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Tausend und Eine Nacht. Neunter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Neunter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Neunter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfhundertundvierundzwanzigste Nacht.

Geschichte des Kalifen von Bagdad.

»Herr, der Kalif Harun Arreschid empfing auf seinem Throne die Huldigungen seiner Emire und Großwürdenträger: er war den ganzen Tag hindurch von den lästigen Feierlichkeiten ermüdet, welchen seine Größe ihn unterwarf, und um sich zu zerstreuen, hatte er sich vorgenommen, sich mit seinem Wesir Giafar zu verkleiden und auszugehen, um Almosen zu verteilen und darauf zu achten, ob seine Beamten gebührend ihre Pflicht erfüllten.

Beide verließen das Innere des Palastes, und in einer Verkleidung, welche sie unkenntlich machte, durchstrichen sie verschiedene Straßen von Bagdad und gaben den Armen, denen sie begegneten, Almosen. Sie hatten schon zahlreiche Wohltaten ausgespendet, als sie mitten in einer Straße eine verschleierte Frau erblickten, welche um Almosen bat. Ihre Hand war von äußerster Zartheit und blendender Weiße; diese auffallende Erscheinung entging dem Kalifen nicht: er nahm ein Goldstück und ließ es durch Giafar reichen.

Die Frau, welche diese Spende empfing, bemerkte leicht, daß das ihr gegebene Geldstück von ungewöhnlicher Größe und Schwere war, und als sie die Augen darauf warf, erkannte sie, daß man ihr ein Goldstück gereicht hatte; sie rief sogleich den Großwesir Giafar, der sich schon entfernt hatte, zurück und sprach zu ihm:

»Herr, es ist ein Goldstück, das Ihr mir gegeben habt: war es Eure Absicht, mich so freigebig zu beschenken?«

»Nicht mir, sondern diesem jungen Manne,« antwortete Giafar, indem er auf den Kalifen zeigte, »habt Ihr das empfangene Geschenk zu verdanken.«

Hierauf ließ die Unglückliche diesen fragen, ob es seine Absicht gewesen, ihr ein solches Almosen zu reichen. Und auf die bejahende Antwort des Kalifen flehte sie auf ihn den Segen des Himmels herab.

»Giafar,« sprach jetzt Harun, »mache ihr den Antrag, mich zu heiraten.«

Giafar entledigte sich dieses Auftrages. »Mein Gefährte,« sprach er zu ihr, »wünscht Eure Hand zu erhalten.«

»Ich gewähre sie ihm,« antwortete sie, »wenn er mir die Morgengabe gibt, welche ich von ihm fordere.«

»Es wird dem Kalifen ohne Zweifel sehr schwer werden,« sagte Giafar bei sich selber, »die Morgengabe für eine Bettlerin aufzubringen«: – »und wie groß ist die Summe,« fuhr er fort, »welche Ihr verlangt?«

»Sie muß,« antwortete sie, »den einjährigen Einkünften der Stadt Ispahan gleich sein.«

Giafar teilte dem Kalifen diese Forderung mit, welcher zum großen Erstaunen des Wesirs die Bedingung annahm.

Als die Bettlerin hörte, daß ihre Forderung angenommen sei, wollte sie den Namen ihres künftigen Gemahls wissen.

»Dieser Gemahl ist,« antwortete ihr Giafar, »der Kalif Harun Arreschid.«

Ohne über diesen plötzlichen Glückswechsel erstaunt zu sein, begnügte die Braut sich, Gott zu danken, daß er ihr den Beherrscher der Gläubigen zum Gemahls geschenkt; und nachdem sie ihren Schleier etwas in Ordnung gebracht hatte, folgte sie ihm nach dem Palaste.

Als der Kalif hier ankam, befahl er sogleich, daß eine Alte und Sklavinnen seine neue Gemahlin sorgfältig bedienten. Man führte sie in ein Bad, wo man sie mit den wohlriechendsten Wassern wusch; man schmückte sie mit den prächtigsten Kleinoden; hierauf führte man sie in einen prächtigen Palast. Denselben Abend noch begab sich der Kalif mit seinen Gesetzesbeamten dahin, welche den Heiratsvertrag aufsetzten.

Als Harun sich mit seiner neuen Gemahlin allein sah, fragte er sie, wer sie wäre, und aus welchem Grunde sie eine so ansehnliche Morgengabe gefordert hätte.

»Herr,« antwortete die neue Gemahlin, »ich habe nicht mehr von Euch gefordert, als wozu mich meine Geburt berechtigte: denn Ihr sehet vor Euch eine Abkömmlingin des berühmten Chosru Nuschirwan. Eine Reihe unglücklicher Ereignisse hat mich in den bejammernswürdigen Zustand versetzt, in welchem Ihr mich gesunden habt.«

»Wenn den Geschichtsschreibern zu glauben ist,« sagte der Kalif, »so war Euer erhabener Ahnherr manchmal sehr ungerecht und zeigte sich als ein harter Bedrücker seiner Untertanen.«

»Eben um uns für die Vergehen dieses Fürsten zu bestrafen«, erwiderte die Urenkelin Chosrus, »hat uns Gott so erniedrigt, daß wir um Almosen bitten müssen.«

»Indessen,« fuhr der Kalif fort, »versichert man, daß er sich gebessert und in der Folge ungemeine Großmut und Gnade bewiesen hat.«

»Und deshalb vielleicht,« versetzte sie hierauf, »hat die Barmherzigkeit Gottes mich aus dem Abgrunde des Elends gezogen und mich auf den Thron des Beherrschers der Gläubigen erhoben.«

Der Kalif hatte nun alle Ursache, mit der Wahl seiner neuen Gattin zufrieden zu sein.

 

Fünfhundertundfünfundzwanzigste Nacht.

Ein Jahr danach, am Tage Arafa, ging der Kalif abermals verkleidet aus; er hatte wieder seinen treuen Giafar bei sich und überdies den Mesrur, das Oberhaupt der Verschnittenen. Indem der Kalif so durch eine der Straßen von Bagdad wanderte, bemerkte er einen Laden, welcher sich durch seine Reinlichkeit und Zierlichkeit auszeichnete, und worin ein junger Mann beschäftigt war, kleine Kuchen zu backen.

Dem Kalifen gefiel sein gutes Aussehen, und um ihm einen vorteilhaften Absatz zu verschaffen, befahl er sogleich bei seiner Rückkehr in seinen Palast, von diesem Pastetenbäcker hundert kleine Kuchen zu holen. Diese wurden alsbald dem Kalifen gebracht, welcher unter jeden ein Goldstück legte und sie der Prinzessin von Persien, welche er vor einem Jahre geheiratet hatte, übersandte mit der Ankündigung, daß er sie eben diesen Abend besuchen wollte; zugleich ließ er sie befragen, ob sie irgend etwas zu wünschen hätte.

Die Prinzessin antwortete, sie bäte den Kalifen, ihr tausend Goldstücke und eine Begleiterin zu schicken, mit welcher sie ausgehen könnte, um Almosen zu spenden.

Der Kalif bewilligte gern ihr Begehren und sandte ihr, was sie verlangt hatte.

Sie ging also aus in Begleitung einer Vertrauten, durchwanderte die Straßen von Bagdad und teilte reichlich Almosen aus.

Nachdem sie in der übermäßigen Hitze schon weit gegangen war, fühlte sie einen heftigen Durst; es widerte ihr, aus dem Becher eines Wasserträgers zu trinken, sie bat also die Alte, welche sie begleitete, an die Türe eines Hauses von hübschem Ansehen zu pochen und um ein Glas Wasser zu bitten.

Die Alte klopfte leise an die Türe, und alsbald trat ein schöner und reichgekleideter junger Mann hervor und fragte sie, was sie begehrten.

»Mein Sohn,« antwortete die Alte, »wir kommen, Euch um einen Dienst anzusprechen: meine Tochter fühlt einen brennenden Durst und will nicht bei einem Wasserträger trinken; wir sind daher so frei, Euch um ein Glas Wasser zu bitten.«

Der junge Mann beeilte sich, dem Verlangen der Alten zu genügen, er trat in sein Haus zurück und kam alsbald mit einem vollen Becher in der Hand wieder heraus; die Prinzessin trank begierig, indem sie sich so wandte, daß der junge Mann ihr Antlitz nicht sehen konnte. Nachdem sie ihm für seine Gefälligkeit gedankt und den Segen des Himmels auf ihn herabgewünscht hatten, kehrten die beiden Unbekannten nach dem Palaste zurück.

Unterdessen hatte Harun die Kuchen, welche er der Prinzessin verehren wollte, zubereitet und ließ sie ihr sogleich überbringen. Die neue Gemahlin des Kalifen wußte nicht, auf welche Weise sie sich für die Höflichkeit des jungen Mannes, dem sie die Erfrischung zu verdanken hatte, erkenntlich bezeigen sollte: sie befahl, ihm die Kuchen zu bringen, welche der Kalif ihr eben geschickt hatte.

Die Alte, welche diesen Auftrag erhalten hatte, brachte sie nach ihrer Bestimmung; unterwegs spürte sie großes Gelüst, einige davon zu essen, aber die Wegnahme eines einzigen hätte eine zu merkliche Lücke hervorgebracht, so daß sie nicht wagte, ihre Leckerei zu befriedigen, sondern die Schüssel unberührt dem jungen Manne überbrachte.

Dieser saß vor seiner Türe; er dankte der Alten für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit und bat sie, die Kuchen auf die Bank hinzustellen, auf welcher er saß.

Kaum war die Alte einen Augenblick weg, als einer der Wächter des Stadtviertels zu dem jungen Manne kam und ihn ansprach: »Herr, es ist heute Arafafest: gebt Ihr mir nicht etwas zum Neujahr, damit ich meinen Kindern etwas Zuckerwerk kaufen kann?«

»Nimm diese Schüssel,« antwortete ihm der junge Mann, »und bringe sie ihnen von meinetwegen.«

Der Wächter ergriff, ohne sich bitten zu lassen, die Schüssel, lief hin und brachte sie seiner Frau.

»Unseliger,« sprach diese zu ihm, »wo hast du diese Kuchen gestohlen?«

»Ich habe sie nicht gestohlen,« antwortete der Mann, »es ist ein Geschenk von einem der Kammerherren des Kalifen. Kommet her, freuet euch alle mit mir und verzehret sie.«

»Was?« rief die Frau aus, »du willst diese Kuchen essen, während deine Kinder nichts haben, ihre Blöße zu bedecken? Schämst du dich nicht dieses Gelüstes? Geh lieber hin und verkaufe die Kuchen; es ist für eine ansehnliche Summe, und wir können Geld daraus lösen.«

Der Wächter sah sich genötigt, seiner Frau nachzugeben, welche die Kuchen zu einem Ausrufer hintrug. Dieser rief sie zum Verkauf aus; mehrere Käufer fanden sich ein, und der Handel sollte eben geschlossen werden, als einer von ihnen auf dem Rande der Schüssel eine Inschrift entdeckte, welche anzeigte, daß die Kuchen auf Befehl des Befehlshabers der Gläubigen gebacken waren.

»Unglücklicher,« sprach er zu dem Ausrufer, »willst du an den Galgen, daß du diese Kuchen so verkaufst? Siehst du nicht, daß sie dem Beherrscher der Gläubigen gehören?«

Der Ausrufer war sehr erschrocken, als er die Wahrheit der ihm angegebenen Anzeige erkannte; und um die Gefahr, die ihm drohte, von sich abzuwenden, hielt er es für das ratsamste, gerade nach dem Palaste des Kalifen zu gehen und die Kuchen, welche man ihm zu verkaufen gegeben hatte, zurückzutragen.

Harun geriet in großen Zorn, als er vernahm, daß man einem öffentlichen Ausrufer die Kuchen übergeben, welche er selber so sorgfältig zubereitet hatte; er fragte den Ausrufer, wer ihm diese Kuchen gebracht hätte. Dieser nannte den Wächter des Stadtviertels. Es wurde sogleich hingeschickt, diesen Unglücklichen zu holen; man band ihm die Hände auf den Rücken und führte ihn vor den Kalifen. »Wehe,« sagte der Wächter bei sich selber, »mein verdammtes Weib ist schuld an allem diesem Unglücke: hätte sie uns die Kuchen essen lassen, so wäre ich nicht in diesen bösen Handel verwickelt worden.«

Als der Wächter dem Kalifen vorgeführt war, fragte dieser Fürst ihn, von wem er die Kuchen hätte. Der Wächter gestand sogleich, daß er sie der Freigebigkeit eines der Kammerherrn des Palastes verdankte, dessen Wohnung er auch angab.

Harun geriet in noch heftigeren Zorn, als er vernahm, daß einer von seinen Beamten sich des Verbrechens schuldig gemacht hatte, dessen Urheber er nachforschte; er befahl auf der Stelle, ihn zu holen und ihn mit dem Gesichte auf dem Boden herbeizuschleppen, nachdem man ihm den Turban abgerissen hätte.

Seine Befehle wurden vollzogen: die Abgeschickten des Kalifen erschienen an der Türe des Kammerherrn und klopften ungestüm an; sie bemächtigten sich seiner mit den Worten: »Armer Aladdin, es tut uns sehr leid, daß wir uns genötigt sehen, den Willen unsers Herrn zu vollstrecken, welcher uns befohlen hat, dein Haus der Plünderung preiszugeben, deinen Turban zu zerreißen und dich vor ihn zu führen: aber wir können nicht umhin, zu gehorchen.«

Als Aladdin vor dem Kalifen erschien, fragte dieser Fürst ihn wütend, ob er den Wächter des Stadtviertels kennte, und auf die bejahende Antwort befahl er ihm, zu gestehen, von wem er die überbrachten Kuchen hätte.

Aladdin erzählte hierauf unbefangen, was zwischen ihm und einer jungen Frau mit einer Alten vorgegangen: er sagte, diese beiden Frauen hätten ihn um ein Glas Wasser angesprochen und zum Lohne für seine Gefälligkeit ihm die Schüssel mit Kuchen geschickt, womit er dem Wächter des Stadtviertels ein Geschenk gemacht.

Diese Erklärung besänftigte den Zorn des Kalifen. Unglücklicherweise aber fragte er seinen Kammerherrn, ob er in dem Augenblick, als die junge Frau ihren Schleier aufgehoben, um zu trinken, ihr Gesicht gesehen hätte. Aladdin antwortete unwillkürlich, er hätte es gesehen. Dieses Geständnis erneuerte den Zorn des Kalifen: er ließ die Prinzessin von Persien herbeiführen und befahl, ihr wie auch dem Kammerherrn das Haupt abzuschlagen.

 

Fünfhundertundsechsundzwanzigste Nacht.

Die unglückliche Prinzessin empfand einen tiefen Schmerz, als sie die Vorwürfe und den Befehl des Kalifen vernahm; sie wandte sich jetzt zu Aladdin und fragte ihn, welche Ursache ihn bewöge, etwas Falsches auszusagen, das ihnen beiden den Tod brächte.

»Ohne Zweifel,« antwortete der unglückliche junge Mann, »hat das Schicksal es so gewollt: ich wollte gerade das Gegenteil von demjenigen sagen, was mein Mund ausgesprochen, und es ist eine Verirrung meiner Zunge, welche uns ins Verderben stürzt.«

Während dieses Gesprächs breitete man den ledernen Teppich aus, welcher bald von ihrem Blute gefärbt werden sollte; man zerriß ihre Kleider und verband ihnen die Augen. Der Scharfrichter fragte hierauf den Kalifen, ob er zuhauen sollte, und der Kalif antwortete mit Ja. Dreimal dem Gebrauche gemäß wiederholte er dieselbe Frage, und dreimal erhielt er dieselbe Antwort; nun fragte er Aladdin, ob er vor dem Todesstreiche noch etwas von ihm begehrte, Aladdin bat sich's zur Gnade aus, ihm auf einen Augenblick die Binde abzunehmen, damit er noch zum letzten Male seine Freunde sehen könnte.

Der Scharfrichter erfüllte seine Bitte; Aladdin blickte um sich her und sah alle seine Freunde in Bestürzung. Hierauf wandte er sich selber an den Kalifen und sprach folgendermaßen zu ihm:

»Herr, geruhet Ihr, meine Hinrichtung noch drei Tage aufzuschieben, so versichere ich Euch dreist, Ihr werdet Zeuge von den außerordentlichsten Dingen sein.«

»Nach Verlauf dieser Frist,« erwiderte ihm der Kalif, »bist du des Todes, und nichts vermag dich meiner Rache zu entziehen.«

Drei Tage waren schon verlaufen, und der Kalif war noch von keinem der ihm verkündigten Abenteuer Zeuge gewesen; ungeduldig über diese Zögerung, entschloß er sich, eine neue Verkleidung anzunehmen und auszugehen, um selber dergleichen aufzusuchen. In dieser Absicht hüllte er sich in grobe Kleider, warf einen schlechten Turban um seinen Kopf, bewaffnete sich mit einer Patronentasche und einer Flinte und durchstrich am vollen Tage die Straßen von Bagdad, ganz unbesorgt, in dieser Kleidung erkannt zu werden.

Er trat in einen Basar, als er einen jungen Mann sein Erstaunen in den stärksten Worten ausdrücken hörte. Harun fragte ihn nach der Ursache seines Erstaunens. »Da ist,« antwortete ihm der junge Mann, »eine alte Frau, welche den Koran mit lauter Stimme und so trefflich auswendig hersagt, daß man glauben sollte, den Engel Gabriel selber zu hören, der ihn unserm heiligen Propheten offenbarte: und nun, diese Unglückliche sitzt da schon lange Zeit, ohne daß jemand noch daran gedacht hat, ihr irgend etwas zu schenken: das ist die Ursache meines Erstaunens, und Ihr werdet eingestehen, daß sie begründet ist.«

Der Kalif war neugierig, diese Frau zu sehen; er trat also weiter in den Basar und hörte sie alle Kapitel des heiligen Buches hersagen. Hierauf näherte er sich ihr und wollte ihr eben einen Beweis seiner Freigebigkeit geben, als er sie einem Kaufmann ins Ohr sagen hörte, ob sie ihm ein junges Mädchen verschaffen sollte. Der Kaufmann nahm dieses Erbieten an, und der Kalif, der über das Gewerbe dieser Alten Gewißheit haben wollte, beschloß, ihnen beiden zu folgen.

Unterwegs überließ sich Harun den seltsamsten Betrachtungen, welche dieses Abenteuer in ihm erzeugte. Er sah die beiden in ein Haus treten und war so geschickt, zugleich mit ihnen hineinzuschlüpfen, ohne bemerkt zu werden. Hier sah er nun die Alte ihre Tochter aus einem nahen Gemache hervorführen, und sein Erstaunen stieg aufs höchste, als er eine der schönsten Frauen von Bagdad erblickte: ihre Gestalt war voll Anmut und Hoheit, und ihre schönen schwarzen Augen mit schmachtendem Blicke vollendeten die bezauberndste Erscheinung.

Kaum hatte das junge Mädchen einen Fremden erblickt, als sie schleunig zurücktrat und ihrer Mutter Vorwürfe machte, sie also den Blicken eines Mannes ausgesetzt zu haben. Die Alte erwiderte ihrer Tochter, sie stellte ihr ihren künftigen Gemahl vor, welchen sie ja doch einmal vor der Hochzeit sehen müßte.

Es war nun bald die Rede von der Morgengabe; die Alte forderte viertausend Goldstücke. Der Kaufmann antwortete, eine solche Summe überstiege sein Vermögen, und bot nur die Hälfte, von welcher er einen Teil zum Hausgerät und zu den Brautkleidern anwenden wollte. Dieser Vorschlag gefiel der Alten nicht, und sie beteuerte, sie würde nichts von ihrer Forderung nachlassen. Der Kaufmann sah sich also zu seinem großen Leidwesen genötigt, sich zurückzuziehen.

Als er hinweg war, beschloß der Kalif, sich an dessen Stelle anzubieten; er schlüpfte also geschickt hinaus, sodann trat er wieder in das Haus, ließ sich sehen und stellte sich vor die Alte hin.

»Ich begegne soeben,« sprach er zu ihr, »einem jungen Manne, der von Euch heraus kommt; er hat mir gesagt, er könne Eure Tochter nicht heiraten, drum biete ich Euch den Brautschatz, welchen Ihr fordert.«

»Nichtswürdiger Räuber,« antwortete ihm die Alte, indem sie ihn aufmerksam betrachtete, »wo wolltest du das Geld hernehmen, welches du mir anträgst? Die Kleider, welche dich bedecken, verkündigen genugsam deinen Stand.«

»Ihr täuscht Euch, meine Gute,« erwiderte ihr der Kalif, »ich bin bereit, Euch bar Geld aufzuzählen.«

»Wohlan, laß sehen,« sagte hierauf die Alte, »gib viertausend Goldstücke her, und meine Tochter ist dein.«

»Nun gut,« sprach der Kalif, indem er sich setzte, »der Handel ist geschlossen: gehet hin zu dem Kadi und saget ihm, Albondukani lasse ihn rufen.«

»Elender,« erwiderte ihm die Alte, »bildest du dir ein, daß der Kadi sich deinetwegen wird stören lassen?«

»Lasset Euch das nicht irremachen, gute Mutter,« versetzte der Kalif; »seid nur darauf bedacht, ihm anzuempfehlen, daß er Schreibröhre und weißes Papier mitbringe.«

Die Alte ging hin, indem sie bei sich selber sagte: »Wenn der Kadi auf diese Einladung kommt, so muß mein Schwiegersohn ein Räuber von Bedeutung und wenigstens das Oberhaupt einer Bande sein.«

 

Fünfhundertundsiebenundzwanzigste Nacht.

Aber ihr Zutrauen verließ sie, sobald sie in das Haus dieses Beamten trat: als sie ihn von mehreren andern Richtern umgeben sah, stockte sie und kehrte um; dann warf sie sich ihre Schwachheit vor und schritt wieder vorwärts, ward nochmals eingeschüchtert, trat wiederum bis an die Türe und streckte den Kopf hinein. Ihre verschiedenen Bewegungen machten, daß der Kadi sie bemerkte, welcher dem Türsteher befahl, sie hereinzuführen.

Die gute Frau ließ sich nicht lange bitten: sie trat herein; und nachdem der Kadi sie gefragt hatte, was sie wollte, antwortete sie ihm, es wäre jemand bei ihr, der ihn zu sprechen verlangte.

»Und wer ist dieser Mann, der verlangt, daß ich zu ihm kommen soll?« fragte der Kadi.

»Herr,« antwortete die Alte, »es ist Albondukani.«

»Albondukani!« rief der Kadi aus, indem er sich erhob, »fort, laßt uns eilen!« Und ohne die Fragen der Gegenwärtigen, wohin er ginge, zu beantworten, machte er sich sogleich auf den Weg.

»Bei meiner Treu,« sagte die Alte bei sich selber, »es scheint, der Kadi ist kein großer Held; der arme Mann hat sicher von meinem Schwiegersohne einmal Stockprügel bekommen und nicht Lust, noch mehr zu kriegen: deshalb ohne Zweifel beeifert er sich so sehr, seinen Befehlen nachzukommen.«

Als der Kadi in das Haus getreten war, sah er wohl, daß der Kalif nicht erkannt sein wollte; er gab ihm den gewöhnlichen Selam und erkundigte sich, was er von ihm begehrte.

»Es ist hier,« sagte der Kalif, »ein Heiratsvertrag zwischen mir und dieser Jungfrau, die ich ehelichen will, aufzufetzen.«

Der Kadi fragte hierauf die beiden Frauen, wie groß der Brautschatz sein sollte; und nachdem er vernommen, daß er auf viertausend Goldstücke bestimmt war, so schickte er sich an, den Vertrag aufzusetzen; aber er hatte vergessen, Papier mitzubringen; gleichwohl fürchtete er sich so sehr, die Befehle seines Herrn nicht auf der Stelle zu erfüllen, daß er seinen Rockschoß nahm und damit anfing, den Namen des Kalifen und seiner Ahnen oben an die Spitze des Vertrages zu schreiben.

Nachdem dies geschehen war, wandte er sich zu der Schwiegermutter und fragte nach ihrem Namen sowie nach denen ihres Mannes und dessen Vaters.

Auf diese Frage konnte die Alte ihre Tränen nicht zurückhalten. »Ach,« rief sie aus, »müssen wir in solchen Stand der Erniedrigung herabgesunken sein, daß ein Räuber ungestraft bei mir Eingang findet und mir noch dazu meine Tochter entführt! Ja, wenn mein Mann noch lebte, so würde uns das nimmer begegnet sein.«

»Beruhigt Euch,« sprach der Kadi zu ihr, »Gott beschützet die Unglücklichen und Waisen.«

Aber diese Tröstungen machten keine große Wirkung auf die Alte, welche fortfuhr zu jammern. Ihre Wehklagen machten den Kalifen sehr zu lachen und nötigten den Kadi, alle Anstrengungen zu machen, um seine Amtswürde zu behaupten.

Als er fertig war, schnitt er seinen Rockschoß ab, übergab den darauf verfaßten Vertrag dem Kalifen und wollte wieder weggehen. »Ei wie!« rief die Alte aus, indem sie sich zu ihrem Schwiegersohne wandte, »Ihr gebt also diesem ehrwürdigen Beamten nichts, der Euch zu Gefallen seinen Rock aufgeopfert hat?«

»Er mag gehen,« antwortete der Kalif, »ich habe ihm nichts zu geben.«

»Großer Gott,« fuhr die Alte fort, »wie habgierig die Räuber sind! Sie begnügen sich nicht, einem Manne, der ihnen Dienste geleistet hat, nichts zu geben, sie müssen ihn auch noch berauben.«

Der Kalif lachte sehr über alle diese Ausrufungen, und er beurlaubte sich bald nach dem Kadi mit der Ankündigung, er ginge hin, die viertausend Goldstücke zu holen samt den Geschenken, welche er seiner Braut zu geben gedächte.

»Ha, Spitzbube,« sagte hierauf die Schwiegermutter zu ihm, »du gehst ohne Zweifel hin, noch einige Kaufleute zu plündern und sie an den Bettelstab zu bringen, um uns Geschenke zu machen!«

Sobald Harun in seinen Palast zurückkam, warf er seine Verkleidung ab und ließ Maler, Tischler und Marmorarbeiter vor sich kommen; und als sie da waren, ließ er jedem zweihundert Stockprügel geben, um sie desto eifriger zu machen, die Befehle, welche er ihnen erteilen wollte, auszuführen; hieraus machte er ihnen seinen Willen kund. Er bezeichnete ihnen das Haus seiner Schwiegermutter und deutete ihnen an, wenn sie nicht vor Ende des Tages die Arbeit vollendet hätten, welche er ihnen befahl, so würde er ihnen die Hände abhacken lassen.

»Wenn die Herrin des Hauses,« sagte er zu ihnen, »euch frägt, wer euch geschickt hat, so saget, es sei ihr Schwiegersohn; erkundigt sie sich nun nach dem Gewerbe dieses Schwiegersohnes, so saget, ihr kennet ihn nicht; und frägt sie euch nach seinem Namen, so antwortet: Albondukani. Präget euch dieses wohl ein; denn wenn einer von euch ein Wort hinzufügt, so lasse ich ihn auf der Stelle kreuzigen.«

Nachdem der Marmorarbeiter alle Werkleute versammelt hatte, die er aufbringen konnte, begab er sich mit ihnen nach dem ihm von dem Kalifen bezeichneten Hause; sie brachten sogleich die zu ihrer Arbeit nötigen Marmorplatten mit. Die Alte fragte sie, was sie wollten.

»Wir kommen, dieses Haus zu pflastern,« antworteten sie.

»Wer hat euch hergeschickt?« fragte sie weiter.

»Euer Schwiegersohn.« –

»Und was treibt mein Schwiegersohn?« –

»Wir wissen es nicht.« –

»Saget mir wenigstens seinen Namen.«

»Er heißt Albondukani.«

Diese Antwort und diese Anstalten bestärkten die Alte in ihrer Vorstellung, daß ihr Schwiegersohn einer der ausbündigsten Oberhäupter der Räuber in der Gegend von Bagdad sein müßte.

Dieselben Auftritte wiederholten sich, als ebenso nacheinander die Tischler und die Maler erschienen, um die Befehle des Kalifen auszuführen, und die Alte konnte auch von ihnen nichts herausbringen, was ihrer Neugierde genügte.

»Dieser Albondukani,« sprach sie bei sich selber, »muß ein sehr furchtbarer Räuber sein; denn es ist klar, daß alle diese Leute hier ihn nicht nennen wollen, weil sie ihm zu mißfallen fürchten, wenn sie sein Gewerbe kundtun.«

Alle diese Beängstigungen hätten sie bald verrückt gemacht. Sie wiederholte mehrmals ihre Nachforschungen ohne mehr Erfolg. In kurzer Zeit hatten die Arbeiter die Vorderseite des Hauses umgewandelt; und als ihre Aufgabe vollendet war, gingen sie hin und verkündigten dem Kalifen, daß sein Wille erfüllt wäre.

Der Fürst belud nun eine große Anzahl Träger mit Hausgerät aller Art und mit Körben voll von Stücken Zeug, Stickereien und Kleinoden.

Als die Alte diese neuen Geschenke ankommen sah, wollte sie anfangs die Überbringer bedeuten, sie wären unrecht; aber sie blieben dabei und übergaben ihr die Sachen mit der Weisung, dafür zu sorgen, daß alles sogleich eingerichtet würde, weil ihr Schwiegersohn die Absicht hätte, sie noch diese Nacht zu besuchen. Diese verdächtige Stunde, welche der Kalif gewählt hatte, bestärkte die Alte nur noch mehr in ihrer vorgefaßten Meinung. Sie begab sich in aller Eile zu ihren Nachbarinnen, um ihre Hilfe zur Anordnung der Sachen anzusprechen, welche sie bekommen hatte.

»Wie, Nachbarin,« sprachen diese beim Eintreten, als sie die vorgegangenen Veränderungen wahrnahmen, »ist es ein Traum? Ist's möglich, daß Eure Hütte in einen prächtigen Palast verwandelt worden? Woher kommen alle diese Marmorzierden, diese herrlichen Gemälde? Ist dies ein bezaubertes Land?«

»Keineswegs,« antwortete die Alte, »alles dies verdanke ich meinem Schwiegersohne.« –

»Eure Tochter ist also verheiratet?« –

»Eben heute.« –

»Und wer ist Euer Schwiegersohn?« –

»Ich weiß es in Wahrheit nicht, und wenn ich euch meinen Verdacht gestehen soll, so glaube ich, es ist nicht das ehrlichste Handwerk, welches er treibt: aber bildet euch nicht ein, daß er ein gewöhnlicher Räuber ist, er ist wenigstens das Oberhaupt aller Räuber.«

»Um Gottes willen!« riefen die Nachbarinnen aus, »Ihr wollt die Schwiegermutter eines Räuberhaupts werden! Seid so gut und empfehlet uns Eurem Schwiegersohn und bittet ihn, die Häuser Eurer Nachbarn zu verschonen; diese Rücksicht sind wir uns gegenseitig schuldig.«

Die Alte beruhigte sie, indem sie den Edelmut ihres Schwiegersohnes rühmte und ihnen versprach, daß ihr Eigentum verschont bleiben sollte.

Sicher gemacht durch den Schutz, welchen die Alte ihnen verhieß, beschäftigten sich die Nachbarinnen nun mit der Anordnung des Hausgerätes, dann des Putzes der Braut, welche man mit prächtigen Zeugen bekleidete und mit Juwelen bedeckte.

Bald hörte man an die Türe pochen und sah eine große Anzahl Bedienten des Kalifen eintreten: einige trugen die erlesensten Speisen, andere das köstlichste Zuckerwerk: sie überlieferten alles der Alten und sagten dabei, ihr Schwiegersohn sendete es ihr, um sich mit allen ihren Nachbarinnen gütlich zu tun.

»Meine lieben Freunde,« sprach die Alte noch zu ihnen, »habet doch die Güte und saget mir, was macht mein Schwiegersohn?«

»Wir wissen nichts von ihm, edle Frau, aber wenn Euch daran liegt, seinen Namen zu wissen, er heißt Albondukani.«

»Meinetwegen,« sagte die Alte, »er mag tun, was er will; aber einer, der sich so großmütig beweiset, hat nicht seinesgleichen in Bagdad: kommet, meine Freundinnen, setzen wir uns zum Mahle.«

Die Nachbarinnen machten keine Umstände, sondern aßen mit großer Lust nach und nach von den Speisen und dem Nachtische, die man hergeschickt hatte, doch waren sie darauf bedacht, von allem das Beste unberührt zu lassen, damit es zum Hochzeitsmahle der beiden Neuvermählten dienete.

Unterdessen wußte man bald in dem ganzen Stadtviertel, daß die Alte ihre Tochter an einen Räuber verheiratet hatte, und daß ihr Haus schon mit den prächtigen Geschenken angefüllt war, welche ihr Schwiegersohn ihr dargebracht hatte.

Als der junge Kaufmann, dem diejenige versagt worden war, welche der Kalif sich zur Gattin erwählt hatte, durch das öffentliche Gerücht vernommen, daß man ihm einen Räuber vorgezogen hatte, so wollte er diese Gelegenheit nicht versäumen, sich zu rächen; er hoffte selbst, daß dieser Umstand ihm Mittel verschaffen könnte, diejenige wiederzuerlangen, in welche er verliebt war, und begab sich in aller Eile zu dem Polizeibeamten. Diesem versprach er eine ansehnliche Belohnung, wenn er sich des Räubers, welchen er ihm beschrieb, bemächtigen könnte, und versicherte ihn zugleich, daß er bei dieser Unternehmung eine beträchtliche Beute machen würde, deren Eigentum er ihm überließ.

Der Polizeibeamte war höchst vergnügt über diese Anzeige des jungen Mannes und hieß die zehnte Stunde des Abends abwarten, um den Räuber desto sicherer in dem Hause seiner Schwiegermutter zu überfallen; er versprach ihm, sich bestimmt zu dieser Stunde dort einzufinden, und versicherte ihn, er würde den Räuber sowie die Alte auf abschreckende Weise bestrafen und ihm das junge Mädchen überliefern, mit welcher er nach seinem Belieben schalten könnte.

 

Fünfhundertundachtundzwanzigste Nacht.

Als die verabredete Stunde gekommen war, verfügte sich der junge Mann wieder zu dem Polizeibeamten, welcher sogleich an der Spitze von vierhundert seiner Leute, von vier Anführern befehligt, zu Pferde stieg und, von einer großen Anzahl Fackeln und Laternen beleuchtet, dahinritt.

Unterdessen erwarteten die Mutter und ihre Tochter ruhig in ihrem Hause, welches von einer zahllosen Menge Wachskerzen erleuchtet war, die Ankunft Albondukanis. plötzlich hörten sie heftig an die Tür pochen; die Alte ging hin, schaute durch die Spalten und erblickte den Polizeibeamten, der mit seinen Leuten die Straße füllte und schon alle Anstalten machte, mit Gewalt in das Haus zu dringen. Als die Alte einen der Anführer der Schar erblickte, geriet sie in großen Schrecken, denn es war Schamama, einer der furchtbarsten Kerle in Bagdad, ein wahrer eingefleischter Teufel und fähig zu allem. Als dieser sah, daß man nicht öffnete, sprach er zu dem Polizeibeamten:

»Herr, was zaudern wir, diese Türe einzustoßen, da man uns sie zu öffnen weigert? Wenn wir sie so unversehens überfallen, so können wir uns alles dessen, was sich in dem Hause befindet, bemächtigen, und werden umso sicherer denjenigen ergreifen, den wir suchen.«

Glücklicherweise befand sich unter den Anführern der Scharen ein junger Mann voll Wohlwollen und Menschlichkeit, welcher dem Polizeibeamten diesen Vorschlag des Schamama ausredete.

»Hüten wir uns wohl, Herr,« sprach er zu ihm, »eine so gewaltsame und gefährliche Maßregel zu ergreifen; nichts versichert uns, daß wir nicht durch eine falsche Anklage des jungen Kaufmanns verleitet sind, welcher über seine Abweisung mißvergnügt ist; wäre dies, so könnten wir uns sehr vergreifen, denn wir haben keine sichere Anzeige: tut jedoch, was Euch gut dünkt.«

Die Alte, welche diese ganze Verhandlung mit anhörte, war halb tot vor Schrecken. »Ach! meine arme Tochter,« rief sie aus, »wir sind verloren: die Polizei ist an unserer Türe und kommt, den Räuber zu suchen.«

»Verschließet sorgfältig die Türe, liebe Mutter, vielleicht sendet Gott uns noch Hilfe.«

Die Alte befolgte den Rat ihrer Tochter; aber unterdessen verdoppelten sich die Schläge: sie fragte, wer da klopfte.

»Elende!« antwortete Schamama, »ehrlose Genossin der Räuber; der Polizeileutnant mit seiner Schar gebietet dir, ihm zu öffnen!«

Die Alte antwortete, sie wäre eine arme Frau, hätte keine Räuber bei sich und würde sich den Befehlen des Polizeileutnants nicht widersetzen.

Dann kam sie zu ihrer Tochter zurück und sagte zu ihr: »Hatte ich es dir nicht gesagt? Es ist dieser verwünschte Räuber, welcher diesen ganzen Lärm verursacht. Gott verhüte, daß er diesen Abend herkomme! Wehe! warum ist dein armer Vater gestorben! Wenn er noch lebte, hätte kein Polizeibeamter noch sonst jemand es gewagt, herzukommen und solchen Lärm vor unserm Hause zu machen.«

Das junge Mädchen ermahnte ihre Mutter zur Ergebung, weil sie keine Mittel hätten, sich diesem Anfälle zu widersetzen.

Als unterdessen der Kalif die Straßen einsam sah, legte er die Verkleidung wieder an, deren er sich bisher bedient hatte, und begab sich unter dem Schutze der Nacht nach dem Hause seiner neuen Gemahlin. Als er in den Eingang der Straße kam, erkannte er beim Scheine der Fackeln, welche sie erhellten, die Schar der Polizeibeamten, und mitten durch all dieses Gelärm vernahm er Stimmen, welche forderten, man sollte die Türe einstoßen und die Alte auf die Folter bringen, um sie zum Geständnisse zu zwingen, wo ihr Schwiegersohn verborgen wäre. Indessen bemühte sich einer unter ihnen, die Wut der Bestürmenden zu besänftigen, indem er ihnen einschärfte, die Gesetze zu ehren und nicht in die Wohnungen zweier alleiniger Frauen einzubrechen auf eine vielleicht falsche Angabe, welche sie zu voreiligen Schritten verleiten könnte.

»Geh und setze dich lieber in den Lehnstuhl der Richter mit deinen Vernünfteleien, aber mische dich nicht in Unternehmungen, welche Tatkraft erfordern,« antwortete ihm Schamama; »Hassan, du verstehst nichts von solcherlei Hantierung: wir gebrauchen Kühnheit, Raschheit und Gewandtheit in unsern Verrichtungen.«

Als der Kalif diese Worte hörte, nahm er sich fest vor, den Schamama seine Roheit und Gewalttätigkeit teuer bezahlen zu lassen, und zu gleicher Zeit suchte er Mittel und Wege, in das belagerte Haus zu gelangen. Im Hintergrunde einer Einfahrt bemerkte er eine große durch einen Teppich verhängte und von einem Verschnittenen bewachte Türe; dort wohnte einer von den Offizieren der Leibwache des Kalifen, der Emir Junis, ein Mann, dessen Wildheit so weit ging, daß er vor Zorn nicht aß, wenn er nicht jeden Tag einen umgebracht hatte.

Als der Verschnittene bei dem Scheine der ihm leuchtenden Lampe den Kalifen herannahen sah, sprang er ihm mit dem Säbel in der Hand entgegen und fragte ihn, wo er hinwollte.

»Was geht's dich an, Elender?« antwortete ihm der Kalif mit furchtbarer Stimme; und der Verschnittene, so erschrocken, als wenn er einen Löwen gesehen hätte, der ihn zu verschlingen drohete, entfloh zu seinem Herrn und kam ganz zitternd herein. Dieser fragte ihn nach der Ursache seiner Furcht, und stammelnd antwortete der Verschnittene:

»Ach, Herr, indem ich die Türe bewachte, trat ein Mann herein; ich wollte ihn hindern, seinen Weg fortzusetzen, und drohte, ihn zu schlagen; da antwortete er mir: »Flieh, elender Sklave!«, und seine Stimme hat mich dermaßen erschreckt, daß ich es für meine Pflicht gehalten habe, Euch anzuzeigen, was vorgeht.«

»Ha, wie!« rief der Emir aus. indem er wütend aufsprang, »wer ist der Verwegene, der meine Leute in meinem Hause so zu beschimpfen wagt? Ich will sogleich seine Unverschämtheit bestrafen.«

Dies gesagt, bewaffnete er sich mit einer ungeheuren Keule und stürzte dem Unbekannten entgegen mit dem Ausrufe: »Wo ist er? Wo ist er?«

»Hier, Junis!« entgegnete ihm der Kalif: und der wilde Emir, der sogleich die Stimme des Kalifen erkannte, warf sich zu Boden und bat ihn um Verzeihung.

»Ei, ei,« sprach Harun zu ihm, »während du ruhig zu Hause sitzest, leidest du, daß mein Polizeibeamter in deine Nachbarschaft kommt und unglückliche Weiber mißhandelt, welche keinen Mann zu ihrer Verteidigung haben, und du denkst nicht daran, die Willkür dieses unwürdigen Beamten zurückzuweisen!«

»Herr,« sagte Junis, »hätte ich nicht das Amt geehrt, welches er bekleidet, und nicht gefürchtet, ihn in Vollstreckung der Befehle Eurer Majestät zu hindern, so würde er schon längst die verdiente Züchtigung empfangen haben: übrigens dürft Ihr nur ein Wort sagen, und ich gehe auf der Stelle hin, diese elende Häscherschar zu zerstreuen. Nein Polizeibeamter, kein solches Gesindel dürfen einem Manne, wie ich bin, widerstehen.«

Der Kalif dankte ihm für seinen Diensteifer und sagte, er wollte in seinem Hause auf das flache Dach steigen. Der Emir führte den Fürsten dahin, und von dort konnten sie das bestürmte Haus gut sehen. Der Kalif ließ Anstalt machen, dorthin zu kommen, und mit Hilfe einer Strickleiter ließ er sich auf das flache Dach des Hauses der Frauen hinab und hieß Junis ihn dort erwarten und sich bereithalten, seine Befehle zu vollstrecken.

Er schlich leise über das Dach hin, stieg, ohne bemerkt zu werden, hinab ins Haus und war ganz geblendet von dem Glanze desselben, indem es mit Vergoldungen bedeckt, mit allerlei künstlicher Arbeit geziert und von einer Menge Kronleuchter und Kerzen erhellt war. Die Braut, auf einem glänzenden Throne sitzend, war mit dem reichsten Putze bekleidet und glich der Sonne in ihrem vollen Glanze oder dem Vollmonde.

Während der Kalif, noch ungesehen, sie betrachtete, hörte er ihre Mutter zu ihr sagen:

»Wehe, meine Tochter, was soll aus uns werden? Wer kann uns von der Wut dieser Leute befreien? Ach, wie sind wir zu beklagen! Warum muß auch dieser Räuber kommen, um dich zu werben! Ach, wenn dein unglücklicher Vater noch lebte ..! Aber wir müssen uns in den Willen Gottes ergeben.«

»Liebe Mutter,« antwortete das junge Mädchen, »er hat uns den Mann gesendet, welchem Ihr mich zur Frau gegeben habt, und Ihr tut unrecht, mich zu kränken und ihn einen Räuber zu nennen.«

»Ach, der Unglückliche!« sprach die Alte, »möge der Himmel ihn bewahren, diese Nacht hierher zu kommen, denn man würde ihm übel mitspielen!«

 

Fünfhundertundneunundzwanzigste Nacht.

Harun nahm einen kleinen Stein und warf ihn mit solcher Geschicklichkeit nach einer Kerze, daß sie erlosch.

»Das ist sonderbar,« sagte die Alte, als sie das Licht der Kerze ausgehen sah; »da verlischt eine Kerze, während die andern alle noch brennen.«

Sie zündete die Kerze wieder an; aber der Kalif verlöschte unterdessen zwei andere: das Erstaunen der Alten wuchs immer mehr, als ein Stein ihr aus die Hand fiel, so daß sie den Kopf aufhob und den Kalifen erblickte.

»Sieh«, sprach sie nun zu ihrer Tochter, »da ist dein Mann, der über die Dächer hereinkommt, auf dem Wege, dessen seinesgleichen wohl kundig sind; aber zum Glücke für ihn, denn wäre er durch die Türe gekommen, so würde er denen in die Hände gefallen sein, welche ihn suchen. – Flieh, ohne Zeit zu verlieren,« fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Kalifen wandte, »du wirst sonst von den Elenden gefangen, welche unser Haus belagern: zwei schwache Frauen wie wir vermöchten dich nicht zu verteidigen und vor ihrer Wut zu schützen.«

»Öffnet mir nur,« erwiderte der Kalif, »damit ich sehe, was mit diesen Elenden zu tun ist.«

»Wähne nicht,« sprach die Alte, »daß du sie abzuschrecken vermagst: es ist der Polizeibeamte mit seiner Schar.«

»Wenn Ihr mir nicht öffnet,« sprach der Kalif, »so breche ich die Türe ein.«

Die Alte gab endlich der Beharrlichkeit ihres Schwiegersohns nach.

»Wohlauf,« sprach Harun, als er nun ins Zimmer hinabkam, »ich habe große Eßlust, bringet uns etliche Gerichte her.«

»Wie, hast du noch Lust, etwas zu essen in der Lage, in der du dich befindest?« fragte die Alte.

»Allerdings,« antwortete der Kalif. Als er seine Mahlzeit geendigt hatte, zog er, ungeduldig über den stets zunehmenden Lärm an der Türe, seinen Ring ab und übergab ihn seiner Schwiegermutter mit den Worten: »Tut mir den Gefallen und überbringet diesen Ring dem Befehlshaber der Polizei und saget ihm dabei, derjenige, dem der Ring angehört, befinde sich gegenwärtig bei Euch und verlange, daß er mit den vier vornehmsten Anführern hereinkomme und zugleich eine Leiter, Stricke und Ruten mitbringe«.

»Ei, wie!« entgegnete die Alte, »wird dieser Ring ihn zurückhalten können? Ich fürchte, er wird über mich herstürzen und mich umbringen.«

»Beruhiget Euch, gute Mutter,« sagte Harun, »ich verspreche Euch, daß der Polizeibeamte meinen Befehlen gehorchen wird.«

»Ah, wenn Ihr das Geheimnis besitzt, einen solchen Mann zum Gehorsam zu bringen,« erwiderte ihm seine Schwiegermutter, »so werdet Ihr mir einen Dienst leisten, wenn Ihr es mir mitteilt: ich kann alsdann meinen Einfluß bei ihm benutzen, um auch ungestraft die Frauen zu bestehlen.«

Mit diesen Worten näherte sie sich der Türe, nahm sich aber vor, sie nur ein wenig zu öffnen.

»He! was wollt ihr denn?« rief sie mit lauter Stimme heraus.

»Alte Hexe,« antwortete Schamama, »kannst du noch fragen? Wir wollen den Räuber packen, der bei dir ist, ihm einen Fuß und eine Hand abhauen; was dich betrifft, so wirst du bald sehen, welche Behandlung wir dir zugedacht haben.«

»Ist einer unter euch, der lesen kann?« fragte die Alte; »ich habe hier einen Siegelring, den ich euch übergeben soll: leset doch den Namen, der darauf geschrieben steht, und wem er angehört.«

»Hol' der Teufel seinen Herrn!« sagte Schamama; hierauf riet er dem Polizeileutnant, den Augenblick zu benutzen, da die Alte die Türe etwas geöffnet hatte, sie zu Boden zu werfen, in das Haus zu dringen, es zu plündern und, wenn alles vollbracht wäre, sich zu entschuldigen, man hätte den Siegelring nicht gesehen.

Aber die Alte, die ihre Absicht fürchtete, hütete sich wohl, die Türe weiter aufzumachen, als nötig war, um den Siegelring hindurchzustecken, und reichte ihn dem Schamama, welcher ihn dem Polizeileutnant gab.

Als dieser den Siegelring des Kalifen erkannte, wurde er von Furcht ergriffen.

»Nun, was ist's?« fragte Schamama, »was habt Ihr denn?«

Der Polizeileutnant reichte ihm anstatt aller Antwort den Ring hin; Schamama näherte sich damit einer Fackel, erkannte das geheiligte Siegel des Beherrschers der Gläubigen und sank zu Boden und rief um Hilfe.

Aber bald raffte er sich wieder zusammen, und mit dem Ausdrucke der tiefsten Ehrfurcht fragte er die Alte, was sie verlangte.

»Der Herr des Siegelringes,« sprach sie nun, »verlangt den Polizeileutnant, vier Anführer aus eurer Schar und alles Nötige zu einer Bastonade.«

Schamama versicherte sie, alle wären bereit zu gehorchen, und die Alte ging wieder zu ihrem Schwiegersohn, um ihm den glücklichen Erfolg seiner Sendung zu berichten.

»Ihr seid ein seltsamer Räuberhauptmann,« sprach sie zu ihm, »der Kadi, der Polizeileutnant, die Häscher, alle Welt hat Furcht vor Euch; wahrhaftig, ich will unter Euch Dienste nehmen und will die Frauen bestehlen, während Ihr die Männer bestehlet; es kann mir gar nicht fehlen, nach dem Sprichworts: wie der Herr, so der Knecht. – Gestehet indessen, wenn diese Leute in Eurer Abwesenheit die Türe eingestoßen hätten, so würden wir uns in einer schrecklichen Lage befunden haben; aber, Gott sei Dank, jetzt sind wir endlich daraus befreit.«

Während nun der Kalif sich mit seiner Gemahlin über ihre Befreiung erfreute, trat der Polizeileutnant mit den vier Anführern seiner Schar herein, unter welchen letztern sich auch Schamama und Hassan befanden. Der Kalif befahl diesem, den Emir Junis, den Befehlshaber der Leibwache, zu holen, und als dieser gekommen war, befahl er ihm, dem Polizeileutnant und Schamama die Bastonade zu geben. Junis entledigte sich nun des Auftrages so nachdrücklich, daß durch die Gewalt seiner Schläge ihnen die Nägel von den Füßen fielen. Zu gleicher Zeit erhob Harun den Hassan zu der Würde des Polizeileutnants.

»Nun,« sprach er sodann zu der Alten, »wie findet Ihr, daß der Räuberhauptmann derlei Leute behandelt?«

»Es bleibt mir nur noch eins von Gott zu bitten übrig, nämlich, den Kalifen für seine Ungerechtigkeit gegen uns zu bestrafen; denn ohne ihn würde ungeachtet alles deines Ansehens ein Mensch wie du nimmer gewagt haben, einen Fuß in unser Haus zu setzen.«

Harun war durch diesen Vorwurf, dessen er sich nicht versah, nicht wenig überrascht; er bedachte bei sich selber, daß er vielleicht, ohne zu wollen, irgend eine Ungerechtigkeit begangen hätte; er bat also die Alte um Erklärungen über das Unrecht, welches sie dem Kalifen vorgeworfen hätte.

»Er ist es,« antwortete sie, »der unser Haus von oben bis unten hat ausplündern lassen und uns nicht einen Bissen Brot zum Unterhalte übrig gelassen hat, so daß wir ohne dich dem Hungertode ausgesetzt waren. Mein Sohn war einer seiner Kammerherrn: eines Tages klopften zwei Frauen an unsere Türe und baten ihn um Wasser, sich zu erfrischen; eine Stunde nachher kam die ältere der Frauen und brachte ihm von seiten der anderen zum Danke für den gereichten Trunk eine Schüssel mit Kuchen; mein Sohn gab sie dem Wächter des Stadtviertels, der ihn um ein Geschenk zur Feier des Arafafestes ansprach. Kurze Zeit darauf überfiel eine Schar von den Leuten des Kalifen unser Haus, gab alles der Plünderung preis und schleppte meinen Sohn weg: glücklicherweise ist seine Hinrichtung aufgeschoben. Aber ohne diesen unglücklichen Vorfall würdest du nimmer meine Tochter geheiratet haben.«

»Wohlan! tröstet Euch, meine gute Mutter,« sagte Harun; »ich werde mich bei dem Kalifen für Euch verwenden und ihn vermögen, Eurem Sohne die Freiheit wiederzuschenken, Euch Eure Güter zu erstatten und ihm eine ausgezeichnete Anstellung zu geben.«

Diese Versprechungen erfreuten auf einen Augenblick die Mutter des Kammerherrn; aber bald besann sie sich wieder und sprach: »Für diesmal, mein lieber Schwiegersohn, ist es nicht an der Zeit, zu scherzen; hier ist nicht die Rede von dem Kadi oder vom Polizeileutnant: bedenke, daß du von dem großen Beherrscher der Gläubigen, dem berühmten Harun Arreschid, sprichst, der mächtigen Herren gebietet, und dessen niedrigster Sklave hundertmal mehr Macht hat als alle Beamten des Reiches; sei nicht zu hochmütig auf die Erfolge, welche du bisher gehabt hast; du hast einige Leute einzuschrecken gewußt: aber ich beschwöre dich, wage dich nicht an den Kalifen; denn dein Untergang wäre gewiß, und wir würden in dir unsere letzte Stütze verlieren. Ich will mich lieber in Betreff meines Sohnes auf die unendliche Gnade des allbarmherzigen Gottes verlassen.«

Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf den Kalifen; er ging hinaus, ungeachtet dessen, daß seine Schwiegermutter und seine Gemahlin ihn zurückhalten wollten, und begab sich in aller Eile nach seinem Palaste.

Hier bestieg er nun seinen Thron, versammelte alle seine Höflinge um sich, und nachdem er die gewöhnlichen Bezeigungen ihrer Ehrfurcht empfangen hatte, äußerte er ihnen sein Befremden, daß keiner von ihnen es gewagt, für den Kammerherrn, welchen er hatte festsetzen lassen, um Gnade zu bitten und ihm das Wort zu reden.

»Beherrscher der Gläubigen,« sagte einer der Emire, »wir haben gefürchtet, die Euer Majestät schuldige Ehrfurcht zu verletzen; aber weil Ihr es uns zu erlauben geruhet, so glaube ich der Dolmetsch des ganzen Hofes zu sein, wenn ich Euch bitte, dem zu verzeihen, den Ihr strafen wolltet.«

Harun sprach die Begnadigung des Verurteilten aus; er befahl, ihn mit einem Ehrenrocke zu bekleiden, ließ ihn sich vorführen, ernannte ihn zum Oberhaupte der Emire und hieß ihn zu seiner Mutter heimkehren, wohin er von den meisten Großen des Hofes und unter dem Zurufe des zahlreichen Volkes im Triumphe begleitet wurde: er ritt ein prächtiges Pferd, welches der Kalif ihm hatte geben lassen, und vor ihm zog eine Menge von Spielleuten, welche vom Schall ihrer Instrumente die Luft widerhallen ließen.

 

Fünfhundertunddreißigste Nacht.

Mehrere Hofleute waren vorausgeeilt, um diese gute Neuigkeit seiner Mutter und seiner Schwester zu verkündigen, und wurden von diesen mit Geschenken überhäuft. Endlich kam er selber, und nachdem er beide umarmt hatte, erzählte er ihnen, was ihm soeben begegnet war. Sie erzählten ihm ihrerseits, was seit seiner Gefangennehmung vorgegangen war, die Plünderung ihres Hauses und die schreckliche Not, in welcher sie drei Tage lang gelebt hatten.

»Aber,« entgegnete der junge Kammerherr seiner Mutter, »woher kommt denn nun alles dies, was ich hier sehe? Ist diese Pracht hier im Hause die Wirkung einer Bezauberung oder ein Traum?«

»Nein, mein Sohn, es ist ein Geschenk meines Schwiegersohnes.« –

»Eures Schwiegersohnes? Wie, ist denn meine Schwester, ohne meine Einwilligung, vermählt, seit wann und mit wem?« –

»Seit gestern, und zwar mit einem Räuber.« –

»Mit einem Räuber?« erwiderte er und konnte kaum seinen Zorn zurückhalten, »Wie! Ihr habt meine Schwester einem Räuber geben können? Saget mir, wo er ist, damit ich auf der Stelle hingehe, seine Vermessenheit zu züchtigen.« –

»Sei ruhig, mein Sohn, er hat hier schon ebenso furchtbare Leute gesehen, wie du bist, ohne daß sie ihn erschreckt haben.«

Und nun erzählte sie ihm alles das Außerordentliche, was dieser geheimnisvolle Mensch ausgerichtet hatte. »Er hat uns versprochen,« fuhr sie fort, »hinzugehen und deine Begnadigung vom Kalifen zu erbitten, dir deine Güter wiedererstatten und dich mit neuen Ehren bekleiden zu lassen: und kaum hat er uns verlassen, so sehen wir dich heimkommen, und ohne Zweifel verdanken wir ihm dieses glückliche Ereignis.«

»Aber nun,« fragte sie ihr Sohn, »wie heißt er denn?« –

»Das gerade kann ich dir nicht sagen: vergebens habe ich die von ihm hergeschickten Arbeiter danach gefragt; alles, was ich weiß, ist, daß er den Beinamen Albondukani führt.«

Bei diesem Namen springt der junge Mann wie außer sich auf und küßt sogleich siebenmal den Boden.

»Ei, mein Sohn!« sprach nun die Mutter zu ihm, »verdreht er dir auch den Kopf? Dir, der ihm ja auf der Stelle den seinigen abhauen wollte?«

»Meine Mutter, meine Mutter, der, den ihr soeben genannt habt, ist – der Beherrscher der Gläubigen, der mächtige Harun Arreschid!«

»Wär' es möglich?« rief die Mutter aus; »ach, ich Unglückliche, ich habe ihn als Räuber behandelt: nimmermehr wird er mir die Beschimpfungen verzeihen, womit ich ihn überhäuft habe.«

Als sie diese Worte sprach, sah sie den Kalifen eintreten und floh aus dem Zimmer; aber der Fürst, als er vernahm, daß sie nicht wieder vor ihm zu erscheinen wagte, ließ sie bitten, nur hereinzukommen, und sprach freundlich zu ihr:

»Wie nun, meine Mutter, Ihr fliehet ja vor dem, den Ihr zum Herrn haben wolltet.«

Die Alte flehte seine Verzeihung an; und der Kalif ließ sogleich einen Kadi holen, verstieß die Enkelin Chosrus und gab sie seinem Kammerherrn zur Frau. Er selber feierte seine Hochzeit mit seiner neuen Gemahlin in Gegenwart des ganzen Hofes mit der größten Pracht: reiche Almosen wurden bei dieser feierlichen Gelegenheit den Armen gespendet.«

Scheherasade erbot hierauf dem Sultan von Indien, ihm das nächstemal die Geschichte der beiden Prinzen von Cochinchina und ihrer Schwester zu erzählen, und mit seiner Erlaubnis begann sie in der folgenden Nacht also:

 

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