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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mohammed esch-Schalabī, seine Geliebte und seine Frau.

Man erzählt, daß in Kairo, der von Gott behüteten Stadt, ein Emir lebte, der einen Sohn hatte, Namens Mohammed esch-Schalabī, einen Jüngling einzig an Schönheit und Lieblichkeit in seinen Tagen, und ohnegleichen an Anmut und Liebreiz unter den Männern und Frauen seiner Zeit. Als er das Alter von zehn Jahren erreicht hatte und sich der Mannesreife näherte, verlobte ihn sein Vater und verheiratete ihn mit einem hübschen Mädchen, das ihn auch nach der Heirat aufs zärtlichste liebte. Ebenso lebte in Kairo ein Kadi der Armee, der eine Tochter hatte, einzig an Gestalt und Gesicht, Schönheit und Glanz und Wuchs und ebenmäßiger Grazie, und sie war bekannt als Sitt el-Husn, – die Herrin der Schönheit. Eines Tages nun, als sie mit ihrer Mutter und den Sklavinnen zum Bad ging, trafen sie unterwegs den jungen Schalabī, und sein Blick kreuzte sich mit dem des jungen Mädchens, worauf sich beide ineinander verliebten. Bald darauf begann sie ihm Botschaften und Briefe zu senden, und er in gleicher Weise ihr, jedoch vermochten sie nicht einander zu besitzen oder auch nur insgeheim an einem Ort zusammenzukommen. Dies dauerte drei Jahre lang, so daß ihre Herzen in gegenseitiger Liebe hinschmolzen, bis das junge Mädchen eines Tages eine Alte zu ihrem Geliebten schickte und ihn bat, an dem und dem Ort mit ihr zusammenzutreffen; und, als die Vermittlerin ihn hiervon benachrichtigt hatte, erhob er sich sofort ihr zu gehorchen, ohne zu wissen, was im Verborgenen auf ihn lauerte. Um die Stunde des Sonnenuntergangs erreichte er den Platz des Stelldicheins und fand die Tochter des Kadis, begleitet von ihren Sklavinnen bereits vor. Nach dem Ratschluß Gottes jedoch, der auf den Stirnen der Menschen geschrieben steht, streifte einer der Polizisten des Wâlīs gerade, als das Paar die verborgene Stätte betrat, dort umher; und, als sie es sich dort bequem gemacht hatten, begann ein jeder dem andern 139 die Schmerzen der Trennung zu klagen. Hernach brachten ihnen die Sklavinnen Essen, Fleisch und Wein, und sie aßen und scherzten und waren fröhlich und vergnügt vom Sonnenuntergang an bis zur Mitternacht und plauderten als Bechergenossen miteinander, bis sich ein jeder am andern gesättigt hatte, und die Schmerzen der Trennung aus ihren Herzen gewichen waren.

So erging es dem Liebespärchen; was nun aber den Mann des Wâlīs anlangt, so kannte er genau den Platz, in den sich das Paar zurückgezogen hatte, und, als er sich davon überzeugt hatte, begab er sich zum Wâlī und berichtete ihm: »Dort und dort in dem und dem Viertel ist ein Mann und ein Mädchen, an denen die Spuren des Reichtums zu sehen sind, und sicherlich erhältst du, wenn du sie festnimmst, von einem jeden ohne Mühe fünfzehn Beutel.« Als der Wâlī dies vernahm, führte er sofort seine Schar heraus und machte sich mit ihnen zu dem angegebenen Platz auf den Weg. Um Mitternacht gelangten alle zum Platz des Stelldicheins, wo er nun mit der Axt in der Hand vordrang und die Thür einschlug; dann stürzte er in den Raum, ohne von dem Jüngling und dem Mädchen erwartet zu werden, die gerade im Gipfel ihrer Wonnen dasaßen. Als sie ihn so plötzlich erscheinen sahen, wurden sie bestürzt und verwirrt und ratlos, er aber verhaftete sie und führte sie nach seinem Hause ab, wo er sie ins Gefängnis sperrte. Und alsbald verbreitete sich das Gerücht und erreichte auch seine Familie, daß Mohammed esch-Schalabī vom Wâlī mit seiner Geliebten festgenommen sei. Der Wâlī aber sprach, nachdem er beide eingesperrt hatte: »Dieses Paar soll einen oder zwei Tage lang bei mir eingesperrt bleiben, bis wir ihr Lösegeld empfangen haben.« Einer der Leute sagte jedoch: »Fürwahr, du weißt nicht und hast nicht erfahren, daß dieses Mädchen die Tochter des Kadis der Armee ist, der während des vergangenen Jahrs deinen Tod bei dem Sultan betrieb.« Kaum hatte der Wâlī diese Worte vernommen, da ward sein Herz 140 von Freude erfüllt, und er rief aus: »Bei Gott, ich muß diese Dirne öffentlich bloßstellen und sie durch die Straßen von Kairo paradieren lassen, und will ihn ebenso vor dem Sultan entehren, daß er degradiert wird.«

Am Morgen flog das Gerücht durch die Stadt, daß die Tochter des Kadis von dem Wâlī und der Wache zugleich mit dem jungen Schalabī an einem gewissen Ort festgenommen war, und so kam das Gerücht auch ihrem Vater zu Ohren, so daß er rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! O du rettender Gott, rette mich! O über den elenden Schimpf und die gemeine Schande vor dem Sultan und den Unterthanen, wenn es heißt, daß die Tochter des Kadis verführt und mißbraucht worden ist! Indessen, mag mich der Verhüller verhüllen!« Der Wâlī seinerseits begab sich zum Palast und suchte dem Sultan hiervon Mitteilung zu machen; da er jedoch fand, daß er Geschäfte hatte, setzte er sich nieder und wartete, bis er fertig wäre, um ihm dann die Sache in betreff der Tochter seines Feindes des Oberkadis zu berichten.

So stand es mit ihm; als jedoch die Frau des Jünglings vernahm, daß der Schalabī vom Wâlī und der Wache festgenommen war, erhob sie sich unverzüglich auf ihre Füße, legte ihre Frauenkleider ab und zog Mannestracht an. Dann nahm sie etwas Lebensmittel zu sich und machte sich zum Gefängnis des Wâlīs auf. Unterwegs fragte sie nach dem Weg, und ein Mann aus dem Volk wies sie zu seinem Amtslokal, bis sie den Platz erreichte. Hier erkundigte sie sich nach dem Kerkermeister und sprach zu ihm: »Öffne mir das Gefängnis, in das sie den Schalabī und das Mädchen eingesperrt haben.« Durch Zeichen versprach sie ihm ein Goldstück, und so ließ er sie zu, und sie trat in den Raum, wo ihr Gatte und das Mädchen lag, und setzte ihnen das Essen vor. Er erkannte sie jedoch nicht und rief: »Ich will weder essen noch trinken, geh' von mir und laß mich allein in dieser meiner Lage.« Sie erwiderte: »Nein, du mußt essen, und 141 dir wird dann Freude widerfahren.« Da trat er herzu und aß eine Kleinigkeit, während sie eine Weile neben ihm saß. Dann legte sie ihre Mannskleidung ab und zog der Tochter des Kadis alle Sachen, die sie an hatte, aus, worauf sie sie in die Sachen kleidete, in denen sie zu ihnen eingetreten war. Das junge Mädchen sah nun ganz so wie die Frau des Schalabī aus, und diese sagte zu ihr, nachdem sie ihr den Rest des Essens vorgesetzt hatte: »Mach' dich auf und geh' nach Hause.« Und so ging die Tochter des Kadis in der Verkleidung eines eleganten Jünglings fort, gleich dem, der zuvor ins Gefängnis gekommen war, während sich die Frau an die Seite ihres Gatten setzte. Als er sie in den Kleidern der Tochter des Kadis sah, erkannte er sie als seine Gattin und fragte sie: »Was hat dich hierher geführt?« Sie versetzte: »Ich bin unter dieser List hierhergekommen, um dich und die Ehre des Mädchens, das du liebst, zu retten.« Sobald aber die Tochter des Kadis in ihrer Verkleidung fortgegangen war, blieb der Kerkermeister allen Bitten gegenüber taub und verschloß die Thür des Gefängnisses, und so saßen der Schalabī und seine Frau beisammen, und sein Herz ward zufriedengestellt und sein Gemüt beruhigt, und alle Sorgen waren von seinem Herzen gefallen.

So stand es mit ihnen; was nun aber den Wâlī anlangt, so trat er, als der Sultan sein Geschäft beendet hatte, vor und küßte die Erde vor ihm, ihn begrüßend und segnend. Der König erwiderte ihm den Salâm und fragte ihn: »Was giebt's?« Da sagte er: »O König der Zeit, ich fand während der letzten Nacht die Herrin Sitt el-Husn, die Tochter des Kadis der Armee, in Gesellschaft ihres Geliebten, eines gewissen Mohammed Schalabī, Sohn des Emirs So und So; ich nahm deshalb das Pärchen fest und sperrte es bei mir ein; und nun komme ich selber dir die Sache zu berichten.« Als der Sultan diese Worte vernahm, ergrimmte er gewaltig; seine Augen blitzten wie im Feuer, seine Drosseladern schwollen an, der Schaum trat ihm vor den Mund, 142 und er schrie: »Wie kann die Tochter des Kadis der Armee mit einem Liebhaber zusammenstecken und sich entehren lassen? Bei Gott, ich muß sie, ihren Vater und den Burschen ihren Geliebten hinrichten lassen.«

Dies trug sich zwischen dem Sultan und dem Wâlī zu; als nun aber Sitt el-Husn, die Tochter des Kadis, wieder zu Hause angelangt war, kleidete sie sich in einem verborgenen Gemach um und begab sich heimlich in ihr Zimmer, wo sie sich beruhigten Herzens und frei von aller Angst und Aufregung niederlegte. Zu derselben Zeit jammerte ihre Mutter als lamentierte sie über einen Toten und schlug sich das Gesicht und die Brust und schrie in einem fort: »O unsre Schande! o die Schmach! Wenn sie dem Sultan hiervon Mitteilung machen, so läßt er sicherlich ihren Vater hinrichten.« Ebenso versank der Kadi in trübe Gedanken und ward verstört und sprach bei sich: »Wie soll ich Kadi des Islams bleiben, wenn die Leute von Kairo sagen: »Fürwahr, die Tochter des Großkanzlers ist entehrt?« Unter solchen Gedanken suchte er das Gemach seiner Frau auf und blieb eine Weile bei ihr, worauf er wieder fortging und wie geistesgestört von Raum zu Raum wanderte. Da traf es sich, daß eine der Sklavinnen das Zimmer betrat, in dem die Tochter des Kadis lag, und sie auf ihrem Bett liegen sah. Sie blickte sie an, und, wie sie sie nun erkannte, lief sie eilends zu ihrer Herrin und rief: »O meine Herrin, Sitt el-Husn, von der ihr redet, liegt in dem und dem Zimmer des Harems und schläft.« Da erhob sich die Mutter und suchte ihre Tochter auf, worauf sie erfreut zum Kadi in sein Zimmer eilte und es ihm mitteilte. Er begab sich nun gleichfalls in das Zimmer seiner Tochter und fragte sie, als er sie dort fand: »Wo bist du gewesen?« Sie versetzte: »O mein Vater, ich bekam gestern Abend Kopfschmerzen und legte mich deshalb hier nieder.« Hierauf setzte sich der Kadi ohne Aufschub und Verzug mit seinen Untergebenen auf und ritt zum Sultan. Nachdem er bei ihm eingetreten war und ihn 143 begrüßt hatte, sprach er zu ihm: »O König der Zeit, ist es erlaubt und von Gott, dem Erhabenen, verstattet, daß der Wâlī falsche und verleumderische Anschuldigungen gegen uns erhebt?« Da der Wâlī dicht daneben stand, versetzte der Sultan: »Wie kann der Wâlī dich und deine Tochter verleumdet haben, wenn sie noch bei ihm in seinem Hause eingesperrt ist?« Und der Wâlī fügte hinzu: »Es ist wahr, seine Tochter ist mit ihrem Geliebten bei mir eingesperrt, denn ich fand sie an dem und dem Platz.« Da sagte der Kadi: »O König der Zeit, ich will hier bei dir bleiben, und du laß den Wâlī gehen und seine Gefangenen vor dich bringen, damit die Sache offenbar wird, denn Hören mit dem Ohr ist nicht wie Sehen mit dem Auge.« Der Sultan versetzte: »Dein Rat ist recht.« Und so kehrte der Wâlī heim und befahl dem Pförtner das Gefängnis zu öffnen und daraus das Mädchen Sitt el-Husn und ihren Geliebten den Jüngling Mohammed Schalabī hervorzuholen. Der Mann that nach seinem Geheiß und holte das Paar aus dem Gefängnis, sie dem Wâlī übergebend, der nun erfreut mit ihnen wieder zum Sultan zurückkehrte. Da aber die Bewohner von Kairo von alledem vernommen hatten, strömten sie in Scharen herbei, um sich an dem Schauspiel zu weiden. Als der Wâlī beim Sultan angelangt war, stellte er das Mädchen und den Jüngling vor ihn, und der König fragte nun den Jüngling: »Wer bist du, junger Mann, und wer ist dein Vater?« Er versetzte: »Ich bin der Sohn des und des Emirs.« Hierauf fragte der König, der immer noch im Glauben war, das Mädchen wäre die Tochter des Oberkadis: »Und wer und wessen Tochter ist das Mädchen da bei dir?« Der Jüngling erwiderte: »Es ist meine Frau, o König der Zeit.« Da entgegnete der König: »Wie kann es deine Frau sein?« Der Jüngling antwortete: »Fürwahr, sie ist es; und der und der und der und der und eine Menge deiner Vertrauten wissen sehr wohl, daß es meine Frau ist, und die Tochter des und des.« Da redeten sie sie an und sie gab ihnen Antwort, und 144 so erkannten sie und waren überzeugt, daß sie des Schalabīs gesetzmäßige Frau war. Alsdann fragte der König: »Wie kam es, daß der Wâlī dich und sie festnahm?« Der Jüngling versetzte: »O König der Zeit, ich ging mit meiner Frau aus mich zu vergnügen, und, da wir einen behaglichen Platz fanden, der uns gefiel, verweilten wir dort bis Mitternacht, als der Wâlī zu uns einbrach und uns festnahm, indem er behauptete, ich hätte ein Stelldichein mit der Tochter des Kadis. Dann führte er uns fort und sperrte uns in seinem Hause ein, und nun, – gelobt sei Gott! – befinden wir uns vor dir. Thu', was du willst, und befiehl nach dem heiligen Gesetz, und, wer Züchtigung verdient, dem teile sie aus, denn du bist der Herr über unsre Nacken und der Meister unserer Wohlfahrt.« Als der Jüngling diese Worte gesprochen hatte, befahl der König den Wâlī hinzurichten, sein Haus einzureißen und seine Frauen zu Sklavinnen zu machen, und ließ den Herold vor der Exekution in den Straßen Kairos vor dem Wâlī ausrufen, daß er zum Tode geführt würde, und daß dies die Strafe für den sei, der die Vornehmen entehre und gegen die Leute falsche Anschuldigungen und Verleumdungen vorbringe. Hierauf richteten sie den Wâlī hin und führten so den Befehl des Königs aus, der das Gut des Wâlīs Mohammed Schalabī übermachte und ihn reichbeschenkt und in allen Ehren mit seiner Frau heimsandte. Als der Jüngling in seine Wohnung heimgekehrt war, küßte er seiner Frau die Hände und Füße, da sie ihn durch ihre List gerettet und die Ehre der Tochter des Kadis bewahrt und ihren Vater instand gesetzt hatte über seinen Feind den Wâlī zu triumphieren.

 


 

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