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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Derwisch, der Barbierlehrling und der habgierige Sultan.

Man erzählt, – jedoch ist Gott in Bezug auf verborgene Dinge allein allwissend und allweise, – daß in den Tagen eines Königs, namens Dahmâr, ein Barbier lebte, der in seinem Laden einen Knaben in der Lehre hatte; und eines Tages traf es sich, daß ein Derwisch ankam und sich setzte und sich zum Knaben wendete, wobei er bemerkte, daß er ein Bild von Schönheit, Lieblichkeit, Anmut und ebenmäßigem 81 Wuchs war. Er bat ihn um einen Spiegel, und, als er ihm gebracht ward, nahm er ihn und betrachtete sein Gesicht in ihm und kämmte seinen Bart, worauf er die Hand in seine Tasche steckte und, einen goldenen Aschrafī hervorholend, ihn auf den Spiegel legte und diesen dem Knaben zurückgab. Da wendete sich der Barbier zum Bettler und sprach verwundert bei sich: »Preis sei Gott, wiewohl dieser Mann ein Fakir ist, legt er ein Goldstück auf den Spiegel; sicherlich hat es damit eine wundersame Bewandtnis.« Hierauf ging der Derwisch seines Weges, doch kehrte er am folgenden Tage plötzlich wieder und verlangte beim Eintreten in den Laden einen Spiegel von dem Lehrling des Barbiers. Als ihm der Spiegel gereicht war, besah er sich seine Züge darin und kämmte seinen Bart, worauf er wieder einen Aschrafī hervorholte, ihn auf den Spiegel legte und diesen dem Knaben zurückgab. Dann stand er auf und ging seines Weges, während sich der Barbier noch mehr verwunderte. Der Bettler aber kam nun tagtäglich, besah sich im Spiegel und legte sein Goldstück nieder, so daß der Barbier bei sich sprach: »Bei Gott, dieser Derwisch muß einen besondern Zweck damit verfolgen; vielleicht hat er sich in meinen Lehrbuben verliebt, und ich fürchte der Bettler verführt mir den Jungen und nimmt ihn mir fort.« Dann sagte er zum Lehrbuben: »Knabe, wenn der Derwisch wieder zu dir kommt, so nähere dich ihm nicht, und, wenn er den Spiegel von dir verlangt, so gieb ihn ihm nicht, denn ich will es selber thun.« Am dritten Tage erschien der Derwisch wieder nach seiner Gewohnheit und verlangte den Spiegel vom Knaben, während dieser ihn absichtlich vernachlässigte, so daß sich der Derwisch zu ihm kehrte und ihn packte, um ihn zu schlagen. Da gab ihm der Lehrling, erschrocken über seinen Zorn, den Spiegel, und der Derwisch betrachtete sich darin und kämmte seinen Bart, worauf er zehn Golddinare hervorholte und den Spiegel mit den Goldstücken dem Knaben zurückgab. Als der Barbier dies sah, verwunderte er sich und sprach: »Bei Gott, dieser 82 Derwisch kommt täglich und legt einen Aschrafī nieder, heute aber hat er zehn Goldstücke gegeben, während mein Laden mir nicht einmal einen halben Piaster für den Tag einbringt. Wenn der Mann wieder herkommt, Knabe, dann breite ihm im Hinterraum des Ladens einen Gebetsteppich aus, damit nicht die Leute, wenn sie seine täglichen Besuche sehen, üble Gedanken von uns hegen.« Der Knabe versetzte: »Schön.« Als nun der Derwisch am nächsten Tage wieder kam, führte ihn der Lehrling in den Hinterraum des Ladens. Das Herz dieses Frommen hatte sich aber an den Barbierlehrling wegen seiner Schönheit und vollkommenen Anmut gehängt, und er fuhr fort den Laden Tag für Tag zu besuchen, während der Lehrling ihm stets den Teppich ausbreitete und auf dem Spiegel von ihm zehn Aschrafī empfing. Der Barbier und sein Lehrling freuten sich hierüber, bis der Derwisch eines Tages, als er wie gewöhnlich kam, allein den Lehrling im Laden antraf. Er fragte ihn deshalb nach seinem Meister, worauf der Knabe erwiderte: »O Oheim, mein Meister ist ausgegangen, um sich den Guß der Geschütze anzusehen, denn heute werden der Sultan, der Wesir und die Großen des Reiches dem Geschützgießen beiwohnen.« Da sagte der Derwisch: »Mein Sohn, komm mit, wir wollen uns an dem Schauspiel ebenfalls belustigen und wollen vor den andern Leuten heimkehren, bevor dein Meister zu Hause ist; wir wollen uns vergnügen und belustigen und dem Schauspiel zusehen, bevor ich fortreise, denn ich beabsichtige heute gegen Mittag weiter zu wandern.« Der Knabe versetzte: »Schön, mein Oheim.« Alsdann erhob er sich und verschloß den Laden, worauf er mit dem Derwisch fortging, bis sie den Platz erreichten, wo die Kanonen gegossen wurden. Hier fanden sie den Sultan, die Wesire, die Kämmerlinge, und die Häupter und Granden des Reiches in einer Gruppe dastehen, bis die Arbeiter die Schmelztiegel vom Feuer nahmen. Der erste, der an sie herantrat, war der Sultan, und, da er sie voll von geschmolzenem Erz fand, holte er eine 83 Handvoll Gold aus der Tasche und warf sie in die Schmelztiegel. Dann trat der Wesir vor und that es dem König gleich und so warfen alle anwesenden Großen Geld in die Schmelztiegel, sei es Silberbarren, Piaster oder Thaler. Hierauf trat der Derwisch aus der Menge und zog aus seiner Kappe ein als Etui dienendes Rohr hervor, aus dem er mit einem Ohrlöffel etwas körniges Pulver nahm und es in einen Schmelztiegel nach dem andern streute. Dann entschwand er den Augen des Volks und kehrte mit dem Knaben wieder zum Laden zurück und öffnete ihn, worauf er sprach: »O mein Kind, wenn dich der Sultan nach mir fragt, so sag' ihm, daß ich in der und der Stadt wohne, wo du mich, falls du mich suchen solltest, neben dem Thor sitzend finden wirst.« Nach diesen Worten verabschiedete er sich vom Barbierjungen und zog seines Weges. Der König aber verweilte an jener Stätte, bis sie die Schmelztiegel zu den Geschützformen gebracht hatten. Als die Leute nun die Schmelztiegel ausgießen wollten, fanden sie, daß sie das lauterste Gold enthielten, und der Sultan fragte seinen Wesir und die Großen des Reiches: »Wer warf etwas in die Schmelztiegel, und welcher Fremdling war zufällig hier?« Sie erwiderten: »Wir gewahrten einen Derwisch, der etwas Pulver nahm und es hinein warf.« Hierauf erkundigte man sich bei den Herumstehenden, die zur Auskunft gaben, daß der Derwisch einem Barbierlehrling, der in dem und dem Viertel lebte, zugethan wäre. Der Sultan befahl einem seiner Kämmerlinge, den Knaben zu holen, und so suchten sie ihn und stellten ihn vor den König, während der Knabe bei seinem Eintritt die Erde küßte, den Satan vom König abwehrte und seinen Herrn mit dem Chalifensegen begrüßte. Der Sultan erwiderte ihm seinen Gruß und fragte ihn nach dem Derwisch aus, der bei ihm gewesen war, worauf der Knabe versetzte: »O König der Zeit, er beauftragte mich zu sagen, daß er fortgereist und in der und der Stadt zu finden wäre.« Da befahl der Sultan dem Knaben auszuziehen und ihn zu holen, und der Knabe 84 erwiderte: »Ich höre und gehorche.« Der König wies ihm ein eigenes Schiff an und machte ihm mannigfache Geschenke, worauf der Knabe absegelte, bis er nach kurzer Zeit die besagte Hafenstadt erreichte. Hier stieg er ans Land und begab sich zum Stadtthor, in dessen Eingang er sich plötzlich dem Derwisch gegenüber befand, der auf einer erhöhten Bank saß. Sobald er ihn erblickte, begrüßte er ihn und erzählte ihm das Vorgefallene, worauf sich der Fakir unverzüglich erhob und dem Knaben aufs Schiff folgte. Sie entfalteten die Segel und reisten, bis sie zur Stadt des Sultans gelangten, wo sie vor ihm erschienen und, die Erde vor ihm küssend, ihn begrüßten. Der König erwiderte ihnen den Salâm und beschenkte den Knaben reichlich, ihn zum Gouverneursrang erhebend und zur Verwaltung einer seiner Provinzen entsendend; der Derwisch verblieb jedoch bei dem König Dahmâr den ersten Tag und den zweiten, bis zum siebenten, als der Sultan zu ihm sagte: »Ich wünsche, daß du mich die Kunst und das Geheimnis Gold zu machen lehrst.« Der Derwisch versetzte: »Ich höre und gehorche, o unser Herr Sultan.« Hierauf erhob er sich und holte eine Pfanne, auf die er seine Werkzeuge legte; dann zündete er ein Feuer darunter an, holte eine Portion Blei, ein wenig Zinn, und eine hinreichende Quantität Kupfer, alles zusammen im Gewicht eines Centners; hierauf blies er die Flamme unter der Schmelzpfanne an, bis das Metall flüssig wie Wasser geworden war. Dann holte der Fakir, während der Sultan dasaß und den Arbeiten zusah, etwas aus einer Büchse, von dem er eine Dose mit dem Ohrlöffel nahm und das Blei, Kupfer und Zinn bestreute, worauf es sofort zu lauterm Gold ward. Er wiederholte dieses Kunststück noch ein- oder zweimal vor dem König, der hernach ebenso wie der Gottesmann zu arbeiten anhob und in seiner Anwesenheit das reinste Gold herstellte. Erfreut hierüber, saß der Sultan hinfort zu jeder Zeit, die ihm beliebte, vor dem Derwisch und sammelte dann und wann unedle Metalle und bestreute sie mit dem Pulver, 85 das ihm der Fakir gegeben hatte, worauf alles in das edelste Gold verwandelt ward. Eines Nachts jedoch, als er in seinem Harem saß und arbeitete, wie er vor dem Derwisch zu arbeiten pflegte, gelang ihm nichts recht, so daß er sich schwer bekümmerte und sprach: »Ich habe weder zu viel noch zu wenig genommen, woran also liegt es?« Am nächsten Morgen suchte er den Fakir auf und arbeitete in seiner Gegenwart. Als er nun wieder jungfräuliches Gold herstellte, sprach er überrascht: »Bei Gott, es ist in der That höchst wunderbar, daß, wenn ich allein arbeite, nichts gelingt, während ich, wenn ich in Gegenwart des Derwisches arbeite, alles zu Gold mache.« Nach diesem verwandelte der Sultan nur in Gegenwart des Fakirs Metalle in Gold, bis er eines Tages, als ihm die Brust beklommen war, in den Gärten Erholung suchte. Infolgedessen ritt er mit den Großen des Reiches und dem Derwisch aus nach dem Stromufer, indem er voranzog und der Bettler mit dem Geleit folgte. Beim Reiten lastete seine Hand schwer auf den Zügeln, und er packte sie fest und seine Faust umschloß sie; mit einem Male aber lockerte er seinen Griff, wobei ihm sein Siegelring vom kleinen Finger flog und ins Wasser sank. Als der König dies sah, hielt er an und sprach: »Wir wollen uns nicht eher von diesem Platz entfernen, als bis ich meinen Siegelring wieder bekommen habe.« Da stieg das ganze Gefolge ab, und alle waren im Begriff sich in den Strom zu stürzen, als der Fakir, der den König allein und betrübt über den Verlust seines Siegelringes dastehen sah, ihn fragte: »Was ist dir widerfahren, o König der Zeit, daß ich dich hier halten sehe?« Der König versetzte: »Der Siegelring meines Königtums ist mir vom Finger hier an dieser Stelle in den Strom gefallen.« Da erwiderte der Derwisch: »Bekümmere dich nicht, o unser Herr.« Hierauf zog er aus seinem Busen einen Federkasten hervor und entnahm ihm etwas Bienenwachs, aus dem er die Gestalt eines Mannes formte, die er dann ins Wasser warf. Dann stand er da und sah zu, und siehe, 86 mit einem Male kam die Figur wieder aus dem Wasser heraus, mit dem Siegelring um ihren Hals, und sprang auf den Sattelknopf vor den Sultan. Der König wollte nun seinen Siegelring wieder nehmen, als die Gestalt zum Derwisch fortsprang, der den Ring in seine Hand nahm und die Gestalt rieb, worauf sie sofort wieder zu Wachs ward als zuvor. Alsdann steckte der Derwisch das Wachs wieder in seinen Federkasten und sprach zu dem Sultan: »Nun reite weiter.« Alles dies aber trug sich zu, während die Großen des Reiches dem Derwisch und seinem Treiben zuschauten, worauf die ganze Gesellschaft weiter ritt, bis sie zu den Gärten gelangten, wo sie abstiegen und sich setzten und miteinander zu plaudern begannen. Sie belustigten sich den Tag über und stiegen, als der Abend anbrach, wieder auf und kehrten heim, während der Derwisch sein Gemach, das ihm der König angewiesen hatte, aufsuchte. Dann aber versammelten sich die Großen des Reichs beim Sultan und sprachen zu ihm: »O König der Zeit, du mußt vor dem Derwisch scharf auf der Hut sein, da er, wenn er es wollte, jeden im Palast umbringen und nach deinem Tode die Herrschaft an sich reißen könnte.« Der König fragte: »Wieso?« Und sie erwiderten: »Es wäre ihm ein leichtes, Figuren aus Wachs zu machen und ihnen über dich und uns Gewalt zu geben, so daß sie uns umbringen, und er dir als Sultan folgt; dies würde ihm nicht im geringsten beschwerlich fallen.« Als der König diese Worte vernahm, erschrak er und rief: »Bei Gott, ihr sprecht die Wahrheit; dies ist ein rechtes Wort, das keinen Tadel verdient.« Alsdann fragte er: »Und wie sollen wir mit diesem Derwisch verfahren?« Sie erwiderten: »Laß ihn vor dich kommen und unverzüglich hinrichten; besser ist's, du tötest ihn, bevor er dich umbringt; und, wenn er zu dir spricht: »Ich will fortgehen und wiederkommen,« so laß ihn nicht fort.« Der Sultan verfuhr nach ihrem Rat und ließ den Derwisch vor sich bringen, worauf er zu ihm sprach: »O Derwisch, wisse, es ist meine Absicht und mein 87 Vorhaben, dich hinzurichten. Sag' mir deshalb, ob du irgend einen Auftrag deiner Familie zu übermitteln hast.« Der Gottesmann versetzte: »Weshalb wolltest du mich töten, o unser Herr, und welche Missethat habe ich denn begangen, daß du mich dafür umbringen willst? Teile mir mein Verbrechen mit, und, so ich den Tod verdiene, richte mich hin oder verhänge Verbannung über mich.« Der König entgegnete: »Ich muß dir unbedingt das Leben nehmen.« Hierauf versuchte der Derwisch ihn mit Worten zu besänftigen, doch gelang es ihm nicht; und, sobald er davon überzeugt war, daß der Sultan ihn nicht freigeben oder entlassen würde, erhob er sich und zog einen weiten Kreis in der Form einer Schlinge, etwa fünfzehn Ellen messend, auf den Boden, in den er einen andern kleinern zeichnete. Dann erhob er sich vor dem Sultan und sprach: »O König der Zeit, siehe, dieser größere Kreis ist die Herrschaft, die dir gehört, während der kleinere Kreis mein eigenes Reich darstellt.« Mit diesen Worten erhob er sich von seinem Platz und sprach, indem er in den kleineren Ring trat: »Wenn dein Reich, o König der Zeit, keinen Platz für mich hat, so will ich mein eigenes bewohnen;« und, sobald er den kleineren Kreis betreten hatte, entschwand er den Blicken der Anwesenden. Da rief der Sultan den Großen des Reiches zu: »Nehmt ihn fest.« Sie vermochten ihn jedoch nicht zu finden und kehrten, nachdem sie ihn vergeblich gesucht hatten, zurück und teilten dem Sultan mit, daß sie nichts von ihm gesehen hätten. Da sagte der Sultan: »Er befand sich neben mir auf diesem Platz und trat in den kleineren Kreis; sucht deshalb noch einmal nach ihm.« Wiewohl sie jedoch noch einmal fortgingen und nach ihm suchten, fanden sie keine Spur von ihm, so daß der Sultan Reue empfand und rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Fürwahr, wir haben uns in der Sache dieses Derwisches vergangen und hörten auf die Worte von Heuchlern, die uns in Kummer stürzten, indem wir ihren Worten, die 88 sie wider ihn vorbrachten, Gehör gaben. Jedoch will ich ihnen anthun, was sie mir anthaten.« Als sich dann die Großen des Reiches am nächsten Morgen im Diwan versammelten, befahl der Sultan diejenigen, die ihm den Tod des Derwisches angeraten hatten, niederzuhauen. und die einen von ihnen wurden hingerichtet, die andern aus dem Lande verbannt.

 


 

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