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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Geschichte, vom jüdischen Arzt erzählt.

»Herr, während ich zu Damaskus Arzneikunde studierte und diese edle Kunst mit einigem Rufe zu treiben begann, kam ein Sklave zu mir, der mich zum Befehlshaber der Stadt holte, um einen Kranken zu besuchen. Ich begab mich hin, und man führte mich in ein Zimmer, wo ich einen sehr wohlgebildeten jungen Mann fand, der von dem Übel, an welchem er litt, sehr entkräftet war. Ich begrüßte ihn und setzte mich zu ihm; er erwiderte nichts auf meine Begrüßung, aber er bezeugte mir durch ein Zeichen mit den Augen, daß er mich verstände und mir dankte. »Herr,« sagte ich zu ihm, »ich bitte Euch, mir Eure Hand zu geben, damit ich Euch an den Puls fühlen kann.« Anstatt mir jedoch die rechte Hand darzureichen, reichte er mir die linke, was mich sehr in Erstaunen setzte. »Das ist,« sagte ich bei mir selbst, »eine große Unwissenheit, nicht zu wissen, daß man einem Arzte die rechte und nicht die linke Hand reichen muß.« Ich unterließ jedoch nicht, ihm an den Puls zu fühlen; und nachdem ich ein Rezept geschrieben hatte, entfernte ich mich.

Ich setzte meine Besuche neun Tage lang fort, und sooft ich ihm an den Puls fühlen wollte, reichte er mir die linke Hand. Am zehnten Tage schien es mir, daß er sich wohl befände, und sagte ihm, daß er nichts weiter nötig hätte, als ins Bad zu gehen. Der Befehlshaber von Damaskus, welcher gegenwärtig war, ließ mich, um mir seine Zufriedenheit zu bezeigen, in seiner Gegenwart mit einem sehr reichen Oberkleide bekleiden, indem er mir sagte, daß er mich zum Arzte des städtischen Hospitals und seines Hauses ernenne, wo ich, wenn ich Lust hätte, täglich an seiner Tafel speisen könnte.

Auch der junge Mann benahm sich sehr freundschaftlich gegen mich und bat mich, ihn in das Bad zu begleiten. Als wir dort waren und seine Leute ihn entkleidet hatten, sah ich, daß ihm die rechte Hand fehlte. Ich bemerkte zugleich, daß sie ihm erst vor nicht langer Zeit abgehauen worden war: das war auch die Ursache seiner Krankheit, die man mir verschwiegen hatte; und während die nötigen äußeren Heilmittel angewendet wurden, hatte man mich gerufen, damit das Fieber, welches er bekommen hatte, keine üblen Folgen haben möchte. Ich war sehr erstaunt und betrübt, ihn in diesem Zustand zu sehen, was ihm auch mein Gesicht zu erkennen gab.

»Doktor,« sagte er zu mir, »verwundert Euch nicht darüber, daß mir die Hand abgehauen ist: ich werde Euch schon einmal die Veranlassung dazu erzählen, und Ihr werdet da eine erstaunliche Geschichte hören.«

Nachdem wir aus dem Bade gekommen waren, setzten wir uns zu Tische und unterhielten uns nachher. Er fragte mich, ob er ohne Nachteil für seine Gesundheit außerhalb der Stadt in dem Garten des Befehlshabers spazierengehen dürfte. Ich erwiderte, daß er es nicht nur dürfte, sondern daß sogar die frische Luft sehr heilsam für ihn sein würde. »Wenn das ist,« sagte er, »und Ihr so gut sein wollt, mich zu begleiten, so will ich Euch draußen meine Geschichte erzählen.« Ich erwiderte, daß ich den ganzen übrigen Tag zu seinen Diensten wäre.

Hierauf befahl er seinen Leuten, etwas zum Imbisse mitzunehmen, und wir machten uns auf den Weg und begaben uns in den Garten des Befehlshabers. Wir gingen dort zwei- oder dreimal auf und nieder, und nachdem wir uns auf einen Teppich gesetzt hatten, welchen seine Leute unter einem Baum ausbreiteten, der einen angenehmen Schatten gab, erzählte mir der junge Mann seine Geschichte in folgenden Worten:

»Ich bin in Mossul geboren, und meine Familie ist eine der angesehensten dieser Stadt. Mein Vater war der älteste von zehn Kindern, welche mein Großvater bei seinem Sterben alle am Leben und verheiratet hinterlassen hatte. Aber von dieser großen Anzahl von Brüdern war mein Vater der einzige, der Kinder hatte, oder vielmehr ein Kind, nämlich mich. Er gab mir eine sehr sorgfältige Erziehung und ließ mich in allem unterrichten, was ein Knabe meines Standes lernen mußte.

 

Einhundertundfünfundfünfzigste Nacht.

Ich war schon groß und fing an, unter die Leute zu kommen, als ich mich eines Tages mit meinem Vater und meinen Oheimen in der großen Moschee in Mossul zum Mittagsgebete befand. Nach dem Gebete ging alles fort außer meinem Vater und meinen Oheimen, die sich auf den über den ganzen Fußboden der Moschee verbreiteten Teppich setzten. Ich setzte mich zu ihnen, und die Rede kam zufällig auf das Reisen. Sie priesen die Schönheiten und Merkwürdigkeiten einiger Königreiche und ihrer Hauptstädte; aber einer meiner Oheime sagte, daß, wenn man dem übereinstimmenden Bericht einer Menge von Reisenden glauben wollte, auf der Erde kein schöneres Land als Ägypten und kein schönerer Fluß als der Nil zu finden wäre; und was er davon erzählte, gab mir einen so hohen Begriff, daß mich in diesem Augenblicke die Lust ergriff, hinzureisen. Alles, was meine andern Oheime zu sagen wußten, um Bagdad und dem Tigris den Vorzug zu geben, indem sie diese Stadt den wahren Sitz der muselmännischen Religion und die Hauptstadt von allen Städten der Erde nannten, machte nicht den mindesten Eindruck auf mich. Mein Vater unterstützte die Meinung desjenigen seiner Brüder, der zugunsten Ägyptens gesprochen hatte, was mir viel Freude machte. »Was man auch sagen mag,« rief er aus, »wer Ägypten nicht gesehen hat, hat das Merkwürdigste auf Erden nicht gesehen. Die Erde ist dort ganz von Gold, das heißt, so fruchtbar, daß sie ihre Bewohner bereichert. Alle Weiber sind bezaubernd, entweder durch ihre Schönheit oder durch ihr anmutvolles Wesen, wo gibt es einen bewundernswürdigern Fluß als den Nil? Welches Wasser war jemals leichter und köstlicher? Selbst der Schlamm, den er bei seinem Austreten mit sich führt, düngt er nicht die Felder, die ohne Arbeit tausendmal mehr als andere noch so mühsam bearbeitete Erdstriche hervorbringen? Höret, was ein Dichter, der genötigt war, Ägypten zu verlassen, den Ägyptern sagte:

»Euer Nil überhäuft euch täglich mit Wohltaten; nur euretwegen kommt er so weit her!

Ach! indem ich mich von euch entferne, gießen meine Tränen so reichlich wie seine Wasser.

Ihr werdet seiner Süßigkeiten ferner genießen, während ich verdammt bin, mich ihrer wider Willen zu berauben.«

Wenn ihr,« fuhr mein Vater fort, »von der Seite der Insel, welche die beiden größten Arme des Nils bilden, euch umschaut, welche Abwechselung des Grüns, welcher Schmelz aller Gattungen von Blumen, welche wundersame Menge von Städten, Flecken, Kanälen und tausend anderen angenehmen Gegenständen! Wenn ihr nun die Augen auf die andere Seite, nach Äthiopien zu, werft, wie viele andere Gegenstände der Bewunderung! Ich kann das Grün so vieler von den verschiedenen Kanälen des Nils bewässerter Felder mit nichts besser vergleichen als mit glänzenden, in Silber gefaßten Smaragden. Ist Kairo nicht die größte, bevölkertste und reichste Stadt der Welt? Welche prächtigen öffentlichen und Privatgebäude! Wenn ihr bis zu den Pyramiden geht, so wird euch ein Staunen ergreifen, ihr werdet bei dem Anblicke dieser Steinmassen von ungeheurer Größe, die sich bis an den Himmel erheben, unbeweglich bleiben! Ihr werdet genötigt sein, zu gestehen, daß die Pharaonen, die zu ihrer Erbauung so viel Reichtümer und Menschen verwendet haben, alle nachfolgenden Monarchen nicht nur in Ägypten, sondern auf der ganzen Erde an Pracht und Erfindung durch Hinterlassung von Denkmälern, die ihres Andenkens so würdig sind, übertroffen haben. Diese Denkmäler, welche so alt sind, daß die Gelehrten über die Zeit ihrer Errichtung sich nicht einigen können, bestehen noch heute und werden noch so viele Jahrhunderte dauern, als sie schon gedauert haben. Ich übergehe die Seestädte des Königreichs Ägypten, als da sind Damiette, Rosette, Alexandrien, mit Stillschweigen, woselbst ich weiß nicht wie viele Völker tausend Gattungen von Getreide und Leinwand und tausend andere zum Nutzen und zur Lust der Menschen dienende Gegenstände holen. Ich spreche aus Erfahrung; ich habe dort mehrere Jahre meiner Jugend zugebracht, welche ich, solange ich lebe, für die angenehmsten meines ganzen Lebens halten werde.«

 

Einhundertundsechsundfünfzigste Nacht.

Meine Oheime hatten meinem Vater nichts entgegenzusetzen und stimmten alledem bei, was er von Kairo, vom Nil und vom ganzen Königreich Ägypten sagte. Was mich betraf, so war meine Einbildungskraft so voll davon, daß ich die nächste Nacht fast schlaflos zubrachte.

Kurze Zeit nachher gaben meine Oheime selbst zu erkennen, welchen Eindruck die Schilderungen meines Vaters auf sie gemacht hatten. Sie machten ihm den Vorschlag zu einer gemeinschaftlichen Reise nach Ägypten; er nahm ihn an, und da sie reiche Kaufleute waren, so beschlossen sie, Waren mitzunehmen, die sie dort verhandeln könnten.

Ich erfuhr, daß sie sich zur Reise vorbereiteten; ich suchte meinen Vater auf und bat ihn mit tränenden Augen, er möchte mir erlauben, ihn zu begleiten und mir eine Anzahl Waren zu einem eignen Geschäfte bewilligen. »Du bist noch zu jung,« sagte er zu mir, »um eine Reise nach Ägypten zu unternehmen, die Beschwerde ist zu groß, und ich bin überzeugt, daß diese Reise dir verderblich sein würde.«

Diese Worte benahmen mir die Reiselust nicht; ich wandte die Fürsprache meiner Oheime bei meinem Vater an, und sie bewirkten endlich, daß ich, jedoch nur bis Damaskus, mitreisen und dort, während sie nach Ägypten gingen, bleiben sollte. »Die Stadt Damaskus,« sagte mein Vater, »hat auch ihre Schönheiten, und er muß sich mit der Erlaubnis begnügen, dorthin zu reisen.« Wie begierig ich auch war, Ägypten nach allem, was ich davon gehört hatte, zu sehen, so war er doch mein Vater, und ich unterwarf mich seinem Willen.

Ich reiste also mit meinen Oheimen und ihm nach Mossul ab. Wir reisten durch Mesopotamien, gingen über den Euphrat und kamen in Aleppo an, wo wir einige Tage verweilten; und von dort begaben wir uns nach Damaskus, dessen Ansicht mich sehr angenehm überraschte. Wir kehrten alle in demselben Chan ein. Wir brachten einige Tage damit zu, in allen den köstlichen Gärten der Umgegend spazieren zu gehen, und wir waren einstimmig der Meinung, daß man recht habe zu sagen, Damaskus liege inmitten eines Paradieses.

Meine Oheime dachten endlich darauf, ihren Weg fortzusetzen: doch besorgten sie vorher den Verkauf meiner Waren, was sie auf eine so vorteilhafte Weise taten, daß mir ein Gewinn von fünfhundert Prozent zuteil wurde. Dieser Verkauf verschaffte mir eine ansehnliche Summe, deren Besitz mir große Freude machte.

Mein Vater und meine Oheime ließen mich also in Damaskus und setzten ihre Reise fort. Nach ihrer Abreise nahm ich mich sehr in acht, mein Geld nicht unnützerweise zu verschwenden. Ich mietete jedoch ein prächtiges Haus; es war ganz von Marmor, mit goldenen und azurnen Laubwerkgemälden geziert, auch hatte es einen Garten mit sehr schönen Springbrunnen. Ich richtete es ein, zwar nicht so reich, als seine Pracht es verlangte, aber doch anständig genug für einen Mann von meinem Stande. Es hatte einst einem der vornehmsten Herren der Stadt namens Modun Abdurraham gehört, und es gehörte damals einem reichen Juwelenhändler, welchem ich monatlich nur zwei Scherifs bezahlte. Ich hatte eine zahlreiche Dienerschaft, ich lebte mit Anstand; ich bewirtete zuweilen die Leute, mit denen ich Bekanntschaft gemacht hatte, und ließ mich zuweilen von ihnen bewirten; und so brachte ich, die Rückkehr meines Vaters erwartend, meine Zeit in Damaskus zu. Meine Ruhe wurde durch keine Leidenschaft gestört, und der Umgang mit wackeren, anständigen Leuten machte meine einzige Beschäftigung aus.

Eines Tages, als ich an der Türe meines Hauses saß und frische Luft schöpfte, kam eine sehr sorgfältig gekleidete und dem Anscheine nach sehr wohlgebildete Frau auf mich zu und fragte mich, ob ich keine Stoffe verkaufte. Dies sagend, trat sie in meine Wohnung.

 

Einhundertundsiebenundfünfzigste Nacht.

Als ich sah, daß die Frau in mein Haus getreten war, stand ich auf, machte die Türe zu, führte sie in einen Saal und bat sie, sich zu setzen, »Verehrte Frau,« sagte ich zu ihr, »ich habe wohl Stoffe gehabt, die würdig waren, Euch gezeigt zu werden, aber ich habe keine mehr, was mir jetzt recht verdrießlich ist.«

Sie hob den Schleier auf, der ihr Gesicht bedeckte, und ihre Schönheit machte einen solchen Eindruck auf mich, wie ihn noch keine Frau auf mich gemacht hatte. »Ich bedarf keiner Stoffe,« erwiderte sie mir, »ich bin bloß gekommen, um Euch zu besuchen und, wenn es Euch angenehm ist, den Abend mit Euch zuzubringen. Ich bitte Euch nur um einen leichten Imbiß.«

Von so gutem Glücke entzückt, befahl ich meinen Leuten, uns mehrere Gattungen von Früchten und Wein zu bringen. Wir wurden schnell bedient, aßen, tranken und ergötzten uns bis Mitternacht; kurz, ich hatte noch keine Nacht so angenehm als diese zugebracht.

Am anderen Morgen wollte ich der Schönen zehn Scherifs in die Hand drücken; aber sie zog sie heftig zurück. »Ich habe Euch nicht aus Eigennutz besucht, und Ihr beleidigt mich. Weit entfernt, Geld von Euch zu nehmen, will ich, daß Ihr welches von mir nehmt; denn sonst komme ich nicht wieder.« Zugleich zog sie zehn Scherifs aus ihrem Beutel und zwang mich, sie anzunehmen. »Erwartet mich in drei Tagen nach Sonnenuntergange.« Mit diesen Worten nahm sie Abschied von mir, und ich fühlte, als sie ging, daß sie mein Herz mit sich nahm.

Nach drei Tagen verfehlte sie nicht, sich zur bestimmten Stunde einzufinden, und ich empfing sie mit aller Freude eines ungeduldig Wartenden. Wir brachten den Abend und die Nacht wie das erstemal zu; und als sie mich am folgenden Morgen verließ, versprach sie, mich zu besuchen, ging aber nicht, ohne mir vorher wieder zehn Scherifs gegeben zu haben.

Sie kam zum dritten Male; und als der Wein uns beiden die Köpfe erhitzt hatte, sagte sie zu mir: »Mein liebes Herz, was denkst du von mir, bin ich nicht schön und unterhaltend?« – »Diese Frage, meine Liebste, scheint mir sehr unnötig; alle die Beweise von Liebe, die ich Euch gebe, müssen Euch überzeugen; daß ich Euch sehr lieb habe. Ich bin hocherfreut, Euch zu sehen und zu besitzen! Ihr seid meine Königin, meine Sultanin! Ihr macht das ganze Glück meines Lebens aus!« – »Oh,« sagte sie zu mir, »ich bin überzeugt; daß Ihr aufhören würdet, diese Sprache gegen mich zu führen, wenn Ihr eine meiner Freundinnen gesehen hättet, die viel jünger und schöner ist als ich! Sie besitzt eine so fröhliche Laune, daß sie die schwermütigsten Leute zum Lachen bringen würde. Ich muß sie zu Euch hierher bringen. Ich habe ihr von Euch erzählt, und nach dem, was ich ihr von Euch gesagt habe, stirbt sie vor Begierde, Euch zu besuchen. Sie hat mich gebeten, ihr dieses Vergnügen zu verschaffen, aber ich habe es nicht gewagt, ihre Bitte zu erfüllen, ohne vorher mit Euch deshalb gesprochen zu haben.« – »Meine Beste,« sagte ich zu ihr, »Ihr könnt tun, was Euch beliebt; was Ihr mir aber auch von Eurer Freundin sagen mögt, ich fordre alle ihre Reize auf und heraus, Euch mein Herz zu rauben. Es hängt so fest an Euch, daß nichts imstande ist, es loszureißen.« – »Nehmt Euch wohl in acht,« erwiderte sie, »ich sage Euch, daß ich Eure Liebe auf eine schwere Probe setzen werde.«

Dabei blieb es; und als sie mich am andern Morgen verließ, gab sie mir statt zehn Scherifs fünfzehn, die ich anzunehmen genötigt war. »Erinnert Euch,« sagte sie zu mir, »daß Ihr in zwei Tagen eine neue Gästin bei Euch haben werdet; denket darauf, sie gut zu empfangen, wir werden zur gewohnten Stunde nach Sonnenuntergang kommen.«

Ich ließ an dem bestimmten Tage den Saal schmücken und einen guten Imbiß bereiten.«

 

Einhundertundachtundfünfzigste Nacht.

Der junge Mann aus Mossul sagte, in seiner an den jüdischen Arzt gerichteten Erzählung fortfahrend:

»Ich erwartete die beiden Schönen mit Ungeduld, und sie kamen bei anbrechender Nacht. Beide entschleierten sich: und wenn ich von der Schönheit der ersten überrascht gewesen war, so hatte ich noch weit mehr Ursache, es beim Anblick ihrer Freundin zu sein. Sie hatte regelmäßige Züge, ein vollkommenes Gesicht, lebhafte Farbe und so glanzvolle Augen, daß ich ihren Glanz kaum ertragen konnte.

Ich dankte ihr für die Ehre, die sie mir erzeigte, und bat sie, mich zu entschuldigen, wenn ich sie nicht nach Verdienst empfinge. – »Lassen wir die höflichen Redensarten,« sagte sie zu mir, »es käme eigentlich mir zu, Euch dergleichen hören zu lassen, da Ihr erlaubt habt, daß meine Freundin mich hierher bringen darf; weil Ihr mich aber bei Euch dulden wollt, so lassen wir die Umstände, und denken wir nur daran, uns zu ergötzen!«

Da ich Befehle gegeben hatte, daß man uns den Imbiß auftragen sollte, sobald die Frauen angekommen wären, so setzten wir uns bald zu Tische. Ich saß der Neuangelangten gegenüber, und sie hörte nicht auf, mich lächelnd anzusehen. Ich konnte ihren siegenden Blicken nicht widerstehen, und sie machte sich zur Herrin meines Herzens, ohne daß ich mich dessen erwehren konnte. Aber sie fühlte auch selbst Liebe, indem sie mir welche einflößte, und weit entfernt, sich Zwang anzutun, sagte sie mir sehr lebhafte Dinge.

Die andere Schöne, welche das beobachtete, lachte anfangs nur darüber. »Ich habe es Euch wohl gesagt,« sagte sie, indem sie das Wort an mich richtete, »daß Ihr meine Freundin liebenswürdig finden würdet, und ich merke wohl, daß Ihr Euren Schwur, mir treu zu bleiben, schon verletzt habt.« – »Meine Verehrteste,« antwortete ich, indem ich lachte wie sie, »Ihr würdet Ursache haben, Euch über mich zu beklagen, wenn ich es gegen eine Frau, die Ihr mir zugeführt habt, und die Ihr liebt, an Höflichkeit fehlen ließe; und Ihr könntet mir beide den Vorwurf machen, daß ich es nicht verstände, den artigen Wirt zu machen.«

Wir fuhren fort zu trinken; aber je mehr der Wein uns erhitzte, je zuvorkommender wurden wir, die neue Schöne und ich, gegeneinander, so daß sich ihrer Freundin eine heftige Eifersucht bemächtigte, von welcher sie uns bald einen sehr traurigen Beweis gab. Sie stand auf und ging hinaus, indem sie uns sagte, sie würde wiederkommen; aber wenige Augenblicke nachher veränderte sich das Gesicht der bei mir gebliebenen Schönen; sie bekam heftige Krämpfe und gab endlich in meinen Armen ihren Geist auf, während ich Leute herbeirief, die mir helfen sollten, ihr beizustehen.

Ich gehe aus dem Zimmer, ich frage nach dem andern Fräulein; meine Leute sagen mir, daß sie die Haustüre geöffnet habe und fortgegangen sei. Ich schöpfte also Verdacht – und nichts war wahrscheinlicher –, daß sie es wäre, die den Tod ihrer Freundin veranlaßt hätte. In der Tat war sie so geschickt und boshaft gewesen, in die letzte Schale, welche sie selbst ihr dargereicht hatte, ein sehr heftiges Gift zu tun.

Ich war lebhaft über diesen Unfall betrübt. »Was soll ich tun?« sagte ich zu mir selbst, »was soll aus mir werden?«

Da ich glaubte, daß keine Zeit zu verlieren wäre, so ließ ich bei dem Scheine des Mondes und ohne Geräusch eine der großen Marmorplatten, mit welchen der Hof meines Hauses gepflastert war, aufheben und schnell ein Grab graben, in welches sie den Leichnam der jungen Frau begruben. Nachdem die Marmorplatte wieder an ihren Ort gelegt war, nahm ich ein Reisekleid, und was ich an Gelde hatte, und verschloß alles, sogar die Haustüre, die ich mit meinem Siegel besiegelte. Ich ging zu dem Juwelenhändler, der des Hauses Eigentümer war, bezahlte ihm den schuldigen Mietzins und noch auf ein Jahr voraus, gab ihm den Schlüssel und bat ihn, mir denselben aufzubewahren. »Ein dringendes Geschäft,« sagte ich zu ihm, »nötigt mich, einige Zeit abwesend zu sein, und ich muß zu meinen Oheimen nach Kairo.« Ich nahm hierauf Abschied von ihm, stieg sogleich zu Pferde und reiste mit meinen Leuten, die meiner warteten, ab.

 

Einhundertundneunundfünfzigste Nacht.

Meine Reise war glücklich, und ich langte in Kairo ohne Unfall an. Dort fand ich meine Oheime, die sehr erstaunt waren, mich zu sehen. Ich sagte ihnen zu meiner Entschuldigung, daß ich mich gelangweilt hätte, sie zu erwarten, und daß ich, da ich keine Nachrichten von ihnen erhalten, durch meine Unruhe zu dieser Reise angetrieben wäre. Sie nahmen mich sehr freundlich auf und versprachen mir, es zu bewirken, daß mein Vater über meine ohne seine Erlaubnis unternommene Abreise von Damaskus nicht zürnte. Ich wohnte mit ihnen in demselben Chan und sah alles, was es in Kairo Schönes zu sehen gab.

Weil sie ihre Waren verkauft hatten, beschlossen sie, nach Mossul zurückzukehren, und fingen schon an, die nötigen Vorbereitungen zu ihrer Rückreise zu treffen. Da ich jedoch nicht alles gesehen hatte, was ich in Ägypten zu sehen wünschte, so nahm ich mir eine Wohnung in einem von ihrem Chan sehr entfernten Viertel und ließ mich nicht eher sehen, als bis sie abgereist waren. Sie suchten mich lange durch die ganze Stadt, da sie mich aber nicht fanden, so vermuteten sie, daß die Reue, gegen den Willen meines Vaters nach Ägypten gekommen zu sein, mich bewogen hätte, nach Damaskus zurückzukehren, ohne ihnen etwas davon zu sagen; und so reisten sie in der Hoffnung ab, mich dort zu finden und mich bei ihrer Durchreise mitzunehmen.

Ich blieb also nach ihrer Abreise in Kairo, woselbst ich drei Jahre verweilte, um meine Neugier, alle Wunder Ägyptens zu sehen, völlig zu befriedigen. Während dieser Zeit versäumte ich nicht, dem Juwelenhändler Gold zu schicken und ihn zu ersuchen, daß er mir sein Haus bewahrte, denn ich hatte die Absicht, nach Damaskus zurückzukehren und mich daselbst noch einige Jahre aufzuhalten. Es begegnete mir in Kairo nichts, was des Erzählens wert wäre; aber Ihr werdet ohne Zweifel über das, was sich nach meiner Rückkehr in Damaskus mit mir zutrug, sehr erstaunt sein.

Ich stieg bei meiner Ankunft in dieser Stadt bei dem Juwelenhändler ab, der mich sehr freundlich aufnahm, und der mich selbst in mein Haus begleitete, um mir zu beweisen, daß während meiner Abwesenheit niemand hineingekommen wäre. In der Tat fand ich das Siegel noch unverletzt auf dem Schlosse. Ich ging in das Haus und fand alles in dem Zustande, in welchem ich es verlassen hatte.

Beim Reinigen und Auskehren des Saales, in welchem ich mit den Frauen gegessen hatte, fand einer meiner Leute ein goldenes Halsband, an welchem sich zehn sehr große und vollkommene Perlen befanden; er brachte es mir, und ich erkannte es für das, welches ich an dem Halse der jungen vergifteten Frau gesehen hatte. Es mußte sich losgemacht haben und heruntergefallen sein, ohne daß ich es bemerkte. Ich konnte es nicht ohne Tränen betrachten, indem ich eines so liebenswürdigen Wesens und ihres so traurigen Todes gedachte. Ich hüllte es ein und verbarg es sorglich an meiner Brust.

Ich brachte einige Tage damit zu, mich von den Beschwerden meiner Reise zu erholen, und begann hierauf die Leute zu besuchen, mit denen ich früher Bekanntschaft gemacht hatte. Ich überließ mich allen Arten von Vergnügungen und gab unmerklich mein ganzes Geld aus. Ich beschloß in dieser Lage, statt meines Hausgerätes das Halsband zu verkaufen; aber ich verstand mich so schlecht auf Perlen, daß ich mich, wie Ihr hören werdet, sehr ungeschickt bei der Sache benahm.

Ich begab mich auf den Besasthan, wo ich einen Ausrufer beiseitezog, ihm das Halsband zeigte, ihm sagte, daß ich es verkaufen wollte, und ihn bat, es den vorzüglichsten Juwelieren zu zeigen. Der Ausrufer geriet über das Halsband in Erstaunen. »Wie schön das ist!« rief er aus, nachdem er es eine lange Weile mit Bewunderung betrachtet hatte. »Niemals haben unsere Kaufleute etwas so Kostbares gesehen! Ich werde ihnen damit ein großes Vergnügen machen, und Ihr dürft nicht zweifeln, daß sie um die Wette einen hohen Preis darauf setzen werden.«

Er führte mich an einen Laden, und es traf sich, daß es der meines Hausherrn war. »Erwartet mich hier,« sagte der Ausrufer zu mir, »ich werde Euch bald Antwort sagen.«

Während er auf sehr geheimnisvolle Weise von Kaufmann zu Kaufmann ging, um das Halsband vorzuweisen, setzte ich mich zu dem Juwelenhändler, der sehr erfreut war, mich zu sehen, und wir fingen an, uns von gleichgültigen Dingen zu unterhalten. Der Ausrufer kam zurück, nahm mich beiseite, und anstatt mir zu sagen, daß man das Halsband mindestens auf zweitausend Scherifs schätzte, versicherte er mich, daß man nur fünfzig dafür geben wollte. »Das kommt daher,« fügte er hinzu, »daß, wie man mir gesagt hat, die Perlen falsch sind; überlegt's Euch, ob Ihr es für diesen Preis lassen wollt.« Da ich ihm auf sein Wort glaubte und sehr notwendig Geld brauchte, sagte ich zu ihm: »Geht, ich verlasse mich aus das, was Ihr mir sagt, und auf diejenigen, die sich besser darauf verstehen als ich: liefert es ab und bringt mir sogleich das Geld.«

Der Ausrufer hatte mir die fünfzig Scherifs im Namen des reichsten Juwelenhändlers im ganzen Besasthan geboten, welcher dieses Gebot nur gemacht hatte, um mich zu prüfen und zu erfahren, ob ich den Wert des Halsbandes wohl kennte. Er hatte also kaum meine Antwort vernommen, als er den Ausrufer vor den Polizeimeister führte und zu diesem, ihm das Halsband vorweisend, sagte: »Herr, dies ist ein Halsband, welches man mir gestohlen hat; der als Kaufmann verkleidete Dieb hat die Dreistigkeit gehabt, es zum Verkauf ausbieten zu lassen, und er ist jetzt im Besasthan. Er begnügt sich mit fünfzig Scherifs für ein Kleinod, welches zweitausend wert ist; nichts kann besser beweisen, daß er ein Dieb ist.«

Der Polizeimeister ließ mich auf der Stelle festnehmen, und als ich vor ihm stand, fragte er mich, ob das Halsband, das er in der Hand hatte, nicht dasselbe wäre, welches ich auf dem Besasthan zum Verkauf ausgeboten hätte. Ich antwortete ihm mit Ja. »Ist es wahr,« versetzte er, »daß Ihr es für fünfzig Scherifs lassen wollt?« Ich gab das zu. »Nun wohlan,« sagte er mit einem spöttischen Tone, »man gebe ihm die Bastonade! Er wird bald bekennen, daß er mit seinem schönen Kaufmannskleide doch nur ein Erzdieb ist; man schlage ihn, bis er das eingesteht.« Die Heftigkeit der Stockschläge machte mich zum Lügner; ich bekannte gegen die Wahrheit, daß ich das Halsband gestohlen hätte, und der Polizeimeister ließ mir sogleich die Hand abhauen.

Dies verursachte in dem Besasthan einen großen Lärm, und ich war kaum zu Hause, als ich den Hausherrn kommen sah. »Mein Sohn,« sagte er zu mir, »Ihr scheint ein so anständiger und wohlerzogener junger Mann zu sein, wie ist es möglich, daß Ihr eine so unwürdige Handlung als die, wovon ich reden gehört habe, begangen habt? Ihr selbst habt mich von Eurem Vermögen unterrichtet, und ich zweifle nicht, daß es sich damit so verhält, wie Ihr mir gesagt habt. Warum habt Ihr mich nicht um Geld angesprochen? Ich würde Euch welches geliehen haben; aber nach dem Vorgefallenen kann ich Euch nicht länger in meinem Hause dulden; nehmt Eure Maßregeln und sucht Euch eine andre Wohnung.«

Ich fühlte mich durch seine Worte sehr bekümmert und bat ihn, mir zu erlauben, daß ich noch drei Tage in seinem Hause bleiben dürfte, was er mir auch gestattete.

»Ach!« rief ich aus, »welch ein Unglück und welch eine Schmach! Soll ich es wagen, nach Mossul zurückzukehren? Und wird alles, was ich meinem Vater zu sagen vermag, ihn von meiner Unschuld überzeugen?«

 

Einhundertundsechzigste Nacht.

Drei Tage, nachdem mir dieses Unglück begegnet war, sah ich mit Erstaunen einen Trupp Polizeidiener und den Kaufmann, der mich fälschlich als den Dieb des Halsbandes mit Perlen verklagt hatte, zu mir ins Haus treten. Ich fragte sie, was sie zu mir führte; aber anstatt mir zu antworten, banden und knebelten sie mich, indem sie mich mit Schimpfreden überhäuften und mir sagten, daß das Halsband dem Befehlshaber von Damaskus gehörte, der es seit länger als drei Jahren verloren hätte, und daß zu derselben Zeit eine seiner Töchter verschwunden wäre. Stellt Euch den Zustand vor, in welchen mich diese Nachricht versetzte! Ich faßte jedoch einen Entschluß. »Ich werde dem Befehlshaber die Wahrheit sagen,« sagte ich zu mir selbst; »es wird von ihm abhängen, mir zu verzeihen oder mich töten zu lassen.«

Als man mich vor ihn brachte, bemerkte ich, daß er mich mit einem mitleidigen Auge ansah, und das war mir eine gute Vorbedeutung. Er ließ mich entfesseln und sagte hierauf, indem er sich an den Juwelenhändler, der mein Ankläger war, und an meinen Hausherrn wandte:

»Ist das der Mensch, der das Perlenhalsband zum Verkauf ausgeboten hat?« Sie hatten ihm kaum mit Ja geantwortet, als er fortfuhr: »Ich bin überzeugt, daß er das Halsband nicht gestohlen hat, und ich bin sehr erstaunt, daß man ihm eine so große Ungerechtigkeit hat widerfahren lassen.« Durch diese Worte ermutigt, rief ich aus: »Herr, ich schwöre Euch, daß ich in der Tat sehr unschuldig bin. Ich bin sogar überzeugt, daß das Halsband meinem Ankläger, den ich niemals gesehen habe, und dessen Treulosigkeit an meiner unwürdigen Behandlung schuld ist, nie gehört hat. Es ist wahr, daß ich den Diebstahl eingestanden habe; aber ich habe dieses Geständnis wider mein Gewissen, von Qualen bedrängt und aus einer Ursache abgelegt, die ich Euch zu sagen bereit bin, wenn Ihr die Güte haben wollt, mich anzuhören.« –^ »Ich weiß bereits genug,« sagte der Befehlshaber, »um Euch sogleich einen Teil der Gerechtigkeit, den ich Euch schuldig bin, widerfahren zu lassen. Man führe,« fügte er hinzu, »den falschen Ankläger fort und lasse ihn dieselbe Strafe erleiden, die er diesen jungen Mann, dessen Unschuld mir bekannt ist, hat erleiden lassen.«

Man vollstreckte diesen Befehl auf der Stelle: der Juwelenhändler wurde abgeführt und nach Verdienst bestraft. Nachdem hierauf der Befehlshaber alle Gegenwärtigen hatte hinausgehen lassen, sagte er zu mir: »Mein Sohn, erzählet mir ohne Furcht, wie dies Halsband in Eure Hände gekommen ist, und verschweiget mir nichts.«

Hierauf entdeckte ich ihm alles Vorgefallene und gestand ihm, daß ich lieber für einen Dieb hätte gelten als dieses traurige Abenteuer kund machen wollen. »Großer Gott,« rief der Befehlshaber, als ich meine Erzählung beendet hatte, aus, »deine Ratschlüsse sind unerforschlich, und wir müssen uns ihnen ohne Murren unterwerfen! Ich empfange mit vollkommener Unterwerfung den Streich, welcher mich nach deinem Gefallen getroffen hat.« Hierauf sagte er, seine Worte an mich richtend: »Mein Sohn, nachdem ich nun von dir die Ursache deines Unglücks, welches mich sehr betrübt, erfahren habe, will ich dir auch das meinige erzählen. Wisse, daß ich der Vater der beiden Frauen bin, von welchen du mir eben erzählt hast.«

 

Einhundertundeinundsechzigste Nacht.

Der Befehlshaber von Damaskus sagte, indem er fortfuhr, sich an den jungen Mann aus Mossul zu wenden: »Wisset also, mein Sohn, daß die erste Frau, welche die Unverschämtheit gehabt hat, Euch in Eurer Wohnung aufzusuchen, die älteste von allen meinen Töchtern ist. Ich hatte sie in Kairo an einen ihrer Vettern, den Sohn meines Bruders, verheiratet. Ihr Mann starb, und sie kehrte zu mir zurück, verdorben durch tausend Nichtswürdigkeiten, welche sie in Ägypten gelernt hatte. Vor ihrer Ankunft war ihre jüngere Schwester, welche auf eine so beklagenswerte Weise in Euren Armen gestorben ist, sehr sittsam, und ihr Betragen hatte mir nie Veranlassung zu irgend einer Klage gegeben. Die älteste knüpfte einen engen Freundschaftsbund mit ihr und machte sie nach und nach ebenso schlimm, als sie selbst war. Da ich den Tag nach dem Tode der jüngeren sie nicht sah, als ich mich zu Tische setzte, so erkundigte ich mich nach ihr bei der ältesten, welche nach Hause gekommen war; aber anstatt mir zu antworten, fing sie an, so bitterlich zu weinen, daß ich daraus nichts Gutes weissagte. Ich drang in sie, mir zu sagen, was ich wissen wollte. »Mein Vater,« entgegnete sie mir schluchzend, »ich weiß Euch nichts anderes zu sagen, als daß meine Schwester gestern ihr schönstes Kleid anzog, ihr schönes Perlenhalsband anlegte und sich seitdem nicht wieder hat sehen lassen.« Ich ließ meine Tochter in der ganzen Stadt aufsuchen, konnte aber von ihrem traurigen Schicksale nichts erfahren. Inzwischen hörte die älteste, die ohne Zweifel ihre eifersüchtige Wut bereute, nicht auf, sich zu betrüben und den Tod ihrer Schwester zu beweinen; sie enthielt sich sogar aller Nahrung und machte dadurch ihrem beklagenswerten Leben ein Ende. Das,« fuhr der Befehlshaber fort, »ist das Los der Menschen! Das sind die Unglücksfälle, denen sie ausgesetzt sind! Aber, mein Sohn,« fügte er hinzu, »da wir alle beide unglücklich sind, so lasset uns unsere Leiden vereinen und uns voneinander nicht mehr trennen. Ich gebe Euch meine dritte Tochter zur Frau, sie ist jünger als ihre Schwestern und gleicht ihnen durch ihre Aufführung keineswegs. Sie ist sogar schöner, als sie waren, und ich kann Euch versichern, daß sie einen Charakter besitzt, der ganz geeignet ist, Euch glücklich zu machen. Mein Haus wird das Eurige, und nach meinem Tode sollt Ihr und meine Tochter meine einzigen Erben sein.«

»Herr,« sagte ich zu ihm, »Eure viele Güte verwirrt mich, und ich werde nie imstande sein, Euch dafür die gebührende Erkenntlichkeit zu bezeigen.« – »Lassen wir das,« unterbrach er mich, »und verschwenden wir die Zeit nicht mit unnützen Reden.« Er ließ hierauf Zeugen kommen, und ich heiratete seine Tochter ohne weitere Feierlichkeit.

Er begnügte sich nicht mit der erwähnten Bestrafung des Juwelenhändlers, der mich fälschlich angeklagt hatte, sondern ließ noch zu meinem Vorteile sein sehr beträchtliches Vermögen in Beschlag nehmen. Kurz, Ihr habt, seit Ihr bei dem Befehlshaber aus- und eingeht, selbst sehen können, in welchem Ansehen ich bei ihm stehe. Ich muß Euch überdem noch sagen, daß ein Mann, den meine Oheime ausdrücklich nach Ägypten geschickt haben, um mich daselbst aufzusuchen, bei einer Durchreise dahintergekommen ist, daß ich mich hier befinde, und mir gestern einen Brief von ihnen überbracht hat. Sie melden mir den Tod meines Vaters und laden mich ein, seine Hinterlassenschaft in Mossul in Empfang zu nehmen; da mich aber die Verwandtschaft und Freundschaft des Befehlshabers an ihn fesseln und mir nicht erlauben, mich von ihm zu entfernen, so habe ich den Boten mit einer Vollmacht zurückgeschickt, um mir alles, was mir gebührt, zukommen zu lassen. Nach dem, was Ihr nun von mir gehört habt, werdet Ihr mir hoffentlich die Unhöflichkeit verzeihn, die ich mir während des Laufes meiner Krankheit gegen Euch habe zuschulden kommen lassen, indem ich Euch die linke Hand statt der rechten bot.«

Dies,« so sagte der jüdische Arzt zu dem Sultan von Kaschgar, »erzählte mir der junge Mann aus Mossul. – Ich blieb in Damaskus, solange der Befehlshaber lebte, und da ich nach seinem Tode noch in der Blüte meines Lebens war, so ging ich auf Reisen. Ich durchstrich Persien, ging dann nach Indien und habe mich nun endlich in Eurer Hauptstadt niedergelassen, wo ich mit Ehren das Gewerbe eines Arztes treibe.«

Der Sultan von Kaschgar fand diese letzte Geschichte recht ergötzlich. »Ich gestehe,« sagte er zu dem Juden, »was du erzählt hast, ist außerordentlich; aber, aufrichtig gesagt, die Geschichte des Buckligen ist noch außerordentlicher und erstaunlicher; also hoffe nicht, daß ich dir und den andern das Leben schenke; ich werde euch alle viere hängen lassen.«

»Habet, o Herr, die Gnade, noch zu warten,« sagte der Vortretende und sich zu den Füßen des Sultans werfende Schneider; »da Euer Majestät ergötzliche Geschichten liebt, so wird Euch die, welche ich Euch zu erzählen habe, nicht mißfallen.« – »Ich will auch wohl dich anhören,« sagte der Sultan zu ihm; »aber schmeichle dir nicht, daß ich dich leben lasse, wenn du mir nicht ein noch unterhaltenderes Abenteuer als das des Buckligen erzählst.«

Hierauf nahm der Schneider mit Vertrauen und so, als ob er seiner Sache gewiß wäre, das Wort und erzählte wie folgt.

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