Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Unbekannte Autoren >

Tausend und Eine Nacht. Elfter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Elfter Band - Kapitel 21
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Elfter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180123
projectid1a8085b2
Schließen

Navigation:

Geschichte der alten Frau mit dem Sohne des Kaufmanns.

»Ein sehr reicher Kaufmann hatte einen Sohn namens Gadrif, den er sehr zärtlich liebte. Seine Neigung zu ihm ging so weit, daß er ihm öfters sagte: »Welches auch immer deine Wünsche sein mögen, so teile sie mir mit, es wird mich freuen, sie dir zu erfüllen.« Eines Tages sagte sein Sohn zu ihm, daß er sich sehr sehne, nach Bagdad, diesem Wohnorte des Glücks und des Friedens, zu reisen. »Ich will,« sagte er, »diese merkwürdige Stadt besuchen, ihre Schönheiten bewundern, das Schloß des Kalifen betrachten, auf dem Tigris Lustfahrten machen und andere Ergötzlichkeiten daselbst genießen, welche mir die Kaufleute und die Reisenden beschrieben haben.« – »Mein Sohn,« erwiderte der Vater, »dieses ist ein Wunsch, den ich nicht erfüllen kann. Du bist zu jung, und es fällt mir zu schwer, dich von mir zu lassen.« – »Du hast mich so oft gebeten,« erwiderte der Sohn, »ich möchte dir meine Wünsche anzeigen, nunmehr, da ich's getan habe, verweigerst du mir die Erfüllung. Ich lasse indessen nicht ab, dich darum zu bitten, denn meine Sehnsucht ist zu groß, als daß ich sie überwinden könnte. Nur durch die Reise kann sie gehoben werden.« Als nun der Vater den festen Entschluß seines Sohnes wahrnahm, so traf er die nötigen Anstalten, besorgte kostbare Waren, an Wert von dreißigtausend Goldstücken, und empfahl ihn einigen Kaufleuten, die ebendahin abreisten. Gadrif reiste ab. Der Vater begleitete ihn mit einem frommen Gebet, und die Reise selbst wurde glücklich vollbracht, denn schon nach zwei Monaten waren sie in Bagdad angelangt. Sein erster Gang war nach dem Marktplatze, wo er ein sehr schönes Haus mieten wollte. Eins derselben, das von seltner Pracht und Schönheit war, reizte ihn, und er beschloß, es näher anzusehen. Er fand darin so viel Aufwand und Glanz, daß er sich nicht genug darüber verwundern konnte. Doch als er in den Garten trat, die reichlich hervorströmenden Springbrunnen darin betrachtete, die Bäche, die im Garten flossen, und die seltenen Bäume darin erblickte, so stieg sein Erstaunen noch höher. Drauf trat er in einen Gartensaal, dessen Fußboden mit Marmor so ausgetäfelt war, daß er Figuren bildete, und dessen Decke Goldmalereien schmückten. Er wagte kaum, nach dem Mietzins zu fragen. Indessen tat er es doch und äußerte, daß er zu wissen wünsche, wieviel man den Monat dafür zahlen müsse. »Zehn Goldstücke,« antwortete sein Führer. – »Ist das wahr, was du sagst?« – »Ja,« erwiderte jener, »denn kaum ist es möglich, daß jemand länger als höchstens eine oder zwei Wochen darin wohnen kann.« – »Warum das?« fragte Gadrif. – »Weil derjenige, der es bewohnt, entweder krank wird oder stirbt. Das ist nun bereits in Bagdad bekannt, darum kommt niemand, es zu mieten, und eben deshalb ist der Preis so sehr gesunken.« Gadrif wunderte sich darüber außerordentlich und dachte bei sich selbst: »Ich möchte doch gern die Ursache ergründen, warum jedem Bewohner Tod oder Krankheit droht.« Er mietete also das Haus, bewohnte es und enthielt sich alles Kummers wegen des bekannten Umstandes. Zugleich beschäftigte er sich mit Kaufen und Verkaufen eine geraume Zeit hindurch und war in seinen Geschäften sehr glücklich.

Eines Tages ging ein altes Weib bei ihm vorbei, deren Aussehn nichts Gutes versprach. Sie betete unaufhörlich den Rosenkranz ab; als sie aber den jungen Mann auf einer Bank, die vor seinem Hause stand, sitzen sah, war sie über seinen Anblick sehr erstaunt, »Du fromme Frau,« sagte Gadrif zu ihr, »kennst du mich, oder hältst du mich für einen andern?« Da grüßte sie ihn sehr freundlich und sprach: »Wie lange wohnst du in diesem Hause?« – »Zwei Monate,« antwortete er. – »Darüber eben bin ich erstaunt; denn vor dir hat niemand dasselbe länger als eine Woche bewohnt und hat es nur krank oder tot verlassen; aber ich weiß schon, du hast gewiß die Tür des Belvedere auf dem obersten Teil nicht geöffnet.« Mit diesen Worten setzte sie ihren Weg, immerfort betend, weiter fort. Dieser war ganz verwundert über die Äußerung der Alten und sagte bei sich selbst: »In diesem Hause sollte ein Belvedere sein, und ich hätte es noch nicht gesehn!« Und sogleich ging er hin, um den Eingang zu demselben zu suchen. Er ließ keinen Winkel dieses großen Hauses ununtersucht, bis er endlich hinter einem Haufen Mauersteine eine kleine Tür erblickte, die von Spinnweben schon ganz bedeckt war. »Wie«, rief er lächelnd aus, »hinter dieser kleinen Türe sollte der Tod mich erwarten? Nein, das kann nicht sein! Steht nicht im Koran, in diesem heiligen Buche: Nur was uns bestimmt ist, wird uns begegnen? Daher kann ich ganz unbesorgt hineingehen; es kann mich nur, hier oder dort, mein bestimmtes Schicksal treffen.« Mit Mühe kletterte er über die Haufen der davorliegenden Steine und öffnete die Tür, hinter welcher er sogleich eine Treppe erblickte, die er sofort hinanstieg. Nachdem er lange so fortgestiegen war, gelangte er endlich an das gesuchte Belvedere. Dort sah er einen Sessel, worauf ein sehr schönes Mädchen saß, die alle Herzen bezaubern mußte. Kaum hatte er sie gesehen, als er in seinem Herzen die heftigste Liebe gegen sie empfand. »Ach, wenn das wahr ist,« dachte er, »was die Leute sagen, daß jeder, der dies Haus bewohnt, stirbt oder krank wird, so ist dieses Mädchen die Ursache daran. Wehe mir: wie wird es mit mir enden, da jetzt schon gleichsam mein Verstand mir geraubt und mein Herz betört ist!«

 

Neunhundertundsechsundneunzigste Nacht.

Hierauf verließ er diesen Ort, ganz in Gedanken vertieft und auf ein Mittel sinnend, der Gefahr zu entgehen. Er setzte sich in einen Saal, allein verließ ihn sehr bald wieder, da er keine Ruhe hatte, und setzte sich vor die Tür des Hauses. Kaum hatte er einige Minuten dagesessen, als die alte Frau wieder vorbeikam, immer noch in ihr Gebet vertieft. Sobald er sie sah, stand er auf, eilte ihr entgegen und grüßte sie sehr zuvorkommend. »Mutter,« redete er sie hierauf an, »ich war glücklich und heiter bis zu dem Augenblick, wo du mir von der Öffnung jener Türe gesagt hast. Jetzt aber, nun ich sie geöffnet und gesehen habe, was sich da oben befindet, bin ich besiegt, außer mir und ohne Zweifel verloren, wenn du mir nicht ein Mittel an die Hand gibst.« – Da lachte die Alte und sagte: »Fürchte nichts, habe keine Sorgen. Es wird alles gut gehen.« – Auf diese tröstende Versicherung gab er ihr sogleich einen Beutel mit hundert Goldstücken und sprach: »Schalte über mich wie die Gebieterin über den Sklaven; aber hüte dich, daß nicht einst am Tage des Gerichts ich über dich Rache rufe.« – »Das wird nicht geschehen,« erwiderte sie, »aber du wirst mir auch beistehen, damit wir zu unserm Zwecke gelangen.« – »Was habe ich da zu tun?« – »Gehe du auf den Markt zu den Seidenhändlern, frage nach dem Laden des Abilfateh ben Kedar und kaufe von ihm einen mit Gold gewirkten Schleier. Diesen behalte bei dir, bis ich morgen zu dir kommen werde.« Er versprach ihr, dies pünktlich auszuführen, worauf sie ihn verließ. Gadrif aber war voll Ungeduld und konnte den Morgen kaum erwarten. Endlich brach er an, und er begab sich auf den Markt, wo er nach dem benannten Laden fragte. Man zeigte ihm denselben und sagte ihm zugleich, daß Abilfateh ben Kedar einer der angesehensten Kaufleute wäre und sehr viel beim Kalifen gelte. Als er in dessen Laden gekommen war, fand er, daß es ein sehr junger und schöner Mann war. Es waren mehrere Sklaven bei ihm, und sein Äußeres schien anzuzeigen, daß er sehr begütert sein müsse. Zu dem Glück, dessen er genoß, gesellte sich auch noch der Umstand, daß er der Besitzer eben jenes Mädchens war, welches den Gadrif so bezaubert hatte, sie war nämlich seine Gattin und hieß Mardye. Gadrif bat ihn um einen Schleier, der mit Gold aus ägyptische Art gewirkt, dabei aber so prächtig sei, daß er keinen seinesgleichen habe. Da rief der Kaufmann einen Diener und befahl ihm, ein ganzes Päckchen Stoffe aus der Mitte seines Ladens zu holen. Dies geschah, der Kaufmann öffnete das Päckchen und zeigte ihm einige Schleier, wovon Gadrif einen auswählte und ihn mit zwanzig Goldstücken bezahlte. Darauf begab er sich mit demselben in sein Haus zurück, wo sich auch die Frau bald einfand. Nach den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeigungen überreichte er ihr den Schleier. Sie verlangte nun ein Kohlenfeuer, und als er es ihr brachte, verbrannte sie zwei Stellen an dem Schleier. Alsdann legte sie ihn wieder zusammen, nahm ihn unter ihr Kleid und ging damit in das Haus des Seidenhändlers. Sie klopfte an die Tür, und sogleich kam die Frau des Kaufmanns ihr entgegen und sprach: »Wer ist da?« – »Ich bin Hariffa, die Freundin deiner Mutter.« Diese kam nämlich oft in das Haus des Kaufmanns. – »Was ist dein Begehr?« fragte jene, »meine Mutter ist nicht zu Hause.« – »Meine Tochter,« erwiderte die Alte, »die Stunde des Gebets naht heran, und ich wollte die Abwaschungen in deinem Hause verrichten, weil seine Bewohner den Ruf der Frömmigkeit haben.« Sie wurde sogleich hereingelassen und ihr ein Zimmer angezeigt, wo sie die Abwaschungen verrichten konnte, allein sie verließ es bald wieder und verlangte ein andres Gemach, um ungestörter beten zu können, weil die Dienerinnen des Hauses sie bis jetzt immer unterbrochen hätten. Mardye führte daher die Alte in das Schlafgemach ihres Gemahls, hier betete sie und benutzte einen Augenblick, wo die Hausfrau sie nicht beobachtete, und stopfte den Schleier unter das Kopfkissen ihres Mannes. Darauf begab sie sich zu der jungen Frau, dankte ihr und ging davon. Gegen Abend kam der Mann nach Hause. Seine Frau setzte ihm Speise vor, und als die Betzeit herankam, begab er sich in sein Schlafzimmer, um zu beten. Als er sich auf das Kissen stützte, bemerkte er unter demselben den Schleier, zog ihn hervor und erkannte ihn für denjenigen, welchen der junge Mann vor kurzem bei ihm gekauft hatte. Natürlich bildete er sich sogleich ein, der junge Mann müsse bei seiner Frau gewesen sein. Er verbarg sofort den Schleier, hütete sich aber, ein Wort gegen seine Frau hierüber zu äußern, denn er fürchtete, dies möchte zu einem Gerede in der Stadt Anlaß geben und er dadurch die Gunst des Kalifen verlieren. Eines Tages indes rief er sie zu sich und sprach: »Ich habe soeben gehört, deine Mutter sei sehr unwohl, und sie verlange, daß du sogleich zu ihr kommen möchtest.« Sie stand daher augenblicklich auf, und voll Besorgnis wegen ihrer Mutter eilte sie schnell zu dieser; allein als sie eintrat, fand sie die Alte sehr heiter und gesund. »Sage mir,« fragte die Mutter, »wie kommt es, daß du zu dieser ungewöhnlichen Stunde zu mir kommst?« Mardye sagte ihr die Ursache, und als sie noch drüber im Gespräch waren und jede ihre Mutmaßungen äußerte, siehe, da kamen auch schon die Lastträger und brachten ihre Ausstattung und ihr ganzes Eigentum zurück. Da sprach die Mutter: »Es muß etwas zwischen euch beiden vorgefallen sein, ich dringe darauf, daß du mir es sagst.« Die Tochter hingegen versicherte, daß ihr nichts der Art bekannt wäre. »Es ist unmöglich,« sagte hierauf die Mutter, »daß ein solches Benehmen nicht durch einen bedeutenden Vorfall veranlaßt worden sein sollte.« Allein die Tochter bestand auf ihrer ersten Aussage. Darüber betrübte sich die Mutter außerordentlich und weinte, denn es tat ihr weh, ihre Tochter von einem so reichen Manne verstoßen zu sehn. Nach Verlauf eines Monats trat Hariffa, jene Alte, zu der Mutter der Mardye herein, stellte sich sehr bestürzt und sprach: »Ich habe soeben gehört, daß Abulfateh deine Tochter verstoßen hat. Das betrübt mich außerordentlich, und ich habe nicht aufgehört, Tag und Nacht für sie zu beten. Aber wo ist denn deine Tochter?« – »Sie ist betrübt,« erwiderte die Mutter, »und hat sich in dieses Gemach zurückgezogen. Sie weint und trauert, daß nun niemand mehr mit ihr sprechen will. Ich fürchte sehr, daß der Schmerz sie am Ende überwältigt, und daß sie stirbt.« – »Das verhüte Gott,« erwiderte die Alte, »so weit soll es nicht kommen, ich will versuchen, sie mit ihrem Manne wieder auszusöhnen. Aber morgen ist bei mir ein großes Fest wegen der Verheiratung meiner Tochter. Ich wünschte sehr, daß die deinige dabei sein, durch ihre Gegenwart mein Haus beglücken und sich zerstreuen möchte.« Dieses bewilligte die Mutter sehr gern, zog Mardyen kostbare Kleider an, schmückte sie, und darauf führte die Alte sie mit sich hinweg. Statt sie aber in ihr eigenes zu führen, führte sie jene zu Gadrif. Mardye indessen glaubte in dem Hause der Alten angekommen zu sein.

 

Neunhundertundsiebenundneunzigste Nacht.

Als Gadrif sie sah, näherte er sich ihr, küßte ihr die Hand und ersuchte sie, an einem Tische Platz zu nehmen, auf welchem er die kostbarsten Speisen und Getränke aufgesetzt hatte. Mardye, welche glaubte, er sei der Bräutigam der Tochter Hariffas, ließ sich nicht lange nötigen, und auf diese Weise aßen und tranken sie denn miteinander und waren sehr vergnügt. Allein sehr bald erklärte er ihr, daß er sie liebe, und sie konnte nicht umhin, ihn ebenfalls sehr liebenswürdig zu finden. Leider brach nun aber die Zeit an, wo sie zu ihrer Mutter zurückkehren sollte; indes die Alte ließ sich bewegen, bei ihrer Mutter um Verlängerung der Erlaubnis anzuhalten, und erhielt auch dieselbe. Nachdem die Zeit verstrichen war, brachte die Alte Mardyen wieder zu ihrer Mutter zurück, und ihre Mutter bemerkte mit Vergnügen, daß ihre Traurigkeit sich etwas vermindert hatte. Die Alte aber ging sofort zu Gadrif und sagte ihm: »Nun müssen wir aber auch wieder gutmachen, was wir Böses angerichtet haben, und die Frau ihrem Gatten wiederbringen, denn nicht trennen, sondern vereinigen ist löblich.« – »Wie können wir das machen?« fragte Gadrif. – »Gehe du nur,« sagte sie, »in den Laden ihres Mannes und unterhalte dich mit ihm. Ich werde dort vorbeigehn. Sobald du mich nun siehest, so springe aus dem Laden und ergreife mich, schelte mich aus, verlange von mir den Schleier und sage zu gleicher Zeit dem Kaufmanne und den Anwesenden: »Du erinnerst dich wohl noch an den Schleier, den ich bei dir gekauft hatte, den habe ich meine Sklavin nur ein einziges Mal tragen lassen. Sie räucherte sich nämlich, und da fiel ein Funken Feuer auf ihn, der ihn an zwei Orten versehrte. Da gab ihn denn meine Sklavin dieser Alten, um ihn ausbessern zu lassen, und diese nahm ihn zwar in Empfang, hat mir ihn aber bis heute noch nicht zurückgeschickt.«

Gadrif versprach das zu tun und begab sich sogleich zu Abilfateh, grüßte ihn und unterhielt sich mit ihm. Kurz daraus sah er die Alte vorbeigehn, welche betete. Gadrif sprang auf, hielt die Alte bei den Kleidern fest und fing an, sie auszuschelten. Sie aber schmeichelte ihm und sprach: »Lieber Sohn, was fehlt dir?« Da wandte sich Gadrif zu den Umstehenden und sprach: »Wisset, daß ich von diesem Kaufmann einen Schleier um zwanzig Goldstücke gekauft habe. Meine Sklavin hatte ihn umgemacht und wollte eben sich räuchern, als ein Funken aus dem Räucherbecken aus den Schleier flog und ihn an zwei Orten verbrannte. Wir gaben ihn daher dieser Alten, um ihn auszubessern und ihn dann wieder uns zurückzubringen,; aber von jenem Tage an haben wir sie nicht mehr wiedergesehen.« – »Der Mann hat ganz recht,« erwiderte die Alte, »ich habe den Schleier von ihm in Empfang genommen: aber ich habe ihn irgendwo liegen lassen, und nun besinne ich mich nicht mehr, wo. Ich bin arm und kann ihm keine Entschädigung dafür geben.« Der Kaufmann, der diese Erzählung aufmerksam angehört hatte, dachte darüber nach und sah ein, daß er seiner Frau wohl unrecht getan haben könne. Doch fragte er die Alte, ob sie ihn etwa bei ihm vergessen hätte. – Da sagte diese: »Ich trete bald hier, bald dort ein und habe schon überall nachgefragt, aber niemand hat mir Nachricht gegeben.« – »Hast du auch in meinem Hause nachgefragt?« erkundigte er sich weiter. – »Ich bin auch bei dir gewesen, fand aber niemanden, und späterhin wurde mir gesagt, du hättest deine Frau verstoßen.« Nunmehr wandte sich der Kaufmann zu Gadrif und sprach: »Laß die Frau gehen; ich werde dir deinen Schleier wiedergeben und ihn ausbessern lassen.« Als die Alte dieses hörte, stellte sie sich, als wenn sie sehr verwundert darüber wäre, dankte dem Kaufmann und ging davon. Die Anwesenden erstaunten über diese Begebenheit, und der Kaufmann holte den Schleier, übergab ihn in Gegenwart Gadrifs einem Manne, der ihn ausbessern mußte, und da er sich überzeugte, daß er gegen seine Frau ungerecht gewesen wäre, schickte er zu ihr, ließ sie um Verzeihung bitten, machte ihr Geschenke und brachte es so weit, daß sie wieder zu ihm kam.

Du siehst also, o König, welche List die Weiber anwenden, um zu ihren Zwecken zu gelangen, sollten sie auch zu Verbrechen ihre Zuflucht nehmen.« Der König, durch dieses neue Beispiel überzeugt, verschob nochmals die Hinrichtung seines Sohnes.

Zur Nachtzeit aber kam ein Gesandter von dem Sohne des Königs an die Gesamtheit der Wesire an und lud sie ein, vor ihm zu erscheinen. Sie eilten zu ihm, und er empfing sie aufs freundlichste, lobte sie und dankte ihnen, daß sie ihn bei seinem Vater verteidigt hätten, um ihn am Leben zu erhalten. Zugleich versprach er ihnen, sie einst dafür zu belohnen, und erzählte ihnen hierauf den ganzen Hergang der Sache und die Ursache seines Schweigens. Sie freuten sich darüber, wünschten ihm Heil und Segen und gingen davon. Am achten Tage setzte sich der König auf den Thron in dem Gerichtssaale, und sein Sohn trat zu ihm herein, geführt von seinem Lehrer Sindbad. Beide verneigten sich vor ihm auf die Erde, und der Sohn des Königs fing an, seinen Vater sowie dessen Wesire und Hofleute zu preisen.

 

Neunhundertundachtundneunzigste Nacht.

Alles dieses geschah in Gegenwart der Weisen, Rechtsgelehrten und vornehmsten Männer, welche alle über die Geläufigkeit seines Ausdrucks und über seine Beredsamkeit erstaunt waren. Der König freute sich ebenfalls, küßte ihn und rief seinen Lehrer Sindbad, behandelte diesen sehr freundlich und fragte ihn um die Ursache des Stillschweigens, welches sein Sohn sieben Tage lang beobachtet hätte. »Ich habe es ihm selbst angeraten,« erwiderte Sindbad, »aus Furcht vor einem Unglück, welches ihm während dieser sieben Tage bevorstand. Sein Geschick wollte es, daß er sich durch Schweigen rettete, und gelobt sei Gott, daß es gelungen ist.« – »Doch,« sprach der König, »wem wäre die Schuld zuzuschreiben gewesen, wenn ich meinen Sohn getötet hätte? Mir, der Frau oder seinem Lehrer?« Da sprachen die Gegenwärtigen: »Das können wir nicht entscheiden.« Nun erhob sich der Sohn des Königs und sprach: »Höre, o Herr, folgende Geschichte.

 

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.