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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Kadi, der von seiner Frau belehrt wurde.

Man erzählt, daß einmal ein Kadi lebte, der ein tugendhaftes, rechtschaffenes, barmherziges und gegen die Waisen und Armen mildthätiges Weib hatte, das außerordentlich schön war. Ihr Gatte war überzeugt, daß alle Frauen der seinigen glichen, so daß er, wenn irgend ein Mann vor seinem Hof erschien und sich über seine Rippe beklagte, dahin entschied, daß der Mann der schuldige Teil sei und der Frau Unrecht zugefügt wäre. In solcher Weise verfuhr er, da er sah, daß seine Frau der Gipfel der Vollendung war und 150 glaubte, daß das ganze Geschlecht ihr gliche, ohne etwas von der Verworfenheit und Unzüchtigkeit der Weiber und ihrer Zauberei, Widerspenstigkeit und Verschlagenheit den Männern gegenüber zu wissen. Wegen der Tugenden seiner Frau blieb er ganz unbekümmert um solche Sachen, bis eines Tages plötzlich ein Mann mit einer Klage über seine bessere Hälfte zu ihm kam und ihm zeigte, wie übel sie ihm mitgespielt hatte, und wie ihr unziemliches Betragen offenkund und publik geworden war. Als der Mann seine Klage dem Kadi vorlegte und sich des weitern darüber ausließ, entschied er einfach dahin, daß er im Unrecht war und seine Frau recht hatte, worauf der Kläger den Gerichtshof wie ein Tauber und Blinder, der weder hören noch sehen konnte, verließ, da er ratlos war, was er in Sachen seiner Frau thun sollte, und nicht wußte weshalb der Kadi wider alles Recht entschieden hatte, daß seiner Frau von ihm Unrecht geschehen wäre. Der Frau des Kadis aber vermochte niemand nahe zu kommen.Wäre dies möglich gewesen, so hätte er sich an sie gewandt, um sie zu seinen Gunsten beim Kadi sprechen zu lassen, natürlich unter Verabfolgung eines Bakschisch. Da traf er in seiner Niedergeschlagenheit einen unterwegs, der ihn fragte, was ihm fehle, und wie er beim Kadi in Sachen seiner Frau gefahren wäre. Der Mann versetzte: »Er entschied dahin, daß ich der schuldige Teil wäre, und daß ihr Unrecht widerfahren sei, und nun weiß ich nicht, was ich thun soll.« Hierauf sagte der andre: »Kehre um, stell' dich dicht beim Eingang in den Harem des Kadis auf, und begieb dich unter den Schutz seiner Insassen.« Der Mann that nach dem Rat seines Freundes und pochte, worauf eine Sklavin herauskam, zu der er sagte: »Sklavin, ich wünsche, daß du deine Herrin zu mir herausschickst, um ein einziges Wort mit ihr zu sprechen.« Infolgedessen ging sie wieder hinein und teilte es ihrer Herrin mit, die sich erhob und, ihm willfahrend, sich verschleiert hinter die Thür stellte und ihn fragte: »Was wünschest du, Mann?« Er versetzte: 151 »O meine Herrin, ich begebe mich unter deinen Schirm und Schutz, daß du mir Recht wider meine Frau verschaffst, denn sie hat mir Unrecht zugefügt und Schande über mich gebracht. Ich kam, um über ihr übles Betragen vor Sr. Ehren unserm Herrn Kadi Klage zu führen, jedoch entschied er dahin, daß ich der schuldige Teil sei und ihr Unrecht zugefügt hätte, während sie jedoch sich verging. Nun weiß ich nicht, was ich mit ihm thun soll; da mir aber die Leute sagten, du wärest gütig, so bitte ich dich, für mich den Richter zu veranlassen, gemäß dem heiligen Gesetz zwischen mir und meiner Frau zu entscheiden.« Sie erwiderte hierauf: »Geh' und ruhe dich aus und kehre nicht eher zu ihm zurück als bis er dich holen läßt; und fürchte nicht das geringste von ihm.« Da entgegnete der Mann: »Gott mehre dein Wohlergehen, o meine Herrin!« Dann verließ er sie, in Nachdenken über seine Sache versunken und bei sich sprechend: »Wüßte ich nur, ob mich die Frau des Kadis beschützen und mich von dieser Dirne, dieser Ehebrecherin befreien wird, die mich beschimpft, mein Gut fortgeschleppt und mich fortgejagt hat.« Als nun die Nacht hereinbrach und der Kadi von seinem Rechtsprechen zur Ruhe gekommen war, begab er sich in seinen Harem; seine Frau aber pflegte ihn stets, wenn er heimkam, an der mittleren Thür zu empfangen. Dieses Mal unterließ sie es jedoch, und, wie er nun in ihr Zimmer trat, fand er sie im Gebet; da gedachte er wieder der Streitsache des Mannes, der mit einer Klage wider sein Weib zu ihm gekommen war, und er sprach bei sich: »Fürwahr, nimmer kommt ein Leid oder eine Verletzung von den Frauen; dieser Lügner beschuldigt seine Frau fälschlich;« denn immer noch war er des Glaubens, daß alle vom andern Geschlecht ebenso tugendhaft wie sein eigenes Weib wären. Als sie nun ihre Andacht beendet hatte, erhob sie sich, und sie und die Sklavinnen trugen ihm die Speisen auf, worauf sie sich wie gewöhnlich mit ihm zum Mahl setzte. Unter den Gerichten befand sich auch eine Schüssel mit zwei jungen Hühnern, 152 und so sagte sie zu ihrem Gatten: »Um Gott, mein Herr, kaufe uns morgen ein Paar Gänse, damit ich sie füllen lassen kann, denn mein Herz ist auf Gänsefleisch erpicht.« Der Kadi erwiderte: »So Gott will, meine Herrin, werde ich morgen auf den Bazar schicken und dir zwei der größten und fettesten Gänse kaufen lassen, und die Eunuchen sollen sie schlachten, und du sollst mit ihnen machen, was du willst.« Am nächsten Morgen in der Frühe ließ er dann zwei feiste Vögel kaufen und befahl den Eunuchen, ihnen den Hals abzuschneiden, und die Sklavinnen nahmen sie aus und füllten sie und kochten sie mit Reis neben den gewöhnlichen Speisen. Alsdann erhob sich die Frau des Kadis ihre List auszuführen. Sie hatte nämlich zwei Sperlinge, die der Jäger gefangen hatte, gekauft und befahl nun, sie zu schlachten und zurechtzumachen und an Stelle der Gänse auf den Reis zu legen, worauf sie bis zur Heimkehr des Kadis wartete. Als dieser des Abends ankam, brachten sie die Tische, auf denen eine verdeckte Schüssel stand, unter der, wie er annahm, sich die Gänse befanden; er nahm deshalb den Deckel ab, und siehe, da fand er zwei Sperlinge. Verwirrt sagte er zu seiner Frau: »Gott ist groß! Wo sind die Gänse?« Sie versetzte: »Was du brachtest, befindet sich vor dir auf der Schüssel.« Er erwiderte: »Das sind Sperlinge.« Sie entgegnete: »Ich weiß es nicht.« Da erhob sich der Kadi, unzufrieden über seine Frau, und begab sich zu ihrem Heim, ihren Vater zu holen. Sobald sie ihn jedoch kommen sah, erhob sie sich und legte schnell die großen Vögel an Stelle der kleinen hin. Wie nun ihr Vater die Schüssel aufdeckte und die Gänse fand, sagte er zu seinem Schwiegersohn: »Du behauptest, daß dies Sperlinge sind, doch sind es thatsächlich Gänse.« So ward er gleichfalls betrogen und ging erzürnt über den Kadi fort, worauf dieser ihm folgte und ihn zu beschwichtigen suchte und zum Essen einlud; jedoch wollte er nicht mit ihm umkehren. Hierauf verschloß der Kadi die Thür; ehe er jedoch eintrat, hatte die Frau wieder die Gänse durch die 153 Spatzen ersetzt, und, als sich nun ihr Gatte zum Mahl setzte und essen wollte, fand er beim Aufdecken der Schüssel wieder die beiden Sperlinge. Als er dies sah, war er nahe daran den Verstand zu verlieren und rief: »Bei Gott, das ist ein großes Unglück!« Dann lief er hinaus seinem Schwiegervater nach, bis er ihn auf halbem Wege eingeholt hatte. Er rief ihm nach: »Komm und sieh dir die beiden Gänse in der Schüssel an;« sein Schwiegervater fragte: »Weshalb?« Er versetzte: »Weil ich sie zu Sperlingen verwandelt fand.« Da kehrte er mir ihm zurück und trat an den Tisch heran, doch hatte die Frau während der Abwesenheit ihres Gatten die Spatzen wieder fortgenommen und die Gänse an ihrer Stelle hingelegt. Wie nun ihr Vater den Deckel abnahm und die beiden Gänse vor sich fand, sagte er zu seinem Schwiegersohn: »Sind dies zwei Gänse? Betrachte sie wohl, ob es Sperlinge sind oder nicht.« Der Kadi versetzte: »Zwei Gänse.« Da sagte sein Schwiegervater: »Weshalb kommst du denn zum zweitenmal und holst mich her und beklagst dich über meine Tochter?« Mit diesen Worten verließ er ihn ergrimmt, während ihn der Kadi bis zur Thür geleitete, indem er ihn beschwichtigte und zum Umkehren einlud. Inzwischen erhob sich seine Frau und vertauschte wieder die Gänse mit den Spatzen, worauf sie dieselben zudeckte, so daß der Kadi, als er zurückkam und sich zum Mahl setzte, beim Aufdecken der Schüssel wieder die beiden Sperlinge fand. Da schrie er laut auf und rief, zur Thür hinauslaufend: »Zu Hilfe, ihr Moslems!« Als die Leute des Viertels diesen Hilferuf vernahmen, scharten sie sich, während die Frau des Kadis die Gelegenheit benutzte und die Vögel wieder vertauschte, um das Haus und fragten: »Was fehlt dir, o unser Herr Kadi? Was ist mit dir vorgefallen?« Er versetzte: »Ich kaufte zwei Gänse zu unserm Abendessen, und nun finde ich sie in Sperlinge verwandelt.« Mit diesen Worten geleitete er die Vornehmen des Viertels in sein Haus und zeigte ihnen die Schüssel. Sie deckten sie auf und riefen, 154 als sie die Gänse darin sahen: »Was du Sperlinge nennst, sind zwei Gänse.« Dann verließen sie ihn und gingen ihres Weges, während er ihnen folgte und sich bei ihnen entschuldigte. Während seiner Abwesenheit aber vertauschte seine Frau wieder die beiden Vögel, so daß er, als er zurückkehrte und sich wieder zum Essen setzte, auch wieder die beiden Spatzen in der Schüssel fand. Da schlug er die Hände zusammen und rief: »Das sind ganz gewißlich zwei Sperlinge!« Nun aber erhob sich seine Frau und rief mit lauter Stimme: »Ihr Moslems, zu Hilfe einer Moslemin!« Infolgedessen kamen die Leute herbeigelaufen und fragten sie: »Was giebt's, o Herrin?« Sie erwiderte: »Fürwahr, mein Unglück ist groß und es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Mein Gatte der Kadi ist verrückt geworden; seid daher so gütig und nehmt ihn fest und führt ihn ins Irrenhaus.« Da packten sie ihn und sperrten ihn ins Irrenhaus unter die Verrückten ein, und allem Volk ward es bekannt, daß der Kadi plötzlich von Wahnsinn befallen und ins Irrenhaus eingesperrt sei. Alles dies aber rührte von der verschlagenen List seiner Frau her, um ihm zu beweisen, daß kein Mann den Frauen gewachsen wäre. Nachdem der Kadi drei Tage im Irrenhaus zugebracht hatte, suchte ihn seine Frau auf und brachte ihm etwas zu essen; indem sie es ihm vorsetzte, fragte sie ihn: »Was fandest du in der Schüssel?« Er antwortete: »Zwei Sperlinge.« Da versetzte sie: »Komm wieder zu deinem rechten Verstand und sieh, ich bin's, die dich wegen deiner Verwechslung von zwei Gänsen mit zwei Sperlingen für verrückt erklärt hat. Wenn irgend ein Mann zu dir kommt und sich über sein Weib beklagt, ohne daß du etwas von dem Paar und ihren Umständen kennst, so entscheidest du dahin, daß der Mann der schuldige Teil ist, und weißt nicht, daß Frauen oft die schlimmsten Übelthäterinnen sind und den Männern schweres Unrecht zufügen. In dem vorliegenden Fall erklärt jetzt das ganze Volk, der Kadi habe seiner Frau 155 Unrecht angethan, und keiner weiß, daß du in Wirklichkeit der schuldlose und ich der schuldige Teil bin. Fürwahr, wahr sprach, wer da sagte: »Wehe für die, die ungerechterweise eingesperrt sind!« Entscheide daher über nichts, das du nicht kennst. Du hast die Überzeugung gewonnen, daß ich dir treu und ergeben bin und hältst nun alle Leute für gleich, jedoch ist dies für manche eine schwere Beleidigung. Im vorliegenden Fall laß den Mann, dem Unrecht geschehen ist, kommen und befiehl seine Frau ebenfalls vor dich und verschaffe ihm sein Recht an ihr.« Nach diesem nahm sie ihren Mann aus dem Irrenhaus fort und ging ihres Weges, während der Kadi mit dem Mann verfuhr, wie seine Frau es ihn geheißen hatte, und, wenn nunmehr jemand vor ihm erschien und Klage wider seine Frau führte, entschied er dahin, daß dem Mann Unrecht geschehen wäre und die Frau der schuldige Teil sei.

 


 

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