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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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El-Haddschâdsch bin Jûsuf und der junge Seihid.

Man erzählt, – doch Gott ist allwissend; – daß in alten Zeiten ein Mann, namens Abdallāh el-Karchī lebte, der folgende Geschichte zu erzählen pflegte: »Eines Tages war ich anwesend in der Versammlung des El-Haddschâdsch, des Sohnes des Jûsuf eth-Thakafī, als er Gouverneur von Kufa war, und die Leute ringsum saßen da oder lagen aus Respekt vor ihm auf dem Boden; es waren dies aber die Emire, die Wesire, die Vicegouverneure, Kämmerlinge, Großen des Reiches und Oberbefehlshaber, unter denen er wie ein reißender Löwe erschien. Und siehe, da kam ein Jüngling in zerlumpten Sachen und herabgekommenem Zustand zu ihm, ohne Blüte auf seinen Wangen, dessen Aussehen und Farbe die Zeit und Not verändert hatten. Er begrüßte den Gouverneur mit dem Salâm, wünschte ihm Gottes Schutz vor dem gesteinigten Satan und war voll Beredsamkeit in seiner Begrüßung, worauf der Gouverneur ihm seinen Gruß erwiderte und, ihn anblickend, fragte: »Wer bist du, junger 69 Mann, was hast du zu sagen, und welche Entschuldigung dafür vorzubringen, daß du in die Versammlung von Königen eindringst, als wärest du ein Flegel? Sag' mir, wer und wessen Sohn du bist.« Der Jüngling versetzte: »Ich bin der Sohn meines Vaters und meiner Mutter.« – »In welcher Weise bist du hierhergekommen?« – »In meinen Kleidern.« – »Woher bist du gekommen?« – »Von hinter mir.« – »Wohin willst du gehen?« – »Nach vor mir.« – »Worauf bist du hergekommen?« – »Auf dem Boden.« – »Woher bist du, junger Mann?« – »Ich bin von der Stadt MisrMisr oder Masr, Vulgärname Kairos. Misr, das hebräische Misrâjim, die beiden Misr, ist Ägypten. El-Haddschâdsch starb 714 und Kairo ward erst 968 erbaut..« – »Bist du aus Kairo?« –»Weshalb fragst du mich. Haddschâdsch?« – Da entgegnete der Gouverneur von Kufa: »Fürwahr, ihr Boden ist Gold, ihr Nil ist ein Wunder für den Beschauer, ihre Weiber sind ein fröhlich Spielzeug für den Eroberer, und ihre Männer sind weder Bürger noch Beduinen.« Der Jüngling versetzte: »Ich bin nicht von ihnen.« Nun fragte El-Haddschâdsch: »Woher bist du denn, o junger Mann?« – »Ich bin aus der Stadt Damaskus.« – »Alsdann bist du aus dem widerspenstigsten Ort und der schwächsten Rasse.« – »Weshalb, o Haddschâdsch?« – »Weil sie eine Mischbrut ist, weder Jude noch Christ.« – »Ich bin nicht von ihnen.« – »Woher bist du dann, junger Mann?« – »Ich bin aus Chorāsân im Adschamerland.« – »Dann bist du aus dem ekelhaftesten Ort und dem schwächlichsten Glauben.« – »Weshalb, o Haddschâdsch?« – »Weil Vieh- und Schafherden ihre Kameraden sind, und sie Adschamer von den Adschamern sind, von denen nie eine freie That kommt, deren Sitten und Moral sich niemand zu rühmen erkühnt, deren Rede grob und schwerfällig ist, und deren Reiche und Wohlhabende Knicker sind.« – »Ich bin nicht von ihnen.« – »Woher bist du dann, junger Mann?« – »Ich bin von Mossul.« – »Dann bist 70 du von der unreinsten und schmutzigsten Sodomiterrasse, deren Burschen Brüder Liederlich sind und deren Greise Eselsverstand haben.« – »Ich bin nicht von ihnen.« – »Woher bist du dann, junger Mann?« – »Ich bin aus dem Land El-Jemen.« – »Dann bist du nichts weniger als aus einem angenehmen Land.« – »Weshalb, o Haddschâdsch?« – »Weil ihre Edelsten von bartlosen Buben Weibesgebrauch machen und die Geringsten Häute gerben; die Niedrigsten unter ihnen lehren Affen tanzen, und andre sind Weber von wollenen Tüchern.« – »Ich bin nicht von ihnen.« – »Woher bist du dann, junger Mann?« – »Ich bin von Mekka.« – »Dann bist du aus einer Mine krittelnder Tadelsucht und Unwissenheit, von Dummköpfen und Siebenschläfern, zu denen Gott einen edlen Propheten entsandte, den sie belogen und verwarfen, weshalb er sie verließ und sich zu einem Volk begab, das ihn liebte und ehrte und ihn zu einem Eroberer machte den mekkanischen Wichten zum Trotz.« – »Ich bin nicht von ihnen.« – »Woher bist du dann, junger Mann? Fürwahr, du hast lange genug geschwatzt, und mich verlangt dir den Kopf abzuhauen.« Da versetzte der Jüngling: »Wenn ich wüßte du könntest mir das Leben nehmen, so hätte ich keinen andern Gott als dich angebetet.« El-Haddschâdsch entgegnete: »Weh' dir, und wer sollte mich hindern dich zu töten?« Der Jüngling erwiderte: »Weh' über dich selber in vollstem Maß! Er, der zwischen den Menschen und sein Herz kommt, und der sein Wort nicht Lügen straft, soll dich an meinem Mord hindern.« El-Haddschâdsch versetzte: »Er ist's gerade, der mir deinen Tod befiehlt.« Der Jüngling antwortete jedoch: »Gott soll hüten, daß er dich zu meinem Tod antreibt! Nein, vielmehr treibt dich der Teufel hierzu an, und ich nehme meine Zuflucht zum Herrn vor dem gesteinigten Satan.« – »Woher bist du dann, junger Mann? – »Ich bin aus Jathrib.« – »Und was ist Jathrib?« – »Es ist Tajjibe.« – »Und was ist Tajjibe?« – »El-Medîna, die Erleuchtete, die Mine von Offenbarung, Erklärung, 71 Verwahrung und Gewährung; und ich bin der Same der Banū Ghâlib und der reinste Sproß des Imâms Alī ibn Abū Tâlib, – Gott ehre sein Angesicht und nehme ihn an! – und jeglicher Rang und Stammbaum erblassen vor meinem Stammbaum und Rang, der nimmer vertilgt sein soll bis zum Tag des Gerichts.« Da raste El-Haddschâdsch in wildestem Grimm und befahl den Jüngling hinzurichten; nun aber erhoben sich die Herren des Reiches und Häuptlinge und legten sich bittend ins Mittel, indem sie ihm ihre Nacken hinhielten und sprachen: »Hier ist unser Haupt vor seinem Haupt und unser Leben vor seinem Leben. Bei Gott, o Emir, du mußt unsre Fürsprache in Sachen dieses Jünglings annehmen, denn er verdient keineswegs den Tod.« Der Gouverneur versetzte jedoch: »Gebt euch keine Mühe, denn ich muß ihn hinrichten lassen; ja, würde selbst ein Engel vom Himmel rufen: »Töte ihn nicht,« so würde ich nimmer auf seinen Ruf hören.« Da sagte der Jüngling: »Du sollst zu Schanden werden, o Haddschâdsch! Wer bist du, daß ein Engel vom Himmel zu dir rufen sollte: »Töte ihn nicht«? Denn du gehörst zu den gemeinsten und erbärmlichsten Menschen und hast keine Kraft einen Weg zu meinem Tod zu finden.« Nun rief El-Haddschâdsch: »Bei Gott, ich will dich allein unter einer Bedingung töten, die ich dir stelle, und will dich durch deine eigenen Worte überführen.« Der Jüngling fragte: »Was ist's, Haddschâdsch?« Der Gouverneur erwiderte: »Ich will dich jetzt fragen, und aus deinem eigenen Mund will ich dich überführen und dir das Haupt abschlagen. Sag' an, junger Mann, wodurch nähert sich der Diener Gott, dem Erhabenen?« – »Durch fünf Dinge, Gebet, Fasten, Almosen, Pilgerfahrt und den heiligen Krieg in Gottes Weg.« – »Ich aber nähere mich dem Herrn durch das Blut der Leute, die da sagen, daß Hasan und Husein die Söhne und Nachfolger des Gesandten Gottes waren.Hasan und Husein, die Söhne Alīs, des Neffen und Schwiegersohnes Mohammeds, fielen im Kampf gegen die Omejjaden; die Schiiten sehen in ihnen die echten Nachfolger Mohammeds. Ferner, o junger 72 Mann, wie können sie von den Gesandten Gottes, des Erhabenen, geboren sein, wenn er spricht: »Nimmer war Mohammed der Vater eines Menschen unter euch, denn er war der Gesandte Gottes und das Siegel der Propheten?«Sure 33, 40. – »Vernimm, o Haddschâdsch meine Antwort in einem andern Koranvers: »Was euch der Gesandte gegeben, das nehmt; was er euch verwehrt hat, das verweigert.«Sure 59, 14. Nun aber hat Gott, der Erhabene, verboten das Leben zu nehmen, dessen Vernichtung deshalb ungesetzlich ist.« – »Du hast wahr gesprochen, junger Mann; nun aber sag' mir, was dir an jedem Tag und in jeder Nacht obliegt.« – »Die fünf kanonischen Gebete.« – »Und für jedes Jahr?« – »Das Fasten im Monat Ramadân.« – »Und für dein ganzes Leben?« – »Eine Pilgerfahrt zum heiligen Gotteshaus.« – »Du hast wahr gesprochen, junger Mann; nun aber sag' mir, wer der ausgezeichnetste Araber ist, der edelste und reinste von Geblüt.« – »Der Stamm Koreisch.« – »Und weshalb?« – »Weil ihm die Propheten entstammten.« – »Welcher Stamm der Araber ist der ritterlichste, der tapferste und beste im Gefecht?« – »Die Banū Hâschim.« – »Und weshalb?« – »Weil mein Großvater der Imâm Alī ibn Abū Tâlib von ihnen ist.« – »Und wer sind die großmütigsten der Araber und die getreuesten Ausüber des Gastrechts?« – »Die Banū Teij.« – »Und weshalb?« – »Weil Hâtim vom Stamme Teij war.« – »Und welches sind die gemeinsten, die elendesten und erbärmlichsten der Araber, in denen Gutes am geringsten und Übles am größesten ist?« – »Die Banū Thakîf.« – »Und weshalb?« – »Weil du, o Haddschâdsch, von ihnen bist.« Da ergrimmte der Gouverneur von Kufa in gewaltigstem Grimm und befahl des Jünglings Hinrichtung; jedoch erhoben sich die Großen des Reiches und flehten um Gnade, so daß er ihre Vermittelung annahm und ihm verzieh. Darauf fragte er den 73 Jüngling: »Ist der Steinbock am Firmament männlich oder weiblich?« Er gedachte ihn nämlich durch diese Frage still zu bekommen. Der junge Seijid versetzte jedoch: »O Haddschâdsch, zieh' seinen Schwanz beiseite, daß ich dir hierüber Auskunft geben kann.« – »O junger Mann, sag' an, von welcher Weide wachsen am besten die Hörner des Kamels?« – »Von den Blättern der Steine.« – »Du Dummkopf, tragen Steine Blätter?« – »Du Lippengeschwollner und Witz- und Weisheitsloser, sag' mir, haben Kamele Hörner?« – »Vielleicht bist du ein zärtlicher Liebhaber?« – »Jawohl, ich bin versunken in Liebe.« – »Und wen liebst du?« – »Ich liebe meinen Herrn, zu dem ich hoffe, daß er mein Leid in Freude verwandeln wird, und der mich heutigestags von dir erretten kann, o Haddschâdsch.« –»Und kennst du den Herrn?« – »Ja, ich kenne ihn.« – »Und wodurch hast du ihn erkannt?« – »Durch sein Buch, das auf seinen Propheten und Gesandten herniederkam.« – »Und weißt du den Koran auswendig?« – »Fliegt mir etwa der Koran fort, daß ich ihn auswendig lernen sollte?« – »Hast du fest gegründete Kenntnis von ihm?« – »Fürwahr, Gott sandte ein festgegründetes Buch nieder.« – »Hast du gelesen und begriffen, was in ihm steht?« – »Ja.« – »Alsdann, o Jüngling, wenn du seinen Inhalt gelesen und gelernt hast, dann sag' mir, welcher Vers der erhabenste, welches der gebieterischste, welches der hoffnungsreichste und welches der schrecklichste ist; welcher Vers von den Juden und Nazarenern geglaubt wird, in welchem Verse Gott von sich selber spricht, in welchem Verse die Engel erwähnt werden, welcher Vers auf die Propheten anspielt, in welchem Verse das Volk des Paradieses genannt wird, welcher Vers vom Volk des höllischen Feuers handelt, welcher Vers zehnfältige Zeichen enthält, und welcher Vers endlich von Iblîs – Gott verfluche ihn! – spricht.« Der Jüngling erwiderte: »Höre auf meine Antwort, Haddschâdsch, mit Hilfe des allgütigen Königs. Der erhabenste Vers im Buch Gottes, des Erhabenen, ist der 74 ThronversSure 2, 256.; der gebieterischste Vers ist das Wort Gottes, des Erhabenen: Fürwahr, Gott gebietet Gerechtigkeit und Gutesthun und Almosen gegen AnverwandteSure 16, 92.; der gerechteste ist das Wort des Allmächtigen: Wer nur ein Gewicht von einem Sonnenstäubchen guter Werke gethan hat, soll es wiedersehen, und wer ein Sonnenstäubchen Böses gethan hat, soll es wiedersehen.Sure 99, 7, 8. Der schrecklichste Vers, von Gott gesprochen, ist der: Wünscht vielleicht jeder von ihnen in einen Garten der Wonnen zu treten?Sure 70, 38. Der hoffnungsvollste ist das Wort des Allmächtigen: Sprich: O ihr meine Diener, die ihr euch gegen eure Seelen versündigtet, verzweifelt nicht an Gottes Barmherzigkeit.Sure 39, 54. Der Vers, welcher zehnfältige Zeichen enthält, ist das Wort Gottes: Fürwahr, in der Schöpfung des Himmels und der Erde, in den Wechseln von Tag und Nacht, in den Schiffen, die über die See ziehen, mit allem, was den Menschen nützlich ist, in dem Regen, den Gott vom Himmel herabsendet, durch den er der Erde Leben giebt nach dem Tode, durch Zerstreuung aller beweglichen Geschöpfe über dieselbe, in dem Wechsel der Winde und in den Wolken, die erschaffen sind zu dienen zwischen den Himmeln und der Erde, sind Zeichen für die Verständigen.Sure 2,159. Der Vers, an den beide, Juden sowohl wie Nazarener, glauben, ist das Wort Gottes, des Erhabenen: Die Juden sagen, die Nazarener haben keine Gründe, und die Nazarener sagen, die Juden haben keine Gründe, und beide sprechen die Wahrheit, denn beide haben keine Gründe.Sure 2, 107. Der Vers, in welchem Gott, der Erhabene, von sich selber spricht, ist das Wort Gottes, des Erhabenen: Und ich erschuf die Dschinn und Menschen allein zu dem Zweck, daß sie mich anbeteten.Sure 51, 56. Der Vers, in dem die Engel erwähnt werden, ist das Wort Gottes, des Erhabenen, das da lautet: Preis dir, wir haben allein Kenntnis von 75 dem, was du uns zu wissen gegeben hast, und, fürwahr, du bist der Allwissende, Allweise.Sure 2, 30. Der Vers, welcher von den Propheten handelt, ist das Wort Gottes, des Erhabenen, das da lautet: Und wir haben schon vor dir Gesandte geschickt; von einigen haben wir dir gesagt, von andern aber nicht; jedoch hat kein Gesandter die Macht mit einem Zeichen zu kommen, es sei denn mit Gottes Erlaubnis. Wenn aber Gottes Befehl kommt, soll alles in Wahrheit entschieden werden; und dann kommen diejenigen um, die es als ein nichtig Ding ansehen.Sure 40, 78. Der Vers, in dem Gott von dem Volk des Feuers spricht, ist das Wort Gottes, des Erhabenen, das da lautet: O unser Herr, bring' uns von hier (dem Feuer) fort, und, wenn wir wiederum sündigen, so werden wir in der That zu den Missethätern gehören.Sure 23, 108. Der Vers, der vom Volk des Paradieses handelt, ist das Wort Gottes, des Erhabenen: Und sie werden sprechen: Preis dem Herrn, der uns allen Sorgen entnommen hat! Wahrlich, unser Herr ist der Gütige, Gnädige.Sure 35, 31. Der Vers endlich, welcher von Iblîs – Gott verfluche ihn! – spricht, ist das Wort Gottes, des Erhabenen: Er sprach: Ich schwöre bei deiner Macht, ich werde sie alle verführen.«Sure 38, 54. Da rief El-Haddschâdsch: »Preis dem Herrn und Dank ihm, der da Weisheit giebt, wem er will! Nie sah ich einen Jüngling wie diesen, dem der Allmächtige Verstand, Weisheit und Wissen bei all der Zartheit seines Alters verlieh. Jedoch, sag' mir, o Jüngling, wer du bist.« Der Jüngling versetzte: »Ich bin vom Volk So.« Nun fragte der Gouverneur weiter: »Gieb mir Auskunft, was dem Menschen Schaden und Nutzen bringt.« Der Jüngling erwiderte: »Ich will's thun, o Haddschâdsch; du und die Anwesenden hier, die lange leben möchten, – doch keiner lebt ewig als allein Gott, der Erhabene, – brecht früh das Fasten und speiset nicht allzu spät zur Nacht; tragt leichte Leibeskleidung im Sommer und schwere Kopfkleidung 76 im Winter, sorgt für das Hirn, mit dem, was es erhält, und den Bauch mit dem, was ihn bewahrt, und beginnt jedes Mahl mit Salz, denn es vertreibt zweiundsiebzig Krankheiten; und, wer sein Fasten täglich mit sieben Rosinen von roter Farbe bricht, wird nie in seinem Körper etwas, das ihn quält, finden. Außerdem, wer an jedem Morgen auf den SpeichelD. h. auf nüchternen Magen. drei reife Datteln ißt, in dessen Leib kommen alle Würmer um, und wer zu viel gedörrtes Fleisch und Fische ißt, dessen Kraft wird schwach und seine Stärke zum fleischlichen Umgang läßt nach. Ebenso hüte dich Rindfleisch zu essen, da es Krankheit erzeugt, während saure Kuhmilch ein sicheres Heilmittel und zerlassene Butter eine perfekte Medizin ist; jedoch dient Rindshaut zum Gebrauch. Ferner laß deinen Siegelring aus Karneol gemacht sein, da dieser Stein ein Schutz gegen Armut ist; ebenso mehrt ein Blick an jedem Morgen nach dem heiligen Buch dein täglich Brot, ein Blick nach fließendem Wasser feuchtet das Gesicht, und ein Blick nach dem Antlitz von Kindern ist ein Akt der Anbetung. Und so du deinen Weg verlierst, so rufe Gott um Schutz an wider den gesteinigten Satan.« Hierauf sprach El-Haddschâdsch zum Jüngling: »Gott hat dich reich begabt, o junger Mann, denn du hast mich in die Tiefen deines Wissens versenkt; jetzt aber gieb mir Auskunft, welches ist der Sitz deines würdevollen Benehmens?« – »Die beiden Augen.« – »Wo ist der Sitz deines Gutesthuns?« –»Meine Zunge.« – »Wo ist der Sitz deines Verstandes?« – »Mein Hirn.« – »Wo ist der Sitz deines Gehörs?« – »Das Sensorium meiner Ohren.« – »Wo ist der Sitz deines Geruchs?« – »Das Sensorium meiner Nase.« – »Wo ist der Sitz deines Geschmacks?« – »Mein Gaumen.« – »Wo ist der Sitz deiner Fröhlichkeit?« – »Mein Herz.« – »Wo ist der Sitz deines Kummers?« – »Meine Seele.« – »Wo ist der Sitz deines Zorns?« – »Meine Leber.« – »Wo ist der 77 Sitz deines Lachens?« – »Meine Milz.« – »Und wo ist der Sitz deiner Körperstärke?« – »Meine beiden Schultern.« – »Wo ist der Sitz deiner Schwäche?« – »Meine zwei Waden.« Da rief El-Haddschâdsch: »Preis sei dem Herrn und Dank! Denn in der That, o junger Mann, ich sehe, daß du alles weißt. So sag' mir noch etwas über Landwirtschaft.« – »Das beste Getreide ist das, welches die dicksten Kolben, die schwersten Körner und die vollsten Garben giebt.« – »Was weißt du über die Palmbäume zu sagen?« – »Der beste ist der, welcher die größte Lese giebt, der nicht hoch gewachsen ist, und dessen Früchte das meiste Fleisch und die kleinsten Kerne haben.« – »Was weißt du über den Weinstock zu sagen?« – »Der edelste ist der, der den stärksten Stamm und die größten Trauben giebt.« – »Was sagst du über die Himmel?« – »Sie sind der fernste Bereich des menschlichen Auges, und darinnen wohnen Sonne, Mond und alle die leuchtenden Sterne, ohne Säulen hochgehoben und überschattend die Mengen, die unter ihrer Höhe stehen.« – »Was weißt du über die Erde zu sagen?« – »Sie ist weit in der Länge und Breite.« – »Was weißt du vom Regen zu sagen?« –»Der trefflichste ist der, der die Gruben und Teiche füllt und in die Wadis und Flüsse läuft.« Hierauf sagte El-Haddschâdsch: »O junger Mann, nun sag' mir, welches das beste und genußreichste Weib ist?« – »Ein Weib, ausgezeichnet durch gewinnendes Wesen, von überstrahlender Anmut und tötender Rede; deren Stirn dem wunderbar leuchtend glänzt, der seine Augen mit ihrem Anblick erfüllt, und dem sie Leid und Freude erweckt. Ein Weib mit kleinen Brüsten und schwerem Gesäß, mit rosenroten Wangen, tiefschwarzen Augen und vollen Lippen; ein Weib, das mit ihrem Blick zu den Himmeln die Felsen selbst mit Grün kleidet, und bei ihrem Blick zur Erde von den Lippen jungfräuliche Perlen regnen läßt; deren Mundesseim süßer ist als das süßeste Wasser, die ohnegleichen an Schönheit und unvergleichbar an Lieblichkeit ist, und der Augentrost für Groß und Klein.« 78 El-Haddschâdsch versetzte: »Du hast gut gesprochen und schön geredet, o junger Mann; was kannst du nun von einem Mädchen von zehn Jahren sagen?« – »Es ist eine Augenfreude.« – »Und ein Mädchen von zwanzig?« –»Ein Augentrost für alle.« – »Und eine Frau von dreißig?« – »Eine, die das Herz zum Genuß erregt.« – »Und eine Frau von vierzig Jahren?« – »Sie erscheint fett, frisch und hübsch.« – »Und von fünfzig?« – »Die Mutter einer Menge Buben und Mädchen.« – »Eine Alte von sechzig?« – »Männer fragen nach ihr nicht mehr.« – »Und von siebzig?« – »Eine alte Trottel und ein menschlicher Überrest.« – »Und eine, die achtzig Jahre erreicht hat?« – »Für die Welt ungeeignet und für den Glauben verloren.« – »Und eine von neunzig?« – »Frag' nicht nach den Bewohnern der Hölle Dschahîm.« – »Und ein Weib von hundert Jahren?« – »Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan.« Da lachte Haddschâdsch samt allen in der Versammlung Anwesenden laut, worauf er weiter fragte und sprach: »O Jüngling, gieb mir Auskunft über den ersten Mann, der in Versen sprach?« – »Das war unser aller Vater Adam, – Frieden sei auf ihm! – Als Kain seinen Bruder Abel erschlug, sprach unser Ahnvater die Verse:

»Verwandelt schau ich mein Land und alles darinnen,
Und schwarz und häßlich ward nun die Erde.
Der Duft und die Farbe der Speise wich,
Und die Freude floh ersterbend vom schönen Gesicht.
Wenn du, o Abel, heute erschlagen wardst,
So beklag' ich deinen Tod zerrissenen Herzens und allein.
Diese Augen weinen und haben ein Recht zu weinen;
Wie Bäche, die von Hügeln strömen, fließen meine Thränen.
Kain erschlug den Abel, schlug seinen Bruder tot,
Weh um das schöne Antlitz, o weh!«

Nunfragte El-Haddschâdsch: »Und was, o junger Mann, veranlaßte unsern Ahnvater zu Versen?« Der Jüngling erwiderte: »Er ward durch Iblîs – Gott verfluche ihn! – zu Versen angetrieben, als dieser die Verse sprach: 79

Du bejammerst das Land und alles darinnen,
Und Edens Hauch genossest du dürftig nur.
Dort warst du umgeben von jeglichem Lebensgut,
Und konntest ewig in Ruhe wohnen.
Doch meine List und Tücke rastete nicht,
Bis du der Sünde verfielst.«

Hierauf sagte El-Haddschâdsch: »O junger Mann, nenn' mir den ersten Vers, der von Arabern zum Preis der Freigebigkeit gesprochen ward.« Der Jüngling versetzte: »O Haddschâdsch, das erste mir bekannte arabische Distichon ward von Hâtim vom Stamme Teij gesprochen, und es lautet folgendermaßen:

»Den Gast begrüß' ich, ehe er von mir geht,
Vor Weib und Kindern in Wohl und Weh.«

Da rief El-Haddschâdsch: »Du hast gut gesprochen und schön geredet, junger Mann, und wir sind in deiner Schuld, da du uns in die Tiefen deines Wissens versenkt hast.« Hierauf wendete sich der Gouverneur von Kufa zu einem seiner Eunuchen und sagte: »Bring' mir sofort eine Börse mit zehntausend Dirhem auf einem Präsentierteller aus rotem Gold, einen meiner kostbarsten Anzüge, eine Stute von meinen edelsten Rossen mit einem Sattel aus Gold, einem kurzen Panzer und einer Lanze von voller Länge, und eine meiner schönsten Sklavinnen.« Der Diener verschwand, und, als er nach einer Weile alles vor El-Haddschâdsch brachte, sprach dieser: »Junger Mann, dies ist meine schönste Sklavin, das ist eine volle Börse auf goldenem Präsentierteller, und dort die Stute ist an Geblüt mein edelstes Roß mit seinem Reitzeug. Wähle, was du begehrst, sei es die Stute mit allem Zubehör oder die Börse mit Gold oder das Mädchen.« Er sprach dies aber, indem er bei sich dachte: »Wenn der junge Mann die Börse wählt, so beweist er, daß er die Welt liebt, und ich will ihn töten; ebenso, wenn er das Mädchen erwählt, gelüstet ihn nach den Weibern, und ich lasse ihn hinrichten. Nimmt er jedoch die Stute mit ihrer 80 Ausrüstung, so erweist er sich als ein wackerer Degen und verdient nicht den Tod von meiner Hand.« Wiewohl nun das Mädchen dem jungen Seijid mit den Augen zuwinkte, als wollte sie sagen: »Wähle mich und laß das andre fahren,« trat er heran und erwählte die Stute mit ihrem Zubehör. Da rief El-Haddschâdsch: »Junger Mann, nimm alles und Gott gesegne dir's nicht!« Der Jüngling erwiderte: »Her damit, Haddschâdsch! Da du es mir schenkst, will ich mich dem Befehl Gottes nicht widersetzen, jedoch giebt es ein andermal keine Vereinigung zwischen uns beiden wie heute.« Nun hatte die Stadt des El-Haddschâdsch zwei Thore, das Thor der Vernichtung und das Thor der Rettung, und so fragte ihn der Jüngling: »Haddschâdsch, soll ich durch dieses oder jenes Thor zur Stadt hinausziehen?« Der Gouverneur von Kufa erwiderte: »Geh zu diesem Thor hinaus,« und zeigte ihm das Thor der Rettung, worauf der Jüngling mit allen Geschenken zum Thor hinauszog und nicht mehr gesehen ward. Hierauf sagten die Großen des Reiches zu El-Haddschâdsch: »O unser Herr, wie gabst du ihm diese Geschenke, ohne daß er dir dafür dankte, und zeigtest ihm das Thor der Rettung?« El-Haddschâdsch versetzte: »Fürwahr, der Jüngling verlangte Zurechtweisung von mir, und der Zurechtweiser soll aufrichtig sein und kein Verräter, – Gottes Fluch über den Verräter! – Dieser Jüngling verdient wegen seiner Kenntnisse nichts als Gnade.«

 


 

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