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Tausend und Eine Nacht. Neunter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Neunter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Neunter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180118
projectid038d9e36
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Geschichte des Ali Dschohari.

»Herr, Ali Dschohari hatte von seinen Voreltern das Amt eines Oberaufsehers bei den Kalifen von Bagdad überkommen, und er verwandte einen großen Teil der unermeßlichen Reichtümer, welche dieses Amt ihm verschaffte, zu Wohltaten, welche ihm die Achtung aller Bewohner der Hauptstadt und des Kalifen selber erwarben.

Da Ali Dschohari bei herannahendem Alter nur einen Sohn hatte, auf dessen Erziehung er alle seine Sorgfalt verwandte, so benutzte er das Wohlwollen seines Herrn und bat ihn um die Erlaubnis, seinen Dienst zu verlassen. Der Kalif nahm keinen Anstand, ihm diese Gnade zu bewilligen, und vermehrte zugleich durch neue Geschenke die unermeßlichen Reichtümer seines Oberaufsehers.

Ali begab sich mit seiner Familie nach Damaskus und ließ in dieser Stadt einen prächtigen Palast erbauen, umgeben mit herrlichen Gärten und am Ufer eines Flusses gelegen. Zu gleicher Zeit ließ er Karawansereien, Moscheen und Hospitäler für die durch Ausschweifungen Erkrankten erbauen, denn so heilsam ist die Luft von Damaskus, daß die jungen Leute hier ohne Arzneimittel genesen, während die Greise hier ihre Gesundheit erhalten.

Nachdem der Oberaufseher des Kalifen seine Bauten vollendet hatte, war er darauf bedacht, für seinen Sohn, welchen er nun für alt genug hielt, sich zu verheiraten, eine Gattin auszuwählen, und vermählte ihn mit seiner Nichte, einer jungen Waise, welche er von Kindheit her aufgezogen hatte.

Die beiden jungen Leute liebten einander so vollkommen, daß man von ihnen sagen konnte: »Es ist nur eine Seele in zwei verschiedenen Leibern.« Aber ein bejammernswürdiger Zufall versetzte dieses Haus bald in Betrübnis: die junge Frau ward krank, und vergeblich berief man von allen Seiten die geschicktesten Männer der Heilkunde; sie schien vielmehr unter den verschiedenen angewandten Mitteln zu erliegen.

Es lebte damals zu Kufa ein sehr gelehrter Emir, welcher sich die Lehren des weisen Lokman angeeignet hatte und die ganze Beredsamkeit des Hariri besaß. Er hatte die Schönheiten von Damaskus so sehr rühmen gehört, daß er beschloß, diese Stadt zu besuchen. Als er sich ihr nahte, ward er bezaubert von dem reizenden Anblicke der Gärten und der zahllosen Bäche, welche darin eine ewige Kühlung unterhielten. Seine Ohren umtönte ein Konzert von Vögeln, welche dem Ewigen zu danken schienen, daß er einen so anmutigen Aufenthalt für sie geschaffen hatte. Entzückt von diesem Schauspiele rief er aus:

»Muhammed hatte wohl recht, seinen Jüngern die Eroberung dieser Stadt zu empfehlen; denn die vier Flüsse, welche sie bewässern, sind das geringste ihrer Ähnlichkeit mit dem Paradiese.«

Der Emir bezog in Damaskus einen Palast, welcher auf Befehl des Kalifen für ihn in Bereitschaft gesetzt war. Da sein Ruf ihm in dieser Stadt vorangegangen war, so wurde Ali Dschohari auch bald von seiner Ankunft unterrichtet. Sogleich ließ er zwei Maultiere satteln, füllte einen Korb mit prächtigen Stoffen und köstlichen Kleinoden und begab sich mit seinem Sohne nach dem Palaste des Fürsten.

Der Emir von Kufa war schon von den Großen der Stadt umgeben, welche ihm ihre Huldigung darzubringen kamen. Er empfing sie sehr freundlich, lud sie zum Kaffee ein und bezeigte dem Sohne Ali Dschoharis die lebhafteste Teilnahme; und als er die auf seinem Gesichte verbreitete Traurigkeit wahrnahm, fragte er ihn nach der Ursache seines Kummers. Ali Dschohari erzählte ihm die Krankheit seiner Nichte, und der Emir war so gerührt von seinem Unglücke, daß er ohne Aufschub in Begleitung aller Gegenwärtigen sich nach dem Bette der Kranken begab.

Er befühlte ihr den Puls und erkannte bald, daß hier keine Hoffnung mehr war; aber ohne seine Befürchtung zu äußern, begnügte er sich, einen tiefen Seufzer auszustoßen. Der junge Mann, der diesen nur zu wohl verstand, sank auf der Stelle in Ohnmacht. Sein Vater fragte den Emir dringend, was er von dem Zustande seiner Nichte dächte.

»Leider,« antwortete dieser ihm, »ist ihre Krankheit unheilbar; beruhigt jedoch Euren Sohn, weil nichts ohne den Willen Gottes geschehen kann. Es gäbe zwar noch ein Mittel, seine Gattin zu retten, aber die Anwendung desselben scheint mir sehr schwierig.«

 

Fünfhundertundachtzehnte Nacht.

»Sechs Monatsreisen jenseits des Kaukasus,« fuhr er fort, »in den von jenen Geistern bewohnten Gegenden, welche sich gegen Salomon empörten, wächst ein Kraut, dessen Kräfte mir dieser Prophet offenbart hat, und welches alle Krankheiten der Menschen zu heilen vermag. Diese Pflanze heißt das Vogelkraut, und sie wächst auf einer Insel, um welche die bösen Geister strenge Wache halten. Indessen hat Euer Sohn zu seiner Gattin eine so innige Liebe, daß er vielleicht nicht fürchtet, sein Leben zu wagen, um das ihrige zu retten, und übrigens hat er schon so viel gute Werke getan, daß Gott ihn ohne Zweifel gegen die Angriffe der bösen Geister in Schutz nehmen wird.

Hierauf erweckte er vermittelst eines Riechfläschchens, welches er bei sich trug, wieder die Lebensgeister des Sohnes Alis und sprach dabei: »Kommet wieder zu Euch, junger Mann, und bemühet Euch, mit Ehrfurcht den Willen des Allmächtigen und Allbarmherzigen anzuerkennen; bemühet Euch, durch Eure Entsagung die siebzig Huris zu gewinnen, welcher unser heiliger Prophet uns verheißt.«

»Ach,« antwortete der junge Mann, »was saget Ihr mir jetzt von den Huris! Das ist, als wenn Ihr einem Armen, der Euch um ein Glas Wasser anspricht, antwortet: »Du kannst dich bald in den Flüssen des Paradieses erfrischen«; oder wie jener Rabbiner, welcher, einen abtrünnigen Juden zu trösten, den der Kadi von Bagdad zum Galgen verdammt hatte, ihm eine glänzende Beschreibung des Festes machte, welches Isaak und Jakob ihm bereiteten. Ein über die Redseligkeit des Rabbiners ungeduldiger Soldat stieß ihn in den Tigris mit den Worten: »Wohlan, guter Freund, geh voran, um die Becher zum Feste auszuspülen.«

»Seid nicht untröstlich,« fuhr der Emir fort, »versuchet, das Vogelkraut zu gewinnen; ich übernehme es, zu verhindern, daß die Kranke während Eurer Abwesenheit sterbe, und will Euch alle nötigen Anweisungen zur Erleichterung Eurer Reise geben.«

Der Sohn Ali Dschoharis dankte ihm für seine Güte und bezeigte ihm sein Verlangen, sich baldigst auf den Weg zu begeben. Als der alte Oberaufseher den Entschluß seines Sohnes sah, zerschmolz er in Tränen; er stellte ihm alle die Gefahren vor, welchen er sich aussetzte ohne irgend einen Anschein des Erfolgs; aber vergebens bemühte er sich, durch die Schilderung der Besorgnisse, denen er selber preisgegeben sein würde, die Standhaftigkeit des jungen Mannes zu erschüttern.

Der Emir beruhigte ihn in dieser Hinsicht. »Nehmet,« sprach er zu ihm, »hier dieses Baumwollenkorn, pflanzet es in Eurem Garten und pfleget sorgfältig des Strauches, welchen es hervortreiben wird: solange er gedeihet, könnt Ihr über den Zustand Eures Sohnes ruhig sein; wenn er aber vertrocknet, so scheint seine aufgesprungene Samenkapsel Euch zu sagen: »Spinne meine Baumwolle zum Leichentuche für deinen Sohn.«

Nachdem er dem jungen Manne die nötigen Anweisungen zu seiner Reise durch die Tatarei und China gegeben hatte, nahm der Emir Abschied von Ali Dschohari und kehrte nach seinem Palaste zurück.

Alis Sohn säumte nicht, sich auf den Weg zu machen. Er reiste Nacht und Tag, kam an die Grenzen von China und erreichte bald die Hauptstadt dieses Reichs. Er durchwanderte ruhig diese Stadt, als man ihn zu seinem Unglücke für einen Muselmann erkannte. Da die Religion des wahren Propheten in China verboten ist, so ergriff man den Sohn Ali Dschoharis und warf ihn in ein finsteres Loch, um ihn zum Schlachtopfer für die Götzen des Landes aufzubewahren. Hier erwartete der unglückliche Gefangene nun in Wehklagen den unseligen Tag des Opfers, als der Ratschluß Gottes, welcher zur Rettung derjenigen, welchen er wohlwill, sich oft ihrer eigenen Feinde bedient, ihn aus der Verlegenheit zog.

Ein chinesischer Herr, welcher die Stadt Damaskus kennen zu lernen wünschte, hatte sich als Derwisch verkleidet und sich dort lange aufgehalten. Er wohnte gerade in einer der von dem Ali Dschohari erbauten Karawansereien, und da er fleißig die Moscheen besuchte, so hatten die Predigten der Scheiche und die Handlungen der Barmherzigkeit, welche er die Muselmänner ausüben sah, ihn von der Vortrefflichkeit des Islamismus überzeugt, und er hatte beschlossen, die Wallfahrt nach Mekka zu machen. Der wohltätige Ali Dschohari hatte ihn in den Stand gesetzt, sich nach dieser Stadt zu begeben, wo er die Kaaba verehrte; und nachdem er den Brunnen Sem-Sem und das Grab des heiligen Propheten zu Medina besucht hatte, war er in seine Heimat zurückgekehrt.

Er betrat die Stadt in demselben Augenblick, als der Sohn Alis geopfert werden sollte: er fragte, wer das Schlachtopfer wäre, welches man zum Tode bestimmt hätte, und geriet in den äußersten Unmut, als er vernahm, es wäre ein Fremdling aus Damaskus, der Sohn des Ali Dschohari. Er wäre beinahe in Ohnmacht gesunken, hatte aber noch Kraft genug, seine Bewegung zu verbergen; und nachdem er die nötigen Erkundigungen über den Ort, wo der Sohn Alis eingesperrt war, eingezogen hatte, ging er auf das nächste Feld hinaus. Dort schlug er Feuer an, verbrannte Räucherwerk darin, und nachdem er gewisse Worte ausgesprochen hatte, verwandelte er sich in einen Vogel.

So nahm er seinen Flug nach der Stadt zu dem Gefängnisse, drang durch die Eisengitter der Fenster und nahm hierauf seine natürliche Gestalt wieder an: nun stieg er eine Treppe von sechshundertundvierzig Stufen hinab, kam so zu dem Sohne Ali Dschoharis und warf sich in seine Arme.

 

Fünfhundertundneunzehnte Nacht.

Aber in der Eile, mit welcher er dahergeflogen war, hatte er vergessen, das Feuer auszulöschen, worin er das Räucherwerk verbrannt hatte. Der Oberpriester des Götzentempels kam gerade an dem Orte vorbei, wo diese Zauberei vorgegangen, fand das noch rauchende Feuer, und da er selbst der Zauberei kundig war, so benutzte er die Mittel, welche dieser günstige Umstand ihm darbot, selber eine Beschwörung anzustellen, vermittelst welcher er nun erfuhr, was vorging.

Ohne einen Augenblick zu verlieren, lief er nach dem Gefängnisse und benachrichtigte den Kerkermeister von dem Versuche, welcher gemacht würde, seinen Gefangenen in Freiheit zu setzen, und jener nahm seine Maßregeln so gut, daß weder der eine noch der andere entkommen konnte.

Der Oberpriester begnügte sich nicht damit, seinen Feind also gefangen zu haben; er hatte noch die Grausamkeit, einen Schergen zu bestellen, welcher beiden täglich dreimal die Bastonade geben mußte. Diese Mißhandlung und der Verdruß, so überlistet zu sein, hatten den neuen Gefangenen in so tiefe Schwermut versenkt, daß sein Gefährte genötigt war, ihm Trost zu geben.

»Lasset ab, das Schicksal anzuklagen,« sprach er zu ihm, »und vertrauet auf den wahren Gott; wenn Ihr ihn anrufet, so wird er nicht unterlassen, Euch aus den Händen Eurer Feinde zu befreien.«

Unterdessen rückte der Tag des Opfers heran, und ihre Unruhe verdoppelte sich, als zufällig der Neubekehrte, indem er seine Tasche durchsuchte, einen sehr kostbaren Smaragd fand, welchen er bei sich führte. Der Anblick dieses Kleinods erregte seinen Unwillen. »Verfluchter Stein,« rief er aus, indem er ihn heftig zu Boden warf, »wozu kannst du mir jetzt dienen, und welchen Wert hast du noch für mich? Ich würde dich gern für ein Stück Eisen vom geringsten Wert hingeben.«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als ein glänzendes Licht das Gefängnis erhellte und eine Donnerstimme sich hören ließ. Der Sohn Ali Dschoharis sank vor Schrecken in Ohnmacht.

»Was ist dein Begehr?« fragte der Geist den chinesischen Herrn. »Es gibt nichts, was ich nicht zum Lohne für den Dienst täte, welchen du mir eben geleistet hast: vernimm, ich bin einer der gegen Salomon empörten Geister, welcher mich zur Strafe meines Ungehorsams in diesen sternkräftigen Smaragd eingeschlossen hatte: du hast mich, indem du ihn zerschmettert, aus meinem Gefängnisse befreit, und ich will für den wichtigen mir geleisteten Dienst erkenntlich sein.«

»Wohlan,« erwiderte der Gefangene, »so begehre ich denselben Dienst von dir: hilf uns aus diesem höllischen Loche und räche mich an dem Elenden, welcher uns verfolgt.«

In einem Augenblicke hatte der Geist den Oberpriester ins Gefängnis geführt und mit den Ketten belastet, von welchen er die beiden Freunde befreit hatte; er faßte sie hierauf in seine Arme, die Erde öffnete sich unter ihren Füßen, und sie befanden sich plötzlich in einem prächtigen Palaste, dessen Glanz nicht seinesgleichen hatte: denn er war von Edelsteinen erbaut, ruhte auf Säulen von Smaragd und war von weiten Gärten umgeben, welche denen des Paradieses von Schedad glichen.

Geblendet von diesem Anblicke, fragte der Sohn Ali Dschoharis den Geist, wem diese prächtigen Besitzungen gehörten.

»Dieser Palast,« antwortete der Geist, »ist einer der Paläste Salomons; an diesem Ort wohnt meine Herrin, und wie sehr man auch die Schönheiten von Damaskus rühmt, ihr werdet sehen, daß diejenige, welche ich euch zeigen werde, sie alle übertrifft.«

Diese Worte erregten lebhaft die Neugierde des Sohnes Ali Dschoharis. Man führte sie beide in einen prächtigen Badesaal, wo vierundzwanzig weiße Sklaven und Sklavinnen sie mit aller Aufmerksamkeit bedienten. Von hier traten sie in einen Saal, wo ein glänzendes Mahl bereit stand; vier Springbrunnen, mit duftenden Blumen umgeben, verbreiteten darin eine köstliche Kühlung.

Aber alle diese Pracht konnte den Sohn Alis nicht von der tiefen Unruhe befreien, welche ihn um seine Gattin erfüllte: vergebens ließ man vor ihm eine Menge junger Sklavinnen erscheinen, deren Schönheit die der Huris übertraf; er blieb allen ihren Reizen unbeweglich.

Der Geist fragte ihn um die Ursache seiner Betrübnis. »Ach,« antwortete er ihm, »ich habe meine Familie in tiefsten Schmerz versunken daheim gelassen: meine geliebte Gattin ist dem Tode nahe und stirbt unfehlbar, wenn es mir nicht gelingt, das Vogelkraut zu gewinnen; und ich weiß nicht, wie ich dazu gelangen soll.«

»Hüte dich wohl, mein Sohn,« erwiderte ihm der Geist, »eine so gefährliche Unternehmung zu versuchen: das Kraut, welches du holen sollst, ist in der Gewalt der gegen Salomon empörten Geister, welche sich desselben bemächtigt haben, und dein Tod wäre unvermeidlich.«

Was aber der Geist auch sagen mochte, es gelang ihm nicht, den Entschluß des jungen Mannes zu ändern, und als er ihn so unerschütterlich sah, so gab er ihm alle Anweisungen, welche, wie er glaubte, ihm nützlich sein konnten, und ließ ihn abreisen.

Der junge Reisende stieg zu Pferde und folgte einem Knäuel, welches sein Wirt ihm gegeben hatte, und welches, stets vor ihm dahinrollend, ihn zu dem Orte seiner Bestimmung bringen sollte.

Er kam endlich an einen großen Wald, und das Knäuel stand am Eingange einer tiefen Höhle still, deren Finsternis abschreckend war. Der Sohn Ali Dschoharis stieg von seinem Pferde, und nachdem er es an einen Baum gebunden hatte, drang er in das Innere der Höhle; er gelangte endlich an ein großes Feuer, welchem ein altes Weib gegenübersaß, deren Finger die Gestalt einer Gabel hatten, und deren Nägel so groß waren wie die Austerschalen des Roten Meeres: sie drehte einen ungeheuern Bratspieß, an welchem drei Männer steckten.

 

Fünfhundertundzwanzigste Nacht.

Bei diesem greulichen Anblicke wäre der Sohn Ali Dschoharis fast in Ohnmacht gefallen; aber er fühlte, daß er schon zu weit vorwärts wäre, um sich zurückziehen zu können. »Wehe!« rief er, »mein elender Wirt hat mich betrogen, aber ich muß mich mit Mut waffnen.«

Sein Schreck war nicht von langer Dauer; denn weit entfernt, ihn übel zu empfangen, lächelte die Alte so freundlich, als sie konnte. »Tritt näher, schöner junger Mann,« redete sie ihn an; »sei willkommen; in Wahrheit, seit den dreitausend Jahren, die ich lebe, habe ich keinen so wohlgebildeten Sterblichen gesehen als dich: ohne Zweifel hat mein Enkel dich nach unserer Wohnung gewiesen. Wart' einen Augenblick, mein Vater wird gleich wiederkommen, und du kannst von ihm die Weisungen erhalten, welche dir nützlich sein werden.«

In der Tat sah der Sohn Ali Dschoharis bald darauf einen Geist eintreten, dessen Gestalt entsetzlich war. Aber weit entfernt, feindliche Gesinnungen zu zeigen, lobte der Vater seine Tochter, daß sie den jungen Mann so gastfreundlich aufgenommen, sobald sie erkannt, wer ihn hergeschickt hatte; er fragte ihn nach dem Zwecke seiner Reise, und als er ihn vernommen hatte, fuhr er fort:

»Es tut mir leid um Euch, daß Ihr eine so schwierige Aufgabe unternommen habt; denn wir können Euch dabei nicht nützlich sein, weil wir mit den Geistern im Kriege sind, welchen die Bewachung des Vogelkrautes aufgetragen ist.«

Nach einem ziemlich kurzen Aufenthalte nahm der junge Mann Abschied von seinen Wirten und fragte sie nach dem Wege, welchen er nehmen müßte; nachdem er von ihnen die nötigen Weisungen erhalten hatte, machte er sich auf den Weg ungeachtet aller ihrer Vorstellungen, um ihm sein Unternehmen auszureden.

Nach einigen ununterbrochenen Tagereisen gelangte er in ein schönes Tal nicht weit von dem Orte, wo das köstliche Vogelkraut sein mußte, welches er so lange Zeit her suchte. Er hatte großes Verlangen, sich bald im Besitze desselben zu sehen; aber die Müdigkeit und die Pflichten der Religion nötigten ihn, sich mit Geduld zu waffnen. Nachdem er seine Abwaschungen und Gebete verrichtet hatte, nahm der junge Reisende etwas Nahrung zu sich und streckte sich am Fuße des Baumes hin, welcher ihm die Mittel zu seiner Mahlzeit hergegeben hatte. Obwohl höchst ermüdet von einer so langen und beschwerlichen Reise, hatte er jedoch einen unruhigen Schlaf. Tausend Traumbilder, eins immer schrecklicher als das andere, bestürmten seine aufgeregte Einbildungskraft. Bald wähnte er, bei dem Leichenbegängnisse seiner Gattin gegenwärtig zu sein; bald sah er sich nahe daran, von einem Riesen gefressen zu werden, und vermischte seine Wehklagen mit denen der Schlachtopfer, welche er bluten gesehen hatte, und die er noch zu hören wähnte. Aber ein furchtbarer Donnerschlag befreite ihn von diesen eingebildeten Gefahren, um ihm andere ebenso furchtbare und viel wahrhaftere vor Augen zu stellen.

Als er die Augen aufschlug, wurde er geblendet von den zuckenden Blitzen, welche ihm eine zahllose Menge von Geistern und Gespenstern sichtbar machten, deren durchdringendes Geschrei den unverzagtesten Mut erschüttert haben würde. Ein in der Luft verbreiteter Schwefelgeruch ließ ihn fürchten, daß der Wetterstrahl nahe bei ihm niedergefahren wäre; und wirklich, als er mit der Hand nach seinem Turban faßte, fand er, daß ihm nichts davon übrig blieb als die Kappe, und er sah beim Leuchten der Blitze sein Pferd zu Boden gestreckt. Das unglückliche Schicksal dieses treuen Gefährten aller seiner Reisen betrübte ihn noch mehr als alle die Gefahren, von denen er bedroht war.

Er warf sich über die Leiche dieses armen Tieres hin, drückte dessen Kopf in seine Arme und begann zu wehklagen. »Meine schöne Freundin,« redete er es an, »meine treue Freundin, meine Gazelle! Du, das einzige an meinen Leiden teilnehmende Wesen, muß ich dich in dem Augenblicke verlieren, wo wir dem Ziele unserer Mühseligkeiten so nahe sind? Ach! du blickst mich nicht mehr an, dein Augenlid hat deinen glänzenden Augenstern verdeckt; ich werde dich also nie mehr auf unsere fetten Wiesen führen!« Seufzer, mit einem Tränenstrom vermischt, verhinderten ihn fortzufahren, und der Name Damaskus erstarb auf seinen zitternden Lippen.

Indessen bemühte er sich, seinen Schmerz zu überwinden; er ergriff seinen Säbel, der am Sattel seines Pferdes befestigt war, und schritt nach der gefährlichen Gegend hin. Je näher er kam, desto stärker wurde das Geschrei der Geister und die Donnerschläge. Die Erde bebte unter seinen Füßen, und er schritt in dieser tiefen Finsternis nur beim Leuchten der Blitze vorwärts; sie dienten ihm auch, den Baum zu erkennen, an dessen Zweige der Käfig aufgehängt war, von welchem die Geister ihm gesagt hatten. Er streckte die Hand danach aus, als ein schmerzliches Gestöhn in sein Ohr drang: er wähnt, die Stimme des ihm befreundeten Geistes zu erkennen, und dreht den Kopf um, und in demselben Augenblick haut ein Säbelhieb ihn in vier Stücke.

 

Fünfhundertundeinundzwanzigste Nacht.

Wir haben die Eltern dieses Unglücklichen lange in Trauer über die Abwesenheit ihres Sohnes und die Krankheit ihrer Nichte verlassen. Sie hatten keinen anderen Trost als die kleine Baumwollenstaude, welche sie nicht versäumten jeden Morgen mit ihren Tränen zu befeuchten; ihr einziges Vergnügen war, das schöne Grün der Blätter dieser Staude zu betrachten und sorgfältig zu untersuchen, ob seine Samenkapsel noch immer hübsch rot wäre. Sie zersprang denselben Tag, als der Unglückliche umkam, und die Blätter des Strauchs verwelkten. Der Vater und die Mutter, die nach ihrer Gewohnheit sehr früh aufgestanden waren, um ihn zu begießen, gerieten in Verzweiflung, als sie ihn in diesem Zustande sahen; ihr Wehgeschrei erweckte das ganze Haus; und der Emir von Kufa, der aus Gefälligkeit bei ihnen geblieben, war nicht der letzte, ihnen beizuspringen.

Es gereute ihn nun sehr, hierher gekommen zu sein, und besonders, dem jungen Manne einen so unseligen und für die Kranke jetzt so unnützen Rat gegeben zu haben. Indessen wollte man dieser das Unglück, welches ihren Gatten betroffen hatte, verbergen, und man machte ohne ihr Wissen alle Anstalten zu einem prächtigen Leichenbegängnisse. Die Trauersängerinnen und Klageweiber, welche gewöhnlich die Leichen begleiten, übertrafen bei dieser Gelegenheit sich selbst; ihr durchdringendes Geschrei und ihre Klagegesänge hätten die Herzen der Unempfindlichsten gerührt. Die Armen, die herbeikamen, empfingen überflüssige Almosen, ohne daß man sich erkundigte, aus welchem Lande sie her wären. Alle bedeutenden Personen von Damaskus wurden eingeladen und bildeten ein glänzendes Gefolge bei diesem Leichengepränge. Die Armen, welche weinend und sich die Haare ausraufend nachfolgten, boten ein weniger glänzendes, aber für das Andenken des Sohnes Ali Dschoharis viel rührenderes Schauspiel dar. Der Vater und die Mutter blieben dreißig Tage lang in der tiefsten Eingezogenheit und nahmen nicht mehr Nahrung zu sich, als nötig war, um nicht Hungers zu sterben.

Unterdessen langweilte es den in dem Palaste Salomons zurückgebliebenen Derwisch, seinen Gefährten zu erwarten; er machte also einige zauberische Verrichtungen, um zu erfahren, was aus ihm geworden wäre. Wie groß war seine Verzweiflung, als er das bejammernswürdige Ende seines Freundes vernahm! Weil er sich nicht mehr schmeicheln konnte, ihm nützlich zu sein, bat er den Geist, ihn nach Damaskus zu bringen. Dieser faßte ihn in seine Arme, und in einem Augenblicke sahen sich beide an die Tore von Damaskus versetzt; hierauf verschwand der Geist, und der Derwisch trat in die Stadt.

Sein erster Gang war nach der Mujé-Moschee, wo die Ulemas, die Kadis, die Fakire und alle durch ihre Frömmigkeit ausgezeichneten Personen sich im Gebete befanden; ihre Andacht und die auf ihrem Antlitz ausgedrückte Traurigkeit verkündigten genugsam, daß sie für jemand beteten, den sie innig betrauerten.

Der Derwisch vernahm bald, daß man die Leichenfeier des Sohnes Ali Dschoharis beging, dessen Leichnam man gleichwohl nicht hatte. »Wie ist es möglich,« rief der Derwisch aus, »daß man hier schon diese unglückliche Neuigkeit weiß? Ich wollte nicht zu ihnen gehen aus Furcht, sie ihnen unwillkürlich kundzutun. Ja, es gibt hier ein Geheimnis, welches ich nicht begreife: ich muß versuchen, es zu erforschen.«

Ohne sich länger aufzuhalten, lief er nach dem Hause seines alten Wirts. Ihre Wiedererkennung war, obwohl stumm, doch nicht minder rührend: indem sie einander anblickten, entstürzte ein Tränenstrom ihren Augen; kaum hatten sie die Kraft, sich gegenseitig den Bart zu küssen. Zuletzt sank der unglückliche Vater seinem Freunde ohnmächtig in die Arme. Dieser fragte nun, wie man jenen Unfall hier so bald hatte erfahren können. Ein Sklave erzählte ihm die Geschichte von der Baumwollenstaude, welche bei der Abreise des jungen Mannes gepflanzt worden, und es war kein Grund vorhanden, an der Wahrheit des Vorganges zu zweifeln.

Mustapha ging in den Garten, um die verhängnisvolle Baumwollenstaude zu sehen, aber man hatte sie schon ausgerissen. Sogleich rief er den ihm dienstbaren Geist, welcher auf der Stelle erschien. »Du mußt mir Mittel verschaffen,« sprach er, »meinen Wirt zu trösten.«

»Mein Gebieter,« antwortete ihm dieser, »ich möchte Euch gern dienen; Ihr kennet meinen Eifer und meine Zutätigkeit: aber was ist mit einem gevierteilten Manne anzufangen? Ich will mich bemühen, die Stücke zu sammeln und sie Euch bringen, damit man ihm wirklich die Ehre des Leichenbegängnisses erweisen kann. Das ist alles, was ich für Euch zu tun vermag; wenigstens wird seine Seele des den wahren Muselmännern verheißenen Glückes genießen.«

 

Fünfhundertundzweiundzwanzigste Nacht.

Der Geist begab sich zu seinem Roch und befahl ihm, die Stücke von dem Leichname des Sohnes Ali Dschoharis herbeizubringen. Der Vogel flog hin und kam mit dieser kostbaren Bürde zurück. Der Sklave legte die Stücke zusammen und rieb sie mit einer von Salomon selber bereiteten Salbe; hierauf wusch er den Leichnam mit Wasser aus dem Brunnen des Lebens.

Vierundzwanzig Stunden nach dieser Verrichtung schien der junge Mann wieder zu atmen, sein Herz schlug wieder, und bald war er geheilt und wohlauf. Der Geist riet ihm nun, zu seinen Eltern heimzukehren. Bei diesen Worten erinnerte er sich der Absicht seiner Reise: er bat den Amin inständig, ihn wieder nach dem Orte zu bringen, wo man seinen Leichnam gesammelt hatte, und schwor, ganz allein dahin zurückzukehren, wenn er ihm diese Bitte abschlüge. Nachdem Amin vergeblich versucht hatte, ihm diese Unternehmung auszureden, wollte er ihm wenigstens die Gefahren der Reise ersparen; er befahl also dem Roch, ihn nach der Grünen Insel zu bringen, und trennte sich mit zärtlichem Lebewohl von ihm; denn er wagte nicht zu hoffen, daß er dieses heldenmütige Opfer der Gattenliebe nochmals wiedersehen würde.

Als der junge Mann die vorige Umgebung wiedererkannte, erinnerte er sich auch des Unglücks, welches ihn getroffen hatte; die Vorstellung davon drohte ihm selbst mit einer Ohnmacht; aber sein Mut belebte sich wieder, als er an seine junge kranke Gattin dachte, deren Herstellung von dem Erfolge dieser Unternehmung abhing. »Ich muß,« sprach er, »es durchsetzen, weil sie sterben muß, wenn ich ohne dieses Kraut heimkomme; oder wenn ich dabei erliege, und welches Schicksal mir auch bestimmt sein mag, so will ich doch lieber hier meinen Tod finden, als meine junge Gattin sterben und ihre auf mich gerichteten brechenden Augen mir meine Feigherzigkeit vorwerfen sehen.« Kurz, die Liebe siegte über die Furcht; aber bevor er zur Beendigung seiner großen Unternehmung schritt, wollte er sich der Pflichten seiner Religion entledigen.

Er war im Begriffe, seine Abwaschungen in Ermangelung des Wassers mit Sand zu verrichten, als zwei Adler ihm Wasser in einem großen Gefäße brachten; sie legten ein kleines in der Asche gebackenes Brot daneben und flogen dann wieder davon, ohne daß der mutige Waller sehen konnte, nach welcher Seite sie entschwunden waren. Indessen verrichtete er seine Gebete, nahm etwas Nahrung zu sich und versuchte seinen Säbel an einigen umherstehenden Bäumen.

Kaum hatte er seinen Säbel aus der Scheide gezogen, als er ein noch entsetzlicheres Schauspiel denn zuvor sah: dicke Finsternis vertrieb die Helligkeit des Tages; der Donner und die schlängelnden Blitze unterbrachen von Zeit zu Zeit diese furchtbare Dunkelheit; der in seiner ganzen Wut losgelassene Sturm beugte die Gipfel dieser riesengroßen Bäume, welche mehr als einmal die Wolken in ihrem Laufe gestört hatten. Der unaufhörlich erschütterte Boden schien sich auf allen Seiten zu öffnen und spie jeden Augenblick Ströme von Rauch und Flammen aus. In der Ferne hörte man das furchtbare Rauschen eines sturmbewegten Meeres, das eben die Grenzen übersteigen zu wollen schien, welche der Allerhöchste ihm vorschrieb, als seine allmächtige Hand es über die Erdkugel ausgoß.

Der Sohn Ali Dschoharis hatte Zeit gehabt, sich auf alle diese Prüfungen vorzubereiten; sein Mut blieb also unerschüttert: er schritt furchtlos auf den Käfig zu und band ihn los, ungeachtet der von allen Seiten blitzenden Säbel. Hierauf sprach er zu dem in dem Käfig versperrten Geistervogel: »Du bist jetzt in meiner Gewalt und mußt mir anzeigen, wo ich das Vogelkraut finde; hierauf mußt du mich nach Damaskus bringen: dann erst kann ich dir die Freiheit bewilligen; aber bei dem geringsten Zeichen von Treulosigkeit ist dein Tod entschieden.«

Der schlaue Vogel ging alle Bedingungen ein, aber bevor er ihm bestimmt den Ort des köstlichen Krautes nachwies, forderte er den jungen Mann auf, die Schätze zu schauen, welche die Geister in diesen Gegenden bewachten. »Könntest du in ihren tiefsten Schlupfwinkel eindringen, ohne das Merkwürdigste sehen zu wollen, was er enthält?« sprach er zu ihm. »Vielleicht findest du darin irgend einen Talisman, welchen der Geisterfürst dir mitzunehmen erlaubt.«

Alle diese Vorspiegelungen versuchten den jungen Mann; aber er antwortete, er wolle sich mit nichts anderem befassen, bis er sich im Besitze des gedachten Krautes sähe, und mit dem Vogel in seiner rechten Hand lief er hin, es zu pflücken.

Hierauf begann der Vogel wieder seine Lockungen und versuchte, seinen Herrn durch die Beschreibung aller der Kleinode zu verleiten, welche sich in dem Schatze befänden: »Du wirst darin eine Schachtel sehen, welche Gott selber unserm Vater Adam gab, als dieser noch seine anfängliche Weisheit besaß. Diese Schachtel enthält ein bewundernswürdiges genaues Abbild des Weltsystems; die durch verschiedenartige Edelsteine von ungeheurer Größe vorgestellten Planeten bewegen sich hier ebenso regelmäßig wie am Himmel; bei genauer Betrachtung dieses Wunderwerks kannst du genau die Bewegungen der Gestirne, ihre verderblichen und günstigen Verbindungen erkennen. Nachdem ich sie dir vollständig erklärt habe, will ich dich an den Rand eines goldenen Beckens führen, welches ein Abfluß aus einem der Flüsse des Paradieses ist; in dessen Mitte wirst du einen wunderbaren Springbrunnen sehen, welcher das Lebenswasser bis an die Wolken spritzt: wenn du davon trinkst, wirst du unsterblich sein wie wir. Dann führe ich dich noch ...; aber was verliere ich hier die Zeit damit, dir die Gegenstände zu verkünden, welche du selber sehen kannst? Würdige mich nur einigen Vertrauens auf meine Verheißungen.«

Der Sohn Ali Dschoharis hätte sich beinahe überreden lassen; er näherte sich schon dem Orte, welcher den Schatz verwahrte; aber plötzlich stellte sich das Bild seiner kranken Gattin vor seine Seele; er trat wieder zurück, indem er stets den Vogel bei dem Halse festhielt, und verlangte, daß er ihn sogleich nach Damaskus zurückbrächte.

Als der Geist nun wohl sah, daß dieses das einzige Mittel war, seine Freiheit wiederzuerlangen, gehorchte er auf der Stelle, der junge Mann bestieg seinen Rücken, und in wenigen Stunden befanden sie sich mitten in einem Garten der Hauptstadt von Syrien.

Der Herr dieses Gartens, verwundert über diesen neuen Besuch, lief herzu, um unsere Reisenden zu sehen: wie groß war seine Überraschung, als er den Sohn seines verehrten Nachbarn Ali Dschohari erkannte! Er wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, und sprach zu ihm: »Welch seltsames Fuhrwerk bringt Euch hierher? Wie, seid Ihr noch auf der Welt, da alle Eure Verwandten Euch schon in jener Welt wähnen? Ihr kommt wohl auch aus dieser her, nach dem Wege zu urteilen, auf welchem Ihr hier angelangt seid. Wir haben schon Eure Leichenfeier begangen. Nehmet bald einige Tassen Sorbet und Kaffee, denn Ihr scheint mir sehr ermüdet; danach erzählet mir Eure Abenteuer, welche ich sehr neugierig bin zu hören.«

»Scheich!« antwortete ihm der Reisende, »so erschöpft ich bin, möchte ich doch lieber von Euch Nachricht von meiner Gattin und von meinen Eltern vernehmen, als mich ausruhen und erfrischen. Habet die Güte, mich nach dem väterlichen Hause zu führen.«

Während er so sprach, öffnete sich unwillkürlich seine Hand, und der Vogel benutzte diese Gelegenheit, so leise zu entschlüpfen und sich emporzuschwingen, daß die beiden Freunde es nicht gewahrten; und ohne sich die Mühe zu geben, ihn zu suchen, eilten sie nach dem Hause Dschoharis, wo alle Bewohner in die tiefste Traurigkeit versunken waren.

 

Fünfhundertunddreiundzwanzigste Nacht.

Eine Sklavin, die zum Zeitvertreib aus dem Fenster schaute, erkannte von ferne ihren jungen Herrn mit ihrem Nachbarn, und sogleich rief sie aus: »Unser junger Herr ist wieder da! Da kommt er; ich habe ihn gesehen!«

Alle hielten sie für verrückt, und der Geist ergriff schon die Peitsche, um ihr Stillschweigen aufzulegen, als man auf einmal an die Türe klopfen hörte. Der erste, der eintrat, als man öffnete, war unser junger Reisender. Seine Erscheinung brachte die überraschendste Wirkung in Ali Dschoharis Hause hervor, welches jetzt jener Stadt glich, wo alle Leute in unbewegliche Bildsäulen waren verwandelt worden.

Auf dieses äußerste Erstaunen folgte ebenso große Freude; jeder drückte sie auf seine Weise aus: einige weinten vor Rührung, andere stießen ein lautes Jubelgeschrei aus, liefen durch das ganze Haus und wiederholten den Namen des Neuangekommenen.

Der Vater und die Mutter, in tiefer Zurückgezogenheit im Harem, verwundert über diesen plötzlichen Lärm, traten hervor, um die Ursache desselben zu wissen, in demselben Augenblick, als die alte Amme ihres Sohnes herbeikam, um ihnen seine Ankunft zu verkündigen. Dieser folgte ihr auf dem Fuße, und zu gleicher Zeit stürzte er sich in die Arme seiner Eltern. Diese Überraschung hätte der Mutter, die mehrmals in Ohnmacht fiel, beinahe das Leben gekostet.

Als die ersten Ausbrüche der Freude beinahe beschwichtigt waren, dachte man auf Mittel, den jungen Mann gemächlich bei der Kranken einzuführen. Der Vater übernahm es, die Zusammenkunft vorzubereiten: die ersten Augenblicke waren gänzlich der Liebe und Freundschaft geweiht; und der junge Mann entriß sich nur den Armen seiner jungen Gattin, um in die Arme des Derwisches zu fliegen, welcher in diesem Augenblick aus der Moschee zurückkam, und in die des Emirs, welcher Ali Dschoharis Haus nicht verlassen hatte.

Er übergab diesem Gelehrten das köstliche Vogelkraut, welcher alsbald daraus einen heilsamen Trank bereitete. Aber als er ihn darbrachte, weigerte sich die junge Frau, ihn einzunehmen, mit den Worten, daß schon die Ankunft ihres Gatten sie geheilt hätte; und dieser mußte seine Bitten und Liebkosungen mit den ernsthaften Ermahnungen des Emirs vereinigen, um sie zu bewegen.

Sobald die Kranke die dritte Schale von diesem Tranke geleert hatte, richtete sie sich auf von ihrem Lager, um Gott für ihre schleunige Genesung Dank zu sagen. Sie bat hierauf ihren Gatten, der ganzen Familie seine Abenteuer zu erzählen, »damit ich,« sagte sie, »das Vergnügen habe, aus deinem Munde die Mühseligkeiten zu vernehmen, welchen du für diejenige getrotzt hast, die fortan nicht mehr ohne dich leben will.«

Der junge Reisende begann nun auf bescheidene Weise den zusammengedrängten Bericht seiner Abenteuer, und der Derwisch fügte alle die Taten hinzu, welche er nicht zu erzählen gewagt hatte.

Diese wunderbare Geschichte war lange Zeit der Gegenstand der Unterhaltung für alle Müßigen der Stadt Damaskus.

Ali Dschohari feierte die unverhoffte Heimkehr seines Sohnes durch prächtige Feste. Alle Neugierigen fragten ihn nach der Geschichte seiner Reisen, und wenn er den Mund auftat, so kam sein Nachbar ihm – er wollte wohl oder übel – zuvor und diente ihm zum Ausleger.

Als mit dem Ende der Feste auch die überlästigen Neugierigen verschwunden waren, fing die Familie wieder ihre alte Lebensweise an, und der Derwisch vermehrte die Zahl ihrer glücklichen Mitglieder.

Dieses Glück wurde indessen durch den Tod Ali Dschoharis und seiner Gattin getrübt; es konnte nicht fehlen, daß die heftigen Leiden und die nicht minder lebhafte Freude, welche sie abwechselnd erfahren hatten, in einem Alter, wo die wankende Gesundheit dem ersten Anfall erliegt, ihr Ende beschleunigten; aber sie hatten den Trost, im Schoße der sie herzlich liebenden Ihrigen zu sterben: ihre brechenden Augen ruhten auf ihren Kindern und Freunden.«

Der Sultan ermangelte nicht, Scheherasaden das Vergnügen zu bezeigen, welches ihre Erzählungen ihm gewährten. Die Fürstin begann hierauf folgendermaßen die Geschichte des Kalifen von Bagdad:

 

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