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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Geschichte der Liebenden aus Syrien.

In alten Zeiten und längstentschwundenen Tagen lebten im Lande Syrien zwei Brüder, von denen der eine reich und der andre arm war. Nun hatte der reiche Mann eine liebliche Tochter, während der arme Mann einen Sohn hatte, der, sobald er sein zehntes Jahr erreicht hatte, sein Herz an seine Base hängte. Zu jener Zeit aber starb sein Vater, der Arme, und er hinterblieb als Waise ohne etwas von den Gütern dieser Welt; seine Base liebte ihn jedoch über die Maßen und schickte ihm von Zeit zu Zeit etwas Geld, und dies dauerte, bis beide ihr vierzehntes Jahr erreicht hatten. Da der Jüngling die Tochter seines Oheims zu heiraten 57 gedachte, schickte er eine Anzahl seiner Freunde zu ihrem Haus, um seine Bewerbung zu betreiben, jedoch wies sie ihr Vater ab, so daß sie unverrichteter Sache zurückkehrten. Am nächsten Tage traf eine Gesellschaft wohlhabender Leute ein und hielt um das Mädchen an, und sie einigten sich über die Bedingungen, und die Hochzeit ward ausgemacht. Als aber das Mädchen hiervon Kunde erhielt, geduldete es sich bis Mitternacht, worauf es sich erhob und den Sohn ihres Oheims aufsuchte, indem sie zweitausend Dinare von ihres Vaters Gut zu sich nahm. Auf ihr leises Pochen an der Thür fuhr der Jüngling aus dem Schlaf empor und ging hinaus, wo er seine Base mit einer Maultierstute und einem Esel an der Hand fand. Da bestiegen beide ein Tier und ritten den Rest der Nacht über bis zum Tagesanbruch, worauf sie abstiegen, um zu trinken, und sich, vor Furcht gesehen zu werden, bis zur nächsten Nacht verbargen. Dann ritten sie wieder zwei Tage hintereinander weiter, bis sie am Ende des zweiten Tages zu einer am Meeresgestade gelegenen Stadt gelangten. Da sie hier ein zur Fahrt ausgerüstetes Schiff antrafen, begaben sie sich zum Kapitän und mieteten sich einen Platz, worauf der Jüngling für eine kurze Weile fortging den Esel und die Maultierstute zu verkaufen. Inzwischen aber segelte das Schiff mit seiner Base ab, den Jüngling am Strand zurücklassend, und segelte Tag für Tag zehn Tage lang, bis es seinen Bestimmungshafen erreichte, wo es Anker warf. Als nun der Jüngling die Tiere verkauft hatte und zum Schiff zurückkehrte, ohne es zu finden, erkundigte er sich nach ihm, und man sagte ihm, es wäre in See gegangen. Wie er dies vernahm, ward er bestürzt und niedergeschlagen, und kehrte sich, ohne zu wissen, wohin er gehen sollte, schwer betrübt, landeinwärts.

Als nun aber das Schiff in jenem Hafen geankert hatte, sagte das Mädchen zum Kapitän: »O Kapitän, geh' an den Strand und hol uns eine Portion Fleisch und frisches Brot.« Der Kapitän versetzte: »Ich höre und gehorche,« und machte 58 sich sofort zur Stadt auf. Sobald er sich jedoch fern vom Schiff befand, erhob sie sich und legte Mannskleidung an, worauf sie den Matrosen befahl: »Lichtet die Anker und spannt die Segel aus;« und sie rief ihnen nach Seemannsbrauch zu. Da thaten sie nach ihrem Geheiß, und, da der Wind günstig und das Wetter schön war, kamen sie, noch ehe eine Stunde verstrichen war, außer Sicht des Landes. Wie nun der Kapitän mit dem Brot und Fleisch zurückkam und keine Spur vom Schiff sah, erkundigte er sich nach ihm, und die Leute antworteten: »Es ist abgesegelt.« Bestürzt hierüber schlug er Hand wider Hand und rief: »O mein Gut und das Gut der Leute!« und er bereute, wo die Reue zu spät war. Dann kehrte er wieder zur Stadt zurück, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte, und wanderte umher, wie blind und taub über den Verlust seines Schiffes. Das Schiff aber segelte mit allen, die sich an Bord befanden weiter, bis es bei einer Königsresidenz Anker auswarf, worauf das Mädchen sich, ehe es noch recht befestigt war, erhob und, nachdem sie ihren kostbarsten Anzug und Schmuck angelegt hatte, Geld unter die Mannschaft austeilte, indem sie zu den Leuten sprach: »Wappnet eure Herzen und hegt in keiner Weise Furcht.« Bald hatte auch den König die Nachricht von der Ankunft eines Schiffes erreicht, und er befahl seinen Leuten ihm über dasselbe Auskunft zu bringen. Da machten sich dieselben auf und stiegen an Bord, als sie fanden, daß der Kapitän ein Mädchen von jungfräulicher Erscheinung und über die Maßen schön und lieblich war. Sie kehrten nun wieder um und berichteten es dem König, der Boten aussendete und sie aufforderte, bei ihm zu wohnen, da sie sie und ihre übermäßige Anmut hoch gerühmt hatten; und er sprach bei sich: »Bei Gott, wenn sie sich so erweist, als sie sie beschreiben, so muß ich sie heiraten.« Das Mädchen ließ ihm jedoch sagen: »Ich bin eine reine Maid und mag nicht allein ans Land steigen; sende mir daher vierzig Mädchen, Jungfrauen wie ich, mit denen ich das Schiff verlassen will.« 59 Der König erwiderte: »Sie hat recht,« und befahl seiner Umgebung, Hoch und Gering, daß jeder, der in seinem Hause eine jungfräuliche Tochter hätte, sie ihm bringen sollte, die Tochter des Wesirs mit eingeschlossen, bis die Zahl von vierzig voll wäre. Alsdann schickte er alle an Bord, wo das Mädchen gerade im Begriff war, sich zum Abendessen zu setzen. Sobald die Mädchen ankamen, empfing sie dieselben in ihrem feinsten Aufzug, von denen keine einzige schöner als sie selber war, und lud sie in die Kajüte ein, wo sie ihnen Speise vorsetzen ließ; und sie aßen und waren fröhlich und guter Dinge, worauf sie sich setzten und plauderten, bis es Mitternacht geworden war. Als nun die Mädchen, von Müdigkeit überkommen, sich in ihre Kojen zurückgezogen hatten und tief in Schlaf versunken dalagen, erhob sie sich sacht und weckte die Matrosen, worauf sie ihnen befahl die Vertäuungen zu lösen und die Segel auszuspannen; und ehe noch der Morgen anbrach, hatten sie bereits eine große Strecke Wegs zurückgelegt. Als nun die Mädchen erwachten und sich an Bord des Schiffes mitten auf hoher See vorfanden, stellten sie die Kapitänin zur Rede, und sie antwortete ihnen: »Fürchtet nicht für euch und für die Fahrt, die ihr macht.« Alsdann redete sie ihnen freundlich zu und tröstete sie, bis ihre Herzen sich wieder beruhigt hatten.

Was nun aber den König anlangt, so schickte er am nächsten Morgen zum Schiff einen Befehl für das Mädchen mit den vierzig Jungfern ans Land zu kommen; da sie es jedoch nicht fanden, kehrten sie zurück und berichteten es ihrem Herrn, der dazu sagte: »Bei Gott, das ist eine That, die sie allein ausführen konnte!« Alsdann erhob er sich ohne Aufschub und Verzug und nahm den Wesir mit sich, worauf sich beide in Verkleidung zum Strand begaben und sich umschauten, ohne zu sehen, was aus ihnen geworden war. Das Schiff aber segelte mit den Mädchen weiter, bis es zu einem Hafen bei einer unbewohnten Ruinenstadt gelangte, wo die Mannschaft Anker warf und die Segel einzog, als mit einem 60 Male eine Schar von vierzig Räubern, stets zur Wegelagerei und zum Freundesverrat bereit, an Bord kletterte und hocherfreut rief: »Wir wollen die ganze Besatzung erschlagen und alles, was wir finden, als Beute fortschleppen.« Als sie aber vor dem Mädchen erschienen und ihre Absicht ausführen wollten. hieß sie sie willkommen und sagte zu ihnen: »Kehrt an den Strand zurück; wir sind vierzig Mädchen und ihr seid vierzig Männer, so daß auf jeden von euch ein Mädchen kommt, während ich euerm Scheich gehören will, denn ich bin die Kapitänin.« Als sie dies vernahmen, freuten sie sich und sprachen: »Bei Gott, unsre Nacht soll durch euer Kommen eine gesegnete sein!« Sie aber fragte nun die Räuber: »Habt ihr Schafe bei euch?« Als sie es bejahten, sagte sie: »So schlachtet einige zum Abendessen und bringt das Fleisch, damit wir es für euch kochen können.« Infolgedessen ging ein Trupp von den Räubern fort und brachte zehn Lämmer, die sie schlachteten, abzogen und mürbe machten. Dann schlugen das Mädchen und die andern, die bei ihr waren, ihre Ärmel zurück und hingen ihre Kessel auf, worauf sie das Fleisch in der zartesten Weise kochten; und als es fertig war, trugen sie die Tische auf, und die Räuber traten allesamt herzu und aßen und wuschen sich die Hände und sprachen allzumal in heiterster Stimmung: »Diese Nacht will ich mir ein Mädchen nehmen.« Schließlich brachte sie ihnen Kaffee, jedoch war er kaum in ihren Magen gekommen, da fielen die vierzig Räuber auf den Boden; sie hatte nämlich fliegenden Bendsch hinein gethan, so daß alle, die davon getrunken hatten, Toten glichen. Alsdann erhob sich das Mädchen unverzüglich und schnitt ihnen mit einem scharfen Schwert die Köpfe ab, die sie ins Meer warf, bis sie zum Räuberscheich gelangte, dem sie nur den Bart schor und die Augenzähne ausriß, worauf sie der Mannschaft befahl, ihn an den Strand zu werfen. Nachdem sie ihren Befehl ausgeführt hatten, ließ sie alles Gut der Schurken aufs Schiff schaffen und verteilte die Beute unter die Matrosen. Dann befahl sie ihnen, die Anker wieder 61 zu lichten und die Segel auszuspannen. So verließen sie die Ruinenstadt und steuerten hinaus auf die hohe See, bis sie nach einer Reihe von Tagen über die wellenbrandende Flut vom Schicksal zu einer Stadt getrieben wurden. Nachdem sie auf dem Ankerplatz beigelegt hatten, erhob sich das Mädchen und legte Mamlukentracht an, worauf sie, nachdem sie die vierzig Jungfern in dieselbe Tracht gekleidet hatte, mit ihnen an den Strand stieg und dort umherspazierte; und sie glichen alle Gartenblumen. Als sie die Straßen betraten, fanden sie alle Leute bekümmert, so daß sie einen danach befragten, worauf er antwortete: »Der Sultan dieser Stadt ist gestorben, und das Reich hat keinen Herrscher.« An jenem Ort aber befand sich unter der Hand des Wesirs ein Vogel, den sie zu gewissen Zeiten losließen; schweifte er dann umher und ließ sich auf irgend jemandes Haupt nieder, so gaben sie dem Betreffenden das Sultanat. Nach dem Ratschluß Gottes traf es sich nun, daß sie gerade zu derselben Stunde, als das Mädchen ans Land stieg, den Vogel hoch in die Luft warfen, und so schwebte er über ihr und ließ sich auf ihr Haupt nieder, wiewohl sie in Mamlukentracht war, so daß das Stadtvolk und die Großen des Reiches riefen: »Seltsam, überaus seltsam!« Dann verscheuchten sie den Vogel von dem Platz, auf den er sich gesetzt hatte, und ließen ihn am nächsten Tage wieder zu derselben Zeit los, als das Mädchen das Schiff verlassen hatte, worauf er noch einmal kam und sich auf ihr Haupt setzte. Sie scheuchten ihn fort, mit dem Ruf: »Sonderbar! Sonderbar!« aber so oft sie ihn von ihrem Haupt forttrieben, kehrte er wieder zu ihm zurück und ließ sich dort nieder, so daß der Wesir schließlich sagte: »'s ist wunderbar, jedoch hat Gott, der Erhabene, dies gethan, und keiner soll sich dem, was er thut, widersetzen und soll verschmähen, was er verhängt.« Und so gab er ihr das Sultanat zugleich mit dem Siegelring der Herrschaft und dem Turban des Befehls, und sie setzten sie auf den Thron des Königreiches. Hierauf begann sie den vierzig Jungfern, 62 die noch immer als Mamluken gekleidet waren, Befehl zu erteilen, und sie dienten dem Sultan, bis der Wesir eines Tages vor ihm erschien und zu ihm sprach: »O König der Zeit, ich habe eine Tochter, ein Bild von Schönheit und Anmut, und ich möchte sie gern mit dir vermählen, da ein Mann wie du nicht ledig bleiben sollte.« Der König versetzte: »Thu', was du willst, und Gott gesegne dein Vorhaben!« Da machte sich der Wesir daran die Ausstattung seiner Tochter zu besorgen und ihre Angelegenheit mit dem Sultan zu betreiben, bis ihr Heiratsgut und die andern Sachen vollständig besorgt waren. Dann ließ er das Eheband knüpfen und brachte sie dem Sultan, bei dem sie die Nacht ruhte. Als jedoch das Mädchen die Waschung vollzogen hatte, betete es während der ganzen Nachtstunden, und, als nun am andern Morgen in der Frühe die Gattin des Wesirs, die Mutter der Braut, ankam, um nach ihrer Tochter zu sehen, und sie nach ihrem Befinden fragte, versetzte sie: »Die ganze Nacht hat er im Gebet zugebracht, und nahte mir nicht ein einziges Mal.« Da sagte die Mutter: »O meine Tochter, dies ist die erste Nacht, und sicherlich schämte er sich, da er jung an Jahren ist und nicht weiß, was er thun muß. Vielleicht auch hängt sein Herz nicht an dir, und er ist nichts als ein einfältiger Junge. Indessen werdet ihr euch in der kommenden Nacht eures Wunsches erfreuen.« Am folgenden Abend begab sich der Sultan wieder in seinen Harem und verrichtete die Waschung, worauf er die Nacht bis zum Morgen wiederum im Gebet zubrachte. Als dann ihre Mutter kam, um zu sehen, wie die Sachen standen, und ihre Tochter ausfragte, versetzte sie: »Die ganzen dunkeln Stunden verbrachte er im Gebet und nahte mir nicht.« Ebenso geschah es in der dritten Nacht, worauf die Mutter zu ihr sagte: »O meine Tochter, wenn du deinen Gatten an deiner Seite sitzen siehst, dann wirf dich an seine Brust.« Das Mädchen that nach dem Rat ihrer Mutter und rief, indem es sich an seine Brust warf: »O König der Zeit, ich 63 gefalle dir gewiß nicht.« Da sagte er: »O Licht meiner Augen, du bist mir immerdar eine Freude; jedoch will ich dir etwas anvertrauen, und sag' mir, ob du ein Geheimnis hüten kannst?« Sie erwiderte: »Wer kann wie ich Geheimnisse im Herzen hüten?« Nun entgegnete der Sultan: »Ich bin eine Jungfrau wie du; der Grund jedoch dafür, daß ich in Mannskleidern bin, ist der, daß mein Vetter, der mein Verlobter ist, mir abhanden kam, so wie ich ihm; so Gott jedoch unsre Wiedervereinigung verhängt, soll er dich zuerst heiraten und soll dich zuerst und dann mich heimsuchen.« Die Tochter des Wesirs nahm ihre Entschuldigung an und erhob sich sofort und holte eine Taube, die sie schlachtete. Als sie dann am andern Morgen wieder von ihrer Mutter besucht wurde, zeigte sie ihr den Beweis ihrer Mädchenschaft, und die Mutter und ihr Vater freuten sich darüber. Nach diesem regierte das Mädchen als Sultan geraume Zeit, doch war sie immer tief in Gedanken versunken, wie sie es anstellen sollte, um wieder von ihrem Vater und ihrem Vetter Nachricht zu erhalten und zu erfahren, was die Wechsel der Zeit ihnen zugefügt hatten. Schließlich befahl sie neben ihrem Palast ein prächtiges Bad und neben ihm ein Kaffeehaus zu erbauen und ließ die Architekten und Maurer und die Gipser und Maler vor sich kommen und sprach zu ihnen: »Betrachtet mich genau und prägt euch meine Züge ein, denn ich wünsche, daß ihr eine Statue von mir macht, die mir in allen Punkten gleicht, und daß ihr sie nach meiner Gestalt und Figur bildet und sie gebührend schmückt und mir bringt.« Sie gehorchten ihrem Befehl und brachten ihr eine Statue, die ihr bis auf den Nagel glich; und, als sie dieselbe betrachtete und mit ihr zufrieden war, befahl sie dieselbe über das Thor des Bades zu stellen, und erließ einen Ferman und ließ in der ganzen Stadt ausrufen, daß jeder umsonst im Bade baden und Kaffee trinken könnte. Da lösten sich die Zungen des Volkes in Segnungen, und die Leute hoben an für den Sultan und für die Dauer seines Ruhmes und 64 den Bestand seiner Regierung zu beten, bis das Gerücht hiervon durch die Karawanen und Reisenden verbreitet ward und die Leute in allen Gegenden von dem Bad und dem Kaffeehaus vernommen hatten. Inzwischen aber hatte der Sultan zwei Eunuchen vor sich kommen lassen und ihnen dringend eingeschärft, alle, die sich der Statue näherten und sie genau betrachteten, zu ergreifen und vor ihn zu bringen. Infolgedessen gingen die Sklaven hinaus und setzten sich vor die Thür des Bades. Nach einer Weile zog der Vater des Mädchens, das Sultan geworden war, aus nach seiner Tochter zu suchen und gelangte auch nach jener Stadt, wo er hörte, daß jeder das Bad und das Kaffeehaus unentgeltlich besuchen könnte. Da sprach er bei sich: »Laß mich dorthin gehen und mich vergnügen.« Hierauf begab er sich zu dem Gebäude und wollte hineingehen, als er mit einem Male die Statue über dem Thor sah, worauf er stehen blieb und sie mit Thränen überströmten Wangen betrachtete, indem er rief: »Fürwahr, dieses Bildnis gleicht ihr.« Als ihn aber die Eunuchen gewahrten, nahmen sie ihn fest und führten ihn vor den Sultan, seine Tochter, die ihn auf den ersten Blick erkannte und ihm ein Zimmer mit Verpflegung anweisen ließ. Der nächste, der erschien, war der Sohn ihres Oheims, der ebenfalls auf der Suche nach seiner Base zu jener Stadt gekommen war und, als er das Volk von dem freien Eintritt zu den Bädern reden hörte, bei sich sprach: »Geh' mit den andern zu jenem Bad und vergnüge dich.« Als er dort anlangte, warf er gleichfalls einen Blick nach jenem Bild und stand weinend und es mit den Augen verschlingend eine Weile vor ihm, als ihn die Eunuchen festnahmen und vor den Sultan führten, der ihn ebenfalls sofort erkannte und ihm einen Raum nebst Verpflegung anweisen ließ. Hernach kam der Kapitän des Schiffes an, der nach seinem verschwundenen Schiff suchte und, als er von dem Bad vernahm, bei sich sprach: »Geh' zum Bad und vergnüg' dich.« Wie er dann dort anlangte und die Statue erblickte und sie ins 65 Auge faßte, rief er: »Bei Gott, das ist sie, wie sie leibt und lebt!« worauf die Eunuchen ihn festnahmen und vor den Sultan führten, der ihn sogleich erkannte und ihm gleichfalls für eine Weile einen Raum anwies. Alsdann kamen der König und der Wesir, die für die vierzig Jungfern verantwortlich waren, zu jener Stadt, nach ihnen zu suchen. Als sie daselbst eingekehrt waren und sich ausgeruht hatten, verlangten sie nach den Bädern und sprachen zu einander: »Laßt uns zum Hammâmbad gehen, um den Schmutz der Reise abzuwaschen.« Hierauf begaben sie sich zu dem Platz und waren im Begriff durchs Thor einzutreten, als sie aufblickten und ihre Augen auf der Statue ruhen ließen. Sobald die Eunuchen jedoch bemerkten, daß sie dieselbe aufmerksam betrachteten, nahmen sie sie fest und führten sie vor den Sultan. Wie sie nun vor ihm erschienen waren und die vierzig Mamluken, die vor ihm standen, gewahrten, fiel der Blick des Wesirs auf seine Tochter, die gleich den andern in Mamlukentracht war, und er betrachtete sie mit thränenüberströmten Wangen und sprach bei sich: »Bei Gott, dieser Mamluk gleicht völlig meinem Kind!« Der Sultan aber schaute beide an und fragte sie, wer sie wären, worauf sie versetzten: »Wir sind die und die und wandern umher in der Welt unsre Tochter und ihre neununddreißig Jungfern zu suchen.« Hierauf wies sie ihnen gleichfalls Quartiere und Verpflegung an. Zum Schluß erschien der Pirat, der Scheich und Kamerad der vierzig Räuber, in jener Stadt, der ebenfalls, wiewohl er matt und niedergeschlagen war, dennoch unablässig nach jenem Mädchen suchte, das seine Gefährten ermordet und ihm den Bart geschoren und die Augenzähne ausgerissen hatte. Als er von dem Freibad und dem Kaffeehaus vernahm, sprach er bei sich: »Mach' dich auf nach jenem Platz.« Als er nun aber ins Thor trat, gewahrte er das Bildnis und blieb stehen, indem er ekelhafte Reden zu führen begann und laut rief: »Bei Gott, diese Statue gleicht ihr genau, was Wuchs und Gestalt anlangt, und, beim Allmächtigen, vermöchte ich nur 66 Hand an sie zu legen und sie zu packen, so würde ich sie schlachten wie man einem Hammel den Hals abschneidet! Ach, ach, könnte ich sie doch nur in meine Hände bekommen!« Während er diese Worte sprach, hörten ihn die Eunuchen und packten ihn, worauf sie ihn vor den Sultan schleiften, der ihn sofort erkannte und in den Kerker werfen ließ, da er nur zu jener Stadt gekommen war, um seine Tage zu verkürzen und sein Lebensblut zu vergießen, ohne zu ahnen, was ihm verhängt war; und in der That verdiente er alles, was ihm widerfuhr. Hierauf ließ das Mädchen ihren Vater, ihren Vetter, den Kapitän, den König, den Wesir und den Räuber vor sich kommen, während sie sich immer noch als Sultan gab. Alsdann begannen bei Anbruch der Nacht alle miteinander zu plaudern, bis sie zu ihnen sagte: »Ihr Leute, erzähle ein jeder, der eine Geschichte weiß, dieselbe, daß wir uns an derselben vergnügen.« Da sagten alle: »Wir wissen keine Geschichte und können daher auch keine erzählen.« Sie versetzte: »So will ich euch ein Abenteuer berichten.« Da riefen alle: »O König der Zeit, vergieb uns; wie solltest du uns eine Geschichte erzählen, während wir dasitzen und zuhören?« Sie erwiderte jedoch: »Da ihr nichts zu erzählen habt, so will ich es an eurer Stelle thun, damit wir unsre Nacht abkürzen.« Hierauf hob sie an und erzählte: »Es war einmal ein reicher Kaufmann, der einen armen Bruder hatte, und der Reiche hatte eine Tochter und der Arme einen Sohn. Als der arme Mann starb, hinterließ er allein den Sohn, der seine Base zu heiraten begehrte; sein Oheim wies ihn jedoch ab, wiewohl beide einander liebten. Bald darauf kam eine Gesellschaft wohlhabender Kaufleute und warben um das Mädchen; sie erhielten es, und sie einigten sich, da ihr Vater sie mit ihrem Mann zu verheiraten gedachte. Dies kam dem Mädchen jedoch hart an, so daß es bei sich sprach: »Bei Gott, ich will niemand als meines Oheims Sohn heiraten.« Alsdann suchte sie ihn des Nachts mit einer Maultierstute, einem Esel und etwas von ihres Vaters Gut auf und pochte an 67 die Thür des Jünglings, worauf er zu ihr hinauskam und beide im tiefsten Dunkel jener Nacht, auf ihrem Weg vom Verhüller beschützt, entflohen.«

Als ihr Vater und ihr Vetter diese Geschichte vernahmen, warfen sie sich ihr um den Hals und freuten sich, bis sie in ihrer Erzählung auf den Kapitän kam, der ebenfalls mit ihr zufrieden war und von ihren Worten getröstet ward. Als sie dann von dem König und dem Wesir zu sprechen anhob, riefen diese: »Bei Gott, dies ist eine süße Geschichte voll Licht und Rechtleitung, und unser Herr der Sultan verdient für diese Erzählung alles, was er nur wünschen mag.« Als sie aber auf den Räuber zu sprechen kam, rief er: »Bei Gott, o unser Herr Sultan, dies ist ein betrübendes Abenteuer; um Gott, erzähl' uns eine andre Geschichte.« Alle andern aber sagten: »Nein, bei Gott, das ist eine hübsche Geschichte.« Hierauf fuhr sie in ihrer Erzählung fort und teilte ihnen das Abenteuer mit dem Vogel mit, der sie in das Sultanat einsetzte, bis sie schließlich mit dem Bad endete, worauf die ganze Versammlung rief: »Bei Gott, das ist ein ergötzliches und angenehmes Ding,« während der Räuber hingegen sagte: »Solche Geschichte gefällt mir keineswegs, denn sie bedrückt mein Herz.« Das Mädchen aber griff wieder zum Wort und sprach: »Bei Gott, wenn mein Vater und meine Mutter die Wahrheit sprechen, so ist dies mein Vater und jenes mein Vetter, hier steht der König und dort der Wesir, und jenes ist der Kapitän und der Räuber, der Kamerad der vierzig Diebe, dessen einziger Wunsch und Wille war uns Mädchen allzumal zu entehren.« Indem sie sich dann zum König und seinem Wesir wendete, sprach sie: »Diese vierzig Mamluken, die ihr dort vor euch stehen seht, sind die vierzig Jungfrauen, die euch gehören.« Hierauf machte sie den beiden reiche Geschenke, und sie zogen mit ihren Mädchen ihres Weges. Alsdann gab sie dem Kapitän sein Schiff zurück, mit ihrem Gut beladen, und er kehrte auf ihm heim. Ihren Dienern aber befahl sie für den Räuber ein heißes Feuer anzumachen, und 68 sie zündeten es an, bis die Flammen heulten und die Funken hoch in die Lust sprühten, worauf sie ihn banden und ihn in die Lohe warfen, in der das Fleisch von seinen Knochen schmolz. Dann ließ sie das Eheband zwischen ihrem Vetter und der Tochter des Wesirs knüpfen, und er suchte sie noch in derselbigen Nacht heim; am nächsten Tage aber befahl sie ihrem Vater, sie mit dem Jüngling zu vermählen, und so ruhte er in der folgenden Nacht bei ihr. Nach diesem überließ sie ihm das Sultanat, und er ward Herrscher und Sultan an ihrer Statt, worauf sie ihre Mutter zu jener Stadt holen ließ, in welcher ihr Vetter herrschte und ihr Schwiegervater der Wesir der Ratgeber des Reiches war. In dieser Weise verbrachten sie dann ihr Leben, und die Zeit verstrich ihnen aufs angenehmste, und sie verbrachten die fröhlichsten und vollkommensten Tage, bis sie von der Zeit hingerafft wurden und Geschlecht nach Geschlecht ausstarben.

 


 

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