Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Henning >

Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Die Geschichte des dritten Strolchs.

»In meinen jungen Jahren hatte ich eine Base, die Tochter meines Oheims von Vaterseite, die mich liebte und die ich liebte, während ihr Vater mich nicht leiden mochte. Eines 31 Tages schickte sie zu mir und ließ mir sagen: »Mach' dich auf und bewirb dich um mich bei meinem Vater.« Da ich aber arm und ihr Vater ein reicher Kaufmann war, schickte sie mir als ihre Brautgabe fünfzig Dinare. Und so nahm ich sie und begab mich, begleitet von vier meiner Kameraden, zum Haus meines Oheims, das ich, als ich dort anlangte, betrat. Als er mich erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht, während meine Freunde zu ihm sprachen: »Siehe, dein Neffe begehrt die Tochter seines Oheims zur Frau.« Sobald er jedoch diese Worte von ihnen vernahm, schrie er sie an und schmähte mich und warf mich zur Thür hinaus. Mit halb zerbrochenem Herzen verließ ich ihn und kehrte weinend zu meiner Mutter heim, die mich fragte: »Was fehlt dir, mein Sohn?« Ich erzählte ihr nun alles, was mir von meinem Oheim widerfahren war, und sie sagte zu mir: »O mein Kind, fürwahr, du gehst zu einem Mann, der dich nicht liebt, und hältst um seine Tochter an!« Ich erwiderte: »O meine Mutter, sie schickte mir eine Botschaft, also zu thun, und siehe, sie liebt mich.« Da sagte meine Mutter: »Gedulde dich, mein Sohn.« Und so wappnete ich mein Herz, und meine Mutter versprach mir alles Schöne und Gute von meiner Base. Sie aber dachte allezeit an mich und schickte mir wieder eine Botschaft, in der sie mir versprach, keinen andern als mich lieben zu wollen. Da traf es sich nun, daß sich eine Gesellschaft zu ihrem Vater begab und sie zur Frau begehrten und sich anschickten sie mit sich zu nehmen. Als sie aber Kunde bekam, daß ihr Vater sie mit einem von jenen Leuten verheiraten wollte, schickte sie zu mir und ließ mir sagen: »Mach' dich bereit zur Mitternacht, ich will zu dir kommen.« Als nun die Mitternacht genaht war, erschien sie mit einem Mantelsack, in dem sich etwas Geld und Kleidungsstücke befanden, und führte eine Maultierstute ihres Vaters, die den Mantelsack trug. Auf ihren Ruf: »Auf und fort!« machte ich mich mit ihr im tiefsten Dunkel auf, und wir verließen, beschützt vom Verhüller, stracks die Stadt und 32 rasteten erst am Morgen, aus Furcht entdeckt zu werden uns verbergend. Gegen Anbruch der nächsten Nacht brachen wir dann wieder auf und zogen weiter, ohne zu wissen, wohin uns der Weg führte, denn der Vorausbestimmer existiert und, was für uns bestimmt ist, ist wie das Verhängnis. Schließlich gelangten wir zu einer weiten und offenen Gegend, wo wir uns, von der Hitze gequält, unter einen Baum setzten, um Luft zu schöpfen. Plötzlich aber überkam mich der Schlaf, und ich versank im Übermaß meiner Mühsal und Plage in Schlummer, als mit einem Male ein hundsköpfiger Affe die Tochter meines Oheims überfiel und sie vergewaltigte. Dann lief er wieder fort, ohne daß ich etwas in meinem tiefen Schlaf davon wußte. Als ich erwachte und meine Base aufs tiefste bekümmert, mit gelber Farbe und in verändertem Zustand gewahrte, fragte ich sie, was mit ihr vorgefallen wäre, worauf sie mir alles erzählte und zu mir sprach: »O Sohn meines Oheims, vor dem Schicksal giebt es kein Entrinnen, wie einer der Wissenden sagt:

»Wenn der Tod mit festen Krallen packt,
Dann frommen Amulette nichts.«

Hierauf sprach sie über die Prädestination des Schöpfers, bis sie nichts weiter darüber vorzubringen vermochte. Wir verließen nun wieder jene Stätte und zogen weiter, bis wir zu einer von Kaufleuten belebten Stadt gelangten, wo wir uns eine Wohnung mieteten und sie mit Matten und den notwendigen Dingen einrichteten. Dann fragte ich nach einem Kadi, und sie nannten mir einen der Kadis jener Stadt, den ich mit zwei seiner Zeugen zu mir kommen ließ. Einen derselben machte ich zum Sachwalter meiner Base, und so ward ich mit ihr vermählt und suchte sie heim, indem ich bei mir sprach: »Alle Dinge hängen vom Schicksal und Verhängnis ab.« Nachdem ich jedoch ein volles Jahr mit ihr in jener Stadt gelebt hatte, erkrankte sie und kam dem Tode nahe. Da sprach sie zu mir: »Um Gott, o Sohn meines Oheims, wenn ich gestorben und hingegangen bin, und wenn 33 dann Gottes Bestimmung über dich kommt und dich wieder zur Heirat treibt, so nimm dir nur eine jungfräuliche Maid zur Frau; und, bei Gott, o mein Vetter, ich will dir nichts weiter sagen, doch wich die Erinnerung an jenen hundsköpfigen Affen niemals von mir.« Mit diesen Worten gab sie ihren Geist auf und ihre Seele entwich ihrem Leib. Ich holte eine Frau zu ihr, die ihren Leichnam wusch und ihn einwickelte und begrub; dann verließ ich die Stadt, und die Zeit trieb mich umher, und ich ward ein Wanderer, und meine Lage veränderte sich, bis daß ich in diesen Zustand gelangte. Niemand kannte mich und wußte etwas von meiner Geschichte, bis ich hierher kam und mit diesen beiden Leuten Freundschaft schloß.«

Der König verwunderte sich über sein Abenteuer und die Wechsel der Zeit, die er erfahren hatte; sein Herz neigte sich ihm voll Mitleid zu, und er beschenkte ihn und seine Kameraden und ließ sie ihres Weges ziehen. Dann aber sprach einer der Anwesenden: »O Sultan, ich weiß eine Geschichte, die noch seltsamer als diese ist.« Da sagte der König: »Her mit ihr!« Und so hob der Mann an und erzählte:

 


 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.