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Tausend und Eine Nacht. Elfter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Elfter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Elfter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunhundertundsechsundsechzigste Nacht.

Geschichte des Ins ben Kies und seiner Tochter.

In Bagdad lebte vor alten Zeiten ein sehr mächtiger König mit Namen Ins, ein Sohn des Kies, Sohn des Rabia Asschaibani. Dieser heiratete eine Frau mit Namen Affifa, Tochter des Assad Assandasi. Sie war von vorzüglicher Schönheit, hatte glänzend schwarze Augen und war übrigens so wissenschaftlich gebildet, daß sie mehrere Sprachen verstand und in viele andre Wissenschaften tief eingeweiht war. Zwölf Jahre lebte sie schon mit dem Könige Ins, ohne Kinder mit ihm zu haben. Das schmerzte den König außerordentlich, und er bat Tag und Nacht den erhabenen Gott, daß er ihn doch möchte Vater werden lassen. Endlich wurde sein Gebet erhört, und seine Frau gebar ihm ein Mädchen von ausgezeichneter Schönheit. Auch sie wurde gleich ihrer Mutter aufs sorgfältigste gebildet, so daß sie alle ihre Zeitgenossen an Kenntnis und Wissenschaften übertraf. Der Ruhm ihrer ausgezeichneten Schönheit und ihrer Kenntnisse verbreitete sich bald in die entferntesten Länder, und aus allen Gegenden hielten die Söhne der Könige es für das größte Glück, sie zu sehen und um ihre Hand anzuhalten. Der erste, der in dieser Angelegenheit zu ihr kam, war der König Nachban von Mossul. Er war von einem großen Gefolge umgeben; hundert Lasttiere trugen die kostbarsten Geschenke an Wohlgerüchen und kostbaren Hölzern, und andere waren mit Edelsteinen und dergleichen Kostbarkeiten mehr beladen, nebst vielen Sklaven und Sklavinnen. Dieses alles überreichte er nun ihrem Vater und hielt um seine Tochter an. Ihr Vater aber hatte bei sich selbst einen Eid geschworen, daß er sie nur demjenigen zur Frau geben wolle, den sie selbst wählen würde. Als daher der König Nachban sich gemeldet hatte, trat ihr Vater zu ihr herein und fragte sie um ihre Meinung. Sie schlug ihn aber aus, und ihr Vater überbrachte dem Könige ihre eigenen Worte, worauf dieser sich wieder entfernte. Nach diesem kam der König Bachram, der Beherrscher der weißen Inseln. Obgleich er mehr Schätze als sein Vorgänger mitbrachte, mußte er dennoch unverrichteter Sache zurückkehren. So traf es sich nun, daß mehrere Könige hintereinander, welche jedesmal durch kostbare Geschenke miteinander wetteiferten, dasselbe Schicksal hatten. Endlich hörte der König Abbaas, Sohn des Königs al Asis, Besitzer von Yemen, Sabidun und Mekka, welche Gott an Erhabenheit und Auszeichnung stets zunehmen lassen möge, von ihrer Schönheit. Dieser letztere war sehr schön von Gestalt. Einst begab er sich zu einer Audienz seines Vaters. Als die Leute ihn ankommen sahen, machten sie ihm ehrfurchtsvoll Platz, und sein Vater ließ ihn neben sich auf seinen kostbaren goldnen, mit Edelsteinen verzierten Thron setzen. Da er indes eine lange Weile mit zur Erde gerichteten Augen, ohne ein Wort zu sprechen, dagesessen hatte, vermutete der König, er möge irgend einen Kummer haben, und befahl deshalb seinen anwesenden Gesellschaftern, daß sie einige Geschichten erzählen möchten. Jeder beeiferte sich, die unterhaltendste, die ihm bekannt war, vorzutragen. Allein al Abbaas wurde nicht heiterer, und der König befahl daher der Versammlung, sich hinwegzubegeben. Sobald sie allein waren, sagte der König zu seinem Sohne: »Bei Gott, du hast mich durch deinen Besuch sehr erfreut; allein auch Sorgen hast du mir verursacht, weil du so niedergeschlagen bist und mit niemandem ein Wort gesprochen hast. Was ist wohl die Ursache deiner Niedergeschlagenheit?« – »O mein Vater,« sprach jener, »ich habe gehört, daß in Irak ein Mädchen von besonderer Schönheit lebt. Ihr Vater ist der König Ins ben Kies von Bagdad. Schon sehr viele Könige haben sich um seine Tochter beworben, ohne daß sie sich geneigt gezeigt hätte, in ihre Wünsche einzuwilligen. Nun wünschte ich sehr, zu ihr zu reisen, denn mein Herz ist ebenfalls von ihr eingenommen.« Da sprach sein Vater zu ihm: »Du weißt, daß ich kein anderes Kind als dich habe. Du bist der Trost meiner Augen und die Frucht meines Herzens, und ich kann nicht eine Stunde ohne dich leben. Ich wünschte, dich auf den Thron meiner Väter zu setzen, und will dir eine Königstochter zur Frau geben, die noch schöner ist als jene.« Der Sohn hörte ehrfurchtsvoll diesen Entschluß seines Vaters an und wagte nicht, ihm zu widersprechen, obgleich das Feuer der Liebe in seinem Innern brannte. Der König aber, um seinem Sohne alle mögliche Zerstreuung zu machen, ließ ihm unter anderm auch ein schönes Bad bauen, welches er mit allerhand schönen Gemälden und Bildnissen verzieren ließ. Er hoffte, ihn durch dieses und mehrere andere Zerstreuungen von dem Vorsatze, zu reisen, abzubringen. Die Baumeister und Künstler wandten ihre größte Geschicklichkeit an, so wie auch die Maler in ihrer Kunst nicht zurückblieben. Als diese eines Tages so beschäftigt waren und der Maler eben ein Gemach mit Ölfarbe ausmalte, trat ein armer Mann zu ihm und betrachtete seine Arbeit. Da fragte ihn der Maler, ob er Kenner und Künstler zugleich wäre, und da jener die Frage mit Ja beantwortete, so überreichte ihm der Maler seine Pinsel und Farben und bat ihn, etwas ganz Vorzügliches zu malen. Der arme Fremdling trat nun in ein Gemach, welches er tapetenartig bemalte und mit gemalten Tressen verzierte. Auf das eine Feld aber malte er eine Gestalt von so vorzüglicher Schönheit, daß man in der Wirklichkeit nichts Ausgezeichneteres sehen konnte. Es war nämlich Maria, die Tochter des Königs von Bagdad. Als der Arme in diesem Zimmer alles vollendet hatte, setzte er seinen Weg weiter fort, ohne irgend jemanden von dem, was er getan hatte, zu benachrichtigen. Nach einiger Zeit begab sich der oberste Baumeister zum Könige und bat um die Erlaubnis, vorgelassen zu werden. Als er sie erhalten hatte, trat er ein, küßte die Erde vor dem Könige, und nach einem sehr zierlichen Gruße, wie er großen Fürsten gebührt, zeigte er ihm an, daß der Bau vollendet wäre, und daß durch das dem Könige eigene Glück und durch die hohe Sorgfalt, die dieser dem Werke gewidmet habe, es ganz seinem Wunsche entsprechen werde. »Wir haben vollbracht, was uns oblag,« fügte er hinzu, »möge der König nun verfügen, was ihm beliebt.« Hierauf befahl dieser, daß jenem ein kostbares Ehrenkleid überreicht und eine bedeutende Summe ausgezahlt werden sollte. Auch gab er jedem, der bei dem Geschäft tätig gewesen war, noch ein besonderes Geschenk, je nachdem es seiner Beihilfe angemessen war. Alsdann ließ der König seinen Hofstaat versammeln, seinen Sohn al Abbaas vor sich rufen und sagte zu diesem: »Mein Sohn, ich habe dir ein Gebäude errichten und ein Bad erbauen lassen, und ich hoffe, daß es dir gefallen wird. Gehe also hin, um es zu besehen, seine Schönheiten zu betrachten und dessen ausgezeichnete Gemälde in Augenschein zu nehmen.« Der König nebst seinem Sohne und seinem ganzen Hofstaate begab sich nun sogleich in dieses Gebäude und betrachtete das Werk, das durch so vorzügliche Meisterhände entstanden war. Der junge Prinz selbst ließ in seiner Freude über dasselbe nicht immer, wie es der Anstand erforderte, seinen Vater vorangehen, sondern er eilte oft vor ihm in die verschiedenen Gemächer. Endlich kam er auch in dasjenige, wo das Bild der schönen Maria, Tochter des Königs Ins ben Kies, abgemalt war, und sowie er dieses Gemälde erblickte, fiel er plötzlich in Ohnmacht.

 

Neunhundertundsiebenundsechzigste Nacht.

Man eilte sogleich, den König, der noch in einem entfernten Zimmer war, von diesem Unfälle zu benachrichtigen. Dieser eilte schnell zu seinem Sohne und fand ihn leblos ausgestreckt daliegen. Er setzte sich sofort ihm zu Häupten, bestrich sein Gesicht mit Rosenwasser, und nach einiger Zeit kam der Ohnmächtige wieder zu sich. »Mein lieber Sohn,« sprach nun der König, »was war die Ursache von diesem Unglück?« – »Ach, mein Vater,« erwiderte der Sohn, »dieses Bild, das ich dort gesehen habe, hat mich in einen Zustand versetzt, der meine Brust so beklommen hat, daß tausend Seufzer, die sich Luft machen wollten, mich beinahe erstickt hätten, und diese haben dann diesen Zufall verursacht.« Da befahl der König sogleich, den obersten Baumeister vor ihn zu führen. Als dieser kam, sprach der König zu ihm: »Sage mir, wen stellt dieses Gemälde vor, und welches Königs Tochter ist es? Wenn du mir darüber keine Auskunft gibst, so kostet es dir dein Leben.« – »Bei Gott,« erwiderte dieser ganz erschrocken, »ich habe es nicht gemalt, auch weiß ich nicht, wen dieses Bild vorstellen soll; aber es fand sich einst ein armer Mann bei mir ein, der mir sehr aufmerksam zusah. Diesen fragte ich scherzhaft, ob er verstände, in Öl zu malen. Da er nun dieses bejahte, so trug ich ihm auf, eine Probe seiner Kunst abzulegen, zeigte ihm dazu dieses Gemach an, übergab ihm die nötigen Werkzeuge und bat ihn, etwas ganz Außerordentliches zu malen. Da verfertigte er denn dieses Gemälde, und als es vollendet war, ging er davon, ohne sich zu erkennen zu geben, und ich habe ihn seit der Zeit nicht wiedergesehen.«

Aus diese Erklärung befahl der König allen Polizeiaufsehern, sich genau nach den Bewohnern ihres Bezirks zu erkundigen und jeden Fremden vor ihn zu führen. Mit demselben Befehle schickte er auch Eilboten in die entferntesten Provinzen ab. So geschah es denn, daß eine Menge von Fremden ihm vorgeführt wurde, unter welchen sich auch jener arme Mann befand, der das Gemälde verfertigt hatte. Sobald sie alle versammelt waren, befahl der König einem Ausrufer, er möchte feierlich verkündigen, daß derjenige, der dieses Bild gemalt habe, sich zu erkennen geben sollte, um alles, was er nur wünschte, zu empfangen. Da trat denn dieser Arme hervor, küßte die Erde vor dem Könige und sprach: »O du großer Herrscher deiner Zeit, ich bin derjenige, der es gemacht hat.« – »Weißt du, wen es vorstellt?« fragte ihn der König. »Es ist,« antwortete jener, »das Gemälde der Maria, Tochter des Königs von Bagdad.« Sogleich befahl der König, daß ihm ein kostbares Gewand und ein schönes Mädchen geschenkt würde. Sein Sohn al Abbaas aber, als er erfuhr, wen dieses Gemälde vorstellte, bat seinen Vater, daß er ihm erlauben möchte, zu ihr hinzureisen, um sie zu sehen, wo nicht, so würde sein Tod unausbleiblich sein. Darüber wurde der König, sein Vater, sehr betrübt und sprach: »Ich habe dir ein so kostbares Gebäude errichten lassen, um dich abzuhalten, von mir zu reisen, und nun muß dieses Gebäude selbst Ursache werden, daß du mich verlässest. Allein dies war mir gewiß bestimmt; ich kann meinem Geschick nicht entgehen!« Als al Abbaas ihn so traurig sah, versicherte er ihn, daß er nicht Ursache hätte, etwas zu befürchten. Er kenne ja seine Tapferkeit, seine Geistesgegenwart und die übrigen ausgezeichneten Eigenschaften, die er der sorgfältigen Erziehung seines Vaters verdanke. »Wie wäre es auch möglich,« fuhr er fort, »daß derjenige, welcher der Sohn eines solchen Vaters ist, dessen lobenswerte Eigenschaften von Osten bis nach Westen bewundert werden, nicht auch ihm ähnlich sein sollte. Fürchte also nichts; ich will bloß jene Länder beschauen und dann, wenn es Gott gefällt, zu dir zurückkehren.« – »Wen willst du«, fragte der Vater, »zu deiner Begleitung mitnehmen, und welche Kostbarkeiten wünschest du, daß ich dir gebe?« – »Mein Vater,« erwiderte er, »ich habe keine Begleitung. Ich verlange weder Kamele noch Waffen, denn ich ziehe nicht in den Krieg; bloß den Amer, meinen treuen Knappen, will ich mitnehmen; sonst niemanden.« Während sie noch im Gespräch waren, trat seine Mutter herein. Als sie von der Abreise ihres Sohnes hörte, hing sie sich an ihn und beschwor ihn, sie doch nicht zu verlassen. »Teuerste Mutter,« rief der Prinz aus, »hindere mich nicht und suche nicht, mich von meinem Vorsatze abzubringen; denn er ist unwiderruflich: ich muß abreisen.« – »Wenn es denn also sein muß, lieber Sohn,« sagte sie zu ihm, »so schwöre mir, daß du nicht länger als ein Jahr von uns abwesend sein willst.« Diesen Schwur leistete er ihr und begab sich sodann in den Schatz seines Vaters, wo er die kostbarsten Sachen und Edelsteine und überall das aussuchte, was den größten Wert hatte und am leichtesten fortzubringen war. Hierauf befahl er seinem Knappen Amer, zwei Pferde sowohl für ihn als für sich in Bereitschaft zu halten, und als die Nacht begann, stand Abbaas von seinem Lager auf, bestieg sein Roß und trat in Begleitung Amers die Reise nach Bagdad an. Als sie schon einige Tage auf die angenehmste Weise ihren Weg fortgesetzt hatten und soeben in eine sehr schöne Gegend kamen, sah al Abbaas eine Gazelle und schoß auf sie einen Pfeil ab, der sie tot hinstreckte. Sogleich befahl er seinem Knappen, sie abzuziehen und sie zu waschen. Dies tat dieser, zündete ein Feuer an, und briet sie, welches für die beiden Reisenden eine köstliche Speise war. Nachdem sie sodann aus einer sehr schönen Quelle getrunken hatten, setzten sie ihre Reife aufs neue fort. Da Amer aber nicht wußte, wohin sie sich begeben wollten, beschwor er seinen Herrn, es ihm doch zu sagen, welches dieser ihm mit folgenden Versen beantwortete:

»Wohin ich mich begebe, fragst du, wohin ich meine Blicke richte? Wisse, daß in meinem Innern das Feuer der Sehnsucht und des Schmerzes brennt.

Mein Weg geht nach Bagdad in der zartesten Angelegenheit. Wäre es mir nicht vergönnt, dahin zu reisen, so wäre ich jetzt schon nicht mehr unter den Lebenden.

Ich liebe ein Mädchen, einen für mich noch unbekannten Stern, und auf meinem schlanken Wüstendurchläufer eile ich zu ihr.

Wer es in der Nähe vorbeifliegen sieht, fragt: War das ein Blitz?, und wer es von fern sieht, meint, es sei eine dahineilende Wolke, denn es berührt kaum die Erde.

Darum, o Amer! beschleunige auch deinen Gang meines Herzens wegen, damit ich den Becher der Liebe genieße; denn die Sehnsucht, sie zu sehen, quält mich ebensosehr als der Wunsch, die Meinigen zu erfreuen, die wegen Mangel an Kunde um mich besorgt sind.«

Als er geendigt und Amer dieses Lied genau angehört hatte, merkte er, daß sein Herr, in Liebe versunken, sich nach Bagdad sehne. Sie setzten ihre Reise glücklich fort, durchstrichen Wüsteneien und Ebenen bei Tag und Nacht, bis sie endlich auf dem Gebiet von Bagdad ankamen. Hier schlugen sie die Zelte auf und brachten die Nacht daselbst zu. Am andern Tage setzten sie über den Tigris und verweilten auf dem jenseitigen Ufer des Flusses drei Tage lang, welche sie zur Anordnung der mitgebrachten Kostbarkeiten verwendeten. Am vierten Tage wurden sie durch ein großes Geschrei einer Menge fliehender Leute überrascht, welche schrieen: »Eilet, eilet! Fliehet!« Zugleich kamen Kammerherrn und Boten des Königs diesen Leuten entgegen, um sie zu fragen, was das Geschrei bedeute, und was sie so in Angst setzte. Sie antworteten: »Bringt uns in Sicherheit vor den König.« Als sie diesen nun ansichtig wurden, sagten sie zu ihm: »O König, wenn du uns nicht zu Hilfe eilest, so sind wir verloren. Wisse, wir sind ein Stamm von dem Geschlechte Schaiban. Wir waren auf das Gebiet von Balsora gezogen, als plötzlich der Araber Hadsisa mit seiner Reiterei und seinem Fußvolk auf uns eindrang, die Tapfersten unter uns tötete und die Weiber und Kinder zu Gefangenen machte. Von dem ganzen Stamme haben sich nur die Wenigen, die du hier vor dir siehst, durch die Flucht retten können. Wir beschwören dich nun bei Gott und bei deinem Leben, nimm uns in deinen Schutz.«

Als der König diese Rede hörte, befahl er, daß sich das Heer, Fußvolk und Reiterei, schlagfertig machen sollte, und nach einer Weile hörte man auch schon überall den Trommel- und Trompetenschall. Noch war es nicht Mittag, als schon die Stadt von Reiterei und Fußvolk wimmelte. Es waren zusammen vierundzwanzigtausend Mann. Der König befahl sogleich, gegen den Feind vorzurücken, und gab ihnen zum Heerführer den Saad ben Alwakedi, welcher als einer der tapfersten und geschicktesten bekannt war. Als das Kriegsheer über den Tigris gesetzt war, betrachtete Abbaas dieses Schauspiel, sah die Standarten und Fahnen wehen und hörte die kriegerische Musik. Da flammte in ihm der Mut auf, und er befahl seinem Diener, das beste Pferd zu satteln und ihm seinen Wurfspieß zu bringen. Mit glühenden Augen und sträubenden Haaren bestieg er das Roß und Amer das seinige. Binnen wenigen Augenblicken hatten sie das Heer erreicht, und nach einem Zuge von drei Tagen gelangten sie in das Angesicht des Feindes. Die zwei Heere stellten sich einander gegenüber, und auf beiden Seiten entstand ein mörderischer Kampf. Der Tod durcheilte alle Reihen, Staubwolken erhoben sich himmelhoch und verdunkelten den hellen Tag. Endlich brach die Nacht an, und sie trennten sich, und zwar jede Partei über ihren eigenen Verlust schaudernd. Sobald es wieder Tag wurde, stellten sich die Reihen auf, und die Legionen nahten sich gegenseitig, als plötzlich die beiden Heere stillhielten, sich betrachteten und Hareth, der Sohn Saads, aus den Reihen Hadsifas heraustrat, sich zwischen beide Reihen stellte, mit seiner Lanze drohende Bewegungen machte und folgendes Lied sang:

»Es komme, wie es komme, ihr seid heute unser Gewinn. Längst schon war es unser Wunsch, euch vor uns zu sehen.

Endlich hat der Allmächtige euch dem Hadsifa zugeführt, diesem tapfern Löwen, der zum Herrscher geboren ist.

Ist unter euch ein Mann, dessen Krankheit ich heilen soll, dem rate ich, er gehe auf den Kampfplatz, dort wird ihn sein Übel verlassen.

Bei Gott, so wahr ich mich bei euch befinde, benutzet diesen günstigen Augenblick, und wer bis jetzt unterdrückt wurde, der räche sich und werde ein Unterdrücker!«

Da trat von seiten des Bagdadschen Heeres ihm Sahir ben Habib entgegen, und nun bekämpften sich beide. Keiner wollte weichen, keiner nachgeben: da fielen plötzlich von beiden Seiten entscheidende Schläge, von denen Hareth den gefährlichsten austeilte, so daß Sahir sich in seinem Blute wälzte. Alsbald rief Hadsifa aus: »Gott sei dein Schutz, o Hareth!« Zugleich forderte Sahir einen andern auf, um sich dem Hareth entgegenzustellen. Es zeigte sich indes keiner, der mit ihm kämpfen wollte. »Will denn niemand sich mir entgegenstellen?« rief Hareth denen aus Bagdad von neuem zu. Aber auch auf diese Aufforderung trat niemand heraus, und Hareth, durch die Mutlosigkeit der Bagdader noch mehr angereizt, stürzte sich daher auf sie und tötete ihnen zwölf Mann mit eigener Hand. Sein Heer folgte ihm; da indes die Nacht anbrach, so zogen sich die Bagdader fliehend zurück und besetzten eine Anhöhe, wo sie die Nacht zubrachten. Keiner von ihnen war vom Pferde gestiegen, und sie hielten ihren Untergang gewiß, als am frühen Morgen das Heer der Araber anrückte, Hadsifa an der Spitze von tausend der tapfersten Reiter. Dieser trat kühn voran und rief mit lauter Stimme: »O ihr Vornehmsten aus Bagdad, nur euren Heerführer fordere ich heute auf, daß er sich mir gegenüberstelle; wir beide wollen uns gegenseitig besprechen und bekämpfen, damit nicht unnötig Blut vergossen werde.« Niemand antwortete, niemand zeigte sich. Da wiederholte er den Zuruf zum zweiten Male und sagte: »Warum gibt mir euer Heerführer keine Antwort?« Als Abbaas diese Worte des Hadsifa hörte und bemerkte, daß Saad, der Anführer, sowie die Truppen vor Furcht zitterten, näherte er sich diesem und sprach: »Erlaubst du, daß ich ihm statt deiner antworte und mich ihm gegenüberstelle? Mein Leben gebe ich gerne für das deinige preis.« Da betrachtete ihn Saad und bemerkte, daß seine Augen vor Tapferkeit glühten, und sprach: »Edler junger Mann, bei der Wahrheit Mustafas, über den Heil und Segen komme, sage mir, woher kommst du zu meiner Hilfe?« Abbaas aber antwortete: »Jetzt ist nicht der Ort zu fragen.« – »Du Tapferer,« erwiderte ihm jener, »es sei; stelle dich dem Hadsifa gegenüber. Sollte er dir aber an Kräften überlegen sein, so setze deine Jugend nicht länger seiner Gewalt aus.« – »Gott flehe ich um Hilfe an,« antwortete Abbaas. Zugleich ergriff er seine Waffen und eilte auf Hadsifa los, als ob er ein herabstürzender Fels wäre. Da rief ihm dieser zu: »Eile nicht, junger Mann. Von welchem Volke bist du?« – »Ich bin Saad al Wakedi,« antwortete al Abbaas, »der Anführer des Heeres Königs Ins, und wenn du erstaunt bist, daß ich auf deine Ausforderung nicht gleich erschienen bin, so geschieht es, weil du nicht von meinesgleichen bist und ich dich nicht für würdig halte, dich mit mir zu messen. Daher bereite dich zum Kampfe, denn von deinem Leben bleibt nur noch wenig Zeit übrig.« Als Hadsifa diese Rede hörte, warf er sich vor Lachen rückwärts. Darüber ergrimmte Abbaas und rief: »O Hadsifa, sei auf deiner Hut vor mir,« und zugleich stürzte er auf ihn mit einem wütenden Schlage los. Hadsifa kam ihm indes entgegen und wehrte ihn ab. Hierauf entstand ein sehr hartnäckiger Kampf zwischen beiden. Endlich brachte Abbaas dem Hadsifa einen Schlag bei und schrie: »Nimm dies hier von der Hand eines Tapfern, welcher solche Leute, wie du bist, nicht fürchtet.« Diesen Schlag fing zwar Hadsifa mit seinem Schilde auf; allein er glitt davon ab, und das Schwert traf ihn auf sein Panzerhemd, durchschnitt dasselbe bis auf seinen Nacken, drang durch die Schulter hindurch und hieb ihm dem Arm ab, worauf er hinstürzte und sich in seinem Blute wälzte. Abbaas wandte sich nunmehr gegen die Truppen seines Gegners, verfolgte sie, und noch hatte sich die Sonne nicht zum Untergange geneigt, als sie auch schon die Flucht ergriffen und die Reiterei sich von dem Fußvolk trennte. Saad, der den auf der Verfolgung der Feinde begriffenen Abbaas nicht mehr sah und schon bemerkt hatte, daß er mit Blut bedeckt war, war in großer Besorgnis um ihn. Als er aber die Besiegung seiner Feinde deutlich vor Augen sah, war er sehr erfreut, und sein Heer eilte dem Abbaas nach und machte eine große Beute an Pferden, Waffen und andern großen Schätzen. Dieses alles hatten sie der Tapferkeit des Abbaas zu verdanken. Da sie sich nun versammelten, um siegreich in Bagdad einzuziehen, nahte sich Saad dem Abbaas und begleitete ihn. Als dieser aber an den Ort kam, von wo er sich aufgemacht hatte, sprach Saad zu ihm: »Warum steigst du an einem Orte ab, der sich nicht für dich geziemt? Wir und unser Sultan sind dir große Erkenntlichkeit schuldig. Komm also mit uns, damit wir dir unsern Dank zu erkennen geben.« Abbaas antwortete: »O Emir Saad, von diesem Orte bin ich ausgegangen, und hier will ich mich wieder von dir trennen. Ich beschwöre dich bei Gott, erwähne meiner nicht beim Könige. Stelle dich, als wenn du mich nie gesehn hättest; denn ich bin ein fremder, hier unbekannter Mann.«

Mit diesen Worten wandte sich Abbaas von ihm hinweg, und Saad begab sich vor das Angesicht des Königs, wo er den ganzen Hofstaat versammelt fand, welcher dem Könige bereits den ganzen Vorfall mit Abbaas erzählte. »Und wo ist denn dieser?« fragte sie der König. Sie erwiderten: »Er kommt mit dem Emir Saad.« Da er diesen nun ohne Begleitung ankommen sah, gab er ihm zu verstehen, daß er den jungen Mann zu sehen wünschte. Saad aber berichtete dem Könige, daß er sich gescheut hätte, ohne Befehl und ohne Erlaubnis vor ihm zu erscheinen. Da sprach der König: »O Saad, woher ist dieser Mann gekommen?« – »Das ist mir,« erwiderte jener, »ganz unbekannt. Er ist übrigens ein sehr schöner, angenehmer und liebenswürdiger Mann, sicher und entschlossen in seiner Anrede, fest und anmutig in seinen Antworten, und die Tapferkeit spiegelte sich aus seinem Gesicht.« »Bringe mir ihn her,« sagte der König; »denn das, was du mir von ihm erzählt, macht mich noch begieriger, ihn kennen zu lernen.« – »Bei Gott,« erwiderte jener, »wenn du unsre Lage mit Hadsifa gesehen hättest, als er mich aufforderte! Ich zögerte, mich ihm entgegenzustellen. Als ich aber soeben entschlossen war, auf ihn loszugehen, kam ein Reiter mit verhängtem Zügel auf mich zu und sprach: »O Saad, befiehlst du mir, daß ich an deiner Statt fechten und mich für dich aussetzen darf?« Da fragte ich ihn, woher er wäre, er aber verweigerte mir seine Antwort.« Als Saad dem Könige alles erzählt hatte, befahl dieser, den Abbaas schnell zu holen, um ihn selbst über mehreres zu befragen. Um diesen Befehl zu vollführen, ging Saad vorher noch einmal in sein Haus, legte seine kriegerische Rüstung ab und ruhte eine kurze Zeit aus. Abbaas aber, der Sohn des Königs, hatte ebenfalls seine Rüstung abgelegt, der Ruhe gepflegt und dann ein kostbares grünes Gewand angelegt, unter welchem ein venetianisches Kleid hervorblickte. Sein Haupt hatte er mit einem Turban, wie er in Damiette getragen wird, geziert, auch nahm er ein kostbares Tuch mit. Als er gehörig ausgeruht hatte, ging er so gekleidet nach der Stadt, betrachtete die öffentlichen Märkte und die Plätze der Kaufleute.

 

Neunhundertundachtundsechzigste Nacht.

Daselbst fand er einen Kaufmann, der vor sich ein Schachspiel stehen hatte. Er verweilte bei demselben einige Zeit, um ihm zuzusehen. Der Kaufmann aber sah ihn seinerseits an und fragte ihn, wieviel er einsetzen wolle, wenn er Lust hätte, mit ihm zu spielen. – »Wieviel du willst,« erwiderte Abbaas. – »Hundert Goldstücke,« entgegnete der Kaufmann. Da Abbaas in diese Forderung willigte, so sagte der Kaufmann: »Zähl aber das Gold gleich auf, damit das Spiel Gewißheit erhalte.« Jener nahm sogleich einen atlasnen Beutel hervor, in welchem sich tausend Goldstücke befanden, zählte davon hundert Stück ab und legte sie neben den Teppich. Der Kaufmann setzte ebensoviel aus und war übrigens ganz entzückt, so viel Gold bei Abbaas zu bemerken. Neugierige Leute hatten sich schon um sie versammelt, teils, um dem Spiele zuzusehen, teils, um Zeugen abgeben zu können, wenn etwa über den Einsatz Streit entstehen sollte. Sie spielten also, und Abbaas war so nachlässig, daß der Kaufmann glaubte, er habe es mit einem unerfahrnen Spieler zu tun; denn er gewann ihm bald die hundert Goldstücke ab. Da fragte ihn Abbaas: »Willst du noch ein Spiel versuchen?« – »Ich spiele anders nicht«, antwortete der geldgierige Kaufmann, »als um tausend Goldstücke.« – »Was du aussetzen wirst,« erwiderte Abbaas, »werde ich dir auch entgegensetzen.« Der Kaufmann zählte die tausend Goldstücke hin und Abbaas desgleichen. Das Spiel begann nun bald dem einen, bald dem andern günstig zu werden und Abbaas gewann nach Verlauf einer Stunde ihm in der Stellung des Elefanten die tausend Goldstücke ab. Nun wurden nacheinander mehrere Partien gespielt, so daß Abbaas ihm viertausend Goldstücke abgewann. Das war aber bloß eine List des Kaufmannes, um den Abbaas dreister zu machen. Darum sagte der Kaufmann hierauf: »Jetzt kann ich nur noch um den Wert meines Ladens spielen,« und dieser betrug viertausend Goldstücke. Sie spielten, und Abbaas gewann abermals und nahm den Laden mit dem, was er enthielt, in Besitz. Da stand der Kaufmann voll Verzweiflung auf und sprach: »Der Laden sei dein.« Eben waren sie im Begriff, hineinzugehen, als der Emir Saad ankam, um den Abbaas zum Könige einzuladen. Sie machten sich nun auf und gelangten bald zum Monarchen. Nachdem sie diesem die gebührenden Ehrfurchtsbezeigungen dargebracht hatten, fragte er den Abbaas, woher er wäre, und wohin er zu reisen gedenke. »Ich bin aus Yemen,« erwiderte Abbaas. »Hast du irgend ein Geschäft,« fragte der König, »zu dessen Erfüllung wir dir behilflich sein könnten? Wir sind dir zu vielem Danke verpflichtet wegen dessen, was du dem Hadsifa uns zu Gunsten getan hast.« Zu gleicher Zeit befahl der König, daß Abbaas mit einem Gewande von ägyptischem Atlas bekleidet würde, dessen Wert hundert Goldstücke betrug. Ferner befahl er seinem Schatzmeister, ihm tausend Goldstücke auszuzahlen. »Nimm dieses,« fügte er hinzu, »als einen kleinen Teil dessen, was wir dir schuldig sind. Bleibst du länger bei uns, so will ich dir noch ein Geschenk von Sklaven und anderen Sachen machen.« Da neigte sich Abbaas bis zur Erde und sprach: »Dieses alles, o König, habe ich nicht verdient.« Zugleich griff er in seinen Busen und nahm zwei goldne Kästchen heraus, in deren jedem zwei Rubinen waren, deren Wert gar nicht geschätzt werden konnte. Diese überreichte er dem Könige und sprach: »O König, Gott möge dein Leben verlängern und dich beschützen. Habe die Gnade und beglücke mich mit der Annahme dieser beiden Kästchen, so wie ich dein Geschenk mit Dank annehme.« Der König nahm sie in Empfang, und Abbaas bat um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen. Darauf entfernte er sich und begab sich wieder auf den Markt, wo die Kaufleute, als sie ihn erblickten, ihn sogleich fragten, ob er nicht seinen Laden öffnen wollte. Als er sich noch mit ihnen unterhielt, trat auf einmal eine Frau zu ihm, die einen kleinen Knaben trug, welcher mit entblößtem Haupte war. Sie betrachtete Abbaas, und als er sich zu ihr wandte, sagte sie zu ihm: »O Herr! siehe diesen armen Knaben an und erbarme dich seiner; denn sein Vater hat seine Mütze in dem Laden vergessen. Habe die Güte, sie ihm wiederzugeben; denn das Herz bricht uns, ihn so weinen zu hören. Wenn uns noch etwas übrig geblieben wäre, so würden wir sie kaufen und sie nicht von dir erbitten.« – »Du Zierde der Frauen,« erwiderte Abbaas, »du hast mich mit deiner bezaubernden Rede sehr angesprochen und durch deine unwiderstehliche Bitte gerührt. Hole mir deinen Mann her.« Sie holte ihn, und die Leute versammelten sich von neuem, um zu sehen, was Abbaas tun würde. Dieser übergab ihm sogleich alles Gold, das er ihm abgenommen hatte, und überlieferte ihm zugleich die Schlüssel seines Ladens. »Der Dank,« fügte er hinzu, »den ich von dir verlange, ist ein frommes Gebet für mich.«

 

Neunhundertundneunundsechzigste Nacht.

Als er das gesagt hatte, näherte sich ihm die Frau und küßte ihm die Füße, desgleichen auch der Mann, und alle, die gegenwärtig waren, priesen ihn und wünschten ihm Heil und Segen. Diese Tat verbreitete sich unter den Kaufleuten, und bald war von nichts anderem die Rede als von Abbaas.

Was unterdes den König anbetrifft, so sprach er, nachdem er den Inhalt der Kästchen angesehen hatte, zu seinem Wesir: »Wie müssen wir uns nunmehr gegen den jungen Mann aus Yemen benehmen? Wir wollten ihm eine Gunst beweisen, und nun sehen wir, daß er uns ein Geschenk gegeben hat, das im Wert mehr als zehnmal das unsrige übertrifft. Auch wissen wir nicht, ob er in unserm Lande sich aufhalten wird oder nicht.«

Inzwischen hatte der Kaufmann Anstalten zu einem reichlichen Gastmahle gemacht, wobei das ausgesuchteste Backwerk und die köstlichsten Früchte nicht vergessen worden waren. Er lud nun den Abbaas ein, dieses Mahl bei ihm in seiner Wohnung einzunehmen. Abbaas willigte ein, und sie begaben sich zusammen in des Kaufmanns Haus. Jener fand es sehr zierlich und geschmackvoll eingerichtet, sowie auch den Speisesaal, woselbst die Gerichte in großer Menge aufgetragen waren. Sie wurden sehr wohlschmeckend gefunden, die meisten waren mit Muskus und Rosenwasser übergossen, und auf dem Tische dufteten Wohlgerüche aller Art. Sogar die Wände waren mit Ambra überstrichen. Als nach dem Essen Abbaas zum Fenster hinaussah, so bemerkte er im Garten ein sehr schönes Gebäude, welches viele Zimmer hatte und zwei Stock hoch war, worin er aber auch nicht die mindeste Spur eines Bewohners erblickte. Sogleich sagte er zum Kaufmann: »Du hast uns sehr wohl aufgenommen; aber wahrhaftig, ich esse keinen Bissen mehr von dir, solange du mir nicht die Ursache sagst, warum jenes Haus unbewohnt ist.« – »Dieses Haus,« erwiderte der Kaufmann, »gehörte einem gewissen Ghatrif an, der gestorben ist, und von dem ich es geerbt habe. Ich beschwöre dich also, wenn du in Bagdad verweilen willst, dieses Haus zu bewohnen, damit du unter meinem Schutze und in meiner Nähe seiest; denn ich achte und liebe dich zu sehr und wünsche, daß du dich nicht von mir entfernest, um stets deine angenehme Unterhaltung genießen zu können.« Da dankte ihm Abbaas und sprach: »Ich muß allerdings in Bagdad einige Zeit bleiben. Was aber deinen Vorschlag, das Haus zu bewohnen, anbetrifft, so nehme ich ihn nur mit dem Beding an, daß du den Preis desselben von mir annimmst«, und mit diesen Worten übergab er ihm zugleich dreihundert Goldstücke. Der Kaufmann, aus Besorgnis, jener möchte, wenn er es nicht annehmen wollte, das Haus nicht bewohnen wollen, nahm das Geld an und trat ihm den Besitz des Hauses ab. Sodann setzten sie sich wieder zu Tische. Der Nachtisch wurde nun aufgetragen, und nachdem sie gesättigt waren, wurden die Tische weggenommen, und sie wuschen sich die Hände mit Rosenwasser. Nachher wurde ihnen ein wohlriechendes Handtuch gereicht, worin sie sich die Hände abtrockneten. Da sprach der Kaufmann zu Abbaas: »Mein Herr, das Haus ist nunmehr dein Eigentum; befiehl jetzt deinem Knechte, daß er deine Pferde, Waffen und Gerätschaften hineinbringe.« Dies geschah denn auch, und der Kaufmann freute sich, Abbaas in seiner Nähe zu haben, in dessen Gesellschaft er jetzt Tag und Nacht verweilte. Einst indes sagte Abbaas zu ihm: »Ich halte dich gewiß von deinen Geschäften und von deinem Gewerbe ab.« – »Ach,« erwiderte jener, »welch angenehmeres Geschäft kann man haben, als sich mit dir zu unterhalten, und welch besseres Gewerbe, als bei dir zu sein?« So entspann sich nach und nach unter ihnen eine innige, auf gegenseitige Achtung gegründete Freundschaft.

Was unterdes den König anbetrifft, so war er mit den zwei Kästchen in seinen Harem gegangen und hatte sie seiner Gemahlin, der Königin Affife, übergeben. »Wieviel mögen die Edelsteine wohl wert sein?« fragte diese. »Dergleichen,« erwiderte er, »findet man nur bei den größten Königen, und sie können nicht geschätzt werden.« – »Von wem hast du sie?« fragte sie ihn weiter. Da erzählte er ihr die ganze Begebenheit mit Abbaas von Anfang bis zu Ende. »Bei Gott,« erwiderte die Königin, »wir sind diesem Menschen vielen Dank schuldig, welchen ihm der König noch nicht erwiesen hat; denn er ist weder zum König gefordert worden, noch auch hat er an seiner Seite gesessen.« Am andern Morgen befahl der König sogleich, ein köstliches Gastmahl anzurichten, so wie es nur für Könige geziemt. Das Schloß wurde ausgeschmückt, die Vornehmsten des Hofes eingeladen, und ein Großer des Reiches wurde zu Abbaas abgesandt. Dieser traf ihn, wie er eben aus dem Bade kam, und sagte zu ihm, daß ihn der König einladen lasse. Abbaas begab sich sogleich mit ihm zum Könige. Als sie daselbst anlangten, waren die Königin und ihre Tochter Maria hinter einem Vorhänge verborgen, um den Abbaas unbemerkt sehen zu können. Dieser bezeigte dem Könige seine Ehrfurcht in den angemessensten Ausdrücken, und alle, die zugegen waren, beeiferten sich, dem Abbaas ihre Achtung an den Tag zu legen. Jedermann bewunderte seine Schönheit und seinen Anstand. Der König ließ ihn neben sich setzen, und seine Gemahlin, als sie den Abbaas gehörig beobachtet und betrachtet hatte, konnte sich nicht enthalten, zu sagen, daß dieser durchaus der Sohn eines Königs sein müsse, und daß er nur in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu ihnen gekommen sein könne. Zugleich betrachtete sie ihre Tochter Maria und fand, daß ihr Gesicht sich verändert hatte, daß in ihren Augen Tränen glänzten, und daß sie den Blick gar nicht von Abbaas abwendete; denn die Liebe zu dem Fremden hatte sich bereits ihres Herzens bemächtigt. Die Königin besorgte nun, daß ihre Tochter sich Kummer bereiten möchte. Deshalb verhinderte sie dieselbe, ferner auf ihn hinzusehen, und begab sich sehr bald mit ihr hinweg. Die Fürstin Maria hatte ihre eigenen Gemächer, von denen mehrere Fenster auf den Platz und auf die Straße Aussicht hatten, auch hatte sie ein Kammermädchen, das sie bediente, wie dies bei Königstöchtern Brauch ist. Als das Fest beendet war und die Leute sich entfernt hatten, sprach der König zu Abbaas: »Ich wünschte, daß du bei mir bliebest. Deshalb will ich dir ein Haus kaufen, um dich für die großen Dienste zu belohnen, die du mir erwiesen hast. Dies ist eine Pflicht, die mir obliegt, und die ich nicht länger unerfüllt lassen will; denn es ist mir unangenehm, dich von mir entfernt zu wissen.« Bei diesen Worten neigte sich Abbaas vor dem König zur Erde, dankte ihm für seine großmütigen Gesinnungen und sprach: »Ich bin ein Sklave des Königs, wo ich mich auch befinden möge. Seinen Blicken kann ich mich nicht entziehen, wie fern ich auch von ihm wohne.« Und nun erzählte er dem Könige seine ganzen Verhältnisse mit dem Kaufmann und die Ursache seines Hauskaufs. »Ich hätte zwar sehr gewünscht,« sprach hierauf der König, »daß du in meiner Nähe wohntest; indes du hast, wie ich sehe, bereits andre Einrichtungen getroffen.« Abbaas bat hierauf um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Als er fortging, führte ihn sein Weg bei dem Schlosse der Maria vorbei. Sie lag eben im Fenster, und Abbaas blickte zu ihr hinauf. Ihr Blick begegnete dem seinigen und machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß sein Innerstes ganz davon zerrüttet wurde. Jedoch verbarg er, was in ihm vorging, und suchte so bald als möglich sein Haus zu erreichen. Als er daselbst angelangt war, sprach sein Diener Amer zu ihm: »Mein Herr, woher kommt die Veränderung, die ich an dir wahrnehme? Hast du irgend eine Unannehmlichkeit gehabt? Bist du im Zorn, oder ist dir unwohl? Krankheit kann ja endlich wieder vergehen, und Zorn wird durch Geduld vermindert.« Abbaas aber antwortete nicht, sondern zog ein Schreibzeug und Papier hervor und schrieb folgende Verse nieder:

»Der Schmerz der Liebe fängt an, in meinem Herzen sich fühlen zu lassen, und Sehnsucht ist in mir kräftig rege.

Mein Auge, die Süßigkeit des Schlafs erreicht es nicht, und die Ursache meines Schmerzes kann ich mir nicht verbergen.

Ich fürchte mich vor den Wechseln der Zeit und vor der Trennung, damit es mir nicht ergehe, wie es so manchem unglücklich Liebenden ergangen ist,

Und ich nicht auch einst zum Gespräch der Leute werde und meine Tage vorübergehen sehe, ohne meinen Wunsch zu erreichen.

Weiß denn meine Geliebte, als ich sie gleich der Sonne über mir herabblicken sah, daß ihre Augen schmerzlicher verwunden als ein gezogenes Schwert, und daß sie die Sinne rauben?

Ich sah auf sie, als sie am Fenster der frischen Luft genoß und eben den Schleier von ihren Wangen abgenommen hatte.

Da warf sie mich mit einem Pfeile, der mein Herz traf; und nun bin ich ein Raub der Sehnsucht und des Schmerzes.

Weißt du auch, du schöne Schloßbewohnerin, daß ich wegen dir die Wüsten von fernen Gegenden her durchwandert habe?

Lies also meinen Brief, o du meine Geliebte, und habe Mitleid mit mir, der ich ohne Rettung durch die Pfeile deiner Augen verwundet bin.«

Bis er geendigt hatte, bog er den Brief zu. Während dieser ganzen Zeit hatte die Frau des Kaufmanns ihm vom Fenster her zugesehen, ohne daß er es bemerkt hatte. Sie hatte wahrgenommen, daß mit Abbaas irgend etwas Bedeutendes vorgefallen sein müßte. Sie war früher Amme der Königstochter gewesen. Nun trat sie zu Abbaas herein, grüßte ihn freundlichst und redete ihn mit folgenden Worten an:

 

Neunhundertundsiebenzigste Nacht.

»Guten Tag,« sprach sie zu ihm, »du von Kummer Gedrückter, der du dagegen kein Mittel weißt. Es muß dir irgend etwas Bedeutendes widerfahren sein. Teile mir es mit, wäre es auch ein großes Geheimnis. Schon vermute ich etwas; denn ich habe dich soeben ein Gedicht lesen hören, welches sehr zärtlich war und mir einigen Aufschluß gibt.« Auf diese Bitte entdeckte er ihr alles, was sich zugetragen hatte, und empfahl ihr dabei das strengste Geheimnis. Dies versprach sie ihm auch und fügte hinzu: »Wie willst du den belohnen, der deinen Brief überreicht und dir die Antwort überbringt?« Da neigte er sein Gesicht zur Erde. Sie aber fuhr fort: »Scheue dich nicht, sondern übergib mir deinen Brief.« Er überreichte ihr denselben, und sie ging sogleich damit zu Maria. »Nimm diesen Brief,« sagte sie zu dieser, »und gib mir bald Antwort darauf.« Maria liebte nichts mehr als Verse und Poesie, auch hatte sie viele Sprachkenntnisse. Sie nahm den Brief, öffnete ihn, las ihn, und als sie den Inhalt vernommen hatte, warf sie den Brief zur Erde und sprach: »Liebe Frau, auf diesen Brief kann ich keine Antwort geben.« Jene erwiderte darauf: »Das ist eine Schwäche von dir und ein Mangel an Höflichkeit, den du dir zuschulden kommen lässest; denn weit und breit bist du berühmt wegen deines Scharfsinns und wegen deines Anstands. Antworte ihm also, wie es dir dein Herz eingibt.« – »Aber, liebe Frau,« erwiderte die Prinzessin, »wer ist denn derjenige, mit dem du mir einen Briefwechsel einzugehen vorschlägst? Vielleicht ist es der junge Fremde, der meinem Vater die Edelsteine übergeben hat?« – »Er ist es selbst,« erwiderte die Frau. – »Da will ich ihm antworten,« sprach die Prinzessin, »damit du mir nicht noch einen zweiten Brief von ihm bringst.« Zugleich ließ sie sich ein Schreibzeug bringen und schrieb folgende Verse:

»Du hast mir in einem Gedicht deine Gesinnung mitgeteilt; hüte dich aber, daß dir dieser Schritt nicht Kummer zuzieht, da du ein Fremder bist.

Du sagst, daß ein Blick, den du auf mich getan hast, dich aufs Krankenlager bringen werde – mache dir keine Hoffnungen – wie könnte ich einen Fremdling anhören!

Wer bist du denn, du Tor, daß du deine Wünsche bis zu mir erhebst, daß du es wagst, mir zu schreiben? Haben dich deine Sinne verlassen?

Bist du so töricht, nach meinem Besitz zu streben, so stirb hin in deiner Krankheit! Gegen solche Torheit kenne ich kein ander Mittel.

Laß also ab, mir ferner Gedichte zuzusenden, und betrage dich nicht wie ein Irrender im Besserungshause.

Reise wieder ab und bilde dir nie ein, daß ich mich nach dir sehne. – Söhne des Weges sind nicht die, nach denen ich strebe.

Meine Liebe schenke ich nicht Fremdlingen, die auf der weiten Erde nichts besitzen, was sie ihr Eigentum nennen könnten; gehe dahin zurück, wo du herkamst.

Du bist nicht der erste, der sich vergebens das gewünscht hat, was er liebte.

Gehe also von dannen und begehre nicht ferner, was du nie erlangen wirst, so nahe es dir auch scheint.

Das ist hier mein Entschluß; mehr mag ich dir nicht sagen. Sei also vernünftig, erwäge alles wohl, damit du den rechten Weg ergreifst.«

Als Maria geendet hatte, faltete sie den Brief zusammen und gab ihn der Vertrauten des Abbaas, welche sich sofort zu ihm begab und ihm das Papier überreichte. Er öffnete es sogleich und las es. Als er aber an das Ende kam, wurde er so betäubt und erschrocken, daß er in Ohnmacht fiel. Da er wieder zu sich gekommen war, sprach er: »Gott sei Dank, daß du mir die Antwort überbracht hast. Würdest du mir wohl einen zweiten Brief an die Fürstin besorgen?« – »Was nutzen dir deine Briefe bei ihr, da sie dir auf diese Art antwortet?« – »Ach,« erwiderte Abbaas, »ich hoffe doch, sie wird sich noch besänftigen lassen.« Zugleich nahm er ein Tintenfaß und Papier und schrieb folgende Verse:

»Deinen Brief habe ich erhalten; allein als ich ihn las, nahm meine Sehnsucht nebst meinem Schmerze nur noch mehr zu.

Schlaflos hat er mich gemacht; meinen Kummer und meine Krankheit hat er vermehrt.

Ach wenn du doch wüßtest, was ich wegen deiner Liebe empfinde, wie mein Herz vor Kummer vergeht! Vergebens mühe ich mich, dich zu vergessen, mein Verstand gehorcht mir nicht!

Wisse, wegen keines andern Zweckes bin ich in dein Land gekommen, als um das Glück zu haben, dich zu besitzen.

Wie viele Mühseligkeiten, wie viele Gefahren habe ich überstehen, wie viele schlaflose Nächte habe ich durchwachen müssen.

Bloß dich zu sehen, war mein einziger Zweck, Liebe und Sehnsucht befahlen es mir.

Bei dem, der mich in diesen Zustand versetzt hat, beschwöre ich dich, erbarme dich meiner und Kühle meine Glut.

Freilich bist du mit dem Gewande der Hoheit bekleidet und mit den Reizen der Schönheit geschmückt, freilich besitzest du Vorzüge jeder Art, aber wer kann dich ansehen, deine Schönheit betrachten und mich dann noch tadeln!«

Als er geendet und den Brief zugemacht hatte, gab er ihn seiner Freundin und empfahl ihr, alles ganz geheim zu halten. Sie nahm den Brief, übergab ihn der Maria, welche ihn sogleich öffnete und las. Nach Endigung desselben sprach sie zu der Überbringerin: »Dieser Briefwechsel lastet auf mir und bereitet mir großen Kummer, und nie habe ich etwas Drückenderes empfunden.« – »O meine Fürstin,« sprach die Frau, »du bist Gebieterin in deinem Schloß. Antworte ihm also und habe keinen Kummer.« Da ließ Maria ein Tintenfaß, Feder und Papier bringen und schrieb folgende Verse:

»O du Betrogener, wie betörest du dich selbst durch deine Anstrengungen! Denke, wie viele Fürsten schon wegen mir die Nächte durchwacht haben, sich mit der Hoffnung schmeichelnd, meine Einwilligung zu erhalten!

Du also, wenn du auch in nächtlicher Weile Wüsten nah und fern durchstreift hast, wenn auch dein Auge die Erquickungen des Schlafes vermieden hat und du, deinen törichten Begierden folgend, dich nicht zurechtweisen lässest und dennoch fortfährest, nach meinem Besitz zu streben, so übe dich, o armseliger Lehmhüttenbewohner, in Geduld, die Nichterfüllung deiner Wünsche zu ertragen.

Haben doch viele Fürsten und Könige nach meinem Besitz vergebens gestrebt, erkundige dich selbst nach allen jenen Edeln, die mit kostbaren Kamellasten zu mir geeilt sind;

Wie sie mir Sklaven und Sklavinnen und ganze Züge von Pferden nebst Waffen und kostbaren Kleidern anboten und um mich anhielten, sie haben aber nichts erreicht.

Auch der große Naaman nahte sich mir mit seinem Antrage, seinen Wunsch habe ich aber nicht erhört, denn ich zog immer vor, fern von aller Verbindung zu bleiben.

Höre also auf, o Fremdling, nach mir deine Wünsche zu erheben, denn Schimpf und Schande würde dir deine Torheit nur einbringen.«

Nach Endigung dieser Zeilen übergab sie den Brief der Vertrauten, welche ihn sogleich dem Abbaas zustellte. Als ihn dieser gelesen hatte, ließ er sich das Nötige bringen und schrieb ihr folgende Zeilen:

»Du hast vieler tapferer Könige erwähnt, welche verdienen, kühne und mutige Löwen genannt zu werden.

Ihnen gleich mir hast du den Verstand geraubt, mich wie sie hast du mit deinen Zauberblicken getroffen.

Du sprichst von den Sklaven, den Rossen und den Mädchen sowie den vielen Geschenken, die du erhalten, und daß du dennoch die Geber, groß oder gering, verschmähet hast.

Nach ihnen bin ich endlich gekommen und wünschte deinen Besitz. Nichts anders hatte ich aber als mein Schwert.

Bei mir sah man weder Sklavinnen, noch Kamele, noch verschleierte Mädchen.

Wenn du also dennoch meine Wünsche begünstigst, so sollst du sehen, wie vor meiner Waffe die Feinde fliehen werden.

Du sollst aber auch um Bagdad herum eine Reiterei sehen gleich Wolken, die die Gegenden verdunkeln.

Gehorsam wirst du sie finden meinen Winken, befolgend meine Befehle, wie ich nur will.

Soll ich dir zweitausend Sklaven zu deinen Füßen legen, oder ziehest du es vor, Könige da zu sehen?

Yemen ist das Land, das unter meinen Befehlen steht, so wie auch Negd. Dieses alles habe ich wegen dir verlassen; vom Teuersten habe ich mich entfernt.

Die Nächte mit Gefahren durchwacht, sobald mir die Kunde deiner Schönheit wurde; mit Briefen wandte ich mich an dich, die dein Herz wohl erweichen konnten, aber mit Treulosigkeit hast du sie erwidert.

So ist aber die Zeit; doch wer sie kennt, wird sie nicht treulos finden.

Sehr hast du geirrt, wenn du glaubtest, daß, obgleich fremd, ich verstandlos und ein Sklavensohn wäre.«

Diesen Brief überreichte er seiner vertrauten, gab ihr zugleich fünfhundert Goldstücke und sprach: »Nimm dies als einen Beweis meiner Dankbarkeit an, denn viel Mühe habe ich dir schon verursacht.« – »Mein einziger Wunsch ist,« erwiderte sie, »dazu beizutragen, euch zu vereinigen, sollte es auch mit dem Verluste dessen geschehen, was mir am liebsten ist. Gott lohne dir indessen das, was du an mir tust.« Zugleich nahm sie den Brief und ging mit diesem zu Maria. Sie überreichte ihr denselben mit folgenden Worten: »Nimm diesen Brief, es ist vielleicht der letzte dieses Briefwechsels.« Als sie ihn gelesen hatte, sagte sie zur Überbringerin: »Nun fängt er an, sich gegen mich groß zu machen, indem er erwähnt, er besäße Länder, Pferde und sogar Truppen, die ihm zu Gebote stehen; allein er verlangt etwas von mir, was er nie erreichen wird; du weißt es, treue Pflegerin meiner Kindheit, daß die Söhne der Könige um mich geworben und kostbare Geschenke gespendet haben, ohne daß sie auf mich irgend einen Eindruck gemacht hätten, wie könnte ich diesen Toren annehmen, der nichts besitzt als die zwei Kästchen mit Edelgesteinen, die er meinem Vater gegeben hat, der in dem schlichten Hause eines Mannes, wie Ghadrif ist, wohnt, und der weder Gold noch Silber besitzt. Ich beschwöre dich also, gehe zu ihm zurück und benimm ihm alle Hoffnung; denn in seine Vorschläge kann ich nimmermehr eingehen.« Auf diese bestimmte Erklärung entfernte sich jene und begab sich zu Abbaas. Als dieser sie betrübt und niedergeschlagen ohne Brief ankommen sah, fragte er sie, was das zu bedeuten habe. Da sagte sie ihm denn mit wenigen Worten, daß sie ihm nicht beschreiben könne, was ihr Maria alles vorgehalten, und daß sie ihr befohlen hätte, ihm mündlich zu sagen, daß er nichts hoffen dürfe. Bei dieser Nachricht wurde er zwar sehr betrübt, indes bewog er sie doch, noch einen, und zwar den letzten Brief an Maria zu übergeben. Er nahm zugleich Papier und Feder und schrieb folgendes:

»Mein Geheimnis ist offenbart, wiewohl ich es hätte verbergen sollen; aber nun habe ich genug an deiner Liebe.

Meine Freunde habe ich verlassen, und meine Verwandten weinen wegen meiner Abwesenheit.

Nach Bagdad war ich gekommen, wo mich Härte und Abneigung erwarteten,

Da, wo ich hoffte, den Becher der Freude zu trinken, gereicht von der Hand der Geliebten. Doch diese hat mir leider nur Bitterkeit gereicht.

In Schmerzen und Qualen aller Art bin ich dadurch versetzt, und die Liebe hat mich traurig gemacht.

Wie viele Nächte habe ich durchwacht, wie viele Arten des Kummers erduldet,

Während du, mich verachtend, sorglos schliefst und weder Kummer noch Verachtung erduldetest!

Glücklich hätte ich mich geschätzt, wenn nur deine Gestalt im Traume mir erschienen wäre, minder hätte ich dich hart gefunden.

Aber nur härter wurdest du, je mehr du von mir Briefe sahest, und alle Hoffnung hast du mir geraubt.

Meinen letzten Brief hast du nicht beantwortet, ob er gleich Geständnisse enthielt, deren Sinn du durchschauen konntest.

Du glaubst, dein Glück kann dich nicht verlassen, deswegen bekümmerst du dich weder um groß noch klein;

Doch hättest du erfahren, was mich betroffen hat, so würdest du wissen, was Schmerz und Kummer der Liebe ist.

Aber wahrlich, dir steht einst das bevor, was ich von dir erfahren habe; dann wird dein Herz auch vergebens schlagen.

Der, den du ersehnest, wird dann auch hartherzig sein und wird sich nicht bekümmern um den Wechsel der Zeiten. Lebe wohl! Ich wünsche dir dauerndes Glück.«

Nach Endigung dieses Briefes übergab er ihn der Vertrauten, welche ihn sogleich der Maria überlieferte. Bei ihrem Eintritt verneigte sie sich gegen Maria, diese erwiderte aber ihren Gruß nicht. »O meine Fürstin,« sagte sie, »wie bist du hartherzig! Gönnst du mir nicht die Erwiderung meines Grußes? Doch nimm diesen Brief, es ist der letzte, den du von ihm empfängst.« Maria aber sprach: »Empfange hiermit meinen wohlgemeinten Rat! Kehre nie in mein Schloß zurück, es würde dir sonst dein Leben kosten. Sch sehe nun deutlich, du willst mich in Schimpf und Schande bringen. Gehe daher und laß dich nicht wieder sehen.« Zugleich befahl sie einigen Frauen von ihrer Bedienung, sie mit Schlägen aus dem Schlosse zu treiben, und diese verließ es fliehend.

 

Neunhundertundeinundsiebenzigste Nacht.

Ganz entstellt vor Schmerz kam sie zu Abbaas zurück. Dieser schien vor Betäubung wie aus einem Schlafe zu erwachen, als er sie in diesem Zustande ankommen sah. »Sage, was ist dir begegnet?« rief er ihr zu. – »Ich bitte dich, schicke mich nie mehr zu Maria, sie hat mich schändlich behandelt, und so ist es mir ergangen.« Darauf erzählte sie ihm alles genau, und Abbaas, von Ehrgefühl ergriffen, fühlte sich so beleidigt, daß seine Liebe zu ihr erlosch. »Wieviel bekamst du monatlich von Maria?« fragte er sie. – »Zehn Goldstücke,« war ihre Antwort. – »Betrübe dich nicht,« sagte er nun zu ihr, indem er ihr zweihundert Goldstücke gab, »hier gebe ich dir dein Jahrgehalt. Höre von nun an auf, irgend jemandem vom königlichen Hofe Dienste zu leisten. Wenn das Jahr vorüber ist, sollst du das Doppelte erhalten, sowohl für deine Bemühungen um mich, als auch, weil du von Maria ausgestoßen bist.« Zugleich übergab er ihr ein schönes Kleid und sprach: »Da du mir nun die Handlungsweise Marias offenbart hast, fühle ich mich ganz frei von ihr. Gott hat meine Liebe zu ihr aus meinem Herzen gerissen, und nie wird sie wieder in mir rege werden. Gepriesen sei der, der die Herzen und die Gesinnungen ändert. Sie ist Ursache, daß ich Yemen, mein Vaterland, verlassen habe, nun ist die Zeit verstrichen, binnen welcher ich meinem Vater zurückzukehren versprach. Ich fürchte sogar, er möchte mit seinem Heere aufbrechen und mich aufsuchen in der Besorgnis, mir wäre hier etwas Übles geschehen; denn er hat keinen andern Sohn als mich. Mein Vater und meine Mutter werden über mein langes Außenbleiben untröstlich sein.« – »Mein Herr,« erwiderte die Frau des Kaufmanns, »welcher König ist dein Vater?« – »Mein Vater ist Asis, König von Yemen und Nubien, Beherrscher der Inseln Kachtaan und der zwei heiligen Städte Medina und Mekka, die Gott beschützen möge. Wenn mein Vater sich in den Krieg begibt, so umgeben ihn hundertundvierundzwanzigtausend tapfre Reiter, den Hofstaat und das Gefolge ungerechnet. Alle folgen seinen Befehlen so wie auch den meinigen.« – »Warum aber,« fragte sie ihn hierauf, »hast du ein Geheimnis daraus gemacht und deine edle Abkunft verborgen? Warum hast du dich in das Gewand der Unbekannten und Fremdlinge geworfen? Welcher Schimpf für uns, daß wir dir nicht die gebührende Ehrfurcht erwiesen haben! Wie können wir uns darüber bei dir entschuldigen?« – »Bei Gott,« erwiderte er, »du hast in nichts gefehlt, sondern ich werde dir lebenslang große Dankbarkeit schuldig bleiben, wenn ich auch noch so fern von dir sein werde.« – Zugleich rief er seinen Diener Amer und befahl ihm, das Roß zu satteln. Als die Frau dies hörte und die Pferde vorführen sah, flossen Tränen aus ihren Augen, und sie sprach: »Wie schmerzt mich deine Trennung, du Wonne meiner Augen! Wohin begibst du dich jetzt, damit ich Nachrichten von dir erfahren kann?« – »Von hier,« erwiderte er, »begebe ich mich zu Okeel, meinem Vetter. Er ist eben bei dem Stamm Kenda ben Hescham. Schon zwanzig Jahre habe ich jenen nicht gesehen. Ich will mich daher nun zu ihm begeben und sehen, wie es ihm geht, und dann wieder hier durch nach Yemen reisen.« Hierauf empfahl er sich bei ihr und ihrem Manne, um sich zu Okeel, dem Sohne seines Oheims, zu begeben, bis zu welchem er von Bagdad aus noch vierzig Tagereisen hatte. Er schwang sich auf sein Roß, und sein Diener folgte seinem Beispiele.

Als sie unterwegs waren, sagte Abbaas folgendes Gedicht:

»Ich bekämpfe die gegen mich Verbündeten. Ich bin der seltene Tapfere. Ich töte die Feinde, ich durchdringe ihre Reihen.

Ich mache mich auf, um Okeel zu besuchen; ich verdopple meine Schritte, ich durcheile die Wüsten, und mein treuer Amer folgt mir.

Wer uns mit Feindschaft droht oder uns den Weg streitig macht, auf den stürze ich mich wie der Tiger auf seine Beute.

Mit Wehe und Schimpf überdecke ich ihn, und zum letzten Tranke reiche ich ihm den Becher des Todes.

Mein Wurfspieß bahnt sich den Weg durch die Lüfte zu jedem Feinde, und mein blankes Schwert ist felsendurchdringend.

Mit mir ist weder ein Heer noch irgend jemand, der mir hilft, nur allein Gott, mein Herr und mein Schöpfer. Ihm sei Preis.

Ruf ihn baue ich in allen Schrecknissen, auf ihn, der dem Herrn sowie dem Diener die Fehltritte verzeiht.« –

Sie setzten nun ihren Weg fort, als sie auf einmal von fern eine Menge arabischer Zelte erblickten. Als er nach ihnen fragte, wurde ihm gesagt, daß es der Stamm der Benisachra sei, und daß sie Feinde des Okeel wären. Eine Menge Lasttiere und Herden waren um diesen Stamm versammelt. Man sagte ihm ferner, daß sie oft den Okeel überfielen und ihm seine Lasttiere raubten, obgleich er ihnen jährlich einen Tribut bezahle, weil er ihrer Macht nicht zu widerstehen imstande sei. Als Abbaas sich den Zelten genähert hatte, stieg er ab, sowie auch Amer, und sie setzten sich beide hin, um zu essen und auszuruhen; dann befahl Abbaas seinem Diener, Wasser zu holen, um die Pferde zu tränken und welches für die Reise mitzunehmen. Dieser nahm sofort den Schlauch und ging nach Wasser. Als er an den Brunnen gekommen war, fand er daselbst zwei Leute mit Stricken. Sowie sie den Amer erblickten, fragten sie ihn: »Wohin willst du, und von welchen Arabern bist du?« – »Füllt meinen Schlauch, ihr Männer, ich bin ein reisender Fremder; mein Gefährte wartet auf mich.« – »Du bist kein Reisender,« entgegnete ihm jener, »sondern du bist ein Kundschafter des Okeel.« Zugleich ergriffen sie ihn und brachten ihn zu Sohair, Sohn des Schabib. Als er vor ihn kam, fragte ihn dieser ebenfalls, von welchen Arabern er wäre und er beantwortete es ebenso wie das vorige Mal. Auf die Frage: »Woher kommst du, und wohin willst du?« antwortete er: »Ich will zu Okeel.« Sowie Sohair diesen Namen nennen hörte, zitterte er vor Wut und winkte seinen Leuten. Ruf die Frage, was er bei Okeel wolle, antwortete er, daß er nebst seinem Gefährten ihn besuchen wolle. Als Sohair dieses hörte, befahl er, den Amer zu enthaupten. Sein Wesir indes riet ihm davon ab, bis er auch seinen Gefährten in seiner Gewalt haben würde. Er befahl sogleich zweien Sklaven, ihn zu holen. Als sie bei Abbaas angekommen waren, riefen sie ihm zu: »Komm und gib dem Könige Sohair Red und Antwort.« – »Und was verlangt der König von mir?« fragte sie Abbaas. – »Das wissen wir nicht,« war die Antwort. – »Und wer hat den König von meiner Ankunft unterrichtet?« – »Wir waren eben Wasser holen gegangen, als ein Mann ankam, den wir befragten. Da er uns aber keine befriedigende Antwort gab, so schleppten wir ihn zum König Sohair. Diesem sagte er nun, daß er zu Okeel gehe. Okeel aber ist ein Feind des Königs, und deshalb hat dieser beschlossen, ihn anzufallen und seine Kinder fortzuführen, um seine Nachkommenschaft zu vernichten.« – »Und was hat denn Okeel getan, daß der König sich dieses vorgenommen hat?« – »Er hat sich verpflichtet,« erwiderten sie, »dem Könige jährlich tausend Pferde, zweihundert Sklaven und fünfzig Mädchen zu geben. Der König hat aber erfahren, daß Okeel damit umgehe, diesen Tribut nicht mehr zu zahlen; daher ist er nun entschlossen, ihn anzugreifen. Komm also bald mit uns, ehe der König sich erzürnt.« Da sprach Abbaas zu ihnen: »Bleibe indessen bei meinen Waffen und Pferden, bis ich zurückkehre.« »Du machst sehr viel Worte,« sagten sie zu ihm, »das ziemt dir gar nicht. Mache dich schnell auf; wo nicht, so bringen wir dem Könige deinen Kopf. Denn er will dich und deinen Gefährten ohnehin töten und deine Sachen rauben.« Als Abbaas dieses hörte, wurde er entrüstet, jagte ihnen durch seine Worte Furcht ein, sprang aufs Pferd und eilte zum Zelte des Sohair. Dort rief er mit lauter Stimme: »Zu Pferde, ihr Tapfern, zu Pferde!«, und zu gleicher Zeit richtete er seine Lanze nach dem Zelte Sohairs, um welches Schwertträger die Wache hielten. Auf diese stürzte er sich, durchbrach ihre Reihen und gelangte in das Zelt Sohairs, in welchem er diesen ganz allein sah. Hier rief er ihm zu: »O Sohair, genügt es dir nicht, dem Okeel einen Tribut auferlegt zu haben, willst du noch ihn und seine Nachkommen ausrotten? Weißt du nicht, daß er zum Geschlecht Kenda gehört, welcher ein Nachkomme des Schaiban ist, so berühmt durch seine Tapferkeit? Bist du so begierig, ihn wegen seiner Schätze zu überfallen, da du schon so viele seiner Tapfern getötet hast? Aber, bei Mohammed, ich werde dich den Tod kosten lassen!« Mit den Worten zog er sein Schwert heraus, hieb auf den König und spaltete ihn. In demselben Augenblicke trat sein Wesir herein, den er ebenfalls tötete. Plötzlich hörte er jetzt die Stimme Amers, der ihm zurief: »Komm, rette mich, sonst bin ich verloren!« Abbaas eilte zu ihm hin und fand ihn, zwischen vier Ketten gebunden, auf dem Rücken liegend. Sogleich löste er seine Banden und sprach: »Komm, Amer, und gehe mir voran!«

 

Neunhundertundzweiundsiebenzigste Nacht.

Amer tat dies, und als sie aus dem Zelte traten, fanden sie die Reiterei, zwölftausend Mann stark und angeführt von Sahal, dem Sohne Kaabs. Dieser ritt auf einem prächtigen schwarzen Rappen und hieb nach Amer, welcher sofort die Flucht ergriff. Nunmehr stürzte er sich auf Abbaas, welcher dem Amer zurief: »Siehe nur auf mein Pferd und beschütze meinen Rücken.« Jener tat dieses, und Abbaas stürzte sich in die Reihen der Reiter, brachte die Tapfersten zum Weichen und tötete beinahe zweitausend Mann derselben, ohne daß jemand wußte, woher die Niederlage käme, und wen sie zu bekämpfen hätten. Auch verbreitete sich unter ihnen das Gerücht von dem Tode des Königs. »Für wen sollen wir denn kämpfen?« sprachen sie nun, »da der König tot ist? Nun ist es Zeit, entweder vor dem Feinde zu fliehen oder sich unter seine Fahnen zu begeben.« Dies letztere befolgten sie denn auch, stiegen von ihren Pferden, legten ihre Waffen ab und begaben sich mit dem Zeichen der Untertänigkeit zu Abbaas, den sie für den Anführer eines großen Kriegsheeres hielten. Die Nachricht von diesem Ereignis verbreitete sich bald in der Umgegend, und von allen Seiten kamen die Leute zu Abbaas geströmt. Drei Tage hielt er sich auf dem Schlachtfelde auf, während welcher Zeit er von den erbeuteten Schätzen unter die zu ihm übergegangene Armee und unter die zu ihm gekommenen Bewohner der Umgegend Geschenke austeilte und ihre Huldigungen empfing. Sodann befahl er ihnen, zu Okeel aufzubrechen, bei welchem sie denn auch am siebenten Tage anlangten. Vorher befahl er seinem Diener Amer, ihm in das Lager Okeels voranzugehen und diesem seine Ankunft zu melden. Dieser entledigte sich seines Auftrags und meldete diesem zugleich den Tod Sohairs und den Sieg über dessen Scharen. Okeel freute sich ebenso über die Ankunft des Abbaas als über den Tod seines Feindes, und beides verbreitete Frohlocken in dem ganzen Lager. Amer wurde mit Ehrenkleidern bedeckt, und Okeel befahl sogleich, dem Abbaas entgegenzuziehen. Niemand durfte sich ausschließen, weder groß noch klein, weder Herr noch Knecht. Nach einem Zuge von drei Parasangen trafen sie ihn auch wirklich an. Abbaas und Okeel stiegen von ihren Pferden, umarmten sich, und im Triumph zog der erstere in Okeels Lager ein, wo für alle sehr prächtige Zelte errichtet wurden, in denen das ehemals feindliche Kriegsheer freundliche Aufnahme fand. Die kostbarsten Gemüse und seltensten Fleischarten wurden verteilt und königliche Gastmahle zwanzig Tage lang gefeiert.

Was unterdes den König Asis, den Vater des Abbaas, betrifft, so war er nebst seiner Gemahlin seit der Abreise seines Sohnes sehr betrübt. Als nun die Nachrichten von ihm so lange ausblieben und die zu seiner Rückkehr festgesetzte Zeit verstrichen war, befahl er, ein Kriegsheer zu versammeln und die Reiterei aufsitzen zu lassen. Drei Tage lang ließ er in seinen Staaten diesen Befehl kundtun mit dem Beifügen, daß keine Entschuldigung irgend eines Saumseligen angenommen werden würde. Am vierten Tage befahl der König, das Heer zu zählen, und es fand sich, daß es sich bis auf vierundzwanzigtausend Mann zu Roß belief, die Dienerschaft und den Troß ungerechnet. Darauf wurden die Fahnen erhoben und die Trommeln zum Aufbruch geschlagen, und das Heer zog nun, den König an der Spitze, geradeswegs nach Bagdad. Als sie nur noch eine halbe Tagereise von dieser Stadt entfernt waren, befahl er, daß das Heer an dem Orte, welcher die grüne Wiese genannt wurde, sein Lager aufschlagen sollte. Fast hätte es in dieser großen Ebene nicht Platz gehabt. Dem Könige wurde daselbst ein Zelt von grünem Damast, welches mit Perlen und Edelsteinen besetzt war, errichtet. Nach kurzem Aufenthalt daselbst verlangte der König, daß die fünfundzwanzig Mamelucken seines Sohnes, die sich mit bei dem Heere befanden, vorgeführt wurden. Von den zehn Mädchen, die seinem Sohne gehörten, und die von ausgezeichneter Schönheit waren, hatte der König bloß fünf mitgenommen; die übrigen hatte er bei der Mutter des Abbaas zurückgelassen. Als die Mamelucken erschienen, gab er jedem von ihnen eine gründamastne Mütze und befahl ihnen, Rosse zu besteigen, welche einander ganz gleich wären, sodann nach Bagdad zu reiten und sich dort nach ihrem Herrn, dem Abbaas, zu erkundigen. Sobald sie daselbst angelangt waren, durchstreiften sie Straßen und Märkte und erregten durch ihre Pracht so viel Aufsehen, daß niemand, weder alt noch jung, zu Hause blieb und alle sich aufmachten, um diesen schönen Anblick zu sehen. Endlich gelangten sie auch an das Schloß des Königs, welcher sie eben kommen sah und über ihre Schönheit, Pracht und jugendliche Gestalt ganz erstaunt war. »Ich möchte doch wohl wissen,« sagte er bei sich selbst, »von welchem Stamme diese Leute sind.« Zugleich befahl er einem seiner Verschnittenen, Kundschaft über sie einzuziehen.

Dieser eilte sofort zu ihnen und befragte sie. – »Gehe zu deinem Herrn,« sagten sie zu ihm, »und frage ihn nach dem Könige Abbaas, ob er etwa zu ihm gekommen ist. Denn bereits hat er den König, seinen Vater, seit länger als einem Jahre verlassen. Die Sehnsucht, seinen geliebten Sohn wiederzusehen, hat ihn bewogen, persönlich mit einem Teile seines Heeres auszuziehen und ihn zu suchen.« »Ist denn unter euch irgend einer seiner Brüder oder ein Sohn von ihm?« fragte sie der Verschnittene hieraus. – »Nein,« antworteten sie, »wir sind alle seine Sklaven, die er mit seinem Gelde gekauft hat; sein Vater, der König Asis, hat uns gesandt, um uns wegen ihm zu erkundigen. Gehe also zu deinem Herrn, frage ihn und bringe uns seine Antwort.« – »Wo ist denn der König?« fragte der Verschnittene weiter. »Er befindet sich auf der grünen Wiese,« war ihre Antwort. Der Verschnittene begab sich sogleich zum Könige zurück, um ihm seine Kunde mitzuteilen. Da merkte endlich der König und bereute es, daß er den Abbaas nicht nach Würden behandelt habe, ob er gleich vermutet hatte, daß er ein Königssohn sei. Wie er eben noch mit diesen Betrachtungen beschäftigt war, trat seine Gemahlin herein und bemerkte, daß er über irgend etwas sehr in Sorge sein müsse. »Was macht dir solchen Kummer?« fragte sie ihn. – »Erinnerst du dich noch an den jungen Fremden,« antwortete er, »welcher mir die zwei goldnen Kästchen mit den Rubinen verehrte?« – »Jawohl.« – »Siehst du die jungen Leute, die dort auf dem Schloßplatz versammelt sind? Das sind seine Mamelucken, und sein Vater Asis, der König von Yemen, ist auf der grünen Wiese mit seinem Kriegsheere, um ihn abzuholen.« Als die Königin das hörte, betrübte sie sich sehr, nahm vielen Anteil an Abbaas und riet zugleich dem Könige, die Mamelucken auf das köstlichste bewirten zu lassen. Diesen Vorschlag befolgte er sogleich, sandte seine Verschnittenen aus, um jene in schönen Häusern unterzubringen, und ließ ihnen zugleich sagen, sie möchten warten, bis er ihnen Nachricht von ihrem Herrn geben würde. Bei diesen Worten entrannen ihren Augen Tränen der Freude, weil sie nun hofften, ihren Herrn bald wiederzusehen. Der König aber riet seiner Gemahlin, sich hinter das Gitterwerk zu verbergen, während er die Mamelucken vorfordern lassen würde. Als sie erschienen, küßten sie die Erde vor seinen Füßen und erwiesen ihm die größten Ehrenbezeigungen. Er lud sie ein, sich zu setzen; sie schlugen es aber aus, bis er sie endlich im Namen ihres Herrn, des Abbaas, darum bat; da taten sie es endlich, und nun wurden ihnen alle Arten Speisen, Früchte und Zuckerwerk vorgesetzt. Während sie speisten, schickte die Königin Affife zu ihrer Tochter Maria und ließ ihr sagen, sie möchte doch zu ihr kommen. Es ging nämlich von dem Gemache aus, in welchem sich die Königin befand, ein unterirdischer Gang bis zum Schlosse Marias. Durch diesen Gang begab sich diese nun ungesehen hinter das Gitterwerk zu der Königin. Sobald sie daselbst angelangt war, zeigte ihre Mutter ihr an, daß Abbaas der Sohn des Königs von Yemen gewesen sei, daß die Anwesenden seine Mamelucken seien, und daß sein Vater mit seinem Heere auf der grünen Wiese angelangt sei, um ihn zu suchen. Maria betrachtete nun voll Verwunderung diese Mamelucken und die Schönheit ihres Anzuges. Als sie gespeist hatten, wiederholte ihnen der König nochmals, was er ihnen bereits von Abbaas gesagt hatte, und verabschiedete sie alsdann. Nachdem Maria in ihr Schloß zurückgekehrt war, dachte sie an alles, was zwischen ihr und Abbaas vorgefallen war, und bereute innigst, daß sie ihn auf eine so schnöde Art behandelt hatte. Nunmehr faßte die Liebe zu ihm in ihrem Herzen Wurzel. Sowie die Nacht herangenaht war, befahl sie ihrer ganzen Dienerschaft, sich zu entfernen, und nun nahm sie alle die Briefe vor, die sie von Abbaas empfangen hatte, um sie durchzulesen. Dies Geschäft machte sie nun so traurig, daß sie die ganze Nacht mit Weinen zubrachte. Als der Morgen anbrach, rief sie eines ihrer Mädchen mit Namen Schafike. Sowie diese kam, sagte sie zu ihr: »Ich habe dir etwas mitzuteilen, was mich sehr betrübt, wobei ich aber von dir das strengste Geheimnis verlange. Ich wünschte nämlich, daß du zu der Frau des Kaufmanns gehst und sie zu mir führest; denn ich bedarf ihrer in einer sehr traurigen Angelegenheit.«

 

Neunhundertunddreiundsiebenzigste Nacht.

Das Mädchen befolgte den Befehl der Prinzessin und ging zu der Frau hin. Als sie eintrat, fand sie dieselbe in weit schönerem und köstlicherem Schmucke als gewöhnlich. Sie grüßte sie und fragte sie sogleich: »Woher hast du dieses schöne Gewand und diesen Schmuck, desgleichen man nichts Schöneres finden kann?« – »O Schafike,« antwortete jene, »du glaubst wohl, daß man nur bei deiner Fürstin etwas Schönes und Gutes sehen kann. Bei Gott, ich habe mich sehr bestrebt, ihr zu dienen, dennoch aber hat sie mich auf eine schändliche Art behandelt, so, daß sie sogar den Verschnittenen befahl, mich zu schlagen. Sage ihr nunmehr, daß derjenige, für den ich mich bei ihr verwendet hatte, mich in die Lage gesetzt hat, ihrer entbehren zu können und ihren bösen Launen für immer zu entgehen. Er hat mir viele schöne Kleider verehrt, hat mir zweihundertundfünfzig Goldstücke gegeben, welche Summe er mir für alle Jahre festgesetzt hat, und hat mir verboten, irgend jemandem zu dienen.« Da sprach Schafike: »Aber die Fürstin hat dich in einer Angelegenheit sehr nötig; komm also mit mir, ich bringe dich nachher in Frieden wieder zurück.« Jene antwortete indes: »Ihr Schloß ist mir von nun an verboten, und nie werde ich es wieder betreten. Gott sei ewig gepriesen, daß ich nun ihrer entbehren kann!« Schafike ging zurück und überbrachte der Fürstin die Antwort ihrer ehemaligen Dienerin. Auch erzählte sie ihr von dem Wohlstand, worin sie dieselbe angetroffen hätte, und die Fürstin mußte bekennen, daß sie gegen diese Frau den Anstand verletzt hatte, und bereute nun, aber zu spät, ihre Übereilung. So verbrachte sie mehrere Tage, während welcher Zeit das Feuer der Sehnsucht immer tiefer in ihr Herz drang.

Was unterdes den Prinzen Abbaas betrifft, so war er bei seinem Vetter Okeel zwanzig Tage geblieben, worauf er sich zur Reise nach Bagdad anschickte. Vorher aber ließ er die Beute, die er von dem Könige Sohair gemacht hatte, vorbringen und teilte sie mit seinem Neffen. Als er ungefähr zwei Tagereisen von Bagdad entfernt war, befahl er seinem Diener Amer, sein bestes Pferd zu besteigen und ihm mit der Karawane voranzugehen, welche die Beute fortschaffte. Diesen Befehl befolgte jener und langte bei Anbruch des Tages in Bagdad an. Da blieb selbst kein Kind zu Hause und kein Greis in seiner Wohnung, sondern alle eilten diesem prunkvollen Zuge von erbeuteten Schätzen, Lasttieren und Sklavinnen entgegen. Abbaas, der diesem Zuge folgte, wurde bald erkannt, und die Leute waren trunken vor Freude, ihn wiederzusehen. Bald gelangte auch zum Könige die Nachricht, daß Abbaas, der junge Mann, der von ihm weggereist war, nunmehr mit unendlichen Schätzen, Geschenken, Sklaven und Truppen einziehe. Er selber sei noch vor der Stadt, Amer aber, sein Diener, wäre soeben eingerückt, um für seinen Herrn Wohnungen einzurichten. Sobald der König das hörte, schickte er sogleich zu Amer und ließ ihn vor sich fordern. Dieser erschien alsbald vor dem Könige, neigte sich zur Erde und bezeigte dem Könige seine Ehrfurcht. Dieser befahl ihm, aufzustehen, und befragte ihn wegen Abbaas. Amer benachrichtigte ihn auf das genaueste von alledem, was vorgefallen war, und daß Abbaas am andern Morgen selbst seinen Einzug an der Spitze von fünfzigtausend Mann halten würde. Der König befahl nun sogleich, daß die Gebäude mit kostbaren Teppichen behangen würden, und daß wegen der Ankunft des Abbaas niemand anders als in festlichen Kleidern ausgehen solle. Zugleich sandte er dem Könige Asis die frohe Nachricht von der Ankunft seines Sohnes Abbaas und benachrichtigte ihn umständlich von allem, was er von Amer gehört hatte. Sobald der König Asis die Nachricht von der Ankunft seines Sohnes vernahm, freute er sich außerordentlich. Er bestieg sogleich sein Roß, alle seine Soldaten mußten aufsitzen; die Pauken wurden geschlagen, und die schönste kriegerische Musik ertönte von allen Seiten, so daß die Erde erbebte und dieser Tag für Bagdad ein höchst merkwürdiger Tag war. Da Maria nun alles dieses sah, nahm ihre Reue immer mehr zu. Die Truppen wurden nun alle befehligt, dem Heere des Abbaas entgegenzugehen. Dieser war in einer Gegend gelagert, welche die grüne Insel hieß. Als er nun die Truppen immer näher kommen sah, betrachtete er sie genauer und sprach zu seinen Gefährten: »Ich sehe unter diesen Haufen von Kriegern eine Menge verschiedener Fahnen. Die große grüne Fahne aber erkenne ich für diejenige meines Vaters, die immer in seiner Nähe ist. Gewiß ist er ausgezogen, um mich zu suchen.« Endlich kamen sie noch näher, und er erkannte sie nun ganz genau. Sie stiegen beiderseits von den Pferden, und er wurde von allen begrüßt und bewillkommnet. Sowie er aber zu seinem Vater kam, umarmten sie sich und konnten vor Freuden kaum sprechen. Abbaas befahl sodann seinen Leuten, aufzusitzen, seine Leibmamelucken umgaben ihn, und so zogen sie in Bagdad mit der größten Pracht ein. Die Frau des Kaufmanns war ebenfalls mit den übrigen aus der Stadt gegangen, um diese Pracht zu sehen. Als sie nun den Abbaas erblickte und seine Schönheit, den Glanz seines Heeres sowie auch die erbeuteten Schätze und Sklaven bemerkte, sagte sie folgende Verse her:

»Abbaas kommt nun von Okeel zurück mit erbeuteten Schätzen und Reichtümern.

Zahlreiche Pferde führt er mit sich, gleich Opfertieren kostbar behangen, von deren Hufen die Erde erdröhnt.

Auf ihren Sätteln sind Männer, welche die Pauken schlagen, deren Wirbel, vereinigt mit dem Wiehern der Pferde, den Verstand betäubt.

Wer sich ihnen feindlich naht, denen kommt der Tod entgegen von den Stößen der Spitzen.

Freuet euch, ihr Freunde, und rufet mit mir fröhlich aus: Willkommen seiest du, erhabener Freund!

Man freue sich wegen seiner Ankunft und frohlocke und nehme die Geschenke seiner Freigebigkeit in Empfang!«

Als sie in die Stadt angekommen waren, begab sich jeder in die ihm bestimmte Wohnung. Abbaas aber begab sich allein in die Nähe des Tigris, ließ täglich für seine Truppen schlachten, backen und sie im Freien speisen, wozu sich die Leute aus der Stadt haufenweise herandrängten und mitaßen. Auch verbreitete sich die Nachricht von seiner Ankunft bis zu den Wüstenbewohnern und zu den entfernteren Gegenden, von woher diese denn ebenfalls nach Bagdad kamen und ihm Geschenke brachten. Endlich aber begab sich Abbaas in das Haus, das er früher gekauft hatte, und der Kaufmann und seine Frau eilten, ihn zu bewillkommnen. Er befahl nun, daß sogleich ihrem Manne drei der kostbarsten Pferde vom ältesten Stamme, zehn Kamele und hundert Stück anderes Vieh überantwortet würden, außerdem schenkte er ihnen noch die kostbarsten Stoffe zu Anzügen. Ferner ließ er zehn Mädchen und zehn Sklaven, fünfzig der schönsten Pferde und fünfzig der besten Kamele sowie dreihundert Stücke geringeres Vieh, zwanzig Unzen Muskus und ebensoviel Unzen anderer Wohlgerüche dem Könige von Bagdad senden. Als dieses kostbare Geschenk dem Könige überreicht wurde, war er davon sehr angenehm überrascht, aber auch ebenso verlegen, wie er dies Geschenk erwidern sollte. Abbaas beschäftigte sich unterdessen immerfort mit Austeilen von Geschenken an Vornehme und Geringe, jedem nach Maßgabe seines Standes und seiner Würde; nur Maria empfing nichts. Dies schmerzte und beleidigte sie außerordentlich.

Voll Betrübnis darüber, daß er ihrer gar nicht gedachte, wandte sie sich daher an ihre Sklavin Schafike und befahl ihr, zu Abbaas zu gehen, ihn zu grüßen und ihm zu sagen: »Was hält dich denn ab, daß du meiner Gebieterin nicht auch einen Teil von deiner Beute schickst?« – Mit diesem Auftrage begab sich die Sklavin sofort zu Abbaas. Als sie indes bei seinem Hause ankam, hielten sie die Kammerherren ab, bis zu ihm zu gelangen, bevor sie nicht seine Erlaubnis eingeholt hätten. Sie erhielten diese, und als sie hereingetreten war, erkannte er sie und merkte, daß sie ihm etwas mitzuteilen hätte, weshalb er den Mamelucken gebot, sich zu entfernen. »Was bringst du?« sagte er zu ihr, als sie allein waren. – »Ich bin die Sklavin der Fürstin Maria,« antwortete jene; »sie küßt dir die Hände, grüßt dich und ist sehr erfreut über deine glückliche Rückkunft – aber ebenso betrübt ist sie auch, und sie macht dir auch deshalb Vorwürfe, daß du sie so sehr allen Leuten nachgesetzt hast. Groß und klein hat von dir Geschenke erhalten, und du hast dennoch ihrer, gleich als wenn du hartherzig gegen sie wärest, nicht gedacht.« – »Gott sei gelobt, der die Herzen ändert!« antwortete er; »ich gestehe, mein Herz war ganz voll von Liebe für sie, und aus Sehnsucht nach ihr habe ich mein Land, meine Familie und mein Vermögen verlassen. Nicht bei mir, sondern bei ihr begann die Hartherzigkeit. Doch ungeachtet alles dessen will ich es sie nicht entgelten lassen, sondern ich will ihr doch etwas schicken, was ihr zur Erinnerung dienen mag; denn ich bleibe in ihrem Lande nur noch wenige Tage und gehe von hier sehr bald wieder nach Yemen ab.« Zugleich befahl er, daß ihm ein Kasten gebracht würde. Aus diesem zog er eine prächtige Halsschnur von griechischer Arbeit, tausend Goldstücke an Wert, hervor, tat sie in einen Beutel von grüner Seide, der mit Perlen und Edelsteinen besetzt und mit Gold durchflochten war, legte dann noch zwei Kästchen mit Muskus und Ambra hinein und beschenkte die Sklavin mit einem seidnen griechischen Kopfputze, worauf allerhand Figuren in Gold gestickt waren. Sie empfahl sich nun und ging voll Freuden zu der Fürstin Maria, welcher sie alles genau erzählte, was sie von Abbaas gesehen und vernommen hatte. Zuletzt überreichte sie ihr auch das für sie bestimmte Geschenk.

Als Maria das prächtige Halsband sah, welches von dem Reichtume des Gebers zeugte, sah sie ihre Sklavin an und sprach: »Bei Gott, Schafike, ein einziger Blick auf ihn selbst ist mir lieber als alles, was ich besitze. O hätte ich ihn doch nie gesehen und nie etwas von ihm gehört!« Nachdem sie sich noch eine Zeitlang ihren betrübten Gedanken überlassen hatte, ließ sie sich ein Schreibzeug und Papier bringen und schrieb folgende Verse:

»Wie lange dauert schon mein Harren, und wie lange brennt schon das Feuer in meiner Brust! Der schmerzhafteste Pfeil der Trennung ist in mich eingedrungen und verletzt mich!

Sooft ich mich zwingen will, deine Liebe zu vergessen, so führt mich meine Sehnsucht und mein Verlangen wieder zu dir zurück.

Ich verbarg meine Liebe aus Furcht vor den Beobachtern; aber die häufigen Tränen auf meinen Wangen verrieten, was in mir vorging. Der schönste Ort, das anmutigste Leben, ja die größten Ergötzlichkeiten, nichts freut mich ohne dich.

Das Feuer der Liebe, welches mich verzehrt, freuet mich, während mich die Trennung vernichtet und die Sehnsucht mir schlaflose Nächte verursacht.

Es vergeht keine Nacht, wo ich nicht dein Bild im Traum erblicke; doch sehe ich in dir nicht einen, der mich wiederliebt.

O möchtest du doch wissen, was ich wegen deiner Liebe erdulde, während du mich mit deiner Entfernung betrübest.

Lies meinen Brief und verbirg seinen Inhalt; es ist meine Geschichte und zeigt dir, wie mich das Schicksal verfolgt.

Siehe das Unglück, welches mich trifft, und bewahre mein Geheimnis vor jedermann.«

Sie legte nun den Brief zusammen und übergab ihn sogleich dem Mädchen, um ihn zu Abbaas zu tragen und Antwort darauf zu bringen. Diese begab sich nun zu ihm, und als sie eingelassen wurde, fand sie bei ihm fünf Mädchen, die an Schönheit den Vollmond übertrafen, und die mit Schmuck und kostbaren Gewändern bekleidet waren.

 

Neunhundertundvierundsiebenzigste Nacht.

Als Abbaas Schafiken erblickte, fragte er sie: »Was ist dein Begehr?« Statt aller Antwort küßte sie den Brief und überreichte ihm denselben. Er aber befahl einer seiner Sklavinnen, ihr denselben abzunehmen, und von dieser nahm er ihn sodann an, und als er ihn gelesen hatte, sagte er: »Wir gehören Gott an, und wir müssen alle dereinst zu ihm zurückkehren.« Zugleich ließ er sich Feder und Papier geben und schrieb folgende Verse:

»Wie befremdet es mich, zu sehen, daß du dich zur Liebe neigst, nun, da mein Herz von der Liebe zu dir sich abgeneigt fühlt.

Einst schriebst du mir: »In Versen hast du zwar deinen Brief geordnet, aber mit Söhnen des Weges lasse ich mich nicht ein.

wie viele Könige sind schon zu mir gekommen mit Heeren, und schwer belastete Kamele folgten ihnen,

Kostbare Pferde von altem Geschlecht und ebenso edle Kamelmütter nebst allem, was nur ausgezeichnet ist.

Und wer ist denn dieser?« fragtest du. Ich bin es, der gekommen war, Vereinigung mit dir zu suchen; doch ich übergehe alles, was sich seit meiner Liebe zugetragen hat.

Du warst es, die du dich von mir entferntest und mir Beleidigungen antatest, die kein Freund ertragen kann.

Häufig sind in der Liebe Streitigkeiten und Trübsal, und selten gibt es einen Geliebten, der nicht Ursache hat, zu klagen.

Nur den bittern Kelch der Liebe habe ich genossen und Trübsal empfunden, deren Wiederholung nichts nützt.

Du sagtest mir stets: »Geduld und Ertragung ist die schönste Pflicht und bringt dem, der sie ausübt, nichts als Gutes.«

Übe du nun diese schöne Pflicht der Geduld aus; sie ist lobenswürdig, und sie zu befolgen, wird dir leicht sein.

Du hörst, was ich dir nun sage. Merke dir es und wisse, daß ich mit dem, was du wünschest, nichts zu schaffen haben mag.«

Nun faltete er den Brief und übergab ihn dem Mädchen. Diese nahm ihn und überreichte ihn der Fürstin. Als diese ihn gelesen hatte, sagte sie: »Es scheint, als wenn er das Vergangene wieder in Erwähnung bringen wollte.« Und schnell rief sie sodann nach Feder und Papier und schrieb folgendes:

»So lange hast du mir die Liebe angetragen, bis ich sie nun selbst empfinde, und jetzt verfolgt mich der Trennungsschmerz, der mit jedem Tage zunimmt.

Der Schlaf fliehet von mir, und auf meinem Ruhekissen finde ich seit deiner Trennung keine Erholung.

Du hast mich die Liebe kennen gelehrt, die ich vorher nicht kannte; nun aber zeigst du mir auch, wie unaussprechlich ihr Schmerz ist.

Ich beschwöre dich, laß mich nicht länger deinen Unmut fühlen. Sei wieder der Liebekranken günstig, welche vom Trennungsschmerz tief gebeugt ist.

Es wäre ein harter Schlag, der mich dem Grabe nahe bringt, und der mit dem Leichentuche endigen wird.

Du hast mich verlassen in dem Augenblicke, wo die Liebe auf mich ihre stärkste Macht ausübt, und wo ich die brennendsten Schmerzen erleide.«

Maria schloß hier ihren Brief und übergab ihn dem Mädchen. Diese hatte viel Mühe, um vor Abbaas vorgelassen zu werden, und als sie eintrat, fand sie ihn umgeben von den fünf schönen, bereits erwähnten Mädchen, die ihm sein Vater mitgebracht hatte. Als Abbaas Schafiken sah, befahl er einer von den fünfen namens Chasife, einer Sineserin, ihr den Brief abzunehmen, und hieß sie dann, nachdem er ihn gelesen hatte, die Laute zu stimmen und etwas über die Trennung zu singen. Dieses tat sie denn auch, nachdem sie ihre Kunst in der Laute durch ein Vorspiel in vierundzwanzig Tonarten bewiesen hatte, in folgenden Versen:

»Sie haben uns verlassen, die Freunde, am Tage des Aufrufs zum Abgange und stürzen uns in alle Unglücksfälle der Trennung.

An jenem Tage, wo die Kamele ihre Lasten erhoben und ihr Anführer das schreckliche Zeichen zum Aufbruche gab,

Da flossen meine Tränen, da bemächtigte sich meiner Verzweiflung, da floh von meinen Augen der Schlaf.

So sehr ich auch weinte, niemand bemitleidete mich. Ich streckte meine Arme nach den Abreisenden aus, und unaufhaltsam eilten sie weiter.

Ach, ihr Augen, wie viel habt ihr geweint! Ach, du Seele, wie viel brennenden Schmerz hast du erlitten! Ach ihr Seufzer, welche das härteste Herz zu schmelzen vermocht haben würden, wie groß ist eure Zahl, die ich ausgestoßen habe!

Wem soll ich nun klagen, was in mir vorgeht? Dir kann ich es nicht, der du von mir gegangen bist.

Das Feuer meiner Liebe nimmt täglich zu, und die Ursache meines Schmerzes entfernt sich mit jedem Tage.

O sanfter Morgenwind, wehe meinen Schmerz hinweg; aber treu will ich bleiben meinem Bündnisse.

Sooft du über den Wohnort meines Geliebten hauchest, so gieße über ihn meine Glückwünsche und meinen Segen aus als mein höchstes Ziel.

Überschütte ihn mit Wohlgerüchen des Muskus und der Ambra stets und zu jeder Zeit; das ist mein letzter Wunsch.«

Als sie geendigt hatte, war Abbaas so gerührt, daß er seiner nicht mehr mächtig war und in Ohnmacht fiel. Nachdem sie ihn mit Rosenwasser besprengt hatten, kam er wieder zu sich und rief ein anderes Mädchen mit Namen Hasise, eine Türkin, um ebenfalls etwas über die Trennung zu singen, welches sie mit folgenden Worten tat:

»O mein Freund, meine Augen überströmen von Tränen, und mein Herz ist von den Qualen der Trennung ergriffen.

Mein Körper wird schwach wegen der Qualen meines Gemüts, die Sehnsucht der Liebe nimmt zu, und die Seufzer dauern ununterbrochen fort.

Nur ein Mittel bleibt mir, wenn, der Verzweiflung nahe, das Feuer der Liebe in meinem Innern wütet, Dies ist: es durch Tränen abkühlen.

Doch nichts kann helfen, mein Körper wird dem Schmerze unterliegen; die Trennung wird ihn töten.«

Als sie geendet hatte, lobte sie Abbaas und rief ein andres Mädchen auf, die aus Dilem gebürtig war, mit Namen Morgane, und sprach: »Morgane, schildere du mir einmal die Trennung.« Diese tat es mit folgenden Morten:

Ȇbet Geduld; denn sie ist eine Tugend, deren Befolgung immer Segen bringt. So bezeugen es alle Geschichten.

Wieviel habe ich Ursache gehabt, mich über Unglück zu beklagen! Dem Tode war ich schon nahe wegen der vielen erduldeten Schmerzen.

Wie viele Nächte habe ich durchwacht, wo ich die Sterne, Zeugen meines Schmerzes, beobachtete. Wie viele bittre Kelche habe ich geleert!

Wie glücklich fühlte ich mich, wenn nur im Traume du mir einmal erschienst, obgleich beim Erwachen mein Schmerz dann nur noch größer ward.

Doch nun hat Gott meine Liebe zu dir aus meinem Herzen verbannt, nachdem ich nur im Andenken an dich meine Wonne fand.

Morgen reise ich ab und verlasse euer Land. Ihr werdet mich fortziehen sehen.

Fürchtet aber nichts für mich, wenn ihr mir fern sein werdet; auch weiß ich nicht, ob ich je von euch Nachricht erhalten werde.

Wer weiß, ob, wenn uns dasselbe Haus einst vereinigt gesehen hätte, unser Leben glücklich und ohne Ungemach gewesen wäre.«

Als das Mädchen geendet hatte, lobte er sie und sprach: »Du hast gesungen, was mir selbst in den Sinn gekommen ist, du hast gesprochen, als hättest du mit meiner Zunge geredet.« Nun winkte er dem vierten Mädchen, welches eine Ägypterin war und Sittulhusni hieß, befahl ihr, ihre Laute zu stimmen und über denselben Gegenstand zu singen. Sie tat es mit folgenden Worten:

»O Geduld, wie schön bist du; denn nach Bedrängnis kommt Erleichterung. Alles hat seine Zeit und jedes Mittel seine Bestimmung.

Wenn auch die Zeit manchmal trübe ist, so ist die Ursache, daß sich ihre Augenblicke verändern; daher ist der Mensch (wegen mancher seiner Handlungen) zu entschuldigen.

Das sind Veränderungen des Schicksals, die Gott eintreten läßt, und denen die Armen und Unglücklichen ebensowohl unterworfen sind als die Reichen und vom Glück Begünstigten.

Nur rette deine Ehre und vertraue dein Geheimnis nur einem Mann von edler Herkunft an,

Bei dem es verborgen bleibt, und wenn du es ihm offenbarest, so tue es aus Achtung für ihn; jedem andern hüte dich, es auszuplaudern.«

Als sie geendigt hatte, sagte er: »Gut, Sittulhusni, du hast den Mißmut aus meinem Herzen zerstreut.« Zugleich winkte er dem fünften Mädchen, einer Perserin, mit Namen Mardye, und sprach: »Stimme deine Laute und singe über denselben Gegenstand; denn bald machen wir uns auf den Weg nach Yemen.« Sie sang folgendes:

»O Freund meines Herzens, wie ist mein Blick trübe, (wenn er dich nicht antrifft). Sind wir aber einst vereint, so möge der Ort, wo ich mich aufhalte, auch stets der deinige sein.

O Bewohner meines Herzens, in dem nur du thronest, ich lasse mein Leben für dich, wenn du dich nie von mir trennest.

Schenke mir dein Wohlwollen zum Trotz der Feinde; dann wird meine Schwermut und mein Kummer mich verlassen.

Um dein Wohlwollen bitte ich dich, wenn du es vergönnst, so wird dasselbe mir zur größten Ehre gereichen und mich unter den Leuten so erscheinen lassen, als ob ich mit dem schönsten Ehrenkleide angetan wäre.«

Als sie geendet hatte, weinten sie alle, und Abbaas lobte sie. Dieses alles aber geschah in Gegenwart der Schafike, welche ganz bezaubert war von der Schönheit dieser Mädchen und von ihrer Kenntnis. Sie bat nunmehr um die Erlaubnis, sich fortzubegeben, und kehrte nun ohne Brief und ohne Antwort zur Fürstin Maria zurück.

 

Neunhundertundfünfundsiebenzigste Nacht.

Als sie bei Maria angekommen war, erzählte sie ihr alles, was sie bei Abbaas gesehen und gehört hatte, sowie auch, daß er entschlossen sei, bald in sein Vaterland zu reisen. Als Maria dies hörte, weinte und seufzte sie und starb fast vor Betrübnis. Sie warf sich auf ihr Ruhekissen, worauf sie lange Zeit unbeweglich liegen blieb. Endlich rief sie die Schafike und sprach: »Dir will ich anvertrauen, was ich fühle. Gott weiß es, ich werde sterben! wenn ich daher meinen letzten Atemzug ausgehaucht habe, so nimm die Halsschnur und den Beutel, den mir Abbaas geschenkt hat, und trage sie ihm zurück. Sage ihm zugleich, daß ich nicht mehr bin; dann wird er ihren Anblick nicht mehr ertragen und nach mir nicht mehr leben können. Wenn nun Gott auch über ihn mein Schicksal ergehen läßt und er selbst nicht mehr sein wird, so ist mein letzter Wille, daß man uns vereinige und in dasselbe Grabmal begrabe.«

Maria veränderte sich hierauf sichtlich, und ihre Farbe wurde immer bleicher. Da nun Schafike ihre Gebieterin in diesem Zustande sah, so benachrichtigte sie ihre Mutter davon und sagte, daß sie jetzt nun auch zu essen und zu trinken sich weigere. – »Seit wann geschieht das?« fragte die Mutter. – »Seit gestern,« war Schasikens Antwort. Dies bekümmerte ihre Mutter außerordentlich; sie begab sich sogleich zu ihr und fand sie in einem Zustande, der dem Tode nahe war. Als sie sich neben ihr Kopfkissen gesetzt hatte, öffnete sie die Augen und erblickte ihre Mutter. Da suchte sie sich, so gut sie konnte, aufzurichten, und ihre Mutter fragte sie, was ihr fehle. Sie antwortete: »Ich bin ins Bad gegangen; das hat mich sehr geschwächt, und es ist mir davon ein Kopfschmerz zurückgeblieben, den ich kaum ertragen kann. Ich bitte Gott, daß er bald vergehen möge.« Als ihre Mutter sich wieder entfernt hatte, fing Maria an, das Mädchen sehr zu schelten, daß sie jener etwas gesagt hatte. »Der Tod ist mir lieber,« fügte sie hinzu, »als ein solches Leben; aber unterstehe dich ja nicht, irgend jemandem etwas von mir zu sagen.« Kaum hatte sie ausgeredet, als eine lange Entkräftung sie überfiel. Sowie sie wieder zu sich selbst kam, sah sie das Mädchen weinen. Sie erinnerte sich sogleich an den ihr früher gegebenen Befehl und band das Halsband ab sowie den Beutel, den sie ebenfalls auf ihrem Körper trug, und sprach zu ihr: »Binde dieses in ein Tuch, trage es zu Abbaas und schildere ihm die Sehnsucht, die ich habe, die Welt zu verlassen und seiner Entfernung durch die meinige zuvorzukommen.« Schafike nahm dieses und ging damit zu Abbaas, den sie ganz mit seiner Abreise nach Yemen beschäftigt fand. Als sie ihm aber das Tuch samt seinem Inhalt überreichte und er das Halsband und den Beutel darin fand, geriet er in den höchsten Zorn, und seine Augen funkelten vor Wut. Als Schafike ihn in diesem Zustande sah, sagte sie zu ihm: »O edler Herr, meine Gebieterin schickt dir dieses nicht aus Verachtung zurück, sondern sie ist dem Tode nahe und findet, daß du allein würdig bist, diese Sachen wieder in die Hände zu bekommen.« Da sprach Abbaas: »Was ist die Ursache ihres Zustandes?« »Du weißt es am besten,« erwiderte sie; »denn, bei Gott, ich kenne weder unter Arabern, noch unter fremden Völkern, noch unter den Königssöhnen einen, der ein unempfindlicheres Herz hätte als du. Wie kann es dir so leicht fallen, das Leben der Maria zu verbittern, so daß sie es bedauert, auf der Welt zu sein, und sie dieselbe nun wirklich bald wegen dir verlassen wird. Bei Gott, unter den Königstöchtern ist keine, die ihr gleicht.« Abbaas wurde durch diese Rede sehr gerührt, und es war ihm keineswegs gleichgültig, Maria so leidend zu wissen. Daher fragte er Schafiken, ob sie ihm könne eine Unterhaltung mit Maria verschaffen, »vielleicht gelingt es mir,« fügte er hinzu, »sie zu beruhigen.« Als sie ihm dieses versprochen hatte, begab er sich mit ihr ins Schloß. Nach ihrem Eintritt in die Gemächer der Maria verschloß Schafike alle Türen, und als er in das Zimmer der Fürstin trat, fand er sie auf einen Teppich ausgestreckt liegen. Ihr Gesicht glich der untergehenden Sonne. Um sie herum lagen mit Straußenfedern ausgestopfte Polster; sie selbst aber bewegte kein Glied. Als Schafike sie in diesem Zustande sah, glaubte sie, sie wäre tot, und wollte schon das Schloß mit ihrem Klagegeschrei anfüllen, allein Abbaas hielt sie davon ab. »Warte,« sprach er, »bis wir genau uns überzeugen; und sollte Gott ihren Tod beschlossen haben, so öffne mir die Türe und laß mich unbemerkt wieder hinausgehn: dann kannst du tun, was dir beliebt.« Hierauf näherte er sich der Maria, legte seine Hand auf ihre Brust und fühlte, daß ihr Herz noch ganz leise schlug, und daß noch Leben in ihr wäre. Er berührte nun ihre Wange; da öffnete sie ihre Augen, blickte die Schafike an und fragte sie durch Zeichen, wer das wäre, der ihren Teppich beträte und sich in ihr Gemach gewagt hätte. Diese näherte sich ihr und sprach: »O Fürstin, es ist der König Abbaas, wegen welchem du das Leben zu verlassen wünschtest.« Sobald Maria hörte, daß es Abbaas wäre, hob sie ihre Hand unter der Decke empor, legte sie auf den Hals des Abbaas und strengte ihre Kräfte an, um sich etwas aufzurichten, worauf sie sich eine geraume Zeit unterhielten. Dann wandte sie sich an Schafike und befahl, etwas zu essen zu bringen. Dies wurde auch bald herbeigeholt, und sie aßen, ohne zu fürchten, daß jemand sie stören könnte. Als schon der Morgen beinahe anbrach, sprach Abbaas: »Nun ist es Zeit, daß ich mich aufmache und zu deinem Vater gehe, auf daß ich um dich anhalte, wie es unser Gesetz und unsere Religion vorschreibt.« – »Bei Gott,« sprach Maria, »das ist ein schöner Vorschlag.« Abbaas begab sich nunmehr nach seinem Hause zurück. Am andern Morgen begab er sich zu seinem Vater, der auf der grünen Wiese am Ufer des Tigris seine Zelte aufgeschlagen hatte, die so zahlreich waren, und die wegen ihrer großen Menge so nahe aneinander ausgeschlagen werden mußten, daß niemand dazwischen wegen der sich durchkreuzenden Stricke, womit sie befestigt waren, gehen konnte. Als Abbaas dem Lager nahe kam, erkannten ihn die Truppen, und einige Abteilungen begaben sich sogleich zu ihm und bezeigten ihm ihre Ehrerbietung. Endlich näherte er sich auch dem Zelte seines Vaters, der, sowie er seine Ankunft vernahm, ihm sogleich entgegenging, ihn umarmte und ihn mit sich in sein Zelt nahm. Als sie einige Zeit sich unterredet hatten, sprach der König zu seinem Sohne: »Nun ist es Zeit, dich zur Rückkehr zu bereiten; denn die Untertanen sind in unserer Abwesenheit wie eine Herde ohne Hirten.« Da blickte Abbaas seinen Vater an, und eine große Traurigkeit bemächtigte sich seiner. Als er sich wieder erholt hatte, sagte er folgende Verse:

»Ich habe ihn umarmt und bin trunken worden von dem entzückenden Muskusgeruche, ich habe mich ergötzt an dem Anblicke dieses schlanken Zweiges.

Trunken wurde ich von dem Weine, der aus seinem Munde floß, doch noch trunkner von der Wonne seiner Liebe.

Die Schönheit hat auf ihre Wangen ihr Siegel aufgedrückt, und alles, was schön ist, widmet sich ihr als Sklave; daher herrscht sie auch über die Herzen.

Wie kann man mich schelten, sie zu lieben, nachdem die Sehnsucht mich von ihren Lippen nehmen ließ, was ich nahm.

Bei Gott, nie wird in meinen Sinn kommen, sie zu vergessen, solange mich noch das Leben fesselt.

Nur in Liebe zu ihr will ich leben, und in der Liebe zu ihr will ich sterben! Wie wonnevoll ist das für mich!«

Als er geendet hatte, sprach der Vater zu ihm: »Bei Gott, mein Sohn, gibt es etwas, was du nicht erreichen kannst, so eile ich, dir alle meine Schätze anzubieten, um dir dazu zu verhelfen.« – »O mein Vater,« antwortete Abbaas, »ich habe freilich ein sehr beunruhigendes Anliegen, wegen welchem ich auch mein Land und meine Familie verlassen und mich vielen Mühseligkeiten ausgesetzt habe. Ich bitte dich, du wollest mir mit deiner einsichtsvollen Weisheit dazu verhelfen.« – »Was kann ich tun?« fragte der Vater. – »Ich bitte dich, du mögest gehn und für mich um Maria, die Tochter des Königs von Bagdad, anhalten; denn mein Herz ist ganz für sie eingenommen.« Er erzählte hierauf seinem Vater alles umständlich, was sich zwischen ihm und Maria zugetragen hatte. Als der König dieses hörte, stand er sogleich auf, befahl, daß man ihm das Pferd, an dem die Reihe war, vorführte, und mit ihm begaben sich zugleich vierundvierzig Fürsten, die vornehmsten seines Reiches, zu Roß zu dem Könige von Bagdad. Da dieser sie ankommen sah, ließ er sogleich die Tore seines Schlosses öffnen, ging ihnen entgegen, ersuchte sie, mit auf sein Schloß zu kommen, und ließ ihnen die kostbarsten Teppiche ausbreiten. Der König von Bagdad aber setzte sich aus seinen Thron, ließ den König Asis neben sich auf einen goldenen Stuhl, dessen Füße von Elfenbein und mit Perlen und Juwelen verziert waren, setzen und ihnen die kostbarsten Speisen auftragen. Vierundzwanzig Hammel und ebensoviele Ochsen und Gänse mußten geschlachtet, Hühner und Tauben mußten gefüllt und gebraten werden, und in einer verhältnismäßig sehr kurzen Zeit wurden die Speisen in goldenen und silbernen Schüsseln aufgetragen. Nach eingenommenem Mahle wurde Wein in den kostbarsten Gefäßen vorgesetzt. Nach diesem wurden die Tonkünstler des Hofes hereingerufen, und sogleich betraten vierundzwanzig Mädchen den Saal. Unter ihnen befanden sich Lauten-, Klavier- und Violinspielerinnen. Als diese ihr Talent gezeigt hatten, sprach der König Asis zu dem Könige von Bagdad: »Ich habe dir etwas zu sagen, wovon mich die Anwesenden nicht abhalten sollen. Genehmigst du es, so soll alles, was ich habe, zu deinen Diensten stehen, und deine Feinde sollen auch die meinigen sein.« –

 

Neunhundertundsechsundsiebenzigste Nacht.

»Was ist dein Begehr?« fragte hierauf der König von Bagdad; »denn, bei Gott, deinen Worten kann man schwer widerstehen.« – »Ich wünsche,« sprach Asis, »daß du deine Tochter Maria meinem Sohne Abbaas zur Frau geben möchtest; denn dir ist bekannt, wie schön, verständig und tapfer er ist.« – Da antwortete der König von Bagdad: »O König, bei Gott, aus Liebe zu meiner Tochter Maria habe ich ihr völlig freie Wahl gelassen. Wen sie also vorziehen wird, der soll ihr Gatte werden.« Er begab sich hierauf selbst zu Maria, bei welcher er ihre Mutter antraf, und erzählte beiden, was ihm angetragen worden war. Da sprach Maria: »O! mein Vater, mein Wille steht dem deinigen nach; deinem Befehl zu folgen, ist mein Wunsch; wen du auswählen wirst, den werde ich auch wählen.« Aus dieser Antwort schloß der König, daß sie den Abbaas wünschte. Deshalb ging er sogleich zum Könige Asis zurück und sprach zu ihm: »Gott möge deine Angelegenheiten zum besten leiten. Dein Wunsch ist erfüllt.« Hierauf erwiderte der König Asis: »Gott ist es, der alle Angelegenheiten zum besten wendet. Meinst du nicht,« fügte er dann hinzu, »daß wir den Abbaas herrufen und die Verbindung mit Maria sogleich beschließen?« – »Dein Wille ist der meinige,« erwiderte der König Asis und schickte sogleich nach seinem Sohne und ließ ihn von dem Vorgefallenen benachrichtigen.

Abbaas befahl sogleich, daß vierundzwanzig Lasttiere, zehn der besten Pferde nebst kostbaren Stoffen ihm gebracht würden. Diese ließ er in Seide einpacken und gab sie den Lastträgern zu tragen. Die Lasttiere aber ließ er mit seidenen Stoffen, Wohlgerüchen und Teppichen beladen, und auf Kamele ließ er Kisten mit goldnen und silbernen Gerätschaften packen, und mit diesen Kostbarkeiten begab er sich zum Schlosse des Königs von Bagdad. Das ganze Gefolge des Abbaas stieg nun ab, beugte sich vor ihm, und nun begaben sie sich zum Könige selbst, welchem sie den Wunsch äußerten, ihm diese Schätze vorlegen zu dürfen. Der König befahl sofort, daß ihm alles in ein Gemach des Harems gebracht würde. Zugleich ließ er auch Richter und Zeugen kommen, um den Heiratskontrakt zwischen Maria und Abbaas aufzufetzen. Der letztere befahl, ein großes Gastmahl anzurichten, und lud dazu alle Stämme der sich in der Nähe befindenden Nomadenaraber und die Wüstenbewohner ein. Dies Fest dauerte zehn Tage. Abbaas hatte das Glück, seine Hochzeit an einem günstigen Zeitpunkte zu feiern, und fand an Maria all das Glück und die Freude, die er sich von ihr versprochen hatte. Am siebenten Tage nach der Hochzeit äußerte der König Asis den Wunsch, zurückzukehren, und befahl daher seinem Sohne, den König von Bagdad, seinen Schwiegervater, um die Erlaubnis zu bitten, seine Tochter heimführen zu dürfen. Dieser verweigerte sie ihm nicht, gab der Maria noch kostbare Geschenke und Schmuck mit, und Maria bestieg einen Tragsessel, welcher von Maultieren getragen wurde. Nun sah man die Fahnen und die Standarten wehen, die Trommeln und Pauken wurden geschlagen, und der Zug setzte sich in Bewegung, welchen der König von Bagdad drei Tage lang begleitete. Hierauf begab der letztere sich wieder zurück. Als die Reisenden noch drei Tagereisen von Yemen entfernt waren, schickten sie drei Schnelläufer an die Mutter des Abbaas mit der Nachricht, daß Maria, Tochter des Königs von Bagdad, mit ihnen wäre. Bei dieser Nachricht war sie außer sich vor Freude, ließ die übrigen fünf Mädchen des Abbaas köstlich schmücken, und als am andern Morgen die Sonne aufging und man von ferne schon die Fahnen sehen konnte, ging die Mutter des Abbaas ihrem Sohne entgegen. Sie wurde von einer großen Volksmasse begleitet, und mit Pauken- und Trompetenschall wurden die Ankommenden in die Stadt eingeführt. Alle umliegenden Stämme und Landbewohner beeiferten sich, dem Abbaas durch kostbare Geschenke ihre Freude zu erkennen zu geben, und dieser ließ nun große Gastmahle bereiten und gab prachtvolle Feste. Freudenfeuer wurde angezündet, so daß man schon von ferne sehen konnte, daß dort ein Ort der Lust und Festlichkeit wäre, und dieses lockte denn noch eine Menge von Neugierigen nach der Stadt. Die Mutter des Abbaas befahl hieraus, seine fünf Mädchen in ihrem Glanze vorzuführen. Da sie nun alle zehn beisammen waren, ließ sie fünf an ihrer Rechten und fünf an ihrer Linken sitzen. Sodann befahl sie ihnen, etwas in Versen herzusagen, um die Gesellschaft, besonders den Abbaas, damit zu erfreuen. Die Mädchen traten nun vor, jede in ihrer Hand eine Zither, Laute, Harfe oder andere Instrumente haltend. Eines unter ihnen mit Namen Ba'utse aus Sina trat hervor und sang folgende Verse:

»Dein Land gewinnt für mich wieder an Wert, seitdem du zurückgekehrt bist; es nimmt zu an Glanze, nachdem es für mich dunkel war.

Es füllt sich mit erquickendem Grün, nachdem es wüste war, und Früchte prangen, welche vorher fehlten.

Die Traurigkeit hört auf, welche früher wegen deiner Entfernung darin waltete.

Bei Gott, schmerzlich habe ich die Dauer deiner Abwesenheit empfunden. O! mein Herr, wäre es doch vergönnt gewesen, dir als Diener zu folgen.«

Als sie geendet hatte, bezeigten ihr die Anwesenden ihren Beifall. Abbaas freute sich über ihr gut gelungenes Gedicht und befahl dem zweiten Mädchen, über denselben Gegenstand etwas zu singen. Dieses war aus Balch und sang folgende Verse:

»Zu uns ist gekommen der Verkündiger der frohen Nachricht eurer Ankunft und hat uns angemeldet denjenigen, der durch seine Abwesenheit uns so betrübte.

Ich rief ihm zu, dem Überbringer deiner Kunde: Für dich lasse ich mein Leben, denn du hast mich erquickt, meinen Schmerz hast du in Freude verwandelt.

Ihr habt Treue gelobt und euer Gelübde gehalten, auch ich gelobte euch Treue, und ferne sei es von mir, sie euch zu brechen.

Euch wiederzusehen, ging ich euch entgegen und rief: Willkommen, ihr teuren Ankommenden!

Schon nahte sich der Tod vor Schmerz wegen eurer Entfernung. Nun ihr aber uns wiedergegeben seid, beginnt für uns ein neues Leben.«

Als sie geendet hatte, befahl Abbaas dem dritten Mädchen, welche aus Samarkand war und Romane hieß, ebenfalls etwas zu singen.

 

Neunhundertundsiebenundsiebenzigste Nacht.

Dieses nahm die Harfe und sang dazu einige Verse ähnlichen Inhalts, welche Abbaas auch mit seinem Beifall belohnte. Nun befahl er dem vierten Mädchen, welches aus Afrika war und Balhatsa hieß, gleichfalls zu singen. Diese bediente sich des Klaviers und sang folgende Worte:

»Als wir uns zur Freude versammelten, da glänzten uns aus deinen Augen zwei lange nicht gesehene Lichter.

Deine Ankunft brachte in uns die Wirkung des Weins hervor, und die Heiterkeit löste unsere Zungen.

Als wir dich sahen, wurden wir von deinem Anblick gefesselt. Wir glaubten die Sonne und den Mond zugleich scheinen zu sehn.

Hell wurde uns der Himmel durch die Nähe des Geliebten, denn die Trennung hörte auf, und Liebe erquickte uns gleich einem sanften Regen.

Die Freunde vereinigen sich, der Trennungsschmerz entflieht, und aus dem Becher der Liebe trinken die Wiedervereinigten.«

Als sie geendet hatte, freuten sich die Anwesenden, Abbaas lobte die Sängerin und befahl dem fünften Mädchen, sich auch hören zu lassen.

 

Neunhundertundachtundsiebenzigste Nacht.

Dieses war aus Syrien und hieß Ryhane. Sie nahm die Mandoline und sang folgende Verse:

»Gott hat mir das Glück vergönnt, dich willkommen zu heißen; denn euer Anblick ist Freude und der Gegenstand meiner Wünsche.

Von dir geliebt zu werden, tut dem Herzen wohl, und deine Liebe ist süßer als das Leben selbst.

Bei Gott, nie wirst du aufhören, der Gegenstand meiner Wünsche zu sein, und Leute, die dir gleichen, werden von jedermann geschätzt und gewünscht.

Frage meine Augen, ob von dem Tage unserer Trennung an sie je den Schlaf genossen oder irgend ein Anblick sie erfreute.

Mein übles Aussehn ist ein Beweis, daß mein Herz während deiner Abwesenheit in Kummer war.

Doch nach allen diesen Leiden erwächst mir nun durch die Wiederkehr meines Geliebten Freude, Glück und Heiterkeit.

Nach Trennung folgte Wiedervereinigung, die Wohltat, die du mir dadurch erzeigst, soll dir nicht verloren gehn.«

Als der König Asis diese Gesänge hörte, freute er sich außerordentlich und sprach: »Mein Sohn, diese Mädchen sind durch diesen Vortrag sehr angestrengt worden. Sie haben aber in uns Gefühle geweckt, die uns das Glück der Rückkehr in unsere Heimat doppelt empfinden lassen. Durch ihre Gegenwart dienten sie unserer Versammlung zur Zier, und durch ihren Gesang haben sie uns ergötzt. Ich ersuche dich daher, mein Sohn, ihnen die Freiheit zu schenken.« – Hierauf antwortete Abbaas: »Kein Befehl ist mir angenehmer als der, den ich aus deinem Munde erhalte.« Und auf der Stelle gab er allen zehn Mädchen die Freiheit. Sie küßten ihrem Gebieter dafür die Hände, priesen Gott, legten alle ihre Kostbarkeiten ab und begaben sich in ihre Wohnungen, wo sie ein zurückgezogenes gottwohlgefälliges Leben führten. Nach sieben Jahren starb der König Asis, und sein Sohn Abbaas ließ ihn prachtvoll beerdigen. Nach einem Monate bestieg er den Thron, spendete Geschenke, ließ alle Gefangenen in Freiheit setzen und beschützte den Unterdrückten vor dem Unterdrücker. Alles Volk wünschte ihm dafür Segen, und von vielen entfernten Gegenden huldigte man ihm und brachte ihm Geschenke. Mit der Königin Maria aber lebte er höchst glücklich, und je länger sie verbunden waren, desto mehr nahm ihre Liebe zu. Sie beschenkte ihn bald mit schönen Kindern, und so verlebten sie ihre Tage in Glück und Freude bis an ihr Ende.

 

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