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Tausend und Eine Nacht. Elfter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Elfter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Elfter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180123
projectid1a8085b2
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Geschichte des Königssohnes und der Tochter eines andern Königs.

Einst lebte, wie man erzählt, eine Prinzessin von so außerordentlicher Schönheit, die so gut zu reiten und die Waffen zu handhaben verstand, daß sie von keinem ihrer Zeitgenossen übertroffen wurde. Viele Prinzen hatten schon um sie angehalten, aber sie hatte keinem irgend eine Antwort gegeben, bevor er nicht mit ihr sich in einen Zweikampf eingelassen hatte. Sie hatte nämlich bestimmt erklärt: »Nur derjenige soll mein Gatte werden, der mich auf dem Kampfplatze bezwingt. Besiege ich ihn aber, so nehme ich sein Pferd, seine Waffen und seine Kleider und präge meinen Namen auf seine Stirn ein.« Dies hielt nun zwar die Söhne mehrerer Könige nicht ab, sich von den entferntesten Gegenden her zu ihr zu begeben, allein sie hatte sie alle besiegt, ihre Waffen als Siegeszeichen behalten und sie auf der Stirn bezeichnet.

Unter andern hatte auch der Sohn eines persischen Königs mit Namen Bachram den Tagi ebenfalls von ihr gehört. Auch dieser entschloß sich, die weite Reise zu ihr hin zu machen, und nahm unermeßliche Reichtümer mit sich. Als er in die Stadt kam, wo der Vater der Prinzessin wohnte, legte er seine Schätze an einem sichern Orte nieder und richtete es so ein, daß man nichts von diesen Reichtümern vermuten konnte. Den nächsten Tag darauf begab er sich dann mit sehr ansehnlichen Geschenken zum Könige. Dieser nahm ihn sehr wohl aus und versicherte ihm, daß es ihm sehr angenehm sein würde, alle seine Wünsche zu befriedigen. Als ihm indes der Prinz eröffnete, daß er bloß in der Absicht gekommen sei, um seine Tochter anzuhalten, da erwiderte er: »Das, was du begehrst, hängt nicht von mir ab. Ich habe ihr versprochen, daß ich sie ganz Herrin über ihre Wahl lassen will, und sie hat sich durch einen Schwur verpflichtet, nur den zu heiraten, der sie im Zweikampfe überwinden würde.« Der Prinz empfahl sich hierauf und bereitete sich zum Kampfe mit der schönen Prinzessin vor. Er ließ sie sodann um die Erlaubnis ersuchen, mit ihr Kämpfen zu dürfen, und bat sich zugleich die Stunde aus, in der es ihr gefällig sein würde. Sie willigte ein, zeigte ihm die Stunde an, und das Gerücht von diesem Kampf verbreitete sich in der ganzen Stadt, und zur festgesetzten Zeit versammelte sich eine große Menge Neugieriger auf dem Kampfplatz. Die Prinzessin erschien völlig bewaffnet, gegürtet und mit einem dichten Schleier verhüllt, aber auch der persische Prinz trat in völliger Rüstung, höchst geschmackvoll angetan, herein. Sie begrüßten sich auf kriegerische Art und begannen den Kampf. Er wurde sehr langwierig und hartnäckig. Beides, Kraft und List, wurden dabei angewandt, und die Prinzessin sah wohl, daß sie es mit einem der Tapfersten unter den Tapfern zu tun hatte, denn nie hatte sie einen solchen Widerstand von einem andern erfahren. Auch war er wirklich geübter als sie, und sie fürchtete mit Recht, daß beim letzten Gange, wenn seine Hitze aufs äußerste gestiegen sein würde, er sie überwältigen würde. Sie nahm daher zu ihrer letzten List ihre Zuflucht und entschleierte sich. Als der Prinz ihr schönes Angesicht erblickte, wurde er von ihrem Reiz höchst bezaubert, er war nun seiner Kräfte nicht mehr mächtig und verlor den Mut, eine solche Gegnerin zu bekämpfen. Als sie den Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, wahrnahm, benutzte sie diesen Augenblick, fiel ihn unvermutet an, hob ihn mit ihrer Lanze aus dem Sattel und bemächtigte sich seiner mit Blitzesschnelle. Er indes betrachtete sie noch immer und gewahrte kaum, was mit ihm vorging. Sie aber nahm sein Roß, seine Waffen, seine Kleider, zeichnete ihn auf die Stirn und ließ ihn gehen. Nun kam er wieder zu sich selbst und sah jetzt erst die Größe seines Verlustes. Vor Gram und Kummer konnte er von nun an weder essen noch trinken, denn zu seinem Unglück hatte die Liebe zu dieser Prinzessin sich seines Herzens gänzlich bemächtigt. Er entließ nun seine ganze Dienerschaft und schrieb seinem Vater, daß er sich fest vorgenommen habe, nicht eher zurückzukehren, bis er seine Sache durchgesetzt haben würde; wofern er das nicht könne, so wolle er sterben. Diese Nachricht betrübte seinen Vater außerordentlich, und er war schon willens, ihn zu unterstützen und ihm mit Truppen zu Hilfe zu kommen, allein seine Räte widerrieten ihm dies, und er überließ daher Gott die Angelegenheiten seines Sohnes. Dieser aber ersann eine List. Er verkleidete sich nämlich, legte sich den Bart eines Greises an und begab sich zum Gärtner der Königin unter dem Vorwände, daß er die Gärtnerei sehr gut verstehe. Von dem Gärtner erfuhr er nun, daß die Prinzessin alle Abende in den Garten komme, um sich zu erfrischen.

 

Neunhundertundfünfundneunzigste Nacht.

Der Prinz pries ihm nun umsomehr seine Geschicklichkeit im Umpflanzen der Bäume, im Pfropfen, im Senken der Weinstöcke und dem Pflegen der Pflanzen und Blumen und sagte ihm zugleich, er verstehe sehr vorteilhafte Wassermaschinen zu bauen. Dieses freute den Gärtner so, daß er ihm sogleich die Sorgfalt für den Garten übertrug und allen seinen Gehilfen befahl, seine Anordnungen auszuführen. Der Prinz, der einen sehr durchdringenden Verstand hatte, sah gleich beim ersten Anblick, daß dieser Garten vieler Verschönerungen fähig sei. Er entwarf sogleich einen Plan, an dessen Ausführung sofort gearbeitet wurde, und in wenigen Tagen konnte man schon sehen, daß dieser Garten der schönste werden würde, den man je in diesen Gegenden gesehen hatte. Nach einigen Wochen kam eine Menge Sklaven in den Garten, welche Teppiche und eine Menge von Geschirren hervorbrachten. Als er nun nach der Ursache dieser Vorkehrungen fragte, sagte man ihm, daß die Prinzessin den Garten besehen wollte, um sich zu zerstreuen. Auf diese Nachricht ging der Prinz schnell zu dem Orte, wo er seine Kostbarkeiten aufbewahrt hatte, nahm einiges davon an sich und kehrte dann in den Garten zurück. Hier setzte er sich und tat, als wenn er vor Alter und Schwäche zitterte. Nach einer Weile traten Sklavinnen und Dienerinnen in den Garten und in ihrer Mitte die Prinzessin, wie der Mond unter den Sternen. Sie fingen sogleich an, den Garten in allen Richtungen zu durchgehen, und bewunderten die schönen Anlagen desselben. Endlich kamen sie auch zu dem als Greis verkleideten Prinzen, der eine Menge von Kostbarkeiten neben sich liegen hatte. Erstaunt über diesen Anblick, fragten sie ihn, was er mit diesem Schmuck machen wolle. – »Ich will eine unter euch heiraten,« sagte er, »und es ihr zum Brautschmuck geben.« Da lachten sie über ihn und scherzten; er aber sprach: »Meine Heirat besteht bloß aus einem Kuß, und dann verstoße ich meine Frau wieder.« Da sprach die Prinzessin, die den Scherz sehr liebte, zu ihm, indem sie auf ein sehr schönes Mädchen zeigte: »Diese da gebe ich dir zur Frau.« Da stand er auf, indem er sich gleich einem schwachen Manne auf seinen Stab stützte, küßte sie zitternd gleich einem hinfälligen Greise und gab ihr den Schmuck. Diese freute sich außerordentlich darüber, und alle verließen ihn hierauf schäkernd und lachend. Am andern Tage kam die Prinzessin wiederum mit ihrer Dienerschaft in den Garten; sie trafen den Prinzen wie den Tag vorher als Greis angetan und bei noch mehreren Kostbarkeiten als den Tag vorher dasitzend. »Was willst du denn mit diesen Kostbarkeiten machen?« fragte sie ihn wieder. Hierauf führte ihm die Prinzessin ein andres Mädchen zu und sprach: »Mit dieser vermähle ich dich heute.« Er stand sofort auf, küßte sie und überreichte ihr den Schmuck. Sie nahm ihn in Empfang, und freudig und lachend verließen sie abermals den Greis. Dasselbe geschah auch den dritten und vierten Tag. Als aber die Prinzessin diese Kostbarkeiten in den Händen ihrer Sklavinnen sah und zugleich erwog, daß der Wert derselben so bedeutend sei, daß eine Königstochter sich damit schmücken könnte, dachte sie bei sich selbst: »Wie kommen denn diese Diener dazu, solche Kostbarkeiten zu besitzen? Dergleichen gebührt mir eher als ihnen, und die Art, sie zu erlangen, ist ja so leicht.« Sie faßte daher den Entschluß, machte sich eines Morgens früh ganz allein auf, verkleidete sich als eine Sklavin, ging in den Garten, suchte den Greis auf und sprach zu ihm: »Die Prinzessin schickt mich, daß du mich heiraten sollst.« Da sah er sie an und erkannte sie. »Sehr gern gehorche ich der Prinzessin,« antwortete er, stand zitternd auf und suchte, was er nur Kostbares finden konnte, von Schmuck aus und übergab es ihr. Drauf näherte er sich ihr, um den Kuß zu empfangen, und die Prinzessin, unbesorgt und in völliger Sicherheit, ließ ihn ganz nahe kommen. Der Prinz aber ergriff sie, warf sie auf die Erde nieder, kniete auf sie, riß sich den falschen Bart ab, öffnete seinen Greisenmantel und sprach: »Nun habe ich dich überwunden. Kennst du mich nun? Ich bin Bachram, der Sohn des Königs Taag; ich habe mich bis jetzt bloß um deinetwillen verkleidet, bloß deinetwegen bin ich aus meiner Familie und aus meinem Lande gegangen; aber nun habe ich meinen Zweck erreicht und dich überwunden.« – Sie stand beschämt und schweigend auf, ging, ohne ein Wort zu sagen, in ihr Schloß und überließ sich ihrem Ärger und ihrer Betrübnis. Die Scham, sich überlistet zu sehen, war so groß, daß sie sich das Leben rauben oder versuchen wollte, ihn umzubringen; doch sah sie alle diese Vorsätze als nutzlos an und beschloß endlich, mit ihm die Flucht zu ergreifen, da sie nicht haben wollte, daß man in ihrem Lande sagen solle, sie sei überwältigt worden. Sie teilte ihm also ihren Entschluß mit, bestimmte ihm die Zeit und Stunde ihrer Abreise und packte ihm alle Kostbarkeiten zusammen. Er tat ein Gleiches. Als nun die zur Abreise bestimmte Nacht angebrochen war; begab sie sich zu ihm; sie bestiegen dann schnelle Rosse und entkamen unbemerkt unter den Fittichen der Nacht. Am andern Morgen hatten sie schon eine große Strecke zurückgelegt. Sie verfolgten indes immerfort eifrig ihren Weg, bis sie endlich glücklich in Persien anlangten. Der Vater war über die Zurückkunft seines Sohnes außerordentlich erfreut und empfing ihn nebst seiner schönen liebenswürdigen Gattin auf eine ausgezeichnete Art. Er fertigte zugleich eine Gesandtschaft mit den auserlesensten Geschenken an den Vater der Prinzessin ab, um die Erlaubnis zur Heirat seines Sohnes mit der Prinzessin zu erhalten. Als diese Gesandtschaft daselbst angekommen war und der König die Briefe gelesen und die Geschenke in Empfang genommen hatte, war er außerordentlich erfreut über die Nachrichten von seiner Tochter, deren Entweichung ihn sehr betrübt hatte. Er verordnete Freudenfeste und befahl, daß der Großrichter und die Zeugen in Gegenwart der fremden Gesandten erscheinen möchten. Seiner Tochter ernannte er einen Anwalt, und so wurde der Heiratsvertrag aufgesetzt. Nachdem er die Gesandten reichlich beschenkt und mit Ehrenpelzen bekleidet hatte, ließ er sie wieder abreisen und übersandte seiner Tochter eine kostbare Ausstattung nebst allen ihren Sklavinnen. Bei der Rückkunft der Gesandten in ihr Vaterland wurde die Hochzeit durch die glänzendsten Feste gefeiert, und der Prinz lebte mit ihr im höchsten Grade glücklich.

Du siehst also, o König,« fuhr die Frau fort, »wie groß die List der Männer ist. Was Euch aber betrifft, so werde ich, solange ich lebe, auf meiner gerechten Forderung nach Genugtuung bestehen.«

Als der siebente Tag anbrach, trat der siebente Wesir herein, küßte die Erde vor dem Könige und sprach: »O König, noch nie hat jemand den Aufschub einer Sache bereut; dagegen ist derjenige, der sich übereilte, fast stets mit Scham und Reue bedeckt worden. Mit Kummer sehe ich die Anstrengungen dieser Frau, dich zu einer übereilten Handlung zu bewegen, die dir eine reuevolle Zukunft bereiten würde. Doch ich, dein treuer Diener, kenne die List der Weiber genauer als jeder andere, und die Geschichte der alten Frau mit dem Sohne des Kaufmanns enthält in dieser Hinsicht ein zu warnendes Beispiel, als daß ich sie dir nicht mitteilen sollte.« –

»Was ist das für eine Geschichte?« fragte der König, und der Wesir begann also:

 

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