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Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180108
projectid49bdcce2
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Fünfte Reise Sindbads des Seefahrers nach den Sundischen Inseln.

»Noch,« sagte er, »hatten die Vergnügungen Reize genug für mich, um aus meinem Gedächtnis alle erlittenen Beschwerden und Übel auszulöschen, ohne mir die Lust zu neuen Reisen zu benehmen; ich kaufte demnach Waren ein, ließ sie einpacken und auf Wagen laden und reiste nach dem nächsten Seehafen. Dort nahm ich mir die Zeit, um nicht von einem Schiffshauptmann abzuhangen und um ein Fahrzeug ganz zu meinem Befehl zu haben, mir eins auf meine Kosten bauen und ausrüsten zu lassen. Sobald es vollendet war, ließ ich es beladen, schiffte mich darauf ein, und da mein Vorrat von Waren zu einer vollständigen Ladung nicht hinreichte, so nahm ich Kaufleute von verschiedenen Völkern mit ihren Waren an Bord.

Wir gingen bei dem ersten guten Winde unter Segel und suchten das Weite. Der erste Ort, woselbst wir nach einer langen Fahrt landeten, war eine wüste Insel, auf welcher wir das Ei eines Rochs von derselben Größe wie des bereits erwähnten fanden. Es enthielt einen kleinen Roch, der eben auskriechen wollte, und dessen Schnabel bereits zum Vorschein kam.

 

Siebenundachtzigste Nacht.

Die Kaufleute, die sich mit mir eingeschifft hatten und mit mir ans Land gestiegen waren, zerschlugen das Ei mit starken Axtschlägen und machten eine Öffnung, aus welcher sie den Roch stückweise herausholen und braten ließen. Ich hatte sie ernstlich gewarnt, das Ei anzurühren; aber sie wollten mich nicht hören. Kaum hatten sie ihr Mahl beendet, als in der Luft ziemlich fern von uns zwei dicke Wolken erschienen. Der Hauptmann, den ich zur Leitung meines Schiffes in Sold genommen hatte, wußte aus Erfahrung, was die Wolken zu bedeuten hätten, verkündete, daß es die Eltern des kleinen Rochs wären, und drang in uns, uns auf das schnellste wieder einzuschiffen, um das Unglück, welches er vorhersah, zu vermeiden. Wir beeiferten uns, seinem Rate zu folgen, und gingen eilig unter Segel.

Inzwischen nahten sich die beiden Roche und stießen ein schreckliches Geschrei aus, als sie sahen, daß das Ei zerbrochen und ihr Junges nicht mehr darin war. Sie flogen in der Absicht, sich zu rächen, wieder nach der Seite, von welcher sie hergekommen waren, und verschwanden uns auf einige Zeit, während wir mit vollen Segeln uns zu entfernen und das, was nicht ausblieb, zu vermeiden strebten.

Sie kamen zurück, und wir bemerkten, daß jedes von ihnen in seinen Klauen ein Felsstück von ungeheurer Größe hielt. Als sie gerade über meinem Schiffe waren, hielten sie still, und in der Luft schwebend, ließ eines von ihnen sein Felsstück fallen; aber durch die Geschicklichkeit des Steuermannes, der das Schiff durch eine Wendung des Steuerrades ablenkte, fiel es seitwärts ins Meer, welches sich auf eine Weise öffnete, daß wir fast bis auf seinen Grund sahen; aber der andere Vogel ließ sein Felsstück so genau auf die Mitte des Schiffes fallen, daß es in tausend Stücke zerschmettert wurde. Die Matrosen und die Reisenden wurden alle totgeschlagen oder ins Meer versenkt. Auch ich sank unter; als ich aber wieder übers Wasser kam, hatte ich das Glück, ein Stück des Wrackes zu ergreifen. Indem ich nun bald mit der einen, bald mit der andern Hand ruderte, ohne das, woran ich mich hielt, loszulassen, gelangte ich endlich bei günstigem Strom und Wind an eine Insel mit sehr steilem Ufer. Ich überstieg jedoch diese Schwierigkeit und rettete mich.

Ich setzte mich in das Gras, um mich ein wenig von meiner Ermüdung auszuruhen, stand sodann auf und ging landeinwärts, um das Land zu erkunden. Es kam mir vor, als ob ich in einem köstlichen Garten wäre; überall sah ich Bäume, teils mit reifen, teils mit unreifen Früchten belastet, und Bäche von süßem, klarem Wasser, die sich angenehm schlängelten. Ich aß von den Früchten, die mir trefflich mundeten, und trank von dem Wasser, das mich zum Trinken einlud.

Als es Nacht geworden war, legte ich mich an einer ziemlich bequemen Stelle ins Gras; aber ich schlief keine ganze Stunde, und mein Schlaf wurde oft durch den Schrecken unterbrochen, mich an einem so einsamen Orte allein zu sehen. So brachte ich den größten Teil der Nacht damit zu, mich auf das heftigste zu betrüben und mir die Torheit vorzuwerfen, nicht lieber daheimgeblieben zu sein, als diese letzte Reise unternommen zu haben. Diese Betrachtungen brachten mich so weit, daß ich einen Anschlag gegen mein eigenes Leben machte; aber das Tageslicht zerstreute meine Verzweiflung. Ich stand auf und ging, nicht ohne einige Furcht, unter den Bäumen umher.

Nachdem ich wieder ein Weilchen landeinwärts gegangen war, gewahrte ich einen Greis, der mir sehr gebrechlich schien. Er saß am Ufer des Baches, und meine erste Vermutung war, daß er gleich mir Schiffbruch gelitten hätte. Ich näherte mich ihm und grüßte ihn, worauf er bloß mit dem Kopfe nickte. Ich fragte ihn, was er dort mache; aber anstatt mir zu antworten, machte er mir bloß ein Zeichen, daß ich ihn auf meine Schulter laden und durch den Bach tragen solle, in der Absicht – wie er mir zu verstehen gab –, Früchte zu pflücken.

Da ich glaubte, daß er dieser meiner Dienstleistung bedürfte, so lud ich ihn auf meinen Rücken und trug ihn durch den Bach. »Steigt herab;« sagte ich hierauf, indem ich mich bückte; ihm auf die Erde zu helfen. Statt sich aber auf diese niederzulassen (ich muß noch immer lachen, wenn ich daran denke), schlang dieser Greis, den ich für so hinfällig gehalten hatte, seine Beine – deren Haut, wie ich bemerkte, der einer Kuh glich – mit Leichtigkeit um meinen Hals, setzte sich rittlings auf meine Schultern und preßte mir die Gurgel so heftig zusammen, als wollte er mich erdrosseln. In diesem Augenblick ergriff mich ein so heftiger Schreck, daß ich in Ohnmacht fiel ...

 

Achtundachtzigste Nacht.

Ungeachtet meiner Ohnmacht,« sagte Sindbad, »blieb der lästige Greis fortwährend fest auf meinem Halse und streckte bloß die Beine ein wenig aus, um mich wieder zu mir selber kommen zu lassen. Als ich mich wieder erholt hatte, stemmte er einen seiner Füße heftig gegen meinen Magen, und mich mit dem andern stark in die Seite schlagend, zwang er mich wider Willen zum Aufstehen. Als ich nun aufgestanden war, mußte ich unter den Bäumen umhergehen und dann und wann anhalten, damit er Früchte, die wir fanden, brechen und verzehren konnte. Er ließ den ganzen Tag über nicht locker, und als ich mich in der Nacht ausruhen wollte, streckte er sich, meinen Hals fortwährend umschlossen haltend, mit mir auf die Erde. Jeden Morgen stieß er mich, um mich zu erwecken, und nötigte mich sodann, indem er mich mit seinen Füßen drückte, zum Aufstehen und Gehen. Stellt euch, ihr Herren, die Beschwerlichkeit einer solchen Last vor, von der ich mich nicht loszumachen vermochte.

Eines Tages, als ich auf meinem Wege einige trockne Flaschenkürbisse fand, die von einem Baume, der welche trug, herabgefallen waren, nahm ich einen ziemlich großen, und nachdem ich ihn wohl gereinigt hatte, drückte ich den Saft mehrerer Weintrauben hinein, die auf der Insel im Überflusse wuchsen, und die wir auf jedem Schritte fanden. Als ich nun den Kürbis damit angefüllt hatte, legte ich ihn an eine Stelle, an welche, durch meine List dahingebracht, mich der Greis einige Tage nachher leiten mußte. Dort nahm ich den Kürbis, setzte ihn an meinen Mund und trank von einem vortrefflichen Weine, der mich auf einige Zeit den auf mir lastenden tödlichen Verdruß vergessen ließ. Dies gab mir Kraft, und ich wurde dadurch sogar so lustig, daß ich im Gehen zu singen und zu springen begann.

Der Greis, der die Wirkung bemerkte, welche das Getränk auf mich gemacht hatte, und fühlte, daß ich ihn viel leichter als gewöhnlich trug, machte mir ein Zeichen, daß ich ihm zu trinken geben sollte; ich reichte ihm den Flaschenkürbis, er nahm ihn, und da der Saft ihm gut schmeckte, so trank er ihn aus bis auf den letzten Tropfen. Es war genug, um ihn zu berauschen; auch berauschte er sich wirklich, und da ihm der Weindunst schnell in den Kopf stieg, so fing er an, auf seine Weise zu singen und sich auf meinen Schultern hin- und herzubewegen. Die Erschütterungen, die er dadurch veranlaßte, machten, daß er das Genossene wieder von sich gab, und seine Beine erschlafften nach und nach, so daß ich, bemerkend, daß er mich nicht mehr drückte, ihn auf die Erde warf, wo er bewegungslos liegen blieb. Ich nahm nun einen sehr großen Stein und zerschmetterte ihm den Kopf damit.

Ich empfand eine sehr große Freude darüber, mich auf immer von diesem vermaledeiten Greise befreit zu haben, und ich ging an das Meeresufer, woselbst ich Leute aus einem Schiffe fand, welches dort geankert hatte, um frisches Wasser und einige Erfrischungen einzunehmen. Sie waren sehr erstaunt, mich zu sehen und die näheren Umstände meines Abenteuers zu hören. »Ihr waret,« sagten sie, »dem Alten des Meeres in die Hände gefallen, und Ihr seid der erste, den er nicht erdrosselt hat; niemals hat er die, deren er sich bemächtigt hatte, eher losgelassen, als bis sie von ihm erstickt worden waren; er hat diese Insel durch die Menge der von ihm getöteten Personen berüchtigt gemacht, und die Matrosen und Kaufleute, welche hier landeten, wagten sich nur in zahlreicher Gesellschaft landeinwärts.«

Sie führten mich hierauf in ihr Schiff, dessen Hauptmann sich ein Vergnügen daraus machte, mich aufzunehmen, nachdem er erfahren hatte, was mir begegnet war. Er ging unter Segel, und nach einer Fahrt von einigen Tagen landeten wir im Hafen einer großen Stadt.

Einer der aus dem Schiffe befindlichen Kaufleute, der mich lieb gewonnen, nötigte mich, ihn zu begleiten, und führte mich in eine zum Aufenthalte der fremden Kaufleute dienende Wohnung. Er gab mir einen großen Sack, und nachdem er mich einigen gleich mir mit einem Sacke versehenen Leuten aus der Stadt empfohlen und sie gebeten hatte, mich mitzunehmen, um Kokosnüsse zu sammeln, sagte er zu mir: »Geht, folgt ihnen, macht ihnen nach, was Ihr sie machen seht, und entfernt Euch nicht von ihnen; denn Ihr würdet Euer Leben in Gefahr bringen.« Er versah mich mit Lebensmitteln für den Tag, und ich ging mit den Leuten.

Wir gelangten in einen Wald, der aus sehr hohen und sehr geraden Bäumen bestand, deren Stämme so glatt waren, daß es unmöglich war, bis zu den Zweigen, an welchen die Früchte hingen, hinaufzuklettern. Alle diese Bäume waren Kokosbäume, deren Früchte wir abschlagen wollten, um damit unsere Säcke anzufüllen. Als wir in den Wald traten, sahen wir eine Menge großer und kleiner Affen, welche bei unserm Anblicke die Flucht vor uns ergriffen und mit erstaunlicher Behendigkeit bis auf die Gipfel der Bäume kletterten ...

 

Neunundachtzigste Nacht.

Die Kaufleute, mit welchen ich im Walde war« – fuhr Sindbad fort –, »rafften Steine auf und warfen sie aus Leibeskräften nach den auf den Gipfeln der Bäume befindlichen Affen. Ich folgte ihrem Beispiele und sah, daß die Affen, von unserer Absicht unterrichtet, eifrig Kokosnüsse pflückten und sie uns mit zornigen und erbitterten Gebärden zuwarfen. Wir sammelten die Nüsse und warfen von Zeit zu Zeit Steine, um die Affen zu reizen. Durch diese List füllten wir unsere Säcke mit jener Frucht, zu der wir auf andere Weise unmöglich gelangen konnten.

Wir kehrten nun mit vollen Säcken in die Stadt zurück, woselbst der Kaufmann, der mich in den Wald geschickt hatte, mir den Wert der in meinem Sacke mitgebrachten Kokosnüsse bezahlte.

»Fahret fort« – sagte er zu mir – »täglich dasselbe zu tun, bis Ihr genug habt, um heimkehren zu können.« Ich dankte ihm für seinen guten Rat und brachte unmerklich einen solchen Haufen von Kokosnüssen zusammen, daß die dafür erhaltene Summe sehr beträchtlich war.

Das Schiff, welches mich mitgebracht hatte, war mit den Kaufleuten und den von diesen erkauften Kokosnüssen abgesegelt. Ich wartete, bis ein anderes zu gleicher Ladung bestimmtes in dem Hafen der Stadt landete. Ich ließ alle mir gehörigen Kokosnüsse darauf einschiffen, und als alles zur Abreise bereit war, nahm ich Abschied von dem Kaufmanne, dem ich so viele Verpflichtungen schuldig war. Er konnte nicht mitreisen, weil er seine Geschäfte noch nicht beendigt hatte.

Wir gingen unter Segel und nahmen unsern Weg nach der Insel, auf welcher der Pfeffer im größten Überflusse wächst, von dort schifften wir nach der Halbinsel Komari, welche die beste Art von Aloeholz trägt, und deren Einwohner sich das unverletzliche Gesetz auferlegt haben, keinen Wein zu trinken, noch irgend eine Art von Ausschweifungen zu dulden. Ich vertauschte auf beiden Inseln meine Kokosnüsse gegen Pfeffer und Aloeholz und begab mich mit andern Kaufleuten auf die Perlenfischerei, zu welchem Behuf ich auf meine Kosten Taucher in Sold nahm. Sie fischten eine Menge sehr großer und schöner Perlen. Freudig ging ich wieder in See mit einem Schiffe, welches glücklich in Balsora anlangte. Von dort kehrte ich nach Bagdad zurück, woselbst ich aus den mitgebrachten Waren, dem Aloeholze, dem Pfeffer und den Perlen, sehr große Summen löste. Ich verteilte wie nach der Heimkehr von meinen anderen Reisen den zehnten Teil meines Gewinnes als Almosen und suchte mich in allen Arten von Ergötzlichkeiten von meinen Beschwerden zu erholen.«

Nach diesen Worten ließ Sindbad dem Hindbad hundert Zechinen geben, und dieser entfernte sich mit den andern Gästen. Am folgenden Tage fand sich dieselbe Gesellschaft wieder bei dem reichen Sindbad ein, der, nachdem er sie wie an den vorhergegangenen Tagen bewirtet hatte, ihnen seine sechste Reise erzählte.

 

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