der dritte Kalender seine Geschichte beendet hatte, nahm Sobeïde das Wort und sagte, indem sie sich zu ihm und zu seinen Mitbrüdern wandte: »Ihr seid frei, alle drei; geht, wohin es euch beliebt.« Aber einer von ihnen erwiderte: »Edle Frau, wir bitten Euch, uns unsre Neugier zu verzeihen und uns zu erlauben, die Geschichte dieser Herren mit anzuhören, die noch nicht gesprochen haben.« Hierauf sagte die Frau, sich zu dem Kalifen, dem Wesir Giafar und Mesrur wendend, die sie nicht für das erkannte, was sie waren: »Es ist nun an euch, mir eure Geschichte zu erzählen; redet!«

Der Großwesir Giafar, der immer das Wort geführt hatte, erwiderte Sobeïden: »Edle Frau, um Euch zu gehorchen, können wir nur wiederholen, was wir schon gesagt haben, ehe wir eintraten. Wir sind,« fuhr er fort, »Kaufleute aus Mossul und kommen nach Bagdad, um unsere Waren zu verhandeln, die in dem Chan, in welchem wir wohnen, in Verwahrung liegen. Wir haben heute mit mehreren anderen Personen unseres Gewerbes bei einem Kaufmann dieser Stadt zu Mittag gegessen, der, nachdem er uns mit köstlichen Speisen und ausgesuchten Weinen bewirtet hatte, Tänzer und Tänzerinnen und Musiker kommen ließ. Der große Lärm, den wir alle zusammen machten, hat die Scharwache herbeigezogen, die einen Teil der Gesellschaft festnahm. Was uns betrifft, so waren wir so glücklich, uns zu retten; da es jedoch schon spät und die Türe unseres Chans verschlossen war, so wußten wir nicht, wo wir hinsollten. Der Zufall hat gewollt, daß wir durch Eure Straße gekommen sind, und daß wir hörten, wie Ihr Euch hier ergötztet: das hat uns bestimmt, an Eure Türe zu klopfen. Dies, edle Frau, ist der Bericht, den wir Euch Eurem Befehl gemäß abzustatten haben.«

Nachdem Sobeïde diese Rede gehört hatte, schien sie unschlüssig, was sie sagen sollte. Die Kalender bemerkten dies und baten sie, den drei Kaufleuten aus Mossul dieselbe Güte zu erweisen, welche sie ihnen erwiesen hätte. »Nun wohl,« sagte sie, »ich willige darein. Ich will, daß ihr mir alle auf gleiche Weise verpflichtet seid. Ich begnadige euch, aber unter der Bedingung, daß ihr alle sogleich diese Wohnung verlaßt und hingeht, wohin es euch beliebt.« Da Sobeïde diesen Befehl in einem Ton gegeben hatte, welcher bewies, daß sie Gehorsam verlange, so gingen der Kalif, der Wesir, Mesrur, die drei Kalender und der Lastträger von dannen, ohne etwas zu erwidern: denn die Gegenwart der sieben bewaffneten Sklaven erhielt sie in Ehrfurcht. Als sie aus dem Hause waren und man die Türe verschlossen hatte, sagte der Kalif zu den Kalendern, ohne sich ihnen zu erkennen zu geben: »Und ihr, meine Herren, die ihr fremd und erst in dieser Stadt angelangt seid, wohin wollt ihr jetzt gehen, da es noch nicht Tag ist?« – »Herr,« erwiderten sie ihm, »das setzt uns in Verlegenheit.« – »Folgt uns,« sagte der Kalif, »wir wollen euch aus dieser Verlegenheit ziehen.« Nach diesen Worten sprach er leise zu dem Wesir und sagte zu ihm: »Bringe sie zu dir und morgen früh zu mir! Ich will ihre Geschichten aufschreiben lassen, sie verdienen wohl einen Platz in den Jahrbüchern meines Reiches.«

Der Wesir Giafar nahm die drei Kalender mit sich; der Lastträger begab sich nach Hause und der Kalif, von Mesrur begleitet, in seinen Palast. Er legte sich nieder, aber er konnte kein Auge zutun, so sehr war sein Geist von allen den außerordentlichen Dingen beunruhigt, die er gesehen und gehört hatte. Vorzüglich bekümmerte es ihn sehr, zu wissen, wer Sobeïde wäre, welchen Grund sie haben könnte, die beiden schwarzen Hündinnen so übel zu behandeln, und weshalb Amine einen zerschlagenen Busen hätte. Er war noch mit diesen Gedanken beschäftigt, als der Tag anbrach. Er stand auf, begab sich in das Zimmer, woselbst er Rat hielt und Gehör gab, und setzte sich auf seinen Thron.

Der Wesir kam kurze Zeit nachher, ihm wie gewöhnlich seine Ehrfurcht zu bezeigen. »Wesir,« sagte der Kalif zu ihm, »die Angelegenheiten, welche wir jetzt abzumachen haben, sind nicht so dringend; die der drei Frauen und der zwei Hündinnen sind es mehr. Mein Geist beruhigt sich nicht, bis ich von so vielen Dingen, die mich in Erstaunen setzen, vollkommen unterrichtet bin. Geh, laß die Frauen kommen und bringe zugleich die Kalender her. Eile, und erinnere dich, daß ich deine Rückkehr mit Ungeduld erwarte.«

Der Wesir, welcher die kochende Lebhaftigkeit seines Herrn kannte, eilte, ihm zu gehorchen. Er ging zu den Frauen und teilte ihnen auf eine sehr höfliche Weise den Befehl des Kalifen mit, sie zu diesem zu führen, ohne jedoch mit ihnen von dem zu reden, was in der Nacht bei ihnen vorgefallen war. Die Frauen verschleierten sich und gingen mit dem Wesir, der im Vorbeigehen die drei Kalender aus seiner Wohnung holte, welche inzwischen schon davon unterrichtet waren, daß sie den Kalifen gesehen und mit ihm gesprochen hatten, ohne ihn zu kennen. Der Wesir führte sie in den Palast und entledigte sich seines Auftrages so schnell, daß der Kalif sehr zufrieden war. Dieser Fürst ließ, um den Wohlanstand vor allen gegenwärtigen Hausbeamten zu beobachten, die drei Frauen hinter die Tür des Saales stellen, der in sein Gemach führte, und behielt die drei Kalender bei sich, welche durch ihre Ehrfurchtsbezeigungen hinlänglich zu erkennen gaben, daß sie wohl wußten, vor wem sie die Ehre hatten zu erscheinen.

Als die Frauen Platz genommen, wandte sich der Kalif zu ihnen und sagte: »Meine Schönen, indem ich euch sage, daß ich mich in der vergangenen Nacht als Kaufmann verkleidet bei euch eingeführt habe, werd' ich euch ohne Zweifel beunruhigen; ihr werdet fürchten, mich beleidigt zu haben, und vielleicht glauben, daß ich euch nur deshalb habe hierher kommen lassen, um euch Zeichen meines Unwillens zu geben; seid jedoch überzeugt, daß ich das Vergangene vergessen habe, und daß ich sogar mit eurer Ausführung sehr zufrieden bin. Ich wünschte, alle Frauen in Bagdad besäßen so viel Klugheit, als ihr mir gezeigt habt. Ich werde mich immer der Mäßigung erinnern, womit ihr die von uns begangene Unhöflichkeit aufnahmt. Ich war damals Kaufmann von Mossul, aber jetzt bin ich Harun Arreschid, der fünfte Kalif des glorreichen Hauses Abbas, welches die Stelle unsers großen Propheten einnimmt. Ich habe euch nur hierher beschieden, um zu wissen, wer ihr seid, und warum die eine von euch, nachdem sie die beiden schwarzen Hündinnen gemißhandelt hatte, mit ihnen weinte. Ich bin nicht minder neugierig, zu wissen, warum der Busen der anderen ganz mit Narben bedeckt ist.«

Obgleich der Kalif diese Worte sehr deutlich ausgesprochen hatte und die drei Frauen sie vollkommen verstanden, so unterließ der Wesir Giafar doch nicht, sie ihnen feierlich-herkömmlich zu wiederholen.

Aber, Herr,« sagte Scheherasade, »es ist Tag. Wenn Euer Majestät will, daß ich ihr den Verfolg erzähle, so müßt Ihr die Güte haben, mein Leben noch bis morgen zu verlängern.« Der Sultan willigte darein, indem er wohl vermutete, daß Scheherasade ihm die Geschichte Sobeïdens erzählen würde, welche zu hören er nicht wenig Lust hatte.

 

Siebenundsechzigste Nacht.

»Meine liebe Schwester,« rief Dinarsade gegen Ende der Nacht, »erzähle uns, ich bitte dich, die Geschichte Sobeïdens; denn diese Frau erzählte sie ohne Zweifel dem Kalifen.« – »Das tat sie,« erwiderte Scheherasade. »Als sie der Fürst durch seine mitgeteilte Rede beruhigt hatte, genügte sie seinem Verlangen auf folgende Weise:

 

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