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Tausend und Eine Nacht. Neunter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Neunter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Neunter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180118
projectid038d9e36
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Fünfhundertundfünfzigste Nacht.

Geschichte des Königs Soleiman und seines Sohnes.

»Einst saß auf dem Throne Arabiens einer der reichsten und mächtigsten Könige von Asien, dessen Glück nur noch ein Sohn mangelte. Er bat Gott Tag und Nacht, ihm diese hohe Gnade zu gewähren. Endlich wurden seine Wünsche erhört: eine der Frauen seines Harems ward schwanger, und nichts war mit der Freude des Königs zu vergleichen, als er vernahm, daß er bald Vater sein würde. Aber während er im Übermaße seiner Freude diejenige mit seinen Gunstbezeigungen überschüttete, welche ihm einen Erben versprach, versetzte ein Ereignis von übler Vorbedeutung seine Seele in Unruhe.

Eines Nachts, da Soleiman (so hieß dieser Fürst) in tiefem Schlafe lag, erschien ihm ein lichtstrahlender Geist im Traume.

»Soleiman,« sprach er zu ihm, »du hast den Himmel lange Zeit her mit deinen Bitten um einen Sohn bestürmt: du sollst erhört werden, Gott gewährt dir ein Kind; aber in seinem siebenten Jahre wird dieser Sohn wie durch ein Wunder vor der Wut eines Löwen gerettet werden und nur dem Tode entgehen, um ihn dir zu geben, wenn er das Alter von zwanzig Jahren erreicht hat. Das sind die Beschlüsse des Schicksals.«

Mit diesen Worten verschwand der Geist plötzlich und ließ den König von Arabien in tiefster Bestürzung zurück.

Alsbald erwachte der König; er ließ seine Wesire kommen und beriet sich mit ihnen über den außerordentlichen Traum, welcher ihn mit Schrecken erfüllt hatte.

Unter diesen Ministern befand sich ein Mann, der tief in den kabbalistischen Wissenschaften bewandert war und sich besonders mit der Sterndeutung beschäftigt hatte; dieser schlug dem Könige vor, sein Horoskop zu stellen und den Lauf der Sterne zu beobachten, und der Fürst nahm dieses Erbieten mit Freuden an. Er vereinigte sich also mit mehreren anderen Sterndeutern, und indem er sorgfältig den Stand der Gestirne untersuchte, las er darin die Bestätigung der geweissagten unglücklichen Begebenheiten.

Er begab sich wieder zu dem König, um ihm den Erfolg seiner Nachforschungen mitzuteilen.

»Herr,« sprach er zu ihm, »Eurem Willen gemäß habe ich die Gestirne über Eure und Eures Sohnes Bestimmung befragt, und sie haben den Euch verkündigten furchtbaren Ausspruch bestätigt. Vergeblich würde man versuchen, sich den Ratschlüssen des Himmels zu entziehen; die Bestimmungen des Schicksals sind unwiderruflich.«

»Wie denn?« fragte der König von Arabien, »es gibt also kein Mittel, sich vor den unseligen Ereignissen zu bewahren, welche uns angekündigt sind?«

»Keines,« erwiderte der Minister.

»Wohlan, Wesir!« fuhr der König fort, »hüte dich, wenn es mir gelingt, deine unglückliche Weissagung Lügen zu strafen; denn dein Kopf soll mir für die Wahrheit deiner Behauptung haften.«

»Ich bin es zufrieden, Herr,« versetzte der Sterndeuter und entfernte sich.

Der König ließ sogleich mitten in den unzugänglichsten Bergen eine unterirdische Wohnung bauen, darin für seinen Sohn und dessen Amme ein bequemes Gemach anlegen und sorgte dafür, daß nichts verabsäumt wurde, um den Aufenthalt in dieser abgesonderten unterirdischen Wohnung minder lästig zu machen. Sobald nun die Königin entbunden ward, ließ er seinen Sohn dorthin bringen.

Die unheilschwangere Weissagung des Geistes und der Sterndeuter hatte nicht verhindert, daß er für seinen Sohn die innigste Zärtlichkeit hegte, und selten verging eine Woche, ohne daß er ihn besuchte.

In diesem Stande blieben die Sachen sieben Jahre lang, und eine der von dem Geiste bezeichneten entscheidenden Zeiten nahte heran.

Die Amme, dieser ununterbrochenen Absonderung überdrüssig, sagte eines Tages zu dem Könige: »Herr, wir sind nun fast sieben Jahre in dieser unterirdischen Wohnung des Tageslichtes beraubt: wird es uns nicht bald vergönnt sein, das Licht wiederzusehen?«

»Ja, bald,« antwortete der König; »sobald das siebente Jahr vollendet ist, sollt ihr befreiet werden und wieder bei uns wohnen.«

Es waren wenige Tage seit diesem letzten Besuche vergangen, als ein Löwe, der einen Fuchs verfolgte, von der Gier auf seinen Raub fortgetrieben, gerade in die unterirdische Wohnung des jungen Prinzen hinabstürzte. Sobald er diesen erblickte, ergriff er ihn mit dem Rachen und schleuderte ihn gewaltig vor den Eingang hinaus, und als die erschrockene Amme nach Hilfe rief, stürzte er über sie her und zerriß sie. Ein Mann, der in der Gegend jagte, hatte das Geschrei gehört und näherte sich dem Orte, wo es herkam: da fand er den verwundeten Knaben, bewies ihm alle Sorgfalt, nahm ihn mit nach der Stadt, und da er ihn liebgewann, so übernahm er seine Erziehung und ließ ihn alles lernen, was zu einem vollständigen Manne gehört.

Unterdessen, als der König von Arabien nach seiner Gewohnheit wieder die unterirdische Wohnung seines Sohnes besuchte, fand er sie zu seinem größten Herzeleide verlassen. Da die Amme ihm wenige Tage zuvor ihren Überdruß geäußert hatte, so wähnte er, dieses Weib wäre mit seinem Kinde von dort entflohen, und er sandte auf allen Straßen, welche aus seinem Reiche führten, Reiter zu ihrer Verfolgung aus. Es ist überflüssig, hinzuzufügen, daß alle Nachforschungen fruchtlos waren, und daß keiner ihm weder über die Amme noch über seinen Sohn Kunde zu bringen vermochte.

Der Jäger, welcher den Knaben aufgenommen hatte, gehörte mit zum Hofe des Königs, seines Vaters. Sobald er seinen Pflegesohn imstande sah, ihm zu helfen, nahm er ihn mit sich. Eines Tages hatte Soleiman auf einer Jagd den jungen Prinzen bemerkt und empfand für ihn ein Gefühl des Wohlwollens, dessen Grund er weit entfernt war zu erkennen; er äußerte sein Verlangen, ihn um sich zu haben, und ernannte ihn zu seinem Stallmeister.

Einige Jahre danach brach zwischen Arabien und einem der benachbarten Staaten ein Krieg aus; von beiden Seiten rüstete man sich gewaltig; jede der beiden Mächte brachte eine große Anzahl Truppen auf die Beine und zog ins Feld. Der Tag einer entscheidenden Schlacht kam bald heran. Die beiden Heere standen sich gegenüber; sie griffen sich gegenseitig mit umso größerer Hitze an, als die beiden Könige Zuschauer des Kampfes waren. Als der König von Arabien den Sieg schwanken sah, entschloß er sich, eine äußerste Anstrengung zu wagen, um seinen Feind zu besiegen, und von seinem Gefolge begleitet, stürzte er sich in den Kampf, wo er am heftigsten war. Da erreichte das Getümmel seinen Gipfel; die von allen Seiten aufsteigenden Staubwirbel verhinderten, Freund oder Feind zu erkennen.

In diesem Augenblicke der Verwirrung geschah es, daß der junge Prinz, fortgerissen von der Hitze des Kampfes und ohne seinen Gegner zu erkennen, den König, seinen Vater, mit einem Säbelhiebe in den Sand streckte.

»Schamloser Hund,« rief der König aus, »du wagst es ...«

Aber sein Stallmeister setzte, ohne diesen Ausruf zu beachten, den Kampf weiter fort und tat Wunder der Tapferkeit. Das Glück krönte jedoch seine Anstrengungen nicht, und das Heer, zu welchem er gehörte, wurde völlig in die Flucht geschlagen.

Der König Soleiman hatte trotz seiner Wunde noch so viel Kraft, den Siegern zu entfliehen; er irrte aufs Ungefähr die ganze Nacht umher, und am folgenden Morgen hatte er das Glück, die Überbleibsel seines Heeres zu erreichen, welche in aller Hast der Hauptstadt zuflohen. Man leistete ihm Hilfe, welche sein Zustand erforderte, und trug ihn fast sterbend in einer Sänfte heim.

 

Fünfhundertundeinundfünfzigste Nacht.

Der Zustand des Königs von Arabien und die Auflösung seines Heeres verstatteten ihm nicht, den Krieg länger fortzusetzen. Er bat seinen Gegner um Frieden, welcher ihn auch nach Erhebung ansehnlicher Geldsummen von dem eroberten Lande bewilligte.

Als das feindliche Heer Arabien wieder geräumt hatte, dachte Soleiman an die Bestrafung seines Stallmeisters, welchen er ungeachtet der Beteurungen seiner Unschuld hatte verhaften und mit Ketten an Händen und Füßen in ein Loch werfen lassen.

Er wollte zugleich den betrügerischen Wesir bestrafen, welcher ihm falsch geweissagt hätte. Als er demnach seinen Tod herannahen fühlte, ließ er den Wesir kommen und sprach zu ihm:

»Deine Weissagungen sind Lügen gewesen; ich sterbe, wie du siehst, ohne daß mein Horoskop erfüllt wird. Mein Sohn ist nicht durch einen Löwen verwundet, und nicht er ist es, der mich tödlich verwundet hat. Du weißt, welcher Gefahr du dich durch Hintergehung deines Königs ausgesetzt, bereite dich also zu der gerechten Strafe, welche du verdient hast.«

»Herr,« antwortete der angeschuldigte Minister, »die Gestirne lügen niemals: geruhet, denjenigen, der Euch verwundet hat, zu verhören, bevor Ihr mich mit dem Tode bestrafen lasset.«

Man führte nun den Prinzen vor den König und befragte ihn über seinen Geburtsort und seine Herkunft.

»Ich weiß auf diese Fragen nicht bestimmt zu antworten,« erwiderte der junge Stallmeister; »ich erinnere mich von meiner Kindheit nur der auffallendsten Umstände. Ich weiß, daß ich mit meiner Amme in einer unterirdischen Wohnung lebte, und daß mein Vater uns oft zu besuchen kam. Eines Tages fiel ein Löwe mitten in unsern Aufenthalt, er schleuderte mich aus dem unterirdischen Gemache hervor, und ich lag lange verwundet und besinnungslos da. Ein barmherziger Mann traf mich in diesem Zustande und nahm sich meiner Kindheit an. Ihm verdanke ich den Eintritt in den Palast Euer Majestät.«

Diese Worte erregten in dem Geiste des Königs von Arabien die wundersamste Ahnung: er ließ den Jäger holen, welcher den jungen Prinzen erzogen hatte, und dieser bestätigte alles, was sein Pflegling ausgesagt, und um die Wahrheit seiner Erzählung zu beweisen, entblößte er die Narben der Wunden, welche noch sichtbar waren.

Alle diese vereinigten Zeugnisse ließen den König nicht länger an der Wahrheit zweifeln. Er säumte nicht, den so ungerecht von ihm beschuldigten Wesir zu belohnen: er ließ ihn mit einem Chila bekleiden und gab ihm die Stelle des ersten Ministers. Zu gleicher Zeit setzte er seinem Sohne die Krone auf das Haupt und ließ ihn als seinen rechtmäßigen Erben von allen Großen des Reichs anerkennen, und diese leisteten dem neuen Könige den Eid der Treue.

Wenige Tage darauf starb der unglückliche König, der von seinem eigenen Sohne war verwundet worden, an dieser Wunde, und sein Beispiel bestätigte abermals die Wahrheit, daß man vergeblich dem Schicksale zu entgehen sucht, welches die Vorsehung uns bestimmt hat.«

Der Tag zeigte sich noch nicht, als Scheherasade diese Geschichte vollendete. Danach erzählte sie auf die Aufforderung ihrer Schwester Dinarsade die Geschichte des berühmten Musikers Ibrahim elMußely folgendermaßen:

 

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