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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Geschichte von Abū Nijje und Abū Nijjetein.

»Es heißt, daß einst in Mossul ein König lebte, reich an Geld und Gut und Herr über Truppen und Garden. Der Anfang seines Lebenslaufes war jedoch wunderbar, da er weder von königlichem Rang und Blut noch ein Königssohn war, sondern das Glück war ihm hold wegen seiner Ehrbarkeit in Sitten und Moral. Sein Name war Abū NijjeDer Vater einer Absicht, einer Gesinnung; der Aufrichtige., und er war so arm, daß er nichts an irdischem Gut besaß und deshalb bei sich sprach: »Zieh' fort aus dieser Stadt, vielleicht wird Gott dir deine Mittel zum Lebensunterhalt weit machen, da das Sprichwort sagt: »Reise, denn im Reisen liegen viele Lebensfreuden.« So entschloß er sich aus der 34 Stadt auszuwandern, und, da er nur wenig Eigentum hatte, verkaufte er alles für einen einzigen Dinar und verließ seinen Geburtsort, um eine andre Stätte zu suchen. Unterwegs sah er, daß ihm ein Mann folgte, der ebenfalls auf der Fahrt war, und so schloß er mit ihm Bekanntschaft, und beide zogen selbander weiter. Jeder wünschte des andern Namen zu erfahren, und Abū Nijje fragte seinen Gefährten: »Mein Bruder, wie heißest du?« Der andre versetzte: »Ich heiße Abū NijjeteinDer Vater zweier Absichten, zweier Gesinnungen; der Unaufrichtige..« Da sagte er: »Und ich heiße Abū Nijje.« Nun fragte ihn sein Kamerad: »Hast du etwas Geld bei dir?« Er entgegnete: »Ich habe nur einen einzigen Aschrafī bei mir.« Der andre erwiderte: »Und ich habe zehn Goldstücke, nimm sie daher und verwahr' sie, so sind es elf.« Abū Nijje nahm es an, und nun wanderten beide des Weges weiter und brachten in jeder Stadt, zu der sie gelangten, eine oder zwei Nächte zu, worauf sie wieder weiter zogen. Dies dauerte geraume Zeit, bis sie zu einer Stadt mit zwei Thoren gelangten, wo Abū Nijje seinem Begleiter vorausging, als er plötzlich einen Sklaven betteln und sprechen hörte: »O ihr Gütigen, ihr Wohlthäter, ein Almosen bringt zehnfältigen Gewinn.« Wie nun der Sklave näher kam und Abū Nijje seine Worte vernahm, empfand sein Herz Mitleid mit ihm, und er gab ihm seinen einzigen Aschrafī, worauf sein Kamerad ihn anschaute und fragte: »Was hast du ihm gegeben?« Er versetzte: »Einen Aschrafī.« Da sagte der andre: »Du hast nur ein Goldstück, während mir zehn gehören.« Alsdann nahm er ihm das ganze Geld ab und ging seines Weges. Da nun Abū Nijje weder ein einziges Kupferstück noch etwas Zehrung bei sich hatte, wanderte er durch die Straßen, bis er eine Kathedralmoschee fand, in die er trat, um die Waschung und die ihm obliegenden Gebete zu verrichten. Hernach setzte er sich und ruhte sich bis zur Stunde des Abendgebets aus, worauf er bei sich sprach: »Du da, 35 dies ist eine Zeit, wo dich niemand kennt; geh' aus und mach' an den Thüren die Runde, vielleicht beschert dir Gott, der Erhabene, unser Herr, etwas vom täglichen Brot, es zu essen und den Schöpfer zu segnen.« Alsdann verließ er die Moschee und wanderte durch das nächste Viertel, als er mit einem Male zu einem hohen und schönverzierten Thor gelangte. Er blieb vor demselben stehen und sah nun einen jungen Sklaven daraus hervorkommen, der auf seinem Haupt eine Schüssel mit einem Haufen Brotstücken und Knochen trug und den Inhalt der Schüssel auf den Boden schüttete. Als Abū Nijje dies gewahrte, trat er herzu und machte sich daran den Brotabfall aufzuheben und zu essen und das Fleisch von einigen der Knochen zu nagen, bis er sich gesättigt hatte, während der Sklave ihm zusah. Hieraus rief er: »Gelobt sei Gott!« Der Sklave aber schritt nun wieder die Treppe zu seinem Herrn hinauf und rief: »O mein Herr, ich habe ein Wunder gesehen.« Der Herr fragte: »Was ist's?« Da versetzte der Sklave: »Ich sah einen Mann an der Thür stehen, der kein Wort sprach; als er mich aber unsere Speisereste fortwerfen sah, trat er herzu und machte sich daran die Brotstücke zu verschlingen und die Knochen zu zerbrechen und auszusaugen, worauf er rief: »Gelobt sei Gott!« Da sagte sein Herr: »Guter Sklave, nimm diese zehn Aschrafī und gieb sie jenem Mann.« Der Bursche ging die Treppe hinunter, aus halbem Wege stibitzte er jedoch eins der Goldstücke und gab ihm nur neun. Abū Nijje zählte sie, und, als er nur neun fand, sagte er: »Es fehlt ein Aschrafī, denn der Bettler sagte: »Ein Almosen bringt zehnfältigen Gewinn,« und ich gab ihm ein Goldstück.« Der Hausherr aber, der ihn sagen hörte: »Es fehlt ein Aschrafī,« befahl deshalb dem Sklaven ihn zu rufen, worauf Abū Nijje zum Wohnzimmer hinauf stieg, in dem er den Eigentümer, einen angesehenen Kaufmann, sitzen sah. Als er ihm den Salâm bot, erwiderte ihm der Hausherr den Gruß und sprach: »Heda, Gesell!« Abū Nijje versetzte: »Jawohl.« Hierauf fragte der Kaufmann: 36 »Was gab dir der Sklave?« Er erwiderte: »Er gab mir neun Aschrafī.« Da sagte der Hausherr: »Weshalb erklärtest du, daß ein Aschrafī fehlt? Hast du eine gesetzliche Schuldforderung von einem Aschrafī an uns, du schamloser Wicht?« Abū Nijje versetzte: »Nein, bei Gott, mein Herr; dies war nicht meine Absicht, doch geschah mir mit einem Bettler die und die Geschichte.« Da verstand der Kaufmann den Sinn seiner Worte und sprach zu ihm: »Setz' dich nieder und verbring' die Nacht bei uns.« Und so setzte sich Abū Nijje an seine Seite und übernachtete bei dem Kaufmann bis zum Morgen. Es war aber gerade die Zeit für die Bezahlung der Armensteuer, und der Kaufmann pflegte die Summe von seinem Besitztum abzuwägen. Infolgedessen ließ er den amtlichen Wäger kommen, der mit Hilfe seiner Wage den Betrag berechnete, und gab die ganze Armensteuer Abū Nijje.« Da sagte Abū Nijje: »O mein Herr, was soll ich mit diesem ganzen Gut thun, zumal wo du so gütig gegen mich gewesen bist!« Der Kaufmann versetzte: »Das hat nichts zu sagen.« Alsdann verließ Abū Nijje seinen Beschützer und mietete sich einen Laden, worauf er allerlei Waren, die ihm zusagten, zu kaufen begann, wie Kaffee, Pfeffer, Zinnsachen, indische Stoffe nebst andern Dingen, indem er bei sich sprach: »Siehe, dieser Laden ist der Besitz deiner Hand.« So saß er nun dort und verkaufte und kaufte und führte geraume Zeit das gemächlichste und bequemste Leben, als er mit einem Male seinen früheren Gefährten Abū Nijjetein den Bazar entlang kommen sah. Seine Augen waren tief eingesunken, und er stützte sich auf einen Stab beim Betteln und rief: »Ihr guten Leute, ihr Wohlthäter, ein Almosen um Gottes willen!« Als sein früherer Kamerad Abū Nijje ihn anschaute, erkannte er ihn sofort und befahl seinem Sklaven, den er zu seiner Bedienung gekauft hatte: »Geh' und hol' mir jenen Mann.« Der Sklave ging und holte ihn, worauf Abū Nijje ihn auf seinem Ladentisch sitzen hieß und den Sklaven ausschickte etwas zum Essen zu holen. Dann setzte er es Abū Nijjetein vor, 37 und, als sich dieser nun sattgegessen hatte und um Erlaubnis bat weiter zu gehen, sagte er zu ihm: »Bleib' sitzen, Scheich; du bist mein Gast für die kommende Nacht.« Infolgedessen setzte er sich wieder in den Laden und blieb dort bis zum Sonnenuntergang, als Abū Nijje ihn zu seiner Wohnung führte, wo der Sklave das Abendessen auftrug. Nachdem sie sich sattgegessen und die Hände gewaschen hatten, saßen sie da und plauderten miteinander, bis Abū Nijje schließlich fragte: »O mein Bruder, hast du mich nicht erkannt?« Der andre versetzte: »Nein, bei Gott, o mein Bruder.« Da sagte der Hausherr: »Ich bin dein früherer Kamerad Abū Nijje, und wir kamen beide von dem und dem Ort in diese Stadt. Ich aber, o mein Bruder, habe niemals meine Gesinnung geändert, und die Hälfte von allem Gut, das du bei mir siehst, gehört dir.« Am nächsten Morgen schenkte er ihm die Hälfte von seinem Geld und Gut und that ihm einen Laden im Bazar neben seinem eigenen auf, worauf Abū Nijjetein zu verkaufen und kaufen anhob, und er und sein Freund Abū Nijje führten das fröhlichste Leben. Dies dauerte geraume Zeit, bis Abū Nijjetein eines Tages zu Abū Nijje sagte: »O mein Bruder, wir haben nunmehr lange genug in dieser Stadt gesessen, laß uns daher in eine andre ziehen.« Abū Nijje versetzte: »Warum, o mein Bruder, sollen wir aufhören hier in aller Bequemlichkeit zu leben, wo wir Überfluß an Gut, beweglicher Habe und Wertsachen gewonnen haben und nichts als ein ruhiges Leben suchen?« Indessen ließ Abū Nijjetein nicht nach ihm seine Worte immer und immer wieder zu wiederholen und auf seinem Vorhaben zu bestehen und sein Verlangen von neuem zu äußern, bis Abū Nijje der Gedanke ans Reisen einleuchtete: und so machten sich beide zurecht und beluden eine Karawane von Kamelen und Maultieren und verließen jene Stadt. Nachdem sie zwanzig Tage lang gereist waren, gelangten sie gegen Sonnenuntergang zu einem Lagerplatz und stiegen dort ab, sich auszuruhen und zu übernachten. Am nächsten Morgen, 38 als sie sich erhoben hatten, suchten sie nach einer Stelle, wo sie ihr Vieh füttern und tränken konnten; jedoch war die einzige Stelle, die sie fanden, ein Brunnen, und der eine fragte den andern: »Wer will hinuntersteigen und uns Wasser holen?« Da rief Abū Nijje: »Ich will's thun.« Er wußte jedoch nicht, was ihm im ewigen Ratschluß verhängt war, und so ließ er sich am Seil in den Brunnen hinunter und füllte die Wassereimer für sie, bis die Karawane genug hatte. Abū Nijjetein plante jedoch aus Neid und Haß in seinem Herzen und tief in seiner Seele Abū Nijje umzubringen und schnitt, als alle getrunken hatten, das Seil ab, worauf er fortzog, seinen Gefährten im Brunnen zurücklassend. Nachdem dieser dort einen Tag und den zweiten bis zur Nacht zugebracht hatte, kamen plötzlich zwei Ifrîte in jenem Brunnen zusammen und setzten sich, um miteinander zu plaudern, als der eine von ihnen fragte: »Wie geht es dir, wie steht's mit dir, und was bist du?« Der andre versetzte: »Bei Gott, o mein Bruder, ich bin äußerst zufrieden und verlasse die Tochter des Sultans gar nicht mehr.« Da fragte der erste Ifrît: »Und was würde dich von ihr treiben?« Er versetzte: »Mich würde etwas Wermutpulver vertreiben, wenn es ihr während der Freitagsgebete unter die Sohlen ihrer Füße gestreut wird.« Hierauf sagte der andre: »Und ich bin, bei Gott, ebenfalls fröhlich und frohlocke über den Besitz eines Juwelenschatzes, der außerhalb der Stadt nahe der blauen Säule, die als Beobachtungsposten dient, vergraben ist.« Da fragte der andre: »Und was würde dich daraus vertreiben und die Juwelen dem Auge der Menschen aussetzen?« Er erwiderte: »Ein weißer Hahn im zehnten Monat, geschlachtet auf der blauen Säule, würde mich vom Schatz vertreiben und den Talisman brechen, so daß die Edelsteine allen sichtbar würden.« Als Abū Nijje ihre Worte vernommen hatte, erhoben sie sich auch schon wieder und verließen den Brunnen. In der Morgenstunde kam dann eine Karawane an jenem Ort vorüber, und die Reisenden machten Halt, um einen 39 Trunk Wasser zu suchen. Als sie einen Eimer hinunterließen, packte ihn Abū Nijje, und ward so hinaufgezogen. Bei seinem Anblick schrieen sie und fragten: »Was bist du, ein Dschinnī oder ein Mensch?« Er versetzte: »Ich bin von den Kindern Adams.« Da zogen sie ihn aus dem Brunnen heraus und fragten ihn, was mit ihm vorgefallen wäre, worauf er erwiderte: »Ich fiel hinein und bin sehr hungrig.« Sie gaben ihm nun zu essen, und er aß und zog mit ihnen weiter, bis er an einem Sonntag mit ihnen zu einer Stadt gelangte. Als sie durch die Bazare zogen, fanden sie die Straßen gedrängt voll und das Volk in großem Aufruhr; und wie nun einer nach der Ursache hiervon fragte, ward ihm geantwortet: »Der Sultan hat eine schöne Tochter, die von einem Ifrît besessen ist; und jeden Arzt, der den Ifrît bannen will und es nicht vermag oder nicht versteht, nimmt der König und köpft ihn und hängt sein Haupt vor seinen Palast. Neulich kam ein Scholar her, ein Jüngling, der nichts vom Austreiben des Bösen verstand und die Aufgabe übernahm; da der Sultan ihn gerade zu dieser Stunde köpfen will, strömt das Volk zusammen, um sich an dem Schauspiel zu ergötzen.« Als Abū Nijje diese Worte vernahm, erhob er sich ohne Aufschub und Verzug und begab sich eilends zum Sultan, den er auf seinem Thron sitzen sah, während der Scharfrichter mit gezücktem Schwert zu Häupten des jungen Scholaren stand und nur auf den Befehl des Königs zum Loshauen wartete. Da begrüßte Abū Nijje den Sultan und sprach: »O König der Zeit, laß jenen Jüngling dort unter dem Schwert los und schicke ihn in dein Gefängnis, denn, wenn ich imstande bin den Geist zu bannen und ihn aus deiner Tochter zu vertreiben.« so sollst du ihm Pardon geben; mißlingt es mir jedoch, so sollst du mich und ihn köpfen.« Infolgedessen ließ der König den Jüngling losbinden und schickte ihn ins Gefängnis, worauf er Abū Nijje fragte: »Willst du sofort zu meiner Tochter gehen und sie vom Dschinnī befreien?« Er versetzte: »Nein, o König, nicht 40 eher als am Freitag, wenn das Volk das Gebet verrichtet.« Da ließ der König ihm ein besonderes Zimmer anweisen und versorgte ihn mit reichlichen Rationen. Als dann der Morgen des Freitags anbrach, begab sich Abū Nijje auf den Bazar und kaufte sich für einen halben Silberling Wermut; und, sobald die Zeit des Versammlungsgebets kam, machte sich der Sultan auf zu seiner Andacht und erteilte Befehl, Abū Nijje zu seiner Tochter einzulassen, während die Leute mit ihren Andachtsübungen zu thun hatten. Abū Nijje begab sich zu seiner Kranken und streute das Pulver unter ihre Sohlen; und siehe, da ward sie alsbald gesund und stöhnte und rief laut: »Wo bin ich?« Ihre Mutter und die im Palast Anwesenden freuten sich hierüber, und, als der Sultan aus der Moschee kam, fand er seine Tochter wohl und gesund dasitzen, nachdem sie sie angekleidet, parfümiert und geschmückt hatten, und sie empfing ihn in Freude und Fröhlichkeit. Da umarmten sich beide, und ihre Freude wuchs, und ihr Vater begann Almosen zu verteilen und Geld unter die Fakire, die Elenden, die Witwen und Waisen aus Dankbarkeit für die Genesung seiner Tochter auszustreuen. Außerdem ließ er den jungen Scholaren los und beschenkte ihn, worauf er ihn seines Weges ziehen ließ. Alsdann ließ er Abū Nijje vor sich kommen und sprach zu ihm: »O junger Mann, erbitte dir eine Gnade zuerst von Gott und dann von mir, sei es auch, was du nur wünschen und begehren magst.« Da sagte Abū Nijje: »So erbitte ich mir von dir das Mädchen, aus dem ich den Geist trieb, zur Frau.« Nun wendete sich der König zu seinem Wesir und sprach zu ihm: »Rate mir.« Der Wesir versetzte: »Schick' ihn bis morgen fort;« und so sprach der Sultan: »O Jüngling, komm morgen früh wieder her.« Hierauf ward Abū Nijje entlassen, und, als er nun in der Frühe des andern Tages wieder vor dem Sultan erschien, fand er den Wesir an seiner Seite, der in der Hand einen Edelstein hielt, wie seinesgleichen nicht bei den Königen gefunden ward, und ihn vor den Sultan legte, 41 indem er zu ihm sagte: »Zeig' den Edelstein dem Jüngling und sprich zu ihm: »Die Brautgabe der Prinzessin ist ein Edelstein gleich diesem.« Da zeigte der König Abū Nijje den Edelstein und wiederholte ihm die Worte seines Wesirs, indem er dachte, es wäre eine Ausflucht den Jüngling abzuweisen, und bei sich sprach: »Er wird nimmermehr imstande sein etwas dem gleiches zu bringen.« Abū Nijje versetzte jedoch: »Wenn ich dir zehn Steine gleich diesem bringe, willst du mir dann das Mädchen geben?« Der König entgegnete: »Ja.« Nachdem sie sich hierüber geeinigt hatten, verließ der Jüngling den König und begab sich auf den Bazar, wo er sich einen weißen Hahn im zehnten Monat kaufte, so wie der Ifrît es angegeben hatte, dessen Gefieder keine Spur von Schwarz oder Rot besaß, sondern vom reinsten Weiß war. Dann wanderte er zur Stadt hinaus gen Abend, bis er zur blauen Säule gelangte, die er gerade so fand, als der Dschinnī sie beschrieben hatte. Er trat an sie heran und schnitt dem Hahn auf ihr den Hals ab, als sich der Boden mit einem Male spaltete und in der Erde eine Kammer voll Juwelen in der Größe von Straußeneiern sichtbar ward. Dies war der Schatz, und so kehrte er um und holte zehn Kamele, von denen jedes zwei große Säcke trug; als er dann bei der Schatzkammer wieder angelangt war, füllte er alle diese Säcke mit Edelsteinen und lud sie auf die Tiere. Hierauf erschien er vor dem Sultan mit seiner Kamelkarawane und rief ihm zu, nachdem er die Tiere im Hof des Diwans hatte niederknieen lassen: »Komm herunter, o König der Zeit, und nimm die Brautgabe deiner Tochter in Empfang.« Da kehrte sich der Sultan zu ihm und rief, als er die zehn Kamele erblickte: »Bei Gott, der Jüngling ist verrückt! Jedoch will ich hinuntersteigen, um ihn zu sehen.« Alsdann stieg er zu dem Platz hinunter, auf dem Abū Nijje die Kamele hatte niederknieen lassen; und, als nun die Säcke abgeladen waren und der König zwischen sie trat, wurden sie geöffnet und voll von Juwelen erfunden, größer und 42 prächtiger als das eine, das sich in seinem Besitz fand. Starr vor Staunen hierüber und völlig verwirrt, sprach der König zu seinem Wesir: »Bei Gott, ich glaube, sämtliche Könige auf der Erde in ihrer Länge und Breite besitzen nicht einen einzigen Edelstein gleich diesen; sag' mir jedoch, was ich thun soll, o Wesir.« Der Wesir versetzte: »Gieb ihm das Mädchen.« Hierauf ward das Eheband geknüpft, und der Bräutigam ward zur Braut geleitet, und jeder der beiden freute sich mächtig über seinen Gatten; und so wuchs ihre Freude und alles Leid war gehoben. Da aber Abū Nijje ein Glückskind war, bestimmte der König, daß er in jeder Woche drei Tage regieren sollte.

In dieser Weise hatte er bereits geraume Zeit zugebracht, als eines Tages, während er in seinem Lustgarten saß, plötzlich Abū Nijjetein, auf einen Palmenstock gestützt, an ihm vorüberging und rief: »O ihr Wohlthäter, o ihr guten Leute!« Als Abū Nijje ihn erblickte, befahl er seinem Kämmerling: »Her mit jenem Mann!« Als sie ihn brachten, befahl er ihnen, ihn ins Bad zu führen und in einen neuen Anzug zu kleiden. Nachdem sie sein Geheiß erfüllt hatten, führten sie den Bettler vor seinen einstigen Gefährten, worauf Abū Nijje ihn fragte: »Kennst du mich?« Er versetzte: »Nein, o mein Herr.« Da sagte Abū Nijje: »Ich bin dein alter Gefährte, den du im Brunnen sterben lassen wolltest; ich aber, bei Gott, habe nie meine Gesinnung geändert, und ich will dir die Hälfte von allem, was ich in dieser Welt besitze, geben.« Hierauf saßen sie eine Weile plaudernd bei einander, als Abū Nijjetein ihn fragte: »Woher kamst du zu alledem?« Abū Nijje erwiderte: »Durch den Brunnen, in den du mich warfst.« Da sagte Abū Nijjetein in seinem Neid und Haß zu Abū Nijje: »Ich will auch in jenen Brunnen hinuntersteigen, und, was dir gegeben ward, soll auch mir gegeben werden.« Dann verließ er ihn und wanderte fürbaß, bis er jenen Ort erreicht hatte. Er ließ sich in den Brunnen hinab, und, als er den Boden erreicht hatte, saß er dort bis 43 zur Nacht, als mit einem Male zwei Ifrîte ankamen und, sich an die Brunnenöffnung setzend, einander begrüßten. Beide besaßen jedoch weder Kraft noch Rat und glichen Schwächlingen, und der eine fragte den andern: »Wie geht es dir, mein Bruder, und wie steht es mit deiner Gesundheit?« Der andre erwiderte: »Ach, mein Bruder, seit der Stunde, daß ich in der und der Nacht mit dir in diesem Brunnen weilte, bin ich aus der Tochter des Sultans ausgetrieben, und bis heute bin ich nicht imstande gewesen ihr zu irgend einer Zeit zu nahen.« Sein Kamerad entgegnete: »Mir geht es ebenso wie dir, denn der Schatz ist mir genommen, und meine Kraft ist gewichen.« Hierauf riefen beide: »Bei Gott, schuld an unserm Verlust ist dieser Brunnen; wir wollen ihn daher mit Steinen zuwerfen.« Alsdann erhoben sich beide und holten Erdbröckel und glatte Steine, die sie in den Brunnen warfen, so daß sie auf Abū Nijjetein fielen und ihm Fleisch und Gebein zermalmten. Während dem saß Abū Nijje da und wartete auf die Rückkehr seines Gefährten; als er jedoch nicht kam, rief er: »Bei Gott, ich muß zu jenem Brunnen gehen und nach ihm schauen und sehen, was er macht.« Hierauf saß er auf und ritt zum Brunnen, den er ausgefüllt fand, worauf er für sicher erkannte, daß seines Gefährten Absicht übel gewesen war und ihn in die Hände des Todes gestürzt hatte. Da rief er laut: »Es giebt keine Kraft und keine Macht außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! O mein Gott, schütze mich vor Neid, denn er stürzt den Neider ins Verderben, und Mißgunst führt leicht zu Trotz wider den Herrn, – verherrlicht sei seine Herrlichkeit!« Mit diesen Worten kehrte er wieder zum Sitz seines Königtums heim.Die Geschichte geht noch weiter, enthält jedoch nichts als einen dürftigen Abriß der Erzählung von den beiden neidischen Schwestern Bd. 21. 44

 


 

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