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Tausend und Eine Nacht. Elfter Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Elfter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Elfter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180123
projectid1a8085b2
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Der Königssohn und der Wesir.

»Einer der ältesten Könige hatte einen einzigen Sohn, den er mit der Tochter eines andern Königs verheiratete. Sie war sehr schön, und einer ihrer Vettern, der sie schon längst liebte, hatte mehrere Male bei ihrem Vater um sie angehalten. Es schmerzte ihn daher sehr, seine Geliebte an jenen Prinzen verheiratet zu sehen. Seine Verzweiflung trieb ihn so weit, daß er sich an den Wesir seines Vaters wandte, ihm seinen Plan entdeckte und ihn bat, irgend ein Mittel ausfindig zu machen, um entweder jenen ganz zu verderben oder zu verhindern, daß er geliebt würde; so quälte ihn sein Gram. Er begleitete diese Bitte mit vielen kostbaren Geschenken, und der Wesir willigte ein und versprach, ihm beizustehen.

 

Neunhundertundsiebenundachtzigste Nacht.

Um jene Zeit ließ der Vater der Prinzessin den Sohn des Königs abholen, um die Hochzeit zu feiern. Er sollte sodann mit ihr ins Land seines Vaters zurückkehren. Der König ließ seinen Sohn abreisen und gab ihm seinen Wesir nebst bedeutenden Geschenken, Geldern und Kostbarkeiten mit. Als sie unterwegs waren, erinnerte sich der Wesir, daß unfern von der Straße eine Quelle sich befinde, welche unter dem Namen Sachra bekannt sei. Wenige Leute kannten sie. Ihre Eigenschaften indes waren sehr sonderbar. Wenn nämlich ein Mann aus ihr trank, so wurde er alsbald zu einem Weibe. In der Nähe dieser Quelle ließ er seine Begleiter halt machen. Er selbst aber bestieg sein schönstes Roß und sprach zum Sohne des Königs: »Reise mit mir; wir wollen uns in diesem Tale umsehen.« Sie entfernten sich hierauf von den Begleitern, und der Prinz, weit entfernt, zu ahnen, was der Wesir mit ihm vorhatte, entfernte sich immer weiter mit ihm, bis er Durst bekam. Da sagte er es dem Wesir, und dieser sprach: »So steige ab und trinke von dieser Quelle!«, bei welcher sie sich gerade sehr nahe befanden. Da ihn der Durst sehr ermüdet hatte, stieg er sogleich ab und trank in großen Zügen. – Aber – siehe! da wurde er plötzlich in eine Frau verwandelt. Als der Prinz es merkte, weinte er und fiel vor Schrecken in Ohnmacht. Da näherte sich ihm der Wesir und fragte ihn, was ihm widerfahren wäre, und warum er weinte. Nachdem ihn der Prinz von der Ursache seines Schmerzes benachrichtigt hatte, sprach der Wesir: »Gott behüte dich vor diesem Unglücke. Das ist ein grausames Geschick! So nahe an dem Besitz einer so schönen Prinzessin zu sein, als die ist, zu der wir uns jetzt begeben, um sie zu heiraten, und nun plötzlich in diesen Zustand versetzt zu sein! Was ist nun zu tun? Was willst du mir befehlen?« Da sprach der Prinz: »Kehre zu meinem Vater zurück und benachrichtige ihn von meinem Unfall. Ich will diesen Ort nicht eher verlassen, als bis mich Gott von meinem Mißgeschick befreit haben wird; lieber wollte ich hier sterben.« Er gab zugleich dem Wesir einen Brief an seinen Vater mit, und der Wesir entfernte sich nun voll Freude, seinen Zweck erreicht zu haben. Als der Wesir nach Hause gekommen war und den König von dem Unglücke seines Sohnes benachrichtigt hatte, wurde der König sehr bestürzt und schickte sogleich eine Aufforderung an alle Ärzte und Weisen, irgend ein Mittel aufzufinden, wodurch seinem Sohne seine vorige Gestalt wiedergegeben werden könne. Leider aber fand sich niemand, der es unternehmen wollte und konnte. Das war ein großer Schmerz für den König. Der Wesir schickte seinerseits zum Vetter der Prinzessin, um ihn von dem glücklichen Erfolge seines Unternehmens zu benachrichtigen, daß er ihn nämlich hätte aus der Quelle trinken lassen. Dieser freute sich, schöpfte nun Hoffnung, seine Nichte noch zu besitzen, und bezeigte dem Wesir seinen Dank.

Was unterdes den Sohn des Königs anbetrifft, so hatte er drei Tage an der Quelle verweilt, ohne zu essen und zu trinken, und sein Pferd weidete das Gras umher ab. Um vierten Tage aber traf ein Reiter aus einem gelben Pferde bei ihm ein. »Wer bist du, und wer hat dich hierher gebracht?« war die erste Frage desselben. Der Prinz beantwortete sie ihm und fügte hinzu, daß er auf dem Wege wäre, seine Braut abzuholen, daß ihn aber sein Wesir von dieser Quelle habe trinken lassen, und daß ihm darauf dieses Unglück widerfahren wäre. Der fremde Ritter empfand inniges Mitleid mit seinem Zustande. »Mit Willen,« sagte er darauf zu ihm, »hat dich der Wesir deines Vaters in dieses Unglück gestürzt; denn unter Tausenden weiß kaum einer um diese Quelle. Doch fasse Mut und komme mit mir.« Sie entfernten sich nun, und der Ritter sagte zum Prinzen: »Du bist diese Nacht mein Gast.« – »Habe die Güte, mir zu sagen, wer du bist,« fragte der Prinz. – »Ich bin,« erwiderte jener, »der Sohn eines Königs der Geister; beruhige dein Herz und verscheuche deinen Kummer; denn von mir sollst du deine Rettung erhalten.« Als sie noch ein Stück geritten waren, fragte er ihn: »Prinz, wieviel Weg, glaubst du wohl, daß wir zurückgelegt haben?« – »Eine Tagereise ungefähr,« war seine Antwort. – »Der schnellste Reiter,« erwiderte jener, »würde diesen Weg in dem Zeitraum eines Jahres bei Tag und bei Nacht nicht zurückgelegt haben.« – »Ach, wie werde ich zu meiner Familie zurückkommen!« sagte hierauf der Prinz. – »Das ist nicht deine Sorge,« antwortete der andere, »sondern sobald du wieder hergestellt bist, sollst du in kurzer Frist wieder bei den Deinigen anlangen.« Dieses erfreute und beruhigte den Prinzen. Er dankte ihm dafür, und sie setzten ihre Reise fort bis zum Morgen, wo sie sich auf einem schönen Erdstriche, der dem Paradiese glich, befanden. Hier stiegen sie ab, und der Sohn des Königs der Geister nahm den Prinzen bei der Hand und führte ihn in ein prächtiges Schloß. Hier sah er sich von Prunk und Glanz umgeben, woraus er abnahm, wie groß die Macht jenes Königs sein müsse. Den ganzen Tag brachten sie mit Essen, Trinken und Scherzen zu, bis die Nacht anbrach. Nun bestiegen sie wieder ihre Rosse, eilten schnell vorwärts, und am andern Morgen kamen sie in einer schauerlichen Gegend an. Alles, was sie da erblickten, war schwarz; Erde und Steine hatten die Farbe der Trauer; es schien die Vorhalle der Hölle zu sein. »Wie heißt dies Land?« fragte der Prinz zurückbebend. – »Es ist,« sagte jener ganz kaltblütig, »unter dem Namen des schwarzen oder des Unglückslandes bekannt. Sein Beherrscher ist ein Geist und heißt Dsoulganohein. Niemand darf sein Land ohne seine Erlaubnis betreten. Bleibe also hier und warte, bis ich sie für dich ausgewirkt habe.« Der Prinz blieb also an diesem Orte, wo der Sohn des Königs der Geister ihn nach einer kurzen Weile abholte und ihn zu einer Quelle führte, die aus einem schwarzen Felsen hervorfloß, »von dieser Quelle trinke,« sagte jetzt der Sohn des Geisterkönigs zu ihm. Dieses tat er denn auch, und zur Stelle wurde er mit der Erlaubnis Gottes, des Erhabenen, wieder zum Manne. Da freute sich der Prinz außerordentlich, dankte dem Bitter, warf sich ihm zu Füßen und küßte seine Hand. »O mein Herr,« sagte er dann zu ihm, »wie heißt diese Segensquelle?« – »Sie heißt die Quelle der Frauen,« erwiderte dieser, »und jede Frau, die davon trinkt, wird zum Manne. Preise du Gott, und danke ihm, daß du von deinem Unglück befreit bist.«

 

Neunhundertundachtundachtzigste Nacht.

Nach einem innigen Dankgebete des Prinzen begaben sie sich auf den Rückweg. »Und wieviel glaubst du, daß du nun von deiner Familie entfernt bist? Zehn Jahre würde der schnellste Reiter brauchen, um den Weg, den wir gemacht haben, zurückzulegen. Aber Gott ist dir sehr gnädig gewesen, und meiner Bekanntschaft hast du es zu danken, daß wir diese Zeit nicht brauchen.« Sie setzten darauf ihren Weg immer weiter fort, und am Ende des Tages gelangten sie an ein schönes grünes Land, welches dem Sohne des Königs der Geister gehörte, hier brachten sie abermals die Nacht mit Essen, Trinken, Scherz und Frohsinn zu. Am Morgen fragte ihn sein Retter: »Willst du heute schon wieder zu deiner Familie zurück?« Da der Prinz erklärte, daß ihm dies viel Freude machen würde, so befahl jener einem Sklaven, den Prinzen auf seine Schultern zu nehmen und ihn am andern Morgen in das Schloß seines Schwiegervaters und seiner Braut zu tragen. Als ungefähr der dritte Teil der Nacht verflossen war, kam ein Sklave, um den erhaltenen Befehl auszuführen. Der Prinz näherte sich nun seinem Retter, umarmte ihn und dankte ihm nochmals; der Sklave aber trat näher und sagte ihm, er möge sich die Augen verbinden, damit ihn nicht Furcht anwandle, herabzufallen. »Steige dann auf meinen Nacken,« fügte der Sklave hinzu, »und fürchte übrigens nichts.« Der Prinz tat es, nachdem er sich die Augen verbunden hatte. Sie entfernten sich nun, und als der Geist ihm sagte, er möge seine Binde wieder abnehmen, befand er sich auf dem Dache des Schlosses seines Schwiegervaters. In demselben Augenblicke verließ ihn auch sein Träger. Als der Prinz sich erholt hatte, brach eben der Morgen an, und er stieg hinab ins Schloß. Sowie der König, sein Schwiegervater, ihn sah und erkannte, umarmte er ihn und freute sich über seine Ankunft, sagte aber auch: »Gewöhnlich kommen sonst die Leute auf der Erde; du aber scheinst mir vom Himmel gekommen zu sein. Das nimmt mich groß wunder.« – »Jawohl,« entgegnete der Prinz, »was mir begegnet ist, ist auch wunderbar.« Und hierauf erzählte er alles, was ihm widerfahren war. Darüber war der König sehr erstaunt und pries Gott wegen seiner wunderbaren Rettung; zugleich befahl er, die Festlichkeit der Hochzeit zu beschleunigen, welche sofort mit aller Pracht vollzogen wurde. Einen Monat hielt sich der Prinz bei seinem Schwiegervater auf; sodann begab er sich mit seiner Frau in die Residenz seines Vaters. Der Vetter der Fürstin war vor Gram und Eifersucht außer sich. Der Vater aber kam seinem Sohne entgegen, und die größten Festlichkeiten wurden deshalb angeordnet.

Du siehst also, wie sehr du gegen deine Wesire und deinen Sohn auf der Hut sein mußt.« Hierauf beschloß der König, seinen Sohn töten zu lassen.

 

Neunhundertundneunundachtzigste Nacht.

Am folgenden Tage trat der vierte Wesir herein und bat um das Leben des Prinzen; und um seine Bitte zu bekräftigen, erzählte er folgende Geschichte.

 

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