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Tausend und Eine Nacht. Neunter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Neunter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Neunter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180118
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Geschichte Jussufs und des indischen Kaufmanns.

»Es war einmal zu Kairo ein Kaufmann, welchen seine guten Eigenschaften bei seinen Mitbürgern beliebt gemacht hatten. Dieser Kaufmann hatte einen Sohn, welchen er zärtlich liebte, und dessen Erziehung er all seine Sorgfalt gewidmet hatte. Jussuf (so hieß dieser Jüngling) hatte immerdar seinem Vater nur Ursache zur Zufriedenheit gegeben: voll gläubiger Ehrfurcht, von sanfter Gemütsart, regelmäßiger Lebensweise und einer unbestechlichen Rechtschaffenheit, wurde er von allen, die ihn kannten, als ein Muster aufgestellt.

Als er zu dem Alter gekommen war, wo man gewöhnlich die jungen Leute zu verheiraten pflegt, war sein Vater daraus bedacht, ihm eine Gattin auszuwählen. Er warf seine Augen auf die Tochter eines seiner Genossen, welche mit großer Schönheit begabt war; er hielt für seinen Sohn um sie an, und kurze Zeit danach, weil beide Teile einig waren, wurde die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert.

Als Jussuf so auf einmal Hausvater geworden war, empfand er bald lebhaft die Lasten der Haushaltung, woran er wenig gewöhnt war, obwohl sein Vater ihm eine treffliche Erziehung gegeben hatte. Er hatte sich wenig mit dem Handel beschäftigt, zu welchem ihn keine Neigung trieb, so daß er in den ersten Jahren seines Ehestandes in völliger Untätigkeit blieb. Unterdessen wuchs seine Familie jedes Jahrs er hatte nach und nach von seiner Gattin zwei Söhne und zwei Töchter. Auf der andern Seite hatte er während dieser Zeit das Unglück, seinen Vater zu verlieren, dessen Rat ihm sehr nützlich hätte sein können, und er empfand einen lebhaften Schmerz, als er sich von einem Vater getrennt sah, welchen er immer zärtlich geliebt hatte.

Da Jussuf aus die bisherige Weise fortlebte und keinen Handel trieb, dessen Gewinn seine Ausgaben aufgewogen hätte, so geschah es, obwohl er ansehnliche Güter von seinem Vater geerbt hatte, daß er genötigt war, allmählich seine Habe zu verkaufen. Endlich sah er sich mit seiner Familie dem Elende ganz nahe. Da vermochte er nicht länger den Anblick seiner Frau und seiner Kinder zu ertragen und faßte den Entschluß, Kairo zu verlassen und sein Glück anderswo zu suchen.

Von allen Hilfsmitteln entblößt, begab er sich im Gefolge einer Karawane nach Sues. Er reiste mit einer ansehnlichen Gesellschaft von Kaufleuten aus Yemen, Indien und China, welche sich in diesem durch seinen unermeßlichen Handel berühmten Hafen einschiffen wollten.

Als Jussuf in dieser Stadt angekommen war, fühlte er beim Anblicke der großen Reichtümer, welche sich überall seinen Augen darboten, sein Elend noch tiefer. Der Hafen war mit Waren angefüllt und wimmelte von Kaufleuten und Schiffsvolk, die alle ihren Geschäften nachgingen: diese Tätigkeit ließ Jussuf noch schmerzlicher bereuen, daß er seine Zeit so verloren hatte.

Er starb fast vor Hunger und war beschäftigt, alles um sich her zu betrachten, ohne irgend ein Mittel zu finden, um sich aus dem Elende zu ziehen, als ein Kaufmann sich ihm näherte, welchen er an seiner Tracht für einen Indier erkannte. Dieser Kaufmann, dessen Anblick Ehrfurcht einflößte, bemerkte bald an Jussufs Aussehen, daß dieser junge Mann nicht glücklich war; er trat zu ihm heran und fragte ihn nach seinem Namen, Stand und Geburtsorte.

»Herr,« antwortete ihm Jussuf, »ich bin aus Kairo gebürtig; Unglücksfälle, deren Erzählung für Euch zu lang sein würde, haben mich gezwungen, diese Stadt zu verlassen, und ich bin nach Sues in der Hoffnung gekommen, hier jemand zu finden, der sich meiner annähme und mich in fremde Länder führte, wo ich mein Glück machen könnte.«

»Wohlan, mein Freund,« fuhr der Kaufmann fort, »mein Alter und meine Geschäfte erfordern, daß ich stets einen Begleiter bei mir habe: ich reise gegenwärtig nach Dschidda; wollt Ihr mir dahin folgen, so will ich Eure Reise bezahlen und Euch überdies noch täglich einen Piaster geben.«

Jussuf in seiner verzweifelten Lage ergriff unbedenklich diesen Antrag, und der Handel wurde auf der Stelle geschlossen.

Der Indier ließ seine Waren einladen, schiffte sich dann selber mit seinem Gefährten ein, und nach einer sehr glücklichen Überfahrt, welche beinahe einen Monat währte, erreichten sie beide gesund und wohlbehalten den Ort ihrer Bestimmung.

Der indische Kaufmann war mit dem Eifer und der Tätigkeit, welche Jussuf ihm während der ganzen Fahrt bewies, so zufrieden, daß er sich nicht begnügte, ihm das versprochene Geld zu geben, sondern ihm beim Abschied auch noch eine ansehnliche Summe zum Zeichen seiner Zufriedenheit schenkte.

Jussuf benutzte die wiedererlangte Freiheit, die Stadt Dschidda, welche er noch nicht kannte, zu besehen. Als er seine Neugier befriedigt hatte, trat er, von Hunger getrieben, in ein Kaffeehaus, wo er sich ein ziemlich schlechtes Mahl auftischen ließ, welches er sehr teuer bezahlte. An diesem Orte machte er aber Bekanntschaft mit mehreren Kaufleuten, welche ihn für einen Fremden erkannten und sich nach den Beweggründen seiner Reise in dieses Land erkundigten. Er antwortete ihnen, er wäre ein Kaufmann wie sie und nach diesem Hafen durch das Verlangen geführt worden, einige Geschäfte zu machen und zu gleicher Zeit seine Wallfahrt nach Mekka zu erfüllen, welche ihm noch obläge. Die feinen Sitten des jungen Ägypters und sein anständiges Äußeres nahmen die Kaufleute zu seinen Gunsten ein, und es entstand bald zwischen ihnen ein vertrauter Umgang.

Jussuf lebte einige Zeit von dem Gelde, welches der indische Kaufmann ihm gegeben hatte, als einer der Kaufleute, mit welchen er Bekanntschaft gemacht, eines Tages ihm begegnete und zu ihm sprach:

»Herr, ich bin beauftragt, Euch einen Vorschlag zu machen, welcher, wie ich glaube, Euch nicht mißfallen wird. Einer unserer Genossenschaft ist vor kurzen gestorben und hat ein ansehnliches Vermögen mit einer Witwe hinterlassen, welche noch recht jung und hübsch ist: diese komme ich Euch zur Heirat anzutragen; sie ist in aller Hinsicht Eurer Zuneigung würdig, und ihre ansehnlichen Reichtümer werden Euch für Euer übriges Leben Wohlstand zusichern.«

Dieses Anerbieten schmeichelte Jussuf zu sehr, als daß er nicht mit Freuden hätte zugreifen sollen: er dankte seinem großmütigen Freunde herzlich für den verbindlichen Antrag, welchen er ihm gemacht hatte, und antwortete ihm, daß er von ganzen Herzen in die ihm erbotene Verbindung willige.

Dieser begab sich nun zu der jungen Witwe und machte ihr Jussufs Gesinnungen kund, und als alles verabredet war, wurde der Heiratsvertrag geschlossen: darin wurde festgesetzt, daß Jussuf von seiner Gattin Nahrung und Unterhalt bekommen sollte, so daß er nichts für sich selber auszugeben brauchte; dagegen verpflichtete er sich, der Neuvermählten eine Morgengabe zu entrichten, welche zwar nicht ansehnlich war, jedoch sein Vermögen weit überstieg. Er überließ der Vorsehung die Sorge, ihm noch einst die Mittel zur Bezahlung zu verschaffen, und glaubte, seine Armut umso eher verschweigen zu müssen, als seine Gattin einen reichen Kaufmann in ihm zu haben wähnte.

Jussuf war beim Eintritt in das Haus der jungen Witwe erstaunt über den Reichtum der Einrichtung desselben, Der Kadi, der gegenwärtig war, vollzog die Vermählungsfeierlichkeit, und die beiden Gatten wurden verbunden.

Jussuf erfreute sich mehrere Tage seines Glückes, jedoch beunruhigte ihn der Gedanke, daß er die bedungene Morgengabe entrichten müßte und gleichwohl nicht imstande wäre, das dazu benötigte Geld aufzubringen. Er war schon mehrere Male im Begriff gewesen, seiner Frau diese Verlegenheit zu gestehen, aber immer hatte die Scham ihn wieder davon abgehalten.

Eines Tages, als er zur Zerstreuung seiner Unruhe traurig im Basar umherging, erblickte er zu seinen Füßen eine Börse und war auf dem Gipfel der Freude, als er sah, daß sie eine mehr als hinreichende Summe enthielt, um die versprochene Morgengabe zu bezahlen. Er zog sich in einen Winkel zurück, und von niemand gesehen, zählte er tausend Zechinen, welche die Börse enthielt. Er dankte Gott für die unerwartete Hilfe, welche er eben von ihm empfangen hatte, als er auf dem Heimwege einen öffentlichen Ausrufer eine Belohnung von hundert Zechinen demjenigen versprechen hörte, welcher eine verlorene Börse wiederbringen würde.

Die Kundmachung des Ausrufers ließ Jussuf nicht zweifeln, daß hier das von ihm gefundene Geld gemeint wäre, und sein Entschluß war alsbald gefaßt. Die Erziehung, deren er genossen, hatte ihm zu edle Grundsätze eingeprägt, als daß er einen Augenblick hätte schwanken können; er nahte sich also dem Ausrufer und sprach zu ihm:

»Ich wünsche zu wissen, wer es ist, der das von Euch ausgerufene Geld verloren hat.«

»Herr,« versetzte der Ausrufer, »aus welcher Ursache fraget Ihr danach?«

»Weil ich glaube, das Verlorene gefunden zu haben, und es seinem rechtmäßigen Eigentümer wieder zustellen will,« antwortete Jussuf; »seid so gut und führet mich zu ihm: wenn er durch Angabe der Kennzeichen mir beweiset, daß die Börse ihm gehört, so will ich sie ihm auf der Stelle zurückgeben.«

Die Leute, welche zugegen waren und das Gespräch Jussufs mit dem Ausrufer hörten, bezeigten ihr Erstaunen und ihre Bewunderung über die Redlichkeit des jungen Kaufmanns und wünschten ihm alles mögliche Heil.

Der Ausrufer führte Jussuf zu demjenigen, der ihm die Ausrufung der Börse aufgetragen hatte. Sie fanden einen ehrwürdigen Greis unter vielen Büchern sitzen, welcher in tiefes Nachdenken versunken schien. Der Ausrufer stellte ihm seinen Begleiter vor mit den Worten:

»Hier, mein Herr, ist derjenige, der gefunden hat, was Ihr verloren habt, und er will Euch Eure Börse wiedergeben, wenn Ihr ihm die Kennzeichen derselben angeben könnt.«

»Ich will sogleich tun, was Ihr verlangt,« sagte der Greis zu Jussuf.

»Nein, Herr,« unterbrach ihn dieser sogleich, »Euer Anblick flößt mir zu viel Zutrauen ein, als daß ich gegen Euch diese beleidigende Vorsicht gebrauchen sollte: hier sind die tausend Zechinen, welche Ihr verloren habt.«

Der Greis empfing seine Börse aus Jussufs Händen und sprach mit feierlichem Tone zu ihm: »Junger Mann, Gott belohne deine Redlichkeit!« Und hieraus las er eifrig weiter in einem Buche, welches er in der Hand hielt.

Während der Andacht des Greises blieb Jussuf vor ihm stehen in Erwartung, daß der Greis ihm die vom Ausrufer verheißene Summe geben würde. Nach Verlauf einer Stunde erwachte der Greis wieder aus der tiefen Betrachtung, in welche er versunken war, und fragte ihn, worauf er noch warte.

»Herr,« antwortete ihm Jussuf, »man hat in Eurem Namen demjenigen hundert Zechinen versprochen, der Euch Eure Börse wiederbringen würde: ich hätte sie behalten können, ohne Euch etwas davon zu sagen; aber ich dachte, Gott würde mich für meine Redlichkeit belohnen, und zweifelte nicht, daß Ihr mir gern den zehnten Teil von demjenigen, was ich Euch wiederbringe, opfern würdet.«

»Euer Begehren ist nur zu gerecht,« sagte der Greis; »aber könntet ihr Euch nicht mit neunzig Zechinen begnügen?«

»Gerne, Herr,« antwortete Jussuf, »wenn es Euch so beliebt.«

Ohne etwas hinzuzufügen, fuhr der Greis in seinem Gebete fort, und als er es beendigt hatte, fragte er Jussuf von neuem, auf was er noch warte.

»Auf die neunzig Zechinen, welche Ihr mir versprochen habt,« antwortete ruhig Jussuf.

Der Greis nahm abermals sein Buch vor; und als er fertig war, sprach er: »Mein junger Freund, würde eine Summe von achtzig Zechinen Euch nicht eine hinreichende Entschädigung dünken?«

Der junge Kaufmann begnügte sich auch mit diesem Anerbieten, und der Greis nahm zum viertenmal sein Buch vor und bat ihn dann abermals, sich eine Verminderung der Summe gefallen zu lassen. Kurz, er brachte es dahin, daß Jussuf sich mit einer Zechine begnügte.

Jussuf wollte nun mit dieser geringen Belohnung weggehen, als der Greis, um zu prüfen, wie weit er die Mäßigung treiben könnte, ihn noch mit den Worten aufhielt: »Diese Zechine ist eine Kleinigkeit; überhebet mich, sie Euch zu geben: um Euch dafür zu entschädigen, will ich Gott bitten, seinen Segen über Euch und Eure Nachkommenschaft zu verbreiten.«

»Wohlan,« sagte Jussuf, »ich bin damit zufrieden: inbrünstige Gebete verdienen wohl, daß man sie einigen vergänglichen Gütern vorzieht.«

Hierauf legte der Greis mit feierlicher Gebärde seine Hände auf den Kopf des jungen Mannes, und indem er sich gen Mekka wandte, flehte er alle Segnungen des Allerhöchsten auf ihn herab.

 

Fünfhundertundeinundvierzigste Nacht.

Jussuf nahm Abschied von dem Greise und küßte ihm die Hand. Es währte nicht lange, so empfand er auch die guten Wirkungen seiner Gebete. Der Ruf seiner edelmütigen Handlung hatte sich durch die ganze Stadt verbreitet; man lobte seine Unbescholtenheit und Redlichkeit, und zugleich setzte man voraus, daß ein Mann von so viel Zartgefühl und solcher Uneigennützigkeit ein Vermögen besitzen müßte, welches ihn über die ihm verheißene Belohnung erhob: so daß das Lob des jungen ägyptischen Kaufmanns von Mund zu Mund ging.

Seine Frau selber wurde von seinem Benehmen unterrichtet; und sobald er nach Hause kam, trat sie ihm mit einem Glückwünsche über seine bewiesene Mäßigung und Weisheit entgegen. Jussuf antwortete ihr mit Bescheidenheit, daß er nur seine heilige Pflicht erfüllt hätte, indem er einen Greis über den ansehnlichen Verlust getröstet, welchen derselbe erlitten. Er fügte hinzu, wenn er auch keine Belohnung dafür gefordert, so hätte er dennoch eine Wohltat empfangen, welche köstlicher wäre als alle Schätze der Erde, nämlich, die heißen und reinen Gebete eines Greises.

»Nun wohl,« sagte daraus seine Frau, deren Zufriedenheit durch diese Antwort noch erhöht war, »ihre Wirkung wird nicht lange ausbleiben.«

Nach diesen Worten entfernte sie sich auf einige Augenblicke; aber sie kam bald wieder und überreichte Jussuf ein Bund Schlüssel und sprach dabei:

»Der Tod meines ersten Mannes hat mich im Besitz eines ansehnlichen Vermögens gelassen, und ich wüßte nichts besseres damit zu tun, als die Verwaltung desselben einem so tugendhaften Manne zu vertrauen, wie Ihr seid. Ihr könnt Euch gegenwärtig als unumschränkter Herr all meiner Habe betrachten: Ländereien, Hausgerät, Kleinode, Waren, über alles schaltet nach Eurem Gefallen.«

Sie rief sogleich eine Sklavin und befahl ihr, Jussuf umherzuführen und ihm alle ihre Besitztümer zu zeigen.

Der junge Ägypter sah sich also im Besitz unermeßlicher Reichtümer, welche hauptsächlich in kostbaren Seidenwaren, reichen gestickten persischen Stoffen, indischem Musselin von der höchsten Feinheit und Erzeugnissen aller Art von China und Zeylon bestanden. Die Kasse der jungen Witwe war mit ansehnlichen Summen Goldes angefüllt, welche gleichfalls zu Jussufs Verfügung gestellt wurden. Jetzt aber, weit entfernt, in jener Untätigkeit zu verharren, welche ihn in Ägypten ins Verderben gestürzt hatte, beschäftigte er sich eifrig mit den Mitteln, den höchstmöglichen Vorteil aus dem Vermögen seiner neuen Gattin zu ziehen, und er legte sich ernstlich auf den Handel. Alles gelang ihm vollkommen; da er sich durch sein edles Benehmen gegen den Greis das Vertrauen und die Hochachtung der meisten Einwohner erworben hatte, so fanden seine Warenlager großen Zulauf. Die Anmut seines Betragens, die Sanftheit seines Gemüts, die Liebenswürdigkeit seiner Unterhaltung vermehrten jeden Tag die Zahl seiner Kunden, so daß er in kurzer Zeit einer der reichsten Kaufleute von Dschidda war.

Das Gedeihen seines Handels und die Vorteile, welche er vor den andern Kaufleuten voraus hatte, machten ihn aber zum Gegenstände des Neides bei seinen Genossen, und diese ergriffen auch die nächste Gelegenheit, welche sich darbot, ihm zu schaden.

Der Scherif von Mekka hatte die Gewohnheit, wenn er Geld gebrauchte, bei den Kaufleuten von Dschidda die ihm nötige Summe zu entlehnen, und er bezahlte sie wieder, wenn die Handelsschiffe von Indien kamen, durch den Betrag der Abgaben, welche er von den Ladungen dieser Schiffe erhob. So hatte dieser Fürst eines Tages die Kaufleute der Stadt zu sich kommen lassen und forderte von ihnen die benötigte Summe. Die Kaufleute wähnten, eine günstige Gelegenheit zu Jussufs Verderben gefunden zu haben, und antworteten dem Scherif:

»Herr, mit dem größten Bedauern müssen wir Euch das von uns verlangte Geld versagen: aber es würde uns durchaus unmöglich sein, es Euch zu verschaffen, wegen des kläglichen Zustandes, in welchem sich unser Handel befindet: wir sind zu solcher Dürftigkeit gebracht, daß wir uns genötigt sehen, unser Hausgerät zu verkaufen, um zu bestehen. Ein einziger unserer Genossen hat uns in diesen traurigen Zustand versetzt; er war unbemittelt, als er die Witwe eines der reichsten Kaufleute unserer Stadt heiratete, und diese Heirat hat ihn zum Herrn großer Warenvorräte gemacht, welche er zu geringen Preisen verschleudert, so daß wir nicht gleichen Markt mit ihm halten können, von ihm allein könnt Ihr die Summe fordern, um welche Ihr uns ansprecht.«

Diese Anzeige brachte auf den Geist des Fürsten den von ihren Urhebern erwarteten Eindruck hervor. Er schickte auf der Stelle Soldaten hin mit dem Befehle, sich Jussufs zu bemächtigen.

Dieser aber war gewarnet vor dem gegen ihn angezettelten Anschlag und hatte seine Maßregeln getroffen, um allen Nachforschungen zu entgehen.

Die von dem Scherif Ausgeschickten kamen nach langem vergeblichen Suchen zurück und meldeten ihm in Gegenwart aller noch versammelten Kaufleute den Erfolg ihrer Nachforschungen.

»Wohlan, Herr,« sagten nun die Kaufleute zu dem Scherif, »wenn Jussuf abwesend ist, so hindert Euch das nicht, Euch die verlangte Summe zu verschaffen: er hat weitläufige Niederlagen voll allerlei Waren; lasset sie öffnen, und Ihr werdet darin noch viermal mehr finden, als Ihr gebraucht.«

Man schickte also von neuem hin, bei Jussuf Haussuchung zu halten: die hiermit beauftragten Leute erhielten den Befehl, sich alles Geldes zu bemächtigen, welches sie fänden, und ein genaues und richtiges Verzeichnis der Waren aufzusetzen, welche sie in Beschlag nähmen.

Sie begaben sich also in die Warenlager: aber ihr Erstaunen stieg aufs höchste, als sie sahen, daß durchaus nichts darin war. Sie kamen wieder zum Scherif und meldeten ihm abermals den schlechten Erfolg ihrer Sendung.

Die Kaufleute, welche bei ihrer Rückkunft noch gegenwärtig waren, behaupteten, die Nachsuchungen wären nicht recht angestellt, und wenn man sonst nichts entdeckte, so müßte man in der Erde nachgraben, weil doch alle die Reichtümer nicht so auf einmal verschwunden sein könnten.

Der Scherif begab sich also mit ihnen in die Warenlager des ägyptischen Kaufmanns und befahl den Arbeitern, den Boden zu durchwühlen. Kaum hatten sie in den Winkeln einige Schläge mit der Hacke getan, als sie vier Gefäße entdeckten, jedes mit viertausend Goldstücken gefüllt, welche der Scherif in Gegenwart von Zeugen zählen ließ; denn er war ein zu billiger Fürst, um einen seiner Untertanen ungerechterweise zu berauben. Er nahm davon die benötigte Summe, ließ die Gefäße wieder zumachen und versiegeln und schickte sie in Jussufs Haus zurück mit der Anzeige, daß er genötigt gewesen, von ihm die herausgenommene Summe für die Bedürfnisse des Staates zu entlehnen.

Sobald der flüchtige Kaufmann den letzten Erfolg von dem Verfahren des Scherifs vernommen hatte, eilte er wieder nach Hause, wo er seine Frau in größter Freude über die letzten Vorgänge fand; sie erzählte ihm, wie der Scherif ihr die Gefäße wiedergeschickt, nachdem er das ihm Nötige daraus genommen hätte, und bezeigte ihm zugleich ihr Erstaunen darüber, daß er Besitzer so ansehnlicher Summen wäre, ohne daß sie etwas davon wüßte.

»Liebe Frau,« antwortete Jussuf, »ich bin ebenso erstaunt wie du über das Dasein dieses Schatzes, welchen man in unserm Warenlager gefunden hat; er gehört mir nicht, und wir müssen ihn als ein geheiligtes, uns anvertrautes Gut betrachten, über welches wir nicht zu schalten haben, sondern das wir seinem rechtmäßigen Eigentümer, sobald er sich dazu meldet, wieder zustellen müssen.«

Kurze Zeit nach dieser Begebenheit gestatteten die Einkünfte des Fürsten von Mekka, die von Jussuf entnommene Summe wieder zu bezahlen, und um ihm seine Erkenntlichkeit zu bezeigen, fügte er zugleich ein prächtiges Geschenk bei. Als der junge Kaufmann so die herausgenommenen Goldstücke wiederhatte, legte er sie gewissenhaft auch wieder in die Gefäße, worin sie gewesen waren, versiegelte diese und vergrub sie selber wieder an der Stelle, wo man sie gefunden hatte.

Es währte nicht so lange, so hatte er sich dieser Handlung wohl zu freuen. Eines Tages, als er vor der Türe seines Warenlagers saß, wurde er von einem Greise begrüßt, welcher traurige Blicke hineinzuwerfen schien. Jussuf bemerkte sein verlegenes Benehmen und fragte ihn nach der Ursache desselben; aber der Greis gab ihm keine Erklärung, sondern begnügte sich, ihm zu sagen, er würde diesen Abend zu ihm zum Essen kommen und alsdann seine Neugier befriedigen.

Jussuf dankte dem Fremden für die Ehre, welche er ihm antäte, und bestimmte ihm die Stunde ihrer Zusammenkunft. Als er nach Hause kam, bereitete er alles, um seinen Gast würdig zu empfangen, und erwartete mit Ungeduld den Augenblick seiner Ankunft.

Als nun der Gast kam, bewirtete er ihn mit einem trefflichen Abendessen, bei welchem sie von gleichgültigen Dingen sprachen. Zu Ende des Mahles fragte ihn Jussuf, weshalb er so neugierig in das Innere seines Warenlagers geblickt hätte.

Hierauf antwortete ihm der Greis folgendermaßen:

 

Fünfhundertundzweiundvierzigste Nacht.

»Ihr sollt wissen, mein Sohn, daß ich alle Jahre Indien, mein Vaterland, verlasse und meines Handels wegen in dieses Land komme. Ich bin nicht immer vor den Launen des Glückes geborgen gewesen; die Unbeständigkeit des Handelspiels und mannigfaltige Verluste, welche ich durch Schiffbrüche und andere Unfälle erlitten, haben mich bestimmt, einen großen Teil meines Vermögens in Gold umzusetzen und es an einem sicheren Orte zu verbergen, wo ich es im Notfall wiederfinden kann. Ich habe alle Ursache, diese Vorsicht nicht zu bereuen, denn bei meiner letzten Überfahrt ist das Schiff, auf welchem ich mich befand, durch einen so schrecklichen Sturm zerschlagen, daß ich mich nur mit genauer Not gerettet habe. Nachdem ich nun alle meine Waren verloren, so nehme ich zu dem Gelde meine Zuflucht, welches ich in dem Warenlager vergraben, das Ihr eingenommen, seitdem ich es geräumt habe; ich schmeichle mir, Ihr werdet mir erlauben, es wieder herauszunehmen.«

»Herr,« erwiderte Jussuf, »Euer Gold ist in Sicherheit; ein sehr seltsamer Zufall hat mich zur Entdeckung desselben geführt: der Scherif von Mekka hat sich eines Teiles dieses Goldes zu den Bedürfnissen des Staats bemächtigt, es mir aber mit der gewissenhaftesten Genauigkeit zurückgezahlt. Ich habe alles wieder in dieselben Gefäße getan, welche wieder an den Ort gebracht sind, wo man sie hervorgezogen hatte, und ich bin bereit, sie Euch zuzustellen.«

Jussuf ließ sogleich den Schatz des Greises herbeibringen und wollte ihm denselben zurückgeben. Dieser aber weigerte sich, ihn anzunehmen; er sagte, er fände ihn in zu guten Händen, und gab ihm in den stärksten Ausdrücken seine Dankbarkeit und seine Bewunderung einer solchen Redlichkeit zu erkennen.

Sie blieben den übrigen Teil des Abends beisammen, tranken Sorbet und aßen Zuckerwerk, und ihre Unterhaltung verzog sich tief in die Nacht. Als die Stunde des Schlafes gekommen war, legten sich beide in Jussufs Hause auf kurze Zeit zur Ruhe; am Morgen trennten sie sich, und jeder ging seinen Geschäften nach. Aber gegen Abend kamen sie wieder zusammen, und der Greis machte jetzt seinem Wirte einen Vorschlag, welchen dieser sogleich annahm: er sagte ihm, er wäre schon zu alt, um sich noch mit Geschäften abzugeben, und hätte deshalb den Entschluß gefaßt, in sein Land heimzukehren, um es nie mehr zu verlassen, und dort erbot er sich, ihm seinen Handel abzutreten und ihn auch zur Fortsetzung desselben dadurch auszurüsten, daß er ihm den in seinem Warenlager gefundenen Schatz überlieferte.

Jussuf ging hierauf in seinen Harem, um seiner Frau das freundliche Erbieten des Greises mitzuteilen. Sie billigte seinen Entschluß und verlangte, daß sie vor seiner Abreise beide gegenseitig eine Schenkung aller ihrer Güter auf den Todesfall errichteten. Der Vertrag hierüber wurde wenige Tage vor Jussufs Abfahrt aufgesetzt und ihm eine Urkunde desselben eingehändigt.

Jussuf wandte alle übrige Zeit, die er noch zu Dschidda blieb, dazu an, einen Teil von dem Schatze des Greises in Waren umzusetzen und sie an Bord eines nach Indien bestimmten Schiffes bringen zu lassen. Als alle Vorbereitungen vollendet waren, nahm Jussuf Abschied von seiner Frau, das Schiff ging unter Segel, und nach einer glücklichen Überfahrt brachte es ihn in einen Hafen von Indostan.

Dies war der Wohnort des Greises; beim Eintritt in sein Haus war Jussuf erstaunt über den Umfang seiner Warenlager, die Reichheit seines Hausgerätes und die Pracht, welche überall herrschte. Er vernahm, daß der alte indische Kaufmann der angesehenste Mann der Stadt war und eines umso größeren Zutrauens genoß, als er Obmann der Kaufleute war.

Jussuf sah sich durch das Vertrauen dieses ehrwürdigen Mannes auf einmal an die Spitze seines Hauses gestellt; aber sein Wohltäter beschränkte hierauf noch nicht seine Großmut. Der junge Kaufmann hatte kaum einen Monat lang dem Hause des Greises vorgestanden, als dieser ihm seine einzige Tochter zur Frau anbot; und damit er hierdurch nicht die Eifersucht der übrigen Kaufleute erregte, so riet er Jussuf, sich gerade an diese zu wenden, daß sie für ihn um seine Tochter bäten. Diese Wendung gelang vollkommen. Der Greis machte keine Schwierigkeit, zu bewilligen, was er von ganzem Herzen wünschte. Der Kadi wurde gerufen, welcher den Heiratsvertrag aufsetzte, und noch denselben Tag wurde die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Bei dieser Gelegenheit wurden den Armen reichliche Almosen gespendet, und die Kosten des Festes beliefen sich fast auf hunderttausend Zechinen. von nun an gelangte Jussuf in den Besitz aller Habe seines Schwiegervaters, der ihm durch seine Erfahrung in allen Handelsunternehmungen half, welche er begann.

Ein Jahr nach der Vermählung brachte Jussufs Gattin einen Sohn zur Welt, und dieses glückliche Ereignis vollendete die Glückseligkeit des jungen Kaufmanns, welcher sah, daß jedermann sich über sein Glück freute.

Indessen trübte ein trauriger Vorfall diese Freude: der indische Greis starb, nachdem er drei Tage in einem Todesschlafe gelegen hatte; einige Augenblicke vor seinem Abscheiden sprach er also zu Jussuf, der ihm unausgesetzt seine Pflege gewidmet hatte:

»Mein Sohn, in dem Augenblicke, da ein Übel, welches mir keine Hoffnung mehr zur Genesung läßt, meiner Laufbahn ein Ziel setzen will, ist es Zeit, dir ein Geheimnis zu enthüllen, welches ich dir bisher verborgen habe. Du erinnerst dich ohne Zweifel jenes Greises, welcher dich von Sues mit nach Dschidda nahm; ebensowenig wirst du des Greises vergessen haben, dem du so gewissenhaft die gefundene Börse wiedergabst. Du siehst in mir diese beiden Personen; ich hatte deine Sanftmütigkeit und Liebenswürdigkeit schätzen gelernt, ich wollte auch deine Redlichkeit und Aufrichtigkeit prüfen: ich war zufrieden mit meinen Proben, und von Stund an faßte ich den Entschluß, dich mit dem zu verbinden, was mir das Teuerste auf der Welt ist, und dich als meinen Sohn anzunehmen. Meine Wünsche sind erfüllt: ich verlasse dich als den Gatten meiner Tochter; erzeige ihr alle die Achtung, welche sie verdient, weil ich ihr Glück dir anvertraut habe; du selber lebe glücklich und sei bedacht, stets diese Mäßigung der Begierden und diese Uneigennützigkeit zu bewahren, welche die Quelle deines Glückes geworden sind.«

Mit diesen Worten verschied der Greis; seine Kinder stellten ihm eine prächtige Leichenfeier an.

Da Jussuf durch nichts mehr in Indien zurückgehalten wurde, so schlug er seiner Gattin vor, ihm in sein Vaterland zu folgen; sie willigte darein, und nachdem beide alle ihre Besitztümer verkauft hatten, begaben sie sich nach Dschidda, wo Jussuf seine zweite Frau wiederzufinden gedachte.

Bei seiner Ankunft in dieser Stadt vernahm er aber, daß sie während seiner Abwesenheit gestorben war und ihm ihr ganzes ansehnliches Vermögen hinterlassen hatte. Er setzte dieses auch in Waren um, mit denen er noch mehrere andere Schiffe befrachtete.

Als Herr dieser reichen kleinen Flotte segelte er mit ihr nach Sues, wo er nach einer glücklichen zehntägigen Überfahrt ans Land stieg. Er ließ in diesem Hafen alle Waren ausschiffen und sie auf Kamele der Karawane von Kairo laden, wohin er selber mit seiner Gattin reiste.

Bei seiner Heimkunft in dieser Hauptstadt Ägyptens bezog Jussuf ein prachtvolles Wohnhaus, und so wieder im Wohlstande, wandte er alle seine Sorge an, seine erste Gattin wiederzufinden, von welcher er genötigt gewesen war sich zu trennen. Aber vergeblich ließ er die genauesten Nachforschungen anstellen; er erfuhr dadurch bloß, daß während seiner Abwesenheit seine Frau und seine Kinder in das tiefste Elend versunken waren.

Er baute hier auf folgendes Mittel, sie wiederzufinden. Er ließ ein unermeßliches Gastmahl bereiten und durch die öffentlichen Ausrufer in der Stadt verkündigen, daß jeder Bedürftige dazu eingeladen wäre. Er zweifelte nicht, wenn seine Gattin noch in Kairo wäre, daß sie sich bei dem Festmahle einfinden würde; und versteckt in einem Winkel des Saales, beobachtete er mit gespannter Aufmerksamkeit alle Eintretenden.

Seine Erwartung wurde nicht getäuscht: bald sah er eine Frau erscheinen, deren zwar durch das Elend entstellte Züge ihn jedoch seine erste Gattin nicht verkennen ließen. Er befahl sogleich, sie in ein besonderes Gemach zu führen, wo man ihr alle mögliche Aufmerksamkeit erwies. Er selber säumte nicht, zu ihr zu gehen; er fragte sie, was sie in diesen elenden Zustand gebracht hätte, und konnte sich nicht länger verstellen, als er sie ihren verlorenen Gatten beklagen und die Leiden schildern hörte, welche sie während seiner Abwesenheit erduldet hatte. »Erkenne,« rief er aus, »denjenigen, den du betrauerst: es ist Jussuf selber, der vor dir steht.«

Bei diesen Worten sanken die beiden Gatten einander in die Arme und ließen ihren Tränen freien Lauf.

Jussuf ließ nun seine Frau und seine Kinder ins Bad führen und mit prächtigen Kleidern schmücken; dann stellte er sie der Tochter des indischen Kaufmanns vor, welche auf sie einen Teil der Zuneigung zu ihrem Manne übertrug. Die ganze Familie lebte lange glücklich und in dem besten Einverständnisse.«

Da Scheherasade sah, daß der Tag noch nicht anbrach, so begann sie folgendermaßen die Geschichte des Prinzen Benasir:

 

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