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Tausend und Eine Nacht. Elfter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Elfter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Elfter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180123
projectid1a8085b2
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Geschichte von dem Sohne des Königs und der Kaufmannsfrau.

»Ein Kaufmann hatte eine sehr schöne Frau, war aber dabei außerordentlich eifersüchtig. Aus Furcht, sie möchte irgend jemandem gefallen, ließ er sie nicht in der Stadt wohnen, sondern gab ihr ein einzeln liegendes Schloß, welches er außerhalb der Stadt besaß, und welches, da es ganz vom Wege abgelegen war, von niemandem besucht wurde. Er nahm übrigens noch andre Vorsichtsmaßregeln, indem er eine hohe Mauer um dasselbe ziehen und die Pforten mit festen Schlössern versehen ließ. Sooft er sich nun in die Stadt begab, verschloß er alles genau und nahm die Schlüssel mit sich.

Eines Tages ging der Sohn des Königs aus, um sich außerhalb der Stadt zu zerstreuen. Die um das Schloß neu aufgeführte Mauer erregte seine Aufmerksamkeit, und er begab sich nahe heran, um sie zu betrachten. Da wurde er denn die Frau des Kaufmanns an einem Fenster gewahr, und ihre Schönheit betäubte ihn ganz. Er versuchte mit ihr zu sprechen, allein die weite Entfernung machte es unmöglich; er suchte ins Schloß zu kommen, allein auch dies gelang ihm nicht. Da rief er seinem Diener, der mit ihm war, und befahl ihm, ihm sein Schreibzeug zu geben. Dieser überreichte es ihm, und er schrieb nun einen Brief, den er an einen Pfeil befestigte und so in das Schloß abschoß. Die Frau suchte sogleich den Pfeil auf und fand das daran befestigte Briefchen. Sie las es und sah darin, daß er von ihrer Schönheit gerührt war und die größte Sehnsucht fühlte, sie kennen zu lernen. Sie säumte nun nicht, diesen Brief zu beantworten; sie schrieb ihm, daß sie nicht minder wünsche, ihn kennen zu lernen, und daß sie seine Sehnsucht teile. Diesen Brief warf sie ihm sodann, mit einem Steine beschwert, über die Mauer. Als der Prinz diesen Brief gelesen und daraus ersehen hatte, daß er geliebt werde, befestigte er den Schlüssel eines Kastens an einen andern Pfeil, schoß ihn in das Schloß ab und ging dann nach einem freundlichen Abschiedsgruß von dannen. Die Frau ging sofort wieder nach dem Pfeile hin, fand aber diesmal bloß einen Schlüssel daran befestigt, den sie gleichwohl aufhob, mit sich nahm und aufbewahrte.

Der Prinz wandte sich daheim an einen der Wesire seines Vaters, erzählte ihm aufrichtig, was ihm begegnet war, daß er diese Frau sehr liebe und von ihr wiedergeliebt werde, daß es ihm aber nicht möglich wäre, zu ihr ins Schloß zu gelangen. »Was kann ich da für dich tun?« fragte hierauf der Wesir. »Ich bitte dich,« erwiderte der Prinz, »du möchtest mich in einen großen Kasten tun, ihn mit diesem Schloß (das er ihm zugleich überreichte) verschließen und ihn dem Kaufmann auf sein Schloß in Verwahrung geben unter dem Vorwände, er enthalte Schätze und Kostbarkeiten, die du in Sicherheit bringen wollest.« Der Wesir versprach es ihm, und der Prinz schickte ihm nun den Kasten, stieg zugleich in denselben hinein, und der Wesir verschloß ihn sodann mit dem Schlosse, dessen Schlüssel der Prinz der Frau zugeschossen hatte. Er wurde nunmehr auf ein Kamel geladen und in Begleitung des Wesirs nach dem Schlosse des Kaufmanns gebracht. Dieser, über einen so hohen Besuch hoch erstaunt und erfreut, eilte dem Wesir entgegen, versicherte ihm, daß es ein Tag des Glücks für ihn sei, ihn bei sich zu sehn, und erkundigte sich nach der Ursache seines Besuches. Der Wesir antwortete, daß er ihm hiermit einen Kasten in Verwahrung geben wolle, und er bäte ihn, diesen so lange bei sich zu behalten, bis er ihn selbst abholen würde. Der Kaufmann willigte gern ein und nahm den Kasten auf sein Schloß. Der Wesir entfernte sich hierauf, und der Kaufmann, der ebenfalls in der Stadt Geschäfte hatte, verließ das Schloß, nachdem er es wohl verschlossen hatte. Nun ging die Frau zu dem Kasten, öffnete ihn mit dem Schlüssel, den sie bei sich hatte, und der Prinz stieg heraus. Sie legte nun sogleich ihre kostbarsten Kleider an und leistete ihm Gesellschaft; sooft sie indes die Ankunft ihres Mannes wahrnahm, verbarg sie ihn jedesmal wieder in den Kasten. Eines Tages verlangte der König seinen Sohn zu sehen. Da begab sich der Wesir eiligst zum Kaufmann, der sich in der Stadt befand, und verlangte von ihm seinen Kasten. Sie gingen beide sofort auf das Schloß; da es aber zur ungewöhnlichen Zeit und der Kaufmann sehr eilig war, hatte die Frau kaum Zeit, den Prinzen in den Kasten zu bringen. Nur zur Not konnte sie das Schloß vorlegen, als ihr Mann auch schon eintrat. Eben wollte er den Kasten fortschieben, als der Deckel aufsprang und er zu seinem größten Erstaunen den Sohn des Königs darin liegend erblickte. Er hieß diesen nun sogleich aufstehen, führte ihn zu dem Wesir und überzeugte sich zu seiner tiefen Betrübnis, daß er überlistet worden war, und daß alle seine Vorsicht ihm nichts genutzt hatte. Darauf verstieß er sofort seine Frau und beschloß, sich nie wieder zu verheiraten.

Hier siehst du also, o König!« setzte die Frau hinzu, »wie listig die Männer sind, wenn es daraus ankommt, etwas durchzusetzen. Derselbe Fall ist es auch mit deinem Sohne, daher bitte ich dich, verschaffe mir Gerechtigkeit gegen ihn.« Da der König die Frau nun sehr liebte, so befahl er auch sogleich, daß sein Sohn getötet werden solle.

Als indes der sechste Tag angebrochen war und der sechste Wesir diesen Befehl vernommen hatte, begab er sich zum Könige, warf sich ihm zu Füßen und sprach: »O Herr, ich bitte um Aufschub für deinen Sohn, denn der Trug gleicht dem Rauche, er kann wohl auf einen Augenblick die Wahrheit verdunkeln, diese indes steht unveränderlich fest, und ihr Licht dringt früh oder spät durch den Dunst der Lüge. Weißt du nicht, daß sogar in dem heiligen Buche des erhabenen Gottes geschrieben steht, daß die List der Weiber groß ist? Sch Kann es dir beweisen, und zwar durch folgende

 

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