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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Geschichte des kleinen Buckligen.

»Es gab einst in Kaschgar einen Schneider, der eine sehr schöne Frau hatte, die er sehr liebte, und von welcher er nicht minder geliebt wurde. Als er eines Tages arbeitete, setzte sich ein kleiner Buckliger an den Eingang seines Ladens und begann zu singen und dazu auf eine kleine Trommel zu schlagen. Dem Schneider gefiel das, und er beschloß bei sich, ihn in sein Haus zu laden, um seine Frau zu ergötzen. Er machte ihm diesen Vorschlag; und da der Bucklige ihn annahm, so schloß er seinen Laden und nahm ihn mit nach Hause.

Sobald sie dort angelangt waren, trug die Frau des Schneiders, welche den Tisch schon gedeckt hatte, weil es Abendessenszeit war, eine gute Schüssel Fische auf. Sie setzten sich alle drei zu Tische; aber der Bucklige verschlang während des Essens unglücklicherweise eine große Fischgräte, wovon er in wenigen Augenblicken starb, ohne daß der Schneider und seine Frau ihm helfen konnten.

Sie waren beide über diesen Unfall umsomehr erschrocken, da er sich bei ihnen ereignet hatte und sie mit Grund befürchten konnten, die Justiz möchte, wenn sie ihn erführe, sie als Meuchelmörder bestrafen. Der Mann ersann jedoch ein Mittel, den Leichnam los zu werden; es fiel ihm ein, daß in der Nachbarschaft ein jüdischer Arzt wohnte; und da er seinen Plan hieran knüpfte, so nahmen, um ihn auszuführen, seine Frau und er den Buckligen, der eine beim Kopf und die andere bei den Beinen, und trugen ihn bis zu der Wohnung des Arztes. Sie klopften an seine Haustüre, an welche eine sehr steile Treppe stieß, die in sein Zimmer führte. Es kam sogleich eine Magd ohne Licht herab, öffnete und fragte, was sie wollten. »Geht nur wieder hinauf,« sagte der Schneider, »und sagt Eurem Herrn, daß wir ihm einen sehr kranken Menschen bringen, dem er ein Arzneimittel geben soll. Hier,« fügte er hinzu, indem er ihr ein Silberstück in die Hand drückte, »gebt ihm das im voraus, um ihn zu überzeugen, daß wir seine Bemühung nicht umsonst verlangen.« Während nun die Magd wieder hinaufging, um dem jüdischen Arzt eine so gute Nachricht zu bringen, trugen der Schneider und seine Frau den Buckligen schnell die Treppe hinauf, ließen ihn oben liegen und eilten heim.

Die Magd hatte inzwischen dem Arzte gesagt, daß ein Mann und eine Frau ihn an der Türe erwarteten und ihn bäten, herabzukommen, um einen Kranken zu sehen, den sie mitgebracht hätten; sie hatte ihm das erhaltene Geld gegeben, worüber er sich ausnehmend freute und aus dieser Vorbezahlung auf eine gute Kundschaft schloß, die er nicht vernachlässigen durfte. »Nimm schnell das Licht,« sagte er zu seiner Magd, »und folge mir.« Indem er dies sagte, eilte er schnell der Treppe zu, ohne abzuwarten, daß die Magd ihm leuchtete, und da er an den Buckligen kam, stieß er ihn mit dem Fuße so heftig in die Seiten, daß dieser die Treppe hinunterkollerte und wenig daran fehlte, daß der Arzt mit ihm hinuntergekollert wäre. »Bringe schnell Licht hierher,« rief er seiner Magd zu. Diese kam endlich, er ging mit ihr die Treppe hinunter, und da er fand, das, was er hinuntergestoßen, wäre ein toter Mensch, so erschrak er über dieses Schauspiel so sehr, daß er Moses, Aaron, Josua, Esra und alle andern Propheten seines Gesetzes anrief. »Ich Unglücklicher,« sagte er, »warum wollte ich ohne Licht herabsteigen? Ich habe den Tod des Kranken, den man zu mir gebracht hat, beschleunigt; ich bin schuld daran, daß er gestorben ist, und wenn mir der gute Esel des Esra nicht zu Hilfe kommt, so bin ich verloren. Ach, man wird mich nur zu bald als einen Mörder aus meinem Hause schleppen!«

Ungeachtet der Unruhe, die ihn bewegte, gebrauchte er doch die Vorsicht, seine Türe zu verschließen, aus Furcht, daß, wenn jemand zufällig auf der Straße vorbeiginge, er das Unglück, für dessen Ursache er sich hielt, bemerken möchte. Er nahm hierauf den Leichnam und trug ihn in das Zimmer seiner Frau, die fast in Ohnmacht gefallen wäre, als sie ihn mit dieser unheilbringenden Last hereintreten sah. »Ach es ist um uns geschehen,« rief sie aus, »wenn wir kein Mittel finden, den toten Körper in dieser Nacht aus dem Hause zu schaffen! Wir verlieren ohne Zweifel das Leben, wenn wir ihn bis Tagesanbruch bei uns behalten. Welches Unglück! Wie hast du es denn angefangen, diesen Menschen zu töten?« – »Darauf kommt's hier nicht an,« entgegnete der Jude, »es kommt darauf an, für ein so dringendes Übel ein Mittel zu finden.«

 

Einhundertundachtundzwanzigste Nacht.

Der Arzt und seine Frau beratschlagten miteinander über das Mittel, sich während der Nacht von dem Leichname zu befreien. Der Arzt mochte hin- und hersinnen, so viel er wollte, er fand keine List, um sich aus seiner Verlegenheit zu ziehen, aber seine erfindungsreichere Frau sagte: »Mir fällt etwas ein: wir wollen den Leichnam auf das Dach unserer Wohnung tragen und ihn in den Schornstein unseres Nachbars, des Muselmanns, werfen.«

Dieser Muselmann war einer der Lieferanten des Sultans und hatte Öl, Butter und alle Arten von Fett zu liefern. Er hatte ein Vorratshaus bei seiner Wohnung, worin die Ratten und Mäuse großen Schaden anrichteten.

Da der jüdische Arzt den Vorschlag gebilligt hatte, so nahmen seine Frau und er den Buckligen, trugen ihn auf das Dach ihres Hauses, und nachdem sie ihm unter die Achseln Stricke gezogen hatten, ließen sie ihn durch den Schornstein so sanft in das Zimmer des Lieferanten herab, daß er an die Mauer gelehnt auf seinen Füßen wie lebend stehen blieb. Als sie fühlten, daß er unten war, zogen sie die Stricke hinauf und ließen ihn in der beschriebenen Stellung.

Kaum waren sie wieder in ihrem Zimmer, als der Lieferant in das seinige trat. Er kam von einem Hochzeitsmahle heim, zu welchem er diesen Abend war geladen gewesen, und er hatte eine Laterne in der Hand. Er war nicht wenig erstaunt, bei ihrem Lichte einen Mann in seinem Kamine aufrechtstehen zu sehen; da er aber von Natur mutig war und sich einbildete, daß es ein Dieb wäre, so ergriff er einen großen Stock und sagte, indem er gerade auf den Buckligen losging: »Ich bildete mir ein, daß es die Ratten und Mäuse wären, die meine Butter und mein Fett fressen, und du bist's, der zum Kamin herunterkommt, um mich zu bestehlen. Ich glaube jedoch nicht, daß dich noch jemals die Lust anwandeln wird, wiederzukommen.«

Nach diesen Worten schlug er nach ihm und gab ihm mehrere Stockschläge. Der Leichnam fiel auf die Nase; der Lieferant verdoppelt seine Schläge; da er aber endlich gewahr wird, daß der Körper, den er schlägt, bewegungslos ist, so hält er inne, um ihn zu betrachten. Als er nun sieht, daß es ein Leichnam ist, folgt die Furcht dem Zorne. »Was habe ich Elender getan?« sagte er. »Einen Menschen erschlagen! Ach, ich habe meine Rache viel zu weit getrieben! Großer Gott, wenn du dich meiner nicht erbarmst, so ist's um mein Leben geschehen. Tausendmal verflucht sei das Öl und das Fett, wodurch ich zu einer so verbrecherischen Handlung veranlaßt worden bin.«

Er blieb blaß und entstellt; er glaubte schon die Diener der Gerechtigkeit zu sehen, die ihn zum Tode schleppten, und er wußte nicht, was er anfangen sollte ...

 

Einhundertundneunundzwanzigste Nacht.

Der Lieferant des Sultans von Kaschgar hatte, indem er den Buckligen schlug, seinen Buckel nicht bemerkt; als er ihn nun gewahrte, fing er an zu fluchen. »Verdammter Buckliger,« rief er aus, »Hund von einem Buckligen! Hätte es doch Gott gefallen, daß du mir all mein Fett gestohlen hättest, und daß ich dich hier nicht gefunden hätte; dann würde ich nicht in der Verlegenheit sein, in welcher ich mich wegen deiner und deines nichtswürdigen Buckels befinde! Ihr Sterne,« setzte er hinzu, »die ihr am Himmel leuchtet, habt in so dringender Gefahr nur Licht für mich.«

Indem er diese Worte sagte, lud er den Buckligen auf seine Schultern, verließ sein Zimmer, ging bis an das Ende der Straße, wo er ihn aufrecht an einen Laden lehnte, und machte sich sodann, ohne sich umzusehen, auf den Weg nach Hause.

Einige Augenblicke vor Tagesanbruche fiel es einem sehr reichen christlichen Kaufmann ein, der den Palast des Sultans mit fast allem Nötigen versorgte, nachdem er die Nacht durchschwelgt hatte, auszugehen, um sich in ein Bad zu begeben. Obgleich er betrunken war, bemerkte er doch, daß die Nacht sehr vorgerückt wäre, und daß man bald zum frühen Morgengebete rufen würde; er beschleunigte deshalb seine Schritte und eilte, ins Bad zu kommen, damit kein in die Moschee gehender Muselmann ihm begegnen und ihn als Betrunkenen ins Gefängnis führen möchte. Er verweilte jedoch, als er an das Ende der Straße gekommen war, eines Bedürfnisses wegen bei der Bude, an welche der Lieferant des Sultans den Leichnam des Buckligen gelehnt hatte, welcher, da er erschüttert wurde, an den Rücken des Kaufmanns fiel, der ihn für einen Räuber hielt, von welchem er angegriffen würde, und ihm einen Faustschlag auf den Kopf gab, der ihn niederstürzte. Er gab ihm hierauf noch mehrere andere Schläge und rief um Hilfe.

Der Wächter des Viertels kam auf seine Geschrei herbei, und da er sah, daß es ein Christ war, der einen Muselmann mißhandelte (denn der Bucklige war von unsrer Religion), sagte er zu ihm: »Was für einen Grund habt Ihr, einen Muselmann zu mißhandeln?« – »Er hat mich bestehlen wollen,« erwiderte der Kaufmann, »und hat sich auf mich geworfen, um mich bei der Gurgel zu fassen.« – »Ihr habt Euch hinlänglich gerächt,« sagte der Wächter, indem er ihn am Arme zog, »deshalb geht weg von da.« Zu gleicher Zeit bot er dem Buckligen die Hand, um ihm zum Aufstehen behilflich zu sein; als er jedoch bemerkte, daß er tot war, fuhr er fort: »Oho; so hat also ein Christ die Kühnheit, einen Muselmann zu ermorden!«

Indem er diese Worte sprach, hielt er den Christen fest und führte ihn zum Polizeimeister, wo man ihn einsperrte; bis der Richter aufgestanden und imstande war, den Beklagten zu verhören. Der christliche Kaufmann ward inzwischen nüchtern, und je mehr er über sein Abenteuer nachdachte, je weniger konnte er begreifen, wie bloße Faustschläge einen Menschen hatten ums Leben bringen können.

Der Polizeimeister befragte nach dem Bericht des Wächters und nach Besichtigung des zu ihm gebrachten Leichnams den christlichen Kaufmann, der ein Verbrechen, welches er nicht begangen hatte, nicht leugnen konnte. Da der Bucklige dem Sultan angehörte, denn er war einer von seinen Lustigmachern, so wollte der Polizeimeister den Christen nicht hinrichten lassen, ohne zuvor den Willen des Fürsten zu wissen.

Er ging deshalb in den Palast, um den Sultan von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen, und dieser sagte zu ihm: »Ich habe keine Gnade für einen Christen, der einen Muselmann tötet; geh und erfülle deine Pflicht.«

Der Polizeirichter ließ demnach einen Galgen aufrichten und schickte Ausrufer in der Stadt umher, um bekannt zu machen, daß man einen Christen hängen würde, der einen Muselmann getötet hatte.

Man führte nun den Kaufmann aus dem Gefängnis an den Fuß des Galgens, und der Henker, nachdem er ihm den Strick um den Hals gelegt hatte, wollte ihn eben hinaufziehen, als der Lieferant des Sultans durch die Menge drang und dem Henker, indem er sich ihm nahte, zurief: »Haltet ein, haltet ein, übereilet Euch nicht; nicht er hat den Mord begangen, sondern ich.«

Der Polizeimeister, welcher der Hinrichtung beiwohnte, begann hierauf den Lieferanten zu befragen, der ihm Punkt für Punkt erzählte, auf welche Weise der Bucklige von ihm getötet worden wäre, und damit endete, zu sagen, daß er den Leichnam an den Ort gebracht, wo der christliche Kaufmann ihn gefunden hätte. – »Ihr waret im Begriff,« fügte er hinzu, »einen Unschuldigen hinrichten zu lassen, weil er einen Menschen, der nicht mehr lebte, nicht getötet haben kann. Es ist wahrlich schon genug für mich, einen Muselmann ermordet zu haben, ohne mein Gewissen noch mit dem Tode eines Christen zu belasten, der kein Verbrecher ist.«

 

Einhundertunddreißigste Nacht.

»Herr,« sagte Scheherasade, »da der Lieferant des Sultans von Kaschgar sich selbst öffentlich angeklagt hatte, an dem Tode des Buckligen schuld zu sein, so sah der Polizeimeister sich genötigt, dem Kaufmanne Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. »Laß,« sagte er zu dem Henker, »laß den Christen gehen und hänge statt seiner diesen Menschen, weil seine Strafbarkeit durch sein eigenes Geständnis erwiesen ist.«

Der Henker ließ den Kaufmann los und legte sogleich den Strick um den Hals des Lieferanten. Aber indem er ihn hängen wollte, hörte er die Stimme des jüdischen Arztes, der ihn inständig bat, die Hinrichtung aufzuschieben, und der sich Platz machen ließ, um an den Fuß des Galgens zu gelangen.

Als er vor dem Polizeirichter stand, sagte er zu ihm: »Herr, dieser Muselmann, den Ihr hängen lassen wollt, hat den Tod nicht verdient; ich allein bin der Verbrecher. In der gestrigen Nacht klopften ein Mann und eine Frau, die ich nicht kenne, an meine Türe und brachten mir einen Kranken. Meine Magd ging ohne Licht, um die Haustüre zu öffnen, und empfing von dem Mann und der Frau ein Geldstück, um mich zu ersuchen, daß ich doch herunterkommen und den Kranken sehen möchte. Während sie mit mir sprach, brachten die beiden Leute den Kranken die Treppe herauf und entfernten sich sodann. Ich ging zur Treppe, ohne zu warten, bis meine Magd ein Licht angezündet hatte, und da ich in der Dunkelheit mit dem Fuße an den Kranken stieß, so kollerte er die Treppe hinunter. Endlich sah ich, daß er tot und daß es der bucklige Muselmann war, dessen Tod heute gerächt werden soll. Meine Frau und ich, wir nahmen den Leichnam, trugen ihn auf unser Dach, von wo wir ihn auf das des Lieferanten, unsers Nachbarn, brachten, den Ihr ungerechterweise hinrichten wollt, und wir ließen ihn durch den Schornstein in sein Zimmer hinab. Der Lieferant, der ihn dort fand, hat ihn wie einen Dieb behandelt, ihn geschlagen und geglaubt, ihn getötet zu haben, welches aber, wie Ihr aus meiner Aussage hört, nicht der Fall ist. Ich bin also der einzige Urheber des Totschlages; und obgleich ich es ohne meinen Willen bin, so habe ich doch beschlossen, mein Verbrechen zu büßen, damit ich mir nicht den Tod zweier Muselmänner vorzuwerfen habe, wenn ich es geschehen lasse, daß Ihr dem Lieferanten des Sultans, dessen Unschuld ich Euch soeben dargetan habe, das Leben nehmt. Seid also so gut und laßt ihn gehen, und hängt mich anstatt seiner, weil niemand anders als ich den Buckligen getötet hat.«

 

Einhundertundeinunddreißigste Nacht.

Sobald der Polizeirichter überzeugt war, daß der jüdische Arzt der Mörder wäre, befahl er dem Henker, sich seiner Person zu bemächtigen und den Lieferanten des Sultans frei zu lassen.

Der Arzt hatte schon den Strick um den Hals und war im Begriff zu sterben, als man die Stimme des Schneiders hörte, der den Henker bat, nicht weiterzugehen, und der das Volk Platz machen ließ, um zum Polizeimeister gelangen zu können, zu welchem er, als er ihm nahe war, sagte: »Herr, es fehlt wenig daran, daß Ihr drei unschuldigen Personen das Leben genommen hättet; wenn Ihr aber die Geduld haben wollt, mich zu hören, so werdet Ihr den wahren Mörder des Buckligen kennen lernen, wenn sein Tod durch den Tod eines anderen abgebüßt werden soll, so muß ich dieser Büßende sein. Als ich gestern gegen Abend in meinem Laden arbeitete und in der Laune war, mich zu ergötzen, kam der halbtrunkene Bucklige und setzte sich in meine Nähe. Er sang eine Zeitlang, und ich schlug ihm vor, den Abend bei mir zuzubringen. Er willigte darein, und ich nahm ihn mit nach Hause. Wir setzten uns zu Tische, ich legte ihm ein Stück Fisch vor, und da ihm nun beim Essen eine Gräte oder ein Knochen im Halse stecken blieb, so starb er in kurzer Zeit, ungeachtet aller Bemühungen, die meine Frau und ich anwendeten, um ihm zu helfen. Wir waren sehr betrübt über seinen Tod, und aus Furcht, deshalb bestraft zu werden, trugen wir den Leichnam an die Türe des jüdischen Arztes. Ich klopfte und sagte der öffnenden Magd, sie möchte schnell wieder hinaufgehn und ihren Herrn unsrerseits bitten, doch herunterzukommen, um einen Kranken zu sehen, den wir mitgebracht hätten; und damit er es nicht abschlagen möchte, unsre Bitte zu erfüllen, gab ich ihr ein Silberstück mit dem Auftrage, es ihm zu geben. Sobald sie wieder hinaufgegangen war, so trug ich den Buckligen die Treppe hinauf, legte ihn auf die oberste Stufe und begab mich sodann schnell mit meiner Frau nach Hause. Der Arzt stieß, als er auf die Stufe trat, den Buckligen hinunter, und das machte ihn glauben, daß er ihn getötet hätte. Da sich,« fügte er hinzu, »die Sache nun so verhält, so laßt den Arzt frei und laßt mich hinrichten.«

Der Polizeimeister und alle Zuschauer konnten sich über die seltsamen, durch den Tod des Buckligen veranlaßten Begebenheiten nicht genug verwundern. »Laß den jüdischen Arzt frei,« sagte der Richter zu dem Henker, »und hänge den Schneider, weil er sein Verbrechen bekennt. Man muß gestehen, daß diese Geschichte sehr seltsam ist und mit goldenen Buchstaben aufgezeichnet zu werden verdient.«

Der Henker ließ den Arzt frei und legte den Strick dem Schneider um den Hals.

 

Einhundertundzweiunddreißigste Nacht.

Während der Henker sich bereitete, den Schneider zu hängen, sagte ein Beamter des Sultans von Kaschgar zu diesem, der den Buckligen, seinen Lustigmacher, nicht lange entbehren konnte und ihn zu sehen verlangte: »Herr, der Bucklige, dessentwegen Euer Majestät besorgt ist, hat sich gestern betrunken, ist sodann wider seine Gewohnheit aus dem Palast entwischt, um in der Stadt herumzulaufen, und ist diesen Morgen tot gefunden worden. Man hat vor den Polizeirichter einen Mann gebracht, der angeklagt worden ist, ihn ermordet zu haben, und der Richter hat sogleich einen Galgen aufrichten lassen. Als nun der Angeklagte eben gehängt werden sollte, ist ein Mensch herbeigekommen und nach diesem ein anderer: sie klagten sich selbst an, und einer spricht den andern schuldfrei. Das dauert nun schon eine lange Zeit so, und der Polizeimeister ist jetzt eben dabei, einen dritten Menschen zu befragen, der sich als den wahrhaften Mörder anklagt.«

Nach diesem Berichte schickte der Sultan einen Gerichtsdiener auf den Richtplatz. »Eile schnell,« sagte er zu ihm, »und sage dem Polizeirichter, er solle mir sogleich die Angeklagten vorführen, und auch die Leiche des armen Buckligen, den ich noch einmal sehen will, soll hergebracht werden.«

Der Gerichtsdiener ging, und da er eben auf dem Richtplatz anlangte, als der Henker den Strick zu ziehen begann, um den Schneider aufzuhängen, so schrie er aus Leibeskräften, daß man die Hinrichtung aufschieben sollte. Da der Henker den Gerichtsdiener erkannte, wagte er nicht, weiterzugehen, und ließ den Schneider los. Nachdem hierauf der Gerichtsdiener den Polizeimeister begrüßt hatte, erklärte er ihm den Willen des Sultans.

Der Richter gehorchte, verfügte sich mit dem Schneider, dem jüdischen Arzte, dem Lieferanten und dem christlichen Kaufmanne nach dem Palast und ließ die Leiche des Buckligen von vieren seiner Leute nachtragen.

Als sie nun alle vor dem Sultan standen, warf sich der Polizeimeister zu den Füßen dieses Fürsten nieder und erzählte ihm, als er wieder aufgestanden war, ganz getreulich alles, was er von der Geschichte des Buckligen wußte. Der Sultan fand sie so merkwürdig, daß er seinem Hofhistoriographen befahl, sie mit allen Nebenumständen niederzuschreiben. Hierauf sagte er, indem er sich an alle gegenwärtigen Personen wandte: »Habt ihr jemals etwas Erstaunlicheres gehört als das, was sich jetzt, veranlaßt durch diesen Buckligen, meinen Lustigmacher, zugetragen hat?«

Der christliche Kaufmann nahm nun, nachdem er sich niedergeworfen und mit seinem Haupte die Erde berührt hatte, das Wort. »Mächtiger Herrscher,« sagte er, »ich weiß eine Geschichte, die noch erstaunlicher ist als die Euch soeben mitgeteilte, und wenn Euer Majestät es erlaubt, so will ich sie Euch erzählen. Die Ereignisse sind von der Art, daß niemand sie ohne Rührung anhören kann.« Der Sultan erlaubte ihm, sie vorzutragen, welches er in folgenden Worten tat:

 

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