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Tausend und Eine Nacht. Elfter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Elfter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Elfter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180123
projectid1a8085b2
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Tausendunderste Nacht.

»Man sagt, o Sultan, daß jene Frau dem Könige weiter erzählte, wie der Fuchs glücklich aus der Stadt entkommen und auf diese Weise sein Leben gerettet habe, wie er nimmermehr geglaubt hätte. Da sagte der König: »Ich will die Verurteilung der Frau meinem Sohne überlassen: er mag sie vorher foltern oder gleich töten lassen.« Der Sohn des Königs nahm nun das Wort und sagte: »Verzeihen ist besser als Rache nehmen: so handelt der Edle.« – »Ich überlasse es dir ganz,« sagte hierauf der König. – »Wenn das ist,« erwiderte der Prinz, »so schenke ich ihr die Freiheit: aber,« indem er sich an sie wandte, »verlaß auf immer unsre Nähe. Gott hat dir deine früheren Übeltaten verziehen.« Hierauf stand der König von seinem Throne auf und ließ seinen Lohn auf selbigen setzen, nahm dann die Krone vom Haupte, krönte seinen Sohn damit und befahl, daß diesem gehuldigt werden solle. »Denn,« fügte er hinzu, »ich bin alt; ich will mich nun ganz dem Dienste meines Herrn, des erhabenen Schöpfers aller Welten, widmen, und ich nehme euch hiermit zum Zeugen, daß ich meine königliche Gewalt meinem Sohne übertrage, so wie ich ihm jetzt meine Krone soeben aufs Haupt gesetzt habe.« Nunmehr leisteten ihm die Herrn und die Vornehmen des Hofes den Eid der Treue. Der Vater zog sich sofort in eine fromme Einsamkeit zurück, und der Sohn hörte nicht auf, dem Reiche mit Gerechtigkeit vorzustehen und dasselbe durch wohltuende Handlungen zu erfreuen. Seine Macht und seine Größe nahm täglich zu, bis ihn endlich das Gewisse erreichte.«

Hier bezeigte der König Schachriar seine Verwunderung mit den Worten: »Bei Gott, ich sehe aus allen diesen Geschichten, daß der Gottlose und Ungerechte sich kein Gewissen daraus macht, seine Untertanen zu töten.« Er ließ sich das von Scheherasade bisher Erzählte zur Warnung dienen und bat Gott, daß er ihm bei seinem Vorsatze, gut und gerecht zu werden, behilflich sein möge. Dann wandte er sich zu Scheherasade und sprach: »Erzähle mir doch noch etwas von deinen schönen Geschichten, und zwar noch eine recht niedliche. Das mag denn die letzte sein.« – »Ich gehorche dir sowohl aus Liebe als aus Ehrerbietung sehr gern,« erwiderte Scheherasade.

»Man hat mir erzählt« – fuhr sie nun fort – »daß ein Mann zu sagen pflegte: »Durch Gewalt und Zwang kann man das Glück erringen!« Allein, um ihm das Gegenteil zu beweisen, erzählte ihm einer seiner Freunde folgende Geschichte:

»Ich habe viele Reisen gemacht, bin in mehrere große Städte gekommen und gelangte, als ich schon alt war, einst auch in eine Stadt, worin ein König von dem Geschlechte der Tubbaa regierte. Dieser spielte mit dem Leben seiner Untertanen, unterdrückte die Frommen und verwüstete das Land. Er hatte einen Bruder, der in Samarkand herrschte. Beide hatten schon lange in ihren Königreichen gelebt, als sie einst große Sehnsucht empfanden, sich wiederzusehen. Da schickte der älteste Bruder seinen Wesir an den jüngeren Bruder ab, und als derselbe bei ihm ankam, machte sich dieser schleunigst reisefertig; denn er empfand nicht minder Sehnsucht, seinen ältern Bruder wiederzusehn.

Zelte aller Art und alles, was zur Reise nötig war, wurden aufgepackt, und der König begab sich nach Mitternacht zu seiner Gemahlin, um von ihr Abschied zu nehmen. Hier sah er aber einen Mann neben ihrem Bette schlafen. Da bemächtigte sich seiner die Wut; er tötete sie beide, nahm sie dann bei ihren Füßen und warf sie zum Bette hinab. Ohne sich weiter aufzuhalten, machte er sich sodann auf die Reise und kam glücklich bei seinem Bruder an, welcher sich sehr freute, ihn wiederzusehen. Er ließ ihn in ein prächtiges Schloß, welches neben dem seinigen lag, einkehren, aus welchem er auch in den Garten seines Bruders sehen konnte.

Hier war er bereits einige Tage, als die Erinnerung an die Tat seiner Gemahlin ihm von neuem ins Gedächtnis kam. Er bedachte, wie er sie getötet und wie sein hoher Stand ihn nicht vor einem Mißgeschick der Art hatte bewahren können. Dies alles machte einen so tiefen Eindruck aus ihn, daß er zuletzt weder Speise noch Trank zu sich nahm, und wenn er auch etwas noch genoß, so gedieh es ihm nicht. Sein Bruder bemerkte es zwar, schrieb es indes dem Schmerz über die Trennung von seiner Familie zu. »Komm,« sagte er eines Tages zu ihm, »du mußt dich zerstreuen. Wir wollen auf die Jagd und auf den Fischfang gehen.« Allein er lehnte es ab, und der König ging allein auf die Jagd. Als nun der zurückgebliebene Bruder einmal aus seinem Fenster in den Garten hinabsah, da erblickte er die Gemahlin seines Bruders und bemerkte, daß sie von zehn Sklavinnen begleitet war, denen zehn Sklaven folgten. Jede von ihnen ging mit einem Sklaven von dannen, und auch die Gattin seines Bruders nahm einen mit sich, und alle brachten ihre Zeit auf die ausschweifendste Art zu. Hierauf gingen sie wieder ins Schloß zurück. Der Bruder des Königs war darüber äußerst erstaunt, und ihm dünkte sein Unglück erträglicher, da sein Bruder dasselbe Schicksal mit ihm teilte. Seine Krankheit nahm nun ab, und die Eßlust fand sich wieder ein. Nach einigen Tagen kehrte der Bruder zurück und fand zu seiner Verwunderung, daß jener sich gänzlich erholt hatte. Er fragte ihn, woher seine Krankheit entstanden sei, und wie es doch käme, daß er sich nun wieder wohl befinde. Er erzählte ihm nun ohne Rückhalt alles, was ihm widerfahren war, und was er gesehen hatte. Dieser fand die Sache ganz außerordentlich. Beide Brüder verabredeten nun miteinander, die Sache geheimzuhalten, beschlossen, das Königreich zu verlassen und sich durch Reisen zu zerstreuen; denn sie glaubten, daß niemandem je etwas Ähnliches widerfahren könne. Als sie nun so miteinander reisten, erblickten sie auf ihrem Wege eine Frau, die in sieben Kasten eingeschlossen gewesen, welche mit fünf Schlössern verschlossen gewesen waren. Diese Frau war nämlich im Meere von einem Geist bewacht worden; dessenungeachtet hatte sie Mittel gefunden, mit den beiden Brüdern zu tun, was sie wollte, und den Geist zu überlisten.

Das Benehmen dieser Frau brachte die beiden Könige auf andre Gedanken, und sie wunderten sich bloß, wie diese Frau einen Geist, der sie im Grunde des Meeres verwahrte, zu überlisten vermocht hatte. Sie beschlossen sofort, wieder in ihre Königreiche zurückzukehren. Der jüngere begab sich nun nach Samarkand, der ältere nach Sina zurück. Hier hatte er bereits ein Jahr auf diese Weise verlebt, daß er täglich ein Mädchen töten ließ, und sein Wesir mußte ihm für jede kommende Nacht ein anderes Mädchen überliefern, welche er ihm am andern Morgen jedesmal wieder zum hinrichten übergab. Dies dauerte eine geraume Zeit so fort. Die Leute wehklagten und murrten, daß sie diese unschuldigen Opfer so hinrichten sehen mußten; das gemeine Volk war in Verzweiflung über das Unglück, in welchem es sich befand, und fürchtete, es sei dies eine von Gott bestimmte Strafe, durch diesen grausamen König nach und nach aufgeopfert zu werden. Die Mädchen aber erfüllten die Lüfte mit ihrem Klagegeschrei und baten Gott um Hilfe gegen die Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Königs.

Sein Wesir hatte zwei Töchter. Unter diesen war die erste sehr belesen, besaß viele Kenntnisse, hatte die Bücher der Weisen studiert und war zugleich sehr verständig und mit glänzenden Eigenschaften begabt. Diese hörte, was die Untertanen von ihrem Könige erdulden mußten, und wie er über ihre Töchter verfügte. Sogleich ward sie von der regsten Teilnahme ergriffen und bat Gott, den hochgepriesnen, daß er doch den König von diesem seltsamen Verfahren abbringen möchte. Gott erhörte auch in der Folge ihr Gebet. Sie fragte nämlich ihre jüngere Schwester um Rat und sprach: »Ich wollte sehr gern etwas unternehmen, wodurch die Töchter der Untertanen von dem Unglück, das sie bedroht, befreit würden. Was meinst du, wenn ich mich dem Könige vorführen und dann dich holen ließe? Wenn du nun zu mir kommst und der König bereits mein Gemahl ist, so bitte mich und sprich: »Liebe Schwester, erzähle mir doch eine von den schönen Geschichten, die du weißt, damit wir die Nacht bis zum Morgen angenehm zubringen, denn dann müssen wir uns trennen.« – »Sehr gern,« sagte die Schwester, »denn auf diese Art wird wenigstens für diese Nacht der König von seinem Vorhaben abgehalten werden, und du wirst in jenem Leben Lohn und Barmherzigkeit empfangen, da du dich selbst für andre aufopfern willst. Denn es können nur zwei Fälle stattfinden: entweder wirst du hingerichtet, oder du erreichst deinen Zweck.«

Sie führte dies Vorhaben auch wirklich aus, wobei sie vom Glück unterstützt und von den Verhältnissen begünstigt wurde. Zuerst stellte sie den Vorsatz dem Wesir, ihrem Vater, vor, der sie aber davon abhielt aus Besorgnis, sie würde hingerichtet werden. Dreimal hatte sie ihn vergebens um Erlaubnis dazu gebeten, worauf er sie endlich durch Beispiele davon abzuhalten suchte. Doch sie wußte ihn ebenfalls durch Beispiele so zu widerlegen, daß es ihm klar wurde, er werde sie von ihrem Vorsatz nicht abbringen. Sie sagte endlich zu ihm: »Ich muß durchaus diesen König heiraten, damit ich mich zum Opfer für die Töchter der Gläubigen darbringe, denn entweder muß ich ihn von diesem Vorsatze abbringen, oder ich muß sterben.« Der Wesir entschloß sich also, den König davon zu benachrichtigen, und sprach zu ihm: »Ich habe eine Tochter, die sich dir selbst zur Gattin anbietet.« – »Wie kannst du dein eigenes Blut so preisgeben?« erwiderte der König, »da du doch weißt, daß ich jedes Mädchen nur eine einzige Nacht leben lasse, daß jede am andern Morgen sterben muß, und daß du derjenige bist, dem ich die Ausführung des Todesurteils zu übertragen pflege.« – »Das habe ich ihr alles vorgestellt,« erwiderte der Wesir, »allein sie verlangte nichts als das Glück, in deine Nähe und in Verbindung mit dir zu kommen. Wohl habe ich ihr manche weise Sprüche vorgestellt, allein sie weiß sie mir immer durch noch treffendere zu widerlegen.« – »Nun wohl, sie mag die nächste Nacht kommen,« erwiderte der König, »du aber finde dich morgen früh bei mir ein, um sie zum Tode zu führen, und bei Gott, wenn du sie nicht hinrichtest, so lasse ich euch umbringen.« Der Wesir gehorchte, ging nach Hause und fand seine Tochter weinend. »Warum weinst du, meine Tochter,« fragte er sie, »du hast ja selbst dein Schicksal gewählt.« – »Ich weine nur,« erwiderte sie, »aus Betrübnis, daß ich mich von meiner jüngern Schwester trennen muß; denn solange ich lebe, sind wir nie einen Augenblick getrennt gewesen als eben heute. Wenn aber der König mir erlaubt, sie holen zu lassen, daß ich sie sehen und bis zum Morgen mich mit ihr unterhalten könnte, so würde es eine große Gnade sein.«

Als sie darauf beim Könige eingeführt worden war, erlaubte dieser es wirklich, daß die andere Schwester geholt werden durfte, hier unterhielten sie sich nun eine lange Weile, und als der König das Bette bestieg, um zu schlafen, sagte die jüngere Schwester zur ältern: »Bei Gott, liebe Schwester, ich beschwöre dich, wenn du nicht schläfst, so erzähle uns doch eine von deinen schönen Geschichten, um die Nachtwache bis zum Morgen angenehm zuzubringen, ehe wir uns trennen.« – »Sehr gern will ich es tun,« erwiderte jene; und nun fing sie an zu erzählen, und der König hörte ihr zu und fand ihren Vortrag sehr angenehm und ergötzlich. Als sie mit der Geschichte, die sie erzählte, ungefähr in der Mitte war, brach die Morgenröte an; der König indes, begierig, die Fortsetzung der Geschichte zu hören, fristete ihr Leben bis zur folgenden Nacht, in welcher sie eine andere Geschichte zu erzählen anfing, in welcher sie ebenfalls nur bis zur Mitte kam, als eben die Morgenröte anbrach, hier hörte sie abermals auf zu erzählen, und der König verschob ihren Tod bis auf die folgende Nacht, um die Fortsetzung der Geschichte zu hören.

Die Einwohner der Stadt aber freuten sich ebensosehr, als sie sich wunderten, das schon drei Nächte vergangen waren, ohne daß der König die Tochter des Wesirs hatte umbringen lassen. Sie wünschten den Töchtern des Wesirs Glück und priesen sie, daß durch sie der König endlich einmal von seinem grausamen Vorsatz ablasse. In der vierten Nacht erzählte sie ihm etwas noch Schöneres; in der fünften unterhielt sie ihn von den Begebenheiten der Könige, der Wesire und der Großen des Reichs, und so blieb es immer von einem Tage zum andern, während der König sich jedesmal vornahm, am Ende der Geschichte sie hinrichten zu lassen. Die Leute erstaunten immer mehr, und die Bewohner der entferntesten Gegenden vernahmen mit unendlicher Freude, daß der König seinen grausamen Entschluß aufgegeben habe, von allen Ländern kehrten die Leute in seine Staaten zurück, bevölkerten von neuem die Städte, die sie verlassen hatten, und alle flehten zu Gott für sein Wohl.

So weit geht die Geschichte, die mir mein Freund erzählt hat.«

Da sprach der König: »O Scheherasade, endige nur immer die Geschichte: sie gleicht zu sehr der Geschichte eines Königs, den ich kenne, als daß ich nicht wünschen müßte, zu erfahren, wie es dem Volke dieses Landes noch ferner ergangen ist, und was sie vom Könige weiter sagten.« – »Sehr gern will ich es tun,« erwiderte sie. »Wisse, o glücklicher, einsichtsvoller und tapfrer König, daß die Leute, als sie sich nun völlig überzeugt hatten, daß der König gänzlich aufgehört habe, die Mädchen töten zu lassen, nunmehr gar nicht aufhören konnten, Gott zu preisen und für sein Wohl zu beten. Indessen konnten sie nicht unterlassen, nach der Ursache zu forschen, die ihn zu dieser Grausamkeit bewogen haben mochte. Die Weisen, die den wahren Grund wußten, sagten: »Obgleich der König Ursache gehabt hat, über seine Gemahlin zu zürnen, so sollte er doch wissen, daß sich nicht alle Frauen gleichen, so wenig als die Finger der Hand sich alle einander ähnlich sehn.«

Als der König Schachriar diese Geschichte hörte, erwachte er gleichsam wie aus einer Verblendung und rief aus: »Bei Gott, diese Geschichte ist meine Geschichte. Ach, in welche Wut und in welchen Zorn war ich versunken, und wie viele Anstrengung hat es sie nicht gekostet, mich von diesem Wege auf den Pfad des Rechts zu bringen. Gepriesen sei der Urheber der Ursachen! O Scheherasade,« fügte er dann hinzu, »du hast mich zu etwas Gutem erweckt und von meiner Verblendung befreit.« – »O König der Könige, die Weisen sagen, das Königreich sei ein Gebäude, und die Truppen seien die Grundpfeiler desselben. Sind diese fest, so dauert das Gebäude. Daher geziemt es dem Könige, die Grundpfeiler zu befestigen. Auch ist es nötig, daß der König seine Truppen verteile und gegen seine Untertanen strenge Gerechtigkeit handhabe, geradeso wie der Gärtner die Bäume verpflanzt, sie nicht beisammen läßt und das Unkraut und alles Unnütze abschneidet. Ferner geziemt es sich, daß der König selbst sich um die Angelegenheiten der Untertanen bekümmere und alle Ungerechtigkeit von ihnen abwende. Auch ist es notwendig, o König, daß dein Wesir fromm, mit den Angelegenheiten der Leute sehr vertraut und gegen die Untertanen wohltätig sei. Gott der Erhabene selbst hat diesen Beamten den Titel gegeben, und zwar in der Geschichte Moses, über dem Frieden sei, wenn er sagt: »Und gib mir einen Wesir von deiner Familie, den Haroun (Aaron).« Und wenn irgend jemand einen Wesir hätte entbehren können, so wäre es gewiß Moses, der Sohn Amrams, gewesen; denn der Sultan läßt den Wesir seine geheimsten Angelegenheiten ebensogut sehen als seine öffentlichen. Du, o König, deinen Untertanen gegenüber, gleichest einem Arzte bei dem Kranken; der Wesir aber muß in allen seinen Reden und Handlungen wahrhaftig sein und sehr nachsichtig gegen die Untertanen. Dies alles liegt dir ob, einzurichten; denn wenn du fromm bist, so sind es deine Untertanen auch; bist du aber gottlos oder ungerecht, so sind sie es ebenfalls.«

Als der König dies hörte, verfiel er in ein tiefes Nachdenken, und plötzlich befahl er, daß das ganze Schloß erleuchtet werde, und daß in allen Zimmern Wachskerzen brennen sollten. Er setzte sich sodann auf seinen Thron, ließ Scheherasade neben sich setzen und sah sie sehr freundlich an. Diese warf sich ihm zu Füßen und sprach: »O König der Zeit und Herr des Jahrhunderts, gepriesen sei der Allmächtige und der Barmherzige, daß er mich durch seine Gnade zu dir geleitet hat, um dich einst des Paradieses wert zu machen. Denn das, was du begangen hast, hat keiner deiner Vorgänger getan. Gepriesen also sei Gott, daß er dich von dem Wege, auf dem du wandeltest, abgeleitet hat. Was die Frauen betrifft, so darfst du nicht glauben, daß sie alle schlecht sind; denn der erhabene Gott erwähnt ja selbst die Frauen, wenn er im Koran sagt: die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, die frommen Männer und die frommen Frauen, die keuschen Männer und die keuschen Frauen usw. Übrigens ist das, was dir begegnet ist, gar manchen Königen vor dir ebenfalls widerfahren. Ihre Frauen haben sie hintergangen, obgleich sie mächtiger waren als du. Wenn du nun befiehlst, o König, so will ich dir von der List der Weiber Sachen erzählen, mit denen ich, solange ich lebe, nicht fertig werden würde. Ich habe dir früher, und zwar noch die letzte Nacht, manches von der List der Frauen erzählt: aber ich weiß eine solche Menge von Beispielen der Art, daß mir die Auswahl schwer fällt. Indessen wenn du befiehlst, so will ich dir etwas erzählen, was den früheren Königen von der Hinterlist ihrer Frauen begegnet ist.«

»Erzähle mir dies doch,« unterbrach sie der Sultan, worauf sie also begann:

 

Geschichte einer der Frauen eines Kalifen.

»Ein Mann unterhielt einst eine Gesellschaft mit folgender Geschichte.

»Eines Tages saß ich an der Tür meines Hauses, während die Sonne drückend heiß war. Da ging eine sehr schöne Frau, welcher eine Sklavin ein Päckchen nachtrug, bei meinem Hause vorüber und redete mich an: »Hast du nicht einen Trunk Wasser?« – »Er steht zu deinem Befehl, meine Herrin,« antwortete ich ihr; »bemühe dich nur in die Vorhalle meines Hauses, wo du es trinken kannst.« Ich begab mich sodann in mein Haus und kam mit zwei porzellanenen Bechern zurück, die mit Muskus bestrichen waren, und welche ganz frisches Wasser enthielten. Sie nahm den einen, hob, um zu trinken, ihren Schleier in die Höhe, und da genoß ich des Anblicks der glänzenden Sonne oder des aufsteigenden Mondes. »O, meine Gebieterin,« sagte ich zu ihr, »wenn es dir doch belieben wollte, weiter in mein Haus einzutreten, um da so lange auszuruhn und zu warten, bis die Luft sich abkühlt. Danach kannst du ja deinen Weg weiter fortsetzen.« – Da fragte sie mich: »Bist du allein?« »Ich bin unverheiratet und ganz allein.« – »Wahrscheinlich bist du hier auch fremd?« sprach sie weiter, ging dann sofort hinauf in mein Haus und lüftete ihren Schleier. Hier wurde ich aufs neue von ihr bezaubert. Ich beeilte mich nun, ihr einige Erfrischungen vorzusetzen, und sagte dabei: »Entschuldige mich, meine Herrin, dies hier ist alles, was ich bei mir habe.« – »Das ist sehr viel,« erwiderte sie, »und eben das, was ich mir gewünscht habe.« Sie aß hierauf und gab dem Mädchen das, was übrig blieb. Darauf überreichte ich ihr eine Flasche mit muskusduftendem Rosenwasser, womit sie sich die Hände wusch und sodann noch bis zur Abendzeit bei mir blieb. Alsdann zog sie aus ihrem Päckchen ein Hemde, ein paar lange Beinkleider, ein paar kürzere, die darüber gezogen werden konnten, und einen zirkassischen Shawl. Dieses alles gab sie mir mit den Worten: »Wisse, ich bin eine von den Frauen des Kalifen. Wir sind ihrer vierzig, welche jede einen Geliebten hat, der zu ihr kommt, sooft sie es verlangt. Nur ich allein habe keinen Anbeter, heute bin ich ausgegangen, um zu sehen, ob das Glück mir auch jemanden bescheren würde, und es hat mich dir zugeführt. Wisse nun, daß der Kalif uns nur nach der Reihe besucht, so daß die übrigen neununddreißig jedesmal wissen, daß sie frei und vor dem Kalifen sicher sind. Komm du nur an dem und dem Tage zu mir, bekleide dich mit diesen Sachen und gehe an dem bestimmten Tage unbesorgt aufs Schloß des Kalifen. Wenn da ein kleiner Sklave auf dich zugeht und dich mit den Worten anredet: »Bist du Shaudal?«, so sage: »Ja!« und gehe mit ihm.« hierauf nahm sie von mir Abschied und ging davon, nachdem wir uns zärtlich umarmt hatten. Seit der Zeit konnte ich jenen Tag kaum erwarten. Endlich kam er, und die ersehnte Stunde nahte. Ich machte mich schnell auf, um mich beim Stelldichein einzufinden. Unterwegs begegnete mir ein sehr geliebter Freund, der mich bat, einen Augenblick zu ihm hinauszukommen, da er mir etwas mitteilen wollte. Ich tat es und ging mit ihm hinauf. »Warte einen Augenblick,« sagte er, als ich oben war, »ich hole nur etwas, um uns zu erfrischen.« Kaum hatte er dieses gesagt, als er auch schon zur Türe hinaus war und sie hinter sich zugeschlossen hatte. Während dieser Zeit erlitt ich die größten Qualen der Ungeduld; denn schon hatte ich über die zur Zusammenkunft bestimmte Zeit gewartet, und er war noch nicht da. Nicht bloß viertel-, sondern ganze Stunden verstrichen, ohne daß er erschien. Endlich wurde es schon ganz dunkel, und ich starb vor Ungeduld, als ich sah, daß ich mir auf keine Art helfen konnte. Die Nacht brach an, und wachend mußte ich sie bis zum Morgen zubringen. Noch heute wundere ich mich, daß ich nicht vor Wut gestorben bin. Endlich, als es schon hoch am Morgen war, kam mein Freund, öffnete die Türe und brachte einen zähen Mehlbrei und Honigwasser. »Bei Gott,« sprach er, »ich kam zu einer Gesellschaft, diese wollte mich nicht fortlassen und verschloß mich. Jetzt eben erst bin ich von ihr losgekommen, entschuldige mich also.« Vor Zorn gab ich ihm keine Antwort. Er setzte mir hierauf die Speise vor. Ich aß auch wirklich einen Bissen, weil mir schon ganz übel war, eilte aber dann, ohne ein Wort zu sagen, aufs Schloß in der Hoffnung, mich bei meiner Gebieterin entschuldigen zu können. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich bei meiner Ankunft am Schlosse sah, daß vor selbigem achtunddreißig Holzpfähle aufgepflanzt und daran achtunddreißig Männer angenagelt waren und ihnen gegenüber achtunddreißig andre Holzpfähle, an denen achtunddreißig sehr schöne Frauen hingen. Als ich mich erkundigte, warum jene Männer und Weiber angenagelt worden wären, antwortete man mir: »Der Kalif hat diese Männer bei diesen Weibern gefunden, und da sie seine Frauen sind, so hat er an ihnen diese Strafe vollziehen lassen.« Da lobte ich Gott und sagte bei mir selbst: »Tausend Dank dir, lieber Freund, daß du mich eingeladen hast; sonst hätte ich auch mit diesen hier hängen müssen. Gott sei dafür ewig gepriesen!«

Doch ich will dir jetzt eine andere Geschichte erzählen.

 

Geschichte einer Frau des Kalifen Mahmoun.

Ein Kaufmann erzählte mir einst folgendes:

»Ich saß einst an einem sehr schönen Tage in meinem Laden, als eine reizende Frau zu mir herankam, welcher eine Sklavin folgte. Ich war zu meiner Zeit ebenfalls sehr schön. Die Frau setzte sich nun an meinen Laden, kaufte mir einige Zeuge ab, bezahlte mir den Preis und ging dann davon. Ich fragte ihre Dienerin nach ihrem Namen, diese sagte aber, daß sie ihn nicht wisse. Ich erkundigte mich nach ihrer Wohnung; sie erwiderte aber lachend: »Ihre Wohnung ist im Himmel.« – »Jetzt,« sagte ich, »ist sie ja auf der Erde. Wann steigt sie denn nun in den Himmel, und wo ist die Treppe, auf welcher sie hinausgeht?« – »Sie ist in dem Schlosse, das zwischen den zwei Strömen liegt; das ist das Schloß des Kalifen Mahmoun el Hakim bi Amrillah.« – »Ach!« sagte ich hierauf, »ich bin verloren.« – »Gedulde dich nur,« erwiderte die Sklavin, »sie wird wohl wieder etwas bei dir kaufen kommen.« – »Aber wie kann der Fürst der Gläubigen,« fragte ich sie weiter, »solches Zutrauen in sie setzen und sie so frei ausgehn lassen?« – »Ach,« antwortete sie mir, »er liebt sie außerordentlich, ist ihr ganz ergeben und widerspricht ihr nie.« Mit diesen Worten eilte die Sklavin ihrer Gebieterin nach. Ich aber verließ den Laden, ging in einiger Entfernung hinter ihnen her, um den Wuchs der schönen Frau zu betrachten, und blieb den ganzen Weg über hinter ihnen, bis ich sie aus dem Auge verlor; aber aus meinem Herzen verlor ich das Feuer der Liebe nicht. Nach einigen Tagen kam sie wieder und kaufte andre Stoffe. Diesmal weigerte ich mich, von ihr Geld anzunehmen. Sie erwiderte aber: »Wir brauchen deine Waren nicht.« – »O meine Herrin,« erwiderte ich ihr, »habe die Güte, sie als Geschenk von mir anzunehmen.« – »Wohlan, es sei! Ich will dich auf die Probe stellen,« war ihre Antwort. Alsdann aber nahm sie aus ihrem Busen einen Beutel, gab mir tausend Goldstücke daraus und sagte: »Treibe mit diesem Gelde Handel, bis ich zurückkehre.« Ich nahm es, sie ging fort und blieb sechs Monate aus. Ich aber machte mit diesem Gelde so gute Geschäfte, daß ich damit tausend andre Goldstücke gewann. Nach dieser Zeit kam sie, und als ich ihr das Geld zurückgeben wollte, indem ich ihr sagte, daß ich das Doppelte gewonnen hätte, so entgegnete sie: »Laß es noch bei dir und nimm noch die tausend Goldstücke dazu. Wenn ich von dir weggegangen sein werde, so gehe auf die Insel Rouda und baue daselbst ein schönes Schloß, und wenn dasselbe vollendet ist, so zeige es mir an.« Als sie mich verlassen hatte, ging ich sogleich aus die Insel Rouda, bereitete daselbst das Nötige vor und begann darauf den Bau des Schlosses. Als alles vollendet und im besten Stande war, benachrichtigte ich sie davon, und sie ließ mir zurücksagen, ich solle sie bei dem Tore Suweyla bei Morgenanbruch erwarten und ein gutes Maultier bei mir haben.« Dieses besorgte ich denn alles und kam zur bestimmten Zeit am Tore Suweyla an. Hier fand ich einen jungen Mann auf einem Pferde, und aus seiner Antwort vernahm ich, daß er ebenfalls aus sie warte. Während wir so stehen blieben, kam sie selbst mit einer Sklavin an. Als sie den jungen Mann erblickte, fragte sie ihn verwundert: »Bist du hier?« – »Wie du siehst,« antwortete er. »Ich bin heute,« erwiderte sie, »zu diesem Mann eingeladen. Wolltest du wohl mit uns gehn?« – »Ja, meine Gebieterin,« war seine Antwort. »Wie?« sagte sie darauf, »ohne meinen Willen wolltest du mit uns gehen? Ist es dein Ernst? Willst du in jedem Fall uns begleiten?« – »Ja,« erwiderte er, »ich lasse mich nicht davon abhalten.« Wir gingen daher auf die Insel Rouda und betraten das Schloß. Sie betrachtete aufs genauste seine Bauart und die Art, wie ich das Innere hatte einrichten und verzieren lassen. In dem schönsten Saale setzte sie sich dann nieder, nahm ihren Schleier und die ihr zu lästigen Kleider ab und unterhielt sich mit dem jungen Manne. Ich entfernte mich unterdessen, um ihnen Frühstück zu besorgen. Meine Verwunderung stieg indessen mit jedem Augenblick, als ich sah, daß sie sich mit jenem immer freundschaftlicher unterhielt, obwohl sie vorher solchen Widerwillen bezeigt hatte, ihn aufzunehmen.

Jedoch enthielt ich mich jedes Urteils, bezwang meine Eifersucht und besorgte das Mittagessen mit eben der Gefälligkeit wie zuvor. Ich brachte den Nachtisch, die Früchte, die Wohlgerüche und die Getränke, mit einem Wort, ich bediente sie aufs pünktlichste. Ich blieb immerfort stehen, und sie sagte mir kein einziges Mal weder, daß ich mich setzen, noch, daß ich mitessen oder mittrinken sollte, sondern sie beschäftigte sich bloß mit dem jungen Manne, sie spielten, sie lachten miteinander und küßten sich. Endlich sagte sie: »Bis jetzt haben wir nicht genug getrunken, laß mich einschenken.« Sie nahm also den Becher und füllte ihn; alsdann reichte sie ihm einen zweiten, den sie mit Zucker versüßte, und den er ebenfalls austrank, worauf er bald ganz trunken wurde. Nun näherte sie sich ihm, führte ihn in ein Nebengemach, kam aber bald wieder heraus und trug den Kopf des jungen Mannes in ihrer Hand. Ich konnte sie jetzt kaum ansehen, sondern blieb stumm und unbeweglich stehen und vermochte nicht, sie um Erklärung dieses Anblicks zu fragen. Da sagte sie: »Was stehest du da so still? Nimm diesen hier und wirf ihn in den Fluß.« Zu gleicher Zeit nahm sie ein Messer, zerschnitt den jungen Mann in kleine Stücke und tat sie in drei Körbe. »Wirf dies alles in den Fluß,« wiederholte sie mir, und als ich es getan hatte und zurückgekehrt war, sagte sie zu mir: »Nun setze dich, damit ich dir Aufklärung gebe über das, was du gesehn hast, und dir deine gerechte Furcht benehme. Wisse,« fuhr sie fort, »ich bin eine Frau des Kalifen. Ihm ist niemand teurer als ich. Sechs Tage im Monate bin ich ganz frei. Diese brachte ich bei der Frau, die mich erzogen hat, zu, wo ich ganz ungezwungen tun konnte, was ich wollte. Dieser junge Mann war der Sohn der Nachbarin meiner Erzieherin. Diese war eines Tages ausgegangen, und ich befand mich allein in dem Hause. Gegen Abend ging ich aufs Dach, um die Kühle Luft zu genießen und mich dann schlafen zu legen. Plötzlich aber wurde ich durch die Ankunft des jungen Mannes überrascht, der mit einem Dolche in der Hand mich zwingen wollte, mit ihm zu gehn, und der sich zugleich auf die beleidigendste Weise gegen mich betrug. Ich verteidigte mich indes, und er mußte mich verlassen. Doch damit begnügte er sich nicht, sondern er machte mich zum Gerede der Leute, indem er jedesmal, wenn er mich sah, im Wege stehen blieb und mich verfolgte, wohin ich auch immer gehn mochte. Dieses ist meine Geschichte. Was dich aber betrifft, so hast du mich durch deine Geduld, deine Bescheidenheit und dein Betragen ebenso erfreut, als du mir wohlgefallen hast. Nichts aus der Welt ist mir so lieb als du.« Wir brachten den übrigen Teil der Nacht miteinander zu, und am andern Morgen gab sie mir alles, was sie an Kostbarkeiten mitgebracht hatte, und ging davon. Ich aber blieb im Schlosse, und sie kam alle Monate auf sechs Tage zu mir zum Besuch. Dies dauerte ein ganzes Jahr so fort. Endlich blieb sie einen Monat ganz aus. Dies verursachte mir großen Kummer; denn ich liebte sie unbeschreiblich. Auch der zweite Monat verstrich, ohne daß sie gekommen wäre. Endlich kam ein Diener zu mir und sagte: »Ich bin abgesandt von deiner Geliebten; sie läßt dir sagen, daß der Fürst der Gläubigen sie nebst sechsundzwanzig andern seiner Frauen zum Ertränken verurteilt habe. Der und der Tag ist dazu bestimmt, und das Urteil soll bei dem und dem Kloster« – welches er mir nannte – »vollzogen werden. Diese Frauen haben nämlich die Torheit begangen, eine die andere wegen Untreue anzuklagen. Siehe also zu, wie du es anstellen kannst, um sie zu retten. Spare nichts, und solltest du ihr ganzes Vermögen dabei aufopfern. Hier ist der Augenblick, zu beweisen, daß du ein Mann voll Kraft bist.« Da sprach ich zu dem Diener: »Ich kenne diese Frau nicht, vielleicht bist du an einen andern abgeschickt. Hüte dich, mich in Unglück zu stürzen.« Er aber verließ mich mit den Worten: »Ich habe wenigstens meine Pflicht getan und habe es dir gesagt.«

Bei dieser Nachricht geriet ich in die allergrößte Bestürzung. Ich wußte durchaus nicht, wie ich die Sache anstellen sollte, um sie zu retten. Endlich entschloß ich mich, Bekanntschaft mit einigen Schiffern zu machen, als das einzige Mittel, welches mir zweckmäßig schien. Ich nahm also meinen Beutel voll Gold, legte meine Kleider ab und zog einen Schifferanzug an. Hierauf kaufte ich ein gutes Mittagsmahl und ging zu einem Schiffer, ließ mich in ein Gespräch mit ihm ein, setzte mich dann zu ihm, und wir fingen hierauf an, miteinander zu essen. Dann fragte ich ihn: »Vermietest du auch Schiffe? Ich wünschte, daß du mir dieses hier borgtest.« Hierauf antwortete er, daß es ihm nicht möglich wäre, indem der Fürst der Gläubigen ihm befohlen habe, sich damit auf dieser Stelle in Bereitschaft zu halten. Zugleich erzählte er mir die ganze Begebenheit der Frauen des Kalifen, und daß der Fürst der Gläubigen beschlossen habe, sie zu ertränken. Als ich das von ihm vernahm, gab ich ihm zehn Goldstücke und vertraute ihm mein Geheimnis an. Er bezeigte sich sehr teilnehmend und sagte: »Verschaffe mir schnell einen leeren, aufgeblasenen Schlauch, und sobald deine Freundin kommen wird, so zeige es mir an, und ich werde schon ein Mittel finden, sie zu retten.« Ich fiel ihm zu Füßen, küßte ihm die Hand und eilte, um das Nötige zu besorgen. Ich war schnell wieder zurück, und schon sah ich Truppen und Dienerschaft ankommen, in deren Mitte sich die Weiber befanden, an deren Weinen und Klagen man ihre traurige Bestimmung leicht merken konnte. Als sie sich dem Schiffe näherten, nahmen sie voneinander Abschied, und die Diener riefen uns zu. Wir brachten das Schiff ans Ufer, und sie fragten den Schiffer: »Wer ist dieser da?« – »Es ist mein Gefährte, der mir helfen muß, denn einer muß beim Schiffe bleiben und der andre euch bedienen.« Dieses glaubten sie denn auch; sie brachten dann eine nach der andern von diesen Frauen aufs Schiff und sprachen: »Werft sie nach der Gegend der Insel zu ins Wasser.« Einer jeden von ihnen hatte man einen Sack voll Sand angebunden, und so warfen wir sie denn eine nach der andern ins Wasser, bis endlich auch die Reihe an meine Geliebte kam. hier winkte ich dem Schiffer, und indem wir sie in die Mitte des Stromes warfen, gaben wir ihr den leeren Schlauch unter den Arm, und ich sprach zu ihr: »Der Strom wird dich auf die Mündung des Kanals zu treiben: dort suche mich zu erwarten.« Und somit warfen wir sie ins Wasser, nachdem wir vorher den Sandsack abgeschnitten und ihre Fesseln gelöst hatten. Sie war die vorletzte. Dann warfen wir auch noch die letzte in den Nil, worauf sich die Diener und die Truppen zurückbegaben. Wir fuhren aber mit dem Schiffe stromabwärts bis an die Mündung des Kanals, wo mich meine Geliebte bereits erwartete. Wir nahmen sie sogleich ins Schiff und fuhren mit ihr nach der Insel Rouda, wo wir uns sogleich ins Schloß begaben. Nachdem ich dem Schiffer durch reichliche Geschenke meine Erkenntlichkeit an den Tag gelegt hatte, stieß er wieder ab.

»Du bist der Freund, den man in der Not findet,« war das erste Wort meiner Geliebten. Wir verließen uns von nun an keinen Augenblick, indes der Schrecken hatte doch so nachteilig auf sie gewirkt, daß sie krank wurde und endlich die Schwindsucht bekam. Ihre Magerkeit und Schwäche nahmen so zu, daß sie endlich starb. Mein Schmerz über ihren Verlust war grenzenlos. Tag und Nacht dachte ich an sie, und ich konnte nichts als weinen. Endlich mußte ich sie doch begraben lassen. Darauf beschäftigte ich mich damit, alles, was im Schlosse war, in ein anderes Haus zu schaffen. Unter anderm hatte meine Geliebte auch einen kleinen kupfernen Kasten in das Schloß gebracht, den sie, ohne daß ich es wußte, an einen verborgenen Ort gesetzt hatte. Als nun dem Gesetz gemäß der Gerichtsbeamte, der über die Erbschaftsangelegenheiten gesetzt ist, zu mir hereintrat, so durchsuchte er das ganze Schloß und fand auch jenen Kasten, an dem der Schlüssel steckte. Er öffnete ihn und sah ihn voll der kostbarsten Edelsteine, voll Schmuck und voller Ringe, alles von einer Auswahl und Schönheit, wie man sie nur bei Königen und Kaisern findet. Seine Gehilfen nahmen den Kasten und schleppten mich mit sich fort. Als wir in der Präfektur ankamen, brachten sie es endlich durch Schläge und üble Behandlung so weit, daß ich ihnen alles gestehen mußte. Darauf brachten sie mich sofort zum Kalifen, dem ich alles gestand. Dieser sprach: »Freund, verlasse dieses Land. Ich schenke dir deine Freiheit und dein Leben wegen deines Mutes, deiner Verschwiegenheit und deiner Unerschrockenheit vor dem Tode.« Und so entließ er mich so bald als möglich aus seinem Lande.«

Dieses,« fuhr Scheherasade fort, »o König, war die Geschichte jenes Mannes.«

Der König war sehr verwundert über diese Begebenheit, und sie fuhr dann weiter fort: »Du könntest also, o großer König, dich über das verwundern, was dir von den Weibern zugestoßen war, während doch den Königen vor dir noch Schlimmeres widerfahren ist! Ich könnte dir noch viel mehr ähnliche Sachen erzählen; allein das würde zu lange aufhalten und dich ermüden. In dem bereits Erzählten ist Lehre und Warnung genug für den Verständigen.«

Als der König Schachriar sie angehört hatte, fühlte er, daß ihre Unterhaltung von großem Nutzen für ihn gewesen wäre. Sein Herz war reiner und sein Verstand ruhiger geworden. Er kehrte zur Reue zurück und tröstete sich damit, daß anderen Königen vor ihm noch Schlimmeres begegnet wäre. »Was aber Scheherasade anbetrifft,« sprach er, »so findet man nirgends jemanden, der ihr gleicht. Gepriesen sei Gott, der sie zum Mittel ausgewählt hat, meine Untertanen zu befreien.« hier erhob er sich von seinem Sitz und küßte das Haupt Scheherasadens, worüber sie und ihre Schwester Dinarsade außerordentlich erfreut waren.

Am andern Morgen begab sich der König in den Thronsaal und ließ die vornehmsten seines Hofes vor sich kommen. Sie warfen sich vor ihm zur Erde nieder, desgleichen auch der Wesir. Der König aber überreichte ihm ein Ehrenkleid, überhäufte ihn mit Auszeichnungen und erzählte den obersten Beamten seines Hofes alles, was ihm mit Scheherasade begegnet war, daß er nun seinen früheren Grausamkeiten völlig entsagt habe und darüber die größte Reue fühle. Endlich erklärte er ihnen, daß er gesonnen sei, sich mit Scheherasaden, der Tochter seines Wesirs, zu verheiraten, und er befahl, daß sogleich die nötigen Kontrakte hierüber aufgesetzt würden. Als die Anwesenden das hörten, neigten sie sich vor ihm und wünschten ihm Heil und Segen, so wie auch der schönen Scheherasade. Der Wesir, ihr Vater, war nicht der letzte, der ihr sein Lob zollte. Der König hob hieraus die Sitzung auf, und alle gingen hierauf in ihre Wohnung zurück. Die Nachricht verbreitete sich sehr bald in der Stadt, daß der König die Tochter seines Wesirs, Scheherasaden, heiraten wolle, welches allgemeine Freude verursachte, die noch durch die Festlichkeiten, die der König veranstaltete, vermehrt wurde.

Der König schickte jetzt zugleich einen Boten an seinen Bruder Schachsenan ab. Dieser kam auch in kurzer Zeit mit einem prächtigen Gefolge an und hielt zugleich mit seinem Bruder, der ihm entgegengekommen war, seinen Einzug. Die Stadt wurde aufs köstlichste geschmückt, auf allen Plätzen und den vornehmsten Straßen wurde mit dem kostbarsten Räucherwerk geräuchert, und Pauken, Trommeln und andere Instrumente verkündigten den feierlichen Tag. Als sie im Schlosse angekommen waren, wurden in allen Zimmern die kostbarsten Speisen und Getränke aufgetragen, und Ausrufer mußten in den Straßen die Leute zum Gastmahle einladen zum Zeichen, daß die Liebe des Sultans zu seinen Völkern wiedergekehrt sei, und daß hierdurch ein Bündnis der gegenseitigen Zuneigung geknüpft werden solle. Große und Geringe, vornehme und Niedrige kamen auf das Schloß und aßen und tranken daselbst sieben Tage lang. Endlich nahm der König seinen Bruder beiseite und erzählte ihm, was sich während der drei Jahre zwischen ihm und seines Wesirs Tochter zugetragen, und wie Scheherasade ihn immer mit Erzählungen, Geschichten und Versen unterhalten habe. Sein Bruder erstaunte darüber und sprach: »Ich will die jüngere Schwester heiraten, damit wir zwei Brüder zwei Schwestern haben, die uns gleich Schwestern lieben werden. Denn mein Unglück war an der Entdeckung des deinigen schuld, und während jener drei Jahre habe ich keinen glücklichen Augenblick gehabt. Alle Tage habe ich seitdem eine andere Frau geheiratet und sie am andern Morgen töten lassen. Daher bin ich fest entschlossen, Dinarsade, die Schwester deiner Frau, zu heiraten.« Als der König Schachriar dieses hörte, freute er sich außerordentlich. Er ging auf der Stelle zu seiner Gemahlin Scheherasade und benachrichtigte sie von dem Entschlüsse seines Bruders, und daß er bereits um ihre Schwester Dinarsade angehalten habe. »O großer König,« antwortete Scheherasade, »wir wollen ihm hierbei eine Bedingung machen, nämlich die, daß er bei uns wohnen bleibe. Es ist mir nämlich nicht möglich, mich auch nur einen Augenblick von meiner Schwester zu trennen, da wir beide miteinander auferzogen worden sind. Wenn er diese Bedingung annimmt, so sei sie seine Sklavin.« Schachriar ging sogleich hin, um seinem Bruder die Bedingung kundzutun. »O,« rief dieser, »das war ohnehin schon mein Vorsatz, und ich hatte mich schon fest entschlossen, dich nie wieder zu verlassen. Ich sehne mich nicht mehr nach der Würde eines Königs, und Gott wird schon die Wahl meiner Untertanen auf einen guten Beherrscher leiten.« Als der König diese Versicherung Schachsenans hörte, freute er sich und rief entzückt aus: »Gott sei gelobt, daß alle meine liebsten Wünsche so in Erfüllung gehen; denn auch für mich wäre deine Abreise ein großer Schmerz gewesen.« Sogleich wurden die Großrichter, die Weisen, die Anführer des Kriegsheeres und die Großen des Reichs zusammenberufen, und die beiden Brüder schlossen in deren Gegenwart das Ehebündnis mit den zwei Schwestern. Sie selber bekleideten sich mit atlassenen Gewändern; die Stadt aber wurde mit prächtigen Teppichen behangen, und jeder Fürst, jeder Wesir, jeder Kammerherr und jeder Statthalter erhielt von dem Könige Befehl, seinen Palast auf das geschmackvollste auszuschmücken. Das Volk überließ sich der ausgelassensten Freude. Zugleich befahl der König, daß überall Küchen aufgeschlagen, alle Arten von Vieh geschlachtet und alle, groß und klein, arm und reich, festlich bewirtet würden. Im Schlosse beschäftigte sich die Dienerschaft damit, alle möglichen Wohlgerüche zu besorgen und sie in die Bäder der beiden Sultaninnen zu bringen. Scheherasade und Dinarsade begaben sich darauf ins Bad, ließen da ihre langen schwarzen Haare flechten und legten sodann, als sie das Bad verließen, königlichen Schmuck an. Scheherasade zog hieraus ein schönes seidenes, mit Gold gesticktes Kleid an, in welches die Figuren von allerhand Vögeln und wilden Tieren gewirkt waren. Auch legten sie prächtige Armbänder von Edelsteinen von solcher Größe an, dergleichen selbst Alexander der Große nicht besessen hatte. Beide Fürstinnen waren von einer Schönheit, die selbst der Beredteste nicht zu schildern vermöchte; jede von ihnen übertraf die Sonne und den Mond an Glanz und Anmut. Es wurden jetzt die Wachskerzen angezündet, aber wie sehr wurden sie durch das Antlitz dieser beiden Schönheiten verfinstert, und wie sehr empfand man, daß ihre Augen durchdringender waren als gezückte Schwerter, daß ihre Augenbrauen die Herzen bezauberten, und daß vor der Glut ihrer Wangen die Rosen selber erbleichen mußten! Mit feierlicher Musik wurden beide von ihren Sklavinnen empfangen. Darauf begaben sich auch die beiden Könige ins Bad und setzten sich sodann auf ihren Thron. Die beiden Schwestern nahten sich ihnen nun und entzückten jedermann durch ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit. Scheherasade wurde zuerst vorgeführt und dem üblichen Brauche zufolge siebenmal nacheinander verschieden angekleidet. Das erste Gewand, als sie dem Könige Schachriar vorgeführt wurde, war rot. Der König stand auf, um sie zu betrachten; er wurde ganz von ihr bezaubert, und alle Anwesenden, Männer und Frauen, gaben deutlich ihren Beifall zu erkennen. Sodann wurde Dinarsade in einem blauen Gewande dem Könige Schachsenan vorgeführt. Sie glich einem aufgehenden Monde. Der König freute sich sehr über sie und war vor Liebe außer sich. Nachher wurde Scheherasade in ihrem zweiten Gewande vorgeführt. Nun waren ihre Haare aufgesteckt, ihre Seitenhaare aber hingen lockenartig herunter, so daß sie sich hinter die Nacht verborgen zu haben schien. Ebenso wurde auch Dinarsade mit den übrigen sechs Gewändern bekleidet, nachdem Scheherasade sich auf dieselbe Art ebensooft umgekleidet hatte. Als diese Festlichkeit vorüber war, beschenkte der König jedermann mit kostbaren Kleidern. Die Königinnen aber wurden in ihre Gemächer eingeführt, und ihre Gatten begaben sich zu ihnen, und jeder fand sich in dem Besitz seiner Geliebten höchst glücklich. Am andern Morgen kamen die Wesire und Großen des Reichs, um ihren Glückwunsch abzustatten, wobei die Könige kostbare Geschenke austeilten. Hieraus wurde in einer feierlichen Versammlung beschlossen, daß ihr Schwiegervater, der Wesir, als Statthalter nach Samarkand, der Hauptstadt des Reichs, von Schachsenan geschickt würde. Nachdem dieser ihnen seine Dankbarkeit auf eine rührende Art zu erkennen gegeben, wurde er auch sogleich dahin abgesandt, und Schachriar gab ihm noch fünf der vornehmsten Wesire mit. Der Wesir selbst aber begab sich noch vorher zu seinen beiden Töchtern, um von ihnen Abschied zu nehmen. Diese küßten ihm die Hände, wünschten ihm zu diesem hohen Posten Glück und machten ihm große Geschenke. Er gelangte hierauf glücklich nach Samarkand, dessen Bewohner ihm drei Tagereisen weit entgegen gekommen waren. Die Stadt selber fand er aufs köstlichste geschmückt. Als er in dieselbe eingezogen war, setzte er sich daselbst auf den königlichen Thron, und die vornehmsten der Stadt Samarkand und des ganzen Reichs brachten ihm ihre Huldigungen dar. Er verteilte die kostbarsten Ehrenkleider unter sie, und sie leisteten ihm zugleich den Eid der Treue.

Nach der Abreise des Wesirs teilten sich die beiden Brüder in die Angelegenheit des Reichs, und zwar so, daß sie alle Tage mit ihren Geschäften abwechselten. So lebten sie nun fortan in einer Eintracht, welche alle ihre Untertanen zur höchsten Freude stimmte. Auf allen Predigtstühlen wurde für sie gebetet, und ihr Ruf verbreitete sich durch die Reisenden in die entferntesten Gegenden. Der König Schachriar aber bestellte eine große Anzahl von Schreibern zu sich und gab ihnen den Auftrag, alles das aufzuzeichnen, was sich während der Zeit zwischen ihm und seiner Gemahlin zugetragen hatte. Dieses sowie alle erzählten Geschichten wurden sorgfältig gesammelt und niedergeschrieben. Man nannte sie die Begebenheiten der Tausend und Eine Nacht. Sie füllten dreißig Bände, und der König ließ sie in seinem Bücherschatz aufstellen.

Nach dieser Zeit lebten die beiden Brüder noch eine lange Zeit in Glück und Einigkeit beisammen, bis der Zerstörer aller Ergötzlichkeiten, der Trenner aller Gesellschaften, der Veröder der Wohnungen und der Bevölkerer der Gräber sie abrief und sie zur Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes eingingen. Jahrhunderte vergingen, während welchen ihre Schlösser zerstört wurden und andere Könige ihre Reichtümer und Schätze erbten. Endlich regierte nach ihnen ein sehr weiser, verständiger und gerechter König, der die Wissenschaften und vorzüglich die Geschichten alter Zeiten sehr liebte. Unter seiner Regierung fand man nun dieses schöne, wundervolle und ergötzliche Buch wieder aus. Man las den ersten Band, den zweiten, den dritten, bis zum letzten, und jeder Band gefiel immer besser als der vorhergehende. Der König, der davon Nachricht erhalten hatte, ließ sich sofort die darin enthaltenen Geschichten vorlesen, und da diese ihm außerordentlich wohl gefielen, so befahl er, daß das Buch häufig abgeschrieben und in alle Gegenden und Länder ausgebreitet würde. Der Ruf von diesem Buche verbreitete sich bald überall, und man nannte es die wunderbaren Begebenheiten und Seltenheiten der Tausend und Einen Nacht.

Dieses ist alles, was uns von diesem Buche kund geworden ist. Gott allein aber ist das Wahre bekannt.

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