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Tausend und Eine Nacht. Elfter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Elfter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Elfter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180123
projectid1a8085b2
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Neunhundertundeinundvierzigste Nacht.

Geschichte des Kalifen Harun Arreschid und der Tochfatulkuloub.

Der Kalif Harun Arreschid, welcher in Bagdad residierte, hatte unter seinen nächtlichen Erzählern einen gewissen Abdullah ben Nafé ganz besonders ausgezeichnet und konnte ihn fast gar nicht entbehren. Indes bemerkte Abdullah nach einiger Zeit, daß der Kalif sich weniger um ihn bekümmerte, und daß er ganz gegen seine Gewohnheit oft ganze Tage lang nicht nach ihm fragte. Dies schmerzte ihn außerordentlich, und er sagte bei sich selbst: »Ach, wie kommt es, daß das Gemüt des Fürsten der Gläubigen sich so geändert hat, daß er mich keines Blickes mehr würdigt, daß ich nicht mehr an ihm die Heiterkeit sehe, die ihm sonst so eigen war.« In seiner Betrübnis sagte er folgende Verse her:

»Wer in seiner Familie oder in seinem Lande nicht mehr geschätzt wird, für den gibt es nichts besseres als die Entfernung.

Fliehe also ein Haus, in welchem du gering behandelt wirst, und betrübe dich nicht, wenn du solche Freunde verlässest.

Siehe, wie der rohe Ambra im Bergwerk auf dem Boden herumliegt. Ist er aber zutage gefördert, so wird er als Schmuck am Halse getragen.

Das Collyrium, dieses wohltätige Augenpulver, ist an dem Ort seines Entstehens nur ein unbedeutender Stein, der auf die Straße geworfen wird.

Ist er aber aus seiner Grube gezogen, so erreicht er die höchste Ehrenstelle, denn man trägt ihn in den Augen.«

Abdullah ben Nafé konnte diesen Zustand nicht länger ertragen, sondern er verließ die Hauptstadt des Fürsten der Gläubigen, ohne irgend jemand von seinem Vorhaben zu unterrichten, und ohne irgend eine Bedienung mitzunehmen. So durchreiste er die entferntesten Gegenden und die Staubmeere der Wüsten, ohne sich ein bestimmtes Ziel vorzusetzen. Unterwegs stieß er aus eine Karawane, die nach Indien reiste, und schloß sich an dieselbe an. Die Reise war sehr glücklich, und sie langten ohne alles Ungemach in Indien an, wo er sich in einer namhaften Stadt eine Wohnung mietete, hier nahm er viele Tage lang keine Speise zu sich, und kein Schlaf erquickte ihn; und zwar geschah dies nicht etwa wegen Mangels an Gelde, sondern seine trüben Gedanken verhinderten ihn, Schlaf und Speise zu genießen. Wie konnte es auch anders sein, wenn er bedachte, wie der wandelbare Stern des Glücks sich gegen ihn gewendet und wie das Wohlwollen des Fürsten, unsers Herrn, sich in Gleichgültigkeit gegen ihn verwandelt hatte. Nach Verlauf einer längeren Zeit hatte er in jenem Lande einige Bekanntschaften gemacht und Freunde gefunden, an die er sich inniger anschloß, und mit denen er sich häufig belustigte. Als nächtlicher Erzähler des Fürsten der Gläubigen war er wohl fähig, sie mit den reizendsten Geschichten zu unterhalten, ihnen die niedlichsten Verse herzusagen und die interessantesten Begebenheiten mitzuteilen. Sein Ruf erscholl bis zum Könige Gamhour, dem Beherrscher von Kasch'amar in Indien. Dieser schickte nach ihm und ließ ihn zu sich einladen. Er begab sich auch sogleich zu ihm, warf sich vor ihm zur Erde, und der Fürst empfing ihn auf das gnädigste und wohlwollendste. Er befahl nämlich, ihn drei Tage lang in dem Schlosse, das für Fremde bestimmt ist, zu bewirten, und am vierten schickte er einen Kammerherrn zu ihm, um ihn zu sich zu laden. Als er vor dem Könige erschien, empfing ihn dieser abermals auf eine höchst ausgezeichnete Weise, und der Dolmetscher erhielt Befehl, ihm folgendes zu sagen: »Der König Gamhour hat von dir Kunde erhalten und gehört, daß du ein vortrefflicher Gesellschafter und ein angenehmer Unterhalter seiest. Er wünscht dich bei sich in dieser Eigenschaft anzustellen, damit du ihm Erzählungen und Begebenheiten mitteilst, die ihn aufheitern können.« Abdallah ben Nafé nahm dieses Anerbieten dankbar an und erfüllte den Wunsch des Königs zu dessen völliger Zufriedenheit. Dieser erhob ihn nun von einer Ehrenstelle zur andern, bekleidete ihn mit Ehrenpelzen und wies ihm eine prächtige Wohnung in seinem eigenen Palaste an; denn er konnte sich kaum auf eine Stunde von ihm trennen. So brachte er eine lange Zeit damit hin, daß er ihm alle Nächte Gesellschaft leistete und ihn unterhielt, und wenn der größte Teil der Nacht vorbei war und der Schlaf den König anwandelte, so verließ ihn dieser nie, ohne ihm zu sagen: »Von meiner Seite sollst du nie eine Änderung erfahren und von meiner Person dich nie trennen.« Diese Äußerung der Huld nahm er stets mit großem Dank auf. –

Der König hatte einen sehr schönen und liebenswürdigen Sohn, welcher der Fürst Muhammed genannt wurde. Dieser war wohl unterrichtet, sprach ganz vortrefflich und hatte viele Bücher studiert. Sein Lieblingsvergnügen aber war die Unterhaltung durch Verse, durch Erzählungen und Geschichten. Da er der einzige Sohn des Königs Gamhour war, so liebte dieser ihn unaussprechlich. Der Prinz spielte unter anderem auch sehr gut die Laute und andere Instrumente; auch hatte er sich angewöhnt, jedesmal, wenn der König schlafen ging, die Stelle seines Vaters einzunehmen und Abdullah zu bitten, ihn mit Erzählungen zu unterhalten. In dieser Lage, geliebt von Vater und Sohn, brachte Abdullah ben Nafé lange Zeit zu. Eines Tages, als der König sich zum Schlaf entfernt hatte, näherte sich ihm sein Sohn und sprach folgendes:

 

Neunhundertundzweiundvierzigste Nacht.

»Ich wünschte sehr, daß du mir etwas ganz Außerordentliches erzählen möchtest, desgleichen du weder mir noch meinem Vater je vorgetragen hast.« – »Mein Herr!« erwiderte dieser; »von welcher Art und Gattung soll diese Geschichte denn sein, die du von mir verlangst?« – »Es muß etwas sehr Schönes sein,« sagte der Prinz, »es mag sich nun in älteren oder in unseren Zeiten zugetragen haben, es sei, was es auch sei.« – »Mein Herr,« erwiderte Ben Nafé, »ich weiß sehr viele dergleichen Geschichten; sage mir aber zuvor, ob du lieber solche hörest, die unter Menschen vorgefallen sind, oder aber solche, worin Geister in die Ereignisse der Menschen eingreifen!« – »Von diesen letzteren,« rief der Prinz, »wünschte ich eine zu hören, wenn du nämlich selbst Augen- oder Ohrenzeuge davon gewesen bist.« – »Das will ich gern und willig tun,« sprach Abdullah, »und ich kann dich zugleich versichern, daß diese Geschichte höchst anmutig und anziehend ist, da sie sich während der Zeit meiner Anwesenheit in Bagdad selbst zugetragen hat.« – »O erzähle sie mir,« sprach der junge Fürst Muhammed, »ich höre dir aufmerksam zu.« Abdullah begann nun folgendermaßen:

»Der Statthalter des Herrn der Kreaturen, Harun Arreschid, hatte einen Gesellschafter mit Namen Isaak ben Ibrahim. Er war aus Mossul gebürtig und der geschickteste Lautenspieler seiner Zeit, und der Fürst der Gläubigen hatte aus lauter Zuneigung gegen ihn ihm eines seiner eigenen Schlösser eingeräumt, in welchem er den Sklavinnen Unterricht in der Musik und im Singen gab. Wenn dann eine unter ihnen einen hohen Grad der Kunst erreicht hatte, so ließ er sie vor den Kalifen bringen; dieser befahl ihr dann zu spielen oder zu singen; gefiel sie ihm, so wurde sie in seinen Harem oder sein Frauengemach gebracht, erwarb sie sich aber nicht seinen Beifall, so führte man sie in das Schloß Isaaks zurück. Eines Tages fühlte sich der Kalif sehr beklommen. Er wünschte daher, sich etwas aufzuheitern, und schickte nach seinem Wesir, Giafar aus dem Geschlecht Barmek, ferner nach eben diesem Isaak, seinem Gesellschafter, und nach Mesrur, dem Schwertträger und Vollstrecker seiner Rache. Als sie ankamen, verkleidete sich der Kalif und machte sich ganz unkenntlich; desgleichen taten auch Giafar und Mesrur. Mit ihnen war noch Alfadhl, Bruder des Giafar, und ein gewisser Jonas. Diese alle gingen durch eine geheime Türe des Schlosses, welche auf den Tigris zuführte, hinaus, bestiegen einen Kahn, schifften hinüber, stiegen am jenseitigen Ufer aus und setzten dort ihren Weg ganz gemächlich fort, bis sie an die Pforte einer Hauptstraße kamen. Da begegnete ihnen ein sehr angenehmer, ehrwürdiger Greis von stattlichem und vornehmem Äußeren. Dieser grüßte den Isaak ben Ibrahim ehrfurchtsvoll – weil er nur diesen allein unter den Begleitern kannte, denn der Kalif war gar nicht zu erkennen – sowie auch die übrigen, die er für Freunde des Ibrahim hielt. »Heute,« begann der Greis zu ihm, »ist eine Lautenspielerin zu mir gekommen, die, wie ich dich, mein Herr, versichern kann, alles übertrifft, was wir je gesehen haben, sowohl an Schönheit als an feinen Sitten. Soeben wollte ich mich zu dir begeben, um dich davon zu benachrichtigen; nun aber hat mir Gott die Mühe erleichtert. Ich will sie dir gleich vorstellen; gefällt sie dir, so ist es eine abgemachte Sache, wo nicht, so verkaufe ich sie.« – »Sehr wohl,« sprach Isaak, »gehe mir voran, ich will dir folgen und sie mir ansehen.« Der Greis küßte ihm hierauf zum Zeichen seiner Hochachtung die Hand und ging voran. Harun Arreschid aber fragte jetzt den Isaak, was das für ein Mann wäre, und welch ein Anliegen er gehabt hätte, worauf dieser ihm berichtete, er heiße Sayd Annahas und sei derjenige, welcher für sie Sklavinnen und Sklaven einkaufe, und daß er ihn soeben benachrichtigt habe, daß eine sehr schöne und vorzügliche Lautenspielerin bei ihm zu sehen und zu verkaufen sei, daß er sie aber nicht eher jemandem zeigen und anbieten wolle, fügte Isaak hinzu, bevor ich sie nicht in Augenschein genommen hätte. »Wir wollen zusammen hingehen,« sprach der Kalif, »und unter dem Vorwande, sie anzusehen, wollen wir die übrigen Sklavinnen mit betrachten.« Isaak sagte hierauf erfreut: »Ja, Fürst der Gläubigen, deinem Befehle will ich nachkommen.« Und so gingen sie denn unter der Führung des Sayd Annahas immer weiter, bis sie an sein Haus kamen, welches sie sehr hoch und geräumig fanden. Es war in mehrere große und kleine Gemächer abgeteilt, je nachdem die Sklaven schöner oder geringer waren, und die Leute, meistens Käufer, saßen auf Teppichen. Isaak und seine Genossen traten nun in die Mitte des Orts und sahen dem Verkauf der Sklaven, der Mamelucken und der Knechte zu. Sobald ein Kauf geschlossen worden war, gingen die Käufer weg, und andre setzten sich an ihre Stelle. Da sprach endlich Sayd Annahas: »Nunmehr wird kein Verkauf unter tausend Goldstücken geschlossen, daher setze sich niemand hin, der nicht diese Summe ausgeben will.« Da gingen sie alle fort, und bloß der Kalif blieb mit seiner Umgebung da. Die schöne Lautenspielerin wurde jetzt vorgerufen, nachdem man für sie einen prächtigen Stuhl, ganz nach griechischer Art gepolstert, hingesetzt hatte. Als sie hereinkam, wies ihr Sayd ihren Platz an, welchen sie, nachdem sie alle gegrüßt hatte, einnahm. Sie glänzte von Anmut und Schönheit, nahm die Laute, präludierte, um zu sehen, ob sie gestimmt wäre; dann stimmte sie dieselbe und schlug Akkorde an, welche die Anwesenden ganz entzückten. Hierauf sang sie folgende Strophen:

»Sanfter Morgenwind, wenn du in das Land derer kommst, die ich liebe, so bringe ihnen meinen besten Gruß. Sage ihnen, daß ich mich selbst als das Unterpfand ihrer Liebe betrachtete, und daß meine Sehnsucht nach ihnen jede andre Begierde übersteigt.

O ihr, die ihr mein Herz, mein Auge und meine Sinne beschäftigt, täglich nimmt meine Sehnsucht nach euch zu sowie mein Kummer.

Mein Herz ist täglich deshalb in großer Beklommenheit, und mein Auge kennt keinen Schlaf.«

Isaak lobte das Mädchen wegen der Schönheit ihres Gesanges und erhob diesen Augenblick über die schönsten seines Lebens.

 

Neunhundertunddreiundvierzigste Nacht.

Das Mädchen, erfreut über dieses Lob, stand auf, küßte ihm die Hand und sprach: »O Herr, in deiner Gegenwart versagen mir leider die Hände ihren Dienst aus Hochachtung für dich, so wie die Zeugen bei deinem Anblick, und der Beredteste könnte wohl vor dir verstummen. Aber du bist auch ebenso nachsichtig, und ich erlaube dir daher, meinen Schleier abzunehmen.« Er stand daher auf, fragte sie, wer sie wäre, und was sie bedürfte. Zu gleicher Zeit hob er eine Seite ihres Schleiers auf und erblickte ein Mädchen wie der aufgehende Vollmond oder wie der glänzende Blitz. Sie hatte zwei lange schwarze Haarlocken, die ihr weit über die Ohrgehänge herunterhingen. Sie küßte nochmals seine Hand und sprach: »Wisse, mein Herr, daß ich in diesem Hause schon fünf Monate bin. Während dieser Zeit habe ich nie wollen mich verkaufen lassen, weil ich deine Gegenwart erwartete, von der mir Sayd oft gesagt hatte. Tag und Nacht habe ich ihn geplagt, daß er dich herholen und mich durch deine Gegenwart beglücken möchte; allein dieser Wunsch ist mir jetzt erst erfüllt worden.« – »Sage mir,« sprach Isaak, »was verlangst du von mir?« – »Ich bitte und beschwöre dich, daß du mich kaufest, wäre es auch nur, daß ich bei dir die gewöhnlichsten Dienstleistungen verrichte.« – »Sollte das dein einziger Zweck sein?« Als sie ihm dies beteuert hatte, ging er zu Sayd und sprach zu ihm: »Mein lieber Alter, dieses Mädchen ist ja ganz gelb von Farbe. Wieviel Drachmen mag sie wohl wert sein?« – »Mein Herr,« sprach Sayd, »dieses Mädchen hieß Tochfatulhamka«. – »Was bedeutet dieser Beinamen?« – »Wisse,« erwiderte jener, »daß für sie schon mehr als hundertmal der Preis ausgezahlt worden ist; aber jedesmal verlangte sie nachher ihren Käufer zu sehen, und wenn ich ihn ihr gezeigt hatte, so sagte sie: »Den mag ich nicht, er hat diesen oder jenen Fehler.« Und so fand sie bis jetzt an jedem, der sie kaufen wollte, immer irgend etwas auszusetzen. Dies geht so weit, daß sie jetzt niemand mehr kaufen mag, noch zu sehen verlangt, aus Furcht, sie möchte ihn wegen irgend eines Fehlers lächerlich machen.« – »Jetzt verlangt sie ja selbst, verkauft zu werden,« sprach Isaak, »zeige mir ihren Preis an und schicke sie mir in mein Haus.« – »Ihr Preis ist hundert Goldstücke,« erwiderte Sayd, »und wenn sie nicht den Fehler hätte, im Gesicht so gelb zu sein, so wäre sie wegen ihres vorzüglichen Talents auf der Laute tausend Goldstücke wert; aber ihre Narrheit und schlechte Gesichtsfarbe haben ihren Wert so vermindert. Ich gehe nun zu ihr, um sie zu fragen, ob sie verkauft werden will.« – Er fragte sie: »Willst du an Isaak, den Sohn Ibrahims aus Mossul, verkauft werden?«, und als sie es bejaht hatte, setzte er hinzu: »Nun mußt du aber deine Narrheit fahren lassen; denn es ist ein seltnes Glück, in das Haus Isaaks, des Gesellschafters des Kalifen, zu kommen.« Isaak begab sich nun mit seiner Gesellschaft fort; sie gelangten an ihren Ort, bestiegen den Kahn und kamen am Ufer Chanekat ans Land. Sayd aber schickte das Mädchen in das Haus Isaaks, woselbst seine Sklavinnen sie in Empfang nahmen, sich über die Ankunft der neuen Gefährtin freuten und sie ins Bad brachten. Jede von ihnen beschenkte sie mit etwas, teils mit Schmuck, als Ohrgehängen und Armbändern, teils mit Kleidungsstücken und Shawls. Ihre Schönheit wurde dadurch so gehoben, daß sie jedermann bewunderte. Als Isaak von dem Kalifen zurückkam, so begab sich Tochfa zu ihm und küßte seine Hand. Wie er nun sah, was die Sklavinnen an ihr getan hatten, lobte er sie darüber und sprach: »Führet sie in das Haus, wo meine Lehranstalt ist, und versuchet sie mit musikalischen Instrumenten. Wenn sie vollkommen stark und gesund sein wird, so werdet ihr sehen, ob sie sich zum ausdauernden Singen eignet; dann könnt ihr sie unterrichten.«

Drei Monate war sie bereits in dieser Lehranstalt, umgeben von allen möglichen Instrumenten. Ihre Gesundheit befestigte sich immer mehr, ihre Schönheit hatte sich verdoppelt und dreifach vermehrt, und ihre gelbe Gesichtsfarbe hatte sich in das schönste Weiß und in das zarteste Rot verwandelt, so daß keiner, der sie sah, unverwundert sich von ihr entfernte. Eines Tages ließ Isaak alle Sklavinnen, die in der Lehranstalt waren, in den Palast des Kalifen kommen. Bloß Tochfa und ein Küchenmädchen ließen sie zurück; denn er hatte die erstere ganz vergessen, und keine von den andern Sklavinnen hatte sie ihm in Erinnerung gebracht. Als Tochfa sich in dem Hause allein sah und überzeugt war, daß sie niemand beobachtete, nahm sie ihre Laute, um ihrem Talente freien Lauf zu lassen. Sie war nämlich, wie schon gesagt, die Ausgezeichnetste in dieser Kunst; sogar der berühmte Isaak selbst kam ihr nicht gleich. Zu ihrer Laute sang sie nun folgende Verse:

»Wie unglücklich ist doch das Herz, welches sich nach jemandem sehnt, der nicht ähnliche Neigung fühlt! Wie schrecklich ist's, seine Wünsche nicht erfüllt zu sehen!

Dennoch wollte ich mein Leben lassen für den, dessen Härte meinen Körper unkenntlich gemacht, ja ihn gänzlich aufgelöset hat, da doch in seiner Hand meine Heilung steht. Fürchten muß ich mich, meine Liebe vor denen blicken zu lassen, die mich beobachten, um mich zu tadeln, da sein Gemüt sich von der abwendet, die nach ihm Sehnsucht fühlt.

O Spötter, wie lange willst du über mein Unglück spotten, als wenn du keinen andern Gegenstand sähest, an dem du dein Gespött auslassen könntest!«

Isaak war plötzlich wegen irgend eines Bedürfnisses nach Hause geeilt und betrat eben die Vorhalle, als er einen Gesang hörte, desgleichen er noch nie vernommen hatte, und derselbe ergriff ihn so, daß er vor Freuden in Ohnmacht fiel. Tochfa hatte das Getöse des Falls vernommen; sie legte daher die Laute weg, um zu sehen, was die Ursache wäre. Da sah sie ihren Herren ohnmächtig daliegen. Sie richtete ihn auf, drückte ihn an ihr Herz und sprach: »Um Gottes willen, mein Herr, was ist dir begegnet?« Als Isaak ihre Stimme hörte, kam er wieder zu sich und fragte: »Wer bist du?«

 

Neunhundertundvierundvierzigste Nacht.

»Ich bin,« antwortete sie, »deine Sklavin Tochfa.« – »Wer bist du, Tochfa?« rief er aus, »und ich konnte dich vergessen?« Nun blickte er sie an und sprach: »Wie hast du dich verändert. Wie bist du schön geworden! Wie erfüllst du mich mit Entzücken! Warst du es, die jetzt sang?« Da fuhr sie zusammen, fürchtete sich und sagte: »Ja, mein Herr.« Da ergriff er sie bei der Hand und führte sie ins Haus und sprach zu ihr: »Nimm die Laute und singe; denn ich habe noch nie etwas gehört, das deinem Spiele ähnlich gewesen wäre.« – »O, spotte meiner nicht, mein Herr! Wer bin ich, daß du mir so etwas sagen könntest? Das ist bloß ein Übermaß von deiner Güte.« – »Bei Gott, ich sage nur die Wahrheit,« sprach er, »ich bin keiner von denen, die nur leere Worte machen. Aber wie konntest du dich so im Zaume halten, daß du während drei Monaten die Laute nicht in die Hand nahmst und sangst? Das ist etwas sehr Sonderbares und zeugt von einer großen Beherrschung deiner selbst.« Darauf befahl er ihr zu singen, und sie erwiderte: »Gern und willig gehorche ich dir.« Sie nahm nun die Laute, zog die Saiten etwas an, machte einige Gänge und kam in die erste Tonart zurück, worüber Isaak ganz bezaubert war. Dann sang sie folgende Verse:

»Gegen Euch bleibe ich, solange ich lebe, gut gesinnt; nie werde ich mich ändern, und das Haus wird stets von meinem Ausrufen Eures Namens widerhallen.

Sollte ich auch ein entferntes Land bewohnen, so werde ich doch nie vergessen, daß Ihr mir nahe waret. Welch trauriges Schicksal für Liebende, sich nur durch Erinnerungen entschädigen zu können!

Euer Bildnis steht fest in der Mitte meines Auges; es wird mich nie verlassen und wird in der Dunkelheit der Nacht mir als Mond erscheinen.

Je mehr meine Liebe zunimmt, desto größer wird mein Schmerz, und in der Freude über Euren Besitz empfinde ich die Furcht vor der Trennung.«

Nach Endigung dieses Gesanges legte sie die Laute aus der Hand, und Isaak näherte sich ihr und faßte ihre Hand, um sie zu küssen. Sie aber zog ihre Hand zurück und sprach: »Mein Herr, tue dieses nicht.« Er aber unterbrach sie, indem er beteuerte, daß er in einem großen Irrtum gewesen sei, als er behauptet habe, es wäre ihm in der Welt niemand gleich an Fertigkeit in der Musik. »Du bist aber um so vieles in der Kunst geschickter als ich, daß man es nicht genug erwägen und schätzen kann. Heute will ich dich noch zum Fürsten der Gläubigen führen, und wenn er dich sieht, so wirst du die Herrin der Frauen werden. Ach, meine Gebieterin, wenn du im Hause des Kalifen sein wirst, so vergiß mich nicht.« – »O mein Herr,« rief sie aus, »ich werde dich immer als den Begründer meines Glücks betrachten. Mein Herz wird immer auf dich stolz sein.« Er bat sie um eine kräftige Versicherung deshalb, und sie beteuerte mit einem Schwure, daß sie ihn nie vergessen werde. »Bei Gott,« sagte er, »du wirst das Glück des Kalifen ausmachen. Komm, nimm deine Laute und spiele mir das vor, was du dem Kalifen vortragen willst.« Sie tat es und sang:

»Nahe du dich ihm als Geliebte statt derjenigen, um die er weint, und die ihm so teuer war,

Die ihm noch als letzten Wonnegruß vor ihrem Tode (der aus Schmerz wegen ihrer Trennung erfolgte) von dem roten Weine ihrer Lippen (einen Kuß) gab.«

Da nahte sich Isaak, drückte ihre Hand und sprach: »Ich habe einen Schwur getan, daß, sobald mir der Gesang eines Mädchens gefällt, ich sie sogleich dem Kalifen vorführe. Aber vor allen Dingen sage mir, wie konntest du fünf Monate bei dem Sayd bleiben, ohne daß dich jemand kaufte, da du doch so geschickt warst und für dich so wenig gefordert wurde?« Da lächelte sie entzückend und sprach: »Mein Herr, meine Geschichte ist sonderbar. Ich gehörte nämlich einem maurischen Kaufmanne, der mich gekauft hatte, als ich erst drei Jahre alt war. Er hatte eine Menge Sklaven und Sklavinnen, deren Pflege er mich anvertraute. Denn ich war ihm sehr teuer, und er nannte mich immer sein kleines Töchterchen, auch hat er mich stets als Tochter behandelt. Er hatte unter andern ein Mädchen, die ganz vorzüglich die Laute spielte; diese hatte mich in ihrer Kunst unterwiesen und sich mit mir viel Mühe gegeben. Als indes bald darauf mein guter Herr von Gott zum Genuß seiner Barmherzigkeit in jene Welt abgerufen wurde, so teilten seine Kinder sich in sein Vermögen, und ich fiel einem seiner Söhne zu. Doch dieser war so verschwenderisch, daß er in kurzer Zeit alles vergeudet hatte, so daß ihm auch nicht das geringste mehr übrig blieb. Da ich nun also voraussah, daß mein Herr genötigt sein würde, mich zu verkaufen, und ich sehr fürchtete, in die Hände eines Mannes zu kommen, den ich nicht zum Besitzer wünschte, so nahm ich mir vor, die Laute nie mehr zu spielen, damit diese Kunst nicht jemanden locken möchte, der mein Inneres zu beurteilen nicht imstande wäre. Leider dauerte es auch nur einige Tage, und ich wurde in das Haus des Sayd gebracht, welcher die Sklavinnen für den Kalifen einkaufte. Ich meinerseits hatte indes keinen andern Wunsch als den, bei dir deine Kunst zu erlernen; ich nahm mir daher fest vor, mich an niemand anders als an dich verkaufen zu lassen. Endlich wurde mein Wunsch erfüllt. Du kamst zu Sayd, und ich bat dich, mich ihm abzukaufen, was du auch tatest. Seitdem ich nun in deinem Hause bin, habe ich die Laute nicht angerührt außer jetzt; ich wollte nämlich bloß sehen, ob sich mein Spiel verändert habe oder nicht. In diesem Augenblick aber wurde ich durch ein Geräusch unterbrochen; ich sah nach und erblickte dich.« – »Das war recht zur glücklichen Stunde,« unterbrach er sie, öffnete dann einen Kasten, nahm prächtige, mit Edelsteinen und großen Perlen besetzte Kleider heraus nebst anderem kostbaren Schmuck, übergab ihr dieses alles und sprach: »In Gottes Namen bekleide dich damit, o Herrin Tochfa.« Sie stand auf, zog diese Kleider an, verschleierte sich und ging mit Isaak in den Palast des Kalifen.

 

Neunhundertundfünfundvierzigste Nacht.

Dort stellte er sie ihm in Gegenwart Giafars, des Wesirs, vor, warf sich auf die Erde und sprach: »O Fürst der Gläubigen, ich bringe dir ein Mädchen, dessen Schönheit keinesgleichen hat, und die in ihrem Gesange und in der Kunst, die Laute zu spielen, von niemandem übertroffen wird. Sie heißt Tochfa.« – »Wo ist diese Schönheit, die in der Welt ihresgleichen nicht hat?« – »Hier, Fürst,« sprach Isaak, indem er sie ihm vorführte. Als sie den Fürsten der Gläubigen erblickte, warf sie sich vor ihm auf die Erde und sprach: »Heil dir, o Fürst der Gläubigen, du Beschützer der Religion, du Erhalter der Gerechtigkeit unter den Menschen! Möge Gott deine Schritte leiten und dich in Ruhe genießen lassen, was er dir gibt! Möge einst das Paradies dein Aufenthalt sein und das Feuer der Verbannungsort deiner Feinde!« – »Auch dir, Mädchen,« erwiderte Harun, »gebe ich meinen Gruß; setze dich und singe etwas.« Sie nahm hierauf die Laute, und nach einigen melodischen Akkorden, die den Kalifen und Giafar entzückten, sang sie folgende Verse:

»O Geliebter, ich schwöre bei dem, den ich anbete, für den man wallfahrtet, und für den man den Berg Arrafat besucht:

Wenn auf meinem entseelten Körper schon längst ein Grabhügel sein wird, so werden meine vermoderten Gebeine noch deiner Stimme gehorchen.

Keinen außer dir begehre ich zum Geliebten. Glaube meinen Worten; denn die Edeln verdienen Zutrauen.«

Als der Kalif ihre Schönheit, ihren Gesang und die Deutlichkeit ihres Ausdrucks zusammen in Erwägung zog, war er darüber so erfreut, daß er vom Throne herabstieg, sich neben sie auf die Erde setzte und sprach: »Sehr schön, o Tochfa! Bei Gott, du verdienst deinen Namen in der Tat; denn du bist ein wahres Geschenk.« Hierauf sprach er zu Isaak: »Du hast dieses Mädchen sehr unrichtig beschrieben, indem du nicht den zehnten Teil von allen den Vorzügen angedeutet hast, die sie besitzt. Sie ist ja weit geschickter als du.« – »Ja,« sprach Giafar, »o mein Herr, du hast ganz recht; sie hat mir meinen Verstand geraubt.« – »Auch ich,« fiel Isaak ein, »muß gestehen, daß ich früher immer behauptet habe, es wäre niemand in der Welt, der besser die Laute spielte als ich; als ich aber ihr Spiel gehört hatte, so sank das meinige zu nichts herab.« Hierauf befahl der Kalif, daß sie den Gesang noch einmal wiederholen möchte, welches sie denn auch zu seiner Zufriedenheit tat. Er befahl hierauf dem Mesrur, sie in seine geheimeren Zimmer zu bringen. Während Tochfa sich mit dem Sklaven entfernte, bemerkte der Kalif die schönen Kleider und den Schmuck, den sie anhatte, und sagte: »Isaak, woher hat sie diese Kostbarkeiten?« – »Das ist, o mein Herr,« erwiderte dieser, »ein kleiner Teil deiner eigenen Geschenke und Wohltaten gegen mich. Ich habe sie ihr verehrt, und das scheint mir bei Gott etwas Geringes für dieses ausgezeichnete Mädchen.« Da befahl der Kalif, an Isaak fünfzigtausend Goldstücke auszuzahlen und ihm eins der schönsten Ehrenkleider zu geben. Diesen Befehl vollführte Giafar sogleich; der Kalif aber begab sich zur Tochfa und unterhielt sich mit ihr die ganze Nacht. Sie entzückte ihn so, daß er keine Stunde ohne sie sein konnte, daß er in der Folge ihr mehrere Zweige der Regierung anvertraute, da er in ihr einen ausgezeichneten und richtigen Verstand, gepaart mit der größten Bescheidenheit, gefunden hatte. Er gab ihr fünfzig Sklavinnen und zweihunderttausend Goldstücke nebst einer Menge Kostbarkeiten, die gar nicht berechnet werden können. Aus lauter Liebe und Zärtlichkeit für sie vertraute er sie keiner von seinen Sklavinnen an, sondern wenn er von ihr ging, verschloß er die Türe eigenhändig und nahm den Schlüssel mit; auch verbot er jeder Sklavin, sich ihr zu nahen, aus Furcht, sie möchte aus Eifersucht oder Neid vergiftet werden. Dies hatte bereits eine geraume Zeit so gewährt. Einst, wie sie dem Kalifen etwas vorsang, war er darüber so entzückt, daß er sie in seine Arme schloß und ihr die Hand küssen wollte; sie aber zog sie schnell weg, war ganz außer sich, zerschlug in ihrer Bestürzung ihre Laute und zerfloß in Tränen. Harun trocknete ihr dieselben ab und sprach: »O Sehnsucht meines Herzens, warum weinest du? Möge Gott nie dein Auge betrüben.« – »O, mein Herr,« erwiderte sie, »ist es mit mir schon so weit gekommen, daß du meine Hand küssen willst? Soll mich Gott dafür strafen? Ist etwa mein Ende nahe, oder will mein Glück untergehen? Noch niemandem ist das widerfahren, was du mir antun willst.« – »Du hast sehr wohl gesprochen, meine Tochfa,« sprach der Kalif, »aber wisse, daß du mir sehr teuer bist. Vor Freude wollte ich dir die Hand küssen. Glaube mir, daß ich niemanden so liebe wie dich, nur mit meiner Liebe zu dir will ich sterben, und du sollst meine Beherrscherin sein!« Sie fiel ihm zu Füßen und küßte ihm dieselben. Diese Tat der Demut freute ihn außerordentlich und vermehrte womöglich noch seine Liebe. Dieses Verhältnis hatte auf diese Weise eine lange Zeit unvermindert fortgedauert, als eines Tages der Kalif auf die Jagd ging und Tochfa in ihrem Schlosse zurückließ.

 

Neunhundertundsechsundvierzigste Nacht.

Als nun Tochfa gegen Abend ganz allein in ihrem Zimmer dasaß, in einem Buche lesend und zwei goldene Leuchter vor sich habend, in denen wohlriechende Wachskerzen brannten, fiel plötzlich ein mit Moschus durchdufteter Apfel vor ihr nieder. Sie sah nach oben, von wo er gekommen war, und siehe, es war die Sultanin Sobeïde, die Tochter des Kasem. Diese grüßte sie von der Galerie des Schlosses herab und gab sich ihr zu erkennen. Da stand Tochfa ehrerbietigst auf und sagte: »O meine Fürstin, wenn ich nicht noch so unbekannt hier wäre, so würde ich täglich gesucht haben, dich zu bedienen. Wie glücklich macht es mich, daß du deine erhabenen Schritte in diese Gegend gerichtet hast.« Die Sultanin Sobeïde dankte ihr für diese Äußerung und sprach: »Das bin ich ganz von dir überzeugt, und, bei dem Leben des Kalifen, wenn es nicht ganz wider meine Gewohnheit wäre, auszugehen, so würde ich schon längst meine Wohnung verlassen haben, um dir meine Dienste anzubieten.« Dann fügte sie hinzu: »Wisse, liebe Tochfa, daß der Fürst der Gläubigen alle seine Frauen und Geliebten wegen dir vernachlässigt; ja sogar mich vergißt er ganz, und so schmerzlich es mir auch ist, hat er mich doch seinen andern Frauen gleichgemacht, obwohl ich seine erste bin. Ich komme nun zu dir, um dich zu ersuchen, daß du mich in sein Gedächtnis zurückrufst, damit er mich nicht mehr so sehr vernachlässige und wenigstens einmal des Monats mich mit seinem Besuch beehre. Dieses ist's, was ich mir von dir erbitte.« Da sprach Tochfa: »O meine Fürstin, ich werde deinen Befehl pünktlich ausrichten, und es würde mich sehr freuen, wenn der Kalif bei dir einen vollen Monat, bei mir aber nur einen Tag zubrächte, damit dein Herz sich beruhigte, denn ich bin bloß eine seiner Sklavinnen, und du bist auf jeden Fall meine Fürstin.« Sobeïde dankte ihr, grüßte sie nochmals freundlich und entfernte sich. Als Harun von der Jagd zurückkam, ging er in die Zimmer der Tochfa, nahm die Schlüssel heraus, öffnete das Schloß und ging hinein. Da stand sie auf und küßte bald sein Gesicht, bald seine Hände. Er aber drückte sie an sein Herz und ließ sie neben sich setzen. Dann wurde Speise aufgetragen, und nach diesem heitern Mahle wuschen sie sich beide die Hände. Hierauf nahm sie die Laute, spielte und sang dazu; Harun aber wurde schläfrig und schickte sich an, sich zu Bette zu legen. Als sie dies bemerkte, hörte sie auf zu singen, erwähnte die Unterhaltung mit der Fürstin Sobeïde und sprach: »O Fürst der Gläubigen, ich wünsche und bitte dich, daß du so gnädig gegen mich seiest und mein Gemüt durch die Erhörung meiner Fürbitte erfreuest und dich sogleich zu der Fürstin Sobeïde begebest.« Diese Bitte richtete sie an den Kalifen, als sie sich schon entschleiert und mit einem bequemeren Gewande bekleidet hatte. »Hättest du mir doch das gesagt,« erwiderte der Kalif, »ehe wir uns entkleideten.« – »Das habe ich nur getan,« erwiderte sie, »um mich nach den Worten des Dichters zu richten, wie er in folgenden Versen sagt:

»Wie oft sind die Fürbitten vergebens; aber nur die Fürbitte der Tochfa, Tochter des Murgan, wird angenommen.

Denn die verschleierte Fürbitterin macht nicht den Eindruck als die, welche unverschleiert zu dir kommt.«

Als der Kalif dieses gehört hatte, war er über diese angeführten Verse erstaunt und drückte sie an sein Herz. Ihren Bitten gemäß entfernte er sich dann von ihr und schloß, wie schon gesagt, die Türe hinter sich zu. Tochfa aber nahm ein Buch, las darin noch eine Weile, legte es dann beiseite, ergriff die Laute, tat einige schöne Griffe und fing an, verschiedene Melodien zu singen. Sodann sang sie folgende Verse:

»Schelte nicht das Schicksal; denn die Zeit verfolgt immer die Abwesenden.

Ertrage geduldig die Ereignisse der Zeit und bedenke, daß jede Sache ihr Ende hat.

Wie oft ist nicht das erfreulichste Glück unter dem Schleier des Mißgeschicks hervorgegangen.

Und wie viel Freude ist entsprungen daher, woher du Unglück erwartetest.«

Ein Geräusch, welches sie vernahm, nötigte sie, sich umzuwenden, und sie erblickte einen Greis von ungemein schöner Gestalt, dessen Bewegungen so leicht waren, daß er zu tanzen schien. Sie nahm ihre Zuflucht zu Gott vor dieser Erscheinung, damit er sie vor dem Teufel beschützen möge, und sprach folgendes Ende eines frommen Gesanges:

»Ich will mich nicht sträuben gegen das, was mir begegnet; denn was Gott beschlossen hat, wird er auch zu Ende bringen.«

Da nahte sich ihr der Greis, warf sich ihr zu Füßen und sprach: »Du hast sehr wohl gesprochen, du Vorzüglichste im Osten und Westen. Möge die Welt nie dich verlieren! Kennst du mich?« – »Nein,« sprach Tochfa; »aber ich glaube, du bist ein Geist.« – »Du hast ganz recht,« erwiderte er, »ich bin der Oberste der umherschweifenden Geister Ablis. Alle Abende habe ich dir mit der Schwester Kamrye zugehört. Sie liebt dich so, daß, wenn sie etwas beteuern will, sie es immer mit deinem Namen tut. Sie fühlt sich nicht mehr glücklich, wenn sie nicht, von dir ungesehen, herkommen kann, um dich zu beobachten. Nun aber komme ich zu dir in einer Angelegenheit, woraus für dich viel Gutes entspringen kann; und diese besteht darin, daß du dich in die erhabenen Wohnungen der Könige der Geister begibst und sie beherrschest, wie du die Menschen beherrschest. Die Geister sind bereits mit deiner Erscheinung einverstanden.« – »In Gottes Namen,« erwiderte sie, überlieferte ihm die Laute und folgte ihm, bis sie an eine Türe kamen, die sie bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Sie öffnete sich mit einem so fürchterlichen Getöse, daß sie darüber erschrak. Er beruhigte sie indes durch allerlei Vorstellungen, und so gingen sie denn eine Treppe, die sich hinter der Türe befand, hinab und gelangten unten in einen prächtigen Säulengang. Als sie nun an das Ende desselben gekommen waren, fanden sie ein gesatteltes und gezäumtes Pferd. »Im Namen Gottes,« sprach er jetzt, indem er ihr den Bügel hielt, »besteige, Fürstin, dieses Roß.« Sie stieg auf, und das Pferd wogte sanft unter ihr dahin. Nach und nach entfalteten sich die Flügel an demselben, und es eilte schneller fort. Der Greis blieb indes fortwährend ihr zur Seite.

 

Neunhundertundsiebenundvierzigste Nacht.

Das Mädchen war sehr in Furcht und hielt sich fest an den Sattelknopf des Pferdes an. Nach Verlauf einer Stunde befanden sie sich plötzlich auf einer schönen grünen Wiese, deren Boden einem Gewande glich, in welches Blumen von den verschiedensten Farben eingewebt waren. In der Mitte derselben erhob sich hoch in die Luft ein prächtiges Schloß, dessen goldene Zinnen mit Perlen und Juwelen besetzt waren. An der Pforte desselben standen viele der größten Geister, mit den kostbarsten Kleidern angetan. Als sie den Greis erblickten, riefen sie alle aus: »Die Fürstin Tochfa kommt!« Als sie an die Pforte kam, näherten sie sich ihr, halfen ihr vom Pferde absteigen, gingen mit ihr ins Schloß und küßten ihre Hände. Das Innere des Schlosses überraschte sie durch seine Pracht. Sie befand sich unter vier gegenüberstehenden Säulengängen, die mit goldenen Wänden eingefaßt und von unbeschreiblicher Höhe waren. Im Mittelpunkt des Schlosses war ein prächtiger Thron von Gold, zu welchem man auf fünf silbernen Stufen emporgelangte. Zur Rechten und Linken standen viele Stühle und Sessel von Gold und Silber, auf deren einen sie der Greis sich niedersetzen hieß. Tochfa war über diese Pracht ganz erstaunt und pries Gott, ihren Herrn. Nun aber näherten sich die Könige der Geister in menschlicher Gestalt jenem Throne. Nur zwei Könige hatten ihre Gestalt beibehalten: ihre Augen waren nämlich der Länge des Gesichts nach gespalten; sie hatten etwas hervorragende Hörner und herausstehende Zähne. Jetzt aber erschien auch ein sehr schönes Mädchen, deren Gestalt und Anmut unvergleichlich waren. Das Licht ihres Angesichts überstrahlte die Anzahl der Wachskerzen, die in dem weiten Saale brannten. Drei Frauen, fast ebenso schön als sie, begleiteten das Mädchen. Sie grüßten Tochfa, welche vor ihnen aufstand und sich bis zur Erde neigte. Jene indes umarmten sie, hießen sie willkommen und setzten sie auf den Thron. Diese vier Frauen waren nämlich die Königin Kamrye nebst ihren Schwestern, den Töchtern des Königs Sisban. Kamrye, welche Tochfa sehr liebte, grüßte und umarmte sie nochmals. Hierauf sagte der Greis Ablis: »Seid willkommen und nehmt mich zu euch.« Da lachte Tochfa, und Kamrye sprach: »Liebe Schwester, ich liebe dich, und mein Herz ist davon Zeuge.« Worauf jene antwortete, daß auch sie ihr sehr teuer wäre, und daß sie sich als eine ihrer Sklavinnen betrachte. Jene lobte nun Tochfas Höflichkeit und sagte zu ihr: »Diese da sind die Frauen der Könige der Geister.« Hiermit stellte sie ihr ihre Schwestern vor, grüßte sie und fügte hinzu: »Diese hier ist die Königin Vachyme; jene da die Königin Scharare. Beide sind nur darum gekommen, um dich zu sehen.« Tochfa erhob sich und küßte ihnen die Hände, jene dagegen umarmten sie und erwiesen ihr alle mögliche Ehrenbezeigungen. Darauf wurden Tische in Bereitschaft gesetzt, und unter anderm wurde eine Schüssel aufgetragen, die von Golde und mit Perlen und Edelsteinen besetzt war. Auf ihrem goldnen Rande war mit grünen Smaragden folgender Vers geschrieben:

»Ich bin verfertigt der Speise wegen: Hände der Edlen haben mich gestaltet.

Mit vielen Seltenheiten bin ich begabt; Verbotenes enthalte ich nie.

Genießt also, was ich euch darreiche, unbesorgt und preiset Gott, den Herrn der Kreaturen.«

Nachdem Tochfa diese Verse laut gelesen hatte, aßen sie miteinander; doch als sie die beiden Könige sah, die ihre Gestalt nicht verändert hatten, sagte sie zur Kamrye: »O meine Fürstin, was sind denn das für ein paar Tiere? Ich kann sie nicht länger ansehen, denn sie flößen mir Schrecken ein.« Da lachte die Königin und sprach: »Liebe Schwester, dieser hier ist mein Vater Sisban, und der andere ist Maimun, der Schwertträger. Aus Stolz haben sie ihre Gestalt nicht verändern wollen. Übrigens sind alle, die du hier versammelt siehst, ihnen ganz gleich. Nur deinetwegen haben sie die Menschengestalt angenommen aus Furcht, du möchtest dich vor ihnen entsetzen, und hoffend, du würdest dich so leichter ihnen nähern und froh sein.« – »Ach, wie ist doch Maimun häßlich! Ich kann ihn nicht länger ansehen,« erwiderte sie, worauf dann die Königin von neuem laut zu lachen begann, so daß ihr Vater sie um die Ursache dieses Lachens fragte. Die Königin benachrichtigte ihn von den Äußerungen Tochfas in einer Sprache, die diese nicht verstand, worüber Sisban ebenfalls außerordentlich lachen mußte, doch so schrecklich, daß es einem Donner glich. Als sie gespeist hatten und die Tische weggenommen waren, wuschen sie sich alle die Hände, und Ablis nahte sich der Tochfa und sagte zu ihr: »Durch deine Gegenwart hast du diesen Ort freundlich gemacht, ihn erleuchtet und verschönert. Die hier versammelten Könige wünschen sehr, etwas von deinem reizenden Gesange zu vernehmen. Die Nacht hat schon ihre Flügel ausgebreitet, um uns zu verlassen, und nur noch kurze Zeit wird sie dauern.« Sie ergriff nun die Laute und probierte auf eine ganz wunderbare Art die Saiten, ob sie gestimmt seien. Die Töne waren so schmelzend, daß das Schloß mit ihnen zu wogen schien, und Tochfa begann dann folgende Verse zu singen:

»Gegrüßet seid mir und wisset, daß mein Bündnis fest ist, und daß ich treu halten werde, was ihr sagtet: So wollen wir bleiben, und so wollen wir uns wiederfinden.

Gewiß, ich will euch alsdann meine Gunst beweisen, sanfter wie der Zephyr, süßer wie klares helles Wasser.

Denn bis jetzt sind meine Augen von Tränen wund und mein Herz voll Sehnsucht nach euch.

O, ihr Geliebten, schon hat die Trennung uns entzweit; das war es, was ich von ihr fürchtete.

Gott allein kann ich klagen, was mich betrübt; denn ich bin betrübt und voll Sehnsucht.«

Die Könige der Geister gaben über diesen schönen Gesang ihre Freude durch laute Beifallsbezeigungen zu erkennen, und die Königin umarmte Tochfa und küßte sie auf die Stirn.

 

Neunhundertundachtundvierzigste Nacht.

»O,« sagte hierauf die Königin zu Tochfa, »singe doch noch etwas so Schönes.« Diese nahm sogleich wieder ihre Laute und sang nach einem schönen Beispiele folgendes Lied:

»Je mehr meine Sehnsucht nach euch zunimmt, desto mehr tröstet sich mein Gemüt in der Hoffnung eures Wiedersehens.

Denn Gott kann das Band, das zerrissen ist, vereinigen, ebenso wie er mich durch eure Entfernung in Kummer gestürzt hat.

O du, dessen Liebe mich ganz eingenommen hat, und dessen Zuneigung alle meine Schritte leitet:

Jede Schrecknis ist leichter zu ertragen als deine Trennung, und jedes Unglück ist neben diesem gering.

Und sollte ich auch nicht gepeinigt werden, mein Freund, so würde mich doch die Ruhe, fern von dir, nicht erquicken.

Die Welt zu verlassen, würde mich alsdann nicht betrüben, da meine einzige Freude darin besteht, dich zu sehen und von dir gesehen zu werden.«

Diese Verse versetzten den Ablis und Maimun in solches Entzücken, daß sie vor Freude hoch aufsprangen und Tochfa baten, noch andere Lieder in einer verschiedenen Tonart abzusingen. Sie tat es mit folgenden Worten, indem sie an Harun Arreschid dachte:

»Meine Liebe zu dir hat mich gleich einem Meere in seinen Wellen verschlungen, und mein Herz vermag es nicht, sich zu trösten, da es so zärtlich liebt.

Glaubet nicht, daß ich in der Entfernung mein Bündnis mit Euch vergessen könne. Wie wäre es auch möglich, dich zu vergessen, da meine Liebe mir von Gott vorherbestimmt war.

So sehr auch das Gemüt bedrückt und der Körper vor Sehnsucht erkrankt ist, die Liebe erhebt doch endlich durch die Freuden der Wiedervereinigung.«

Alle versammelten Könige freuten sich, und Ablis küßte die Hand Tochfas und sprach: »Nun ist's schon spät; morgen aber wollen wir uns zu andern Festen bereiten.« Alle Geister entfernten sich nun, und Kamrye brachte Tochfa in einen Garten, in welchem alle Vögel ihren schönen Gesang erschallen ließen. Früchte aller Art schmückten die Bäume, und Springbrunnen von Gold und Silber waren an verschiedenen Orten angebracht, deren herabstürzende Gewässer sich herniederschlängelten; kurz, es schien ein Garten des Paradieses zu sein. Bei diesem Anblick dachte Tochfa gerührt an Harun. Sie weinte und sprach: »Ich erflehe mir von Gott die Freude, ihn bald wiederzusehen und in mein Schloß zurückzukommen; das ist mein einziger Wunsch.« Sie ging hierauf ein wenig in dem Garten spazieren und kam zu einem gewölbten Gebäude, welches ganz mit Säulen von schwarzem Ebenholz umgeben war, zwischen denen jedesmal perlengestickte Vorhänge herumhingen. In der Mitte befand sich ein Springbrunnen, in einer Vertiefung eine kleine Türe, die sie öffnete, und hinter der sie ein marmornes Badezimmer entdeckte. Da die Wanne schon ganz bereitet war, entkleidete sie sich, und als sie hinantrat, um sich zu baden, fand sie, daß das Bad von Goldschaum, Perlenwasser und andern Kostbarkeiten bereitet war. Sie erstaunte über diese Pracht und pries Gott für den Genuß. Zugleich verrichtete sie ihr Morgengebet und ihre gesetzlichen Abwaschungen, stieg dann wieder heraus, betrachtete den Garten und lustwandelte darin zwischen den verschiedenartigsten Blumen. Endlich setzte sie sich, versank in die zärtlichsten Erinnerungen an ihren Herrn und dachte an den Zustand, in dem er sich befinden würde, wenn er beim Eintritt in ihr Schloß sie nicht finden sollte. So vertiefte sie sich in ein Meer von Gedanken, bis sie endlich einschlief. Nach einer Weile wurde sie durch einen sanften Luftzug, der ihr Gesicht fächelte, erweckt. Sie schlug ihre Augen auf und bemerkte die Königin Kamrye mit ihren drei Schwestern, der Königin Gamra, Königin Vachyme und der Königin Scharare. Sie küßten Tochfa, die ihnen ebenfalls ihre Ehrfurcht bezeigte, unterhielten sich dann mit ihr, und sie mußte ihnen ihre Geschichte erzählen, die wir schon kennen. Hierauf jagte eine Zerstreuung die andere, bis der Tag sich entfernte und der Abend nahte. Nun verrichtete Tochfa ein frommes Abendgebet, an welches sie die Bitte um eine baldige Vereinigung mit ihrem Herrn, dem Harun, anschloß. Alsdann begab sie sich mit ihnen in das Schloß, wo bereits Kerzen auf goldenen Leuchtern brannten und Wohlgerüche von Aloeholz und Ambra dufteten. Die Könige, welche schon vereinigt waren, saßen an ihren Stellen, und Tochfa verneigte sich vor ihnen; sie selbst aber setzte sich auf ihren Stuhl nebst den andern Königen, worunter auch Sisban und die Königin Lulue waren. Nach eingenommenem köstlichen Mahle wuschen sie sich, trockneten sich ab, und nun wurde ihnen Wein in schönen Flaschen und Bechern dargereicht. Ablis aber ergriff einen Pokal und winkte Tochfa, daß sie singen möchte, welche es dann auf folgende Art tat:

»Trinket den Wonnewein, o ihr Liebenden, und preiset den Edelmut dessen, der in seiner Sehnsucht verbleibt,

Ob er gleich zwischen Myrthen, Narzissen und Hyazinthen schwebt und Wohlgerüche aller Art in den Becken duften.«

Da trank Ablis und sprach: »Sehr wohl, du Sehnsucht der Herzen! Aber noch ein Lied möchte ich gern von dir.« Hiermit füllte er den Becher und winkte ihr, zu beginnen, worauf sie sang:

»Ihr wißt, wie sehr ich von Sehnsucht durchdrungen und von Liebe trunken bin; aber ihr quälet mich; vielmehr ist's für euch süß, mich zu quälen.

Ihr laßt euch nicht ermüden, und meine Tränen hören nicht auf zu fließen, und meine Seufzer lassen sich nicht verbergen.

Eure Entfernung ist für mich so angenehm wie die Wonne der Wiedervereinigung und euer Zorn wie Wohlgefallen, euer Unrecht wie Gerechtigkeit und eure Abwesenheit wie Nähe.«

Ein schallender Beifall folgte auf diesen melodischen Gesang, und jedermann lobte Tochfa.

 

Neunhundertundneunundvierzigste Nacht.

So hatten sie nun mit Trank und Sang und Spiel der verschiedensten Instrumente die Nacht zugebracht, und schon begann der Tag anzubrechen. Der fröhlichste unter allen war Ablis, welcher in einer Aufwallung von Freudetrunkenheit alles, was er an Kostbarkeiten bei sich hatte, nebst mehreren Kleidungsstücken der Tochfa zuwarf, deren eines mit Edelsteinen und Hyazinthen besetzt und wohl zehntausend Goldstücke wert war. Zugleich sprach Ablis zu ihr: »Mache mir ein Gedicht auf meinen Bart.« Sogleich schilderte sie diesen auf die abscheulichste Art, zur großen Belustigung der Gesellschaft. Da indessen die Nacht vorüber war, so nötigte sie Ablis, auszuruhn, ehe noch der Morgen völlig anbrach. Die Geister verließen sie alle, und sie blieb ganz allein und überließ sich den Gedanken an Harun Arreschid. Darauf begab sie sich in den Garten, richtete ein frommes Gebet an Gott um baldige Wiedervereinigung mit dem Kalifen und begab sich dann wieder in ein noch schöneres Bad als das früher erwähnte, welches diesmal mit muskulhaltigem Rosenwasser angefüllt war. Sie entkleidete sich hier, wusch sich und betete. Als endlich der Morgen anbrach und die Sonne diesen wunderschönen Garten beschien, sah sie die ganze Pracht des Gartens in neuem Farbenglanz, und während sie ihn betrachtete, erklang der Gesang der Vögel dazu. Ihre Augen schlossen sich eine Weile; sie träumte während dieser Zeit von Harun und vergoß darüber Tränen. Da weckte sie ein leiser Hauch, und siehe, es war die Königin Kamrye, welche sich ihr näherte und sie nötigte, mit ihr ins Schloß zu kommen, wo alles schon zu ihrem Empfange in Bereitschaft war. Sisban hatte unterdes seine Gestalt endlich verändert. Ablis aber näherte sich ihr und küßte ihr die Hand, und als Tochfa sich vor ihm neigte, fragte er sie: »Findest du diesen Ort schön, da er so abgesondert und abscheulich ist? Noch nie hat ein Mensch ihn betreten.« »Diesen Ort kann niemand abscheulich finden,« erwiderte sie, »und wenn ich ihn betreten habe, so geschah es bloß vermöge deiner Güte.« Hierauf wurden wie gewöhnlich Speisen aufgetragen, alle Arten von Früchten vorgesetzt und Wein eingeschenkt. Der erste, der den Becher ergriff, war Ablis. Er sagte: »Schöne Tochfa, singe etwas über meinen Becher.« Sie tat es auch sogleich, und zwar folgendermaßen:

»Erwachet, ihr Geschöpfe, und benutzet von der Zeit und von dem, was im Leben ungetrübt ist, den Teil, der euch verliehen wurde.

Dann trinkt den klaren Wein, der euch wohltut, am Morgen, welcher, wenn er aus dem Fasse fließet, wie eine rauchlose Flamme glänzt.

Reiche unter uns, o Weinschenk, dieses fließende Rot herum, dieses ungestraft vergossene Blut; dies kann man wohl trinken, o Freund, und sich der frohsten Hoffnung überlassen.

Die Wonne des Lebens ist für mich nur das Erblicken des Antlitzes meines Herrn, das Trinken reinen Weines und das Anhören der Sänger.«

Da leerte Ablis seinen Becher, winkte der Tochfa, überreichte ihr Kostbarkeiten und noch andere, zehntausend Goldstücke wert, nebst einer Schüssel voll Edelsteinen. Endlich füllte er einen andern Becher, den er dem Sisban, welcher sein Sohn war, überreichte. Dieser empfing ihn aus seiner Hand, stand auf und küßte ihn, und da eben vor ihm eine Schüssel voll Rosen und anderen Blumen stand, so sprach er: »Tochfa, singe mir doch etwas auf diese Rosen.« Sie tat es sogleich auf folgende Weise:

»Unter allen Wohlgerüchen trage ich den Preis davon, nur darum seht ihr mich am liebsten, weil ich euch nur selten besuche.

Mein Ruf ist bekannt; man weiß, daß ich meinen Besitzer verwunde. Gott möge ihn glücklicher machen als mich!«

Nun trat Maimun, der Schwertträger, auf, ergriff einen Becher und bat sie, auf eine andere Blume etwas zu singen, welches sie ebenfalls zur großen Befriedigung der Gesellschaft tat. Hierauf winkte er ihr, entfernte sich auf eine Weile, kam dann bald zurück und brachte ein großes Becken voll Edelsteinen, an Wert von hunderttausend Goldstücken. Da befahl die Königin Kamrye einer ihrer Sklavinnen, die Schatzkammer zu öffnen und die Sachen Tochfas unterdessen darein niederzulegen, worauf sie dieser letzteren die Schlüssel dazu übergab und ihr sagte, daß alles, wozu sie in der Zukunft irgend nur gelangen möchte, dort niedergelegt werden könne, und daß nach Vollendung der schönen Tage ihrer Anwesenheit alles durch die Geister in ihr Schloß gebracht werden würde. Jene dankte und küßte ihr die Hand.

 

Neunhundertundfünfzigste Nacht.

Jetzt ergriff ein anderer König mit Namen Munir den Becher und sprach zu Tochfa: »Deine Gesänge sind bezaubernd, empfange daher von mir diese Geschenke.« Und mit diesen Worten überreichte er ihr eine Schüssel mit achthunderttausend Goldstücken, worüber sich Kamrye sehr freute. Sie stand auf, küßte Tochfa und sprach: »Möchte die Welt niemals diejenige vermissen, welche die Herzen der Geister und Menschen beherrscht.« Ablis stimmte in dieses Lob ein, pries sie wegen ihrer Liebe und Anhänglichkeit an ihren Herrn und bestätigte ebenfalls die Versicherung, daß alles, was sie jetzt besäße, zu ihrem Dienste nachgetragen werden würde. »Nun aber,« fügte er hinzu, »ist der Morgen nahe. Begib dich daher deiner Gewohnheit gemäß zur Ruhe.« Als sie sich jetzt umsah, fand sie niemanden von den Geistern mehr bei sich. Sie legte sich daher nieder und ruhte ein wenig aus; darauf begab sie sich ins Bad und verrichtete ihr Gebet. Beim Heraussteigen überließ sie sich schwermütigen Gedanken an ihren Herrn und überdachte alles, was ihm seit ihrer Abwesenheit wohl könnte begegnet sein, worauf sie in einen heftigen Strom von Tränen ausbrach. Ein starker Luftzug, der sie umwehte, nötigte sie, sich umzusehen, und sie erblickte zu ihrem Entsetzen einen Kopf ohne Körper, groß wie ein Elefantenkopf, ja noch größer. Seine Augen waren die Länge herunter gespalten, und der Mund glich dem Eingänge einer Höhle; herausstehende Zähne, groß wie Feuerhaken, umgaben seinen Mund, und die Haare hingen lang herunter. Da sprach Tochfa: »Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor diesem Teufel!« und betete zwei Gebete. Der Kopf indes nahte sich immer mehr und sprach: »Ich grüße dich, o Beherrscherin der Menschen und der Geister, du Perle des Jahrhunderts und der Zeiten! Gott lasse dich lange leben und vereinige dich mit deinem Herrn, dem Kalifen!« Tochfa antwortete: »Sei auch du mir gegrüßt, du, dessengleichen ich noch nicht unter den Geistern gesehen habe.« Der Kopf erwiderte hierauf: »Wir sind ein Geschlecht, die wir unsere Gestalt nicht verändern können. Man heißt uns Ghul. Ich habe mir bereits die Erlaubnis von dem Ablis ausgebeten, dich besuchen zu dürfen, und ich bitte dich nun um die Gunst, mir etwas vorzusingen; dafür verspreche ich dir, in dein Schloß zu gehen und seine Umar nach dem Befinden deines Herrn zu befragen, und kehre sodann gleich wieder zu dir zurück. Wisse übrigens, liebe Tochfa, daß du eine Reise von fünfzig Jahren Länge von ihm entfernt bist.« – »Wie erschreckst du mich,« sprach Tochfa, »wegen dieser Entfernung.« – »Betrübe dich nicht,« sprach der Kopf, »denn die Könige der Geister können dich in einem Augenblick wieder zurückführen.« – »Nun wohl,« sprach Tochfa, »ich verspreche dir, hundert Lieder zu singen, wenn du mir Nachrichten von meinem Herrn bringst.« – »Tue mir den Gefallen und singe mir jetzt etwas; denn ich wünschte sehr, vor meinem Abgange noch etwas von dir zu hören, um meine große Begierde dadurch zu befriedigen.« Sie ergriff nun die Laute und sang:

»Fern sind sie zwar: doch füllen sie jeden Raum, wo ich mich befinde. Geschieden sind sie zwar von mir, aber aus meinem Innern sind sie nicht gewichen.

Wenn sie auch schlafen, so erquickt doch meine Augen nie der Schlaf, sondern es entquillt ihnen Blut statt Tränen.

Meine Tadler sagen zwar, daß ich eure Abwesenheit leicht ertragen kann. Behüte euch aber Gott, daß ihr nie das empfindet, was mich beugt.

O ihr Geliebten, was ist angenehmer für mich, als bei euch zu sein! Aber der Grad meines Schmerzes über eure Entfernung ist noch größer.

Die größte Wonne meines Herzens ist, euch zu sehen; doch ob nah oder fern, mein Herz ist doch stets bei euch.«

Bei diesen Worten weinte der Kopf vor Rührung und sprach: »O meine Fürstin, du hast mich entzückt; ich kann dir nichts anbieten als meine Seele, über diese schalte nach Belieben.« Tochfa aber antwortete: »Wenn du mir nur Nachrichten von meinem Herren, dem Harun, bringen kannst, so wird mir das lieber sein als alle Schätze der Welt.« – »Gleich soll dein Wunsch erfüllt sein,« sagte der Kopf, indem er blitzschnell davoneilte, und noch ehe der Abend nahte, kam er wieder zurück und sprach: »Meine Fürstin, wisse, daß ich in deinem Schlosse gewesen bin und einige Hausgeister nach dem Befinden des Fürsten der Gläubigen befragt habe. Diese sagten mir dann, daß Harun, als er in dein Gemach kam und dich nicht fand, sich vor Verzweiflung aufs Haupt geschlagen und seine Kleider zerrissen habe; deinen Sklaven aber, der an der Pforte deines Gemachs Wache stand, habe er höchst zornig angesprochen und durch ihn sogleich den Giafar rufen lassen nebst seinem Vater und seinem Bruder, welche sich denn sogleich zu ihm verfügt hätten. Harun habe ihnen dann folgendes gesagt: »Es ist jetzt eben eine unbegreifliche Begebenheit vorgefallen. Mit eigener Hand habe ich nämlich das Zimmer der Tochfa verschlossen und mich dann zu meiner Nichte, der Sultanin Sobeïde, begeben. Als ich nun am andern Morgen Tochfa wieder besuchen wollte und ihr Zimmer mit dem Schlüssel öffnete, den ich mit mir genommen hatte, fand ich sie nicht.« Sie durchsuchten hierauf das Zimmer Tochfas, und da sie ihre Laute nicht sahen, so sprach Giafar: »Beruhige dich, o Fürst, nur gute Geister können sie entführt haben, und wir müssen von Gott hoffen, daß diese sie wieder zurückbringen werden.« Der Kalif ließ sich indes dadurch nicht trösten, sondern blieb in diesem Zimmer, ohne zu essen und zu trinken, obgleich Giafar und seine Verwandten ihn baten, sich zu zerstreuen und unter die Leute zu gehen. Er ließ sich aber dadurch nicht abreden, sondern weinte immerfort und beschloß, das Zimmer bis zu ihrer Rückkehr nicht zu verlassen.«

Über diese Nachricht wurde Tochfa sehr gerührt und weinte. Der dienstbare Geist suchte sie indes nach Möglichkeit zu trösten und bat sie, ihn noch etwas von ihrer Kunst hören zu lassen, worauf sie ihm mit betrübtem Herzen drei Gesänge sang. Er dankte ihr dafür und entfernte sich dann, indem er zu ihr sagte: »Gott sei bei dir!« Da der Abend herannahte, begab sie sich ins Schloß, wo schon alles bereitet war.

 

Neunhundertundeinundfünfzigste Nacht.

Die Könige der Geister fanden sich ebenfalls bald ein und grüßten sie sowie auch Kamrye mit ihren Schwestern. Die Tische wurden bereitet, man aß und trank, und Kamrye überreichte der Tochfa einen Becher, und da sie eben ein Veilchen in der Hand hielt, bat sie dieselbe, ein Lied auf dieses zu singen. Tochfa tat es denn auch auf folgende Weise:

»Mich umgibt ein Obergewand von grünen Blättern, und ein lasurfarbenes Ehrengewand umgibt meinen Körper.

Klein bin ich, doch mit Schönheit geziert, und mein Geruch, der so sanft ist, hat wenig seinesgleichen.

Mit Stolz wird zwar immer der Rose Erwähnung getan, aber gleich mir hat sie ihr Beginnen und ihr Vergehen.«

Die Königin beschenkte sie darauf mit einem Ehrenkleide, gestickt mit Perlen und Edelsteinen und wohl zwanzigtausend Goldstücke wert, nebst einem Becken, worin sich zehntausend Goldstücke befanden. Dies alles geschah vor den Augen des Maimun, der keinen Blick von ihr verwandte. Dieser bat sie sodann, ihm auch etwas zu singen; doch da erhob sich eine andere Königin mit Namen Solsala und sprach: »Daraus kann nichts werden. Du lässest ja Tochfa kaum Zeit, uns anzusehen, und belagerst sie ja völlig.« – »Ich wünsche aber, daß sie mir etwas singen soll.« Da antwortete ihm die Königin Solsala mit Heftigkeit, so daß ein förmlicher Streit entstand und sie sich genötigt sah, ihre Geistergestalt anzunehmen. In ihrem Zorn ergriff sie nun eine Granitsäule und sprach: »Wehe dir, bist du so übermütig geworden, daß du es wagst, so mit mir zu sprechen? Wenn nicht die Ehrfurcht, die ich den Königen schuldig bin, und die Besorgnis, diese Versammlung zu beleidigen, sowie die Hochachtung, die dem Ablis gebührt, mich abhielte, so würde ich die Torheit schon aus deinem Kopfe zu treiben wissen.« Als Maimun dieses hörte, funkelten seine Augen vor Wut, und er sprach: »O du Tochter Amlaks, wie kannst du so verwegen sein, mir dieses zu sagen?« Sie aber antwortete ihm mit Schimpfworten und wollte eben die Säule auf ihn schleudern, als Ablis aufstand, seinen Turban auf die Erde warf und sprach: »Maimun, so ist es von jeher gewesen; stets, wenn du gegenwärtig bist, hast du unsere Freude gestört. Du kannst nie schweigen, und auch diesmal störest du unsere Freude. Ist alles beendigt und jeder an seinen Ort gegangen, dann kannst du machen, was du willst. Wehe dir, Maimun! Weißt du nicht, daß Amlak einer der größten Geister ist? Und wenn ich nicht so enthaltsam wäre, so würdest du die Strafe sehen, die ich über dich verhängen kann; aber die Freude, in der wir jetzt sind, mäßigt mich. Sei also vernünftig und bedenke, mit wem du es hier zu tun hast.« Ablis wandte sich nunmehr zu Tochfa, beruhigte sie und machte ihr einige Geschenke für die Gesänge, mit denen sie ihn ergötzt hatte, ebenso tat auch die Königin Solsala, welche befahl, ihre Schatzkammer zu öffnen und daraus der Tochfa einen Korb zu überreichen, in welchem sich fünfzig paar Ohrgehänge, mehrere Kleider, alles von Gold und mit Edelsteinen besetzt, nebst hunderttausend Goldstücken befanden. Zugleich überreichte sie ihrer Schwester Scharare einen Becher, und da eben eine Narzisse vor ihr lag, bat sie Tochfa, etwas darüber zu singen. Diese begann wie folgt: »Meine Gestalt gleicht einem Zweige von Smaragd, und mein Geruch hat seinesgleichen nicht.

Meinen Kelch bewundert man mit Wonne, und geringer als ich erscheint mir alles, was in den Gärten ist.«

Scharare freute sich über diesen Vers, überreichte den Becher der Königin Vachyme, welche in ihrer Hand eine Anemone hielt, und bat Tochfa, nachdem sie ihr viele Geschenke überreicht hatte, etwas darüber zu singen, welches sie in folgenden Worten tat:

»Die Gattung Blumen, zu der ich gehöre, scheint von Gott selbst gefärbt zu sein; denn meine Farbe ist die schönste unter allen.

Zwar bin ich aus der Erde entsprossen; aber mein Bleiben ist aus den Wangen der Schönen.«

Vachyme war entzückt über diese Verse, machte ihr kostbare Geschenke von zweihunderttausend Goldstücken, überreichte den Becher der Königin Scha'ae, welche die Beherrscherin des vierten Meeres war, welche auch ihrerseits die schönen Gesänge der Tochfa mit hunderttausend Goldstücken belohnte. Ablis nötigte jetzt die Gesellschaft, aufzubrechen. Tochfa blieb allein zurück, begab sich in den Garten, nahm ein Bad, betete und überließ sich ihren Gedanken. Die Sonne war bereits aufgegangen, und hunderttausende von Vögeln bedeckten die Bäume und erfüllten die Luft mit ihrem Gesange, plötzlich erschien eine Menge von Sklaven, die einen goldenen Thron trugen, zu dem man auf vier Stufen emporsteigen mußte, die ferner eine Menge von Teppichen ausbreiteten, Kissen darauf legten und Wohlgerüche auf Kohlen streuten, hierauf erschien eine Königin, schöner, als je die Augen sie gesehen, und herrlicher, als je irgend jemand beschrieben worden ist, umgeben von fünfhundert Sklavinnen, welche, so schön sie auch waren, alle von der Königin überstrahlt wurden. Auf ihrem Haupte trug sie eine Krone, mit Perlen und Edelgesteinen besetzt, und so trat sie zu Tochfa, welche sie erstaunt anblickte, vor ihr aufstand und sich vor ihr tief neigte.

 

Neunhundertundzweiundfünfzigste Nacht.

Die Königin freute sich über sie, reichte ihr die Hand, zog sie an sich und ließ sie auf dem Throne neben sich Platz nehmen. Sie küßte der Königin die Hand, und diese sprach zu ihr: »Wisse, daß alles, was du hier siehst, alle Throne und Teppiche, keinem Geiste gehört; es ist alles mein, und Ablis hat mich inständig gebeten, das Fest, das er heute feiern wird, durch meine Gegenwart zu verherrlichen. Heute wird nämlich für seinen Sohn Sisban das Reinigungsfest begangen, deshalb habe ich ihm eine meiner Sklavinnen, Scha'ae, die Königin des vierten Meeres, geschickt, um meine Stelle zu vertreten, da sie ohnehin meine Unterkönigin ist. Da nun das Fest naht und sie dich gesehen und deinen Gesang gehört hat, hat sie mich schnell davon benachrichtigt und mir deine schönen Eigenschaften alle beschrieben. Auf dieses habe ich mich selbst zu dir begeben und dir dadurch vor allen Geistern die größte Ehre erwiesen.« Tochfa dankte ihr, indem sie ihr ehrfurchtsvoll die Hand küßte. Sodann befahl sie, daß Tische angerichtet werden möchten, und sogleich ward ihnen ein goldener, mit Perlen und Edelgesteinen besetzter, mit den kostbarsten Speisen vorgesetzt. Nach mehreren scherzhaften Reden sprach die Königin zu Tochfa: »Ist es wahr, was mir eine Sklavin von dir gesagt? Du hättest nämlich über Maimun geäußert, daß er so häßlich wäre, und daß du nicht mit ihm essen könntest?« Da antwortete Tochfa, daß sie seinen Anblick gar nicht ertragen könne, und daß sie sich vor ihm fürchtete. Die Königin lachte darüber und sagte scherzhaft: »Bei der Wahrheit der Inschrift auf dem Siegelring Salomons, und so wahr ich Königin aller Geister bin, auch dich vermag niemand einen Augenblick anzusehen, ohne im Herzen Schmerz zu empfinden.« – Tochfa dankte ihr für diese Äußerung der Höflichkeit. Nach aufgehobener Tafel nahten sich die Könige der Geister von allen Gegenden, küßten die Erde vor der großen Königin und boten ihr ihre Dienste an. Sie dankte ihnen, ohne sich jedoch vor irgend einem unter ihnen zu neigen, hierauf nahte sich aber auch Ablis, warf sich ihr zu Füßen und sprach: »Wie soll ich dir meinen Dank bezeigen für die hohe Gunst, daß du uns mit deinem Besuche beehrt hast.« »Nicht mir,« erwiderte die Königin, »mußt du danken, sondern der Fürstin Tochfa; denn diese ist die Ursache meiner Hierherkunft.« – »Das darf ich nicht bezweifeln,« antwortete Ablis, indem er sich nochmals vor der Königin neigte, welche sich nun sofort wegbegab. Auf einmal fanden sich wieder mehr als hunderttausende von Vögeln ein, die mit ihrem Gesang die Luft erfüllten. Als Tochfa über diese Menge von Vögeln ihr Befremden äußerte, sprach Vachyme zu ihr: »Wisse, liebe Schwester, daß diese Königin da die Königin Schacheba ist. Sie ist Königin über alle Geister von Osten bis Westen, und diese Vögel sind ein Teil ihres Heeres. Wenn letztere nicht diese Gestalt angenommen hätten, so würden sie auf der Erde nicht Raum haben, sie sind mit ihr gekommen, um diesem Reinigungsfeste beizuwohnen, und es ist dies eine überaus große Ehre, die uns geschieht.« Hierauf begab sich die Königin zum Reinigungsthrone, der mitten in dem Saale errichtet worden war, und Tochfa ergriff die Laute und machte einige Gänge, um zu sehen, ob sie gestimmt sei.

 

Neunhundertunddreiundfünfzigste Nacht.

Darauf bat Ablis sie und sprach zu ihr: »O Fürstin, ich beschwöre dich bei dieser erhabenen Königin, singe mir etwas und preise dich dadurch selbst. Schlage mir es nur ja nicht ab.« Tochfa erwiderte darauf: »Wenn du mich nicht bei etwas so hoch Erhabenem beschworen hättest, so würde ich es nicht tun, denn kann sich etwa ein Mensch selber loben?« Sie sang sodann folgende Strophen:

»In jedem Zustande der Fröhlichkeit bleibe ich immer Tochfa unter den Sängerinnen. Alle Welt bezeugt meine Vorzüge und den Rang, den ich einnehme.

Meine Tugend wird bei den Menschen hochgepriesen, und mein Ruhm sowie mein Einfluß steigen mit jedem Tage.«

Dieses freute die Könige, und alle sagten, sie hätte ganz wahr geredet, hierauf stand sie auf, spielte die Laute, sang dazu, und die Geister tanzten bei diesem Spiele, sowie auch Ablis. Nachher indes näherte dieser sich, gab ihr einen kostbaren Hyazinth, der noch von Japhet, dem Sohne des Noah, herstammte, und sagte: »Nimm diesen und zeichne dich durch dessen Besitz vor allen Menschen der Welt aus.« Sie küßte ihm die Hand, freute sich darüber und sprach: »Bei Gott, dieser Stein geziemt nur dem Fürsten der Gläubigen.« Darüber lächelte die Königin Schacheba und äußerte zugleich, daß Ablis sehr gut tanzen könne. Ablis dankte ihr und sprach zu Tochfa: »Niemand auf der Welt spielt besser auf der Laute als Isaak, der Gesellschafter, aber du spielst besser als er. Oft bin ich mit ihm zusammengekommen und habe ihm vieles gezeigt; auch könnte ich dir viel von dem erzählen, was mir mit ihm begegnet ist; allein es ist jetzt nicht die Zeit dazu. Jetzt will ich dir bloß eine Kunst auf der Laute zeigen, die dich über alle Menschen auf der Welt erheben wird.« Dieses Anerbieten nahm Tochfa mit Dank an. Er ergriff nun die Laute, spielte einige wundervolle Gänge und zeigte ihr Sachen, die ihr ganz unbekannt waren, welches Tochfa mehr freute als alle Geschenke, die sie erhalten. Sie nahm nunmehr selbst die Laute und ahmte die Stellen, die ihr Ablis gezeigt hatte, so gut nach, daß er sie wegen ihrer schnellen Fassungsgabe lobte. Ihr aber schien es jetzt, daß ihr früheres Spiel ganz fehlerhaft gewesen, und daß erst das, was sie jetzt von Ablis gelernt hatte, das wahre, echte Spiel der Kunst sei. Sie hatte darüber eine große Freude und dankte dem Ablis, indem sie ihm die Hand küßte. Die Königin Schacheba äußerte ebenfalls ihre Zufriedenheit und sagte, sie habe gehört, Tochfa könne so gut aus dem Stegreif dichten und singen, und sie wünschte wohl, einiges von ihr zu hören; denn alles, was sie vorbrachte, bezauberte sie ganz. Ablis ersuchte hierauf Tochfa, etwas von dieser Art der Königin Schacheba zu zeigen, welches sie dann auch zu ihrer völligen Zufriedenheit ausführte. Die Königin drückte sie dafür an ihre Brust und küßte sie auf ihre Wangen, über welche hohe Gunst Ablis sein Erstaunen zu erkennen gab. »Wisset,« sprach hieraus die Königin Schacheba, »daß ich Tochfa gleich meiner Schwester liebe, und daß alles, was ihr begegnet, auch mir widerfährt. Gleich mir sollt ihr nunmehr der Tochfa ganz dieselbe Ehre erweisen und ihren Befehlen gehorchen.«

 

Neunhundertundvierundfünfzigste Nacht.

Die ganze Versammlung stand bei dieser Erklärung auf und verneigte sich vor ihr; die Königin aber bekleidete sie mit einem Ehrenkleide und gab ihr eigenhändig die Ernennung zu ihrer Statthalterin.

Nachdem hierauf Tochfa dem Wunsche der Königin gemäß noch etwas gesungen hatte, umarmte sie diese noch einmal und entfernte sich so wie die übrigen Könige. Als die vierte Nacht anbrach, kam derjenige an, der das Geschäft der Reinigung an dem Sohne des Ablis vollführen sollte. Er selber war auf das kostbarste bekleidet und ebenso auch sein Gehilfe, und die Handlung wurde vollzogen. Die Kostbarkeiten, welche die Könige dabei spendeten, wurden aus Befehl der Kamrye in das der Tochfa bestimmte Magazin gebracht. Hierauf empfahl sich einer nach dem andern, und Ablis nahm von jedem Abschiedsbesuche an. Was aber die prächtige Krone betraf, die der Vollstrecker der Reinigungshandlung getragen hatte, so wurde diese von Ablis selbst auf das Haupt der Tochfa gesetzt, worüber diese vor Freuden außer sich war. Während nun aber Ablis mit den Abschiedsbesuchen beschäftigt war, benutzte Maimun diese Gelegenheit und entführte Tochfa. Als nun Ablis, von seinen Beschäftigungen befreit, Tochfa besuchen wollte, fand er ihre Dienerschaft ganz in Tränen. »Was ist's?« fuhr er sie heftig an. »Ach,« sagten sie. »Maimun hat Tochfa uns entrissen.« Hierüber in Wut gebracht, schlug er sich auf sein Haupt und sprach: »Die Tat ist unerhört! Tochfa aus meinem Schlosse zu rauben und mein Gebiet zu verletzen! Maimun hat den Verstand verloren.« Sodann schickte er Vögel ab, welche diese Nachricht an alle Könige der Geister überbringen mußten. Diese versammelten sich bald bei ihm und sagten alle, daß Maimun seinen eigenen Untergang dadurch befördern würde. »Welch ein Tor,« fügten sie hinzu, »daß er Tochfa besitzen will, da sie doch als Königin der Geister anerkannt worden ist.« Hierauf wurden noch Boten an die Königin Kamrye und ihre Schwestern geschickt. Ein Geist mit Namen Salheb wurde damit beauftragt. Dieser fand die Königin schlafend. Sie wurde aufgeweckt, und auf diese Nachricht ward sie von den größten Besorgnissen wegen Tochfa erfüllt. »Ach!« sagte sie, »sie hat mir wohl immer geklagt, daß Maimun sie unablässig ansehe, und daß sie fürchte, er möchte sie lieben, doch seine Tat soll ihm teuer zu stehen kommen.« Sie begab sich hierauf auf das Schloß ihrer Schwester Scharare und schickte nach Salsala und Vachyme, welche sich gemeinschaftlich zu Sisban begaben, wo bereits große Heere versammelt waren. Nach gemeinsamen Beratschlagungen sprach endlich Kamrye: »Ihr wißt, daß Tochfa mir lieber ist als alles, was ich habe. Nur List kann sie retten. Denn wenn dieser Bösewicht eure Ankunft mit euren Truppen erfährt, so wird er wohl einsehen, daß er euch nicht widerstehen kann, und er könnte sie wohl aus Verzweiflung töten. Daher müssen wir ihn zuerst durch gute Worte zu bereden suchen und, wenn das nicht hilft, List anwenden.« Infolge dieses Vorschlages wurde ein Geist, der den Beinamen des fliegenden Löwen hatte, nach dem schwarzen Berge, wo Maimun seinen Sitz hatte, abgeschickt und zugleich beauftragt, ihm folgendes zu sagen: »Die Königin Kamrye grüßt dich und läßt dich fragen, wie du so unbesonnen sein konntest, Tochfa zu rauben, da sie den Rang einer Königin hat. Doch entschuldigen wir dich alle, da du es wahrscheinlich in der Trunkenheit getan hast. Selbst Ablis will dir verzeihen unter der Bedingung, daß du sie unverzüglich zurückbringst. Bedenke, daß wir ihr alle Erkenntlichkeit schuldig sind, und daß die Königin Schacheba sie als ihre Schwester angenommen hat.« Als er diese Botschaft ausgerichtet hatte, schickte ihn Maimun mit folgenden Worten zurück: »Gehe, woher du gekommen bist, und sage der Königin, sie möchte sich ruhig verhalten«; wo nicht, so würde er selbst kommen, sie abholen und zum Dienst der Tochfa zwingen. Sollten aber die Könige insgesamt sich gegen ihn verschwören und er seine Überwindung vorhersehen, so würde Tochfa nie mehr das Licht der Welt erblicken und dann weder ihm, noch ihnen gehören. Sie sei gleichsam seine Seele, wie könne man nun verlangen, er solle seine Seele verlassen. Dagegen machte ihm der Bote Vorstellungen und bemerkte ihm, wie er sich selbst dadurch ins Unglück stürzen würde. Maimun aber befahl im Unwillen, daß man ihn schlagen solle, woraus sich der Bote plötzlich entfernte und der Königin die Nachricht überbrachte. Diese lobte ihn über die gute Vollführung seines Auftrages. Zu Sisban aber sagte sie: »Nun weiß ich kein anderes Mittel als dies, daß du mit deinen Truppen ihn angreifst, den Kampf in die Länge ziehst, ihm dann Schwächen blicken lässest und dadurch Hoffnung gibst, daß er siegen werde. Während er nun im Kampf mit dir begriffen sein wird, will ich suchen, zu Tochfa zu gelangen, um sie zu retten. Wenn dann mein Bote zu dir mit dieser guten Nachricht gelangt, so greife ihn plötzlich mit Gewalt an und zermalme ihn mit seinen Truppen. Nur auf diese Art können wir Tochfa lebendig retten.« Ablis genehmigte diesen Vorschlag, und die Truppen bekamen Befehl zum Aufbruch.

 

Neunhundertundfünfundfünfzigste Nacht.

Jener machte sich nun mit hunderttausend Reitern gegen den Maimun auf. Die Königin aber begab sich zu ihren Schwestern, mit denen sie folgendes verabredete. »Ihr wißt,« sagte sie, »daß der schwarze Berg nebst dem darauf befindlichen Schlosse Maimuns auf einer Insel liegt. Dieser Insel wollen wir uns nun in Menschengestalt auf einem Schiffe nahen, dort absteigen und unter dem Schlosse essen, trinken, singen und auf der Laute spielen. Tochfa wird wahrscheinlich nach der See zu heraussehen und wird uns erblicken; sie wird dann auf jeden Fall zu uns herunterkommen, wir werden uns da ihrer bemächtigen, und ist sie einmal in unserer Hand, so kann ihr nichts Übles widerfahren. Ist aber Maimun mit der Bekämpfung der Feinde beschäftigt, so wollen wir sein Schloß zerstören und jeden, der darinnen ist, vernichten. Wenn er das hört, wird er verzweifeln, und wir benachrichtigen davon unsern Vater Ablis, der ihn dann mit allen seinen Truppen angreifen und vernichten wird.« Infolge dieser Beratschlagung begaben sie sich in das Schiff, beauftragten fünftausend Geister, sich auf der Insel unter dem schwarzen Berge zu verbergen; nahmen ferner auch noch viertausend Geister mit ins Schiff und näherten sich so dem Schlosse Maimuns.

Während dieser Zeit aber waren schon Ablis und sein Sohn Sisban mit ihren Heeren vorgerückt. Als Maimun dies hörte, geriet er von neuem in Wut und versammelte seine Heere, begab sich noch einmal zu Tochfa, küßte sie und sprach: »Wisse, daß du mir teurer als alles bist. Bereits haben sich die Geister vereinigt, um mich wegen dir zu töten. Sollte ich indes so glücklich sein, sie zu besiegen und mit dem Leben davonzukommen, so schleppe ich alle Könige der Geister zu deinen Füßen, und du sollst dann noch die Welt beherrschen.« Tochfa antwortete durch ein bloßes Kopfschütteln und weinte. »Weine nicht,« sagte er hierauf, »es ist vergebens; denn bei der Inschrift des Siegels Salomons, du wirst nie das Land der Menschen wieder erblicken. Füge dich also geduldig in dein Schicksal; wo nicht, so bringe ich dich um.« Sie schwieg, und er schickte nach seiner Tochter Gamra und sagte zu derselben: »Nun begebe ich mich zur Bekämpfung des Königs Sisban und der Königin Kamrye. Sollte ich siegen, so verspreche ich dir hohe Gewalt. Hörest du aber, daß ich unterliege, und bringt dir ein Bote diese Nachricht, so beeile dich, Tochfa zu töten, damit sie außer mir kein anderer besitze. Dir übertrage ich nach meinem Tode den Besitz des schwarzen Berges und aller meiner Macht.« Hierauf verließ er sie und bestieg sein Roß. Als Tochfa diesen Auftrag hörte, ward sie bestürzt, weinte und rief aus: »Nichts betrübt mich so sehr, als daß ich meinen Herrn, den Kalifen, verlassen habe; doch wenn ich einmal tot bin, so empfinde ich keinen Schmerz mehr.« Sie war nunmehr fest versichert, daß sie nicht mehr gerettet werden könnte. Maimun, welcher im Schlosse außer Tochfa niemanden als seine Tochter Gamra und einen Geist zurückgelassen hatte, den er sehr schätzte, war nunmehr mit seinen Truppen dem Heere Sisbans gegenüber angekommen. Gleichzeitig gingen sie aufeinander los und lieferten einander ein blutiges Treffen. Endlich zogen sich die Truppen Sisbans zurück. Maimun, der dies sah, schöpfte neuen Mut und verfolgte sie.

Was unterdes die Königin Kamrye betrifft, so war sie mit ihren Schwestern am Schlosse Maimuns, wo sich Tochfa befand, bereits angekommen. Diese befand sich durch Fügung des Geschicks gerade auf dem Balkon des Schlosses und schwamm in Tränen sowohl wegen ihres Andenkens an Harun Arreschid als auch, weil sie sich zum Schlachtopfer aufbewahrt sah. Plötzlich erblickte sie das Schiff mit den in demselben befindlichen Personen. »Ach, welches Entzücken!« rief sie aus, »in diesem Schiffe ist eine große Anzahl Menschen.« Kamrye aber und ihre Begleiter hatten, sobald sie sich dem Schlosse näherten, ihre Augen geschärft und erblickten Tochfa. »Ach,« riefen sie alle aus, »dort sitzt sie, möge Gott sie doch nie betrüben!« Sie ließen das Schiff ankern, näherten sich der Insel, stiegen aus, breiteten Teppiche hin, setzten sich und aßen und tranken. Da sprach Tochfa: »Willkommen, ihr geliebten und bekannten Züge! Das sind,« sagte sie, um die Tochter des Maimun zu täuschen, »meine lieben Basen. Ich bitte dich, liebe Gamra, laß mich zu ihnen hinunter gehen, ich will mich einen Augenblick zu ihnen setzen, aber bald wieder zurückkommen.« – »Das ist nicht möglich,« erwiderte jene. Dies versetzte Tochfa in neue Betrübnis. Endlich aber kam die Zeit des Trinkens heran, und Kamrye, nachdem sie einen Becher geleert hatte, ergriff die Laute und sang:

»Bei Gott, wenn nicht die Hoffnung mich erhielte, euch wiederzufinden, so würde mich der Tod auf ewig von euch trennen!

Ein großer Zwischenraum trennt uns, aber meine Sehnsucht bringt euch mir näher; stets seid ihr ein vor meinen Augen stehendes Bild, welches mich insgeheim anredet.«

Als Tochfa dieses hörte, stieß sie einen heftigen Schrei aus, und Kamrye sprach: »Nun nahet sich die Freude.« Tochfa sah sie nun genauer an, rief sie mit Namen und sprach: »Liebe Base, ich bin allein, entfernt von aller Familie. Ach, ich bitte Euch, wiederholt doch diesen Gesang.« Die Königin tat es sogleich, und Tochfa fiel vor Freuden in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich gekommen war, sprach sie zu Gamra: »Bei der Wahrheit des Propheten, über den Heil und Segen kommen möge, wenn du mich nicht hinunter zu ihnen gehen lässest, so daß ich eine Stunde bei ihnen verweile, so stürze ich mich hinab; denn mein Leben gebe ich ohnedem preis, da mir bekannt ist, daß Maimun mich töten wird. Besser ist's also, ich töte mich selbst, damit ihr nicht über mein Leben verfüget.« Als Gamra dieses hörte, sah sie wohl ein, daß, wenn sie ihr nicht gestattete, hinunterzugehen, sie sich selbst umbringen würde. Daher sagte sie zu Tochfa: »Sie sind tausend Ellen tief unter dir; laß sie lieber zu dir heraufkommen.« Tochfa aber sagte: »Nein, ich muß zu ihnen hinab, ich will mich auf der Insel umsehen und das Meer von nahem betrachten. Du kannst mich begleiten, und dann kehren wir beide zurück. Du wirst selbst einsehen, daß, wenn du sie hier heraufbringst, sie sich fürchten werden und sich nicht freuen können. Ich aber bezwecke nur, bei ihnen zu sein und mich mit ihnen zu unterhalten, und sie werden in ihrer Fröhlichkeit nicht gestört werden. Ich habe mir fest vorgenommen, entweder zu ihnen hinunterzugehen oder mich umzubringen.« Sie wiederholte ihre Bitten nochmals, worauf jene endlich sprach: »Komm, ich will dich hinunter begleiten«, und zugleich nahm sie Tochfa bei der Hand, führte sie schnell hinab und brachte sie zu ihnen. Als Tochfa unten angekommen war, sagte sie: »Seid unbesorgt, ich bin ein Mensch wie ihr. Ich wollte bloß euch näher sehen, mit euch sprechen und euren Gesang anhören.« Sie setzte sich nun neben sie, und Gamra tat desgleichen. Diese aber bemerkte einen Geruch und sagte: »Es riecht nach Geistern, ich muß doch sehen, woher das kommt.« Da dieses Vachyme gehört hatte, sprach sie leise zu Kamrye: »Das ist ein großes Unglück! Wenn sie uns erkennt, so wird sie sogleich die Flucht ergreifen und Maimun davon benachrichtigen. Was ist jetzt zu tun?« Da streckte Kamrye ihre Hand aus und gab der Gamra einen solchen Schlag auf den Kopf, daß er sich vom Körper trennte, wobei Kamrye sprach: »Gott ist groß.« Nunmehr enthüllten sie ihr Gesicht; Tochfa erkannte sie und bat sie sogleich um ihren Schutz. Die Königin mit ihren Schwestern umarmte sie und sprach: »Empfange die frohe Botschaft von deiner Rettung; du hast hoffentlich nichts mehr zu befürchten. Allein jetzt ist nicht Zeit zu reden, sondern zu eilen.« Sie riefen sodann jene Geister, die sich auf der Insel versteckt hatten, welche auch alsbald ankamen und Tochfa auf das Schloß brachten, welches sie sofort in Besitz nahm. Der Geist aber, auf den Maimun sein Vertrauen gesetzt hatte, der im Schlosse blieb und Duchan hieß, nahm pfeilschnell die Flucht und ereilte Maimun im Augenblick seines stärksten Kampfes mit den Geistern. Als dieser ihn sah, so rief er aus: »Wehe dir, wen hast du im Schloß zurückgelassen?« – »Und wer ist denn noch im Schlosse?« antwortete jener, »deine geliebte Tochfa ist geraubt, Gamra getötet und das ganze Schloß in Besitz genommen.« Bei dieser Nachricht geriet Maimun in Verzweiflung, schlug sich ins Gesicht und sprach: »O welch ein Mißgeschick!« Kamrye aber ihrerseits hatte schon an ihren Vater geschickt und ihn von allem unterrichtet. Sein Heer rückte plötzlich vor und schlug das Heer Maimuns. Als dieser seinen Untergang sah, richtete er die Spitze seines Wurfspießes auf sein Herz und das andere Ende auf die Erde und stürzte sich mit solcher Gewalt hinein, daß die Spitze zum Rücken herauskam. Ablis, der die Botschaft von der Rettung Tochfas bereits erhalten hatte, freute sich darüber und beschenkte den Boten mit einem Ehrenpelze. Die Verfolgung des Heeres Maimuns wurde fortgesetzt, bis es ganz vernichtet wurde; den Maimun selbst fanden sie in dem beschriebenen Zustande da liegen. Kamrye aber mit ihren Schwestern verfügte sich zu ihrem Vater und benachrichtigte ihn von dem ganzen Hergange. Dieser eilte nun, um Tochfa seine Glückwünsche zu überbringen. Das Schloß Maimuns wurde dem Salheb übergeben, seine Schätze aber der Tochfa verehrt. In demselben Augenblicke näherte sich ihnen ein ganzer Stamm Geister, an deren Spitze die Königin Schacheba war, und in ihrer Hand glänzte ein entblößtes Schwert. Als sie nahe gekommen war, fielen sie vor ihr nieder. Sie aber verlangte zu wissen, wie es der Königin Tochfa gegangen wäre, und machte ihnen zugleich Vorwürfe, daß sie nicht nach ihr um Hilfe geschickt hätten.

 

Neunhundertundsechsundfünfzigste Nacht.

»Maimun ist nicht wert, daß man wegen ihm dich belästige,« erwiderte man der Königin, »denn er ist viel zu gering.« Sie benachrichtigte sie hierauf, was Kamrye und ihre Schwestern bereits getan hatten, und daß Tochfa ganz befreit sei. Diese küßte die Hand der Königin Schacheba, welche sie an ihr Herz drückte und zu ihr sagte: »Die Besorgnisse sind vorüber, nun widme dich der Freude.« Sie begaben sich nun ins Schloß, wo sie aßen und tranken, und als Tochfa ersucht wurde, ihnen etwas zu singen, so tat sie es mit folgenden Worten:

»O sanftes Lüftchen, wenn du in das Land meiner Geliebten wehest, so überbringe ihnen von mir den besten Gruß;

Sage ihnen, daß meine Liebe für sie ein festes Unterpfand meiner Treue sei, und daß meine Sehnsucht nach ihnen alles übertrifft.«

Alle lobten sie wegen dieser Verse sehr, küßten sie, umarmten sie, und Kamrye sprach: »Ehe du uns verlässest, muß ich dir noch die Bekanntschaft der Auka, der Tochter des Bachramgour, verschaffen, welche Auka, die Tochter des Riech, geraubt hat; denn nichts auf der Welt ist ihr zu vergleichen, ja ihre Schönheit ist zum Sprichwort geworden.« – »Wenn Ihr es wünscht,« sprach hierauf die Königin Schacheba, »so will ich Tochfa mitnehmen und sie ihr zeigen.« Alle machten sich auf den Weg und gelangten zur Auka, welche auf dem Gebirge Kaf wohnte. Als diese die Gesellschaft erblickte, stand sie auf, empfing sie auf das ausgezeichnetste, und Vachyme sagte zu ihr: »O Auka, wer ist dir wohl gleich, da die Königin Schacheba selbst sich zu dir bemüht.« Auka nahte sich hierauf der Königin und küßte ihr die Füße, führte sie alsdann in ihr Schloß und bewirtete sie mit einer prächtigen Mahlzeit. Tochfa ergriff sodann die Laute, spielte meisterhaft, und Auka tat desgleichen. Beide lösten sich miteinander in Gesängen ab, und Tochfa küßte die Auka alle Augenblicke, indem sie sagte: »Wie schön bist du.« Die Königin Schacheba sagte hierauf zu Tochfa: »Liebe Schwester, jeder Kuß gilt tausend Goldstücke.« – »Tausend Goldstücke,« erwiderte jene, »ist viel zu wenig für Auka«, welche darüber herzlich lachen mußte. Sie brachten die Nacht bei ihr zu. Den andern Morgen aber verließen sie dieselbe wieder und begaben sich in das Schloß Maimuns. Dort entfernte sich auch die Königin Schacheba mit ihren Truppen von ihnen und ging in das ihrige; ihr folgten die Könige der Geister, und jeder begab sich in seinen Palast. Ablis unterhielt sich mit Tochfa noch bis zu Anbruch der Nacht; dann ließ er sie aus den Rücken eines Geistes sich setzen und gab dreißig andern Geistern Befehl, alle Schätze, die sie erhalten hatte, zu sammeln und mitzunehmen. Ablis begleitete sie selbst, und in der kürzesten Zeit brachte er sie in ihr Gemach zurück. Hier nahm er mit seiner Begleitung von ihr Abschied und entfernte sich. Tochfa aber war vor Freude außer sich, und die ganze Begebenheit schien ihr ein bloßer Traum gewesen zu sein; es war ihr, als hätte sie ihre Wohnung nie verlassen. Sie nahm nun ihre Laute und sang mit einem Freudengefühl, welches ihrem Gesange noch mehr Reiz gab.

 

Neunhundertundsiebenundfünfzigste Nacht.

Als der Diener, der vor ihrer Türe zu schlafen beauftragt war, in dem Zimmer ihre Stimme und ihr Spiel hörte, sprach er: »Bei Gott, das ist ja meine Fürstin Tochfa! Sie ist es selbst!« Außer sich vor Freude sprang er auf und eilte zu dem Sklaven, der an der Türe des Kalifen Wache hielt. Als dieser ihn wie einen Trunkenen zu sich hereinkommen sah, fragte er ihn: »Was fehlt dir, und was bringt dich zu dieser ungewöhnlichen Stunde hierher?« – »Eile,« erwiderte der Diener, »und wecke den Fürsten der Gläubigen auf und zögere ja nicht!« Da sie aber nun darüber in Wortwechsel gerieten, so wachte der Kalif auf, trat heraus und fand sie, als eben der Diener seinen Wächter nötigen wollte, ihn eiligst zu wecken. »Was will dieser?« fragte der Kalif. – »Der Diener Tochfas muß,« antwortete jener, »den Verstand verloren haben, daß er so dringt, dich zu wecken.« – »Laß ihn hereinkommen,« sprach der Kalif. Dieser trat nun herein; aber er verneigte sich nicht und grüßte nicht, er warf sich nicht vor dem Kalifen nieder, wie es Brauch war, sondern stürzte wild herein und sprach: »Geschwind, geschwind, stehe auf; die Fürstin Tochfa ist in ihrem Gemach und singt herrlich. Eile, eile zu ihr.« Der Kalif glaubte, ihn nicht recht verstanden zu haben, und fragte: »Wie sagst du?« – »Hast du den Anfang meiner Anrede noch nicht gehört?« erwiderte jener, »ich sagte dir ja, daß Tochfa in ihrem Zimmer ist und herrlich singt und spielt.« – Der Kalif warf sich nun eiligst in die Kleider, glaubte aber doch den Worten des Dieners nicht, sondern sprach: »Wehe dir, nimm dich in acht, mich zu täuschen! Das hat dir wohl nur geträumt?« – »Ich weiß nicht, was du sagst,« erwiderte jener, »aber so viel weiß ich, daß ich nicht geschlafen habe.« – »Wenn das, was du sagst, wahr ist, so soll es zu deinem Glücke sein,« erwiderte der Kalif, »ist es aber nicht wahr, und hat dir's nur geträumt, so lasse ich dich ans Kreuz schlagen. Im voraus verspreche ich dir dagegen deine Freilassung und ein Geschenk von tausend Goldstücken.« Nun wurde dem Diener angst, und er sprach: »O mein Schutzgott, sollte es wirklich möglich sein? Habe ich mich vielleicht geirrt?« Er verließ plötzlich den Kalifen und eilte in das Zimmer Tochfas. Da er aber darin noch immer den Gesang und die Laute hörte, eilte er noch schneller zum Kalifen zurück und sprach: »Komm herein und überzeuge dich, wer schläft.« Als nun der Kalif der Wohnung Tochfas ganz nahe kam, ihr Spiel hörte und ihre Stimme erkannte, konnte er sich kaum halten, und die Freude überraschte ihn so, daß er ohnmächtig wurde. Als er wieder zu sich selbst kam, ergriff er den Schlüssel, allein die Hand versagte ihm ihren Dienst, weil er vor Freuden zitterte. Endlich faßte er ein Herz, öffnete und fürchtete sich, es möchte nur ein Traumbild gewesen sein. Als ihn aber Tochfa erblickte, eilte sie ihm entgegen und drückte ihn an ihr Herz. Er aber schrie vor Freuden laut auf, und es schien, als wäre sein letzter Augenblick gekommen. Sie drückte ihn von neuem an die Brust und begoß ihn mit Rosenwasser und Muskus, damit er sich erholte. Endlich machte sich seine freudenvolle Brust durch einen Strom von Tränen Luft. Tochfa nahm nun die Laute und spielte ihm etwas von dem vor, was sie von Ablis gelernt hatte, wovon er aufs neue ganz entzückt wurde. Hierauf sang sie ihm folgende Strophen und begleitete sie mit der Laute:

»Als ich von dir abwesend war, so konnte ich mein Herz nicht begreifen, wie es noch schlagen konnte. Das kam aber daher, weil dein Andenken aus meiner Seele sich nicht entfernt hatte;

Und wenn ich mir selbst vorstellte, daß ich von dir abwesend war, so strafte mich mein schlagendes Herz Lügen, weil ich noch Leben in mir fühlte, so daß ich schwankte, ob ich ihm glauben oder nicht trauen sollte.« –

»Ach Tochfa,« sprach endlich Harun, »deine Entfernung war wundervoll; aber deine Rückkehr ist noch erstaunenswürdiger.« – »Ach, du hast wohl recht, mein Herr,« erwiderte sie, indem sie zärtlich seine Hand nahm, »aber betrachte alles das, was ich mitgebracht habe.« Der Kalif warf seinen Blick auf diese unermeßlichen Schätze, die gar nicht verzeichnet oder beschrieben werden können, sowie auch auf die kostbaren Teppiche, die sie von der Königin Schacheba bekommen hatte, und den Thron sowie auch die andern Kostbarkeiten, die kein König und kein Fürst besitzt. Harun war darüber ganz erstaunt und konnte kaum seinen Augen trauen. »Komm,« sagte er nun zu ihr, »setze dich und erzähle mir alles, was dir zugestoßen ist.« Sie erzählte ihm nun alles so deutlich, daß es ihm schien, als wäre er bei allen diesen Ereignissen zugegen gewesen, nannte ihm die Namen aller der Könige und Königinnen, die sie kennen gelernt hatte, und erzählte ihm auch die Gefahr, in der sie wegen Maimun geschwebt hatte. Vor allen Dingen aber schilderte sie ihm die Freundschaft der Königin Schacheba, zeigte ihm das Diplom, wodurch sie diese Königin zu ihrer Statthalterin ernannt hatte, und versicherte ihm, daß sie durch einen Waldgeist ungeachtet ihrer Entfernung doch von ihm Nachrichten gehabt, wie auch, daß sie die Auka besucht habe.– »O,« sprach Harun, »erzähle mir doch, was die Auka, Tochter des Bachramgour, eigentlich ist. Ist sie ein Geist oder ein Mensch? Denn oft habe ich von ihr gehört und immer gewünscht, etwas von ihr zu erfahren.« Da antwortete Tochfa: »Ich habe die Königin Kamrye gefragt, und diese hat mir viel von ihr erzählt. Ich habe sie dann selbst gesehen, wie du weißt. Sie ist ein sehr schönes Mädchen, und ich habe von ihr viele Geschenke erhalten, die ich nebst den übrigen Kostbarkeiten mitgebracht habe.« von diesen Schätzen rührt der große Reichtum der Barmekiden und der Abassiden her, wodurch sie sich so sehr auszeichneten.

Der Kalif verließ nunmehr Tochfa und befahl, daß die ganze Stadt feierlich ausgeschmückt würde. Öffentliche Feste sowie Gastmähler wurden nun sieben Tage lang gegeben, und Tochfa hörte nicht aus, mit dem Fürsten der Gläubigen das frohste Leben zu führen, bis sie der Zerstörer aller Ergötzungen und der Trenner aller Gesellschaften erreichte.«

Hier bemerkte Scheherasade den Morgen, und erst in der nächsten Nacht begann sie folgende Geschichte von Abul Hassan aus Damaskus und seinem Sohne Nureddin Ali.

 

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