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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid49bdcce2
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Die drei Äpfel.

»Herr, ich habe schon die Ehre gehabt, Euer Majestät von einem nächtlichen Ausgange des Kalifen Harun Arreschid aus seinem Palaste zu unterhalten, ich muß noch einen andern erzählen.

Eines Tages befahl dieser Fürst dem Großwesir Giafar, sich in der folgenden Nacht im Palast einzufinden. »Wesir,« sagte er zu ihm, »ich will einen Gang durch die Stadt machen, um zu erfahren, was man spricht, und besonders, ob man mit meinen richterlichen Beamten zufrieden ist. Gibt es deren, über welche man sich mit Recht beklagt, so wollen wir sie absetzen und andern, die ihre Pflicht besser erfüllen, ihre Stellen geben. Lobt man im Gegenteil welche, so werden wir auf diese alle Rücksichten nehmen, die sie verdienen.« Als nun der Großwesir sich zur bestimmten Stunde im Palast eingefunden hatte, verkleideten sich der Kalif, er und Mesrur, das Oberhaupt der Verschnittenen, um nicht erkannt zu sein, und gingen alle drei zusammen aus.

Sie gingen über mehrere Plätze und Märkte, und als sie in eine kleine Gasse kamen, sahen sie beim Mondschein einen Mann von hohem Wuchs und mit einem weißen Barte, der Netze auf seinem Kopfe trug. Er hatte einen aus Palmblättern verfertigten Korb zum Zusammenlegen am Arm und einen Stock in der Hand. »Dieser Greis,« sagte der Kalif, »scheint nicht reich zu sein; wir wollen ihn anreden und über den Zustand seines Vermögens befragen.« – »Guter Freund,« sagte der Kalif, »wer bist du?« – »Herr,« antwortete ihm der Greis, »ich bin ein Fischer, aber der ärmste und elendeste meines Gewerbes. Ich bin schon am Mittage fischen gegangen, habe aber von dieser Zeit an bis jetzt auch nicht den kleinsten Fisch gefangen. Dabei habe ich nun eine Frau und kleine Kinder und nichts, um sie zu ernähren.«

Der Kalif sagte, von Mitleid gerührt, zu dem Fischer: »Würdest du den Mut haben, auf der Stelle umzukehren und deine Netze nur noch ein einziges Mal auszuwerfen? Wir wollen dir für das, was du fängst, hundert Zechinen geben.« Der Fischer, der bei diesem Vorschlage die ganze Beschwerde des Tages vergaß, nahm den Kalifen beim Wort und ging mit ihm, Giafar und Mesrur an den Tigris zurück, indem er zu sich selbst sagte: »Diese Herren scheinen zu rechtlich und zu vernünftig, um mich nicht für meine Mühe zu belohnen; und wenn sie mir auch nur den hundertsten Teil von dem Versprochenen geben, so wird das für mich schon viel sein.«

Sie kamen an das Ufer des Tigris, der Fischer warf seine Netze aus, und als er sie heraufzog, fand sich darin ein sehr schwerer, verschlossener Kasten. Mesrur lud den Kasten auf seinen Rücken, auf Befehl seines Herrn, der, begierig zu wissen, was darin wäre, schnell in den Palast zurückkehrte. Als der Kasten dort geöffnet wurde, fand sich darin ein großer Korb von Palmen zum Zusammenlegen, dessen Öffnung mit einem Faden roter Wolle zugenäht war. Um die Ungeduld des Kalifen zu befriedigen, gab man sich nicht die Mühe, ihn ordentlich aufzutrennen, man schnitt eilig den Faden mit einem Messer entzwei und zog aus dem Korbe ein mit Stricken zugebundenes und in einen schlechten Teppich gehülltes Pack. Als man das Pack öffnete, sah man mit Schrecken den Leichnam einer jungen Frau, weißer als Schnee und in Stücke zerschnitten ...

 

Fünfundneunzigste Nacht.

Herr, Euer Majestät kann sich denken, wie groß das Erstaunen des Kalifen über diesen gräßlichen Anblick war. Aber er ging aus dem Erstaunen in einem Augenblicke in Zorn über, und indem er auf den Wesir einen furchtbaren Blick warf, sagte er zu ihm: »Unglücklicher, auf solche Weise wachst du also über die Handlungen meiner Völker? Man begeht ungestraft unter deiner Verwaltung Meuchelmorde in meiner Hauptstadt und wirft meine Untertanen in den Tigris, damit sie am Tage des Gerichts um Rache gegen mich schreien! Wenn du die Ermordung dieser Frau nicht schnell durch den Tod ihres Mörders rächst, so schwöre ich bei dem heiligen Namen Gottes, daß ich dich und vierzig deiner Verwandten hängen lasse!« – »Beherrscher der Gläubigen,« erwiderte ihm der Großwesir, »ich bitte Euer Majestät, mir Zeit zu gönnen, um Untersuchungen anzustellen.« »Ich gebe dir dazu nur drei Tage,« versetzte der Kalif, »sieh nun zu!«

Der Wesir Giafar ging in einer großen Verwirrung von Gefühlen nach Hause. »Ach,« sagte er, »wie werde ich in einer so großen und volkreichen Stadt wie Bagdad einen Mörder ausfindig machen können, der dieses Verbrechen gewiß ohne Zeugen begangen und diese Stadt vielleicht schon verlassen hat? Ein andrer als ich würde irgend einen Elenden aus einem Gefängnisse nehmen und ihn zur Befriedigung des Kalifen hinrichten; aber ich will mein Gewissen nicht mit einer solchen Untat belasten und lieber sterben, als um solchen Preis mich retten.«

Er befahl den ihm untergebenen polizeilichen und richterlichen Beamten, dem Verbrecher sorgfältig nachzuspüren. Sie setzten sich selbst und ihre Leute in Bewegung, da sie nicht weniger als der Wesir von dieser Angelegenheit betroffen waren. Aber wie sehr sie sich auch bemühten, alle ihre Bemühungen waren unnütz, sie konnten den Urheber des Meuchelmordes nicht ausfindig machen, und der Wesir sah wohl ein, daß es ohne eine besondere Hilfe des Himmels um sein Leben geschehen wäre.

In der Tat kam am dritten Tage ein Gerichtsdiener zu diesem unglücklichen Staatsbeamten und forderte ihn auf, ihm zu folgen. Der Wesir gehorchte, und als der Kalif ihn gefragt hatte, wer der Mörder wäre, antwortete er ihm mit tränenden Augen: »Ich habe niemand gefunden, der mir auch nur die geringste Nachricht davon hätte geben können.« Der Kalif machte ihm zorn- und wuterfüllte Vorwürfe und befahl, ihn und vierzig Barmekiden an der Pforte des Palastes aufzuhängen.

Während man sich mit Aufrichtung der Galgen beschäftigte und die vierzig Barmekiden aus ihren Häusern holte, rief ein öffentlicher Ausrufer auf Befehl des Kalifen in allen Vierteln der Stadt folgendes aus:

»Wer die Genugtuung haben will, den Wesir Giafar und vierzig Barmekiden, seine Verwandten, aufhängen zu sehen, der komme auf den Platz vor dem Palast.«

Als alles in Bereitschaft war, brachten die Blutrichter und eine große Anzahl von Gerichtsdienern den Großwesir nebst den vierzig Barmekiden herbei, stellten jeden von ihnen an den Fuß des für ihn gebauten Galgens und legten ihm den Strick um den Hals, an welchem er in die Höhe gezogen werden sollte. Das Volk, mit welchem der ganze Platz angefüllt war, konnte dieses traurige Schauspiel nicht ohne Schmerz und Tränen sehen, denn der Großwesir Giafar und die Barmekiden waren wegen ihrer Rechtschaffenheit, ihrer Freigebigkeit und ihrer Uneigennützigkeit nicht nur in Bagdad, sondern im ganzen Reiche des Kalifen geliebt und geehrt.

Nichts hinderte die Ausführung des unwiderruflichen Befehls dieses zu strengen Prinzen, und man war nahe daran, den rechtschaffensten Leuten der Stadt das Leben zu nehmen, als ein junger, sehr wohlgebildeter und wohlgekleideter Mann sich durch die Menge bis zum Großwesir drängte, ihm die Hand küßte und zu ihm sagte: »Erhabener Wesir, Oberhaupt der Emire dieses Hauses, Zuflucht der Armen, Ihr seid des Verbrechens nicht schuldig, wegen dessen Ihr Euch hier befindet. Entfernt Ihr Euch, und laßt mich für den Tod der in den Tigris geworfenen Frau büßen. Ich bin ihr Mörder und verdiene, deshalb bestraft zu werden.«

Obgleich diese Rede dem Wesir viel Freude machte, so hatte er doch Mitleid mit dem jungen Manne, dessen Gesichtsbildung gar nichts Unheimliches, sondern im Gegenteil etwas Einnehmendes hatte, und er wollte ihm eben antworten, als ein großer Mann von schon weit vorgerücktem Alter, der sich auch durch das Gedränge einen Weg gebahnt hatte, vor den Wesir trat und zu ihm sagte: »Herr, glaubt nichts von dem, was der junge Mann Euch sagt; niemand als ich hat die im Kasten gefundene junge Frau umgebracht; mich allein muß die Bestrafung treffen. Ich beschwöre Euch im Namen Gottes, nicht den Unschuldigen statt des Schuldigen zu bestrafen.« – »Herr,« erwiderte der junge Mann, sich zum Wesir wendend, »ich beschwöre Euch, daß ich es bin, der diese schlechte Handlung begangen hat, und daß niemand auf der Welt mitschuldig ist. »Mein Sohn,« unterbrach ihn der Greis, »die Verzweiflung hat dich hierher geführt, und du willst deinem Geschicke zuvorkommen; was mich betrifft, ich bin schon lange auf der Welt und reif, sie zu verlassen. Laß mich also mein Leben für das deinige opfern. Herr,« fügte er hinzu, indem er sich an den Großwesir wandte, »ich wiederhole es Euch, ich bin der Mörder; laßt mich hinrichten, zögert nicht.«

Der Streit des Greises und des jungen Mannes veranlaßte den Wesir, sie beide mit gern erteilter Erlaubnis des Beamten, welcher beauftragt war, bei der Hinrichtung zu befehligen, vor den Kalifen zu führen. Er küßte die Erde siebenmal und sprach: »Beherrscher der Gläubigen, ich bringe vor Euer Majestät diesen Greis und diesen jungen Mann, die sich beide, jeder allein, als Mörder der Frau anklagen.« Der Kalif fragte nun die sich Anklagenden, wer von ihnen beiden die Frau so grausam zerstückt und in den Tigris geworfen hätte. Der junge Mann versicherte, daß er es gewesen sei; da aber der Greis das Gegenteil behauptete, sagte der Kalif zum Großwesir: »Geh, laß sie alle beide hängen.« »Aber, Herr,« sagte der Wesir, »nur einer ist der Verbrecher: es wäre eine Ungerechtigkeit, den andern hinrichten zu lassen.«

Diesen Worten entgegnete der junge Mann: »Ich schwöre bei dem großen Gott, der die Himmel zu ihrer Höhe erhoben hat, ich habe die Frau vor vier Tagen getötet, gevierteilt und in den Tigris geworfen. Wenn das, was ich sage, nicht wahrhaft ist, so will ich am Tage des Gerichts keinen Teil mit andern haben; ich also bin der, welcher bestraft werden muß.« Der Kalif war von diesem Schwur überrascht und glaubte ihm umso eher, da der Greis nichts darauf erwiderte. Deshalb sagte er, indem er sich zu dem jungen Manne wandte: »Unglücklicher, warum hast du ein so abscheuliches Verbrechen begangen, und aus welchem Grunde kommst du, um dich selbst zum Tode darzubieten?« »Beherrscher der Gläubigen,« antwortete er, »wenn man alles das aufzeichnete, was sich zwischen mir und dieser Frau zugetragen hat, so gäbe das eine Geschichte, die den Menschen sehr nützlich sein könnte.« – »Erzähle sie uns,« versetzte der Kalif, »ich befehle es.« Der junge Mann gehorchte und fing seine Erzählung folgendermaßen an:

 

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