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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Fellāh und sein gottloses Weib.

In alter Zeit lebte einmal im Lande Ägypten ein Fellāh, der ein hübsches Weib zur Frau hatte, die wiederum einen andern Mann als Geliebten besaß. Ihr Gatte pflegte jährlich fünfzig Joch mit Weizen zu besäen, in dem sich kein 145 einziges Gerstenkorn befand, und den Weizen in der Mühle zu mahlen, worauf er das Mehl seiner Frau zum Sieben und Beuteln gab. Sie aber nahm das feinste und beste Mehl, daraus Brot oder Kuchen oder etwas noch Leckereres zu machen, das sie dann ihrem Geliebten zum Schmausen gab, während sie aus dem groben Rückstand Brot für ihren Mann backte, so daß dieses von bräunlicher Färbung war. Jeden Tag um die Morgenfrühe pflegte der Fellāh auf sein Feld zu gehen, sei es um zu pflügen oder graben, und dort bis zum Mittag zu arbeiten, zu welcher Zeit ihm dann seine Frau das Brot aus der Kleie und dem Rückstand schickte, während die Bauern, die neben ihm arbeiteten, von Hause weißes und reines Brot erhielten. Infolgedessen sagten sie zu ihm: »Du da, dein Weizen ist von feinem Saatkorn, in dem sich keine Gerste befand. Wie kommt es denn, daß euer Brot wie Gerstenbrot aussieht?« Der Fellāh versetzte: »Ich weiß es nicht.« Dies dauerte eine Weile, während welcher seine Frau ihren Geliebten mit all dem guten Brot fütterte und ihrem Gatten das schlechteste zu essen gab, bis der Fellāh eines Tages seinen Pflug nahm und in der Morgenfrühe an die Arbeit ging und bis Mittag arbeitete, worauf ihm seine Frau wieder das schmutzige Brot zum Essen schickte. Er und seine Nachbarn, die auf demselben Acker pflügten, setzten sich nun, und alle legten ihr weißes Brot vor sich und verwunderten sich, als sie das Brot des Fellāhs braun wie von Gerstenmehl sahen. Da sie aber einen grindköpfigen Burschen neben sich beim Essen sitzen hatten, sprachen sie zum Bauer: »Nimm dir diesen Burschen zum Diener, er wird dir Klarheit über das Treiben deiner Frau verschaffen.« Der Fellāh folgte ihrem Rat und nahm den grindköpfigen Burschen zum Hausdienst mit. Am nächsten Tage begann der Knabe in der Mühle zu mahlen und trug das Mehl zu seiner Herrin, worauf er sich an ihre Seite setzte, während sie aufstand und das Mehl siebte und beutelte; ebenso blieb er bei ihr und beobachtete sie heimlich, während sie es knetete, formte 146 und backte. Dann brachte er seinem Herrn das Frühstück aufs Feld und stellte es vor ihn, und, als der Fellāh es anblickte, rief er: »Knabe, bei Gott, dies Brot ist weiß und rein im Gegensatz zum frühern.« Der Bursche versetzte: »O mein Meister, ich habe es auch mit meinen eigenen Händen gemahlen und saß neben meiner Herrin, als sie es zurecht machte und knetete und backte, so daß sie nichts anderes damit machen konnte.« Als aber der Bursche die Hütte verlassen hatte, trat ihr Geliebter herein und fragte sie: »Hast du Brot für mich gemacht?« Sie versetzte: »Der grindköpfige Bursche saß neben mir, so daß ich dir nichts backen konnte.« Nachdem jedoch der Knabe seinem Herrn das Essen aufs Feld getragen hatte, kehrte er spornstreichs nach Hause zurück, wo er den Geliebten seiner Herrin mit ihr plaudern sah; er verbarg sich daher hinter der Thür und belauschte ihr Gespräch. Unter anderm sagte die Frau auch zu ihm: »Nimm dieses Viertel guten und reinen Weizen und mahle es in dieser Mühle, ich will dir dann eine Schüssel voll MafrûkaNach Dozy: Une grosse pâte, dont on prend de gros morceaux.. morgen schicken.« Da fragte er: »Wie wirst du das Feld finden?« Sie versetzte: »Nimm einen Korb voll Kleie mit dir und verschütte den Inhalt beim Gehen auf den Weg. Dicht bei dem Land, das dir gehört, hör' damit auf, und ich will dann der Spur folgen und dich auf dem Feld finden; bleib' daher ganz ruhig.« Alles dies aber vernahm der grindköpfige Bursche hinter der Thür. Am nächsten Tage nahm er einen Korb voll Kleie und streute sie auf den Weg zum Feld seines Herrn, worauf er bei ihm blieb, während die Frau, nachdem sie das Gericht Mafrûka zubereitet hatte, die Schüssel auf den Kopf nahm und damit zu ihrem Geliebten aufs Feld ging. Sie gewahrte die Spur der Kleie, die der Grindkopf hatte fallen lassen, und folgte ihn, bis sie zum Feld ihres Mannes kam. Da erhob sich der Bursche und sagte, indem er ihr die Schüssel vom Kopf nahm: »Bei Gott, mein Herr, 147 meine Herrin liebt dich und ist dir gut, denn sie brachte dir eine Schüssel Mafrûka;« mit diesen Worten setzte er sie vor ihn. Sie aber schielte mit einem Male aus ihrem Augenwinkel, und, als sie ihren Geliebten in der Nähe pflügen sah, sagte sie zu ihrem Mann: »Um Gott, rufe unsern Nachbar, daß er kommt und das Mittagsmahl mit dir einnimmt.« Der Fellāh erwiderte: »Schön,« und sagte zum Burschen: »Knabe, geh' und rufe den und den.« Nun hatte der Knabe aber ein Paket grüner Datteln mitgenommen, und, wie er sich aufmachte, verstreute er sie aus den Weg; als er dann bei dem Geliebten seiner Herrin anlangte, rief er ihm zu: »Komm und iß mit meinem Herrn.« Da der Mann es jedoch ablehnte, kehrte der Grindkopf zurück und sagte: »Er will nicht;« worauf die Frau ihren Mann aufforderte, selber hinzugehen und ihn zu holen. Wie nun der Fellāh die Straße entlang schritt und dort die Datteln verstreut fand, bückte er sich, um sie aufzulesen; als jedoch der Liebhaber dies sah, sprach er bei sich: »Er hebt Steine auf, um mich damit zu schlagen«; und, wie er den Mann sich des öftern bücken sah, lief er fort und lief desto schneller, je lauter ihm der andre nachrief: »Komm her, du da,« bis der Fellāh schließlich umkehrte und sagte: »Er hat keine Lust zu kommen und ist fortgelaufen.« Hierauf setzte er sich mit dem Grindkopf und den Nachbarn zum Essen seiner Mafrûka, und seine Frau setzte ihnen vor, was sie für ihren Geliebten zurecht gemacht hatte, ohne daß sie etwas davon anrührte, sondern alles für ihren Mann, seinen Burschen und die Nachbarn übrigließ. Am andern Tage machte sich der Fellāh früh zum Pflügen auf, während der Bursche, absichtlich säumend, sich hinter der Thür verbarg, als mit einem Male der Geliebte zu seiner Herrin eintrat, worauf sie zu ihm sagte: »Es ist mein Wunsch, daß wir einen Plan ausfindig machen, meinen Mann und den jungen Grindkopf, unsern Burschen, umzubringen.« Da fragte er sie: »Wie willst du es anstellen?« Sie erwiderte: »Ich will Gift für sie kaufen und 148 es an ein Gericht thun, daß sie es zusammen fressen und zusammen krepieren. Dann wollen wir beide, ich und du, uns vergnügte Tage machen, und die Toten sollen uns nicht weiter stören.« Der Geliebte versetzte: »Thu', was dir beliebt.« Alles dies aber sprachen sie, während der Knabe hinter der Thür stand und sie belauschte. Sobald der Liebhaber jedoch das Haus verlassen hatte, erhob sich der Bursche und zog sich zurück; dann verkleidete er sich als Jude und warf einen Mantelsack über die Schultern, worauf er umherging und rief: »Ho, feine Aloe! Ho, feiner Pfeffer! Ho, feine Schminke! Ho, feiner Zinkschwamm!« Als die Frau ihn sah, kam sie aus dem Haus heraus und rief: »Heda, Jude!« Der Jude versetzte: »Ja, meine Herrin.« Nun fragte sie ihn: »Hast du etwas Gift bei dir?« Er entgegnete: »Wie heißt, meine Herrin? Hab' ich nicht Gift bei mir, das sofort tötet? Wer davon in einem Gericht aus süßer Milch, Reis und zerlassener Butter ißt, stirbt in einer Stunde.« Da sagte sie: »Nimm diesen Dinar und gieb mir etwas davon.« Er erwiderte jedoch: »Ich handle nicht für Geld, ich verkaufe es nur für Schmucksachen aus Edelmetall.« Da zog sie eine ihrer Fußspangen ab und gab sie ihm, worauf er ihr einen halben Laib ägyptischen Zucker, den er sich verschafft hatte, gab, indem er ihr sagte: »Gebrauche es mit süßer Milch, Reis und zerlassener Butter.« Erfreut nahm sie den Zucker und melkte sofort die Büffelkuh; dann kochte sie den Zucker in der Milch und that etwas zerlassene Butter und Reis dazu, im Glauben, sie koche ein Todesmahl; schließlich schöpfte sie dann das Gericht in einen großen Napf aus. Gegen Sonnenuntergang kehrte der Fellāh heim und ward auf halbem Weg von dem Knaben empfangen, der ihm alles, was er belauscht, und wie er ihr den Zucker für eine ihrer Fußspangen als Gift verkauft hatte, erzählte. Hierauf riet er ihm, sofort, wenn beide das aus Milch, Reis und zerlassener Butter bestehende Gericht gegessen hätten, umzusinken und sich tot zu stellen, und beide, der Herr und der Bursche, 149 kamen hierin überein. Als nun der Fellāh seine Hütte betrat, setzte sie ihnen den Napf mit ihrem Abendessen vor, und beide aßen es ganz auf, während sie dabei saß, voll Erwartung auf ihr Thun und ihren Tod. Sie stellten ihr jedoch eine Falle, indem der Fellāh plötzlich sein Aussehen veränderte und, sich schwach und krank stellend, wie ein in Todeszuckungen Liegender auf den Boden fiel, und bald darauf wälzte sich der Bursche in gleicher Weise auf der Erde. Sobald sie dies sah, rief sie: »Gott hab' euch nicht selig! Die Elenden sind tot!« Hierauf ging sie hinaus und rief laut ihren Geliebten; und, als er kam, sagte sie zu ihm: »Komm hierher und weide dich am Anblick dieser Toten.« Da eilte er zu ihnen, und sagte, als er sie ausgestreckt am Boden liegen sah: »Die sind tot.« Alsdann sagte sie: »Wir beide wollen uns nun vergnügen,« und zog sich mit ihm in eine andre Hütte zurück, um sofort bei ihm zu bleiben. Da aber erhob sich ihr Mann und schlug ihrem Geliebten mit einer Stange das Kreuz ein, worauf er sich gegen sein gottloses Weib wendete und ihr mit einem Schlag den Schädel spaltete, daß beide tot dalagen. Um Mitternacht wickelte er beide in ein Linnen und trug sie zum Dorf hinaus, wo er ein Loch grub und sie hineinwarf. Und seit jener Stunde hatte der Fellāh Ruhe vor seinem Weib und gelobte sich hoch und teuer, nimmer wieder zu heiraten.

 


 

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