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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Geschichte des Nureddin-Ali und Bedreddin-Hassan.

»Beherrscher der Gläubigen, es gab einst in Indien einen sehr gerechten, wohltätigen, barmherzigen und freigebigen Sultan. Seine Tapferkeit machte ihn allen seinen Nachbarn furchtbar. Er liebte die Armen und beschützte die Weisen, die er zu den ersten Stellen erhob. Der Wesir dieses Sultans war ein kluger, verständiger, scharfsinniger, in allen Künsten und Wissenschaften sehr bewanderter Mann. Dieser Staatsbeamte hatte zwei sehr wohlgebildete Söhne, welche ganz in seine Fußtapfen traten: der älteste hieß Schemseddin Mohammed und der jüngste Nureddin-Ali. Dieser letzte besonders besaß alle nur mögliche Vorzüge. Als der Wesir, ihr Vater, gestorben war, ließ der Sultan sie zu sich holen, und nachdem er sie beide mit dem Anzug eines gewöhnlichen Wesirs bekleidet hatte, sagte er zu ihnen: »Der Verlust, den ihr erlitten habt, tut auch mir sehr leid, und ich bin nicht weniger davon gerührt als ihr selbst. Ich will es euch beweisen, und da ich weiß, daß ihr beisammen bleiben wollt und in vollkommener Eintracht lebt, so bekleide ich euch alle beide mit derselben Würde. Geht und ahmt eurem Vater nach.«

Die beiden neuen Wesire dankten dem Sultan für seine Güte und gingen nach Hause, um das Leichenbegängnis ihres Vaters zu besorgen. Nach Ablauf eines Monats hielten sie ihren ersten Ausgang, begaben sich zum erstenmal in die Ratsversammlung des Sultans und fuhren seitdem damit fort, ihr an den Sitzungstagen beizuwohnen. Sooft der Sultan auf die Jagd ging, begleitete ihn einer der beiden Brüder, und sie genossen abwechselnd dieser Ehre. Als sie sich einst nach dem Abendbrot von gleichgültigen Dingen unterhielten (es war am Abend vor einer Jagd, wobei der älteste den Sultan begleiten sollte), sagte dieser junge Mann zu seinem jüngeren Bruder: »Mein Bruder, da wir beide, weder du noch ich, verheiratet sind und in solcher Eintracht leben, so kommt mir ein Gedanke ein: Laß uns beide an einem und demselben Tage zwei Schwestern heiraten, die wir in irgend einer uns zusagenden Familie wählen wollen. Was meinst du zu diesem Gedanken?« »Ich meine, mein Bruder,« erwiderte Nureddin-Ali, »daß er der Freundschaft, die uns verbindet, würdig ist. Man kann nichts besseres erdenken, und was mich betrifft, so bin ich bereit, alles zu tun, was dir beliebt.« »O das ist noch nicht alles,« entgegnete Schemseddin Mohammed, »meine Einbildungskraft geht noch weiter, vorausgesetzt, daß unsere Frauen beide in der Hochzeitnacht schwanger werden und dann an einem Tage die deinige einen Sohn und die meinige eine Tochter zur Welt bringen, so wollen wir sie, wenn sie das gehörige Alter erreicht haben, miteinander verheiraten.« »Man muß gestehen,« rief Nureddin-Ali aus, »daß dieser Plan bewundernswert ist. Diese Heirat wird unsere Vereinigung krönen, und ich gebe gern meine Einwilligung dazu. Aber, mein Bruder,« fügte er hinzu, »wenn es nun zum Abschluß dieser Heirat käme, würdest du verlangen, daß mein Sohn deiner Tochter eine Mitgift zubrächte?« »Das leidet keinen Zweifel,« versetzte der Älteste, »und ich bin überzeugt, daß, außer den gewöhnlichen Punkten des Heiratsvertrages, du nicht ermangeln wirst, mindestens dreitausend Zechinen, drei schöne Landgüter und drei Sklaven in seinem Namen zu bewilligen.« »Das ist nicht meine Meinung,« sagte der Jüngste. »Sind wir nicht Brüder und Amtsgenossen und beide mit derselben Würde bekleidet? Und wissen wir übrigens nicht beide, du sowohl als ich, was rechtens ist? Da der Mann edler ist als das Weib, sollte es dir nicht zukommen, deiner Tochter eine große Mitgift zu geben? Wie ich sehe, bist du der Mann, deine Geschäfte aus Unkosten andrer zu machen.«

Obgleich Nureddin-Ali diese Worte lachend sagte, so wurde doch sein Bruder, der einen queren Geist hatte, dadurch beleidigt, »Verdammt sei dein Sohn,« sagte er mit Heftigkeit, »weil du es wagst, ihn meiner Tochter vorzuziehen. Ich staune, daß du keck genug gewesen bist, um ihn ihrer nur würdig zu achten. Du mußt den Verstand verloren haben, da du dich mir gleichstellen willst und uns Standesgenossen nennst. Wisse, Verwegener, daß ich nach deiner Unklugheit meine Tochter nicht mit deinem Sohne verheiraten möchte, und wenn du ihm mehr Reichtümer geben könntest, als du selber besitzest.« Dieser ergötzliche Streit der beiden Brüder über die Heirat ihrer noch ungebornen Kinder ging sehr weit. Schemseddin Mohammed ereiferte sich bis zu Drohungen. »Wenn ich nicht morgen den Sultan begleiten sollte, so würde ich dich behandeln, wie du's verdienst; aber bei meiner Rückkehr werde ich dich lehren, ob es einem jüngern Bruder zukommt, zu seinem älteren so unverschämt zu reden, wie du es eben getan hast.« Nach diesen Worten ging er in sein Zimmer, und sein Bruder ging in das seinige, um sich schlafen zu legen.

Schemseddin Mohammed stand am andern Morgen sehr zeitig auf und begab sich in den Palast, den er sodann mit dem Sultan verließ, der seinen Weg jenseits Kairo nach der Seite der Pyramiden nahm. Was Nureddin-Ali betraf, so hatte er die Nacht in großer Unruhe zugebracht, und nach der reiflichen Erwägung, wie es doch nicht möglich wäre, daß er länger mit einem Bruder zusammenbliebe, der ihn mit solchem Hochmut behandelte, faßte er einen Entschluß, indem er die folgenden Verse hersagte:

»Reise, du findest Ersatz für die, welche du verlässest: zerstreue dich, denn Anmut des Lebens entsteht aus Zerstreuung.

In ruhigem Bleiben sehe ich weder Ruhm noch Geschicklichkeit, sondern im Reisen und Handeln, deshalb verlaß deinen Wohnort und reise!

Die ruhige, ungestörte Oberfläche des Wassers verdirbt, wenn Winde sie nicht in Bewegung setzen; stürmen aber diese auf sie ein, so wird das Wasser erst gut.

Die Sonne sogar, bliebe sie stets am Firmaments, so würde sie den Weltbewohnern bald zur Last werden.

Und wären aus den veränderten Standpunkten des Mondes nicht Wahrsagungen zu bilden, so würden ihn die Sterndeuter nicht fortwährend beobachten.

Verließe der Löwe nicht den Wald, so würde er selten Beute finden; und verließe der Pfeil nicht den Bogen, so würde er nie treffen.

Bliebe das Gold immer in den Minen, so würde es nicht höher als Erde geachtet werden; und das köstliche Aloeholz ist in seinem Lande nur eine gewöhnliche Holzgattung.

Kommt aber jenes aus den Minen, so ist es von jedermann gesucht; und verläßt dieses sein Land, so übersteigt es den Wert des Goldes.«

Er ließ sich eine gute Mauleselin besorgen, versah sich mit Gold, Edelsteinen und einigen Lebensmitteln, sagte seinen Leuten, daß er ganz allein eine Reise von zwei oder drei Tagen machen wollte, und reiste ab.

Als er außerhalb Kairo war, nahm er seinen Weg durch die Wüste nach Arabien. Da aber seine Mauleselin der Anstrengung unterlag, mußte er seine Reise zu Fuße fortsetzen. Glücklicherweise nahm ihn ein nach Balsora reisender Eilbote hinter sich auf sein Pferd. Als der Eilbote in Balsora ankam, stieg Nureddin-Ali ab und dankte ihm für seine Gefälligkeit. Indem er nun durch die Straßen ging, um sich eine Wohnung zu suchen, sah er einen Herrn auf sich zukommen, der von einem zahlreichen Gefolge begleitet war, und dem alle Einwohner große Ehrenbezeigungen erwiesen, indem sie stehenblieben, bis er vorbei war. Nureddin-Ali blieb stehen wie die übrigen. Es war der Großwesir des Sultans von Balsora, der sich in der Stadt zeigte, um durch seine Gegenwart Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten.

Dieser Staatsbeamte, der seine Augen zufällig auf den jungen Mann geworfen hatte, fand seine Gesichtsbildung sehr einnehmend. Er betrachtete ihn mit Freundlichkeit, und da er nahe an ihm vorbeikam und ihn im Reisekleide sah, so hielt er an, um ihn zu fragen, wer er wäre, und woher er käme. »Herr,« erwiderte ihm Nureddin-Ali, »ich bin in Kairo geboren und habe mein Vaterland aus einem so gerechten Unwillen gegen einen meiner Verwandten verlassen, daß ich beschlossen habe, die Welt zu durchreisen und lieber zu sterben, als heimzukehren.« Der Großwesir, der ein ehrwürdiger Greis war, entgegnete diesen Worten: »Mein Sohn, hüte dich, dein Vorhaben auszuführen. In der Welt ist nichts als Elend zu finden, und du kennst die Beschwerden nicht, denen du entgegengehen willst. Komm lieber und folge mir; vielleicht mache ich dich den Gegenstand vergessen, der dich gezwungen hat, dein Vaterland zu verlassen.«

Nureddin-Ali folgte dem Großwesir von Balsora, der seine trefflichen Eigenschaften bald erkannte und ihn so lieb gewann, daß er einst in einer vertraulichen Unterredung zu ihm sagte: »Mein Sohn, ich bin, wie du siehst, schon in so hohem Alter, daß es nicht den Anschein hat, als ob ich noch lange leben werde. Der Himmel hat mir eine Tochter gegeben, die nicht minder schön ist, als du wohlgebildet bist, und die jetzt ein heiratsfähiges Alter erreicht hat. Mehrere der mächtigsten Herren dieses Hofes haben sie schon für ihre Söhne von mir verlangt; aber ich habe mich noch nicht entschließen können, sie ihnen zu bewilligen. Dich aber liebe ich und finde dich meiner Verwandtschaft so wert, daß ich dich allen denen vorziehe, die um sie geworben haben, und bereit bin, dich zum Schwiegersohn anzunehmen. Nimmst du dies Anerbieten an, so erkläre ich dem Sultan, meinem Herrn, daß ich dich durch diese Heirat an Kindesstatt annehme, und bitte ihn, mir für dich die Anwartschaft auf meine Stelle als Großwesir des Königreichs Balsora zu gewähren. Da ich nun in meinem hohen Alter nichts als Ruhe bedarf, so werde ich dir nicht nur die Verfügung über alle meine Güter, sondern auch die Verwaltung der Staatsangelegenheiten überlassen.«

Der Großwesir von Balsora hatte kaum diese Worte voll Güte und Großmut gesprochen, als Nureddin-Ali sich zu seinen Füßen warf und in Ausdrücken voll Freude und Erkenntlichkeit sich zur Erfüllung seines Wunsches bereit zeigte. Hierauf rief der Großwesir die vornehmsten Beamten seines Hauses und befahl ihnen, den großen Saal seines Palastes auszuschmücken und ein großes Mahl zuzubereiten. Hierauf ließ er alle vornehmen und angesehenen Herren des Hofes und der Stadt bitten, sie möchten sich bemühen, zu ihm zu kommen. Als sie alle versammelt waren, hielt er es, da Nureddin-Ali ihn von seinem Stande unterrichtet hatte, für schicklich, so, wie folgt, zu sprechen, um denjenigen ein Genüge zu leisten, deren Verwandtschaft er ausgeschlagen hatte, und sagte demnach zu den Gästen: »Es ist mir angenehm, meine Herren, euch etwas mitzuteilen, was ich bis diesen Tag geheim gehalten habe. Ich habe einen Bruder, welcher Großwesir von Ägypten ist, wie ich die Ehre habe, diese Stelle bei dem Sultan dieses Reiches zu bekleiden. Dieser Bruder hat nur einen einzigen Sohn, den er aber nicht am ägyptischen Hofe verheiraten wollte, und den er mir geschickt hat, damit er meine Tochter zur Frau nehmen und so die beiden Zweige unseres Hauses verbinden soll. Dieser Sohn, den ich bei seiner Ankunft für meinen Neffen erkannt habe, und den ich zu meinem Schwiegersohn mache, ist hier der junge Herr, den ich euch hiermit vorstelle. Ich schmeichle mir, daß ihr ihm die Ehre erzeigen werdet, seiner Hochzeit beizuwohnen, die ich heute zu feiern beschlossen habe.« Da es nun keiner dieser Herren übelnehmen konnte, daß er seinen Neffen allen andern vornehmen und reichen Herren vorgezogen hatte, so erwiderten sie, daß er wohl daran täte, diese Heirat zu schließen, daß sie sehr gern Zeugen dieser Feierlichkeit sein würden, und daß sie wünschten, Gott möchte ihm noch lange Jahre gönnen, um die Früchte dieser glücklichen Verbindung zu sehen.

 

Achtundneunzigste Nacht.

Die bei dem Großwesir von Balsora versammelten Herren hatten ihm kaum ihre Freude über die Heirat seiner Tochter mit Nureddin-Ali bezeigt, als man sich zur Tafel setzte. Gegen Ende der Mahlzeit gab man Zuckerwerk herum, wovon jeder der Sitte gemäß so viel nahm, als er mit sich nehmen konnte: worauf denn die Kadis mit dem Heiratsvertrag in der Hand eintraten. Die vornehmsten Herren unterzeichneten ihn, und die ganze Gesellschaft ging auseinander.

Als nun niemand mehr da war als die Hausleute, befahl der Großwesir denen, die er mit der Zubereitung des Bades beauftragt hatte, den Nureddin-Ali in dasselbe zu führen, wo dieser ungebrauchte Wäsche von einer Feinheit und Sauberkeit, die man mit Vergnügen beschaute, und alles andre Nötige vorfand. Der Gatte, nachdem er gewaschen und gerieben worden war, wollte das Kleid, welches er ausgezogen hatte, wieder anziehen; aber man reichte ihm ein anderes, höchst prächtiges. In diesem Zustande und von den ausgesuchtesten Wohlgerüchen duftend, ging er wieder zu dem Großwesir, der über sein Wohlaussehn höchst erfreut war, und der, nachdem er ihn neben sich hatte niedersetzen lassen, zu ihm sagte: »Mein Sohn, du hast mir entdeckt, wer du bist, und welchen Rang du an dem Hofe des Königs von Ägypten bekleidest; du hast mir sogar gesagt, daß du einen Streit mit deinem älteren Bruder gehabt und dich deshalb aus deinem Vaterlande entfernt hast: ich bitte dich, mir dein ganzes Vertrauen zu schenken und mich von dem Gegenstand eures Streites zu unterrichten. Du mußt mir jetzt gänzlich vertrauen und mir nichts verbergen; denn ich empfehle dir die Wahrheit, wie der Dichter sagt:

»Ich empfehle dir die Wahrheit, sollte dich auch ihre Offenbarung brennen wie das höllische Feuer.

Denn dein höchster Zweck muß sein, Gott wohlzugefallen; und wehe dem Menschen, der den Herrn erzürnt, um den Beifall des Dieners zu erhalten.«

Nureddin-Ali erzählte ihm alle Umstände seiner Zwistigkeit mit seinem Bruder. Der Großwesir konnte diese Erzählung nicht ohne Lachen anhören. »Das ist,« sagte er, »die seltsamste Geschichte von der Welt! Ist es möglich, daß euer Streit über eine Heirat in der Einbildung so weit gegangen ist? Es tut mir sehr leid, daß du dich wegen einer solchen Kleinigkeit mit deinem älteren Bruder entzweit hast. Ich sehe freilich ein, daß er unrecht hatte, über das, was du ihm im Scherze gesagt hast, beleidigt zu sein, und ich muß dem Himmel für einen Zwist danken, der mir einen Schwiegersohn wie dich verschafft hat. Aber,« fügte der Greis hinzu, »die Nacht ist schon vorgerückt, und es ist Zeit, dich zu entfernen. Geh, meine Tochter, deine Gattin, erwartet dich. Morgen werde ich dich dem Sultan vorstellen. Ich hoffe, daß er dich auf eine Weise aufnehmen wird, womit wir beide zufrieden sein können.« Nureddin-Ali verließ seinen Schwiegervater, um sich in das Zimmer seiner Gattin zu begeben.

Merkwürdig ist,« fuhr nun der Großwesir Giafar fort, »daß an eben dem Tage, an welchem diese Hochzeit in Balsora gefeiert wurde, auch Schemseddin Mohammed sich in Kairo verheiratete, mit welcher Heirat es sich folgendermaßen verhielt. Nachdem Nureddin-Ali sich aus Kairo in der Absicht entfernt hatte, nie wieder dorthin zurückzukehren, war Schemseddin Mohammed, sein älterer Bruder, nach Verlauf eines Monats von der Jagd heimgekehrt, welche durch die Jagdlust des Sultans so verlängert worden. Er eilte in die Wohnung des Nureddin-Ali und war höchlich erstaunt, zu erfahren, daß dieser unter dem Vorwande, eine Reise von zwei oder drei Tagen zu machen, an eben dem Tage, an welchem der Sultan auf die Jagd ging, auf einer Mauleselin abgereist und seitdem nicht wiedergekommen wäre. Er war darüber umso verdrießlicher, da er nicht zweifelte, daß die harten Dinge, welche er seinem Bruder gesagt hatte, die Ursache seiner Entfernung wären. Er sandte einen Eilboten ab, der durch Damaskus bis Haleb (Aleppo) ritt; aber Nureddin war damals in Balsora. Als der Eilbote bei seiner Heimkehr berichtet hatte, daß seine Nachforschungen vergebens gewesen wären, nahm sich Schemseddin Mohammed vor, ihn anderswo aufzusuchen, und faßte inzwischen den Entschluß, sich zu verheiraten. Er heiratete die Tochter eines der ersten und mächtigsten Herren von Kairo an demselben Tage, an welchem sich sein Bruder mit der Tochter des Großwesirs von Balsora verheiratete.

Das ist nicht alles, Beherrscher der Gläubigen,« fuhr Giafar fort, »es begab sich noch folgendes. Nach neun Monaten kam die Frau des Schemseddin Mohammed in Kairo mit einem Mädchen und an demselben Tage die Frau des Nureddin-Ali zu Balsora mit einem Knaben nieder, der Bedreddin-Hassan genannt wurde. Der Großwesir von Balsora bezeigte seine Freude durch große Geschenke, die er austeilte, und durch öffentliche Freudensbezeigungen, die er der Geburt seines Enkels zu Ehren anstellen ließ. Um hierauf seinem Schwiegersohn zu beweisen, wie sehr er mit ihm zufrieden war, ging er in den Palast und bat den Sultan sehr demütig, dem Nureddin-Ali die Anwartschaft auf sein Amt zu bewilligen, damit, sagte er, er vor seinem Tode den Trost hätte, seinen Schwiegersohn an seiner Stelle als Großwesir zu sehen.

Der Sultan, welchem Nureddin-Ali sehr gefallen hatte, als er ihm nach seiner Verheiratung vorgestellt worden war, und welcher seitdem immer sehr vorteilhaft von ihm reden gehört hatte, bewilligte die verlangte Gnade mit der größten Freundlichkeit. Er ließ ihn in seiner Gegenwart mit der Amtskleidung des Großwesirs bekleiden.

Die Freude des Schwiegervaters erreichte ihren Gipfel am folgenden Tage, als er seinen Schwiegersohn in der Ratsversammlung in seiner Stelle und alle Geschäfte eines Großwesirs verrichten sah. Nureddin-Ali entledigte sich ihrer so vollkommen, als hätte er sein ganzes Leben hindurch dies Amt bekleidet. Er fuhr in der Folge fort, der Ratsversammlung so oft beizuwohnen, als die Schwächen des Alters seinem Schwiegervater nicht erlaubten, dabei gegenwärtig zu sein. Dieser gute Greis starb vier Jahre nach der Verheiratung seiner Tochter mit der Freude, einen Sprößling seiner Familie zu sehen, der sie lange Zeit mit Glanz zu erhalten versprach.

Nureddin-Ali erwies ihm die letzte Pflicht und Ehre mit aller möglichen Freundschaft und Dankbarkeit, und sobald Bedreddin-Hassan, sein Sohn, das Alter von sieben Jahren erreicht hatte, übergab er ihn den Händen eines trefflichen Lehrers, der ihn auf eine seiner Geburt würdige Weise zu erziehen begann. Es ist wahr, daß er in diesem Kinde einen lebhaften, durchdringenden und für den Eindruck aller seiner guten Lehren fähigen Geist fand ...«

Scheherasade wollte fortfahren; da sie aber sah, daß es Tag wurde, hörte sie auf zu erzählen. In der folgenden Nacht nahm sie jedoch ihre Erzählung wieder auf und sagte zum Sultan von Indien:

 

Neunundneunzigste Nacht.

»Herr, der Großwesir fuhr folgendermaßen in der Geschichte fort, welche er dem Kalifen erzählte:

»Zwei Jahre,« sagte er, »nachdem Bedreddin-Hassan in die Hände dieses Lehrers gegeben worden war, der ihn vollkommen gut lesen lehrte, lernte er den Koran auswendig. Nureddin-Ali, sein Vater, gab ihm andre Lehrer, welche seinen Geist auf solche Weise unterrichteten, daß er in dem Alter von zwölf Jahren ihrer Hilfe nicht mehr bedurfte. Da nun alle Züge seines Gesichts ausgebildet waren, erregte er die Bewunderung aller, die ihn sahen. Denn wie von ihm der Dichter sagt:

»Kaum zeigt er sich, so ruft auch jedermann: Gepriesen sei Gott, der ihn so schön gebildet hat.

Er ist der König der Schönheit, und sie ist ihm ganz untertan.

In seinem Munde ist der köstlichste Honig, und ihm sind Perlen eingereihet.

Er allein vereinigt alle Schönheiten in sich, und die Menschheit verirrt sich gleichsam in ihnen.

Die Schönheit selbst scheint auf seine Wangen geschrieben zu haben: »Ich bezeuge, daß er schön ist.«

Bis dahin hatte Nureddin-Ali nur daran gedacht, ihn studieren zu lassen, und hatte ihn noch nicht in der Welt gezeigt. Er führte ihn in den Palast, um ihm die Ehre zu verschaffen, dem Sultan seine Aufwartung zu machen, der ihn sehr günstig aufnahm. Die ihn zuerst auf der Straße sahen, waren von seiner Schönheit so entzückt, daß sie darüber laut aufschrieen und ihm tausend Segnungen nachriefen.

Da sein Vater sich vorgenommen hatte, ihn zur einstigen Übernahme seines Amtes fähig zu machen, so sparte er nichts, was ihm zur Erreichung dieses Zweckes dienlich schien, und ließ ihn an den schwierigsten Geschäften teilnehmen, um ihn bei guter Zeit daran zu gewöhnen. Kurz, er vernachlässigte nichts, was zur Beförderung eines ihm so teuren Sohnes dienen konnte, und er fing schon an, die Früchte seiner Bemühungen einzuernten, als er plötzlich von einer so heftigen Krankheit befallen wurde, daß sein letzter Lebenstag nahe zu sein schien. In diesem kostbaren Augenblicke vergaß er nicht seines lieben Sohnes Bedreddin; er ließ ihn rufen und sagte zu ihm: »Mein Sohn, du siehst, daß diese Welt vergänglich ist; nur jene, in welche ich nun bald gelangen werde, ist wirklich dauerhaft. Du mußt jetzt anfangen, dich in meine jetzige Stimmung zu versetzen; bereite dich, diesen Übergang ohne Reue zu machen, und ohne daß dein Gewissen dir irgend etwas in Beziehung auf die Pflichten eines Muselmannes und eines vollkommen rechtschaffenen Mannes vorwerfen könne. Was deine Religion betrifft, so bist du sowohl durch deine Lehrer als auch durch das, was du gelesen hast, vollkommen davon unterrichtet. Was die Pflichten des rechtschaffenen Mannes betrifft, so will ich dir einige Lehren zur Benutzung geben. Da es nötig ist, sich selbst zu kennen, und du diese Kenntnis nicht füglich haben kannst, ohne zu wissen, wer ich bin, so sollst du es erfahren.

Ich bin,« fuhr er fort, »in Ägypten geboren, und mein Vater, dein Großvater, war erster Staatsbeamter des Sultans dieses Königreichs. Ich selbst habe die Ehre gehabt, einer der Wesire dieses Sultans zu sein, sowie auch mein Bruder, dein Oheim, der vermutlich noch lebt und sich Schemseddin Mohammed nennt. Ich war genötigt, mich von ihm zu trennen, und ich kam in dieses Land, wo ich zu dem Range gelangte, den ich bis jetzt bekleidet habe. Doch du wirst das alles ausführlicher in einem Hefte finden, welches ich dir zu geben habe.«

Zugleich zog nun Nureddin-Ali dieses von seiner eigenen Hand geschriebene Heft, welches er immer bei sich trug, hervor und sagte, indem er es dem Bedreddin übergab: »Nimm und lies es mit Muße; du wirst unter anderem auch den Tag meiner Hochzeit und den deiner Geburt verzeichnet finden. Das sind Umstände, die dir vielleicht in der Folge zu wissen nötig sind, und die dich das Heft sorgfältig müssen bewahren lassen.« Bedreddin-Hassan, sehr betrübt, seinen Vater in dem Zustande, in welchem er sich befand, zu sehen, und von diesen Worten gerührt, empfing das Heft mit Tränen in den Augen, indem er ihm versprach, es nie aus den Händen zu geben.

In diesem Augenblick überfiel den Nureddin-Ali eine Schwäche, die seinen Tod erwarten ließ. Aber er kam bald wieder zu sich und sagte: »Mein Sohn, die erste Lebensregel, die ich dir zu geben habe, ist, nicht mit allen Gattungen von Menschen umzugehen. Um in Sicherheit zu leben, muß man sich ganz in sich selbst zurückziehen und sich nicht leicht mitteilen.« Er fügte, nachdem er dies gesagt hatte, noch folgende Verse hinzu:

»Es gibt zu deiner Zeit keinen Freund oder irgend jemand, dessen Liebe du begehrst, welcher, wenn dir Unglücksfälle begegnen, das Bündnis der Freundschaft treu bewährt.«

Lebe also zurückgezogen und baue auf niemand, ich warne dich davor, und ich habe hierüber genug gesagt.

Die zweite Lebensregel ist, niemand, wer es auch sei, Gewalt anzutun; denn in diesem Falle würde sich die ganze Welt gegen dich auflehnen, und du mußt die Welt wie einen Gläubiger betrachten, dem du Mäßigung, Mitleid und Duldung schuldig bist. Er sagte hierauf noch die folgenden Verse:

»Geh langsam zu Werke, übereile dich bei keinem Geschäfte und sei langmütig gegen die Menschen, so wirst du als wohlwollend gepriesen werden.

Bedenke, daß es keine Hand eines Machthabers gibt, über welcher nicht die Hand Gottes schwebte, und daß der Gerechte sonst nicht durch einen Ungerechten gequält werden könnte.«

Die dritte Lebensregel ist, nicht zu antworten, wenn man dich auch mit Schmähungen überhäuft. Man ist außer Gefahr, sagt das Sprichwort, sobald man stilleschweigt. Das mußt du vorzüglich bei solcher Gelegenheit befolgen. Du weißt auch, daß einer unserer Dichter sagt, das Stillschweigen sei die Zierde und Schirmwache unseres Lebens, und man müsse, wenn man spricht, nicht dem alles verheerenden Gewitterregen gleichen. Man hat niemals bereut, geschwiegen, gar oft aber, gesprochen zu haben.

Die vierte Regel ist, keinen Wein zu trinken; denn der Wein ist die Quelle aller Laster; weshalb auch der Dichter sagt:

»Ich verzichte auf den Wein und höre auf, ihn zu trinken; denn er hat mich zum Gegenstand des Tadels aller Leute gemacht.

Er ist ein Getränk, welches auf dem Wege des Rechts irre macht und die Pforten zu allem Bösen öffnet.«

Die fünfte Regel ist, dein Vermögen zu Rate zu halten. Wenn du es nicht verschwendest, wird es dich vor der Not bewahren. Man muß jedoch nicht zu viel besitzen, noch geizig sein. Wenn du auch nur wenig hast und es mit Verstand ausgibst, so wirst du viele Freunde haben; wenn du aber im Gegenteil große Reichtümer besitzest und einen üblen Gebrauch davon machst, so wird sich alle Welt von dir entfernen und dich verlassen.« Hier fügte er wieder folgende Verse hinzu:

»Habe ich wenig Vermögen, so wird kein Mensch nach meiner Freundschaft trachten, besitze ich aber Reichtümer, so möchten alle Leute gern meine Freunde sein.

Wie viele Freunde trachteten sonst nicht nach meiner Gunst, als ich Schätze spendete! Und ebenso viele flohen mich, als ich kein Vermögen mehr besaß.«

Kurz, Nureddin-Ali fuhr bis zum letzten Augenblicke seines Lebens fort, seinem Sohne gute Lehren zu geben; und als er gestorben war, wurde er auf das prächtigste zur Erde bestattet.

 

Einhundertste Nacht.

Bedreddin-Hassan von Balsora (so nannte man ihn, weil er in dieser Stadt geboren war) empfand einen unbeschreiblichen Schmerz über den Tod seines Vaters. Statt dem Gebrauche gemäß nur einen Monat in Tränen und Einsamkeit zuzubringen, brachte er, ohne irgend jemand zu sehen und ohne selbst dem Sultan von Balsora aufzuwarten, zwei Monate auf solche Weise zu. Der Sultan, über diese Vernachlässigung erzürnt, die er für ein Zeichen der Verachtung seines Hofes ansah, ließ sich vom Zorne hinreißen. Er ließ in seiner Wut seinen neuen Großwesir rufen (denn er hatte einen ernannt, sobald er den Tod des Nureddin-Ali erfuhr) und befahl ihm, sich in das Haus des Verstorbenen zu begeben und es samt allen seinen Häusern, Gütern und Habseligkeiten gerichtlich einzuziehen, ohne dem Bedreddin-Hassan, den er in Verhaft zu nehmen befahl, irgend etwas übrigzulassen.

Der neue Großwesir, von einer großen Menge von Gerichtsdienern, Gerichtsleuten und andern Beamten begleitet, zögerte nicht, sich zur Vollstreckung seines Auftrages auf den Weg zu machen. Einer der Sklaven des Bedreddin-Hassan, der zufälligerweise unter der Menge war, hatte kaum das Vorhaben des Wesirs erfahren, als er voraus und zu seinem Herrn lief. Er fand ihn in der Vorhalle seines Hauses, so betrübt, als ob sein Vater eben erst gestorben wäre. Ganz außer Atem warf er sich zu seinen Füßen und sagte zu ihm, nachdem er den Saum seines Kleides geküßt hatte: »Rettet Euch, Herr, rettet Euch schnell.« – »Was gibt's,« fragte ihn Bedreddin, indem er das Haupt erhob, »welche Nachricht bringst du mir?« – »Herr,« erwiderte jener, »es ist keine Zeit zu verlieren. Der Sultan ist schrecklich gegen Euch aufgebracht, und man kommt, um in seinem Namen all Euer Hab und Gut einzuziehen und sich sogar Eurer Person zu bemächtigen.«

Die Rede dieses treuen und ihm sehr ergebenen Sklaven versetzte Bedreddin-Hassan in große Bestürzung. »Habe ich denn,« sagte er, »nicht Zeit genug, um ins Haus zu gehen und mindestens einiges Geld und einige Edelsteine mitzunehmen?« – »Herr,« erwiderte der Sklave, »der Großwesir wird in einem Augenblicke hier sein. Eilet, Euch zu retten!« Bedreddin-Hassan erhob sich schnell von dem Sofa, auf welchem er saß, zog seine Pantoffeln an, und nachdem er sich den Kopf mit einem Zipfel seines Kleides bedeckt hatte, um sein Gesicht zu verstecken, entfloh er, ohne zu wissen, wohin er seine Schritte wenden sollte, um der ihm drohenden Gefahr zu entrinnen. Der erste Gedanke, der ihm einkam, war, möglichst schnell das nächste Stadttor zu erreichen. Er lief, ohne anzuhalten, bis zum öffentlichen Begräbnisplatze, und da die Nacht herankam, beschloß er, sie auf dem Grabe seines Vaters zuzubringen. Es war ein ziemlich ansehnliches Gebäude mit einer Kuppel, welches Nureddin-Ali noch bei seinen Lebzeiten hatte bauen lassen; aber er begegnete auf dem Wege einem sehr reichen Juden, der seines Gewerbes ein Wechsler und Kaufmann war. Er kam von einem Orte, wohin ihn ein Geschäft gerufen hatte, und kehrte in die Stadt zurück. Da dieser Jude den Bedreddin erkannt hatte, so blieb er stehen und grüßte ihn sehr ehrfurchtsvoll.

 

Einhundertunderste Nacht.

Der Jude, welcher Isaak hieß, sagte zu Bedreddin-Hassan, nachdem er ihn gegrüßt und ihm die Hand geküßt hatte: »Herr, darf ich mir wohl die Freiheit nehmen, Euch zu fragen, wohin Ihr zu dieser Stunde so allein und, wie es scheint, ein wenig bewegt geht? Bekümmert Euch irgend etwas?« – »Ja,« antwortete Bedreddin-Hassan, »ich bin vorhin eingeschlafen, und im Schlafe ist mir mein Vater erschienen. Sein Blick war schrecklich, als ob er in heftigem Zorn gegen mich entbrannt wäre. Ich bin plötzlich und voll Schrecken erwacht und sogleich vom Hause weggegangen, um auf seinem Grabe zu beten.« – »Herr,« erwiderte der Jude, der nicht wissen konnte, weshalb Bedreddin aus der Stadt gegangen war, »da der verstorbene Großwesir, Euer Vater und mein Herr glückseligen Andenkens, mehrere Schiffe, die noch auf dem Meere sind, und die Euch gehören, mit Waren beladen hat, so bitte ich Euch, mir vor jedem andern Kaufmanne den Vorzug zu geben. Ich bin imstande, mit barem Gelde die Ladung aller Eurer Schiffe zu kaufen, und wenn Ihr mir – um einen Anfang zu machen – die des ersten, welches glücklich in den Hafen zurückkehrt, überlassen wollt, so will ich Euch tausend Zechinen, die ich in meinem Beutel habe, im voraus bezahlen.« Indem er dies sagte, zog er aus seinem Kleide einen großen, mit seinem Petschaft versiegelten Beutel hervor, den er unter seinem Arme trug.

Bedreddin-Hassan, in dem Zustande, worin er sich befand, vom Hause verjagt, alles dessen, was er auf der Insel besessen hatte, beraubt, sah das Anerbieten des Juden für eine Gunst des Himmels an und ging mit Freuden darauf ein. »Herr,« sagte hierauf der Jude, »Ihr überlaßt mir also für tausend Zechinen die Ladung Eures ersten in unserem Hafen anlangenden Schiffes?« »Ja, ich verkaufe sie Euch für tausend Zechinen,« erwiderte Bedreddin-Hassan, »und es ist eine abgemachte Sache.« Sogleich übergab ihm der Jude den Beutel mit tausend Zechinen und erbot sich, ihn zu zählen. Bedreddin ersparte ihm diese Mühe, indem er ihm sagte, daß er ihm traute. »Weil dem nun so ist,« versetzte der Jude, »so habt die Güte, Herr, mir ein schriftliches Wort über den abgeschlossenen Handel zu geben.« Dies sagend, zog er sein Schreibzeug heraus, das er am Gürtel trug, und nachdem er ein wohlgeschnittenes Schreibrohr hervorgesucht hatte, überreichte er es ihm mit einem Stücke Papier, welches er in seiner Schreibtafel fand, und während er das Schreibzeug hielt, schrieb Bedreddin-Hassan diese Worte:

»Diese Schrift bezeugt, daß Bedreddin-Hassan von Balsora dem Juden Isaak für die von diesem erhaltene Summe von tausend Zechinen die Ladung des ersten seiner Schiffe, welches in diesem Hafen landen wird, verkauft hat.

Bedreddin-Hassan von Balsora.«

Nachdem er diesen Schein geschrieben hatte, gab er ihn dem Juden, der ihn in seine Schreibtafel legte und sich ihm sodann empfahl.

Während Isaak seinen Weg nach der Stadt verfolgte, setzte Bedreddin-Hassan den seinigen nach dem Grabe seines Vaters Nureddin-Ali fort. Als er dort angekommen war, warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde und fing an, mit in Tränen schwimmenden Augen sein elendes Geschick zu beklagen. »Ach,« sagte er, »unglückseliger Bedreddin, was wird aus dir werden? Wo wirst du einen Zufluchtsort finden, der dich vor dem ungerechten, dich verfolgenden Fürsten schützt? War es nicht genug, durch den Tod eines so geliebten Vaters betrübt zu werden, mußte das Geschick zu deiner gerechten Trauer ein neues Unglück fügen?« Hierauf sprach er folgende Verse:

»Seitdem Ihr abwesend seid, ist in dem Hause, das Ihr verließet, kein Bewohner mehr; doch – was sage ich – der Nachbar ist seit Eurer Entfernung nicht mehr Nachbar.

Die Hausfreunde, die ich gewohnt war darin zu sehen, sind nicht mehr Hausfreunde; und der Mond, den ich aus den Fenstern des Hauses betrachtete, scheint nicht mehr derselbe Mond.

Ihr seid nicht mehr; deshalb ist mir die Welt zur Wüste geworden. Nah und fern ist für mich nichts als Dunkelheit.

Wären doch dem Raben, der Euren Tod verkündigte, die Federn ausgerauft worden! Hätte nie ein Nest ihn gehegt!

Meine Geduld vermag Euren Verlust nicht zu ertragen; denn der Schmerz hat mir schon alle meine Kräfte geraubt. O wie viele Bündnisse hat der Tag der Trennung nicht schon gelöst!

Bald wirst du vergangene Nächte wiederkehren sehen, denn bald wird eine Wohnung (das Grab) uns wieder umschließen!«

Er blieb lange Zeit in diesem Zustande, aber endlich erhob er sich, und indem er sein Haupt auf des Grab seines Vaters stützte, erneuten sich seine Schmerzen heftiger als vorher, und er hörte nicht auf, zu weinen und zu klagen, bis er, dem Schlafe unterliegend, sein Haupt vom Grabe erhob und sich der Länge lang auf das Pflaster hinstreckte und einschlief.

Kaum genoß er die Annehmlichkeiten der Ruhe, als ein Geist, der sich den Tag über auf dieser Begräbnisstätte aufzuhalten pflegte, im Begriff, seiner Gewohnheit gemäß die Welt zu durchstreifen, den jungen Mann in dem Grabe gewahrte. Er trat hinein, und da Bedreddin auf dem Rücken lag, so wurde er von dem Glanze seiner Schönheit getroffen und geblendet.

 

Einhundertundzweite Nacht.

Als der Geist Bedreddin-Hassan aufmerksam betrachtet hatte, sagte er bei sich selbst: »Wenn man die lieblichen Gesichtszüge dieses Geschöpfes betrachtet, so kann man es nur für einen Engel aus dem irdischen Paradiese halten, den Gott abgeschickt, um die Welt durch seine Schönheit in Brand zu stecken.«

Er erhob sich hierauf sehr hoch in die Luft, wo er zufällig einer Fee begegnete. Nachdem beide sich gegrüßt hatten, sagte der Geist zu der Fee: »Ich bitte Euch, mit mir zu der Grabstätte, auf welcher ich Hause, herabzusteigen, und ich will Euch ein Wunder von Schönheit zeigen, welches Eurer Aufmerksamkeit nicht minder würdig ist als der meinigen.« Die Fee willigte ein; sie ließen sich beide in einem Augenblicke herab, und als sie im Grabe waren, sagte der Geist zu der Fee, indem er ihr Bedreddin-Hassan zeigte: »Wohlan, habt Ihr jemals einen wohlgebildeteren und schöneren jungen Mann als diesen gesehen?«

Die Fee betrachtete Bedreddin mit Aufmerksamkeit und sagte dann, sich zu dem Geiste wendend: »Ich gebe Euch zu, daß er sehr wohlgebildet ist; aber ich habe soeben in Kairo einen noch bewundernswürdigeren Gegenstand gesehen, von dem ich Euch unterhalten will, wenn Ihr mich hören wollt.« – »Mit Vergnügen,« erwiderte der Geist. »Ihr sollt also wissen,« versetzte die Fee, »(denn ich hole weit aus), daß der Sultan von Ägypten einen Wesir namens Schemseddin Mohammed und dieser eine Tochter von ungefähr zwanzig Jahren hat. Sie ist die schönste und vollkommenste Person, von der man je reden gehört hat. Der Sultan, durch die öffentliche Stimme von der Schönheit dieses jungen Fräuleins unterrichtet, ließ den Wesir, ihren Vater, an einem dieser letzten Tage rufen und sagte zu ihm: – »Ich habe gehört, daß du eine mannbare Tochter hast; ich habe Lust, sie zu heiraten; willst du sie mir wohl zur Frau geben?« Der Wesir, der diesen Vorschlag keineswegs erwartete, wurde dadurch wohl ein wenig beunruhigt, aber nicht verblendet, und statt ihn mit Freuden anzunehmen, was andere an seiner Stelle zu tun nicht unterlassen hätten, erwiderte er dem Sultan: »Herr, ich bin der Ehre nicht würdig, die Euer Majestät mir erzeigen will, und ich bitte Euch untertänigst, es mir nicht zu verübeln, daß ich mich Eurem Vorhaben widersetze. Ihr wißt, daß ich einen Bruder namens Nureddin-Ali habe, der gleich mir die Ehre hatte, einer Eurer Wesire zu sein. Wir hatten zusammen einen Streit, der die Ursache seines plötzlichen Verschwindens war, und ich habe seit jener Zeit keine andere Nachricht von ihm gehabt, als daß ich vor vier Tagen erfuhr, daß er in Balsora als Großwesir dieses Königreiches gestorben ist. Er hat einen Sohn hinterlassen, und da wir uns verpflichteten, unsere Kinder, wenn wir welche bekämen, miteinander zu verheiraten, so bin ich überzeugt, daß er mit dem Vorsatze, diese Heirat abzuschließen, gestorben ist. Deshalb wünschte ich auch meinerseits mein Versprechen zu erfüllen, und ich bitte Euer Majestät, es mir zu gestatten.«

 

Einhundertunddritte Nacht.

Der Sultan von Ägypten, durch die abschlägige Antwort und die Dreistigkeit des Schemseddin Mohammed beleidigt, sagte zu ihm im Ausbruche seines Zornes, den er nicht zurückzuhalten vermochte: »Auf solche Weise erwiderst du also die Güte, die ich habe, mich zu einer Verwandtschaft mit dir erniedrigen zu wollen? Ich werde mich wegen des Vorzuges rächen, den du einem andern vor mir zu geben wagst, und ich schwöre, daß deine Tochter keinen andern Gatten haben soll als den niedrigsten und häßlichsten meiner Sklaven.«

Nach diesen Worten schickte er den Wesir fort, der voll Verwirrung und tief gekränkt nach Hause ging.

Heute hat nun der Sultan einen seiner Stallknechte kommen lassen, der vorn und hinten bucklig und zum Erschrecken häßlich ist; und nachdem er dem Schemseddin Mohammed befohlen hat, in die Verheiratung seiner Tochter mit diesem Sklaven zu willigen, hat er den Heiratsvertrag aufsetzen und in seiner Gegenwart von Zeugen unterschreiben lassen. Die Vorbereitungen zu dieser wunderlichen Hochzeit sind beendet, und jetzt eben, während ich mit Euch spreche, sind alle Sklaven des Sultans von Ägypten an der Tür eines Bades, jeder mit einer Fackel in der Hand. Sie warten, bis der bucklige Stallknecht, der sich dort badet, herauskommt, um ihn zu seiner Gattin zu begleiten, die bereits angekleidet ist. In dem Augenblicke, wo ich Kairo verließ, schickten sich die versammelten Frauen an, sie mit allen bräutlichen Zierden in den Saal zu begleiten, wo sie den Buckligen empfangen soll, und wo sie ihn nun erwartet. Ich habe sie gesehen und versichere Euch, daß man sie nicht ohne Bewunderung betrachten kann.«

Bis die Fee aufgehört hatte zu reden, sagte der Geist zu ihr: »Was Ihr auch sagen mögt, ich kann nicht glauben, daß die Schönheit jenes Mädchens die Schönheit dieses Jünglings übertrifft.« – »Ich will mit Euch nicht streiten,« erwiderte die Fee; »ich gestehe Euch, daß er das reizende, dem Buckligen bestimmte Wesen zu heiraten verdient, und es scheint mir, daß es eine unser würdige Handlung wäre, wenn wir uns der Ungerechtigkeit des Sultans von Ägypten widersetzten und den Jüngling an die Stelle des Buckligen brächten.« – »Ihr habt recht,« versetzte der Geist, »und Ihr glaubt nicht, wie willkommen mir dieser Euer Gedanke ist. Laßt uns, ich willige darein, die Rache des Sultans von Ägypten vereiteln, einen betrübten Vater trösten und seine Tochter in eben dem Grade glücklich machen, in welchem sie sich elend glaubt. Ich werde nichts vergessen, was zum Gelingen dieses Planes beitragen kann; ich bin überzeugt, daß auch Ihr nichts verabsäumen werdet: ich werde ihn nach Kairo bringen, ohne daß er erwacht, und ich überlasse Euch die Sorge, ihn anderswohin zu schaffen, wenn wir unser Unternehmen ausgeführt haben.«

Nachdem die Fee und der Geist miteinander übereingekommen waren, was sie tun wollten, so hob der Geist den Bedreddin auf, ohne daß er es merkte, und nachdem er ihn mit unbegreiflicher Schnelle durch die Luft getragen hatte, legte er ihn an der Türe eines öffentlichen Gebäudes in der Nähe jenes Bades nieder, welches der Bucklige mit dem Gefolge ihn erwartender Sklaven eben verlassen sollte.

Bedreddin-Hassan, der in diesem Augenblick erwachte, war sehr verwundert; sich mitten in einer ihm ganz unbekannten Stadt zu sehen. Er wollte rufen, um zu erfahren, wo er wäre; aber der Geist gab ihm einen kleinen Schlag auf die Schulter und befahl ihm; kein Wort zu sagen. Hierauf gab er ihm eine Fackel in die Hand und sagte zu ihm: »Geh, mische dich unter diese Leute, die du an der Türe dieses Bades siehst, und geh mit ihnen, bis du in einen Saal kommst, in welchem man eine Hochzeit feiern wird. Der Bräutigam ist ein Buckliger, den du leicht erkennen wirst. Stelle dich beim Hereingehen zu seiner Rechten, nimm den Beutel mit Zechinen, den du in deinem Busen hast, öffne ihn und verteile während des Zuges das Geld an die Spielleute, Tänzer und Tänzerinnen. Wenn du dann im Saale bist, so vergiß nicht, auch die Sklavinnen, welche die Braut umgeben, zu beschenken, sobald sie sich dir nähern. Sooft du die Hand in den Beutel steckst, so ziehe sie mit Zechinen gefüllt wieder heraus und hüte dich, das Geld zu sparen. Tue pünktlich und mit Geschick alles, was ich dir gesagt habe; verwundere dich nicht, fürchte niemand und verlaß dich im übrigen auf eine höhere Macht.«

Der junge Bedreddin, von allem, was er tun sollte, genau unterrichtet, ging an die Türe des Bades. Das erste, was er tat, war, daß er seine Fackel an der eines Sklaven anzündete, sich dann unter die anderen Sklaven mischte, als gehörte er irgend einem Herrn in Kairo, den Zug mit ihnen begann, den Buckligen begleitete und ein Pferd aus dem Stalle des Sultans bestieg.

 

Einhundertundvierte Nacht.

Bedreddin-Hassan, der sich nun bei den Spielleuten, Tänzern und Tänzerinnen befand, welche unmittelbar vor dem Buckligen hergingen, nahm von Zeit zu Zeit aus seinem Beutel eine Handvoll Zechinen, die er unter sie verteilte. Da er sich bei dieser Verteilung mit unvergleichlicher Anmut und sehr verbindlichem Wesen benahm, so warfen alle, die er beschenkte, die Augen auf ihn und fanden ihn so wohlgestaltet und so schön, daß sie ihre Blicke gar nicht wieder wegwenden konnten.

Endlich langte der Zug an der Türe des Wesirs Schemseddin Mohammed an, der weit entfernt war, seinem Neffen sich so nahe zu glauben. Polizeidiener hielten, um Verwirrung zu verhindern, alle fackeltragenden Sklaven an und wollten sie nicht einlassen. Sie stießen selbst Bedreddin-Hassan zurück, aber die Spielleute, welchen die Türe geöffnet wurde, blieben stehen und versicherten, daß sie ohne ihn nicht ins Haus gehen würden. »Er gehört nicht zu den Sklaven,« sagten sie, »man braucht ihn nur anzusehen, um sich davon zu überzeugen. Es ist ohne Zweifel ein junger Fremder, der aus Neugier die in dieser Stadt gebräuchlichen Hochzeitsfeierlichkeiten mit ansehen will.« Indem sie dies sagten, nahmen sie ihn in ihre Mitte und ließen ihn trotz den Polizeidienern ein. Sie nahmen ihm seine Fackel ab, die sie dem ersten besten gaben, und nachdem sie ihn in den Saal geführt hatten, setzten sie ihn zur Rechten des Buckligen, der sich auf einem prächtig verzierten Thron neben dem der Tochter des Wesirs niederließ.

Der Thron dieses so schlecht zusammenpassenden Brautpaares befand sich in der Mitte eines Sofas. Die Frauen, die Emire, die Wesire, die Kammerbeamten des Sultans und mehrere Damen vom Hofe und aus der Stadt saßen auf beiden Seiten etwas niedriger, jede nach ihrem Range und alle so reich gekleidet, daß es ein sehr angenehmes Schauspiel war. Sie hatten große angezündete Kerzen in der Hand.

Als sie Bedreddin-Hassan eintreten sahen, richteten sie ihre Augen auf ihn, bewunderten seinen Wuchs, seine Miene, die Schönheit seines Gesichts und konnten nicht müde werden, ihn zu betrachten. Als er sich gesetzt hatte, war nicht eine, die ihren Platz nicht verlassen hätte, um ihn in der Nähe zu betrachten; und es mochte wohl keine zu finden sein, die bei der Rückkehr auf ihren Platz sich nicht von einer zärtlichen Bewegung erregt gefühlt hätte.

Der Unterschied zwischen Bedreddin-Hassan und dem buckligen Stallknecht, dessen Gestalt Schrecken einjagte, erregte in der Versammlung ein Murren. »Diesem Jüngling,« riefen die Frauen, »gebührt die Braut und nicht diesem abscheulichen Buckligen.« Sie ließen es nicht bei diesen Worten bewenden, sie wagten es, Verwünschungen gegen den Sultan auszustoßen, der durch einen Mißbrauch seiner unumschränkten Macht die Häßlichkeit mit der Schönheit verbände. Auch den Buckligen beluden sie mit Schmähungen, worüber er die Fassung verlor, zum großen Ergötzen der Zuschauer, deren Hohngelächter auf einige Zeit die Musik unterbrach, die sich im Saale hören ließ.«

Scheherasade bemerkte hier den Tag und schwieg; in der folgenden Nacht fuhr sie fort:

 

Einhundertundfünfte Nacht.

»Während nun Bedreddin-Hassan neben dem Buckligen auf der Bühne saß, kamen die Dienerinnen mit der Braut, die sie schon in wohlriechenden Wassern gebadet hatten, und die von Wohlgerüchen duftete. Schon hatten sie ihre Haare mit Moschusstaub bestreut und ihre Kleider mit dem feinsten Aloe und Ambra beräuchert. Dann kamen Mädchen, um ihre Haare zu flechten und sie mit einem Schmucke zu zieren, der einer Kaiserin würdig gewesen wäre. Sie trug ein goldgesticktes Kleid, mit allen möglichen Blumen, Vögeln und wilden Tieren gestickt, wobei die Augen und Schnäbel der Vögel aus Edelsteinen und ihre Schuhe aus roten Rubinen und grünem Smaragd waren; sie hingen ihr dann eine so prächtige Halskette um aus großen Juwelen, daß das Auge ihren Glanz nicht ertragen und der Geist ihren hohen Wert nicht fassen konnte. Die Braut war schöner als der Mond, wenn er in der vierzehnten Nacht des Monats scheint. Die Kammermädchen zündeten dann vor ihr weiße Wachskerzen an, doch überstrahlte ihr Antlitz das Licht der Kerzen, ihre Augen waren schärfer als ein gezogenes Schwert, ihre dicht herabhängenden Augenbrauen bezauberten alle Herzen, rosig waren ihre Wangen, sanft schmiegten sich ihre Hüften, über den liebevollen Ausdruck ihrer Augen konnte man von Sinnen kommen; so zog sie, von vielen Mädchen mit verschiedenen Musikinstrumenten umgeben, daher, während die Frauen einen Kreis um Hassan bildeten, dessen vollkommene Schönheit aller Bewunderung anzog. Als der Bucklige seine Braut küssen wollte, kehrte sie ihm den Rücken und warf sich vor ihrem Vetter Hassan nieder. Als darüber alle Anwesenden laut aufschrieen, griff Hassan wieder in seine Tasche und warf Hände voll Gold unter sie, so daß sie ihn alle segneten und ihm durch Winke zu verstehen gaben, daß sie herzlich wünschten, er möge diese schöne Braut heimführen. Alle Frauen freuten sich mit ihm und ließen den Buckligen allein sitzen, als wäre er ein Affe. Als Hassan die Braut näher betrachtete, fiel ihm die Schönheit auf, womit sie Gott vor allen anderen Geschöpfen ausgezeichnet. Indessen ließ er durch die Diener neues Gold unter die Anwesenden auswerfen, worüber sich alle nicht wenig ergötzten.«

Scheherasade bemerkte hier den Tag und schwieg, in der folgenden Nacht fuhr sie sodann fort:

 

Einhundertundsechste Nacht.

»Als Hassan die Braut so schön fand, daß er vor Freude ganz außer sich war, hatte sie ein rotes Atlaskleid an, das sie so gut kleidete, daß sie nicht nur Männern, sondern sogar Frauen den Kopf verwirrte. Man nahm ihr aber nach einer Weile dieses Kleid ab und legte ihr ein blaues Kleid an; lieblich strahlten dann ihre Wangen, freundlich lächelte ihr Mund, schwarze Haare schmückten ihr Haupt, fest eingeschnürt war ihr Busen. In diesem Kleide konnte man folgende Verse auf sie anwenden:

»Sie erschien in einem blauen Gewande, azurfarbig wie der Himmel; aus ihrem Kleide erblickte ich einen Sommermond mitten aus einer Winternacht hervorleuchten.«

Als sie ihr nun ein drittes Kleid anzogen, ließen sie ihre langen schwarzen Haarflechten über ihren Hals und einen Teil ihres Gesichtes herunterhängen; sie durchbohrte jedes Herz mit den Pfeilen ihrer Augäpfel. In diesem Aufzuge konnte man von ihr folgende Verse sagen:

»Als sie erschien und die Haare ihr Gesicht bedeckten, fragte ich: hat sie wohl den Morgen mit der Nacht bedeckt? Man antwortete mir: Nein, sondern es verhüllen dunkle Wolken den Vollmond.«

Als sie das vierte Kleid anzog, glich sie der aufgehenden Sonne. Sie warf sich hin und her wie ein Reh und gefiel so, daß ihre Augenlider wie Pfeile das Herz der Anwesenden durchbohrten. Wahr ist sie in folgenden Versen beschrieben:

»Die Sonne ihrer Schönheit umstrahlt so lieblich die Welt, daß, wenn sie mit lächelndem Gesichte sich zeigt, die helle Tagessonne sich in die Wolken verbirgt.«

Im fünften Kleide glich sie einem Zweige des Baumes Ban oder einer schmachtenden Gazelle; sie wußte durch ihre Bewegungen ihre stillsten Reize hervorzuheben. Trefflich ist sie in folgenden Versen geschildert:

»Sie erscheint wie der Vollmond in einer freundlichen Nacht, mit zarten Hüften und schlankem Wuchse; ihr Auge fesselt die Menschen durch ihre Schönheit, die Röte ihrer Wangen gleicht dem Rubin, schwarze Haare hangen ihr bis zu den Füßen herunter; hüte dich wohl vor diesem dichten Haare!

Schmiegsam sind ihre Seiten, doch ihr Herz ist härter als Felsen. Aus ihren Augenbrauen schleudert sie Pfeile, die immer richtig treffen und nie fehlen, so fern sie auch sein mögen.«

Der sechste Anzug, den sie nun anlegte, war grün, und so war sie schöner als der leuchtende Mond; die Sonne schämte sich vor ihren Wangen, welche Kirschen glichen, von grünen Blättern bedeckt.«

Scheherasade bemerkte hier den Tag und unterbrach ihre Erzählung; in der folgenden Nacht fuhr sie fort:

 

Einhundertundsiebente Nacht.

»Sooft die Braut ihre Kleider gewechselt hatte, stand sie von ihrem Platze auf, ging, von ihren Frauen begleitet, vor dem Buckligen vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, und stellte sich vor Bedreddin-Hassan, um sich ihm in ihren neuen Anzügen zu zeigen. Dieser unterließ dann nicht, nach der ihm von dem Geist erteilten Vorschrift in seinen Beutel zu greifen und Hände voll Zechinen an die Begleiterinnen der Braut zu verteilen. Er vergaß auch die Musiker und die Tänzer nicht und warf ihnen welche zu. Es war lustig zu sehen, wie sie einander stießen, um das Geld aufzuraffen. Sie bezeigten dem Geber ihre Erkenntlichkeit und gaben ihm durch Zeichen ihren Wunsch zu erkennen, daß die Braut für ihn und nicht für den Buckligen bestimmt sein möchte. Die Frauen, welche sie umgaben, sagten ihm dasselbe und kümmerten sich nicht, ob der Bucklige sie hörte, welchem sie zur Belustigung aller Zuschauer tausend Possen spielten.

Als die Feierlichkeit des Kleiderwechselns vorüber war, hörten die Musiker auf zu spielen und entfernten sich, indem sie dem Bedreddin ein Zeichen gaben, daß er bleiben möchte. Die Frauen taten dasselbe, indem sie mit allen nicht zum Hause Gehörigen den Saal verließen. Die Braut ging in ein Kabinett, wohin ihr die Frauen folgten, um sie zu entkleiden, und es blieb niemand in dem Saal als der bucklige Stallknecht, Bedreddin-Hassan und einige Diener. Der Bucklige, der auf Bedreddin, weil er ihm so im Wege stand, wütend war, sah ihn von der Seite an und sagte zu ihm: »Und du, worauf wartest du? Warum entfernst du dich nicht wie die andern?« Da Bedreddin keinen Vorwand hatte, um zu bleiben, ging er ziemlich verlegen von dannen; aber er war noch nicht außerhalb des Vorhofes, als der Geist und die Fee sich ihm zeigten und ihn aufhielten. »Wohin gehst du?« sagte der Geist zu ihm. »Bleib; der Bucklige ist nicht mehr in dem Saale, er hat ihn eines Bedürfnisses wegen verlassen; du kannst ohne weiteres dahin zurückkehren und dich in das Zimmer der Braut begeben. Sobald du mit ihr allein bist, sage ihr dreist, daß du ihr Bräutigam bist; daß der Sultan sich bloß mit dem Buckligen einen Scherz habe machen wollen, und daß du zur Begütigung dieses vorgeblichen Bräutigams ihm in seinem Stalle eine gute Schüssel mit Sahne habest geben lassen. Sag' ihr darüber alles, was dir eben einfallen wird, um sie zu überzeugen. Sowie du da bist, wird das nicht schwer sein, und sie wird sich sehr über die angenehme Täuschung freuen. Inzwischen werden wir dafür sorgen, daß der Bucklige nicht zurückkehre und dich hindere, die Nacht mit deiner Gattin zuzubringen; denn sie ist die deine und nicht die seinige.«

Während der Geist dem Bedreddin auf solche Weise Mut einflößte und ihn über das, was er zu tun hätte, belehrte, war der Bucklige wirklich aus dem Saale gegangen. Der Geist ging ihm nach, nahm die Gestalt einer großen schwarzen Katze an und begann auf eine greuliche Weise zu mautzen. Der Bucklige schrie auf die Katze los und klatschte in die Hände, um sie zu verjagen; aber die Katze, statt zu fliehen, setzte sich auf die Hinterbeine, ließ ihre Augen flammen und sah den Buckligen noch stolzer an als vorher, indem sie zu der Größe eines Eselfüllens anwuchs. Jetzt wollte der Bucklige um Hilfe schreien, aber die Angst hatte ihn so ergriffen, daß er mit offenem Maule stehenblieb, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Um ihm keine Ruhe zu lassen, verwandelte sich der Geist augenblicklich in einen gewaltigen Büffel und rief ihm in dieser Gestalt mit einer seine Furcht verdoppelnden Stimme zu: »Nichtswürdiger Buckliger!« Bei diesen Worten fiel der erschrockene Stallknecht auf das Pflaster nieder, verhüllte sich den Kopf mit seinem Gewande, um das schreckliche Tier nicht zu sehen, und erwiderte ihm zitternd: »Mächtiger Fürst der Büffel, was willst du von mir?« – »Unglück treffe dich,« versetzte der Geist, »dich, der du so verwegen bist und es wagst, dich mit meiner Geliebten zu verheiraten.« – »Ach, Herr,« sagte der Bucklige, »ich bitte dich, mir zu verzeihen; wenn ich strafbar bin, so bin ich es nur aus Unwissenheit, denn ich wußte nicht, daß die Schöne einen Büffel zum Liebhaber hatte. Befehlt mir, was Ihr wollt, ich schwöre Euch, daß ich bereit bin, Euch zu gehorchen.« – »Du bist des Todes,« erwiderte der Geist, »wenn du dich vom Flecke rührst oder bis zum Sonnenaufgange nicht ganz still schweigst; sprichst du nur ein Wörtchen, so schlage ich dir den Kopf entzwei! Alsdann erlaube ich dir, das Haus zu verlassen; aber ich befehle dir, schnell zu gehen, ohne dich umzusehen, und wenn du so keck bist, umzukehren, kostet es dich das Leben.« Nach diesen Worten verwandelte sich der Geist in einen Menschen, ergriff den Buckligen bei den Füßen, und nachdem er ihn kopfunten an die Mauer gestellt hatte, fügte er hinzu: »Wenn du dich rührst, ehe die Sonne aufgegangen ist, wie ich dir schon gesagt habe, so packe ich dich bei den Füßen und zerschmettere dir an dieser Mauer den Kopf in tausend Stücke.«

Um wieder auf Bedreddin-Hassan zu kommen, der durch den Geist und die Gegenwart der Fee Mut bekommen hatte, so war er in den Saal zurückgekehrt und in die Hochzeitskammer gegangen, woselbst er sich, den Erfolg seines Abenteuers erwartend, niedersetzte. Nach Verlauf einiger Zeit kam die Braut, von einer Alten geleitet, die an der Türe stehen blieb und den Bräutigam ermahnte, seine Pflicht gut zu erfüllen, ohne darauf zu achten, ob es der Bucklige oder ein anderer wäre, worauf sie die Türe zumachte und sich entfernte.

Die junge Braut war sehr erstaunt, anstatt des Buckligen den Bedreddin-Hassan zu sehen, der sich ihr auf die anmutigste Weise von der Welt vorstellte. »Wie,« sagte sie zu ihm, »Ihr seid zu dieser Stunde hier? Ihr müßt also wohl ein Genosse meines Bräutigams sein?« – »Nein, schöne Braut,« erwiderte Bedreddin, »ich bin von anderem Stande als dieser nichtswürdige Bucklige.« – »Aber,« entgegnete sie, »Ihr bedenkt nicht, daß Ihr schlecht von meinem Gatten sprecht.« – »Er, Euer Gatte!« versetzte er, »könnt Ihr diesen Gedanken so lange hegen? Laßt Euren Irrtum fahren! So viele Schönheiten sollen nicht dem verächtlichsten aller Menschen aufgeopfert werden. Ich bin der glückliche Sterbliche, dem sie aufbewahrt sind. Der Sultan hat sich nur damit belustigt, dem Wesire, Eurem Vater, diesen Streich zu spielen, und hat mich zu Eurem wahren Gatten erkoren. Ihr konntet ja wohl bemerken, wie die Damen, die Musiker, die Tänzer, Eure Frauen und alle Leute aus Eurem Hause sich an dieser Komödie ergötzt haben. Wir haben den elenden Buckligen fortgeschickt, der in seinem Stalle eine Schüssel Sahne verzehrt, und Ihr könnt darauf rechnen, daß er nie wieder vor Euren schönen Augen erscheinen wird.«

Bei diesen Worten veränderte sich das Gesicht der Tochter der Wesirs, die mehr tot als lebendig in die Hochzeitskammer getreten war, und sie nahm eine freundliche Miene an, welche sie so verschönte, daß Bedreddin davon bezaubert war. »Ich erwartete keine so angenehme Überraschung, und ich hatte mich schon dazu verdammt, den ganzen Überrest meines Lebens unglücklich zu sein. Aber mein Glück ist umso größer, da ich in Euch einen meiner Zärtlichkeit würdigen Gatten besitzen werde.« Indem sie dies sagte, zog sie sich vollends aus und legte sich ins Bett. Bedreddin-Hassan, entzückt, sich als den Besitzer so vieler Reize zu sehen, entkleidete sich schnell. Er legte sein Kleid auf einen Stuhl und auf den Beutel, den ihm der Jude gegeben hatte, und der noch voll war, ungeachtet alles dessen, was er herausgenommen. Er nahm seinen Turban ab, um einen für die Nacht und für den Buckligen bestimmten aufzusetzen, und legte sich im Hemde und in Unterkleidern nieder, welche letzteren von blauem Atlas und mit einem goldgestickten Bande festgebunden waren; und in diesem Zustand entschliefen sie, wie der Dichter sagt:

»Begib dich zu der, die du liebst, und verachte das Gerede der Neider; denn nie wird der Neider dem Liebenden behilflich sein.

Man kann doch wahrlich keinen schöneren Anblick haben, als zwei sich umarmende Liebende auf einem Bette schlafen zu sehen.

Nichts vermag zwei liebende Herzen zu trennen; und wollten es Leute versuchen, so wäre es, als schlügen sie auf kaltes Eisen.

Wenn du in deinem Leben ein liebendes und dir geneigtes Wesen antriffst, so hast du dein schönstes Ziel erreicht: aber wo ist dieses Wesen?

Scheltet daher nicht die Liebenden; ihr könnt ebensowenig aus ihrem Herzen die Liebe verbannen als die Bosheit aus dem Herzen der Bösen.«

 

Einhundertundachte Nacht.

Als die beiden Liebenden eingeschlafen waren,« fuhr der Großwesir Giafar fort, »sagte der Geist, der sich wieder zur Fee begeben hatte, zu dieser, daß es Zeit wäre, zu vollenden, was sie so glücklich angefangen und so weit geleitet hätten. »Lassen wir uns nicht von dem Tage überraschen, der bald anbrechen wird; geht und entführet den Jüngling, ohne ihn aufzuwecken.«

Die Fee begab sich in die Kammer der in tiefen Schlaf versunkenen Liebenden, entführte Bedreddin-Hassan in dem Zustande, in welchem er sich befand, das heißt, im Hemde und in Unterbeinkleidern, und flog in wunderbarer Schnelle mit dem Geiste bis an das Tor von Damaskus in Syrien, woselbst sie gerade zu der Zeit anlangten, als die zu solcher Verrichtung bestimmten Diener der Moscheen das Volk mit lauter Stimme zum frühen Morgengebete riefen. Die Fee legte nahe am Tore den Bedreddin sanft auf die Erde und entfernte sich mit dem Geiste.

Man öffnete das Stadttor, und die Leute, die sich schon in großer Anzahl versammelt hatten, um hinauszugehen, waren höchlich erstaunt, Bedreddin-Hassan im Hemde und in Unterbeinkleidern auf der Erde liegen zu sehen. Der eine sagte: »Er ist so eilig gewesen, von seinem Schätzchen zu gehen, daß er nicht Zeit gehabt hat, sich anzukleiden.« »Da sehe man,« sagte der andere, »welchen Unfällen man ausgesetzt ist; er hat wahrscheinlich einen guten Teil der Nacht damit zugebracht, mit seinen Freunden zu zechen; er wird sich betrunken haben, eines Bedürfnisses wegen herausgegangen sein, und statt wieder hineinzugehen, wird er bis hierher gekommen sein, ohne zu wissen, wie, und der Schlaf wird sich seiner bemächtigt haben.« Andere sagten anderes, und niemand konnte erraten, durch welches Abenteuer er sich dort befand. Ein leises Lüftchen, welches zu wehen begann, erhob sein Hemde und ließ seine Brust sehen, die weißer als Schnee war. Sie waren alle so von dieser Weiße überrascht, daß sie einen Schrei des Erstaunens ausstießen, der den jungen Mann erweckte. Er staunte nicht weniger, sich am Tore einer Stadt, wohin er niemals gekommen war, und von einer Menge ihn aufmerksam betrachtender Leute umgeben zu sehen. »Ihr Herren,« sagte er zu ihnen, »seid so gut, mir zu sagen, wo ich bin, und was ihr von mir wollt?« Einer nahm das Wort und erwiderte ihm: »Junger Mann, soeben ist das Tor dieser Stadt geöffnet worden, und als wir herauskamen, fanden wir Euch, so wie Ihr hier liegt. Wir blieben stehen, um Euch zu betrachten. Habt Ihr hier die Nacht zugebracht? Und wißt Ihr wohl, daß Ihr Euch an einem Tore von Damaskus befindet?« – »An einem Tore von Damaskus?« erwiderte Bedreddin, »ihr spottet meiner: als ich mich diese Nacht niederlegte, war ich in Kairo.« Bei diesen Worten sagten einige, von Mitleid gerührt, es wäre schade, daß ein so wohlgebildeter junger Mann den Verstand verloren hätte, und gingen ihres Weges.

»Mein Sohn,« sagte ein guter alter Mann zu ihm, »Ihr bedenkt nicht, was Ihr sprecht; wie hättet Ihr gestern abend in Kairo sein können, da Ihr diesen Morgen in Damaskus seid? Das ist nicht möglich.« – »Und doch ist es gewiß,« versetzte Bedreddin, »und ich kann Euch sogar zuschwören, daß ich den ganzen gestrigen Tag in Balsora zugebracht habe.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als ein allgemeines Gelächter entstand und alle ausriefen: »Er ist ein Narr, er ist ein Narr!« Einige beklagten ihn jedoch wegen seiner Jugend, und einer von diesen sagte zu ihm: »Mein Sohn, Ihr müßt den Verstand verloren haben, Ihr bedenkt nicht, was Ihr sprecht: ist es möglich, daß ein Mensch den Tag über in Balsora, die Nacht über in Kairo und am andern Morgen in Damaskus sei? Ihr seid vermutlich noch schlaftrunken! Ermuntert Euern Geist.« – »Was ich sage,« entgegnete Hassan, »ist so wahrhaft, daß ich gestern abend in Kairo verheiratet worden bin.« Alle diejenigen, welche vorher gelacht hatten, verdoppelten nun ihr Gelächter. »Nehmt Euch wohl in acht,« sagte dieselbe Person, welche eben zu ihm gesprochen hatte, »Ihr müßt das alles geträumt haben, und die Täuschung ist Euch geblieben.« – »Ich weiß wohl, was ich sage,« erwiderte der junge Mann; »sagt selbst, wie es möglich ist, daß ich im Traum nach Kairo kam, wo ich nach meiner festen Überzeugung wirklich gewesen bin, wo man siebenmal meine Gattin, immer neu gekleidet, vor mich geführt hat, und wo ich einen Buckligen gesehen habe, den man ihr zum Manne geben wollte? Sagt mir nur, was aus meinem Kleide, meinem Turban und meinem Beutel mit Zechinen geworden ist.«

Obgleich er versicherte, daß alle diese Dinge wirklich wären, so lachten die Zuhörer nur darüber, was ihn so beunruhigte, daß er selbst nicht mehr wußte, was er von alledem, das ihm begegnet war, denken sollte.«

Der Tag, der Schachriars Gemach zu erleuchten begann, legte Scheherasaden Stillschweigen auf, die in der nächsten Nacht ihre Geschichte folgendermaßen fortsetzte:

 

Einhundertundneunte Nacht.

»Herr,« fuhr der Wesir Giafar fort, »da Bedreddin-Hassan nicht abließ, zu behaupten, daß alles, was er gesagt hätte, wahr wäre, stand er auf, um in die Stadt zu gehen, und alles lief ihm nach und schrie: »Er ist ein Narr! Er ist ein Narr!« Bei diesem Geschrei sahen einige aus dem Fenster, andere traten an ihre Haustüren, und noch andere gesellten sich zu denen, die Bedreddin umgaben, und schrieen gleich diesen: »Er ist ein Narr!«, ohne jedoch zu wissen, wovon eigentlich die Rede wäre. Der junge Mann gelangte in das Haus eines Pastetenbäckers, der seinen Laden öffnete, und ging da hinein, um sich dem Verhöhnen des ihm folgenden Volks zu entziehen.

Dieser Pastetenbäcker war einst das Oberhaupt eines Trupps streifender Araber gewesen, welche die Karawanen beraubten, und obgleich er sich in Damaskus niedergelassen hatte, wo er keine Veranlassung zu einer Klage gegen ihn gab, so fürchteten ihn doch alle, die ihn kannten. Deshalb bedurfte es nur seines Blickes auf die Bedreddin umgebende Menge, um diese zu zerstreuen. Da der Pastetenbäcker sich mit dem jungen Manne allein sah, fragte er ihn um manches: wer er wäre, und wie er nach Damaskus gekommen. Bedreddin-Hassan verschwieg ihm weder seine Geburt noch den Tod des Wesirs, seines Vaters; er erzählte ihm sodann, auf welche Weise er aus Balsora gekommen, und wie er sich, nachdem er in der verflossenen Nacht auf dem Grabe seines Vaters eingeschlafen wäre, bei seinem Erwachen in Kairo befunden und daselbst ein Fräulein geheiratet hätte. Zuletzt bezeigte er ihm sein Erstaunen, sich in Damaskus zu sehen, ohne alle diese Wunder begreifen zu können.

»Eure Geschichte ist eine der erstaunlichsten,« sagte der Pastetenbäcker zu ihm; »aber wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, so vertraut niemand die Dinge an, die Ihr mir soeben mitgeteilt habt, und harret geduldig, bis es dem Himmel gefällt, die Unfälle, über welche er Euch betrübt zu sein erlaubt, zu beenden. Ihr könnt bis dahin bei mir bleiben, und da ich keine Kinder habe, bin ich bereit, Euch, wenn Ihr darein willigt, als meinen Sohn anzuerkennen. Wenn dies geschehen ist, könnt Ihr frei durch die Stadt gehen und werdet den Beleidigungen des Pöbels nicht mehr ausgesetzt sein.«

Obgleich diese Ankündigung dem Sohne eines Großwesirs eben keine Ehre machte, so nahm Bedreddin doch den Vorschlag des Pastetenbäckers an, da er glaubte, in seiner Lage und in seinen Glücksumständen nichts besseres tun zu können. Der Pastetenbäcker ließ ihn kleiden, nahm Zeugen und erklärte vor dem Kadi, daß er ihn als seinen Sohn anerkenne, worauf Bedreddin unter dem bloßen Namen Hassan bei ihm blieb und die Pastetenbäckerei erlernte.

Während sich dieses in Damaskus zutrug, erwachte die Tochter des Schemseddin Mohammed, und da sie Bedreddin nicht an ihrer Seite fand, glaubte sie, er wäre aufgestanden, ohne sie in ihrer Ruhe stören zu wollen, und würde bald wiederkommen. Sie erwartete seine Rückkehr, als der Wesir Schemseddin Mohammed, ihr Vater, lebhaft von dem Schimpf ergriffen, den er vom Sultan von Ägypten erlitten zu haben glaubte, an der Türe ihres Gemachs klopfte mit dem Vorsatze, ihr trauriges Geschick mit ihr zu beweinen. Er rief sie bei ihrem Namen, und sie hatte kaum seine Stimme gehört, als sie aufstand und ihm die Türe öffnete. Sie küßte ihm die Hand und empfing ihn mit so vergnügtem Antlitze, daß der Wesir, der sie in Tränen schwimmend und ebenso betrübt wie sich selbst zu finden erwartete, ausnehmend überrascht war. »Unglückliche,« sagte er zornig zu ihr, »so erscheinst du vor mir? Kannst du nach dem schrecklichen Opfer, welches du gebracht hast, mich mit einem so zufriedenen Gesichte empfangen?«

 

Einhundertundzehnte Nacht.

Als die Neuvermählte sah,« fuhr Giafar fort, »wie ihr Vater die Freude, welche sie blicken ließ, ihr zum Vorwurfe machte, sagte sie zu ihm: »Macht mir, Herr, ich bitte Euch, keinen so ungerechten Vorwurf; nicht der Bucklige, den ich mehr als den Tod verabscheue, nicht dieses Ungeheuer habe ich geheiratet. Der ist von allen so in Verwirrung gebracht worden, daß er sich gezwungen sah, sich zu verbergen und einem reizenden Jünglinge Platz zu machen, der nun wirklich mein Mann ist.« »Was für ein Märchen erzählst du mir?« fuhr Schemseddin Mohammed heftig auf. »Wie? Der Bucklige hat diese Nacht nicht bei dir geschlafen?« – »Nein, Herr,« antwortete sie, »es hat niemand bei mir geschlafen als der Jüngling, von welchem ich spreche, der große Augen und große schwarze Augenbrauen hat.« Bei diesen Worten verlor der Wesir die Geduld und geriet in wütenden Zorn gegen seine Tochter. »Ha, du Abscheuliche,« sagte er zu ihr, »willst du mir durch deine Reden den Verstand verwirren?« – »Ihr, mein Vater,« versetzte sie, »Ihr verwirret mir den Verstand durch Euren Unglauben.« – »Es ist also nicht wahr,« versetzte der Wesir, »daß der Bucklige ...« – »Ach, lassen wir den Buckligen,« erwiderte sie schnell, »vermaledeit sei der Bucklige! Muß ich immer von dem Buckligen reden hören? Ich wiederhole es Euch, mein Vater,« fügte sie hinzu, »ich habe die Nacht nicht mit dem Buckligen, sondern mit dem Gatten zugebracht, von welchem ich Euch erzählt habe, und der nicht weit sein kann.«

Schemseddin Mohammed ging hinaus, um ihn zu holen, aber statt ihn zu treffen, war er nicht wenig verwundert, den Buckligen zu finden, der noch so, wie der Geist ihn hingestellt hatte, auf dem Kopfe stand. »Was soll das heißen?« sagte er zu ihm. »Wer hat dich in diesen Zustand versetzt?« Der Bucklige, der den Wesir erkannte, erwiderte ihm: »Aha, Ihr wollet mir also das Schätzchen eines Büffels, die Geliebte eines nichtswürdigen Geistes zur Frau geben? O, ich werde nicht Euer Narr sein und mich von Euch anführen lassen.«

 

Einhundertundelfte Nacht.

Schemseddin Mohammed glaubte, daß der Bucklige wahnsinnig wäre, indem er ihn so sprechen hörte, und sagte zu ihm: »Fort von da, stelle dich auf deine Füße.« »Davor werde ich mich wohl hüten,« versetzte der Bucklige, »wenn nicht wenigstens die Sonne aufgegangen ist. Als ich gestern abend hierher kam, erschien mir auf einmal zuerst eine schwarze Katze, die nach und nach so groß wie ein Büffel wurde, und ich habe nicht vergessen, was der mir gesagt hat. Darum geht an Eure Geschäfte und laßt mich hier.« Der Wesir, statt sich zu entfernen, packte den Buckligen bei den Beinen und nötigte ihn, aufrecht zu stehen. Als dies geschehen war, rannte der Bucklige aus Leibeskräften, ohne sich umzusehen, in den Palast des Sultans von Ägypten, ließ sich vor diesen führen und belustigte ihn sehr, indem er ihm die vom Geist erlittene Behandlung erzählte.

Schemseddin Mohammed ging in das Zimmer seiner Tochter zurück, erstaunter und ungewisser als vorher über das, was er zu wissen verlangte. »Nun, meine getäuschte Tochter, kannst du mich nicht noch mehr über ein Abenteuer aufklären, das mich bestürzt und verworren macht?« – »Herr,« entgegnete sie, »ich weiß Euch weiter nichts zu sagen, als was ich heute schon gesagt habe. Doch hier,« fügte sie hinzu, »hier liegt das Kleid meines Gatten, welches er auf diesem Stuhle gelassen hat; vielleicht kann es Euch die gewünschte Aufklärung erteilen.« Indem sie diese Worte sprach, überreichte sie den Turban Bedreddins dem Wesir, der ihn nahm, und der, nachdem er ihn von allen Seiten aufmerksam betrachtet hatte, sagte: »Ich würde ihn für den Turban eines Wesirs halten, wenn er nicht nach der Mode von Mossul wäre.« Da er jedoch gewahrte, daß zwischen dem Stoff und dem Futter etwas eingenäht war, so verlangte er eine Schere und fand, nachdem er die Stelle aufgetrennt hatte, ein zusammengefaltetes Papier. Es war das Heft, welches Nureddin-Ali auf dem Totenbette seinem Sohne Bedreddin gegeben hatte, der es zu besserer Bewahrung auf solche Weise verbarg. Als Schemseddin Mohammed das Heft geöffnet hatte, erkannte er die Handschrift seines Bruders Nureddin-Ali und las den Titel: Für meinen Sohn Bedreddin-Hassan. Ehe er hierüber seine Betrachtungen anstellen konnte, gab ihm seine Tochter den Beutel in seine Hände, den sie unter dem Kleide gefunden hatte. Er öffnete auch diesen, und er war, wie ich schon gesagt habe, mit Zechinen angefüllt; denn ungeachtet der großen Geschenke, welche Bedreddin-Hassan ausgeteilt hatte, war er durch die Sorgfalt des Geistes und der Fee immer voll geblieben. Er las folgende Worte auf dem an den Beutel gebundenen Zettel: Tausend dem Juden Isaak gehörige Zechinen, und darunter das, was er, ehe er von Hassan wegging, geschrieben hatte: Dem Bedreddin-Hassan dafür gegeben, daß er mir das erste der in unserm Hafen landenden Schiffe überläßt, welche seinem Vater glückseligen Andenkens gehört haben. Kaum hatte er dies gelesen, als er nach einem lauten Schrei in Ohnmacht fiel.

 

Einhundertundzwölfte Nacht.

Da der Wesir Schemseddin Mohammed durch die Hilfe seiner Tochter und von ihr herbeigerufener Frauen aus seiner Ohnmacht erwacht war, sagte er: »Meine Tochter, wundere dich nicht über den Zufall, der mir soeben begegnet ist: seine Ursache ist von der Art, daß du sie kaum begreifen wirst. Der Gatte, welcher die Nacht mit dir zugebracht hat, ist dein Vetter, der Sohn des Nureddin-Ali. Die tausend Zechinen, welche ich in diesem Beutel fand, erinnern mich an einen Streit, den ich mit diesem teuren Bruder hatte; ohne Zweifel ist es das dir bestimmte Brautgeschenk. Gott sei für alle Dinge gelobt und ganz besonders für dieses wunderbare Abenteuer, welches so deutlich seine Macht bewährt.« Er betrachtete hierauf die Handschrift seines Bruders und küßte sie mehrmals, indem er häufige Tränen vergoß. »Warum kann ich nicht,« rief er aus, »ebenso wie ich diese Züge sehe, die mir so viel Freude verursachen, meinen Bruder selbst sehen und mich mit ihm versöhnen!« Er sagte sodann folgende Verse her:

»Ich sehe seine Spuren, bei ihrem Anblicke schmelze ich vor Sehnsucht, und über seinen unbekannten Aufenthalt vergieße ich Tränen.

Ich bitte den, der mich durch seine Trennung von mir geprüft hat, er möge mich durch seine Rückkehr beglücken.«

Er las das Heft von einem Ende zum andern und fand darin die Tage der Ankunft seines Bruders in Balsora, seiner Verheiratung und der Geburt des Bedreddin-Hassan; und als er mit diesen Tagen diejenigen seiner Verheiratung und der Geburt seiner Tochter in Kairo verglichen hatte, verwunderte er sich über ihre Übereinstimmung, und da er nun bedachte, daß sein Neffe sein Schwiegersohn wäre, überließ er sich gänzlich der Freude. Er nahm das Heft und den am Beutel befestigten Zettel und ging, sie dem Sultan zu zeigen, der ihm das Vergangene vergab und über die Erzählung dieser Geschichte so erfreut war, daß er sie umständlich aufzeichnen ließ, um sie auf die Nachwelt zu bringen.

Der Wesir Schemseddin Mohammed konnte jedoch nicht begreifen, warum sein Neffe verschwunden wäre, hoffte aber, ihn jeden Augenblick kommen zu sehen, und erwartete ihn mit der größten Ungeduld, um ihn zu umarmen. Nachdem er ihn sieben Tage lang vergeblich erwartet hatte, ließ er ihn durch ganz Kairo suchen, konnte jedoch aller Nachforschungen ungeachtet nichts von ihm erfahren. Das beunruhigte ihn sehr. »Dies ist,« sagte er, »ein sehr seltsames Abenteuer; niemals hat jemand ein gleiches erlebt.«

Ungewiß, was sich in der Folge noch ereignen könnte, hielt er es für nötig, den damaligen Zustand seines Hauses aufzuschreiben, nächstdem, wie es bei der Hochzeit zugegangen, und wie der Saal und das Zimmer seiner Tochter eingerichtet waren. Auch machte er ein Paket aus dem Turban, dem Beutel und den übrigen Kleidungsstücken des Bedreddin und verschloß es.

 

Einhundertunddreizehnte Nacht.

Nach Verlauf einiger Tage fühlte die Tochter des Wesirs Schemseddin Mohammed, daß sie schwanger wäre, und wirklich kam sie nach neun Monaten mit einem Knaben nieder. Man gab dem Kinde eine Amme und andre Frauen und Sklaven zu seiner Bedienung und nannte es Agib.

Als der junge Agib das Alter von sieben Jahren erreicht hatte, schickte ihn der Wesir Schemseddin Mohammed, statt ihn zu Hause im Lesen unterrichten zu lassen, in eine Schule zu einem Lehrer, der einen großen Ruf hatte, und zwei Sklaven mußten ihn täglich hin- und zurückbegleiten. Agib spielte mit seinen Schulgesellen. Da sie alle von niedrigerem Stande waren als er, so hatten sie viel Nachgiebigkeit gegen ihn, und sie richteten sich hierin nach ihrem Schulmeister, der dem Agib viele Sachen durchließ, die er ihnen nicht verzieh. Diese blinde Gefälligkeit, die man gegen Agib hatte, verdarb ihn; er wurde stolz und unverschämt, wollte, daß seine Gesellen alles von ihm leiden sollten, und litt doch nicht das geringste von ihnen. Er befahl überall; und wenn einer so dreist war, sich seinem Willen zu widersetzen, sagte er ihm tausend Beleidigungen und trieb es selbst bis zu Schlägen. Kurz, er machte sich allen Schülern unerträglich, die sich über ihn beim Schulmeister beklagten. Anfangs ermahnte er sie, Geduld zu haben; da er aber sah, daß sie dadurch die Ungeduld des Agib nur noch mehr reizten, und da er selbst der Plage, die der Knabe ihm machte, müde war, sagte er zu den Schülern: »Meine Kinder, ich sehe wohl, daß Agib ein kleiner Unverschämter ist; ich will euch ein Mittel lehren, ihn so zu kränken, daß er euch nicht mehr plagen wird; ich glaube sogar, er wird nicht wieder in die Schule kommen, wenn er morgen kommt und ihr miteinander spielen wollt, so stellt euch um ihn her, und einer von euch sage ganz laut: »Wir wollen spielen; aber unter der Bedingung, daß jeder von uns seinen und seiner Eltern Namen nenne. Wir werden die, welche sich dessen weigern, als Bastarde betrachten, und nicht leiden, daß sie mit uns spielen.«

Der Schulmeister gab ihnen zu verstehen, in welche Verlegenheit sie den Agib durch dieses Verfahren setzen würden, und sie gingen voll Freude nach Hause.

Als sie am folgenden Tage alle beisammen waren, unterließen sie nicht zu tun, was ihr Lehrer sie gelehrt hatte; sie umgaben den Agib, und einer nahm das Wort und sagte ganz laut: »Wir wollen ein Spiel spielen; aber unter der Bedingung, daß der, welcher seinen und seiner Eltern Namen nicht nennen kann, nicht mitspielen darf.« Sie antworteten alle, und auch Agib, daß sie darein willigten. Hieraus fragte der, welcher gesprochen hatte, einen nach dem andern, und alle genügten der Bedingung, ausgenommen Agib, welcher erwiderte: »Ich heiße Agib, meine Mutter heißt Dame der Schönheit und mein Vater Schemseddin Mohammed, Wesir des Sultans.«

Bei diesen Worten riefen alle Knaben: »Agib, was sagst du? Das ist ja nicht der Name deines Vaters, sondern deines Großvaters.« – »Gott verdamme euch!« rief er zornig aus. »Wie? Ihr wagt es zu sagen, daß der Wesir Schemseddin Mohammed nicht mein Vater sei?« Die Schüler versetzten mit großem Gelächter: »Nein, nein, er ist nur dein Großvater, und du darfst nicht mit uns spielen; wir werden uns sogar hüten, dir nahe zu kommen.«

Indem sie dies sagten, entfernten sie sich spottend von ihm und fuhren fort, untereinander zu lachen. Agib war durch ihre Spöttereien sehr gekränkt und fing an zu weinen.

Der Schulmeister, der auf der Lauer stand und alles gehört hatte, kam nun zum Vorschein und sagte zu Agib: »Weißt du noch nicht, daß der Wesir Schemseddin Mohammed nicht dein Vater ist? Er ist dein Großvater, Vater deiner Mutter, Dame der Schönheit. Wir wissen ebensowenig als du den Namen deines Vaters. Wir wissen nur, daß der Sultan deine Mutter mit einem seiner Stallknechte, der bucklig war, hat verheiraten wollen, daß aber ein Geist bei ihr schlief. Das ist verdrießlich für dich und muß dich lehren, deine Gefährten mit weniger Stolz, als du bisher getan hast, zu behandeln.«

Der kleine Agib, durch die Spottreden seiner Schulgesellen verletzt, eilte weinend aus der Schule nach Hause. Er ging sogleich in das Zimmer seiner Mutter, Dame der Schönheit, welche, bestürzt, ihn so betrübt zu sehen, ihn eifrig um die Ursache seines Kummers fragte. Er konnte nur durch Worte, welche von Schluchzen unterbrochen waren, antworten, so sehr war er von Schmerz niedergedrückt; und erst nach mehrfachem Wiederansetzen konnte er die kränkende Ursache seiner Betrübnis erzählen. Als er damit zu Ende war, fügte er noch hinzu: »Um Gottes willen, Mutter, sei so gut und sage mir, wer mein Vater ist.« – »Mein Sohn,« erwiderte sie, »dein Vater ist der Wesir Schemseddin Mohammed, der dich täglich umarmt.« – »Du sagst mir nicht die Wahrheit,« versetzte er, »er ist nicht mein Vater, er ist der deine. Aber ich, wessen Sohn bin ich?«

Da sich Dame der Schönheit bei dieser Frage ihre eine so lange Witwenschaft nach sich ziehende Hochzeitsnacht in ihr Gedächtnis zurückrief, fing sie an, Tränen zu vergießen, indem sie bitterlich den Verlust eines so liebenswürdigen Gatten wie Bedreddin bedauerte und folgende Verse sprach:

»Sie haben die Liebe in meinem Herzen rege gemacht und sind dann davongegangen; im Hause befinden sich nicht mehr diejenigen, welche ich liebe.

Die Besuchenden sind fern, und hin ist auch meine Geduld und meine Kraft, dies Unglück zu ertragen.

Mein Glück und meine Freuden haben sie mit fortgenommen, und nur Tränen über ihre Trennung haben sie mir gelassen.

O ihr, deren Andenken mein Oberkleid ausmacht, so wie eure Liebe das Gewand ist, welches meinen Leib unmittelbar berührt:

Gibt es denn für den Sklaven eurer Liebe kein Lösegeld oder für den wegen eurer Entfernung fast Leblosen kein Erbarmen?

Ach, wie lange wird eure Abwesenheit noch dauern, wie lange eure Rückkehr sich verzögern?«

Während nun Dame der Schönheit auf der einen und Agib auf der andern Seite weinte, trat der Wesir Schemseddin Mohammed ins Zimmer und wollte die Ursache ihrer Betrübnis wissen. Dame der Schönheit teilte sie ihm mit und erzählte ihm die dem Agib in der Schule widerfahrene Kränkung. Diese Erzählung rührte den Wesir lebhaft; er schloß daraus, daß alle Welt die Unehre seiner Tochter beschwatzte, und geriet darüber in Verzweiflung.

Von diesem grausamen Gedanken ergriffen, ging er zum Sultan, warf sich vor ihm nieder und bat ihn sehr demütig um die Erlaubnis zu einer Reise in die östlichen Länder und besonders nach Balsora, um seinen Neffen Bedreddin-Hassan aufzusuchen, da er den Gedanken nicht ertragen könnte, daß man in der Stadt glaubte, ein Geist hätte bei seiner Tochter Dame der Schönheit geschlafen.

Der Sultan ging in den Kummer des Wesirs ein, billigte seinen Entschluß und gab ihm die Erlaubnis, ihn auszuführen; er ließ ihm sogar einen offenen Brief ausfertigen, worin er in den verbindlichsten Ausdrücken die Fürsten und Herren der Orte, an welchen sich Bedreddin befinden könnte, bat, darein zu willigen, daß ihn der Wesir mit sich nähme.

Schemseddin Mohammed fand keine Worte, die kräftig genug waren, um dem Sultan würdig für die ihm erwiesene Güte zu danken. Er begnügte sich damit, daß er sich mehrmals vor dem Sultan niederwarf; aber die Tränen, welche aus seinen Augen flossen, bezeugten hinlänglich seine Erkenntlichkeit. Endlich nahm er Abschied vom Sultan, nachdem er ihm alles mögliche Glück gewünscht hatte.

Als er nach Hause gekommen war, dachte er nur daran, zu seiner Abreise alles Nötige vorzubereiten. Diese Vorbereitungen wurden so eilig betrieben, daß er nach vier Tagen mit seiner Tochter Dame der Schönheit und mit seinem Enkel Agib abreiste.

 

Einhundertundfünfzehnte Nacht.

Schemseddin Mohammed nahm den Weg nach Damaskus mit seiner Tochter Dame der Schönheit und mit Agib, seinem Enkel. Sie reisten neunzehn Tage hintereinander, ohne sich aufzuhalten; als sie aber am zwanzigsten auf eine schöne, nicht weit von den Toren von Damaskus entfernte Wiese gekommen waren, hielten sie an und ließen ihre Zelte an den Ufern eines Flusses aufschlagen, der durch die Stadt fließt, ihre Umgegend sehr angenehm macht, und worüber ein Dichter sich folgendermaßen ausdrückt:

»Welche glückliche Tage waren die, welche wir in Damaskus zubrachten! Ähnliche werden uns wohl kaum wieder zuteil werden!

Wie anmutig waren die Nächte, deren Fittiche nur sanft über uns schwebten, wie lächelnd die herrlichen Morgen!

Wo dichtbelaubte Äste uns beschatteten, wo das Sonnenlicht, wenn ja der sanfte Zephyr ihm gestattete, durchzudringen, auf dem Boden helle Flecke gleich Perlen gestaltete.

Wo die Vögel laut absangen, was sie auf den Spiegelflächen der Teiche zu lesen schienen, und was der Wind auf diese schrieb, wozu die Wölkchen die nötigen Punkte hinzufügten.«

Der Wesir Schemseddin Mohammed erklärte, daß er zwei Tage an diesem angenehmen Orte verweilen und am dritten seine Reise fortsetzen wollte. Doch erlaubte er den Leuten aus seinem Gefolge, nach Damaskus zu gehen. Fast alle benutzten diese Erlaubnis, einige aus Neugier, eine Stadt zu sehen, von welcher sie so vorteilhaft reden gehört hatten, andere, um daselbst ägyptische Waren, die sie mitgebracht hatten, zu verhandeln oder um Stoffe und Seltenheiten des Landes einzukaufen.

Dame der Schönheit, welche wünschte, daß auch ihr Sohn Agib das Vergnügen genießen möchte, sich in dieser berühmten Stadt umzusehen, befahl dem schwarzen Verschnittenen, der dieses Knaben Hofmeister war, ihn dahin zu begleiten und Sorge zu tragen, daß ihm kein Unfall begegnete.

Agib machte sich, prächtig gekleidet, mit dem Verschnittenen, der in seiner Hand einen großen Stock trug, auf den Weg. Sie waren kaum in die Stadt gekommen, als Agib, der schön wie der Tag war, die Augen aller Welt auf sich zog. Einige kamen aus den Häusern, um ihn näher zu sehen, andere steckten die Köpfe zu den Fenstern hinaus; und die auf den Straßen Vorübergehenden begnügten sich nicht damit, stehenzubleiben, um ihn zu betrachten, sondern begleiteten ihn noch, um das Vergnügen seines Anblicks länger genießen zu können. Denn seine Schönheit glich der, welche ein Dichter in folgenden Versen beschreibt:

»Sein Atem duftete Bisam, seine Zähne waren Perlen, seine Wangen Rosen, und sein Speichel war wie der köstlichste Wein.

Sein Wuchs glich einem schlanken Zweige, seine Hüften einem paar Hügeln, sein Haar der Nacht, sein Gesicht dem Vollmonde.«

Kurz, es war niemand, der ihn nicht bewunderte, und der nicht die Eltern, die ein so schönes Kind in die Welt gesetzt hatten, tausendfach segnete.

Der Verschnittene und der Knabe kamen zufällig an den Laden des Bedreddin-Hassan, und sie sahen sich dort von einem so großen Gedränge umgeben, daß sie genötigt waren, stillzustehen.

Der Pastetenbäcker, welcher Bedreddin-Hassan an Kindes Statt angenommen hatte, war seit einigen Jahren gestorben und hatte ihm als seinem Erben seinen Laden und sein übriges Besitztum hinterlassen. Bedreddin war also zu dieser Zeit Besitzer des Ladens, und er trieb sein Handwerk als Pastetenbäcker so geschickt, daß er zu Damaskus in großem Rufe stand. Da er nun vor seiner Türe so viel Leute sah, die den Agib und den Verschnittenen mit vieler Aufmerksamkeit betrachteten, so betrachtete auch er sie.

 

Einhundertundsechzehnte Nacht.

Bedreddin-Hassan,« fuhr der Wesir fort, »der die Augen vorzüglich auf Agib heftete, fühlte sich sogleich ganz bewegt, ohne zu wissen, warum. Er war nicht wie das Volk von der blendenden Schönheit des Knaben ergriffen, seine Unruhe und seine Bewegung hatten eine andere ihm unbekannte Ursache. Es war die Macht des Blutes, die in diesem zärtlichen Vater wirkte, der, seine Geschäfte unterbrechend, sich dem Agib näherte und sehr freundlich zu ihm sagte: »Junger Herr, der mein Herz gewonnen hat, seid so gut, kommt in meinen Laden und eßt etwas von meinem Gebäck, damit ich inzwischen das Vergnügen habe, Euch nach Gefallen zu bewundern.«

Er sprach diese Worte mit so vieler Zärtlichkeit, daß ihm dabei die Tränen in die Augen traten.

Der kleine Agib war darüber gerührt und sagte, sich zu dem Verschnittenen wendend: »Dieser gute Mann hat eine Gesichtsbildung, die mir gefällt, und er spricht so liebreich zu mir, daß ich mich nicht enthalten kann, seinen Wunsch zu erfüllen. Wir wollen in seinen Laden gehen und von seinem Backwerk essen.« – »Ei wahrhaftig,« sagte der Sklave, »das würde sich gut ausnehmen, wenn der Sohn eines Wesirs wie Ihr in den Laden eines Pastetenbäckers ginge, um dort zu essen; bildet Euch nicht ein, daß ich das leide!« – »Ach, junger Herr,« rief nun Bedreddin-Hassan aus, »es ist doch sehr grausam, daß Eure Leitung einem Menschen anvertraut ist, der Euch mit so vieler Härte behandelt.« Hierauf fügte er, sich an den Sklaven wendend, hinzu: »Guter Freund, haltet den jungen Herrn nicht davon ab, mir die erbetene Gunst zu erweisen; tut mir nicht diese Kränkung an. Erzeiget mir lieber die Ehre, mit ihm bei mir einzutreten, und Ihr werdet dadurch zu erkennen geben, daß Ihr, obgleich von außen braun wie die Kastanie, doch von innen weiß seid. Wißt Ihr wohl,« fuhr er fort, »daß ich das Geheimnis besitze, Euch, so schwarz Ihr auch seid, weiß zu machen?« Der Verschnittene fing bei diesen Worten zu lachen an und fragte Bedreddin, was denn das für ein Geheimnis wäre. »Ich will's Euch lehren,« erwiderte er. Hierauf sagte er ihm Verse zum Lobe der schwarzen Verschnittenen her, welche besagten, daß durch ihren Dienst die Ehre der Sultane, der Fürsten und aller Großen in Sicherheit wäre. Der Verschnittene war über diese Verse höchlich erfreut, widerstand den Bitten Bedreddins nicht länger, ließ Agib in seinen Laden gehen und ging selber hinein.

Bedreddin-Hassan fühlte eine außerordentliche Freude darüber, daß er seinen so lebhaften Wunsch erfüllt sah; und indem er wieder an die unterbrochne Arbeit ging, sagte er: »Ich buk eben Sahnetorten; Ihr müßt so gut sein, welche zu essen; denn meine Mutter, die sie bewundernswürdig gut bäckt, hat mich sie backen gelehrt, und sie werden aus allen Gegenden der Stadt bei mir geholt.« Nach diesen Worten zog er eine Sahnetorte aus dem Ofen, und nachdem er Zucker und Granatkörner darauf gestreut hatte, setzte er sie dem Agib vor, der sie köstlich fand. Der Verschnittene, dem Bedreddin auch eine vorsetzte, fand sie ebenfalls vortrefflich.

Während sie beide aßen, betrachtete Bedreddin den Agib mit großer Aufmerksamkeit, und weil ihm dabei einfiel, daß er vielleicht einen ähnlichen Sohn von der reizenden Gattin hätte, von welcher er so schnell und so grausam war getrennt worden, so preßte ihm dieser Gedanke einige Tränen aus. Er schickte sich an, den kleinen Agib über die Ursache seiner Reise nach Damaskus zu befragen; aber der Knabe hatte nicht Zeit, seine Neugier zu befriedigen, weil der Verschnittene, der ihn drängte, zu den Zelten seines Großvaters zurückzukehren, ihn fortführte, sobald er gegessen hatte.

Bedreddin-Hassan begnügte sich nicht, ihnen mit dem Auge zu folgen, er machte schnell seinen Laden zu und folgte ihren Schritten.

 

Einhundertundsiebzehnte Nacht.

Bedreddin-Hassan eilte dem Agib und dem Verschnittenen nach und holte sie ein, ehe sie an das Stadttor gelangt waren. Der Verschnittene, der es bemerkte, daß jener ihnen nachfolgte, war sehr erstaunt darüber. »Ihr Überlästiger,« rief er ihm zornig zu, »was wollt Ihr denn?« »Mein lieber Freund,« antwortete ihm Bedreddin, »erzürnt Euch nicht. Ich habe außerhalb der Stadt ein kleines Geschäft, dessen ich mich vorhin erinnerte, und das ich in Ordnung bringen muß.« Diese Antwort besänftigte den Verschnittenen nicht, der zu Agib sagte: »Siehst du nun, was du mir zugezogen hast. Ich habe es wohl vorausgesehen, daß ich meine Gefälligkeit bereuen würde: du wolltest in den Laden dieses Mannes gehen, und ich bin ein Tor, daß ich dir's erlaubt habe.« – »Vielleicht,« sagte Agib, »hat er wirklich außerhalb der Stadt ein Geschäft, und die Wege stehen ja jedem offen.«

Sie gingen nun beide, ohne sich umzusehen, bis sie zu den Zelten des Wesirs gekommen waren, und erst dort wandten sie sich um, um zu sehen, ob Bedreddin ihnen noch immer folgte. Als nun Agib bemerkte, daß er nur zwei Schritte hinter ihnen war, errötete und erblaßte er abwechselnd, den verschiedenen innern Bewegungen gemäß, die ihn beunruhigten. Er fürchtete, der Wesir, sein Großvater, möchte erfahren, daß er in dem Laden eines Pastetenbäckers gewesen wäre und daselbst gegessen hätte. In dieser Furcht raffte er einen großen zu seinen Füßen liegenden Stein auf, warf ihn nach Bedreddin und traf ihn mitten auf die Stirne, so daß sein Gesicht mit Blut bedeckt ward, lief dann aus Leibeskräften weiter, und indem er sich mit dem Verschnittenen unter die Zelte rettete, sagte der letztere dem Bedreddin-Hassan, er sollte sich nicht über dies Unglück beschweren, welches er verdient und sich selber zugezogen hätte.

Bedreddin ging nach der Stadt zurück, indem er mit seiner Schürze, die er nicht abgenommen hatte, das Blut zu stillen suchte. »Es ist unrecht von mir,« sagte er zu sich selbst, »daß ich mein Haus verlassen habe, um diesem Kinde so viel Angst zu machen; denn der Knabe hat mich nur darum auf solche Weise behandelt, weil er glaubte, daß ich irgend etwas Böses mit ihm vorhätte.«

Als er zu Hause war, ließ er sich verbinden, tröstete sich über diesen Unfall, indem er bedachte, daß es auf Erden eine Menge Menschen gäbe, die viel unglücklicher wären als er, und sagte sich folgende Verse vor:

»Erwarte von der Zeit keine Billigkeit; du würdest ihr unrecht tun; denn Billigkeit ist gar nicht geschaffen worden.

Ergreife die Vergnügungen, die leicht zu ergreifen sind, und laß die Sorgen beiseite; denn die Zeit muß mit heiteren und trüben Tagen abwechseln.«

 

Einhundertundachtzehnte Nacht.

Gegen Ende der Nacht sagte Scheherasade, das Wort an den Sultan von Indien richtend: »Der Großwesir setzte folgendermaßen die Geschichte des Bedreddin-Hassan fort: »Bedreddin,« sagte er, »fuhr fort, sein Handwerk als Pastetenbäcker in Damaskus zu treiben, und sein Oheim reiste drei Tage nach seiner Ankunft von dort ab. Er nahm seinen Weg nach Emesa, von wo er sich nach Hamasch begab und von dort nach Aleppo, woselbst er zwei Tage verweilte. Von Aleppo ging er über den Euphrat, zog nach Mesopotamien, und nachdem er Mardin, Mossul, Sengira, Diarbekir durchzogen hatte, kam er endlich in Balsora an, wo er den Sultan um ein Gehör bat, der es ihm, sobald er von seinem Range unterrichtet war, auch sogleich gewährte. Er nahm ihn sogar sehr gnädig auf und fragte ihn, weshalb er nach Balsora gekommen wäre. »Herr,« erwiderte der Wesir Schemseddin Mohammed, um Nachrichten von dem Sohne des Nureddin-Ali einzuziehen, der die Ehre gehabt hat, Euer Majestät zu dienen.« – »Es ist schon lange her,« erwiderte der Sultan, »daß Nureddin-Ali tot ist. Was seinen Sohn betrifft, so ist alles, was ich Euch von ihm zu sagen weiß, daß er ungefähr zwei Monate nach dem Tode seines Vaters plötzlich verschwunden ist, und daß ihn seit dieser Zeit niemand gesehen hat, was ich mir auch für Mühe gegeben habe, ihn aufsuchen zu lassen. Aber die Mutter, welche die Tochter eines meiner Wesire ist, lebt noch.« Schemseddin Mohammed bat ihn um die Erlaubnis, sie besuchen und mit nach Ägypten nehmen zu dürfen. Da der Sultan darein willigte, so wollte er dieses Vergnügen nicht auf den folgenden Tag verschieben; er erkundigte sich nach der Wohnung dieser Frau und begab sich sogleich mit seiner Tochter und seinem Enkel zu ihr.

Die Witwe des Nureddin-Ali wohnte noch immer in dem Hause, in welchem ihr Gemahl bis zu seinem Tode gewohnt hatte. Es war ein sehr schön gebautes, mit Marmorsäulen geschmücktes Haus; aber Schemseddin Mohammed hielt sich nicht dabei auf, es zu bewundern. Er küßte die Türe und eine Marmorplatte, auf welcher der Name seines Bruders mit goldnen Buchstaben eingegraben war, und sprach folgende Verse:

»Ich bin nun in dem Hause, in welchem ich sonst Tage und Nächte zubrachte, und nun küsse ich vor Freude bald diese, bald jene Wand; doch nicht die Liebe zum Hause erfüllt mein Herz, sondern die Liebe zu dessen Bewohnern.« –

Hierauf fügte er noch folgendes Gedicht hinzu:

»Sooft die Sonne aufgeht, erkunde ich mich bei ihr um Nachrichten von euch; sooft der Blitz leuchtet, wird er von mir euretwegen befragt.

Von Sehnsucht gepeinigt, durchwache ich die Nächte; doch beklage ich mich nicht.

Ach, ihr Geliebten, sollte eure Abwesenheit noch länger dauern, so würde mich die Trennung von euch zermalmen.

Doch solltet ihr mich jetzt einmal durch euer Erscheinen beglücken, so würde ich diese Gunst höher empfinden, als ich zu jener Zeit euren Besitz zu schätzen verstand.

Glaube nicht, daß andre Gegenstände mein Herz beschäftigen; mein Herz hat keinen Raum für die Liebe zu einem andern.

Habt Mitleid mit einem Liebenden, den die Sehnsucht quält, und der seit eurer Abwesenheit in seinem Innersten zerstört ist.

Wenn mich aber einst mein Geschick durch euren Anblick begünstigt, so werde ich ihm all mein Lebelang dankbar bleiben.

Möge Gott nie den gedeihen lassen, der unsre Trennung wünschen sollte; möge sein Fuß ihm seinen Dienst versagen, wenn er ihn brauchen wollte, um unsre Trennung zu verlängern.« –

Er verlangte, mit seiner Schwägerin zu sprechen. Die Diener sagten ihm, daß sie sich in einem kleinen Kuppelgebäude befände, welches sie ihm in der Mitte eines sehr geräumigen Hofes zeigten. Wirklich hatte diese zärtliche Mutter die Gewohnheit, den größten Teil des Tages und der Nacht in diesem Gebäude zuzubringen, welches sie hatte erbauen lassen, damit es das Grab des Bedreddin-Hassan bedeute, den sie für tot hielt, nachdem sie ihn so lange vergeblich erwartet hatte. Sie beweinte eben diesen teuren Sohn, und Schemseddin Mohammed fand sie in tödlicher Trauer begraben und folgende Verse hersagend:

»O Grab, o Grab! Haben seine Tugenden aufgehört zu sein? Sollte die Freude aller, die ihn gesehen, erloschen sein? O Grab, du bist doch kein Himmel und kein Wasser!«

Er begrüßte sie, und nachdem er sie gebeten hatte, ihren Tränen und Seufzern Einhalt zu tun, sagte er ihr, daß er die Ehre hätte, ihr Schwager zu sein, und was ihn veranlaßt, von Kairo nach Balsora zu reisen.

 

Einhundertundneunzehnte Nacht.

Nachdem Schemseddin Mohammed seine Schwägerin von allem, was in Kairo in der Hochzeitsnacht seiner Tochter vorgefallen war, unterrichtet und ihr von dem Erstaunen erzählt hatte, in welches er durch das im Turban des Bedreddin gefundene Heft geraten war, stellte er ihr Agib und Dame der Schönheit vor.

Als die Witwe des Nureddin-Ali, welche sitzen geblieben war wie eine Frau, die keinen Anteil mehr an dem Treiben der Welt nimmt, aus dem ihr Erzählten vernahm, daß der liebe Sohn, den sie so betrauerte, noch am Leben sein könnte, stand sie auf und umarmte sehr innig Dame der Schönheit und Agib; und da sie in diesem letzten die Züge des Bedreddin erkannte, so vergoß sie Tränen ganz andrer Art als die bisher vergossenen und sprach folgende Verse:

»Willkommen ist mir der Bote, der mir Eure Ankunft meldet; denn von ihm vernehme ich das Schönste, was ich jemals vernommen habe.

Wenn es ihm genügte, so gäbe ich ihm statt eines Ehrenkleides mein Herz, damit er es am Tage nochmaliger Trennung zerreiße.«

Sie konnte nicht müde werden, den Knaben zu küssen, der seinerseits ihre Umarmungen mit allen ihm möglichen Freudensbezeugungen erwiderte.

»Edle Frau,« sagte Schemseddin Mohammed, »es ist Zeit, Eurem Schmerz Einhalt zu tun und diese Tränen zu trocknen: Ihr müßt Euch bereit machen, mit uns nach Ägypten zu ziehen. Der Sultan von Balsora erlaubt mir, Euch mitzunehmen, und ich zweifle nicht, daß Ihr darein williget. Ich hoffe, daß wir endlich Euren Sohn, meinen Neffen, wiederfinden werden; und wenn das geschieht, so wird seine Geschichte, die Eurige, die meiner Tochter und die meinige verdienen, der Nachwelt aufbewahrt zu werden.«

Die Witwe des Nureddin-Ali hörte diesen Vorschlag mit Vergnügen und ließ von Stund an die nötigen Vorbereitungen zu ihrer Reise treffen.

Während dieser Zeit erbat sich Schemseddin Mohammed ein zweites Gehör, und nachdem er vom Sultan Abschied genommen und dieser ihn mit Ehrenbezeigungen überhäuft und ihm ein ansehnliches Geschenk für den Sultan von Ägypten gegeben hatte, reiste er von Balsora ab und nahm den Weg nach Damaskus.

Als er in der Nähe dieser Stadt war, ließ er seine Zelte vor dem Tore, durch welches er seinen Einzug halten sollte, aufschlagen und sagte, daß er dort drei Tage verweilen würde, um sein Gefolge ausruhen zu lassen und um einzukaufen, was er des Sultans von Ägypten am meisten würdig hielte.

Während er damit beschäftigt war, selbst die schönsten Stoffe auszuwählen, welche ihm die angesehensten Kaufleute unter seine Zelte gebracht hatten, bat Agib den schwarzen Verschnittenen, seinen Führer, ihn in der Stadt herumzuführen, weil er die Dinge, die er im Vorübergehen nicht hätte sehen können, gern sehen möchte, und weil er sich auch sehr darüber freuen würde, etwas von dem Pastetenbäcker zu erfahren, den er mit dem Steine geworfen hatte. Der Verschnittene willigte darein und ging mit ihm nach der Stadt, nachdem er die Erlaubnis dazu von seiner Mutter Dame der Schönheit erhalten hatte.

Sie gingen in die Stadt durch das Palasttor, welches den Zelten des Wesirs Schemseddin Mohammed am nächsten lag. Sie durchstreiften die großen Plätze, die bedeckten öffentlichen Märkte, auf welchen die reichsten Waren verkauft wurden, und sahen die alte Moschee der Omiaden gerade zu der Zeit, in welcher man sich in ihr versammelte, um das Gebet zwischen Mittag und Sonnenuntergang zu halten. Sie gingen hierauf an den Laden des Bedreddin-Hassan, den sie wieder mit dem Backen von Sahnetorten beschäftigt fanden. »Ich grüße Euch,« sagte Agib zu ihm, »seht mich an, erinnert Ihr Euch, mich gesehen zu haben?« Bei diesen Worten warf Bedreddin die Augen auf ihn, und als er ihn erkannte, fühlte er dieselbe Bewegung wie das erstemal; er wurde unruhig, und statt ihm zu antworten, konnte er lange Zeit kein einziges Wort herausbringen. Bis er jedoch seinen Geist wieder gesammelt hatte, sprach er die folgenden Verse:

»Wie sehnte ich mich nach dem, was ich liebe! und als es mir zuteil ward, verstummte ich, gleich als hätte ich weder Zunge noch Auge.

Aus Ehrfurcht und Bescheidenheit blickte ich zur Erde und bemühte mich, mein Innerstes zu verbergen; doch das verbirgt sich nicht.

Viel hatte mein Herz zu sagen; aber beim Anblicke des Ersehnten sprach ich kein Wort.«

Hierauf sagte er zu ihm:

»Mein lieber junger Herr, erzeigt mir die Gunst, nochmals mit Eurem Hofmeister in meinen Laden zu treten; kommt und eßt eine Sahnetorte. Ich bitte Euch sehr, mir die Besorgnis zu verzeihen, die ich in Euch erregte, als ich Euch vor die Stadt folgte, ich war meiner nicht mächtig, ich wußte nicht, was ich tat, und ich fühlte mich Euch nachgezogen, ohne einer so süßen Gewalt widerstehen zu können.«

 

Einhundertundzwanzigste Nacht.

Agib, erstaunt, zu hören, was Bedreddin ihm gesagt hatte, antwortete: »Es ist eine Übertreibung in der Freundschaft, die Ihr mir bezeigt, und ich komme nicht in Euren Laden, wenn Ihr mir nicht schwört, mir nicht zu folgen, wenn ich weggehe. Wenn Ihr mir das versprecht und ein Mann von Wort seid, so komme ich morgen wieder, während der Wesir, mein Großvater, Geschenke für den Sultan von Ägypten kauft.« – »Mein lieber junger Herr,« erwiderte Hassan, »ich werde alles tun, was Ihr mir befehlt.« Nach diesen Worten traten Agib und der Verschnittene in den Laden.

Bedreddin setzte ihnen alsbald eine Sahnetorte vor, die nicht weniger köstlich war als die, welche er ihnen das erstemal vorgesetzt hatte, »Kommt,« sagte Agib zu ihm, »setzt Euch neben mich und eßt mit uns.« Als Bedreddin sich gesetzt hatte, wollte er den Agib umarmen, um ihm die Freude zu bezeigen, die er empfand, ihn an seiner Seite zu sehen; aber Agib stieß ihn zurück und sagte: »Verhaltet Euch ruhig, Eure Freundschaft ist zu lebhaft. Begnügt Euch damit, mich anzusehen und mit mir zu sprechen.« Bedreddin gehorchte und sang folgendes Lied:

»Für dich ist in meinem Herzen ein unsichtbarer Thron und ein kostbarer Teppich, der vor meinen Augen ausgebreitet wird.

Du, der du den hellen Mond durch deine Schönheit beschämst, dessen Anmut dem Glanze des Morgens gleicht:

In dem Himmel deines Antlitzes ist sehnsuchterweckende Wonne, die durch den Blick deiner Augen in Ehrfurcht verwandelt wird.

Dein Antlitz ist das durch Bäume beschattete Paradies, und doch schmelze ich von dem Brande meiner Liebe zu dir; der Speichel deines Mundes ist der im Paradiese fließende Kristallstrom Kautar, und dennoch sterbe ich vor Durst.«

Bedreddin aß nichts und tat nichts, als seine Gäste bedienen. Als sie genug hatten, brachte er ihnen Wasser, um sich zu waschen, und ein sehr weißes Handtuch, um sich die Hände abzutrocknen. Hierauf nahm er ein Sorbetgefäß, bereitete ihnen welchen und tat sehr reinen Schnee hinein. Hierauf überreichte er das Gefäß dem Agib und sagte: »Nehmet, es ist ein Rosensorbet, der köstlichste, der in der ganzen Stadt zu finden ist. Ihr habt niemals besseren getrunken.« Als Agib mit Vergnügen davon getrunken hatte, nahm Bedreddin-Hassan das Gefäß und überreichte es auch dem Verschnittenen, der in langen Zügen den ganzen Trank bis auf den letzten Tropfen austrank.

Nachdem nun Agib und seine Hofmeister satt waren, dankten sie dem Pastetenbäcker für seine gute Aufnahme und entfernten sich schnell, weil es schon ein wenig spät war. Sie kamen zu den Zelten des Schemseddin Mohammed und gingen sogleich in das der Frauen. Die Großmutter Agibs war sehr erfreut, ihn wiederzusehen, und da sie immer ihren Sohn Bedreddin im Sinne hatte, konnte sie sich, indem sie Agib umarmte, der Tränen nicht enthalten. »O mein Sohn,« sagte sie, »meine Freude würde vollkommen sein, wenn ich das Vergnügen hätte, deinen Vater Bedreddin zu umarmen, wie ich dich umarme«. Hierauf setzte sie sich an den Tisch, um zu Abend zu essen, ließ ihn neben sich sitzen, tat ihm vielerlei Fragen über seinen Spaziergang, und indem sie zu ihm sagte, daß es ihm nicht an Eßlust fehlen könnte, legte sie ihm ein Stück von einer Sahnetorte vor, die sie selbst gebacken hatte, und die vortrefflich war; denn es ist schon erwähnt worden, daß sie dergleichen Torten besser buk als die besten Pastetenbäcker. Sie legte auch dem Verschnittenen davon vor; aber sie hatten beide so viel bei Bedreddin gegessen, daß sie nicht einmal davon kosten konnten.

 

Einhundertundeinundzwanzigste Nacht.

Agib hatte kaum das ihm vorgelegte Stück Sahnetorte berührt, als er sich stellte, als ob er es nicht nach seinem Geschmacks fände, und es ganz liegen ließ; und Schaban (dies ist der Name des Verschnittenen) tat dasselbe. Die Witwe des Nureddin-Ali sah, wie wenig ihr Enkel sich aus ihrer Torte machte. »Nein, mein Sohn,« sagte sie zu ihm, »ist es möglich, daß du meiner Hände Werk so verschmähst? Wisse, daß niemand auf der Welt imstande ist, so gute Sahnetorten zu machen, außer dein Vater Bedreddin, den ich es gelehrt habe.« »O liebe Mutter,« rief Agib aus, »erlaubt mir, Euch zu sagen, daß, wenn Ihr keine besseren machen könnt, es einen Pastetenbäcker in dieser Stadt gibt, der Euch in dieser Kunst übertrifft: wir haben soeben bei ihm eine gegessen, die besser war als diese hier.«

Bei diesen Worten sah die Großmutter den Verschnittenen scheel an und sagte zornig zu ihm: »Wie, Schaban, ist dir darum die Obhut über meinen Enkel anvertraut worden, damit du ihn zu den Pastetenbäckern führst und er dort wie ein Lump esse?« – »Edle Frau,« erwiderte der Verschnittene, »es ist freilich wahr, daß wir uns einige Zeit mit einem Pastetenbäcker unterhalten haben; aber wir haben nichts bei ihm gegessen.« – »Verzeiht,« unterbrach ihn Agib, »wir sind in seinen Laden gegangen und haben dort eine Sahnetorte gegessen.«

Die Dame, noch erzürnter auf den Verschnittenen als vorher, stand heftig vom Tisch auf und eilte in das Zelt des Schemseddin Mohammed, dem sie die Schuld des Verschnittenen in Ausdrücken berichtete, die geeigneter waren, den Wesir gegen den Schuldigen einzunehmen, als seinem Fehler Verzeihung zu bewirken.

Schemseddin Mohammed, der von Natur heftig war, ließ eine so schöne Gelegenheit, sich zu erzürnen, nicht ungenutzt vorübergehen. Er begab sich sogleich in das Zelt seiner Schwägerin und sagte zu dem Verschnittenen: »Wie, Unglücklicher, du hast die Dreistigkeit, das Vertrauen zu mißbrauchen, welches ich in dich gesetzt habe?« Schaban, obgleich durch das Zeugnis Agibs hinlänglich überwiesen, fuhr fort, die Sache zu leugnen. Aber der Knabe blieb dabei, das Gegenteil zu behaupten. »Großvater,« sagte er zu Schemseddin Mohammed, »ich versichere dich, daß wir beide, einer wie der andre, gegessen haben, und daß wir keines Abendbrotes bedürfen; der Pastetenbäcker hat uns sogar mit einer großen Menge Sorbet bewirtet.« – »Nun, du abscheulicher Sklave,« rief der Wesir, indem er sich zu dem Verschnittenen wandte, »willst du nicht eingestehen, daß ihr beide bei einem Pastetenbäcker gewesen seid und dort gegessen habt?« Schaban hatte die Unverschämtheit, immer noch zu leugnen. »Du bist ein Lügner,« sagte hierauf der Wesir; »ich glaube meinem Enkel mehr als dir. Wenn du jedoch von der Sahnetorte essen kannst, die hier auf dem Tische steht, so werde ich mich für überzeugt halten, daß du die Wahrheit sagst.«

Obgleich sich Schaban bis an den Hals vollgegessen hatte, so unterwarf er sich doch dieser Probe und nahm ein Stück Sahnetorte; aber er war genötigt, es vom Munde wegzunehmen, denn ihm ward übel. Er fuhr aber dennoch fort zu lügen und sagte, er habe den Tag zuvor so viel gegessen, daß ihm die Eßlust noch fehle. Der Wesir, aufgebracht über alle diese Lügen des Verschnittenen und überzeugt, daß er schuldig sei, ließ ihn auf die Erde legen und befahl, ihm die Bastonade zu geben. Der Unglückliche stieß während dieser Züchtigung ein heftiges Geschrei aus und bekannte die Torheit. »Es ist wahr,« rief er aus, »daß wir bei einem Pastetenbäcker eine Sahnetorte gegessen haben, und sie war hundertmal besser als die, welche hier auf dem Tische steht.«

Die Witwe des Nureddin-Ali glaubte, daß Schaban aus Ärger über sie und um sie zu kränken die Sahnetorte des Pastetenbäckers so lobte, deshalb sagte sie, sich zu ihm wendend: »Ich kann nicht glauben, daß die Sahnetorten dieses Pastetenbäckers besser sind als die meinigen. Ich will mich darüber aufklären; du weißt, wo er wohnt, geh und hole mir sogleich eine Sahnetorte von ihm.« Sie ließ dem Verschnittenen Geld geben, um eine Torte zu kaufen, und er ging.

Als er in Bedreddins Laden kam, sagte er zu ihm: »Guter Pastetenbäcker, hier ist Geld, gebt mir eine Sahnetorte; eine von unsern Damen wünscht sie zu kosten.« Bedreddin, der eben ganz warme hatte, suchte die beste aus, gab sie dem Verschnittenen und sagte: »Nehmt hier diese; ich stehe für ihre Trefflichkeit, und ich kann Euch versichern, daß niemand bessere machen kann, ausgenommen meine Mutter, wenn sie noch lebt.«

Schaban eilte mit der Torte zu den Zelten. Er überreichte sie der Witwe des Nureddin-Ali, die schnell danach griff. Sie brach ein Stück ab, um es zu essen; aber kaum hatte sie es an den Mund gebracht, so stieß sie einen lauten Schrei aus und sank ohnmächtig nieder. Schemseddin Mohammed, welcher gegenwärtig war, erstaunte nicht wenig über diesen Unfall, spritzte selbst seiner Schwägerin Wasser ins Gesicht und beeiferte sich, ihr beizustehen. Sobald sie wieder zu sich gekommen war, rief sie aus: »O Gott, mein Sohn, mein lieber Sohn Bedreddin muß diese Torte gebacken haben.«

 

Einhundertundzweiundzwanzigste Nacht.

Als der Wesir Schemseddin Mohammed seine Schwägerin sagen hörte, daß Bedreddin-Hassan die von dem Verschnittenen gebrachte Torte gemacht haben müßte, fühlte er eine unbeschreibliche Freude; da er aber bedachte, daß diese Freude ohne Grund und dem Anschein nach die Vermutung der Witwe Nureddin-Alis falsch wäre, sagte er zu ihr: »Aber, teuerste Frau, warum habt Ihr diese Meinung? Kann es denn in der Welt nicht einen Pastetenbäcker geben, der die Sahnetorte so gut als Euer Sohn bäckt?« – »Ich gebe zu,« erwiderte sie, »daß es vielleicht noch Pastetenbäcker gibt, die imstande sind, ebenso gute zu backen; aber da ich sie auf eine ganz eigentümliche Weise backe und niemand als mein Sohn dies Geheimnis versteht, so muß notwendig er es sein, der diese gebacken hat. Freuen wir uns, mein Bruder, wir haben endlich gefunden, was wir so lange suchen und begehren.« – »Beste Frau,« versetzte der Wesir, »mäßiget, ich bitte Tuch, Eure Ungeduld! Bald werden wir wissen, was wir davon denken sollen, wir brauchen nur den Pastetenbäcker hierher holen zu lassen, und ist es Bedreddin-Hassan, so werdet ihr, meine Tochter und Ihr, ihn bald wiedererkennen. Aber ihr müßt euch beide verbergen, so daß ihr ihn seht, ohne von ihm gesehen zu werden; denn ich will nicht, daß unsre Wiedererkennung in Damaskus stattfinde: ich habe die Absicht, sie bis zu unsrer Rückkehr nach Kairo zu verschieben, wo ich euch eine sehr angenehme Ergötzlichkeit zu bereiten hoffe.«

Nach diesen Worten ließ er die Damen in ihrem Zelt und begab sich in das seine. Dort ließ er fünfzig seiner Leute kommen und sagte zu ihnen: »Nehmet jeder einen Stock und folget dem Schaban, der euch zu einem Pastetenbäcker in dieser Stadt führen wird. Wenn ihr dort seid, so zerschlagt und zerbrecht alles, was ihr in seinem Laden findet. Wenn er euch nach der Ursache dieser Gewalttat fragt, so fragt ihn nur, ob er nicht die Sahnetorte gebacken hat, die bei ihm geholt worden ist. Antwortet er euch mit Ja, so bemächtigt euch seiner Person, bindet ihn fest und bringt ihn zu mir; aber hütet euch, ihn zu schlagen oder ihm sonst ein Leid zuzufügen. Geht und verliert keine Zeit.«

Des Wesirs Befehl wurde pünktlich befolgt; seine mit Stöcken bewaffneten und von dem schwarzen Verschnittenen angeführten Leute eilten zu Bedreddin-Hassan, bei welchem sie Teller, Schüsseln, Kessel, Kasserollen, Tische und alles andere Haus- und Küchengerät, das sie fanden, zerschlugen und seinen Laden mit Sorbet, Sahne und Zuckerwerk überschwemmten. Bei diesem Schauspiele sagte Hassan mit kläglicher Stimme zu ihnen: »Aber, ihr guten Leute, warum behandelt ihr mich auf solche Weise? Was gibt's? Was hab' ich getan?« – »Seid Ihr es nicht,« erwiderten sie, »der dem Verschnittenen, den Ihr hier seht, eine Sahnetorte verkauft hat?« – »Ja, ich bin es,« versetzte er, »was hat man dagegen einzuwenden? Ich fordre jeden auf, wer er auch sei, eine bessere zu machen.« Statt ihm zu antworten, fuhren sie damit fort, alles zu zerbrechen, und selbst der Ofen wurde nicht verschont.

Die Nachbarn, welche inzwischen auf den Lärm herbeigelaufen und sehr erstaunt waren, fünfzig Menschen eine solche Unordnung anrichten zu sehen, fragten nach dem Anlaß eines so gewaltsamen Verfahrens; und Bedreddin sagte nochmals zu denen, die daran teilnahmen: »Laßt mich nur wissen, ich bitte euch inständig, welches Verbrechen ich begangen haben kann, daß ihr auf solche Weise alles, was ihr bei mir findet, zerschlagt und zerbrecht?«

– »Seid Ihr es nicht,« antworteten sie, »der die Sahnetorte gebacken und diesem Verschnittenen verkauft hat?«

– »Ja, ja, ich bin es,« versetzte er, »ich behaupte, daß sie gut ist: und ich verdiene eure ungerechte Behandlung nicht.« Sie bemächtigten sich seiner Person, ohne auf ihn zu hören; und nachdem sie ihm die Leinwand von seinem Turban abgerissen hatten, bedienten sie sich ihrer, um ihm die Hände auf den Rücken zu binden, rissen ihn dann mit Gewalt aus seinem Laden und schleppten ihn fort.

Der versammelte Pöbel, der Mitleid mit Bedreddin hatte, nahm sich seiner an und wollte sich dem Vorhaben der Leute des Schemseddin Mohammed widersetzen; aber es kamen in diesem Augenblick Beamte des Befehlshabers der Stadt, welche das Volk auseinandertrieben und Bedreddins Entführung begünstigten, weil Schemseddin Mohammed zum Befehlshaber von Damaskus gegangen war, um ihn von dem durch ihn erteilten Befehl zu benachrichtigen und ihn um Beistand zu ersuchen; und dieser Befehlshaber, der im Namen des Sultans von Ägypten ganz Syrien beherrschte, hütete sich wohl, dem Wesir seines Herrn irgend etwas abzuschlagen. Bedreddin wurde also ungeachtet seines Geschreies und seiner Tränen fortgeführt.

 

Einhundertunddreiundzwanzigste Nacht.

Bedreddin,« fuhr Giafar fort, »mochte auf dem Wege seine Entführer noch so oft fragen, was man denn in der Sahnetorte gefunden hätte, er bekam keine Antwort. Endlich langte er unter den Zelten an, wo man ihn warten ließ, bis Schemseddin Mohammed von dem Befehlshaber von Damaskus zurückgekehrt war.

Der Wesir fragte, sobald er kam, nach dem Bedreddin, den man ihm vorführte. »Herr,« sagte Bedreddin mit tränenden Augen zu ihm, »seid so gut, mir zu sagen, wodurch ich Euch beleidigt habe.« – »Unglücklicher,« entgegnete ihm der Wesir, »bist du es nicht, der die mir übersandte Sahnetorte gebacken hat?« – »Ich gestehe, daß ich es bin,« versetzte Bedreddin. »Was für ein Verbrechen habe ich dadurch begangen?« – »Ich werde dich züchtigen, wie du es verdienst,« erwiderte Schemseddin, »und es wird dir das Leben kosten, daß du eine so abscheuliche Torte gebacken hast.« – »Guter Gott,« rief Bedreddin aus, »was höre ich! Ist es denn ein todeswertes Verbrechen, eine schlechte Sahnetorte gebacken zu haben?« – »Ja,« sagte der Wesir, »und du darfst keine andere Behandlung von mir erwarten.«

Während sie sich beide auf solche Weise miteinander unterredeten, betrachteten die versteckten Damen den Bedreddin mit Aufmerksamkeit, und sie hatten ungeachtet der Zeit, welche, seit sie ihn zuletzt gesehen, verflossen war, keine Mühe, ihn wiederzuerkennen. Die Freude, welche sie darüber empfanden, war so groß, daß sie in Ohnmacht fielen. Bis sie wieder zu sich gekommen waren, wollten sie sich dem Bedreddin an den Hals werfen; aber ihr dem Wesir gegebenes Wort, sich nicht zu zeigen, siegte über die zärtlichen Bewegungen der Liebe und der Natur.

Da Schemseddin Mohammed beschlossen hatte, noch in derselben Nacht abzureisen, so ließ er die Zelte zusammenlegen und die Wagen zur Abfahrt bereitmachen; und in Betreff Bedreddins befahl er, daß man ihn, in einen wohlverschlossenen Kasten gesperrt, auf ein Kamel laden sollte. Sobald alles zur Abreise bereit war, machten sich der Wesir und sein Gefolge auf den Weg. Sie reisten den Überrest der Nacht und den folgenden Tag hindurch, ohne auszuruhen, und erst beim Eintritte der folgenden Nacht hielten sie an. Bedreddin-Hassan wurde nun aus seinem Kasten gelassen und ihm Nahrung gereicht; aber man trug Sorge, ihn von seiner Mutter und von seiner Frau entfernt zu halten, und er wurde während der zwanzig Reisetage auf gleiche Weise behandelt.

Als man nach Kairo kam, wurde auf Befehl des Wesirs Schemseddin Mohammed vor der Stadt gelagert, und er ließ den Bedreddin vorführen, in dessen Gegenwart er zu einem Zimmermann, den er hatte kommen lassen, sagte: »Geh, hole Holz herbei und richte sogleich einen Pfahl auf!« – »Herr,« sagte Bedreddin, »was wollt Ihr mit diesem Pfahle machen?« – »Dich daran heften,« versetzte der Wesir, »und dich sodann durch alle Viertel der Stadt herumtragen lassen, damit man in deiner Person einen unwürdigen Pastetenbäcker sehe, der Sahnetorten bäckt, ohne Pfeffer hineinzutun.« Bei diesen Worten beklagte sich Bedreddin auf eine so drollige Weise, daß Schemseddin Mohammed alle Mühe hatte, ernsthaft zu bleiben. »Großer Gott, weil ich also keinen Pfeffer in eine Sahnetorte getan habe, will man mich auf eine ebenso grausame als schmachvolle Weise töten!«

 

Einhundertundvierundzwanzigste Nacht.

Der Kalif Harun Arreschid konnte sich seiner Ernsthaftigkeit ungeachtet nicht enthalten zu lachen, als der Wesir Giafar ihm sagte, daß Schemseddin Mohammed den Bedreddin töten lassen wollte, weil er in die dem Schaban verkaufte Sahnetorte keinen Pfeffer getan hätte.

»Wie,« sagte Bedreddin, »muß in meinem Hause alles zerbrochen und zerschlagen, muß ich in einen Kasten gesperrt und müssen die Vorbereitungen dazu gemacht werden, mich an einen Pfahl zu heften, und das alles, weil ich keinen Pfeffer in eine Sahnetorte tue! Großer Gott, wer hat jemals etwas Ähnliches gehört? Sind das Handlungen von Muselmännern, von Personen, die sichs zur Pflicht machen, rechtschaffen und gerecht zu sein, und die alle Arten von guten Werken üben?« Indem er dies sagte, schwamm er in Tränen und fuhr sodann in seinen Klagen fort: »Nein, noch nie ist jemand so ungerecht und so strenge behandelt worden. Ist es möglich, daß man imstande ist, einem Menschen das Leben zu nehmen, weil er keinen Pfeffer in eine Sahnetorte getan hat? Verflucht seien alle Sahnetorten ebenso wie die Stunde meiner Geburt! Möchte es Gott gefallen, mich in diesem Augenblicke sterben zu lassen!«

Der tiefbetrübte Bedreddin hörte nicht auf, sich zu beklagen; und als man den Pfahl und die Nägel, um ihn daran zu nageln, brachte, stieß er bei diesem schrecklichen Schauspiel ein gewaltiges Geschrei aus. »O Himmel,« sagte er, »kannst du das dulden, daß ich eines so schmachvollen und schmerzlichen Todes sterbe? Und für welches Verbrechen! Nicht weil ich gestohlen, weil ich einen Totschlag begangen, weil ich meine Religion verleugnet, nein, bloß weil ich keinen Pfeffer in eine Sahnetorte getan habe!«

Da die Nacht schon vorgerückt war, so ließ der Wesir Schemseddin Mohammed den Bedreddin wieder in seinen Kasten sperren und sagte zu ihm: »Hier bleib bis morgen; der Tag wird nicht vergehen, ohne daß ich dich sterben lasse.«

Man brachte den Kasten herbei und lud ihn auf das Kamel, welches ihn von Bagdad getragen hatte. Man belud zu gleicher Zeit alle anderen Kamele, und als der Wesir zu Pferde gestiegen war, ließ er das Kamel, welches seinen Neffen trug, vor sich herführen und zog, von seinem ganzen Gefolge begleitet, in die Stadt. Nachdem er durch mehrere Straßen gezogen war, wo sich niemand sehen ließ, weil sich alles zurückgezogen hatte, begab er sich nach seinem Hause, woselbst er den Kasten abladen ließ mit dem Verbote, ihn ohne seine Erlaubnis zu öffnen.

Während man die anderen Kamele ablud, nahm er die Mutter des Bedreddin-Hassan und seine Tochter beiseite und sagte zu der letzteren: »Gott sei gelobt dafür, daß er uns deinen Mann und deinen Vetter so glücklich hat wiederfinden lassen. Du wirst dich vermutlich des Zustandes erinnern, in welchem dein Zimmer in der Hochzeitsnacht war; geh und laß alles wie damals einrichten. Wenn du dich jedoch dessen nicht erinnerst, so kann ich durch das aufgenommene Verzeichnis aushelfen. Ich werde meinerseits zu dem übrigen Befehl erteilen.«

Dame der Schönheit ging mit Freuden an die Ausführung dessen, was ihr Vater ihr befohlen hatte, welcher nun auch im Saal alles auf dieselbe Weise einrichten ließ, wie es war, als Bedreddin-Hassan sich mit dem buckligen Stallknechte des Sultans von Ägypten dort befand. Die Diener setzten jedes Gerät so, wie er es von dem Verzeichnis ablas. Weder der Thron noch die angezündeten Wachslichter wurden vergessen. Als nun im Saal alles in Ordnung war, ging der Wesir in das Zimmer seiner Tochter, woselbst er Bedreddins Kleidung nebst der Börse mit Zechinen hinlegte. Als dies geschehen war, sagte er zu Dame der Schönheit: »Entkleide dich, meine Tochter, und lege dich nieder. Sobald Bedreddin hier in das Zimmer gekommen sein wird, so beklage dich darüber, daß er so lange draußen geblieben ist, und sage ihm, daß du beim Erwachen sehr erstaunt gewesen bist, ihn nicht an deiner Seite zu finden. Dränge ihn, sich wieder ins Bett zu legen, und morgen früh wirst du uns, deine Schwiegermutter und mich, ergötzen, indem du uns erzählst, was in dieser Nacht zwischen ihm und dir vorgefallen ist.« Nach diesen Worten verließ er das Gemach seiner Tochter und ließ ihr die Freiheit, sich niederzulegen.

 

Einhundertundfünfundzwanzigste Nacht.

Schemseddin Mohammed,« sagte der Wesir Giafar zu dem Kalifen, »befahl allen Dienern, die im Saale waren, hinauszugehen und sich zu entfernen, zwei oder drei ausgenommen, die er dort bleiben ließ. Er gab ihnen den Befehl, den Bedreddin aus dem Kasten zu ziehen, ihn im Hemde und in Unterbeinkleidern in den Saal zu führen, ihn daselbst allein zu lassen und die Türe zuzumachen.

Bedreddin-Hassan hatte, obgleich von Schmerz niedergedrückt, während dieser ganzen Zeit so fest geschlafen, daß er erst erwachte, als die Diener des Wesirs ihn aus dem Kasten gezogen und ihn mit seinem Hemde und seinen Unterbeinkleidern bekleidet hatten; und sie trugen ihn so schnell in den Saal, daß er gar nicht Zeit hatte, zur Besinnung zu kommen. Als er sich nun allein im Saale sah, ließ er seine Blicke überall herumwandeln, und da ihm die Dinge, welche er erblickte, die Erinnerung an seine Hochzeit ins Gedächtnis zurückriefen, so gewahrte er mit Erstaunen, daß dies derselbe Saal wäre, in welchem er den buckligen Stallknecht gesehen hätte. Sein Erstaunen mehrte sich noch, als er sich leise der Türe eines Zimmers genähert hatte, die er offen fand; er sah daselbst seine Kleider an demselben Ort, an welchen er sie in seiner Hochzeitsnacht gelegt zu haben sich erinnerte. »Guter Gott,« sagte er, indem er sich die Augen rieb, »schlafe oder wache ich?«

Dame der Schönheit, die ihn betrachtete, öffnete plötzlich, nachdem sie sich an seinem Erstaunen ergötzt hatte, die Vorhänge ihres Bettes und sagte zu ihm, den Kopf herausstreckend, mit zärtlichem Ton: »Was macht Ihr an der Türe? Kommt und legt Euch wieder ins Bett. Ihr seid sehr lange draußen geblieben. Ich war sehr erstaunt, Euch, als ich erwachte, nicht an meiner Seite zu finden.« Bedreddin-Hassan veränderte das Gesicht, als er sah, daß die Dame, welche mit ihm sprach, jene reizende Person war, bei welcher er sich erinnerte geschlafen zu haben. Er trat in das Zimmer; aber da er ganz voll von dem ihm seit zehn Jahren Begegneten war und nicht glauben konnte, daß alle diese Begebenheiten sich in einer einzigen Nacht ereignet hätten, so näherte er sich, statt sich ins Bette zu legen, dem Stuhle, auf welchem seine Kleider und der Beutel mit Zechinen lagen, und rief, nachdem er sie mit vieler Aufmerksamkeit betrachtet hatte, aus: »Bei dem lebendigen Gott, das sind Dinge, die ich nicht begreifen kann!« Die Dame, welche sich an seiner Verlegenheit ergötzte, sagte zu ihm: »Ich bitte Euch nochmals, Herr, legt Euch wieder ins Bett. Weshalb verweilt Ihr?« Bei diesen Worten ging er zu Dame der Schönheit. »Ich bitte Euch, edle Frau,« sagte er, »mich wissen zu lassen, ob ich schon lange Zeit bei Euch bin.« – »Diese Frage überrascht mich,« erwiderte sie, »seid Ihr nicht soeben von meiner Seite aufgestanden? Ihr müßt Euch seltsame Dinge in den Kopf gesetzt haben.« – »Verehrte Frau,« versetzte Bedreddin, »ich erinnere mich, das ist wahr, bei Euch gewesen zu sein; aber ich erinnere mich auch, zehn Jahre lang in Damaskus gewohnt zu haben. Wenn ich in der Tat diese Nacht bei Euch geschlafen habe, kann ich nicht so lange entfernt gewesen sein. Diese beiden Dinge widersprechen sich. Sagt mir, ich bitte Euch, was ich davon denken soll, und ob meine Verheiratung mit Euch eine Täuschung oder meine Abwesenheit ein Traum ist.« – »Ja, Herr,« entgegnete Dame der Schönheit, »es hat Euch ohne Zweifel geträumt, daß Ihr in Damaskus gewesen seid.« – »Nun, dann gibt es nichts Spaßhafteres,« rief Bedreddin aus, indem er laut auflachte. »Ich bin überzeugt, edle Frau, daß dieser Traum Euch sehr ergötzlich vorkommen wird. Bildet Euch ein, daß ich mich im Hemde und in Unterbeinkleidern, so wie ich hier bin, an dem Tore von Damaskus befunden habe, daß ich unter dem Gespötte eines mir nachfolgenden und mich beleidigenden Pöbels in die Stadt gekommen bin, daß ich mich zu einem Pastetenbäcker gerettet habe, der mich an Kindes Statt angenommen, mich sein Handwerk gelehrt und mir nach seinem Tode sein Vermögen hinterlassen hat, und daß ich hierauf seinen Laden übernommen habe. Endlich, verehrte Frau, ist mir eine Menge anderer Abenteuer begegnet, deren Erzählung zu lange dauern würde, und alles, was ich Euch sagen kann, ist, daß ich nicht übel daran getan habe zu erwachen, weil man mich sonst an einen Pfahl genagelt hätte.« – »Und weshalb,« sagte Dame der Schönheit, indem sie erstaunt zu sein schien, »wollte man Euch so grausam behandeln? Ihr mußtet doch wohl ein ungeheures Verbrechen begangen haben!« – »Keineswegs,« antwortete Bedreddin, »es war wegen der seltsamsten und lächerlichsten Sache von der Welt. Mein ganzes Verbrechen bestand darin, daß ich eine Sahnetorte verkauft hatte, in welcher kein Pfeffer war.« – »Nun, was das betrifft,« sagte Dame der Schönheit, indem sie aus Leibeskräften lachte, »so muß man gestehen, daß Euch ein schreckliches Unrecht widerfuhr.« – »O teuerste Frau,« versetzte er, »das ist noch nicht alles; man hatte dieser verdammten ungepfefferten Sahnetorte wegen in meinem Laden alles zerschlagen und zerbrochen; man hatte mich mit Stricken gebunden und in einen Kasten gesperrt, in welchem ich so beengt steckte, daß ich meine, ich fühle es noch. Endlich hatte man einen Zimmermann kommen lassen und ihm befohlen, einen Pfahl aufzurichten, um mich daran zu hängen! Aber Gott sei gelobt, daß dies alles nur das Werk des Schlafes ist.«

 

Einhundertundsechsundzwanzigste Nacht.

Bedreddin brachte die Nacht nicht ruhig zu; er erwachte von Zeit zu Zeit und fragte sich selbst, ob er wachte oder träumte. Er mißtraute seinem Glück, und indem er suchte, sich dessen gewiß zu machen, öffnete er die Vorhänge und ließ seine Blicke das ganze Zimmer durchlaufen. »Ich täusche mich nicht,« sagte er, »das ist das nämliche Zimmer, in welches ich statt des Buckligen gegangen bin, und wo ich mit der schönen, ihm bestimmten Dame geschlafen habe.« Der anbrechende Tag hatte seine Unruhe noch nicht ganz zerstreut, als der Wesir Schemseddin Mohammed, sein Oheim, an die Türe klopfte und fast zu gleicher Zeit hereintrat, um ihm einen guten Morgen zu wünschen.

Bedreddin-Hassan war außerordentlich überrascht, plötzlich einen Mann erscheinen zu sehen, den er so gut kannte, der aber gar nicht mehr das Ansehen des schrecklichen Richters hatte, von welchem sein Todesurteil ausgesprochen war. »Ihr seid es also,« rief er aus, »der mich so unwürdig behandelt und zu einem Tode verdammt hat, der mir noch Schrecken einjagt, und zwar einer ungepfefferten Sahnetorte wegen!« Der Wesir fing an zu lachen, und um ihn aus seiner Verwirrung zu ziehen, erzählte er ihm, wie er durch die Hilfe eines Geistes (denn die Erzählung des Stallknechtes hatte ihn das Abenteuer vermuten lassen) sich in seinem Hause befunden und statt des Stallknechts seine Tochter geheiratet hätte. Er erklärte ihm sodann, wie er durch das von Nureddins Hand geschriebene Heft entdeckt habe, daß er sein Neffe sei: und endlich sagte er ihm, daß infolge dieser Entdeckung er von Kairo abgereist und bis nach Balsora gekommen wäre, um ihn aufzusuchen und etwas von ihm zu erfahren. »Mein lieber Neffe,« fügte er hinzu, indem er ihn mit vieler Zärtlichkeit umarmte, »ich bitte dich, mir das alles zu verzeihen, was ich dich, seit ich dich wiedererkannte, habe leiden lassen. Ich wollte dich hierher bringen, ehe ich dich von deinem Glücke benachrichtigte, welches du umso reizender finden mußt, je saurer es dir geworden ist, es zu erlangen. Tröste dich über alle erlittenen Trübsale durch die Freude, dich denjenigen Personen, welche die teuersten für dich sein müssen, wiedergegeben zu sehen. Während du dich ankleidest, werde ich deiner Mutter, die sich so lebhaft nach deiner Umarmung sehnt, Nachricht von dir bringen und werde dir deinen Sohn zuführen, den du in Damaskus gesehen und für welchen du, ohne ihn zu kennen, so viel Zuneigung empfunden hast.«

Es gibt keine Worte, die kräftig genug wären, um auszudrücken, wie groß Bedreddins Freude war, als er seine Mutter und seinen Sohn Agib sah. Diese drei Personen hörten nicht auf, sich zu umarmen und alle Entzückungen walten zu lassen, welche die lebhafteste Zärtlichkeit irgend einzuflößen vermag. Die Mutter sagte dem Bedreddin die rührendsten Sachen; sie erzählte ihm von dem Schmerze, den ihr eine so lange Abwesenheit verursacht, und von den Tränen, welche sie vergossen hätte. Der kleine Agib, statt wie in Damaskus die Umarmungen seines Vaters zu fliehen, wurde ihrer nicht müde, und Bedreddin-Hassan, zwischen zwei seiner Liebe so würdigen Gegenständen geteilt, glaubte ihnen nicht genug Bezeigungen seiner Zuneigung geben zu können.

Während diese Dinge sich bei Schemseddin Mohammed begaben, war dieser Wesir in den Palast gegangen, um dem Sultan von dem glücklichen Erfolge seiner Reise Nachricht zu geben. Der Sultan war von der Erzählung dieser merkwürdigen Geschichte so bezaubert, daß er sie niederschreiben ließ, um sie in den Archiven seines Reiches aufbewahren zu lassen.

Sobald Schemseddin Mohammed heimgekehrt war, setzte er sich mit seiner Familie zu einem prächtigen Festmahle, welches er hatte bereiten lassen, und sein ganzes Haus brachte den Tag in Lust und Freude zu.«

Nachdem nun der Wesir Giafar die Geschichte des Bedreddin-Hassan auf solche Weise beendigt hatte, sagte er zum Kalifen Harun Arreschid: »Beherrscher der Gläubigen, das ist nun, was ich Euer Majestät zu erzählen hatte.«

Der Kalif fand diese Geschichte so erstaunenswürdig, daß er den Sklaven Rihan ohne Zögern begnadigte, und um den jungen Mann wegen des Schmerzes zu trösten, den er darüber empfand, daß er sich selbst unglücklicherweise einer Frau beraubt hatte, die er sehr liebte, verheiratete ihn dieser Fürst mit einer seiner Sklavinnen, überhäufte ihn mit Wohltaten und blieb ihm bis an seinen Tod gewogen.

Aber, Herr,« fügte Scheherasade, den anbrechenden Tag bemerkend, hinzu, »wie anmutig auch die Geschichte sein mag, welche ich soeben beendet habe, so weiß ich doch eine, die es noch mehr ist. Wenn Euer Majestät sie in der nächsten Nacht zu hören wünscht, so bin ich überzeugt, daß Ihr mir das zugeben werdet.«

Schachriar stand auf, ohne etwas zu sagen, und sehr ungewiß, was er tun sollte. »Die gute Sultanin,« sagte er zu sich selbst, »erzählt sehr lange Geschichten, und wenn sie einmal angefangen hat, so ist es unmöglich, sie nicht ganz zu Ende zu hören. Ich weiß nicht, ob ich sie nicht heute sollte hinrichten lassen: aber nein, wir wollen uns nicht übereilen; die Geschichte, welche sie mir verspricht, ist vielleicht ergötzlicher als alle diejenigen, welche sie mir bisher erzählt; ich darf mich des Vergnügens, sie zu hören, nicht berauben: sobald sie sie mir erzählt haben wird, will ich zu ihrer Hinrichtung Befehl erteilen.«

 

Einhundertundsiebenundzwanzigste Nacht.

Dinarsade unterließ nicht, die Sultanin von Indien vor Tage zu wecken, welche, nachdem sie den Schachriar um Erlaubnis gebeten hatte, die versprochene Geschichte anzufangen, folgendermaßen begann:

 

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