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Tausend und Eine Nacht. Elfter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Elfter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Elfter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180123
projectid1a8085b2
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Neunhundertundneunundsiebenzigste Nacht.

Geschichte des Königs, seines Sohnes und der sieben Wesire.

In Sina lebte ein König von außerordentlicher Macht, alle Fürsten ehrten ihn wegen seiner Weisheit, und sein Volk liebte ihn wegen seiner Gerechtigkeit. Da er schon alt war und keine Kinder hatte, empfand er darüber große Betrübnis, diese nahm so zu, daß er ganze Tage lang sich seinem Kummer überließ und sehr in Sorgen darüber war, daß sein Reich einst einem Fremden zuteil werden könnte. Eine geraume Zeit lang hatte er sein Schloß nicht verlassen, und die Leute fingen schon an zu glauben, daß er gestorben wäre, und daß man seinen Tod noch verheimliche. Die Königin, welche ebenso schön als verständig war, und welcher diese Gerüchte zu Ohren gekommen waren, begab sich daher zum Könige, den sie in den bittersten Kummer versunken fand. Sie warf sich vor ihm zur Erde und sprach: »O! mein König, mein Leben wollte ich für deine Ruhe geben. Möchte nie ein Wechsel des Glücks dich treffen, und möchte Gott dir stets Freude und Linderung für deinen Schmerz geben. Aber warum sehe ich dich so betrübt und in Gram versunken?« – »Du weißt,« erwiderte er, »daß ich bejahrt bin und der größte Teil meines Lebens verflossen ist, ohne daß ich das Glück habe, Kinder zu besitzen. Du weißt, daß nach mir das Reich an einen andern Stamm fällt und mein Geschlecht erlischt. Das ist nun die Ursache meines Kummers.« »Gott möge dir ihn verscheuchen,« erwiderte sie, »auch ich habe schon längst darüber nachgedacht. In dieser Nacht aber ist mir ein Traumbild erschienen, welches mir sagte: »Der König wünscht sich einen Sohn; wenn er indes einen erhalten sollte, so wird diesem Sohne viel Ungemach und Drangsal bevorstehn; doch wird er dem Tode entgehen. Bekommt er aber eine Tochter, so wird sie Ursache sein, daß sein Reich sich auflösen wird. Auf keinen Fall aber wird ihm eine andere Frau als du ein Kind gebären. Der günstige Zeitpunkt zu deiner Schwangerschaft wird sein, wenn der Mond in das Gestirn der Zwillinge tritt.« In diesem Augenblicke wachte ich auf. Du kannst denken, wie unangenehm mir es war, die Verheißung eines Kindes von diesem Traumbilde zu vernehmen, da uns davon so viel Unheil bevorsteht.« Der König aber erwiderte: »Es geschehe, was da wolle, ich werde doch nicht aufhören, mir von Gott ein Kind zu erflehen.« Die Königin hörte seit dieser Zeit nicht auf, ihren Gemahl aufzuheitern und zu trösten, so daß er sich den Geschäften überließ und sich den Leuten zeigte. Als nun der Mond in die Zwillinge trat, wurde auch wirklich die Königin schwanger, und sie gebar einen Sohn von außerordentlicher Schönheit. Dieses Ereignis versetzte das Volk in die größte Freude, und der König ließ alle Weisen und Sterndeuter versammeln und befahl ihnen, seinem Sohne das Horoskop zu stellen und ihm, dem Könige, offen zu sagen, was ihm bevorstände. Diesem Befehl unterzogen sie sich, und als sie ihr Geschäft vollbracht hatten, erklärten sie ihm: »Wir sehen, daß dein Sohn glücklich sein und ein langes Leben genießen wird; nur steht ihm eine große Gefahr während seiner Jugend bevor; doch wird er diese glücklich überstehen, und nachher wird ihm nichts Böses mehr widerfahren.« Nachdem sie der König reichlich beschenkt hatte, entfernten sie sich; den Sohn aber übergab er den Mädchen und Pflegerinnen, bis er größer wurde. Als er nun sieben Jahre alt war, schickte der König in alle Provinzen und Statthalterschaften eine Aufforderung an alle Weisen und Rechtsgelehrten, sich bei ihm einzufinden, worauf sich dreihundertundsechzig Menschen bei ihm einstellten. Diesen wies er prächtige Wohnungen an und gab ihnen zu Ehren prächtige Gastmähler. Eines Tages eröffnete er ihnen, er wünsche, sie möchten aus ihrer Mitte fünfzig ausgezeichnete Männer erwählen. Diese fünfzig sollten unter sich zehn und diese zehn unter sich einen auswählen, von diesem wollte er seinen Sohn in allen Wissenschaften unterrichten lassen. Wenn dann sein Sohn die nötigen Kenntnisse erworben haben würde, so wolle er ihm große Wohltaten zuteil werden lassen. Sie erklärten hierauf alle, daß unter ihnen keiner mit mehr Weisheit, Kenntnis und Gelehrsamkeit begabt wäre als Sindbad der Weise. Dieser aber befände sich in seinem Reiche; er dürfte daher diesem nur den Befehl zuschicken, zu erscheinen, und ihm dann seinen Willen kundtun.

Sobald Sindbad hinberufen und angekommen war, sagte er zu ihm, daß er alle diese Weisen versammelt habe, damit sie einen unter sich auswählen sollten, dem er die Erziehung seines Sohnes anvertrauen könne; daß aber ihre Wahl einstimmig auf ihn gefallen sei. »Findest du also,« fügte er hinzu, »in dir die Kraft, diesen Auftrag zu erfüllen, so übertrage ich dir hiermit dieses Geschäft, vergiß aber nicht, daß das Teuerste, was der Mensch hat, sein Kind ist. Wende also deine Geschicklichkeit an, ihn zu unterrichten.« Zugleich ließ er seinen Sohn rufen, übergab ihn seinem künftigen Lehrer und befahl diesem noch an, die Erziehung binnen drei Jahren zu vollenden.

Sindbad übernahm den Sohn des Königs und wendete alle seine Geschicklichkeit an, ihm Kenntnisse beizubringen; allein die drei Jahre waren verflossen, und er hatte noch nichts gelernt, denn er hatte sich bloß mit Spielen und Scherzen beschäftigt. Als nun der König seinen Sohn vor sich kommen ließ, um seine Kenntnisse zu untersuchen, und bemerkte, daß sein Sohn noch gar nichts wüßte, versammelte er zum zweitenmal die Gelehrten und trug ihnen nochmals auf, einen unter ihnen auszusuchen. Wie sie ankamen, fragten sie den König, was Sindbad bis jetzt seinem Sohne beigebracht habe. Als ihnen nun der König erwiderte, daß sein Sohn gar nichts wisse, so ließen sie Sindbad rufen und fragten ihn, was ihn denn abgehalten habe, während dieser Zeit den Sohn des Königs etwas zu lehren. – »Seine stete Neigung zu Spiel und Scherz,« antwortete er, »indes wenn der König einige Bedingungen eingehn will, so verpflichte ich mich, seinen Sohn in sieben Wochen so viel zu lehren, als ein anderer kaum in sieben Jahren zu lehren vermag.« – »Worin bestehen denn diese Bedingungen?« fragte der König. Worauf Sindbad antwortete: »O König, behalte folgende Sprüche in deinem Gedächtnis. Erstens: Tue deinen Leuten nur das, was du wünschest, daß dir selbst geschehe. – Zweitens: Unternimm keine Sache in Übereilung, sondern befrage vorher Leute von Einsicht. – Drittens: Sooft du kannst, sei bereit zu verzeihen. – Das ist alles, was ich von dir genau beobachtet wünsche.« – Der König forderte hieraus alle Anwesenden zu Zeugen auf, daß er sich diesen drei Vorschriften unterziehe, und verpflichtete sich auch noch schriftlich in ihrer Gegenwart dazu. Sindbad nahm nun von neuem den Sohn des Königs mit sich in seine Wohnung, wohin der König viele Geschenke und andere notwendige Bedürfnisse bringen ließ. Der Weise aber ließ für den Sohn des Königs ein besonderes Zimmer einrichten, auf dessen Wände er alle die Lehren schrieb, die der Sohn lernen sollte. In dieses Zimmer führte er ihn dann selbst, sagte ihm, er möchte Auszüge von alledem machen, was er auf den Wänden geschrieben fände, und verließ ihn hierauf, nachdem er ihn mit Lebensmitteln versehen hatte, und schloß die Tür mit sieben Schlössern hinter sich zu. Nach drei Tagen kam er wieder zu ihm, brachte ihm frische Lebensmittel und gab ihm ferneren Unterricht über die Art, wie er diese Schriften abschreiben sollte. Dann verließ er ihn wieder und verschloß ihn wie gewöhnlich. Der junge Prinz aber, sooft ihn Bangigkeit und Langeweile quälte, beschäftigte sich damit, sich auch den Sinn derselben zu erklären, und auf diese Art hörte der Lehrer nicht auf zu verfahren, bis der Prinz in kurzer Zeit die Kenntnisse, die der Lehrer in diesem Gemach aufgezeichnet hatte, sich zu eigen gemacht; hieraus nahm er ihn aus diesem Zimmer und ließ ihn reiten und Pfeile werfen lernen. Sobald er auch dieses vollkommen inne hatte, ließ er den König benachrichtigen, daß sein Sohn jetzt im Besitz von Kenntnissen wäre, die man von seinesgleichen erwartete. Der König, der darüber sehr erfreut war, ließ seine Wesire und die vornehmsten seines Reiches zusammenkommen, um die Kenntnisse seines Sohnes zu prüfen. Auch schickte er nach dem Weisen, damit er seinen Sohn an einem bestimmten Tage an den Hof bringen möchte. Da beobachtete Sindbad vorher die Sterne und sah, daß dem Knaben binnen sieben Tagen ein großes Unglück bevorstehe. Er rief denselben daher zu sich und sagte: »Siehe du selbst die Bedeutung dieses Standes der Sterne, und beobachte das Verhältnis, in welchem sie zu der Stellung sind, welche sie am Tage deiner Geburt hatten.« Da betrachtete der junge Prinz die Sterne und fand, daß ihm ein großes Unglück bevorstehe, worüber er in große Besorgnis geriet.

»Was rätst du mir,« fragte er seinen Lehrer, »daß ich tun soll?« – Da antwortete Sindbad: »Ich rate dir und befehle dir, während der sieben Tage kein Wort zu sprechen, sollte auch dein Vater dich töten wollen.

 

Neunhundertundachtzigste Nacht.

Entgehst du dieser Gefahr,« fuhr der Weise fort, »so wirst du sehr glücklich sein und das Reich deines Vaters ungestört besitzen; unterliegst du aber, so bedenke, daß man Gottes Ratschluß nicht entgehen kann.« – »Du hast aber,« erwiderte der Prinz, »darin gefehlt, daß du so geeilt hast, meinen Vater von meinen Fortschritten zu benachrichtigen, ehe du die Sterne um Rat gefragt hattest. Hättest du alsdann die sieben Tage abgewartet, so wäre es besser gewesen.« – Da antwortete sein Lehrer: »Mein Sohn, was geschehen ist, ist geschehen! Meine Freude, dich so unterrichtet zu sehen, ist Ursache, daß ich so geeilt habe, deinen Vater davon zu benachrichtigen. Indessen sei geduldig, vertraue auf Gott und laß dich um keinen Preis zum Sprechen verleiten.«

Der junge Prinz begab sich hierauf zum Vater, und die Wesire beeilten sich, ihm entgegen zu gehen. Als er beim Könige angekommen war, empfing dieser ihn aufs freundlichste und redete ihn an, erhielt aber keine Antwort von ihm. Der König war darüber sehr besorgt und befahl, seinen Lehrer, den Sindbad, vor sich zu rufen. Dieser indes hatte sich verborgen, und niemand konnte ihn finden. Die Meinungen über diesen Zufall des Prinzen waren sehr verschieden; doch diejenigen, die da behaupteten, er wäre so verlegen und von Ehrfurcht für den König und die Versammelten so durchdrungen, daß ihm die Scheu die Zunge lähmte, behielten die Oberhand, und daher wurde denn auch ihr Rat befolgt, daß man ihn in das Frauengemach bringen sollte, wo er hoffentlich den Gebrauch der Sprache wiedererhalten würde. Er wurde nun sogleich in das königliche Schloß zu den Frauen gebracht. Hier sah ihn eine der Lieblingsfrauen des Königs. Diese wurde von seiner Schönheit ganz bezaubert. Sie näherte sich ihm und grüßte ihn, er aber antwortete ihr nicht. Sie wurde indes immer zärtlicher und sprach: »Schenke mir deine Liebe, so will ich dir bald zum Besitz des Reichs deines Vaters verhelfen. Ich will ihm nämlich Gift geben; dann kannst du dein Reich in aller Ruhe besitzen.« Darüber ergrimmte der Prinz, empfand einen schrecklichen Abscheu gegen diese Frau und dachte bei sich selbst: »O du verworfene, du sollst deinen Lohn erhalten, wenn die Zeit kommen wird, daß ich wieder werde reden können.« Zugleich eilte er zornig aus ihrem Gemache. Die Frau aber fürchtete für sich selbst, schlug sich ins Gesicht, zerriß ihre Kleider und zerraufte ihr Haar und begab sich in diesem Zustande zum Könige. »Wer ist mit dir so umgegangen?« fragte dieser sie grimmig. – »Das ist dein Sohn gewesen,« erwiderte sie, »von welchem dein Hofstaat sagt, daß er stumm sei. Dieser hat mir nämlich Anträge gemacht, vor denen ich schauderte, vor Grimm, daß ich seinen Wünschen nicht Genüge leisten wollte, hat er mich so behandelt, wie du hier siehst.« Im Zorne befahl der König sogleich, ihn zu töten.

Als das seine sieben Wesire hörten, beratschlagten sie sich und sprachen: »Wie kann der König seinen Lohn auf die bloße Anklage einer seiner Frauen täten lassen, da ihm diese Handlung die größte Reue verursachen wird, hier gilt's, irgend etwas auszufinden, um den Prinzen zu retten.« – »Für den heutigen Tag nehme ich es auf mich, ihn zu retten,« sagte einer unter ihnen, »ich will durch irgend ein Mittel ihn nötigen, seinen Tod zu verschieben.« – »Tue das,« erwiderten die andern, »und jeder von uns wird dasselbe die folgenden Tage über versuchen, bis es Gott gefallen wird, den Prinzen zu retten.« Da trat den ersten Tag ein Wesir zum Könige und bat ihn um die Erlaubnis, ihm einen Vortrag halten zu dürfen. Der König erlaubte es ihm, und der Wesir sprach: »Wenn du tausend Kinder hättest, so würde es mich nicht wundern, daß es dir ein Leichtes ist, einen wegen der bloßen Beschuldigung einer Frau zu töten, ohne zu untersuchen, ob sie gelogen hat. Du hast aber nur ein Kind, und es ist möglich, daß sie die Unwahrheit gesagt hat. Überhaupt sind von den Frauen so viele listige Streiche bekannt, woraus man ihre Gewandtheit sehr gut abnehmen kann. Erlaube mir, daß ich dir ein Beispiel erzähle.

 

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