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Tausend und Eine Nacht. Neunter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Neunter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Neunter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180118
projectid038d9e36
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Geschichte der beiden Ehemänner.

»Herr, unter der Regierung eines der alten Könige von Ägypten lebte eines der listigsten und verschlagensten Weiber, welches die Welt jemals hervorgebracht hat; und Ihr werdet Euch leicht einen Begriff von der Schlauheit dieses Weibes machen, wenn ich sage, daß sie, weit entfernt, sich den Gesetzen des heiligen Propheten zu fügen, welche den wahren Gläubigen drei rechtmäßige Frauen erlauben, es vielmehr dahin gebracht, zwei Männer zu haben, und ihre Maßregeln so wohl genommen hatte, daß keiner von beiden um seinen Nebenbuhler wußte. Allerdings waren die Gewerbe dieser beiden Männer von der Art, daß der eine stets am Tage zu Hause war, jede Nacht aber auswärts zubrachte, während der andere dagegen den ganzen Tag abwesend war und nur des Nachts zu Hause kam. Der erste namens Haram war ein Räuber und ging alle Nacht auf sein Handwerk aus; der andere hieß Akil und war ein Taschenspieler.

 

Fünfhundertundsechsunddreißigste Nacht.

Mehrere Monate waren so vergangen, und die beiden Männer waren völlig die Narren ihres verschmitzten Weibes, als eines Tages der Räuber ihr zu sagen kam, daß er sich auf einige Zeit von ihr trennen müßte, und Abschied nahm. Sie bezeigte ihm ihr Herzeleid über diese unerwartete Abreise; zu gleicher Zeit gab sie ihm alles zu seiner Abreise Nötige und einigen Vorrat aus den Weg. Sie nahm unter anderm einen kalten Hammelschlägel, schnitt ihn mittendurch und gab ihm die eine Hälfte. Der Räuber nahm Abschied und machte sich auf den Weg längs dem Ufer des Nils.

Er war kaum einige Stunden weg, als Akil, der Taschenspieler, heimkam. Auch er hatte Gründe, Kairo zu verlassen, und kam, seine Frau um einigen Vorrat auf die Reise zu bitten. Diese dankte im stillen Gott, daß er es nicht zugelassen, daß ihre beiden Männer sich bei ihr begegnet hätten. Sie bezeigte dem zuletzt Gekommenen, welchen Schmerz sie über seine Entfernung empfände; sie gab ihm einigen Vorrat und unter anderm auch die Hälfte des Hammelschlägels, von welchem sie die eine Hälfte ihrem ersten Manne gegeben hatte.

Akil reiste ab, und wie Haram nahm er den Weg am Nil hin. Zu Ende der Tagereise kehrte er in eine gute, am Wege gelegene Karawanserei ein, um hier die Nacht zu bleiben. Beim Eintritt in dieses weitläufige Gebäude fand er darin nur einen Gast, mit welchem er bald Bekanntschaft machte.

»Kamerad,« sprach er zu ihm, »Ihr scheint ermüdet zu sein.«

»Ich habe heute den Weg von Kairo her gemacht,« antwortete jener.

»Ich komme ebenfalls von dieser Stadt,« fuhr Akil fort, »und wenn Ihr auch noch weiter reiset, so können wir den Weg zusammen machen; denn ich hatte die Vorschrift des Propheten vergessen: »El resyk thum eltharyk« (begib dich nicht auf den Weg ohne einen guten Gefährten): wollt Ihr unterdessen ein schlechtes Mahl mit mir teilen, so kann ich Euch einige Datteln und ein Stück von einem Hammelschlägel mit Knoblauch anbieten.«

»Ich nehme gern Euer Erbieten an,« sagte der andere Reisende, »aber ich will auch meinen Beitrag dazu liefern.«

Zu gleicher Zeit packte jeder seinen mitgebrachten Vorrat aus. Als beide aus den Teppich gelegt, was sie sich gegenseitig anzubieten hatten, bemerkten sie zu ihrer großen Verwunderung, daß die beiden Stücke des Hammelschlägels vollkommen aneinander paßten.

»Kamerad,« sprach Akil zu seinem Genossen, »darf ich wissen, woher Ihr dieses Stück Hammelschlägel habt?«

»Meine Frau hat es mir vor meiner Abreise gegeben,« antwortete ihm der Reisende; »aber darf ich meinerseits auch wissen, wo Ihr das her habt, das Ihr mir vorsetzet?«

»Auch ich verdanke meiner Frau diesen Vorrat,« antwortete Akil.

»In welchem Stadtviertel wohnt Ihr?« –

»Nahe am Siegestore.«

»Ich auch.« –

Und so, von Fragen zu Fragen, hatten die beiden Reisenden bald die Überzeugung erlangt, daß sie beide seit mehreren Monaten eine und dieselbe Frau gehabt.

Diese Entdeckung hätte beinahe einen hitzigen Streit unter ihnen erregt; aber sie bedachten zuletzt, daß es besser wäre, sogleich wieder umzukehren und sich selber über das Verhältnis aufzuklären, in welchem sie sich befanden.

Akil und Haram kehrten also beide nach Kairo zurück und erreichten bald ihre gemeinschaftliche Wohnung. Als die Frau sie beisammen erblickte, zweifelte sie nicht mehr, daß sie entdeckt wäre, und erkannte, daß es vergeblich sein würde, noch einen Vorwand zur Verhüllung der Wahrheit zu suchen; sie hielt es also fürs beste, alles zu gestehen, warf sich ihnen zu Füßen, bekannte ihr Vergehen und flehte beide um Gnade an.

Beide Männer liebten sie zärtlich, und ungeachtet ihrer Treulosigkeit wurde jedoch beider Anhänglichkeit für sie nicht geschwächt. Sie begnügten sich, ihr lebhafte Vorwürfe über ihre Treulosigkeit zu machen; und da sie in dieser Doppelehe nicht fortleben mochten, so sagten sie ihr, sie müßte unter ihnen beiden einen erwählen, den sie zum Manne behalten wollte. Aber vergeblich drangen sie bei ihr aus eine Entscheidung: es war unmöglich, sie zu bewegen, daß sie denjenigen bezeichnete, den sie vorzöge.

»Wohlan,« sprach sie endlich zu ihnen, »da ich doch einmal wählen soll, ich aber keinen Grund habe, einen dem andern vorzuziehen, so höret, was ich euch vorschlage: ihr lebt alle beide von eurer Geschicklichkeit; du Akil, übst sie jeden Tag, und du, Harem, jede Nacht: ich erkläre nun, daß ich denjenigen von euch zum Manne behalten will, der von euch beiden die Probe der größten Geschicklichkeit ablegt.«

Beide nahmen willig diesen Vorschlag an und bereiteten sich zum Wettkampfe der Geschicklichkeit.

Akil trat zuerst auf. Er begab sich mit Haram in einen der besuchtesten Basare von Kairo; hier zeigte er ihm mit dem Finger einen alten Juden, der mit großer Langsamkeit umherging.

»Du siehst dort den Juden,« sagte er zu Haram; »bevor er den Basar zu Ende gegangen ist, will ich ihn zwingen, mir seine Börse zu geben.«

Zu gleicher Zeit näherte er sich ihm und entwandt ihm einen ziemlich großen Beutel, welchen er bei sich trug. Haram wünschte ihm schon Glück zu dieser Probe seiner Geschicklichkeit.

»Keineswegs will ich mir so dieses Geld zueignen,« sagte Akil; »denn das Gericht könnte mich zwingen, es herauszugeben: ich will, daß der Kadi selber mir die Börse des Juden überliefere.«

So sprach er, begab sich in einen abgelegenen Winkel, öffnete den Beutel, zählte das Geld, nahm zehn Zechinen heraus und steckte seinen Ring dafür hinein. Nachdem er den Beutel sorgfältig wieder zugebunden hatte, machte er sich wieder an den Juden und steckte ihm ebenso geschickt die Börse wieder ein, wie er sie ihm entwandt hatte.

Aber kaum hatte nun der unglückliche Jude einige Schritte getan, als er auf ihn zulief. »Elender,« schrie er ihn an, »wagst du es noch, so an einem öffentlichen Orte umherzugehen, nachdem du mich so unverschämt bestohlen hast?«

 

Fünfhundertundsiebenunddreißigste Nacht.

Der Jude war nicht wenig überrascht, als er sich von einem unbekannten Menschen angefallen sah; er verwirrte sich in Entschuldigungen, schwur ihm beim Abraham, Isaak und Jakob, daß er sich ohne Zweifel irrte, und daß er niemals daran gedacht hätte, sein Eigentum anzutasten.

»Wie, Ehrloser!« fuhr Akil fort, »du wagst es noch, den Diebstahl zu leugnen, den du begangen hast? Aber vergeblich schmeichelst du dir, durch deine Demut der gerechten Strafe zu entgehen, welche dir aufbehalten ist; fort, folge mir zu dem Kadi und antworte auf die Fragen, welche er dir vorlegen wird.«

Mit diesen Worten ergriff er ihn bei seinem Kaftan und schleppte ihn mehr tot als lebendig vor den Richter.

»Herr Kadi,« sprach er, »ich führe Euch hier einen der frechsten Diebe vor, so Euch noch zu bestrafen vorgekommen ist. Der Jude, den Ihr hier sehet, hat mir eine ansehnliche Summe gestohlen; kaum sind es einige Stunden, daß der Diebstahl begangen ist, und schon wagt er nach dieser ehrlosen Handlung mitten auf dem Basar ruhig zu wandeln wie ein unbescholtener Mensch.«

»Ich beteure,« entgegnete der Jude, »daß ich mich niemals irgend einer strafwürdigen Handlung schuldig gemacht und diesen Menschen niemals gesehen habe, der mich ohne Zweifel für einen andern nimmt oder den Verstand verloren hat.«

»Hund von Israeliten,« versetzte Akil, »es ziemet dir auch recht, einen wahren Muselmann so zu beschimpfen! Herr Kadi, lasset Euch durch die Beteuerungen dieses Ungläubigen nicht hinters Licht führen, er leugnet mit ebensolcher Frechheit wie jener Kaufmann von Indien, als er ein ihm anvertrautes Gut für sich behalten wollte, aber Ihr werdet seine Ausflüchte ebenso geschickt vereiteln, wie dort der Kadi die Spitzbüberei des Kaufmanns entlarvte.«

»Wie benahm sich mein Amtsgenosse dabei?« fragte der Kadi; »ich habe niemals von dieser Geschichte etwas gehört.«

Akil nahm hierauf das Wort und sprach also:

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