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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Tochter des Kaufmanns und der Prinz vom Irâk.

Man erzählt, daß einst ein Chwâdsche lebte, ein Kaufmann, reich an Geld und Gut und Einkünften. Bei alledem hatte er jedoch keine Kinder, weder einen Sohn noch eine Tochter, und er betete deshalb zu Gott dem Erhabenen, ihm ein Kind zu schenken, sei es auch nur ein Mädchen, sein Gut zu erben und es zusammenzuhalten. Mit einem Male hörte er eine Stimme im Traum, die also zu ihm sprach: »O du da, das Verhängnis besiegt Klugheit, und Ergebenheit in die von Gott gesandten Prüfungen ist die erste und schönste Tugend.« Als er diese Worte vernahm, erhob er sich ohne Aufschub und Verzug und ruhte von ungefähr bei seiner Frau, die nach dem Ratschluß des Vorausbestimmers und mit der Erlaubnis Gottes, des Erhabenen, in derselbigen Nacht empfing. Als sie schwanger ward und die Zeichen der Schwangerschaft an ihr sichtbar wurden, freute sich der Kaufmann und machte milde Gaben und spendete Almosen; und, sobald sich ihre Monde erfüllten, befielen sie die Wehen und 156 die hirnverstörenden Schmerzen der Niederkunft, worauf sie ein Mägdlein zur Welt brachte, geformt in der Form der Schönheit und Lieblichkeit und bereits ihren künftigen Glanz und Wuchs und ihre ebenmäßige Grazie verheißend. Um Mitternacht nach ihrer Geburt saß der Kaufmann bei seiner Frau und plauderte mit ihr, als er mit einem Male wieder die Stimme vernahm, die ihm ankündigte, seiner Tochter wäre es bestimmt in unerlaubter Weise durch den Sohn eines Königs, der im Lande des Irâk herrschte, Mutter zu werden. Da kehrte er sich nach der Stimme, doch vermochte er keinen Menschen zu sehen, und nun dachte er auch daran, daß zwischen seiner Stadt und der Residenz des Prinzen im Irâk eine Entfernung von sechs und einem halben Monat lag. In derselben Nacht aber, in welcher die Frau des Kaufmanns Mutter geworden war, hatte auch die Gemahlin des Königs vom Irâk einen Prinzen geboren, und der Kaufmann ward, wiewohl er nichts hiervon wußte, von Furcht und Schrecken über die Worte der Stimme erfaßt und sprach bei sich: »Wie soll meine Tochter mit dem Prinzen zusammenkommen, wenn zwischen uns und ihm eine Reise von sechs und einem halben Monat liegt? Wie kann das möglich sein? Vielleicht ist diese Stimme ein Satan.« Sobald der Morgen anbrach, berief er die Astrologen, die Horoskopsteller und Herren der Feder und teilte ihnen mit, daß sich seine Familie um eine Tochter vermehrt hätte, und er ihr künftiges Schicksal von ihnen zu erfahren wünschte. Da betrieben alle ihre Künste und Mysterien, und es zeigte sich, daß die Tochter des Kaufmanns in unerlaubter Weise durch einen Prinzen Mutter werden würde. Sie teilten ihm jedoch nichts hiervon mit, sondern sagten nur zu ihm: »Niemand kennet die Zukunft als allein Gott, der Erhabene, und unsere Kunst erweist sich bisweilen als wahr und bisweilen täuscht sie uns.« Indessen war das Herz des Chwâdsches in keiner Weise beruhigt, und er litt fortwährend im stillen und fand keine Ruhe, und Schlaf und Speise schmeckten ihm zwei Jahre lang nicht, 157 während welcher Zeit seine Tochter gesäugt und entwöhnt ward. Und auch fernerhin brütete er fortwährend, was er mit seinem Kind anstellen sollte, und bald sprach er: »Wir wollen es umbringen, um so Ruhe vor ihm zu finden,« bald wieder rief er: »Wir wollen sie an eine Stätte bringen, wo sich ihr weder Mensch noch Dschinnī nähern kann.« Keiner wies ihm jedoch einen Weg oder zeigte ihm ein Mittel. Eines Tages nun verließ er sein Haus, ohne zu wissen, wohin er gehen sollte, und wanderte darauf los, bis er sich außerhalb der Stadt befand, wo er auf einen Mann in Derwischtracht stieß, den er begrüßte. Der Derwisch erwiderte ihm den Salâm und fragte ihn, als er ihn verändert an Farbe und Benehmen sah: »Was fehlt dir, und welches Leid drückt dich, daß dein Zustand und deine Farbe sich so verändert haben?« Der Kaufmann versetzte: »O Fakir, fürwahr, ein wunderbares Ding hat sich mir zugetragen, und ich weiß nicht, was ich in der Sache thun soll.« Nun fragte ihn der Gottesmann: »Und was ist's?« Da erzählte ihm der Kaufmann seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende, und besonders wie er eine Stimme hätte sprechen hören: »Fürwahr deine Tochter wird durch den Prinzen vom Irâk in unerlaubter Weise Mutter werden.« Der Derwisch verwunderte sich über seine Erzählung und sprach bei sich: »Ein voraufbestimmtes Unglück läßt sich nicht abkehren, und Gott thut, was er will.« Dann sagte er zu ihm: »O Chwâdsche, in jener Richtung erhebt sich ein Berg, der Wolkenberg geheißen, in den weder Mensch noch Dschinnī dringen kann. Wenn du zu ihm gelangst, so findest du mitten in ihm eine große, zwei Meilen breite und hundert Meilen lange Höhle. Wenn du Kraft genug besitzest, sie zu erreichen und deine Tochter in ihr unterzubringen, so wird Gott, der Erhabene, sie vielleicht vor dem Übel bewahren, das dir die Stimme als das Schicksal deiner Tochter ankündigte; indessen wirst du jene Hochlande nur erreichen, wenn du es dich ein gutes Stück Geld kosten lässest. In jener Höhle befindet sich eine Stelle, 158 in deren innerstem Teil von innen ein Spalt ausgehauen ist, der bis zum Gipfel des Berges reicht und das Licht in seine Tiefen dringen und einen kleinen Pavillon sehen läßt, neben dem fünf verschiedene Lustgärten mit Blumen, Früchten, Bächen und Bäumen stehen und mit Vögeln, die Gott, den Einigen, den Allbezwinger, preisen. Wenn du deine Tochter dorthin zu bringen vermagst, so soll sie dort in sicherer Hut wohnen.« Als der Chwâdsche diese Worte vom Fakir vernahm, wichen aus seinem Herzen alle seine Gedanken und Bedenken und Sorge und Gram, und er faßte den Derwisch bei der Hand und führte ihn zu seinem Haus, wo er ihn ehrte und ihm ein Kleid dafür schenkte, daß er ihm solch ein Asyl angewiesen hatte.

Als das Mädchen das Alter von fünf Jahren erreicht hatte und tödlich schön geworden war, brachte ihr Vater ihr einen Doktor der Schrift, der sie Lesen, Schreiben, die Kunst der Kalligraphie und den Koran lehrte; und, als sie zehn Jahre alt geworden war, begann sie Astronomie, Astrologie und Himmelskunde zu studieren. Ihr Vater aber behielt den Derwisch seit der Stunde, daß er ihn gesehen hatte, in seinem Herzen und nahm sich eines Tages vor, mit ihm zum Wolkenberg zu reisen. Infolgedessen brachen sie zusammen auf, und, als sie ihn erreichten, fanden sie ihn stark wie eine Burg; dann betraten sie die Höhle und besahen sie rechts und links, bis sie zu ihrem Ende gelangten, wo sie den kleinen Pavillon fanden. Da sagte der Fakir: »Fürwahr, solch' eine Stätte ist ein Asyl für deine Tochter vor den Wechselfällen der Nächte und Tage.« Jedoch wußte er nicht, daß der Beschluß verhängt ist und unabwendlich geschehen muß, und hinge auch das Schicksal von den Säumen der Wolken hinunter. Hierauf zeigte der Derwisch dem Kaufmann die Örtlichkeit weiter, bis er seinen Gefährten auch in die Gärten führte, die er voll Blumen, Früchten, Bächen, Bäumen und Vögeln fand, die Gott, den Einigen, den Allbezwinger, lobpreisten, ganz so, wie sie ihm beschrieben waren. Nachdem sie sich alles 159 besehen hatten, kehrten sie zu ihrer Stadt zurück, wo die Mutter des Mädchens während ihrer Abwesenheit für sie Wegzehrung und Geschenke zurecht gemacht hatte; und, als die beiden wieder zu Hause eintrafen, fanden sie alles Reisezeug und die Erfordernisse für die Fahrt bereit. Sie machten sich daher zurecht und brachen mit dem Mädchen, fünf weißen Sklavinnen, zehn Negerinnen und ebensoviel handfesten Negern auf, die die Ballen auf die Maultiere und Kamele luden. Dann durchmaßen sie die Steppen und Wüsten, ein jeder voll Eifer das Mädchen bedienend, bis sie sich dem Berge näherten. Am Eingang der Höhle machten sie Halt und luden die Ballen und Lasten ab und schafften sie zu dem Pavillon innerhalb der Höhle, worauf die Tochter des Kaufmanns in die Höhle trat und sich rechts und links umschaute, bis sie den Pavillon erreicht hatte. Sie fand ihn mit Ecken und Säulen aus Buntsandstein und war überzeugt, daß die Entfernung jenes Berges von der Stadt ihres Vaters eine volle Monatsreise betrug. Als sie sich gesetzt und im Pavillon eingerichtet hatte, betrachtete ihr Vater die unnahbare Beschaffenheit des Platzes und ward zufriedenen Herzens und beruhigten Gemütes, da er seine Tochter nunmehr vor den Zufällen der Zeit und jedem Unheilbringer bewahrt glaubte. Nachdem er noch zehn Tage bei ihr verweilt war, verabschiedete er sich von ihr und kehrte heim, das Mädchen in der Berghöhle zurücklassend.

Soviel von ihnen; was nun aber den Prinzen vom Irâk anlangt, so lag sein Vater, der keine Kinder hatte, sei es Knabe oder Mädchen, eines Nachts im Schlaf, als er mit einem Male eine Stimme sprechen hörte: »Alle Dinge geschehen nach dem Schicksal und Verhängnis.« Da erhob er sich aufgeschreckt aus seinem Schlaf und rief: »Preis sei dem Herrn, den ich sagen hörte, daß alle Dinge vom Schicksal und Verhängnis abhängen!« In der nächsten Nacht ruhte er dann bei seiner Gattin, die mit Gottes, des Erhabenen, Erlaubnis alsbald von ihm empfing. Als ihre 160 Schwangerschaft sichtbar ward, freute sich der König und machte Geschenke und Spenden und teilte Almosen an die Witwen und Armen und Bedürftigen und Elenden; überdies betete er zu dem Schöpfer in der Höhe und sprach: »O Herr, schenke mir einen Knaben, der mir in der Regierung folgen kann, und gewähre ihm langes Leben.« Als nun die Monde der Königin verstrichen waren, ward sie von den Wehen und Geburtsschmerzen ergriffen und gebar ein Knäblein, – Preis sei Gott, der es erschuf und in der Schöpfung des Kindes, das schön wie ein Stück vom Monde war, sein Werk bestätigte! – Sie übergaben das Knäblein den Ammen, und sie säugten und pflegten und hätschelten es, bis die Milchzeit zu Ende ging. Als sein Alter das sechste Jahr erreicht hatte, brachte ihm sein Vater einen Gottesgelahrten von vollendeter Kenntnis in allen Wissenschaften, den geistlichen und weltlichen, der Schreibkunst und den andern Sachen. Und so begann der Knabe unter seinem Magister zu lesen und studieren, bis er in jeglichem Wissen glänzte und ein geschickter Schreiber ward, erfahren in allen Künsten und Wissenschaften. Doch wußte sein Vater nichts von dem Leid und den Schmerzen, die ihm verhängt waren.

Dies währte bis zum zehnten Jahre, und der alte König hatte seine Freude an ihm und ließ ihn die Rosse tummeln, bis er die ganze Reitkunst bemeistert hatte, und vollkommen ward im Weidwerk und Vogelsang und den Gipfel aller Wissenschaften erreicht hatte. Jeden Morgen führte er Aufsicht über die Regierung seines Vaters in der Regierungshalle und erteilte ihm rechten Rat, bis sein Vater eines Tages zu ihm sagte: »O mein Sohn, regiere du einen Tag, und ich will am nächsten regieren.« Der Knabe versetzte jedoch: »O mein Vater, ich bin jung an Jahren, und es schickt sich nicht für mich, mich in Staatsgeschäfte zu mischen und im Diwan zu sitzen.« Als er sein vierzehntes Jahr erreicht hatte und mannbar geworden war und vollkommen in den Worten des Gesetzes und vollendet und ohnegleichen an Schönheit 161 und Lieblichkeit, entschloß sich der König ihn zu verheiraten, jedoch gab er nicht seine Einwilligung dazu, da sein Herz sich nicht den Weibern zuneigte, gemäß dem ihm seit Ewigkeit in der Allwissenheit Gottes, des Erhabenen, bestimmten Verhängnisses. Da traf es sich eines Tages, daß er nach der Jagd verlangte, und so bat er seinen Vater um Erlaubnis, der es ihm jedoch, besorgt um sein Wohl, abschlug. Da sprach der Prinz bei sich: »Wenn ich nicht auf Jagd gehe, so nehme ich mir das Leben.« Insgeheim teilte er dann einigen aus seinem Gefolge seine Absicht mit, die sich samt und sonders zurecht machten, mit ihm in die Wüste zu reiten. Nun hatte der König in seinem Marstall einen Hengst, geheißen Abū HamâmeVater einer Taube, d. h. schneller als eine Taube., der allein in einem kleinern Stall gehalten und mit vier Ketten an eine gleiche Anzahl Pfosten gebunden und von zwei Knechten bedient ward, die ihm nie zu nahe kommen oder ihn losbinden konnten; auch konnte sich ihm kein andrer als allein sein Herr mit Zaumzeug, Sattel oder anderm Pferdegeschirr nähern. Wie nun aber der Prinz den Plan gefaßt hatte auf die Jagd und den Fang zu gehen, begab er sich nach dem Befehl Gottes, des Erhabenen, und dem ihm verborgenen Verhängnis zu Abū Hamâme, den er angekettet und angebunden fand; und, da ihm das Pferd gefiel und seine Phantasie reizte, näherte er sich ihm und beruhigte es mit streichelnder Hand. Ebenso war der Hengst zu derselben Zeit nach dem Ratschluß des Schicksals von dem Herrn beeinflußt und um des Prinzen verborgenen Schicksals willen ihm zugethan. Der Prinz streichelte und liebkoste ihn in einem fort, um ihn zu beruhigen, und ward immer mehr von ihm eingenommen, so daß er bei sich sprach: »Fürwahr, ich will allein auf diesem Hengst auf die Jagd reiten.« Dann schritt er weiter um ihn und beruhigte ihn, bis das Pferd sich gefügig zeigte und weder auffuhr noch ausschlug noch irgend ein Glied rührte, sondern gehorsam wie ein Diener 162 dastand. Als dann der Jüngling seinen Blick umherschweifen ließ, gewahrte er neben dem Hengst eine Kammer, und, wie er sich ihr nun näherte und sie öffnete, fand er allerlei Geschirr und Ausrüstung, wie einen Sattel mit Gurten, Steigbügeln, Gebiß und Zaumzeug, während sich auf jeder Seite im Sattelzeug Waffen, wie Schwert und Dolch und ein Paar Pistolen, befanden. Verwundert darüber, daß niemand dem Pferd zu nahe kommen oder jenes Geschirr ihm auflegen konnte, und daß es sich ihm allein so gefügig zeigte, holte er das Reitzeug aus der Kammer und trat damit etwas furchtsam und zaghaft an Abū Hamâme heran; dann hob er den Sattel und warf ihn auf seinen Rücken, worauf er die Gurte festschnallte und ihm das Gebiß anlegte, so daß das Pferd wie eine auf ihrem Thron zur Schau gestellte Braut aussah. Hierauf sprach der Prinz bei sich bald: »Wenn ich dem Pferd die Ketten löse, so flieht es vor mir,« bald: »Ach, es wird mir jetzt nicht durchgehen.« In dieser Weise schwankte er zwischen Glauben und Zweifel und fragte sich hin und her, bis schließlich sein Gefolge des Wartens überdrüssig ward und zu ihm schickte, sich zu beeilen. Da sprach er bei sich: »Ich setze mein Vertrauen auf Gott, denn vor dem Verhängnis giebt's kein Entrinnen.« Alsdann löste er, nachdem er den Hengst geschirrt und ihm die Gurte festgeschnallt hatte, die Ketten und sprang, sein rechtes Bein über seinen Nacken werfend, in den Sattel. Hierauf kam er heraus, und alle, die nach jenem Hengst schauten, vermochten nicht auf der Straße stehen zu bleiben, bis der Prinz fortgeritten war und den Rest seines Gefolges außerhalb der Stadt eingeholt hatte. Sie nahmen nun ihre Richtung nach den Jagdgründen, als sie sich jedoch mitten in der Steppe befanden und außer Sicht der Stadt, blickte der Hengst nach rechts und links, schüttelte die Mähne, wieherte und schnaubte und brannte durch; dann schüttelte er den Kopf, bockte unter dem Prinzen und ging mit ihm durch, bis er einem Vogel glich, von dem keine Spur zu sehen und finden ist. Als 163 seine Begleiter dies gewahrten, vermochten sie nicht ihre Pferde zu bändigen, bis ihr Herr ihren Blicken entschwunden war, und ebenso besaß keiner von ihnen Muskel oder Mannheit genug die Verfolgung fortzusetzen, so daß sie bestürzt und verwirrt miteinander berieten und sagten: »Wir wollen ein jeder von uns einen besondern Weg einschlagen und so lange reiten, bis wir ihn gefunden haben.« Hierauf zerstreute sich der ganze Trupp, und alle schlugen auf der Suche nach dem Prinzen eine besondre Richtung ein, indem sie bald galoppierten, bald trabten, bald im Paß gingen. Dies währte fünf Tage lang, ohne daß jemand von ihnen auf ihren Herrn stieß, so daß sie verstört wurden und nicht wußten, was sie thun sollten. Als der verabredete Tag kam, versammelten sie sich wieder und sprachen: »Wir wollen zum Sultan zurückkehren und es ihm mitteilen; mag er dann einen Plan in der Sache seines Sohnes ersinnen, denn dieser Jüngling ist seines Vaters Stab und Stütze, und er hat nur diesen einen Sohn.« Hierauf nahmen sie ihren Weg wieder zur Stadt und ritten, bis sie in ihre Nähe gelangten, wo sie ein Zelt außerhalb der Mauern aufgeschlagen fanden, das sie bei näherm Zusehen als des Königs eigenes Zelt erkannten. Infolgedessen ritten sie darauf los und fanden die Kämmerlinge, Vicekönige und Befehlshaber rings um dasselbe stehen. Auf ihre Frage, weshalb das Zelt hier aufgeschlagen sei, erhielten sie die Antwort: »Als sein Sohn auf die Jagd ausritt, ward seine Brust am nächsten Tage in Besorgnis um den Jüngling beklommen, da er nicht wußte, was mit ihm vorgefallen war. In der ersten Nacht nach dem Ausritt des Jünglings ging alles ganz gut, in der folgenden ward jedoch seine Brust beklommen, und er verspürte in seinem Innern eine Veränderung, und dies geschah gerade zu der Stunde, als der Hengst mit dem Prinzen zu bocken begann und durchging. Da verlor er alle Geduld, und, unfähig länger im Palast zu sitzen, befahl er sein Zelt außerhalb der Mauern aufzuschlagen; und so sitzen wir hier sechs Tage lang und warten 164 auf die Heimkehr des Gefolges.« Als sich nun der Trupp dem Königszelt näherte und die Kunde von ihrer Heimkehr auch dem König zu Ohren kam, stieß er einen lauten Schrei aus und fiel ohnmächtig zu Boden, und die Ohnmacht währte zwei Tage lang. Als er wieder zu sich kam, fragte er nach seinem Sohn, worauf ihm das Gefolge erzählte, wie es seinem Sohn mit dem Hengst ergangen war. Da gedachte der König wieder der Stimme, die zu ihm gesprochen hatte: »Alle Dinge geschehen nach dem Schicksal und Verhängnis,« und erklärt hatte: »Ergebung in die von Gott gesendeten Prüfungen ist die erste und schönste Tugend, bis sich das Schicksal erfüllt hat.« Und so gedachte er bei sich: »Wenn es mein Los ist, noch einmal mit ihm wieder vereint zu werden, dann muß es geschehen; wenn aber nicht, so wollen wir uns in die Allmacht Gottes, des Allerhöchsten, fügen.«

So stand es mit ihnen; was aber den jungen Prinzen anlangt, so empfand er, als der Hengst mit ihm wie ein zwischen Himmel und Erde fliegender Vogel durchging, weder Ermüdung noch Angst; vielmehr saß er zufrieden auf dem Rücken seines Pferdes, und, hätte er eine Tasse voll Kaffee in seiner Hand gehalten, so wäre nichts davon übergelaufen. Der Hengst aber galoppierte mit ihm den ganzen Tag über, bis er bei Anbruch der Nacht, als er einen See gewahrte, dort Halt machte. Da stieg der Prinz ab und reichte ihm, ihm den Zaum abnehmend, Wasser zu trinken; dann reichte er ihm Futter, und der Hengst fraß es, denn unser Herr hatte ihm jenes Pferd so gehorsam gemacht, daß es zwischen seinen Händen wie der getreueste Freund ward. Hierauf holte der Prinz etwas Proviant aus seinem Beutel vor und verzehrte ihn. Da er aber nicht wußte, wohin ihn das Pferd tragen wollte, und da das Schicksal ihn zu dem von Ewigkeit an bestimmten Verhängnis trieb, ließ er stets, wenn er wieder aufsaß, den Zügel locker, so daß das Pferd ohne Lenkung jene Steppen und Wüsten und Hügel, Thäler und Steingefilde durchmaß; und überall, wo sie sich einer Residenz 165 oder Stadt näherten, stieg der Prinz ab und ließ das Pferd wo es war, während er selber in den Straßen der Stadt Futter und Lebensmittel besorgte, worauf er wieder zum Hengst zurückkehrte und ihn an derselben Stelle fütterte. In dieser Weise ritt er weiter, bis er zu einer Stadt gelangte, wo er wieder wie gewöhnlich absteigen und Futter und Lebensmittel einkaufen wollte. Er stieg deshalb ab und ließ das Pferd außerhalb der Häuser, worauf er in die Stadt ging, seine Bedürfnisse zu besorgen. Nach dem Ratschluß Gottes war aber der König jener Stadt auf die Jagd ausgezogen und kehrte gerade wieder zurück, als er nahe bei den Mauern den Hengst allein mit Geschirr und Sattelzeug passend für Könige dastehen sah. Erstaunt hierüber, ritt er näher und streckte seine Hand aus, das Tier einzufangen. Da aber das Pferd wie ein Kamel scheute, befahl der König seinem Gefolge einen Ring um es zu schließen und zu packen; als sie dies jedoch gethan hatten und es anfassen und fortführen wollten, stieß der Hengst plötzlich einen Schrei aus, daß die ganze Stadt davon wiederhallte und die andern Pferde mit ihren Reitern in wilder Flucht auseinanderstoben. Unter ihnen befand sich auch der Sultan, der, als sein Pferd mit ihm durchbrannte, sich mühte es zu hemmen und in seine Gewalt zu bekommen; jedoch verlor er alle Macht über es, und, während die andern Pferde unter ihren Reitern zitterten, sank er in Ohnmacht und fiel zu Boden. Seine Begleiter eilten ihm zu Hilfe und richteten ihn auf, worauf sie ihm Wasser ins Gesicht sprengten. Als er dann wieder zu sich kam, fragte er: »Wo ist das Pferd?« Sie versetzten: »Es steht noch an derselben Stelle.« Da sagte er: »Diese Sache muß, bei Gott, einen Grund haben; bleibt hier es zu bewachen und schaut, wohin es seinen Weg nimmt, denn dieses Beest muß, weiß Gott, von den Dschinn sein.«

In dieser Weise erging es ihnen; was nun aber den Herrn des Pferdes anlangt, den Sohn des Sultans, so hörte er, als er die Stadt betreten hatte, um etwas Futter und 166 Lebensmittel zu kaufen, den Schrei des Hengstes und erkannte ihn, während die Herzen aller Leute in der Stadt, die den Schrei hörten, vor Entsetzen bebten, so daß alle aufsprangen und ihre Läden verschlossen, kaum glaubend, in Sicherheit ihre Wohnungen zu erreichen; und dies dauerte, bis die ganze Hauptstadt, die Bazare selbst mit eingerechnet, leer wie eine Einöde, eine Ruine ward. Da sprach der Jüngling bei sich: »Bei Gott, dem Pferd muß irgend etwas zugestoßen sein;« mit diesen Worten verließ er die Stadt und schritt zu der Stelle, wo er das Pferd gelassen hatte, als er mit einem Male auf eine Schar von Leuten stieß, in deren Mitte ein an allen Gliedern Zitternder saß, um den seine Begleiter standen, ein jeder in seiner Hand ein Pferd haltend. Infolgedessen trat er an ihn heran und fragte sie, was es gäbe, worauf sie ihm den Vorfall mit dem Hengst und seinem Schrei und die Ursache, weshalb der Mann dasäße, erzählten. Dies aber war niemand anders als der Sultan, der bei Abū Hamâmes Schrei von Entsetzen gepackt und in Ohnmacht gefallen war. Hierauf begann er sich mit ihnen zu unterhalten, ohne daß sie wußten, daß er der Herr des Hengstes war, bis er sie fragte: »Vermag sich einer von euch ihm zu nähern?« Sie versetzten: »O Jüngling, in der That, niemand vermag ihm zu nahe zu kommen.« Da sagte er: »Das ist für uns ein leichtes Ding und nichts hindert uns daran.« Mit diesen Worten verließ er sie und kehrte sich gegen den Hengst, der, sobald er ihn gewahrte, sein Haupt schüttelte; dann trat er an ihn heran und streichelte ihm den Hals und küßte ihn auf die Stirne. Nach diesem streute er etwas Futter vor ihn und bot ihm Wasser an, worauf der Hengst fraß und soff, bis er gesättigt war. Alles dies geschah, während das Gefolge des Sultans dem Jüngling zuschaute; und so teilten sie es ihrem Herrn mit und sprachen: »O König der Zeit, ein Jüngling kam zu uns und erkundigte sich bei uns über das Pferd, worauf wir ihm das Vorgefallene berichteten; da trat er an es heran, beruhigte es und 167 küßte es auf die Stirne; und hernach streute er ihm etwas Futter vor, das es fraß, und reichte ihm Wasser zu trinken; und es steht noch immer dicht bei ihm.« Als der Sultan diese Worte vernahm, verwunderte er sich und sprach: »Bei Gott, das ist ein wundersames Ding! Macht euch auf zu ihm und bringt ihn mit dem Pferd zu mir; und wenn er säumt, so packt ihn, fesselt ihn und schleppt ihn in Schimpf und Schanden und in einer alles andre als angenehmen Weise vor mich.« Infolgedessen begaben sie sich zu ihm und redeten ihn an und sprachen: »O Jüngling, du hast auf Seine Hoheit den König zu hören und ihm zu gehorchen; wenn du nicht gutwillig zu ihm kommst, so schleppen wir dich mit Gewalt vor ihn.« Als aber der Jüngling ihre Worte vernahm, setzte er seinen linken Fuß in den Steigbügel und, seinen rechten über den Nacken des Pferdes werfend, setzte er sich fest in den Sattel und rief, als er sein Pferd fest in der Gewalt hatte: »Wer von euch will mir nahen und mich zu jenem euerm Sultan schleppen?« Als sie dies von ihm sahen, hielten sie sich von dem Bereich seines Armes fern und sagten, da sie doch nicht zum König zurückkehren und ihm melden durften, daß sie ihn nicht gebracht hätten: »Um Gott, o Jüngling, komm mit uns zum Sultan und rede mit ihm vom Rücken deines Hengstes; wir sind dann frei von Schuld und verdienen weder Vorwurf noch Tadel.« Als der Prinz dies vernahm, verstand er, was sie beabsichtigten, und daß sie allein ihrem König gegenüber frei von Tadel sein wollten; er sagte deshalb zu ihnen: »Reitet vor mir, ich will euch folgen.« Als sie dann mit dem Jüngling hinter sich zurückgekehrt waren und nur noch eine kurze Entfernung zwischen ihnen lag, daß beide ihre Worte vernehmen konnten, fragte der Prinz: »O König der Zeit, was verlangst du von mir, und was ist dein Begehr?« Der Sultan versetzte: »Steig' ab und komm näher, ich will dann mit dir reden und dich nach etwas fragen.« Der Jüngling entgegnete jedoch: »Ich will nicht vom Rücken meines Hengstes 168 absteigen; wer einen Anspruch an mich hat, der fordre von mir Genugthuung, – hier ist der Plan.« Mit diesen Worten wendete er sein Pferd und wollte auf den offenen Plan sprengen, als der Sultan seinem Gefolge zurief: »Packt ihn und bringt ihn hierher.« Da saßen alle auf, gegen einhundertundfünfzig Reiter, und setzten ihm im Galopp nach, bis sie ihn eingeholt hatten, worauf sie einen Ring um ihn schlossen. Als er dies jedoch sah, faßte er die Zügel kurz und bohrte dem Hengst die SteigbügelDie Araber kennen keine Sporen; die Steigbügel vertreten die Stelle derselben. in die Seiten, so daß das Tier unter ihm wie der sausende Wind einhersprang. Dann rief er ihnen zu: »Ein andermal, ihr Hunde!« und, sobald sie seinen Schrei vernahmen, kehrten sie sich von ihm ab und suchten ihr Heil in der Flucht. Als nun der Sultan sein Gefolge, gegen einhundertundfünfzig Reiter, in wilder Flucht umkehren und bei ihm Halt machen sah, fragte er sie, weswegen sie davon gelaufen wären, worauf sie ihm erwiderten, daß sich niemand dem Reitersmann nähern könne, indem sie hinzufügten: »Fürwahr, er stieß einen Schlachtruf gegen uns aus, der uns allesamt veranlaßte, den Rücken zu kehren und zu fliehen, da wir ihn für einen der Dschânn hielten.« Da rief der König: »Weh' euch! hundertundfünfzig Mann sind nicht einmal imstande einen einzigen Reiter zu besiegen!« Dann aber sagte er: »Bei Gott, der sprach die Wahrheit, der da sagt:

»Für wie viele zählen sie den Einen im Stamm,
Wenn tausend nimmer für Einen zählen?«

Fürwahr, diesem Jüngling halten auch keine Tausend stand, ja nicht einmal ein ganzer Stamm könnte sich ihm in den Weg stellen, und, bei Gott, ich ließ es an ritterlicher Pflicht fehlen, indem daß ich ihm nicht Ehre erwies. Jedoch, es sollte nicht anders sein.«

Der Jüngling ritt nun wieder vier Monate lang Tag und Nacht weiter, ohne zu wissen, wann er einen Platz 169 erreichen würde, wo er der Rast pflegen könnte. Als jedoch dieser lange Ritt endete, erhob sich mit einem Male ein hoch in den Himmel ragender Berg vor ihm; da kehrte er sein Gesicht gegen ihn, und nach einem Ritt von drei weiteren Tagen erreichte er ihn und gewahrte an seinem Abhang Grasweiden mit Bächen, Bäumen, Früchten und Vögeln, die Gott, den Einigen, den Allbezwinger, lobpreisten. Er stieg deshalb hier ab, denn sein Herz hatte etwas in betreff des Berges zu sagen, und er verwunderte sich auch darüber, da er während seiner ganzen Fahrt nicht etwas derart gesehen hatte, oder auch etwas, das jenem Grün und jenen Bächen glich. Nachdem er abgestiegen war, nahm er dem Hengst das Zaumzeug ab und ließ ihn auf dem Rasen weiden und vom Wasser saufen, während er gleichfalls von den Früchten zu essen begann, die von den Bäumen niederhingen, und sich ausruhte. Jeden neuen Ort, zu dem er ging, fand er schöner als den ersten, so daß er, entzückt von der Stätte, die Verse sprach:

»Der du bangst vor der Welt, fühl' dich in Sicherheit
Und vertrau' alles Ihm an, der die Menschen erschuf.
Das Schicksal, o mein Herr, trifft immer ein,
Während du sicher bist vor dem, was nicht verhängt ward.«

Zehn Tage lang streifte so der Prinz von Ort zu Ort, bis er rings um den Berg gewandert war, und schaute seine Lust an den Bäumen und Wassern und freute sich über das Schmettern der Vögel, bis ihn schließlich der Ratschluß des Schicksals und das unabänderliche Verhängnis zur Thür der Höhle führte, in welcher die Tochter des Chwâdsches mit ihren Mägden und Negersklaven steckte. Er schaute verwundert und staunend das Thor der Höhle an, dessen Festigkeit die Insassen schützen sollte, doch wußte er nicht, ob jemand in ihr hauste oder ob sie menschenleer wäre, da der Berg fern von Städten lag und ihn keiner erreichen konnte. Dann sprach er bei sich: »Setz' dich hier dem Eingang gegenüber mitten in dieses Gras und zwischen die Bäume und 170 Früchte nieder, denn, wenn du diesen Platz verlässest, so findest du keinen ihm gleich an Reizen, und ebenso wird er dich über die Trennung von deinen Angehörigen trösten. Vielleicht auch kommt ein Bewohner dieser Stätte an mir vorüber, daß ich ihn nach dieser Gegend ausfragen kann, und so führt mich Gott, der Erhabene, vielleicht wieder zu meiner Heimat zurück, daß ich wieder mit meinem Vater und meinen Angehörigen und Freunden vereint werde. Sehr leicht kann jemand in dieser Höhle wohnen und, wenn er herauskommt, mein Freund werden.« So saß er zwanzig Tage lang am Eingang der Höhle und aß von den Früchten der Bäume und trank vom Wasser der Regenlachen, wie auch sein Hengst, als mit einem Male am einundzwanzigsten Tage das Thor der Höhle geöffnet ward und zwei schwarze Sklavinnen und ein Negersklave daraus zum Vorschein kamen, gefolgt von fünf weißen Mägden, die alle auf den Wiesen am Bergesabhang und darüber hinaus Zerstreuung und Vergnügen suchten. Als sie aber einherschritten, fielen ihre Blicke mit einem Male auf den Prinzen, der noch immer mit seinem Hengst vor ihm dasaß, und sie fanden ihn geformt in der Form der Schönheit und Lieblichkeit, da er sich nunmehr von seiner Fahrt ausgeruht hatte und seine Reize in vollendeter Pracht erstrahlten. Als die Sklavinnen ihn anschauten, wurden sie von den Wundern seiner Schönheit und Anmut bezaubert, so daß sie eilig zu ihrer Herrin umkehrten und zu ihr sprachen: »O unsre Herrin, fürwahr, an der Thür der Höhle steht ein Jüngling, wie wir nimmer einen schöner und von hübscherem Aussehn erschauten, und, fürwahr, er gleicht dir in Liebreiz und Feinheit des Gesichts und der Gestalt, und vor ihm steht ein Pferd wie eine Braut.« Als die Tochter des Kaufmanns diese Worte von ihren Sklavinnen vernahm, erhob sie sich hurtig und eilte mit einem von Freude erfüllten Herzen zum Thor der Höhle. Dort angelangt, schaute sie den Prinzen an, worauf sie auf ihn zutrat, ihn umarmte und begrüßte und ihn fortwährend ansah, seine 171 Schönheit und Anmut betrachtend, bis die Liebe zu ihm in ihr Herz einkehrte, sowie ebenfalls die Liebe zu ihr den Prinzen immer mächtiger erfaßte. Hierauf faßte sie ihn bei der Hand und führte ihn in die Höhle, wo er sich nach rechts und links umsah, sich über die Lustgärten und Bäume und Bäche und Vögel darinnen verwundernd, bis sie endlich den Pavillon erreichten. Bevor der Prinz jedoch in den Pavillon eintrat, führte er den Hengst zu den Wiesen, die sich in der Höhle befanden, und ließ ihn dort los. Als dann beide den kleinen Palast betraten, setzten die Diener ihm Speise vor, und er aß, bis er genug hatte, worauf sie sich die Hände wuschen und miteinander plauderten, während sich alle über den Prinzen freuten. In solcher Weise verbrachten sie die Zeit, bis die Nacht hereinbrach, worauf sich jede der Sklavinnen in ihre Kammer begab und sich niederlegte; und das gleiche thaten die Negersklaven, so daß niemand als der Prinz und die Tochter des Kaufmanns zurückblieb. Alsdann begann sie ihn zu reizen und mit ihm zu tändeln, bis sich sein Herz zu ihr neigte, und er sie an seine Brust zog und ihr die Mädchenschaft nahm. Nach dem Ratschluß Gottes, des Erhabenen, empfing sie aber noch in derselbigen Nacht von ihm, und beide scherzten und lachten miteinander, bis der Schöpfer die Dämmerung aufsteigen ließ, daß es hell ward und tagte und die Sonne sich über die Gründe und Wiesen erhob. Da saßen die beiden plaudernd beisammen, und das Mädchen hob an und sprach die beiden Verse:

»Die liebende Maid kam folgend dem Ruf des Geliebten,
Stolz nach sich schleifend die Säume ihres Gewandes;
Sie paßt für keinen Mann als allein für ihn,
Und er paßt für keine Maid als allein für sie.«

Nach diesem verweilte die Tochter des Chwâdsches mit dem Prinzen sechs Monate lang, doch näherte er sich ihr seit der Nacht, in der er ihr die Mädchenschaft genommen hatte, nicht mehr, und sie verspürte ebenfalls kein Verlangen nach ihm und lockte ihn nicht zum Minnegenuß. Im siebenten 172 Monat gedachte der Jüngling jedoch wieder seiner Familie und seiner Heimat, und er bat sie um Erlaubnis aufzubrechen, worauf sie ihn fragte: »Weshalb bleibst du nicht bei uns?« Er versetzte: »Wenn unserm Leben Dauer beschert ist, so kommen wir wieder zusammen.« Alsdann fragte sie ihn: »O mein Herr, wer bist du?« Da erklärte er ihr seinen Stammbaum und Rang und nannte ihr den Namen seines Vaterlandes, worauf sie ihm ebenfalls ihren Stand, ihre Abstammung und ihre Heimat angab. Dann verabschiedete er sich von ihr und ritt in der Morgenfrühe von ihr fort zu seinen Angehörigen und seinem Vaterland, und trieb sein Roß mitten hinein in die Steppen und Wüsten.

Soviel von ihm; was nun aber den Kaufmann anlangt, den Vater des Mädchens, so kehrte er mit dem Derwisch, nachdem er es in der Höhle untergebracht hatte, zu seiner Stadt zurück und verbrachte dort sechs Monate lang in Geschäften wie gewöhnlich; am siebenten Monat gedachte er jedoch wieder seines Kindes und fühlte sich durch die Abwesenheit seiner Tochter vereinsamt, da er kein anderes Kind hatte. Er sagte deshalb zu ihrer Mutter: »Ich beabsichtige das Mädchen zu besuchen und will sehen, wie es ihr ergeht, denn mein Herz ist um ihretwillen in schwerer Unruhe, und ich kann den Gedanken nicht los werden, daß irgend ein unvorhergesehenes Ereignis Unglück über sie gebracht oder daß ein Wandersmann sie besucht hat. Meine Gedanken sind von ihr eingenommen, und ich will mich deshalb auf den Weg machen und nach ihr schauen.« Seine Frau versetzte: »Das ist recht;« und so machte sie sich daran ihm etwas Proviant im Umfang von etwa zehn Kamellasten fertig zu machen. Dann nahm er einige Negersklaven zu sich und zog aus, seine Tochter auf dem Wolkenberg zu besuchen. Er tauchte in die Tiefen der Wüste und zog quer durch Thäler und über Hügel und reiste Tag und Nacht drei Monate lang, als er am ersten Tage des vierten Monats gegen Sonnenuntergang einen einzelnen Reiter aus dem Herzen der Wüste 173 auf sich zukommen sah. Als der Fremde näher kam, begrüßte ihn der Chwâdsche und der Reitersmann, welches der Prinz war, der von der Tochter des Kaufmanns zurückkehrte, erwiderte ihm den Salâm. Hierauf sagte der Chwâdsche zu ihm: »O Jüngling, laß uns hier absteigen und zusammen übernachten und ein wenig unterhalten; am nächsten Morgen mag dann jeder wieder seines Weges weiter ziehen.« Der Prinz versetzte: »Das kann nichts schaden.« Mit diesen Worten sprang er vom Rücken seines Hengstes und ließ ihn, ihm das Zaumzeug abnehmend, zugleich mit den Tieren des Chwâdsches auf der Wiese weiden. Alsdann setzten sich die beiden zum Plaudern nieder, während die Sklaven ein Lamm schlachteten und es abzogen. Nachdem sie dann ein Feuer angezündet hatten, stellten sie das Fleisch in einem Kessel darüber und fischten es, als es gar war, mit einem Fleischhaken heraus, worauf sie das Fleisch von den Knochen lösten und es in eine große Schüssel legten, die sie ihrem Herrn und dem Prinzen vorsetzten. Beide aßen, bis sie genug hatten, worauf die Sklaven den Rest für ihr Abendessen wegnahmen. Als dann die Zeit des Nachtgebets kam und beide die Waschung vollzogen und ihre ihnen obliegende Andacht verrichtet hatten, setzten sie sich nieder zur abendlichen Unterhaltung, über die Ereignisse der Welt und ihre Angelegenheiten plaudernd, bis der Kaufmann den Prinzen fragte: »O Jüngling, woher kommst du und wohin gehst du?« Der Prinz versetzte: »Bei Gott, o Chwâdsche, ich habe eine wundersame Geschichte erlebt, ein Wunder aller Wunder, das, wäre es mit Nadeln in die Augenwinkel geschrieben, eine Lehre wäre für alle, die sich belehren lassen. Und also ist meine Geschichte: »Ich bin der Sohn des Königs vom Irâk und meines Vaters Stab und Stütze im Haus der Welt, und er erzog mich aufs beste. Als ich mannbar geworden war und die Geheimnisse des Weidwerks gelernt hatte, bekam ich eines Tages Verlangen auf die Jagd auszuziehen. Ich begab mich deshalb wie gewöhnlich nach dem Marstall, um 174 mir ein Pferd auszusuchen, wo ich jenen Hengst an vier Pfosten angekettet fand. Ohne zu wissen, daß sich ihm niemand als ich allein nähern durfte und ihn auch sonst niemand zu besteigen vermochte, trat ich an ihn heran und gürtete ihn, ohne daß er sich bäumte oder sich rührte, als ich ihn streichelte, denn also war es in Gottes, des Erhabenen, Ratschluß bestimmt. Hierauf bestieg ich ihn und suchte mein Gefolge auf, ohne meinem Vater etwas davon mitzuteilen, worauf ich mit meinen Begleitern zur Stadt hinausritt. Mit einem Male aber schnaubte das Pferd und wieherte und bockte und ging nach der Wüste schnell wie der Vogel in der Luft durch, ohne daß ich wußte, wohin er mit mir wollte. So lief er den ganzen Tag über, bis wir gegen Abend zu einem See auf einer grasreichen Flur gelangten. Ich setzte mich hier und verzehrte etwas von meinen Lebensmitteln, indem ich meinem Pferd ebenfalls etwas Futter gab; dann übernachteten wir an jener Stätte, und am nächsten Morgen brach ich wieder auf und ritt in dieser Weise vier Monate lang. Am ersten Tage des fünften Monats näherte ich mich einem hohen Berg von unendlicher Länge und Breite, an dessen Abhängen ich mannigfache Weiden fand mit Bäumen, Früchten, Bächen und Vögeln, die den Einigen, den Allbezwinger, lobpreisten. Erfreut von dem Anblick, stieg ich ab und nahm dem Hengst das Zaumzeug ab; und, ihn weiden lassend, aß ich von den Früchten, worauf ich von Platz zu Platz herumzustreifen begann. Nach einiger Zeit gelangte ich zum Eingang einer Höhle, aus dem nach kurzem Verweilen meinerseits fünf Sklavinnen unter dem Geleit eines Negersklaven herauskamen. Als sie mich erblickten, freuten sie sich über mich und kehrten wieder in die Höhle zurück, worauf sie nach einer Abwesenheit von einer Stunde wieder mit einem Mädchen gleich dem Mond in der vierzehnten Nacht herauskamen, das mich begrüßte und mich einlud ihr Gast zu sein. Sie führte mich in die Höhle, bis ich einen in ihr befindlichen Pavillon erreichte, und ich verweilte dort 175 sechs Monate lang bei ihnen, bis ich nach meinen Angehörigen und meiner Heimat wieder Sehnsucht bekam, worauf ich um Erlaubnis fortzuziehen bat und mich von ihnen verabschiedete und fortritt, von ihnen in höchsten Ehren entlassen. Als ich ihnen aber Lebewohl sagte, gelobte ich ihnen, daß wir, wenn unserm Leben Dauer beschieden sei, wieder zusammen kommen müßten. Mit diesen Worten verließ ich sie, und nunmehr, wo du mich hier trafst, ist bereits einige Zeit seit meinem Aufbruch von dort verstrichen.« Als der Kaufmann diese Geschichte vernahm, wußte er von Anfang an, was dort geschehen war, und, überzeugt durch die Worte der Stimme und den Inhalt der Auskunft, die ihm der Prinz gegeben hatte, sprach er bei sich: »Ohne Zweifel ist dies der Jüngling, dem meine Tochter bestimmt war, und von dem sie in unerlaubter Weise empfangen sollte; und, was geschrieben stand, ist nunmehr erfüllt.« Hierauf fragte der Kaufmann: »O Jüngling, wo ist deine Stadt?« Der Prinz gab ihm Auskunft, ohne zu wissen, daß er unterwegs auf den Vater des Mädchens gestoßen war, während der Chwâdsche sehr wohl wußte, daß dieser Mann mit seiner Tochter zu thun gehabt hatte. Am nächsten Morgen nahmen dann beide voneinander Abschied, und jeder zog seine Straße; der Chwâdsche aber ward von unbeschreiblichem Kummer und Gram erfaßt und enthielt sich der Nahrung, weder der Speisen noch des Schlafes Süße kostend. Indessen reiste er weiter, bis er zum Wolkenberg gelangte, wo er an das Thor der Höhle pochte. Die Sklavinnen öffneten ihm, und, sobald sie sein Antlitz sahen, erkannten sie ihn und kehrten zu ihrer Herrin zurück, ihr Mitteilung zu machen. Da erhob sie sich, ihn zu empfangen, und begrüßte ihn und küßte ihm die Hände, worauf sie neben ihm schritt, bis sie in den Pavillon traten, wo er sich setzte, während sie ihn zu bedienen vor ihm stand. Nun aber schaute ihr Vater sie an und betrachtete sie, und, als er ihre Farbe verändert und ihren Leib angeschwollen fand, fragte er sie: »Was ist mit dir vorgefallen, 176 und was hat dein Aussehen verändert? Ich sehe dich mit schwerem Leib, und sicherlich hat ein Mann bei dir geruht.« Als sie ihres Vaters Worte vernahm, verstand sie und ward überzeugt, daß er volle Kenntnis von allem, was ihr widerfahren war, hatte; sie gab ihm deshalb keine Antwort, und wechselte, von Scham und Verwirrung überkommen, die Farbe und war nahe daran zu Boden zu sinken. Dann setzte sie sich beschämt wegen ihres Leibes Dicke vor ihren Vater nieder, während er sich gehorsam vor der Allmacht Gottes, des Erhabenen, beugte; und beide unterhielten sich bis zum Anbruch der Nacht. Als aber die Sklavinnen samt und sonders zur Ruhe ihre Kammern aufgesucht hatten, und der Chwâdsche sich mit seiner Tochter allein befand, sprach er zu ihr: »O mein Kind, fürwahr, diese Sache war dir vom Herrn der Himmel voraufbestimmt, und niemand vermag das Schicksal abzuwenden; erzähl' mir jedoch, was zwischen dir und dem Jüngling, dem Besitzer des Hengstes, vorfiel, der der Sohn des Königs vom Irâk ist.« Das Mädchen war erst betroffen und vermochte nichts zu erwidern; als sie sich jedoch wieder gefaßt hatte, sagte sie zu ihrem Vater: »Wie soll ich dir etwas erzählen, wo du bereits alles von Anfang bis Ende weißt und erklärst, daß das Verhängnis eintreten muß, und ich dazu kein Wort zu sagen vermag?« Dann fügte sie hinzu: »O mein Vater, der Jüngling versprach mir, daß, wenn seinem Leben Dauer beschert sei, er mich wieder aufsuchen wolle; und nun bitte ich dich, wenn du wieder heimkehrst, so nimm mich mit und führe mich zu ihm und vereinige mich mit ihm, daß ich seinen Vater schaue und ihn bitte sein Wort zu halten, denn ich trage nach keinem andern Verlangen, und niemand anders soll mich hinfort entschleiern. Kurz. verheirate mich mit ihm. Was mir widerfuhr, hast du von der Stimme vernommen; du ermüdetest deine Seele, mich hierher zu schaffen, da du um mich vor den Wechseln der Tage besorgt warst, und du widersetztest dich der Allmacht Gottes, doch nützte es dir nichts, da die 177 den Menschen von Ewigkeit und Anbeginn an verzeichneten Geschicke geschehen müssen. Alles dies war von Gott bestimmt, denn Glück und Unglück, Wohlthat und Verbot, alles kommt vom Allmächtigen. Thue nach meinen Worten, und, was auf meiner Stirn geschrieben steht, wird mich beleben, so Gott will, dieweil Ergebung und langes Leid besser sind als ruhelose Gedanken.« Als ihr Vater diese Worte von ihr vernahm, willigte er in alles, was sie zu ihm gesprochen hatte, ein, und, sobald der Morgen anbrach, begann er sich mit seiner Tochter, ihren Mägden und den Negersklaven zur Abreise zu rüsten. Am dritten Tage dann luden sie ihre Lasten auf und traten den Heimweg zu ihrem Land und ihrer Stadt an. Nacht und Tag reisten sie fünf Monate lang ohne Aufschub und Verzug, bis sie ihr Heim erreichten und darinnen einkehrten.

So stand es mit ihnen; was nun aber den Prinzen vom Irâk anlangt, so ritt er, nachdem er sich vom Vater des Mädchens verabschiedet hatte, ohne ihn zu kennen, seiner Heimat zu, doch irrte er vom Wege ab und befand sich mit einem Male vor einem wogenden und wellenbrandenden Meer. Bestürzt hierüber und verstört, wußte er weder, was er thun, wohin er gehen und welche Richtung er einschlagen sollte, noch auch, was Gott über ihn verhängt hatte. Schließlich sprang er vom Abū Hamâmes Rücken und lehnte sich an sein Hinterteil, worauf er infolge seines überanstrengten Wachseins in tiefen Schlummer versank. Nach dem Ratschluß des Schicksals aber schüttelte nun der Hengst sein Haupt und schnaubte und galoppierte in die Steppe davon, bis er sich mitten in der Wüste befand. Als dann nach etwa zwei Stunden der Prinz seine Müdigkeit wieder abschüttelte und die Augen öffnete, vermochte er keine Spur von seinem Hengst zu sehen; da schlug er die Hände zusammen und rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Alsdann setzte er sich an den Strand und betete zu Gott, dem Erhabenen, um Trost. Am nächsten 178 Tage kam plötzlich ein Schiff herangesegelt und legte am Strand bei, worauf eine Anzahl Juden ans Land stieg. Sobald sie den Prinzen sahen, überfielen sie ihn, packten und fesselten ihn und schleppten ihn an Bord wo sie seine Füße in Eisen legten. Da sprach er bei sich: »Wenn das Schicksal es will, werden unsre Augen geblendet; jedoch geziemt sich Geduld, und von Gott haben wir Hilfe zu suchen.« Alsdann stiegen die Juden wieder ans Land und füllten ihre Fässer mit Wasser aus einem in der Nähe gelegenem Regenpfuhl, worauf sie wieder an Bord stiegen und, die Segel entfaltend, über die Wogen des Meeres einherzogen. Nach einer Fahrt von einem Monat warfen sie bei einer Hafenstadt die Anker aus und stiegen ans Land zu kaufen und verkaufen, bis sie nach einer Frist von zwei Monaten ihre Geschäfte beendigt und hinreichend Proviant eingekauft hatten, während der Prinz die ganze Zeit über in dem schwarzen Loch tief unten im Schiffsbauch lag, ohne daß jemand außer einem alten Juden zu ihm gekommen wäre. So oft dieser Jude jenen unheimlichen Platz betrat, hörte er den Jüngling Koranstücke recitieren, so daß er stehen blieb und zuhörte, bis sich sein Herz dem Sprecher zuneigte, und er ihm Speise und Trank gab. Als sie nun an jener Stätte die Anker auswarfen, fragte der Prinz den Mann: »Was ist dies für eine Hafenstadt, wie heißt sie und wer ist ihr Herrscher? Wüßte ich doch, ob ihr Herrscher ein König ist oder ein Gouverneur unter eines Königs Hand!« Da fragte der Jude: »Weshalb fragst du?« Der Prinz versetzte: »Für nichts; ich möchte nur den Namen jener Stadt wissen und erfahren, ob sie Moslems, Juden oder Nazarenern gehört?« Nun erwiderte der Jude: »Die Stadt ist von Moslems bewohnt, jedoch kann niemand Nachrichten von dir ihren Bewohnern bringen. Indessen, fühle ich, o Moslem, Zuneigung für dich, und ich will, wenn wir die Stadt Andalusiens erreichen, Nachrichten von dir geben, jedoch nur unter der Bedingung, daß du mich, wenn dich Gott, der Erhabene, befreit hat, deinen 179 Gefährten fern lässest.« Da versetzte der Prinz: »Was hindert dich denn den Islam zu dieser Stunde anzunehmen?« Der Jude erwiderte: »Die Furcht vor dem Schiffskapitän.« Der Prinz entgegnete: »So werde insgeheim Moslem und wasche dich und bete im Verborgenen hier bei mir.« Und so ward der Jude durch des Prinzen Hand ein Rechtgläubiger, der ihn nun fragte: »Sag' mir, befinden sich außer mir noch andre Moslems auf dem Schiff?« Er versetzte: »Gegen zwanzig, und es ist des Kapitäns Absicht, sie bei der Ankunft in seinem Land in der großen Synagoge als Opfer darzubringen.« Da versetzte der Prinz: »Du bist jetzt gleich mir ein Moslem geworden, und es geziemt sich dir, daß du mir von allem, was auf dem Schiff vorgeht, Nachricht giebst; vor allem jedoch, bist du imstande mich mit den andern Moslems zusammenzubringen?« Der Jude bejahte es.

Nachdem nun das Schiff wieder zehn Tage lang mit ihnen gesegelt war, brachte der ehemalige Jude den Prinzen mit den andern Moslems zusammen, und es waren ihrer zwanzig an der Zahl, die alle in Eisen gelegt waren. Als der Sabbath kam, begannen alle Juden mit Einschluß des Kapitäns Wein zu zechen, und tranken so lange, bis alle trunken geworden waren. Da erhob sich der Prinz und sein Konvertite und öffneten die Rüstkammer, in der sie allerlei Waffen, selbst Haubergen, fanden. Da kehrte der Jüngling zu den Gefangenen zurück und löste ihnen die Fesseln, worauf er sie zur Waffenkammer führte und zu ihnen sprach: »Nehme ein jeder von euch, was ihm paßt, und, wer imstande ist ein Panzerhemd zu tragen, der wappne sich damit.« In dieser Weise stärkte er ihre Herzen und sprach zu ihnen: »Wenn ihr nicht die Thaten von Männern verrichtet, so werdet ihr wie Schafe geschlachtet, denn sie beabsichtigen euch nach der Heimkehr in ihr Land in der großen Synagoge als Opfer darzubringen. Seid daher auf eurer Hut, und, wenn ihr in diesem Handgemenge fallt, so ist's besser für euch als mit aufgeschlitzten Wänsten zu sterben.« Da nahm 180 ein jeder von den Waffen, was ihm paßte, und einer rüstete den andern und stärkten einander die Herzen, daß sie alle auf den Kampf brannten. Hierauf brachen sie auf ein einziges Wort unter dem Tekbîr und dem TahlîlDas Tekbîr ist der Kriegsruf: »Allâh Akbar,« Gott ist groß; das Tahlîl das Bekenntnis der Einheit Gottes: »Lā ilâha illâllâhu.«, vor, einundzwanzig an der Zahl, während die Mannschaft des Schiffes aus einhundertundfünf Juden bestand. Diese waren jedoch samt und sonders trunken und benebelt im Kopf und kamen nicht eher zu sich, als die Waffen auf ihren Nacken und Rücken zu spielen begannen; da erst warfen sie ihren Rausch ab und sahen, daß die Moslems sie mit ihren Waffen überfallen hatten. Der Rausch des Weins wich aus ihrem Hirn, und, einander zurufend, stürzten sie nach der Rüstkammer, doch fanden sie, daß die Moslems, die der Prinz zum Hauen und Stechen anfeuerte, die meisten Waffen an sich genommen hatten. So waren sie in zwei Haufen geschieden, und, ehe noch eine Stunde verstrichen war, eine Stunde, die Säuglinge hätte zu Greisen machen können, eine Stunde voll Kampf und Streit und Attacke und Flucht, da sprang der Kapitän mit seinem Schwert wider den Prinzen, der nach rechts und links um sich hieb, um ihn niederzuhauen. Der Prinz kam ihm jedoch mit einem Streich zuvor und versetzte ihm einen sausenden Hieb, der ihm den Garaus machte und, seine Gelenke durchschneidend, ihm die Glieder auseinandertrennte; als aber die Schiffsmannschaft ihren Kapitän tot niederfallen sah, ergaben sie sich und warfen die Waffen fort, um ihr Leben zu retten. Der Prinz trat jedoch an sie heran und fesselte einen nach den andern, bis er alle gebunden hatte, worauf er sie zählte und fand, daß es ihrer vierzig waren, während fünfundsechzig erschlagen waren. Letztere warf er ins Meer, die Gefangenen sperrte er jedoch ein, nachdem er sie in eiserne Ketten gelegt und die Thüren hinter ihnen verschlossen hatte. Dann machten sich die Moslems an die Segel, und der Jude, der zum Islam übergetreten war, 181 dirigierte ihren Kurs, bis sie an einer Halbinsel nahe am Festland beilegten. Hier stiegen sie ans Land und fanden den Ort reich an Blumen, Bäumen und Bächen; und der Prinz verließ das Schiff, um das Land zu verkundschaften, als mit einem Male eine Staubwolke näher kam und eine Sandsäule in die Luft wirbelte, unter der nach einiger Zeit gegen fünfzig Reitersleute sichtbar wurden, die in wildester Hast einem gesattelten und gezäumten Hengst nachsetzten, um ihn einzufangen. Schon zehn Tage lang waren sie hinter ihm drein galoppiert, doch hatte ihn keiner einholen können. Als der Prinz diese Jagd sah, stieß er einen lauten Schrei aus, worauf der Hengst, sobald er den Ruf seines Herrn vernahm, auf ihn zueilte und seine Backen an seinem Rücken und seinen Schultern rieb, als er bei seinem Herrn stand. Da stiegen alle Reiter ab ihn einzufangen, der Prinz trat ihnen jedoch entgegen und sagte: »Es ist mein Pferd, das mir an dem und dem Platz am Meeresstrand abhanden kam.« Sie versetzten: »'s ist gut; dieser Hengst ist jedoch unsre Beute, die wir dir nimmer lassen wollen, denn während der letzten zehn Tage galoppierten wir hinter ihm drein, bis wir hinschmolzen, und unsre Pferde sind gerade so hin wie wir. Überdies erwartet uns unser König, und, wenn wir ohne den Hengst heimkehren, werden uns die Köpfe abgehauen.« Da sagte der Prinz: »Weder ihr noch euer Sultan kann irgend wie Macht über ihn haben, mögt ihr ihm auch zehn, fünfzehn oder zwanzig Tage lang nachgesetzt sein; ebenso sollt ihr ihn weder für euch noch für euern Sultan erbeuten. Bei Gott, ein Sultan war unfähig auch nur ein Haar von ihm zu nehmen, und, beim Allmächtigen, wolltet ihr ihn auch ein ganzes Jahr lang verfolgen, keiner von euch könnte ihn einholen und festnehmen.« Hierauf mehrten sich die Worte zwischen ihnen, und sie zogen die Waffen gegeneinander, und Zank und Streit entstand, das Blut erhitzte sich, und jeder fuhr mit der Hand nach dem Schwert und zog es aus der Scheide. Als der Prinz dies gewahrte, sprang er schneller 182 als der blendende Blitz auf den Rücken des Hengstes und zog, nachdem er sich fest in den Sattel gesetzt hatte, ein Schwert, das neben dem Sattelbogen hing. Als die Reitersleute sahen, daß er das Pferd bestiegen hatte, griffen sie ihn mit ihren Schwertern an und wollten ihn niederhauen, doch ließ der Prinz nun den Hengst kurbettieren und wich ihnen aus, indem er zu ihnen sprach: »Wenn ihr mit mir kämpfen wollt, so hab' ich doch keine Lust dazu; geht daher alle eures Weges und trachtet nicht nach dem Pferd, daß eure Gier euch nicht betrügt und ihr mehr als genug begehrt und dabei zu Schaden kommt. Soviel wissen wir, und, wenn ihr noch sonst etwas begehrt, so mag der stärkste und tapferste von euch sein Bestes thun.« Hierauf attackierten sie ihn zum zweitenmal, während er sie abwehrte und rief: »Gott ziehe zwischen mich und euch die Linie, ihr Leute, und ziehet eures Weges, denn ihr seid fünfzig Reiter und ich bin ganz allein, und wie sollte einer wider ein halbes Hundert streiten?« Sie riefen jedoch: »Nichts soll dich vor uns retten, es sei denn, du steigst ab und lässest uns den Hengst nehmen und mit ihm heimkehren.« Der Prinz versetzte: »Ich gab euch guten Rat und weiß sehr wohl, daß ihr, wäret ihr auch zweihundert an der Zahl, mich nicht übermögen könnt, so lange ich auf dem Rücken meines Hengstes sitze; ich habe keine Furcht vor euch, und, wer von euch Anspruch auf Ritterschaft erhebt, der komme und nehme ihn und besteig' ihn.« Mit diesen Worten stieg er ab und verließ sein Pferd, indem er sich eine Strecke von ihm entfernte, worauf einer der fünfzig Reiter herankam, um den Hengst bei den Zügeln zu ergreifen und ihn zu besteigen; plötzlich aber tobte der Hengst wie Feuer wider ihn und attackierte ihn und versetzte ihm mit dem Vorderhuf einen Schlag, der ihm die Eingeweide aus dem Leibe riß, daß der Mann sofort tot zu Boden stürzte. Als seine Gefährten dies gewahrten, zogen sie ihre Schwerter und stürmten wider das Pferd los, um es in Stücke zu hauen, als mit einem Male eine Staubwolke 183 aufstieg und die Aussicht verfinsterte; da reckten alle ihre Blicke nach jener Richtung, bis sich die Staubwolke nach einer Weile zerteilte und unter ihr zweihundert Reiter, angeführt von einem König von hohem Rang und stolzer Majestät, über dessen Haupt Banner flatterten, sichtbar wurden. Als ihn die fünfzig Reitersleute mit seinen Truppen herankommen sahen, zogen sie sich zurück und hielten dann still, um zu sehen, wer er wäre. Sobald aber das Pferd die Banner sah, witterte es mit weitgeöffneten Nüstern in der Luft und lief auf sie zu, und kehrte in gleicher Weise ein zweites und drittes Mal zu ihnen zurück, worauf er nahe an sie heranlief und, sich dem König nähernd, seine Backen an den Steigbügeln zu reiben begann, während der König seine Hand ausstreckte und den Hengst beruhigte, indem er ihm das Haupt und die Stirn streichelte. Als dies die fünfzig Reiter sahen, verwunderten sie sich; der Prinz jedoch, der stehen geblieben war, erstaunte und sprach bei sich: »Das Pferd floh mich, und, als dieses Heer näher kam, suchte es mich wieder auf.« Dann heftete er seine Augen auf die letzten Ankömmlinge und siehe, da war der König sein Vater; da eilte er auf ihn zu, und, als ihn sein Vater sah, erkannte er ihn und stieg vom Pferd ab, worauf sich beide umarmten und für eine Weile ohnmächtig zu Boden sanken. Als sie wieder zu sich kamen, trat das Gefolge des Sultans näher und begrüßte den Prinzen, der seinen Vater nun fragte: »Weshalb bist du zu dieser Ebene gekommen?« Der Sultan antwortete ihm, er hätte nach seinem Fortritt weder an Schlaf noch Speise Gefallen gefunden und wäre von Sehnsucht nach ihm so ergriffen, daß er nach einer Weile mit den Großen des Reiches ausgezogen wäre; und er endete mit den Worten: »O mein Sohn, wir verließen allein um deinetwillen die Heimat; nun aber erzähl' mir, wie es dir nach Besteigung Abū Hamâmes erging, und wie du hierher kamst.« Da erzählte ihm der Prinz alle seine Erlebnisse von Anfang bis zu Ende, seine üble Gefangenschaft bei den Juden, und wie 184 er den Kapitän erschlagen und das Schiff erbeutet hätte; wie der Hengst, nachdem er in der Wüste verloren gegangen, wieder zu ihm an diesen Fleck zurückgekehrt wäre; ferner, wie ihm die fünfzig Reiter beim Landen entgegengetreten wären und vergeblich den Hengst zu ergreifen gesucht hätten, und wie der eine Reiter vom Hengst erschlagen wäre. Hierauf schlugen sie die Zelte an jenem Platz auf und errichteten dort einen Thron für den König, der, nachdem er sich darauf gesetzt hatte, seinen Sohn neben sich sitzen und die fünfzig Reiter vor sich bringen ließ. Dann fragte er sie aus, wer sie wären, in welchem Lande sie wohnten und weshalb sie hierher gekommen wären, und sie nannten ihm ihr Heimatland und ihren König und gaben ihm als Grund für ihr Hierherkommen ihre wilde Verfolgung des Hengstes an, die zehn Tage lang gewährt hätte. Als der Sultan ihre Worte verstanden hatte und in betreff ihres Königs und Landes vergewissert war, verlieh er ihnen Ehrenkleider und sprach zu ihnen: »Bei Gott, hätte ich gewußt, daß der Hengst sich euch unterworfen und euch gefügig gezeigt hätte, so würde ich ihn euch ausgeliefert haben, doch fürchte ich für jeden, der sich ihm nähert, ausgenommen seinen Herrn. Jetzt zieht jedoch ab, grüßt euern König und sagt ihm: »Bei Gott, wenn sich der Hengst, den du die Wüste durchwandern sahst, für deinen Gebrauch geziemte, so hätte ich ihn dir als Geschenk übersandt.« Mit dieser Botschaft verabschiedeten sich die Leute von ihm und kehrten zu ihrem König zurück, ihm alle ihre Erlebnisse mitteilend, und besonders, daß der Besitzer des Pferdes erschienen wäre und sich als einen König erwiesen habe, »der, – so fügten sie hinzu, – dir den Salâm sendet und sagen läßt, er hätte dir gern das Pferd geschickt, doch vermöchte es niemand außer ihm und seinem Sohne zu reiten.« Als der König diese Worte vernahm, ließ er dem Sultan für seine Güte danken und kehrte stracks wieder in sein Land zurück. Der Sultan aber schenkte das erbeutete Schiff denen, die es erbeutet hatten, und kehrte mit seinem 185 Sohn nach seiner Residenz zurück. Sie reisten ununterbrochen, bis sie sie erreicht hatten, worauf die Kämmerlinge, die Vicekönige, die hohen Beamten und die Stadtleute zum Empfang herauskamen und ihren Sultan begrüßten und sich über seine und seines Sohnes wohlbehaltene Heimkehr freuten und die Stadt drei Tage lang ausschmückten; und alle waren voll Jubel und Wonne, bis der Sultan wieder zu Hause zur Ruhe gekommen war.

So stand es mit ihnen; was aber den Chwâdsche und seine Tochter anlangt, so verließen sie, als sie ihre Lasten aufgeladen hatten, die Höhle und machten sich auf den Weg nach ihrem Land und ihrer väterlichen Heimatsstadt. Sie reisten zehn Tage lang in Eilmärschen, am elften Tage aber brach bereits um die Vormittagszeit glühende Hitze über sie herein; und, da jener Ort mit Gras bestanden war, stiegen sie von ihren Reittieren ab und ließen zwei Zelte aufschlagen, eins für die Tochter und das andre für ihren Vater und seine Leute, damit sie Schutz und Schatten vor der außerordentlichen Hitze fänden. Um die Mitte des Nachmittags aber ward das Mädchen von den Wehen und Geburtsschmerzen befallen, und Gott, der Erhabene, machte ihr die Niederkunft leicht, und sie gebar ein Knäblein, – Preis sei Gott, der es bildete und so vollkommen erschuf! Als dann ihr Vater eintrat, um nach ihr zu sehen, und fand, daß sie ein Kind geboren hatte, bekümmerte er sich schwer, und die Welt ward eng vor seinem Angesicht, und ratlos, was zu thun sei, sprach er bei sich: »Wenn wir nach Hause kämen und man das Kind bei dem Mädchen sähe, so wäre unsre Ehre besudelt, und die Leute würden sagen: »Des Chwâdsches Tochter hat in Sünden geboren.« Wir können uns daher nicht vor der Welt zeigen, und wenn wir dies Kind mit uns nehmen, so wird man uns fragen, wer sein Vater ist.« So blieb er ratlos und verstört an jenem Ort, da er keinen Ausweg wußte, und sprach bald bei sich: »Wir wollen das Kind umbringen,« bald wieder: »Wir wollen es verstecken.« 186 Als der Morgen anbrach, war er entschlossen, das Kindlein zurückzulassen und nicht weiter mitzunehmen; er sprach deshalb zu seiner Tochter: »Höre auf meine Worte.« Sie versetzte: »'s ist gut.« Da sagte er: »Wenn wir mit diesem Kind weiter reisen, so wird sich die Kunde davon in der Stadt verbreiten und die Leute werden sagen: »Die Tochter des Chwâdsches ist verführt und hat ein Kind in Unzucht geboren.« Das rechte ist daher nach meinem Rat, daß wir es hier im Zelt unter Obhut des Herrn zurücklassen, und, wer es findet, der wird es zugleich mit dem Zelt nehmen. Außerdem will ich noch zweihundert Dinare unter seinen Kopf legen, und der, dessen Anteil es ist, wird das Ganze mit sich nehmen.« Als das Mädchen diese Worte vernahm, betrübte es sich, doch vermochte sie nichts zu antworten. Da fragte sie ihr Vater: »Was sagst du dazu?« Und sie erwiderte: »Thu', was recht ist.« Hierauf legte er eine Börse mit zweihundert Dinaren unter den Kopf des Kindes und ließ sie im Zelt. Dann lud er die Lasten auf und zog mit seiner Tochter und seinen Burschen weiter, bis sie ihr Land und ihre Stadt erreichten und in ihr Haus traten, wo ihnen einige ihrer Angehörigen zur Begrüßung entgegenkamen. Nachdem sie in ihrer Wohnung zur Ruhe gekommen waren, kam die Tochter auch mit ihrer Mutter zusammen, die ihre Arme im Übermaß ihrer Liebe um ihren Nacken schlang und sie ausfragte; da erzählte sie ihr von der Höhle, was sich darin befand und wie ausgedehnt sie war, doch sagte sie ihr nichts von ihren Erlebnissen, noch von ihrer Schwangerschaft durch den Prinzen und ihrer Entbindung. So glaubte ihre Mutter, daß sie noch immer eine Jungfrau sei, jedoch bemerkte sie die Veränderung in ihrem Zustand und ihrer Farbe. Das Mädchen aber zog sich nun in eins der Zimmer zurück und weinte, daß ihr fast die Gallenblase platzte, indem sie bei sich sprach: »Ach, wüßte ich doch, ob mich Gott noch einmal wieder mit meinem Kind und seinem Vater dem Prinzen vereinigen wird!« In diesem Zustand verbrachte sie geraume Zeit. 187

So stand es mit dem Kaufmann und seiner Tochter; was aber den Prinzen anlangt, so gedachte er, als er in seines Vaters Residenz zur Ruhe gekommen war, wieder der Tochter des Chwâdsches und sprach zu seinem Vater: »O mein Vater, ich möchte auf die Jagd und den Fang gehen und mich vergnügen.« Sein Vater erwiderte, auf daß das Schicksal erfüllt würde: »'s ist gut, mein Sohn, doch nimm ein Gefolge mit.« Der Prinz versetzte: »Ich brauche nur fünf Mann alles in allem.« Hierauf rüstete er sich zur Reise und verließ, nachdem er sich von seinem Vater verabschiedet hatte, die Stadt mit einem Gefolge von fünf Begleitern, indem er seinen Weg in die Steppe nahm und Nacht und Tag reiste, ohne zu wissen, wohin er ging; doch reiste er durch dieselben Steppen und Wüsten und Thäler und Steingefilde als zuvor.

Was nun aber den Kaufmann anlangt, so begab er sich eines Tages zu seiner Tochter und fragte sie, als er sie weinend und jammernd antraf: »Warum weinst du, o mein Kind?« Sie versetzte: »Wie soll ich nicht weinen? Ich muß über mein Los weinen und über die Verheißung, die Gott mir machte.« Da rief er: »O meine Tochter, sei ruhig; so Gott will, werde ich mich zurecht machen und zum Prinzen reisen; und vielleicht geleitet mich Gott, der Erhabene, unser Herr zu etwas, wodurch ich nach der Stadt des Prinzen gelange.« Hierauf befahl er seinen Sklavinnen und Eunuchen alsbald Proviant für ein volles Jahr für sich und die ihn begleitenden Burschen und Eunuchen zurecht zu machen. Nach einigen Tagen hatten sie alles besorgt und luden die Lasten auf, worauf er von seiner Frau und Tochter Abschied nahm und auszog die Stadt des Prinzen zu suchen. Nachdem er drei Monate lang unterwegs gewesen war, fand er eine weite Wiese am Rand eines Süßwassersees und befahl seinen Sklaven: »Laßt uns hier absteigen und Rast machen.« Infolgedessen stiegen sie ab und schlugen ein Zelt auf, das sie für ihn einrichteten, und er verbrachte die Nacht nahe beim 188 Wasser, und alle genossen der Ruhe. Als aber der Morgen anbrach und es licht ward und tagte, und als die Sonne über die Gründe schien, wollte der Chwâdsche wieder seinen Sklaven Befehl zum Aufbruch erteilen, als sie plötzlich hinter sich eine Staubwolke aufsteigen sahen. Sie warteten deshalb, um zu sehen, was es wäre, und nach zwei Stunden zerteilte sie sich, und es kamen unter ihr sechs Reiter mit einem Lasttier, das Proviant trug, zum Vorschein. Sie kamen gerade auf die Wiese zu, auf welcher der Chwâdsche, sie beobachtend, saß, dessen Herz beim Anblick der Staubwolke von Furcht erfaßt war, daß ihm die Glieder zitterten, bis er sich vergewissert hatte, daß ihrer nur sechs Mann waren, worauf er sich wieder beruhigte. Als nun der Trupp näher kam, betrachtete er sie genauer und sah, daß der Prinz, den er auf seiner ersten Reise angetroffen hatte, an der Spitze der Leute ritt, und er verwunderte sich, daß der Prinz zu demselben Platz kam und bemühte sich den Grund zu erraten, weshalb er mit nur fünf Begleitern ankam. Dann erhob er sich und redete ihn an und begrüßte ihn, worauf er sich mit ihm zum Plaudern niedersetzte, überzeugt, daß es derselbe war, der mit seiner Tochter zu schaffen gehabt hatte, und daß das Kind, das sie im Zelt geboren und das sie verlassen hatten, der Sohn dieses Prinzen war, während der Jüngling nicht wußte, daß der Chwâdsche der Vater des Mädchens, bei dem er in der Höhle verweilt hatte, war. Nachdem sie eine Weile miteinander geplaudert hatten, fragte der Prinz den Kaufmann: »Weshalb kommst du hierher?« Der Chwâdsche versetzte: »Ich kam hierher, um dich und dein Land aufzusuchen, da ich ein Anliegen an dich habe, das du mir erfüllen mußt.« Dann fügte er hinzu: »Und du, wohin führt dich dein Weg?« Der Prinz erwiderte: »Ich reise nach der Höhle, in der mir die Sklavinnen so große Ehre erwiesen, denn ich gab mein Wort, zu ihnen zurückzukehren, nachdem ich meine Heimat besucht und meine Angehörigen und Freunde wiedergesehen hätte; und so komme ich nun 189 zurück, den Bund und das Versprechen zu erfüllen.« Da erhob sich der Kaufmann und nahm den Prinzen abseits, wo niemand als Gott, der Erhabene, von beiden etwas wissen konnte, so daß der Prinz bei sich sprach: »Wüßte ich nur, was der Chwâdsche beabsichtigt!« Als sich aber beide gesetzt hatten, redete der Kaufmann den Prinzen mit folgenden Worten an: »O mein Sohn, alle Dinge sind in der Welt der Geheimnisse vorher bestimmt, und vor dem Schicksal giebt es kein Entrinnen. Siehe, die, um derentwillen du nach der Höhle ziehst, haben sie verlassen und sind heimgekehrt.« Als der Prinz vernahm, daß seine Geliebte ihre Behausung verlassen hatte, stieß er einen lauten Schmerzensschrei aus und sank ohnmächtig nieder, da die Liebe zu ihr sein ganzes Herz eingenommen und sein Inneres sich an sie gehängt hatte. Nach einer Weile kam er wieder zu sich und sprach zum Chwâdsche: »Sag' mir, sind diese deine Worte wahr oder falsch?« Der Vater antwortete: »Sie sind wahr; jedoch, o mein Kind, sei guten Mutes und kühlen Auges, denn dein Wunsch ist gewonnen, und der Weg ist für dich abgekürzt. Wenn dein Herz fest an der Geliebten hängt, so hängt das ihrige noch viel fester an dir, und ich bin ein Bote von ihr an dich und suche dich, euch beide zu vereinigen, so Gott es will.« Da fragte der Prinz: »Und wer bist du ihr, mein Herr?« Er versetzte: »Ich bin ihr Vater, und sie ist meine Tochter, und ihre Geschichte ist wunderbar, bei der Allmacht dessen, der Himmel und Erde erschaffen!« Alsdann erzählte er dem Prinzen von der Stimme, die er in der Nacht ihrer Empfängnis im Mutterleib vernahm, und alles, was sie seitdem betroffen hatte, einzig die Sache vom Kind, das sie in dem Zelt geboren hatte, verbergend. Als aber der Prinz erfuhr, daß der Reisende ihr Vater war, der ausgezogen war, ihn zu suchen, freute er sich über die frohe Botschaft der Vereinigung mit dem Mädchen, und am Morgen des folgenden Tages brachen alle zusammen auf und nahmen ihren Weg nach der Stadt des Kaufmanns. Sie reisten in Eilmärschen 190 unablässig, bis sie sich der Stadt näherten. Sobald sie dann die Stadt betraten, führte der Chwâdsche, bevor sie nach Hause gingen, den Prinzen zum Kadi, damit unter dessen Beihilfe, nach gehöriger Festsetzung der Brautgabe, das Eheband zwischen ihm und dem Mädchen geschlossen würde. Nachdem dies erledigt war, führte er ihn an einen verborgenen Platz, worauf er zu seiner Tochter und ihrer Mutter eintrat, die ihn begrüßten und nach Neuigkeiten fragten. Da gab er ihnen zu wissen, daß er den Prinzen mitgebracht und alles zurecht gemacht hatte, das Eheband zwischen beiden zu schließen. Als das Mädchen diese Nachricht vernahm, sank es im Übermaß ihres Glückes in Ohnmacht; und, als sie wieder zu sich kam, erhob sich ihre Mutter und machte sie zurecht und schmückte sie und ließ sie die kostbarsten Kleider anlegen. Als die Nacht hereinbrach, geleiteten sie den Bräutigam in Prozession zu ihr, und das Paar umarmte sich, und im Übermaß ihrer Sehnsucht schlangen sie die Arme einander um den Hals, und ihre Umarmung währte bis zur Morgenfrühe. Nach diesem ward ihnen die Zeit heiter und die Tage hell, bis eines Nachts, als der Prinz neben seiner Gattin saß und mit ihr über mancherlei Dinge plauderte, sie plötzlich zu weinen und jammern anhob. Bestürzt hierüber, fragte er sie: »Weshalb weinst du, o Liebling meines Herzens und Licht meiner Augen?« Sie versetzte: »Wie soll ich nicht weinen, wenn sie mich von meinem Knaben, dem Pulsschlag meines Herzens, getrennt haben?« Da fragte er sie: »Hast du denn ein Kind?« Sie entgegnete: »Jawohl, es ist mein Kind und deines, das ich von dir empfing, als wir in der Höhle wohnten. Als mich mein Vater aus der Höhle holte und wieder nach Hause nahm, überfiel uns unterwegs glühende Hitze, so daß wir hielten und zwei Zelte, eins für mich und eins für meinen Vater, aufschlugen. Als ich dort in dem meinigen saß, überkamen mich die Wehen und ich gebar ein Kindlein gleich dem Mond. Mein Vater fürchtete jedoch es mit uns zu nehmen, damit unsre Ehre nicht durch Geschwätz 191 besudelt würde, und so ließen wir das Knäblein mit zweihundert Dinaren unter seinem Kopf im Zelt, daß jeder, der es fände und mit sich nähme und aufzöge damit bezahlt wäre.« So erzählte sie ihrem Gatten die ganze Geschichte in betreff ihres Kindes und erklärte, sie könnte die Trennung von ihm nicht länger ertragen. Da tröstete sie der Prinz und gab ihr die besten Versprechungen, daß er unbedingt ausziehen und in den Ländern nach dem Verlorenen suchen würde, und sollte er auch ein ganzes Jahr lang in der Wildnis bleiben. Zum Schluß sagte er zu ihr: »Wir wollen uns nach ihm bei allen Reisenden, die durch dasselbe Wadi ziehen, erkundigen, und wollen nicht eher, als bis wir sichere Kunde erhalten haben zu dir zurückkehren; denn dieses Kind ist die Frucht meiner Lenden, und ich will es nimmer verlassen. Ich muß mich auf den Weg machen und in jenen Gegenden nach meinem Sohn suchen.«

So stand es mit ihnen; was nun aber das verlassene Knäblein anlangt, so lag es den ersten und zweiten Tag allein, als eine Karawane desselbigen Weges herangezogen kam. Als sie nun das Zelt sahen und niemand darin gewahrten, näherten sie sich ihm, und siehe, da fanden sie ein Knäblein daliegen mit den Fingern im Mund und daran lutschend, das einem Stück vom Mond glich. Sie traten an dasselbe heran und fanden nun unter seinem Kopf die Börse, worauf sie es mit dem Gold aufhoben und dem Scheich der Karawane zeigten, der rief: »Bei Gott, unser Weg ist gesegnet, dieweil wir dies Kind fanden; und, da ich keine Kinder habe, will ich es mitnehmen und aufziehen und als Sohn adoptieren.« Diese Karawane war aber aus dem Lande El-Jemen. Die Nacht rasteten sie an jener Stätte, am Morgen aber luden sie wieder auf und zogen weiter, worauf sie ununterbrochen reisten, bis sie gesund und wohlbehalten in ihrer Heimat anlangten. Dort zerstreuten sich alle Leute der Karawane, indem ein jeder seine eigene Stätte aufsuchte, während der Scheich, der unter dem König von 192 El-Jemen von der Regierung angestellt war, mit dem Kind, das er sorglich gepflegt hatte, seine Wohnung aufsuchte und seine Frau begrüßte. Als diese das Kind sah, verwunderte sie sich über seine Gestalt und ließ eine Amme holen, der sie das Knäblein zum Stillen übergab, indem sie ihr ein Gemach einräumte; und so pflegte und reinigte die Frau den Knaben, und der Hausherr und seine Frau ließen sich die Amme während der Zeit des Stillens angelegen sein. Als der Knabe entwöhnt war, nährten sie ihn gut und hüteten ihn sorgsam, und er gewöhnte sich den Mann mit Papa und die Frau mit Mama anzureden, indem er beide für seine wirklichen Eltern ansah. Dies währte sieben Jahre lang, worauf sie ihm einen Gottesgelahrten kommen ließen, ihn zu Hause zu unterrichten, damit er nicht ausginge; ebenso schickten sie ihn nie zur Schule. Und so nahm ihn der Erzieher unter seine Hand und lehrte ihn die Humaniora, und er ward ein Leser und Schreiber und wohlbewandert in allen Wissenschaften, bevor er noch sein zehntes Jahr erreichte. Alsdann bestimmte sein Pflegevater ein Pferd für ihn, daß er die Ritterschaft und das Pfeil- und Kugelschießen nach der Scheibe erlernte, und brachte ihm einen Reiter, ihm seine ganze Kunst zu lehren; und, als er sein vierzehntes Jahr erreicht hatte, war er ein wackerer und hochgemuter Degen geworden. Eines Tages nun wollte der Jüngling auf die Jagd ausziehen, doch waren seine Schützer besorgt um ihn, so daß er es nicht vermochte. Betrübt darüber, daß er nicht seine Freiheit erlangte, auf die Jagd auszuziehen, ward er von schwerer Kümmernis und brennendem Durst befallen und legte sich schwerkrank und gequält nieder. Da kamen seine Eltern zu ihm und, als sie sahen, daß er sich zu Bett gelegt hatte, trauerten sie über ihn und fragten ihn, in der Besorgnis, er möchte krank sein: »Was fehlt dir und welches Unglück ist dir widerfahren?« Er versetzte: »Ich muß unbedingt auf die Jagd in die Steppe.« Sie erwiderten: »O unser Sohn, wir sind besorgt um dich.« Er entgegnete jedoch: »Fürchtet 193 nichts, denn alle Dinge sind von Ewigkeit an verhängt, und, was für mich geschrieben steht, das muß sich erfüllen, wenn ich auch bei euch bliebe; und das Sprichwort sagt: »Vorsicht frommt nichts gegen das Verhängnis.« Da gaben sie ihm Erlaubnis, und am folgenden Tag ritt er auf die Jagd aus; jedoch verirrte er sich in der weiten Steppe, und, als er heimkehren wollte, fand er den Weg nicht, so daß er bei sich sprach: »Es heißt, die Leiden sind zuerteilt, und die Schritte eilen zu einem gemeinen Leben, und das tägliche Brot ist verteilt. Wenn etwas für mich geschrieben steht, so muß ich es erfüllen.« Hierauf schlachtete er jede Gazelle, die er erlegte, und röstete das Fleisch über dem Feuer, sich in dieser Weise eine Reihe von Tagen und Nächten nährend; doch war er in der Steppe verloren, bis er eine Stadt zu Gesicht bekam. Er betrat sie, da er jedoch kein Geld besaß, Zehrung für sich und für sein Pferd Futter einzukaufen, verkaufte er es notgedrungen und mietete sich ein Zimmer in einer Karawanserei, indem er von dem Erlös des Pferdes lebte, bis das Geld draufgegangen war. Dann sprach er: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Der Weise handelt wie der Thor, und Gottes ist die Allmacht.« Mit diesen Worten ging er aus, sich in den Straßen der Stadt zu zerstreuen, und schaute nach rechts und links, bis er zum Thor des Königspalastes kam, über dem er die Worte geschrieben fand: »Tauche nicht in die Tiefen, es sei denn, dich triebe die Not.« Da sprach er bei sich: »Was mag wohl diese Inschrift hier bedeuten?« Dann begab er sich zu einem Mann in einen Laden und begrüßte ihn, worauf er ihn, nachdem ihm der Mann den Salâm erwidert hatte, fragte: »O mein Herr, was bedeutet die Inschrift über dem Thor des Sultans?« Der Mann entgegnete: »O mein Sohn, wonach fragst du? Fürwahr, der Sultan und alle Großen des Landes sind in schwerer Sorge um seine Tochter die Prinzessin.« Nun fragte der Jüngling: »Was ist's mit ihr, und was ist ihr widerfahren?« 194 Der Mann erwiderte: »O mein Sohn, siehe, der Sultan hat eine Tochter, so schön, daß sie in der Form der Schönheit erschaffen zu sein scheint, und niemand kann sie in ihren Tagen übertreffen, jedoch wird jeder, der sich mit ihr verlobt und sie heiratet und besucht, am nächsten Morgen ein Haufen Gift, ohne daß jemand wüßte, woher es kommt.« Als der Jüngling dies vernahm, sprach er bei sich, bei Gott, der Tod wäre mir besser als dieses Leben, doch habe ich keine Mitgift für sie.« Hierauf fragte er den Mann: »O mein Oheim, wer kein Geld hat und sie zu heiraten wünscht, was soll der thun?« Der Mann versetzte: »O mein Sohn, der Sultan verlangt nichts; vielmehr giebt er sein eigenes Geld für sie hin.« Da erhob sich der Jüngling unverzüglich und verließ den Mann, worauf er sich zum König begab, den er auf seinem Thron sitzen sah. Er begrüßte ihn und betete für ihn, den gesteinigten Satan von ihm abwehrend und die Erde vor ihm küssend. Als ihm dann der König den Salâm erwidert und ihn willkommen geheißen hatte, rief er: »O König der Zeit, es ist meine Absicht und mein Vorhaben, mit dir durch die wohlbehütete Herrin, deine Tochter, in Verwandtschaft zu treten.« Da rief der Sultan: »Bei Gott, o Jüngling, ich gebe zu deinem eigenen Besten nicht die Einwilligung hierzu, da du dich absichtlich in deinen Tod stürzest.« Hierauf erzählte er ihm, wie es einem jeden, der sie geheiratet und besucht hatte, ergangen war. Der Jüngling erwiderte jedoch: »O König der Zeit, ich vertraue auf den Herrn, und, wenn ich sterbe, gehe ich ein zu Gott und seiner Barmherzigkeit; bleibe ich aber am Leben, so ist's gut, denn alle Dinge kommen vom Allmächtigen.« Der Sultan entgegnete: »O Jüngling, der Rat gehört Gott an, denn du bist ihr gleich an Schönheit.« Und der Jüngling versetzte: »Alle Dinge geschehen durch das Schicksal und nach dem Los der Menschen.« Hierauf ließ der König den Kadi kommen und das Eheband zwischen dem Jüngling und seiner Tochter knüpfen; dann begab er sich in den Harem und teilte es ihrer Mutter 195 mit, damit sie das Mädchen für die kommende Nacht zurecht machte. Der Jüngling aber verließ den Sultan niedergeschlagen und verstört, ohne zu wissen, was er thun sollte. Unterwegs traf er einen betagten Mann in sauberen Kleidern mit sichtbarlichen Anzeichen von Rechtschaffenheit; er redete ihn an und sprach zu ihm: »O mein Herr, bitte um einen Segen für mich.« Da sagte der Scheich: »O mein Sohn, mag unser Herr für dich gegen alle, die dir etwas Böses zuleide thun wollen, einstehen, und mag er dich stets vor deinem Feind schützen!« Der Jüngling ward durch die gute Vorbedeutung der Worte des Scheichs erfreut; als aber der Sultan seinen Harem aufgesucht hatte, sagte er: »Bei Gott, der das Mädchen geheiratet hat, ist ein hübscher Jüngling. O wie schade, wenn er sein Leben lassen sollte! Ich riet ihm ab, indem ich ihm sagte, wie es ihm ergehen würde, doch konnte ich ihn nicht abschrecken. Bei Ihm, der das Firmament ohne Grundlage erhöht hat, wenn unser Herr geruht, diesen Jüngling am Leben zu erhalten, und wenn er den morgenden Tag wohlbehalten schaut, so will ich ihn beschenken und will all mein Gut mit ihm teilen, da ich keinen Sohn habe, der mir in der Herrschaft folgen könnte; und dieser soll, so Gott, der Erhabene, seine Tage verlängert, mein Thronerbe und Nachfolger werden. Ich halte ihn in der That für einen verkleideten Prinzen oder einen Jüngling von hohem Rang, der um irdische Güter in Not ist und bei sich spricht: Ich will dieses Mädchen zur Frau nehmen, damit ich nicht an Mangel sterbe, denn, fürwahr, ich bin zu Grunde gerichtet. Ich versuchte ihn vom Heiraten abzubringen, jedoch gelang es nicht, und, je mehr ich ihn mit Worten abschreckte, desto stärker ward sein Verlangen, und er sprach wie einer, der untergehen will: Ich bin zufrieden. Mag er nun seinem Schicksal entgegengehen, sei es dem Tod oder der Befreiung vom Übel.« Gegen Abend ließ der Sultan seinen Schwiegersohn vor sich kommen und neben dem Thron sitzen, worauf er mit ihm plauderte und ihn fragte, wer er 196 wäre. Er verbarg jedoch seinen Stand und sagte nur: »Dein Sklave ist einer, von dem man sagt: Ich fiel vom Himmel und ward von der Erde aufgenommen. Frag' mich nicht, o König der Zeit, sei es nach Wurzel oder Zweig, denn einer der Weisen sagt:

»Meine Wurzel und meinen Namen zu nennen laß ab;
Des Jünglings Wurzel ist sein gewonnenes Gut.
Ein Mann ohne Vater wird oft gewinnen,
Und Schmelzen reinigt die Schlacken.«

Die Leute sind nur in verschiedenem Grad gleich.«

Als der Sultan diese Worte vernahm, staunte er über seine Beredsamkeit und die Süßigkeit seiner Rede; jedoch verwunderte er sich darüber, daß ihm sein Schwiegersohn nicht sagen wollte, aus welchem Land und von welchen Leuten er herstammte. Beide plauderten dann weiter bis zur Stunde des Nachtgebets, worauf die Großen des Reiches entlassen wurden; alsdann befahl der Sultan einem Eunuchen den Jüngling zu nehmen und zur Prinzessin zu führen. Der Jüngling erhob sich und folgte dem Sklaven, während der König rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Fürwahr jener Jüngling geht absichtlich in seinen Tod.« Als nun der Bräutigam das Zimmer der Tochter des Sultans erreicht hatte und zu ihr eintrat, rief er: »Im Namen Gottes, ich setze mein Vertrauen auf Gott und stelle meine Sache Gott anheim.« Alsdann trat er vor und sah seine Braut auf ihrem Bett sitzen gleich einem soeben vom Talisman befreiten Hort. Sie aber erhob sich nun und schritt ihm entgegen, ihn anschauend und betrachtend; bis sie sich vergewissert hatte, daß er in der Form der Schönheit gegossen war, und daß sie seinesgleichen nicht gesehen hatte. Sie weinte deshalb, daß ihr die Thränen über die Wangen liefen, und sprach bei sich: »O wie schade! Nie soll meine Freude an diesem hübschen Jüngling, wie meine Augen auf keinen schönern fielen, erfüllt werden.« Der Jüngling aber fragte sie: »Warum 197 weinst du, meine Herrin?« Sie versetzte: »Ich weine um den Verlust meiner Freuden mit dir, wo ich sehe, daß du heute Nacht umkommen wirst. Und ich bete zu Gott, dem Erhabenen, und flehe ihn an, daß mein Leben dein Lösegeld ist, denn, bei Gott, es ist schade!« Als er diese Worte vernahm, blickte er um sich und gewahrte plötzlich ein Zauberschwert am Gurt an der Wand hängen; da stand er auf und erfaßte es, und hängte es über seine Schulter, worauf er wieder zurückkehrte und sich auf das Lager neben die Tochter des Sultans setzte, während sein Herz und seine Zunge nicht aufhörten die Namen Gottes auszusprechen oder Hilfe von dem Fürsten der Heiligen zu erflehen, der allein die Geschicke und Angelegenheiten der Diener Gottes mit dem allmächtigen Verhängnis aussöhnen kann. Dies dauerte eine Stunde bis zum ersten Drittel der Nacht, als plötzlich ein Heulen und Brüllen wie Sturm und Donner vernommen wurde, worauf die Braut, die all die Zeichen, die andern widerfahren waren, kannte, nur noch lauter zu weinen und jammern anhob. Mit einem Male spaltete sich eine Mauer mitten im Gemach, und aus dem Spalt kam ein Basilisk zum Vorschein, der einem Stumpf von einem Palmenbaum glich und wie die Windsbraut schnaubte und Augen wie Fackeln hatte. Sich ringelnd und hin und her wogend kam er heran; sobald der Jüngling jedoch das Ungeheuer erblickte, sprang er auf mit festem Herzen, das nichts von Furcht und Schrecken kannte, und rief: »Schütze mich, o Fürst und Leitstern der Heiligen, denn ich habe mich unter deinen Schutz und Schirm begeben.« Mit diesen Worten fuhr er mit der Hand ans Schwert und, schneller als ein Augenblick dem Ungeheuer in den Weg tretend, hob er seinen Ellbogen, daß das Schwarze seiner Achselgrube sichtbar ward; dann stieß er einen lauten Schrei aus, daß die ganze Stadt von ihm wiederhallte und ihn selbst der Sultan vernahm, und versetzte dem Ungeheuer einen Hieb in den Nacken, daß ihm sein Haupt zwei Spannen weit vom Rumpf abflog und der Basilisk tot umfiel. Von 198 dem gewaltigen Hieb sank der Jüngling jedoch in Ohnmacht, und im Übermaß ihrer Freude erhob sich die Braut und warf sich auf ihn, ebenfalls für eine Stunde in Ohnmacht versinkend. Als beide dann wieder zu sich kamen, begann die Prinzessin ihm Hände und Füße zu küssen und wischte ihm mit ihrem Tuch den Schweiß von der Stirne, indem sie zu ihm sagte: »O mein Herr und Augenlicht, mag keiner deine Hand hemmen noch ein Feind über dich frohlocken!« Als er dann wieder zu voller Besinnung gekommen war und seine Kraft wiedergewonnen hatte, erhob er sich und legte den Basilisken auf eine große Schale, worauf er einen Schlauch voll Wasser holte und das Blut wegwischte. Hierauf setzten sich beide und beglückwünschten einander zu ihrer Errettung, und alle Spuren von Leid wichen von ihnen. Wie nun aber der Bräutigam seine Braut anschaute und gleich einer Perle erfand, reizte er sie zum Lachen und scherzte mit ihr, und sie that ein Gleiches mit ihm, bis er ihr die Mädchenschaft nahm, worauf ihre Freude noch größer ward und ihre Fröhlichkeit und Lust wuchs und durch den Tod des Ungeheuers vollkommen ward. So kosten die beiden und vergnügten sich, bis die Morgendämmerung nahte und der Schlaf sie überkam, daß sie entschlummerten. Der Sultan vermochte jedoch in jener Nacht weder zu liegen noch zu sitzen, und, sobald er den Schrei vernahm, rief er: »Fürwahr, der Jüngling ist tot und aus dieser Welt geschieden! Es giebt keine Kraft und keine Macht außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Am Morgen machte er für ihn ein Leichentuch und die Leichenspezereien und andern erforderlichen Sachen zurecht und entsandte eine Anzahl Leute, für den, der an der Seite seiner Tochter getötet wäre, ein Grab zu graben; ferner ließ er eine eiserne Bahre machen und bestellte die Leichenwäscher zu sich, worauf er wartete, daß seine Frau käme und ihre Tochter besuchte und ihm Nachricht vom Jüngling brächte, damit er ihn nähme und bestattete. Als nun aber die Königin zum Gemach ihrer Tochter ging, fand sie die Thür verschlossen 199 und hinter dem Paar verriegelt; da pochte sie, während ihr die Augen in Thränen standen, und sie das verlorene Liebesglück der Tochter bejammerte. Die Prinzessin erwachte und erhob sich und öffnete die Thür; und, als sie nun ihre Mutter weinend vor der Thür fand, fragte sie: »Weshalb weinst du, o meine Mutter, wo meine Freude vollkommen war?« Da fragte sie: »Und was hat euch mit Freude erfüllt?« Nun führte die Tochter sie mitten in das Gemach, wo sie den Basilisken, der einem Palmenstumpf glich, tot auf einer großen Schale liegen sah, während ihr Schwiegersohn gleich einem Stück vom Mond in der vierzehnten Nacht auf dem Lager ruhte. Da neigte sich die Mutter über ihn und küßte ihn auf die Stirne, indem sie dabei sprach: »Fürwahr, du verdienst Sicherheit.« Dann verließ sie ihn frohlockend und befahl den Sklavinnen das Freudengeschrei anzustimmen, und der Palast ward von Freude und Jubel auf den Kopf gestellt. Als der Sultan dies vernahm, fragte er: »Was ist vorgefallen? Sind wir in Trübsal oder Fröhlichkeit?« Mit diesen Worten schritt er hinaus, als ihm plötzlich seine Frau in höchstem Jubel entgegenkam, ihn nahm und in das Gemach ihrer Tochter führte. Als er dort den Basilisken auf der Schale tot daliegen und den Jüngling, seinen Schwiegersohn, auf dem Lager schlafen sah, sank er im Übermaß seiner Freude ohnmächtig zu Boden und lag wohl eine Stunde bewußtlos da. Als er wieder zu sich kam, rief er: »Ist dies Wachen oder Träumen?« Dann erhob er sich und ließ die Musiker seiner Kapelle die Kesselpauken schlagen und die Schalmeien und Trompeten blasen, und befahl die Stadt auszuschmücken. Die Stadtleute thaten nach seinem Geheiß, und die Dekorationen blieben sieben Tage lang zu Ehren der Errettung des Schwiegersohnes des Sultans, und ihre Freuden wuchsen, ihr Leid wich, und der Sultan machte Spenden und Almosen und beschenkte die Fakire und Elenden und verlieh seinen Edeln Ehrenkleider und speiste alle Eingekerkerten und Gefangenen, kleidete die Nackenden und 200 bewirtete die Hungrigen seiner Tochter zu Ehren. Alsdann sprach er: »Bei Gott, dieser Jüngling verdient nichts andres, als daß ich ihn zu meinem Teilhaber mache und mit ihm mein Gut teile, denn er hat unser Leid und unsre Schmerzen von uns gebannt, und ebenso auch um seinetwillen.« Hierauf gab er ihm die Hälfte seines Reiches und seiner Schätze, und der Sultan herrschte den einen Tag und sein Schwiegersohn den andern, und so dauerte ihre Freude ein volles Jahr lang. Nach diesem ward der Sultan krank, und er vermachte seinem Schwiegersohn alles, was er besaß; und schon nach kurzer Zeit, da wuchs seine Krankheit von Tag zu Tag, bis er zur Barmherzigkeit Gottes, des Erhabenen, abschied, worauf der Jüngling an seiner Statt als Sultan und König saß.

So erging es ihnen; was nun aber seinen Vater anlangt, den Prinzen vom Irâk, so wanderte er Tage und Nächte lang durch die Länder, bis ihn das Schicksal in die und die Stadt trieb, wo er infolge der großen Mühsal und Plage, die er erduldet hatte, geraume Zeit verweilte. Der Scheich der Karawane, der das Knäblein im Zelt gefunden und es aufgezogen und adoptiert hatte, war jedoch ebenfalls ausgezogen den Jüngling zu suchen und wanderte von Ort zu Ort, Erkundigungen nach ihm einholend. Schließlich ward er vom Ratschluß des Schicksals in dieselbe Stadt getrieben und begegnete plötzlich auf einer der Straßen dem wahren Vater des Jünglings, worauf beide Bekanntschaft schlossen und miteinander so befreundet wurden, daß sie an derselben Stätte die Nacht und den Tag verbrachten. Eines Nachts nun saßen beide da und plauderten, wobei der wahre Vater des Jünglings zu seinem Adoptivvater sagte: »O mein Bruder, erzähl' uns, weshalb du dein Land verließest und hierher kamst.« Da versetzte sein Kamerad: »Bei Gott, mein Bruder, meine Geschichte ist wunderbar und seltsam mein Erlebnis.« Nun fragte er: »Weshalb?« Und der andre erwiderte: »Ich war auf verschiedenen Reisen Karawanenscheich 201 und zog auf einer der Reisen auch an einem Zelt vorüber, das ich an einer Straßengabelung aufgeschlagen fand. Ich näherte mich dem Zelt und ließ meine Leute an jenem Platz absteigen; dann sah ich nach dem Zelt, doch, da wir niemand darin fanden, trat ich auf dasselbe zu und schritt hinein, worauf ich ein neugeborenes Knäblein auf seinem Rücken daliegen und an seinen Fingern lutschen sah. Da hob ich es auf und fand eine Börse mit zweihundert Dinaren unter seinem Kopf liegen; und so nahm ich das Kind und das Gold an mich.« Als sein Gefährte, der wahre Vater, diese Geschichte von ihm vernahm, sprach er bei sich: »Diese Sache muß sich so verhalten haben;« und er war überzeugt, daß der Findling sein Sohn war, da er die Geschichte von der Mutter des Kindes mit denselben Haupt- und Nebenzügen gehört hatte. Er lauschte daher aufmerksam seinen Worten und freute sich darüber, während sein Gefährte nun fortfuhr und erzählte: »Ich nahm den Knaben mit, o mein Bruder, und, da ich keine Kinder hatte, gab ich ihn meiner Frau, die sich über ihn freute und ihm eine Amme brachte, daß sie ihn die übliche Zeit stillete. Als er sein sechstes Lebensjahr erreicht hatte, dingte ich einen Gottesgelahrten, daß er mit ihm lese und ihn Schreiben und mit der Feder umzugehen lehrte. Nach Vollendung seines zehnten Jahres kaufte ich ihm ein Pferd von edelstem Geblüt, auf dem er die Ritterschaft und das Pfeil- und Kugelschießen erlernte, bis er sein fünfzehntes Jahr erreicht hatte. Da bat er mich eines Tages auf Jagd in die Steppe hinauszureiten, während wir, seine Eltern, – denn er hielt uns noch immer für seine Eltern, – es ihm aus Furcht vor einem Unglück verboten; als er sich jedoch schwer darüber bekümmerte, erlaubten wir es ihm, und er verabschiedete sich von uns und verließ uns, worauf wir ihn zu beweinen anhoben; und, da er bis auf den heutigen Tag nicht zu uns zurückkehrte, machte ich mich auf, ihn zu suchen, und bin nun hier auf der Suche nach ihm eingetroffen. Vielleicht vereinigt mich Gott wieder mit ihm, 202 denn, bei Gott, seit der Stunde, daß er uns verließ, hat uns kein Schlaf erquickt und keine Speise geschmeckt.« Als er seine Worte beendet hatte, sagte sein Gefährte: »O mein Bruder, wenn er nicht der Sohn deiner Lenden ist und dich betrüben konnte, wie muß es da erst um seinen Vater stehen, der ihn erzeugte, und um seine Mutter, die ihn in seinem Schoß trug?« Er versetzte: »Sie müssen noch mehr Gram und Kummer empfinden als ich.« Nun sagte der Prinz: »Bei Gott, o mein Bruder, die Geschichte, die du in betreff dieses Kindes erzählt hast, beweist, daß es, bei Gott, mein Kind ist und von meinem eigenen Samen, denn seine Mutter gebar es in Wahrheit an jener Stätte und ließ es dort, da sie es nicht mit sich nehmen konnte. Jetzt aber beweint sie seinen Verlust Nacht und Tag.« Da versetzte der Adoptivvater: »O mein Bruder, wir beide, ich und du, wollen offene Nachforschungen in den Ländern anstellen und in der Öffentlichkeit nach ihm suchen, und Gott, der Erhabene, wird uns zu ihm führen.« Am nächsten Morgen machten sich beide auf, um jene Stadt zu verlassen, doch traf es sich nach dem Ratschluß des Schicksals, daß der Sultan an demselben Tage auszog die Gärten zu besuchen; und, als die Reisenden dies vernahmen, sprach der eine zum andern: »Wir wollen hier bleiben und uns erst den königlichen Zug ansehen, bevor wir weiter reisen.« Sein Gefährte erwiderte: »'s ist gut.« Und so stellten sie sich auf und warteten auf das Ausreiten des Sultans. Mit einem Male kam er inmitten seines Gefolges an, als die beiden neben dem Wege standen und nach dem Sultan schauten; und plötzlich fiel sein Blick auf die beiden Männer. Er erkannte sofort seinen Pflegevater, und, als er nun auch den andern, der neben ihm stand, ansah, ward sein Herz der Liebe zu ihm aufgethan, wiewohl er nichts von den Blutsbanden wußte und den Scheich, der ihn adoptiert hatte, allein für seinen rechtmäßigen Vater hielt. Nachdem er sie betrachtet hatte, befahl er, beide ins Gasthaus zu führen. Als die Leute seinen Befehl ausführten, fragten die beiden 203 einander: »Weshalb hat uns der Sultan zu seinen Gästen gemacht? Weder er kennt uns noch wir ihn; unbedingt muß die Sache einen Grund haben.« Der König aber verweilte den ganzen Tag in den Gärten und kehrte erst gegen Sonnenuntergang wieder heim. Zur Zeit des Abendessens ließ er sich beide vorführen, und sie begrüßten ihn und segneten ihn, worauf er ihnen ihren Salâm erwiderte und sie aufforderte an den Tischen Platz zu nehmen, während niemand anders zugegen war. Sie gehorchten seinen Worten, doch waren sie höchlichst verwundert und sprachen bei sich: »Was bedeutet dies?« Nachdem sie sich sattgegessen hatten, wurden die Tische fortgetragen, worauf sie sich die Hände wuschen und Kaffee und Scherbetts tranken. Alsdann setzten sie sich auf des Königs Befehl zum Plaudern, und der Sultan redete sie anstatt der andern an, so daß sie verwundert wiederum bei sich sprachen: »Was mag nur der Grund hiervon sein?« Sobald aber alle Diener zu ihren Wohnungen entlassen und der Sultan und seine Gäste allein übriggeblieben waren, fragte sie der König um das erste Drittel der Nacht: »Wer von euch vermag eine Geschichte zu erzählen, die unsre Herzen erfreut?« Der erste, der ihm Antwort gab, war sein wahrer Vater; und er sprach: »Bei Gott, o König der Zeit, mir widerfuhr ein Abenteuer, das eins der Wunder der Welt ist; und also ist's: »Ich bin der Sohn eines der Könige der Erde, der reich an Geld und Gut war und die Güter des Lebens in unermeßlicher Menge besaß. Er fürchtete für mein Wohlergehen, und eines Tages, als ich um Erlaubnis bat, in der Steppe zu jagen, schlug er es mir in seiner Besorgtheit für mein Leben ab.« – Da sprach der Sultan bei sich: »Bei Gott, dieses Mannes Geschichte ist ganz wie die meinige.« – »Ich aber sagte nun: »O König, wenn ich nicht auf die Jagd ausreite, so nehme ich mir das Leben.« Da versetzte mein Vater: »O mein Sohn, zieh' aus auf die Jagd, bleibe jedoch nicht lange aus, denn unsre Herzen, das meinige und das deiner Mutter werden bange um dich sein.« Ich 204 erwiderte: »Ich höre und gehorche.« Hierauf ging ich in den Stall, mir ein Pferd zu nehmen, und fand einen kleinern Stall, in dem sich ein Pferd befand, das mit Ketten an vier Pfosten gefesselt war, und das zwei Sklaven hüteten, die sich ihm niemals nähern konnten; da trat ich an das Pferd heran und streichelte es; es blieb still, und nun nahm ich sein Reitzeug und legte es ihm auf den Rücken und zog seine Sattelgurte fest und zäumte es auf, worauf ich ihn von den vier Pfosten löste. Bei alledem aber fuhr es weder auf noch scheute es vor mir wegen des Schicksals und Verhängnisses das auf meiner Stirn im Verborgenen geschrieben stand. Nachdem ich es so zurecht gemacht hatte, bestieg ich es und ritt über den Kiesgrund außerhalb der Stadt, als es mit einem Male schnaubte und schnarchte und seine Mähne schüttelte und mit mir losgaloppierte und schnell wie ein Vogel im himmlischen Firmament mit mir durchging.« In dieser Weise erzählte er ihm alles, was sich zwischen ihm und der Tochter des Kaufmanns in der Höhle zugetragen hatte, und was ihm selber nach Gottes Ratschluß widerfahren war, bis er schließlich des Kindes Mutter geheiratet hatte und nun ausgezogen war seinen Sohn zu suchen und hierbei auch an diesen Ort gekommen wäre. Da wendete sich der Sultan zu seinem Adoptivvater und fragte ihn: »Und du, weißt du auch eine Geschichte gleich der, wie sie uns dein Gefährte erzählte?« Der Scheich erzählte ihm nun seine ganze Geschichte, wie wir sie vorher vernommen haben, worauf der Sultan zu ihm sagte: »Du bist mein Vater, und das und das geschah.« Da aber sagte sein Adoptivvater: »Bei Gott, mein Sohn, niemand anders ist dein Vater als jener Mann, aus dessen Lenden du entsprossen bist, denn ich fand dich nur im Zelt und nahm dich und erzog dich in meinem Hause. Jener aber ist dein wahrer Vater.« Da fielen sich alle drei um den Hals und küßten einander, und der Sultan rief: »Preis Ihm, der uns nach der Trennung wieder vereinigt hat!« Alsdann erzählten sie ihm, daß sein Großvater 205 mütterlicherseits ein Kaufmann und väterlicherseits ein Sultan wäre. Hierauf befahl ihnen der Sultan heimzukehren und ihre Frauen und Kinder zu holen; und die beiden blieben ein Jahr und einen Monat aus, bis sie wieder zum jungen König zurückkehrten. Alsdann wies er ihnen Paläste an und brachte sie dort unter, und so lebten sie bei ihm, bis der Zerstörer der Freuden und der Trenner der Vereinigungen sie heimsuchte. 206

 


 

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